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Full text of "Lebensbilder aus der Oberlausitz"

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LEBENSBILDER AUS DER OBERLAUSITZ 




„Nach Sachsen“, Werbung des Landesverkehrsverbandes Sachsen, Karten¬ 
material in 7 Teilen, Umschlagsgestaltung Kurt Fiedler, Dresden, Limpert- 
Verlag, 1934-1936: Dresden und Umgebung; Sächsische Schweiz und 
Dresden; Dresden und das Ost-Erzgebirge; Sächsisches Erzgebirge (Mitte, 
Westen), Chemnitz, Zwickau; Sächsisches Vogtland und seine Bäder, Plau¬ 
en; Leipzig, Sächsisches Burgenland; Oberlausitz und Zittauer Gebirge 


2 














LEBENSBILDER AUS DER 
OB ERLAU SITZ 


60 Biografien aus Bautzen, Bischofswerda und Umgebung 


Frank Fiedler und Uwe Fiedler 
Bischofswerda, 2017 

ISBN 978-3-7448-7197-6 

Herstellung und Verlag: BoD - Books on Demand, Norderstedt 


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Impressum 

© 2011-2017 Frank Fiedler und Dr. Uwe Fiedler, Bischofswerda; 7., überarbeitete Auflage 
Die Autoren gewähren Open Access unter der Lizenz CC BY-NC-ND. 

Redaktionsschluss: 29. Juli 2017 

Abbildungen: 311, siehe Abbildungsverzeichnis Seite 414 f. 

Das vorliegende Werk stellt eine Forschungsarbeit im Sinne gemeinnütziger Heimatforschung 
dar. Die Autoren verfolgen kein Gewinnstreben. 

Umschlagsgestaltung, Layout, Satz: Dr. Uwe Fiedler 

Bilder Vorderseite: Porträts von Walther Hempel, Friedrich Hesse, Max Neumeister (Quellen lt. 
Abbildungsverzeichnis für die Seiten 150, 158, 232) 

Bild Rückseite: Südansicht von Bautzen um 1850 auf einem Gemälde von Johann Carl August 
Richter (Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain) 

Herstellung und Verlag: BoD - Books on Demand, Norderstedt 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbiblio¬ 
grafie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. 


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Vorwort 


Mit den „Lebensbildern aus der Ober¬ 
lausitz“ soll an das Wirken bedeuten¬ 
der Persönlichkeiten dieser ostsäch¬ 
sischen Region erinnert werden. Dies 
schließt sowohl in der Oberlausitz 
geborene Personen ein, die sich und 
damit ihrer Heimat in nah und fern 
einen Namen gemacht haben, aber 
auch „Zugereiste“, denen die Oberlau¬ 
sitz zu einer neuen Heimat geworden 
war. Bei der Auswahl der Biografien 
ging es nicht um die oberflächliche 
Vorstellung einer „Elite“, sondern vor¬ 
rangig um originäre Forschungsar¬ 
beiten zu berühmten Personen, aber 
auch zu Menschen, deren Lebenslauf 
beispielhaft für ihre Zeit steht. 

Die Anregung zu diesem Buch er¬ 
hielten die Autoren durch den Erfolg 
ihrer Arbeiten zum Biographischen 
Lexikon der Oberlausitz der Oberlau- 
sitzischen Gesellschaft der Wissen¬ 
schaften. Von 2007 bis zum Wiki- 
Update 2011 wurden die 25 auch hier 
vertretenen Biografien über 125.000 
Mal online aufgerufen. Die Grundla¬ 
gen dafür schuf Frank Fiedler, der in 
den letzten 25 Jahren viele Beiträge 
in verschiedenen heimatkundlichen 
Heftreihen veröffentlichte. Seit meh¬ 
reren Jahren ist zudem Uwe Fiedler 
unter Pseudonym Ghosttexter in der 
deutsch- und in der englischsprachi- 
gen Wikipedia sowie im Stadtwiki 
Dresden aktiv. Weitere Biografien in 
diesem Buch gehen auf diese Vorar¬ 


beiten zurück. Für alle Beiträge gilt, 
dass sie für diesen Druck nochmals 
erheblich überarbeitet wurden. Neben 
notwendigen Anpassungen an die Ge¬ 
gebenheiten eines Printmediums und 
einer reichen Ausstattung mit Bildern 
konnten zusätzlich viele neue Details 
recherchiert werden. 

Nachdem die ersten Auflagen mit 34 
Artikeln erschienen waren, konnten 
zuletzt weitere Arbeiten ergänzt wer¬ 
den. Zudem wurden auch die Bio¬ 
grafien aus den ersten Auflagen stetig 
weiter erforscht. Die Themen reichen 
jetzt von A wie Avenarius, einem 
Maler und Grafiker, bis Z wie Zeissig, 
einem Dresdner Kunstprofessor. 

Aufgrund der örtlichen Bindung 
der Autoren stellen Biografien aus 
Bischofswerda und Großdrebnitz 
einen gewissen Schwerpunkt dar, es 
finden sich aber auch viele Arbeiten 
zu Bautzen und Umgebung. Wissen¬ 
schaftler und Künstler verschiedener 
Profession werden ebenso vorgestellt 
wie Pfarrer, darunter auch sorbi¬ 
sche Geistliche, Heimatforscher und 
Freimaurer. Besonders hervorgeho¬ 
ben seien die Arbeiten zu Bruno 
Steglich, Gottlob Friedrich 
Thormeyer, Gottfried Unterdör¬ 
fer und zu mehreren Angehörigen 
der Familie Stöckhardt. 

Frank Fiedler Dr. Uwe Fiedler 


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Inhaltsverzeichnis 

Seite 

Avenarius, Johannes Maximilian (Maler und Grafiker) 8 

Azemar, Francois Basile (Offizier der napoleonischen Armee) 12 

Barthel, Bruno (Heimatforscher in Großdrebnitz) 16 

Biram, Arthur (jüdischer Schulgründer aus Bischofswerda) 20 

Biram, Else (jüdische Soziologin aus Bischofswerda) 34 

Blochmann, Heinrich August (Landwirtschaftsreformer) 42 

Boleslaw I Chrobry (König von Polen) 48 

Böttiger, Karl August (Altertumsforscher, Schuldirektor) 58 

Creutz, Gerhard (Ornithologe in Neschwitz) 66 

Cyz, Jan (sorbischer Schriftsteller, Landrat) 70 

Derlitzki, Georg (Agrarwissenschaftler in Pommritz) 72 

Derlitzki, Dorothea (Arbeitswissenschaftlerin in Pommritz) 76 

Friedrich, Edmund (Baineologe aus Bischofswerda) 78 

Garbe, Richard (sächsischer Landespfarrer) 84 

Gedike, Ludwig (Schulreformer) 88 

Giese, Ernst (Architekt aus Bautzen) 96 

Gnauck, Ernst (Gemeindevorstand in Kleindrebnitz) 108 

Goller, Josef (Professor an der Kunstgewerbeschule Dresden) 116 

Groitzsch, Wiprecht von (Markgraf, Herrscher der Oberlausitz) 124 

Heiden, Eduard (Agrarwissenschaftler in Pommritz) 134 

Heller, Robert (Schriftsteller aus Großdrebnitz) 138 

Heller, Woldemar (Pianist aus Großdrebnitz) 146 

Hempel, Walther (Rektor der Technischen Hochschule Dresden) 150 

Hermann, Paul (Rittergutsbesitzer auf Weidlitz und Pannewitz) 154 

Hesse, Friedrich (Gründer der Universitätszahnklinik Leipzig) 158 

Hesse, Walther (Bakteriologe bei Robert Koch, Bezirksarzt) 164 

Kanig, Karl Traugott (Pfarrer, sorbischer Liederdichter in Klix) 174 

Klotz, Christian Adolph (Philologe aus Bischofswerda) 180 

Langner, Norbert (Karpfenteichwirt in Königswartha) 186 

Lehmann, Julius (Agrarwissenschaftler in Weidlitz, Pommritz) 190 

Lier, Adolf (Landschaftsmaler aus Herrnhut) 196 

Lier, Hermann Arthur (Bibliothekar und Historiker) 200 

Lier, Leonhard (Journalist aus Herrnhut) 202 

Loges, Gustav (Agrarwissenschaftler in Pommritz) 206 

Marloth, Carl Julius (Sorbe, Pfarrer, Schriftsteller) 210 

Meißner, August Gottlieb (Schriftsteller aus Bautzen) 214 

Mittag, Karl Wilhelm (Stadtchronist von Bischofswerda) 218 


6 



Nake, Johann Gottfried (Schafzüchter der Wettiner) 222 

Neumeister, Max (Direktor der Forstakademie Tharandt) 232 

Nostitz, Gottlob Adolf Ernst von (Präsident der OLGdW) 240 

Nostitz, Eduard Gottlob von (sächsischer Innenminister) 248 

Nostitz, Julius Gottlob von (sächsischer Gesandter) 256 

Pache, Johannes (Komponist aus Bischofswerda) 260 

Petermann, Georg (Prediger böhmischer Exulantengemeinden) 266 

Richter, Siegmund Ehrenfried (Buchdrucker, Verleger) 272 

Rietschel, Ernst (Professor an der Kunstakademie Dresden) 276 

Schindler, Osmar (Professor an der Kunstakademie Dresden) 288 

Schneider, Johann Gottlob (Hoforganist) 294 

Siebelis, Karl Gottfried (Direktor des Gymnasiums Bautzen) 300 

Steglich, Bruno (Agrarwissenschaftler in Dresden) 306 

Steudner, Hermann (Botaniker und Afrikaforscher) 318 

Stöckhardt, Johann Heinrich (Pfarrer in Putzkau) 328 

Stöckhardt, Gerhard Heinrich Jacobjan (Pfarrer und Freimaurer) 330 

Stöckhardt, Robert (Jura-Professor in St. Petersburg) 338 

Stöckhardt, Ernst Theodor (Agrarwissenschaftler aus Bautzen) 344 

Thormeyer, Gottlob Friedrich (Hofbaumeister in Dresden) 354 

Unterdörfer, Gottfried (Förster und Schriftsteller in Uhyst/Spree) 368 

Vetter, Hermann (Professor am Konservatorium Dresden) 378 

Winckler, Georg (Märtyrer der Reformation) 382 

Zeissig, Johann Eleazar (Direktor der Kunstakademie Dresden) 392 

Autobiografische Retrospektive von Frank Fiedler 404 

Weitere Quellen 412 

Abbildungsverzeichnis 414 

Kurzbiografien von Heimatforschern aus Bischofswerda und 
Umgebung 

Gnauck, Max Otto 415 

Leppelt, August 416 

Paeßler, Roland 417 

Sorber, Willy 419 

Steudtner, Hermann 420 

Weber, Johannes 423 

Winkler, Friedrich Wilhelm 424 

Die Oberlausitzer Familie Baumeister 425 


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Johannes Maximilian Avenarius (1920, Otto Müller, Staatliche Museen zu 
Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0 DE). 








Avenarius, Johannes Maximilian 


Professor, Maler, Grafiker und Schriftsteller 

07.01.1887 Greiffenberg/Gryföw Slaski (Schlesien) - 21.08.1954 Berlin 

V: Ludwig (*5.2.1851 Leipzig, 119.3.1911 Hirschberg), Sohn des Buchhändlers und Verlegers 
Eduard Avenarius, 1869 Abitur am Friedrichsgymnasium Berlin, Jurastudium in Berlin, Leipzig 
und Halle, 1876 Promotion zum Dr. jur. in Jena, Appellationsgericht Breslau, Staatsanwaltschaft 
Ratibor, ab 1885 Amtsrichter in Greiffenberg, ab 1893 Rechtsanwalt und später Notar und 
Justizrat in Hirschberg, nationalliberaler Reichstagabgeordneter, ab 1893 Meister vom Stuhl der 
Hirschberger Freimaurer-Loge „Zur heißen Quelle“, Mitglied der Provinzialsynode Schlesien 
der evangelischen Kirche, führte im Namen der Erbengemeinschaft den väterlichen Verlag bis 
1896 weiter; M: Helene Karoline Klara geb. Rühlmann (*5.9.1852 Halle, J1944 Hirschberg), 
Bauerntochter aus Niedermöllern bei Kosen; G: Cäcilie Marie Julie Emilie (*27.5.1883 Ratibor, 
tl6.5.1952 Detmold), Eduard (*24.1.1886 Greiffenberg, J1949 Meißen, Medizinstudium in 
München, Dr. med.); E: (1) 14.5.1918 Berlin, Elisabeth geb. Reuter (*18.10.1897 Erbach/Donau, 
J1977, Tochter der Schriftstellerin Gabriele Reuter, Scheidung 1922), (2) 5.2.1926 Breslau, Anna 
Maria geb. Ronge (1889-1974, Kunstgewerblerin, Schülerin von Max Wislicenus und Wanda 
Bibrowicz in Breslau); K: Klaus Ludwig (*26.2.1919, t fünf Wochen nach der Geburt) 


Avenarius entstammte einer künstle¬ 
risch und literarisch geprägten Fami¬ 
lie. Ein Großvater, Eduard Avenarius, 
war ein bekannter Buchhändler in 
Leipzig und hatte eine Tochterfirma 
des Brockhaus-Verlags gegründet, die 
er in Paris vertrat. Zu seinem Freun¬ 
deskreis zählten Heinrich Heine und 
sein Schwager Richard Wagner. Seine 
Ehefrau, Johannes Avenarius“ Gro߬ 
mutter Cäcilie, war eine Tochter des 
Hofschauspielers Ludwig Geyer, des 
Stiefvaters von Richard Wagner. Ein 
Onkel, Richard Avenarius, war ein 
Philosoph, ein anderer Onkel, Ferdi¬ 
nand Avenarius, gründete in Dresden 
die Zeitschrift „Kunstwart“ und den 
Dürerbund. Er gehörte zu den Initia¬ 
toren und Förderern von Deutschem 
Werkbund, Gartenstadt Hellerau und 
Bund Heimatschutz. Johannes“ Vater, 
Ludwig Avenarius, stand mit seinem 


Bruder Ferdinand in enger Verbin¬ 
dung und übte mit seinem politi¬ 
schen, christlichen und kulturellen 
Engagement ein prägenden Einfluss 
auf den Sohn aus. 

Johannes Avenarius besuchte bis 
1902 das humanistische Gymnasi¬ 
um in Hirschberg, 1905 legte er in 
Wittenberg das Abitur ab. Zu seinen 
Verwandten in Dresden hatte er enge 
Beziehungen. Seine Großmutter Cäci¬ 
lie lebte dort bis 1897. Sein Onkel Fer¬ 
dinand förderte das künstlerische In¬ 
teresse des Neffen. Im Sommer 1905 
nahm Johannes Avenarius zusammen 
mit dem Stiefsohn des Onkels, Wolf¬ 
gang Schumann, später ein bekannter 
Journalist und Schriftsteller, Pri¬ 
vatunterricht im Zeichnen bei Karl 
Hanusch, einem Stipendiaten des Dü¬ 
rerbundes. Ab 1905 studierte Johan- 


9 




Johannes Avenarius hielt sich viel in 
Blasewitz bei seinem Onkel Ferdi¬ 
nand auf. Jener hatte sich mit dem 
Journalisten und Kunsthistoriker 
Paul Schumann in der Wachwitzer 
Straße 3 (spätere Avenariusstraße 
4) von Schilling & Graebner eine 
Villa errichten lassen. Ferdinand 
Avenarius wohnte dort zusammen 
mit Schumanns erster Ehefrau 
Else, einer Tochter des deutsch¬ 
amerikanischen Schriftstellers 
Rudolf Doehn, sowie deren Sohn 
Wolfgang Schumann. Vermutlich 
hier und möglicherweise im Haus 
Uhlenkamp in Kämpen auf Sylt, wo 
Ferdinand Avenarius seine Sommer 
verbrachte, erhielt Johannes Avena¬ 
rius mit Wolfgang Schumann von 
Karl Hanusch, einem Stipendiaten 
des Dürerbundes, 1905 einen ersten 
Zeichenunterricht. 1910 ließ Ferdi¬ 
nand Avenarius in der benachbarten 
Bahnhofstraße 24 das Dürerbund¬ 
haus errichten. 


nes Avenarius bei Robert Sterl, einem 
Freund des Onkels, in der Unterklasse 
der Dresdner Kunstakademie, in der 
Mittelklasse waren Richard Müller 
und sicher auch Osmar Schindler 
seine Lehrer. 1907 kam er erstmals 
mit Gerhart Hauptmann zusammen, 
mit dem er zeitlebens befreundet 
blieb. Im selben Jahr wechselte er 
nach München, wo sein Bruder 
Eduard Medizin studierte. 1907/1908 
hörte Avenarius als Hospitant an der 
Universität München Pathologie, 
Psychologie bei Theodor Lipps und 
Kunstgeschichte bei Fritz Burger. Mit 
Burger besuchte er im Oktober 1913 
den „Ersten Freideutschen Jugendtag“ 
auf dem Hohen Meißner in Hessen, 
wo die fortschrittliche Jugend ein 
Zeichen gegen hurra-patriotische 
Tendenzen im Vorfeld des Ersten 
Weltkriegs setzen wollte. 

Nach seiner Rückkehr nach Schlesien 
im Jahre 1910 arbeitete Avenarius 
freischaffend. Er traf wieder auf Karl 
Hanusch, der an der „Akademie 
für Kunst und Kunstgewerbe“ Bres¬ 
lau lehrte. Als 1913 in Breslau dem 
hundertjährigen Jubiläum der Befrei¬ 
ungskriege gegen Napoleon gedacht 
wurde, schuf Avenarius mehrere 
Porträts bedeutender Schlesier, dar¬ 
unter von den Brüdern Hauptmann. 
Im Ersten Weltkrieg wurde er an der 
französischen Front verwundet. Nach 
Kriegsende setzte Avenarius seine 
künstlerische Laufbahn fort. Er malte 
Kirchen aus, schuf Buchillustrationen 
und Porträtzeichnungen. Aufträge 


10 



für Raumausmalungen kamen bis 
aus Wien und Göteborg. Avenarius 
schrieb zudem Gedichte und Er¬ 
zählungen in schlesischer Mundart. 
Für Gerhart Hauptmann illustrierte 
er Bücher. Hauptmann sammelte 
Avenarius 1 Gemälde und ließ ihn sein 
Haus in Agnetendorf bei Hirschberg 
mit Fresken gestalten. Mit Görlitz, wo 
er seine zweite Frau kennen lern¬ 
te, war Avenarius eng verbunden. 
Hanusch holte Avenarius 1924 an die 
Kunstschule für Textilindustrie nach 
Plauen, 1925 wurde er Professor an 
der „Akademie für graphische Künste 
und Buchgewerbe“ in Feipzig mit 
Lehre in Plauen. 1933 entließen ihn 
die Nazis wegen angeblich entar¬ 
teter, kommunistischer Kunst und 
nahmen ihn in Untersuchungshaft. 
Durch Fürsprache einflussreicher 
Kräfte, darunter Gerhart Hauptmann, 
konnte Avenarius aber zunächst 
weiter künstlerisch arbeiten. 1943 fiel 
er erneut in Ungnade und der Druck 
seines Romans „Schoepse-Christel” 
wurde verboten. Nach dem Zweiten 
Weltkrieg musste Avenarius im Zu¬ 
sammenhang mit der Vertreibung der 
verbliebenen deutschen Bevölkerung 
Schlesien verlassen. Er ging 1946 
nach Berlin, wo er wiederum kirchli¬ 
che Bilder schuf. Avenarius starb 1954 
in Berlin, seine Urne wurde fünf Jahre 
später nach Görlitz überführt. Das 
Graphische Kabinett des Kulturhis¬ 
torischen Museums Görlitz bewahrt 
seinen künstlerischen Nachlass auf. 

Quellen: Gerlinde und Klaus Schneider (Leun, aus 
der Familie von Professor Karl Hanusch), Mittei- 



Avenarius war mit seinen Fresken 
maßgeblich an der Gestaltung 
der Eingangshalle zum Gerhart- 
Hauptmann-Haus in Agnetendorf 
bei Hirschberg beteiligt. Foto: Irena 
Goderska (Wikimedia Commons, 
Lizenz: CC BY-SA 3.0) 

lungen 30.10.2007; Wojciech Kunicki: „Meister / 
du hast deine Hand gehalten. Johannes Maximilian 
Avenarius und seine Kreationen des „Schlesischen“ 
an der Schnittstelle zwischen Literatur und bilden¬ 
der Kunst“; Gerhard Kratzsch: „Kunstwart und Dü¬ 
rerbund. Ein Beitrag zur Geschichte der Gebildeten 
im Zeitalter des Imperialismus“. Vandenhoeck u. 
Ruprecht, Göttingen 1969; Ludwig Avenarius: „Ave- 
narische Chronik“. O. R. Reisland 1912; Wolfgang 
Liebehenschel: „Johannes Maximilian Avenarius 
(1887-1954): Der bedeutende schlesische Künstler 
und Philosoph erblickte vor 125 Jahren das Licht 
der Welt“. Schlesischer Gottesfreund, 2012, H. 2; 
Wojciech Kunicki: „ - auf dem Weg in dieses Reich“: 
NS-Kulturpolitik und Literatur in Schlesien 1933 bis 
1945“. Leipziger Universitätsverlag, 2006; Matrikel¬ 
bücher Universität München 


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Les Cabannes, ein kleines Dorf in den mittleren Pyrenäen nahe Toulouse, 
hat heute etwa 350 Einwohner und liegt nur 2 Kilometer entfernt von 
Cordes-sur-Ciel, einem mittelalterlichen Anziehungspunkt für Touristen. 
Foto: Stephen Colebourne (Flickr, Lizenz CC BY-ND 2.0) 


Insignum des 150. Linien-Infan- 
terieregiments, das Azemar 1813 
als Oberst u. a. in der Schlacht von 
Bautzen befehligte. 


Das Regiment bestand seit 1794 und 
wurde 1990 aufgelöst. Seine erste 
Auszeichnung erhielt es im August 
1813 unter Azemar nach dem Sieg 
in Goldberg (Niederschlesien). 




Azemar, Francois Basile 


Offizier der napoleonischen Armee 

01.01.1766 Les Cabannes (Tarn) - 13.09.1813 Großdrebnitz 

V: Antoine (*1721 Les Cabannes), Gerber; M: Anne geb. Portes (*2.9.1719 Cordes-sur-Ciel); 
G: Jacques Francois (*5.4.1750 Cordes-sur-Ciel), Marie (*8.5.1752 Cordes-sur-Ciel), Joseph 
(*28.3.1754 Cordes-sur-Ciel) 


Azemars Eltern wohnten zunächst in 
Cordes-sur-Ciel, bevor sie mit ihren 
drei ältesten Kindern in das benach¬ 
barte Les Cabannes, die Heimat des 
Vaters, zogen. Hier wurde Francois 
Basile geboren. Der Sohn eines Ger¬ 
bers entschied sich früh für die mili¬ 
tärische Laufbahn. Am 2. März 1783 
trat er als Soldat des Regiments von 
Vivarais in die königliche Armee von 
Louis XVI. ein. Aus einfachen Ver¬ 
hältnissen stammend, fehlte es ihm 
aber an Protektion. Er schloss sich 
den revolutionären Streitkräften an. 

Am 18. September 1791 wurde Aze¬ 
mar zum Hauptmann des 3. Frei- 
willigenbataillons de 1‘Oise, ein Jahr 
später zum Bataillonskommandeur 
befördert. Azemars Bataillon gehörte 
zur Nordarmee des deutschstämmi¬ 
gen Generals Nikolaus von Luckner. 
Am 26. April 1792 komponierte 
Rouget de Lisle Luckner zu Ehren die 
Marseillaise als Kriegslied der Rhein¬ 
armee, 1794 fiel jener der Guillotine 
zum Opfer. Azemar wurde am 21. 
März 1794 zum Brigadekommandeur 
des 50. Linien-Infanterieregiments 
ernannt und war vom 28. Juli bis 
1. Oktober Stadtkommandant von 


Bruges (bei Bordeaux). 1796 trat er 
in die Armee Cötes de 1‘Ocean ein. 
Unter dem Kommando von General 
Jean Joseph Amable Humbert war 
er an der französischen Invasion zur 
Unterstützung des Aufstands in Irland 
gegen die britische Vorherrschaft 
beteiligt und nahm an der Schlacht 
von Castlebar teil. Am 27. August 
1798 besiegten die irischen Auf¬ 
ständischen mit ihren französischen 
Verbündeten die britische Übermacht 
(2000:6000 Mann). Nach der vernich¬ 
tenden Niederlage von Ballinamuck 
am 8. September geriet Azemar für 
sechs Wochen in Kriegsgefangen¬ 
schaft, bevor er ausgetauscht wurde. 

Er quittierte den aktiven Militärdienst 
und übernahm bis 1803 in Tarn bzw. 
in Dünkirchen leitende Funktionen 
in der Verwaltung und in der Militär¬ 
reserve und -gerichtsbarkeit. 

Ab 1804 diente Azemar in der na¬ 
poleonischen Armee, für die er 1805 
in Italien kämpfte. Seit 1804 war er 
Mitglied der Ehrenlegion. Am 7. 

April 1809 wurde Azemar zum Major 
des 64. Linienregiments unter Oberst 
Baradin de Peschery befördert. Am 5. 
und 6. Juli nahm er an der Schlacht 


13 



bei Wagram teil, als Napoleon mit 
seinen Verbündeten aus Sachsen, 
Bayern und Italien die Truppen von 
Erzherzog Karl von Österreich schlug 
und damit den 5. Koalitionskrieg für 
sich entschied. 

Am 16. Januar 1813 übernahm Aze- 
mar als Oberst das Kommando über 
das 150. Linienregiment, mit dem er 
im Mai in Leipzig stationiert war und 
an den Schlachten in Lützen und bei 
Bautzen (20. Mai) teilnahm. Frank- 
reich und seine Alliierten Sachsen 
und Bayern versäumten dabei einen 
entscheidenden Sieg gegen Preußen 
und Russland. Im August 1813 war 
Azemars Regiment an den Kämpfen 
am Katzbach beteiligt und siegte in 
Goldberg (Zlotoryja, Niederschlesi¬ 
en). Die Kampagne stand unter dem 
Oberbefehl von Marschall Jacques 
MacDonald. Am 29. August beför¬ 
derte Napoleon Azemar zum Briga¬ 
degeneral. Seine Brigade gehörte zur 
16. Division des 5. Korps. Seit dem 1. 
August war er Offizier der Ehrenlegi¬ 
on. Am 13. und 14. September 1813 
wurden das 149. und 150. Linienregi¬ 
ment unter Eugene Charles Auguste 
de Mandeville bzw. Azemar in der 
Nähe von Großdrebnitz in Kämp¬ 
fe verwickelt. Schon am ersten Tag 




Azemars Unterschrift. 

fiel Azemar, von einer Kugel tödlich 
am Kopf getroffen. Insgesamt verlor 
sein „150e Regiment d‘ Infanterie de 
Ligne“ im Zeitraum vom 27. August 
bis zum 14. September 1813 fünf 
gefallene und vierzehn verwundete 
Offiziere, davon je zwei in Großdreb¬ 
nitz. Die Entscheidung fiel, als am 14. 
September Vicomte de Saint-Priest, 
ein Lranzose in russischen Diensten, 
mit seiner Kavallerie eintraf. Er nahm 
mehr als hundert Gefangene. Am 20. 
September besetzte der österreichi¬ 
sche General Adam Albert von Neip- 
perg das Dorf. Azemar gehörte zu den 
162 Generälen bzw. Admirälen, die 
Frankreich von 1805 bis 1815 auf den 
Schlachtfeldern Europas verlor. Sein 
Name wurde auf einer Bronzetafel in 
der Schlachtengalerie („Galerie des 
batailles“) des Schlosses Versailles 
eingraviert. 


Quellen: lesbataillonsdevolontaires.wifeo.com; www.lescabannes81.fr;lescabannestarn.free.fr; 
www.napoleon-series.org; Georg Heinrich Pertz, Hans Delbrück: „Das Leben des Feldmarschalls 
Grafen Neithardt von Gneisenau“. Reimer, 1864; Carl von Plotho: „Der Krieg in Deutschland 
und Frankreich in den Jahren 1813 und 1814“. Amelang, 1817; Österreichische Militärische 
Zeitschrift. Bd. 3, H. 7-9, Wien 1838, S. 138; Noel Charavay: „Les Generaux morts pour la patrie 
(armees de terre et de mer, 1805-1815)“. 1908; „Galeries historiques du palais de Versailles“. Bd. 
6, Ausg. 1, Imprimerie Royale, 1840; www.geneanet.org 


14 




Napoleon empfängt eine Nach¬ 
richt: Bei der Schlacht von Bautzen 
kämpften insgesamt 250.000 Solda¬ 
ten mit rund 30.000 Pferden. 

„Gänse, deren es in dieser Gegend so viele 
gibt, flatterten da in Scharen von mehreren 
Hunderten umher, und wie viele wurden des 
Abends im Biwak gebraten. Fast auf jedem 
Tornister sah man eine Gans festgeschnallt. 
Hier sei es mir erlaubt, in der Kürze zu sagen, 
wie wir sie brieten: Die Gans wurde, ohne ge¬ 
rupft zu sein, aufgeschnitten und ausgeweidet, 
und, nachdem sie inwendig rein gewaschen, 
wurde sie mit einem Holze zugespengelt 
[verschlossen], in den Federn und dick über 
dieselben mit angemachtem Lehm bestrichen 
und so in die glühenden Kohlen verscharrt. 
Hatte sie ihre Zeit gelegen, so wurde sie 
herausgenommen. Mit der nun gebrannten 
Lehmkruste gingen alle Federn und Haare mit 
aus, und der Braten war fertig. Schöpfen- oder 
Hammelbraten wickelten wir in Papier ein 
und verscharrten ihn ebenfalls in die Kohlen. 
Das Papier verbrannte nicht, sondern ver¬ 
kohlte nur, und es gab einen herrlichen und 
wohlschmeckenden Braten.“ 

Johann Jakob Röhrig, 150. Linien-Infante- 
rieregiment, zur Schlacht bei Bautzen am 
20. Mai 1813; Röhrig, Karl (Hg.): „Unter der 
Fahne des ersten Napoleon. Jugendgeschich¬ 
te des Hunsrücker Dorfschullehrers Johann 
Jakob Röhrig, von ihm selbst erzählt“. 2., 
verm. und verb. Aufl., Altenburg, 1908 



Geburtshaus von Bruno Steglich 
in Kleindrebnitz, Franzosengräber 
im Südwesten des Grundstücks 
(Ober-Steglichs Gut). 


„Beim Schlächter Steglich, am Putzkauer 
Wege, hatte der Feldscher das Lazarett aufge¬ 
schlagen, von hier wurden den verwundeten 
Soldaten abgeschnittene Arme und Beine 
in Wagenladungen nach den benachbarten 
Feldern gefahren und dort vergraben. Auf 
Ober-Steglichs Mühlenwiese, am Hopfengar¬ 
ten, befanden sich mehrere Franzosengräber, 
ebenso waren an der Dorfstraße bei Gottlieb 
Steglichs Scheune einige Franzosen so flach 
eingescharrt, dass die Füße über den Erdbo¬ 
den herausragten und sich die Leute deshalb 
scheuten, vorüber zu gehen.“ 

Bruno Steglich: „Erinnerungen aus mei¬ 
nem Leben“. Unveröffentlicht, Dresden 1927 



15 




Ehregott Bruno Barthel, 



Barthel, Ehregott Bruno 

Kirchschullehrer und Heimatforscher in Großdrebnitz 
23.04.1856 Langhennersdorf b. Freiberg - 18.01.1933 Kleindrebnitz 

V: Friedrich August (1829-1887), Gutsbesitzer in Langhennersdorf; M: Christiane Friederi¬ 
cke geh. Scheinert (*1833 Reichenbach bei Hainichen, 11907 Langhennersdorf); G; Amalie 
Auguste (1854-1907), Friedrich Louis (1857-1922), Friedrich Emil (1864-1950), Selma Alma 
(1872-1935); E: 30.7.1879 Asta Clementine geb. Leipnitz (*6.6.1854 Schandau, tll-5.1947 Klein¬ 
drebnitz); K: Gertrud (1881-1960, verh. mit dem Kleindrebnitzer Gemeindevorstand Oskar 
Gnauck), Bruno Arthur (1882-1953, Drogeriebesitzer in Dresden, verh. mit Tochter Hedwig des 
Kleindrebnitzer Gemeindevorstands Ernst Gnauck), Helene (1887-1961), Fritz (1892-1950) 


Barthel wurde 1862 in die Kirchschu- 
le Langhennersdorf eingeführt. Zeitig 
lernte der Junge Klavier spielen. 

Schon mit 10 Jahren begann er, sich 
für landwirtschaftliche Probleme, 
Wetterbeobachtungen und ihre 
Zusammenhänge zu interessieren. 

Am 15. April 1870 bestand Barthel 
die Aufnahmeprüfung am Lehrer¬ 
seminar Nossen, das er bis 1876 
besuchte. 1871 begann er Tagebuch 
zu führen, nachdem er sich zuvor 
die Gabelsberger Kurzschrift ange¬ 
eignet hatte. Jahrzehnte vor ihrer 
offiziellen Einführung in Deutschland 
beherrschte er damals auch schon 
die lateinische Schrift. Nach einer 
Kandidatenprüfung wurde Barthel 
im April 1876 in Elstra als Vikar 
eingestellt, vier Wochen später als 
Hilfslehrer. Am 11. März 1879 erhielt 
er die Berufung zum dritten ständi¬ 
gen Lehrer in Elstra. Hier heiratete 
Barthel die Tochter des Pächters vom 
Gasthaus „Zum Stern“, Asta Leipnitz. 
Seine Berufung zum Kirchschullehrer 
in Großdrebnitz erfolgte zum Januar 
1881, nachdem er einige Wochen 


zuvor als Lehrer auf Probe eingestellt 
worden war. Barthel hatte sich dafür 
gegen andere Kandidaten in einem 
Wettbewerb durchsetzen müssen, 
der aus Orgelspiel, Singen, Kate- 
chisieren, Schreiben und Rechnen 
bestand. Zu seinen Aufgaben zählte 
das regelmäßige Vertreten des Pfar¬ 
rers mit Lesegottesdiensten. Aus dem 
wirtschaftlich prosperierenden Raum 
Freiberg stammend, erkannte Barthel 
das Entwicklungsdefizit seiner neuen 
Heimat und setzte sich mit Erfolg für 
den „Fortschritt auf dem Lande“ ein. 
In diesem Zusammenhang zu sehen 
sind die Gründungen des örtlichen 
Landwirtschaftlichen Vereins (1900), 
der örtlichen Spar- und Darlehens¬ 
kasse (1903) und einer Schulbuchstif¬ 
tung für Kinder aus finanzschwachen 
Familien (1905). Das Startkapital 
erhielt die Schulbuchstiftung aus den 
Erlösen eines Kinderkonzerts, das 
am 3. April 1905 unter Leitung von 
Barthel im Erbgericht Großdrebnitz 
stattfand. Barthel selbst stiftete den 
Reinertrag seines erfolgreichen Bu¬ 
ches, der Chronik „Altes und Neues 


17 



aus Groß- und Kleindrebnitz“. Er 
schrieb in seiner Chronik von Groß- 
und Kleindrebnitz die Vorarbeiten 
von Pfarrer Carl Julius Marloth 
fort, ging jedoch weit darüber hinaus. 
Neben ortsgeschichtlichen Vorkomm¬ 
nissen schilderte Barthel Ereignisse 
von überregionaler Bedeutung mit 
ihren Auswirkungen auf das dörfliche 
Leben, darunter die Einführung der 
Reformation, verschiedene Kriegs¬ 
handlungen seit dem Dreißigjährigen 
Krieg und die Zeit der Hexenpro¬ 
zesse. Eine regionalgeschichtliche 
Besonderheit stellte demnach die auf 
Befehl von August dem Starken 1729 
eingerichtete „Poststraßenumgehung“ 
von Schmiedefeld über Bühlau nach 
Kleindrebnitz dar. Wegen eines Strei¬ 
tes mit der Herrin auf Großharthau, 
der Gräfin von Flemming, hatte sich 
der König für seine häufigen Reisen 
nach Polen eine neue Straße unter 
Umgehung von Großharthau bauen 
lassen. Auffällig ist aber, wie kurz Bar¬ 
thel die Geschichte der Großdrebnit- 
zer Orgel abhandelte, obwohl gerade 
die Orgel sein wichtigstes Arbeitsins¬ 
trument war und Wilhelm Leberecht 
Herbrig, dessen Vater zusammen mit 
dem Sohn die Orgel gebaut hatte, 
erst wenige Jahre vor Barthels An¬ 
kunft das Dorf verlassen hatte. Es 
bleibt ungeklärt, inwiefern Barthel 
bereits Kenntnis von problematischen 
Details in der Biografie Herbrig jun. 
hatte und durch deren Übergehen 
das „Kulturgut Orgel“ vor Schaden 
bewahren wollte. In der Wissenschaft 
fand Barthels Chronik ein kritisches 


Echo. Hubert Maximilian Ermisch 
bemängelte im „Neuen Archiv für 
sächsische Geschichte“ von 1910 vor 
allem die Quellenarbeit. 

Barthel verfasste neben der Chronik 
weitere bemerkenswerte heimat¬ 
kundliche Beiträge in der Beilage 
„Unsere Heimat“ zum „Sächsischen 
Erzähler“: „Die Stolpener Amtstei- 
che und das Vorwerk Kleindrebnitz“, 
„Der Steinwall auf dem Rüdenberg 
bei Großdrebnitz“, „Die Jagdsäule 
auf der Rückersdorfer Straße“, „Die 
ersten Großdrebnitzer Feuerspritzen“, 
„Die Großdrebnitzer Wollspinnerei“ 
sowie anonym u. a. zur Bahnhofsein¬ 
weihung Weickersdorf (1909) und 
zur Vereinstätigkeit. Darin wird auch 
eine große Sachkenntnis und Un¬ 
voreingenommenheit gegenüber der 
slawischen Besiedlungsgeschichte 
der Oberlausitz deutlich. Bedeu¬ 
tende Söhne des Ortes wie Bruno 
Steglich und Hermann Vetter 
werden jedoch gar nicht, bzw. wie Ro¬ 
bert Heller und Max Neumeister 
nur sehr knapp behandelt. Das Ta¬ 
gebuch „Erlebtes und Gesammeltes“ 
enthält neben Tagesnachrichten, z. 

B. Zeitungsausschnitten, und Fami¬ 
lieninformationen auch Auszüge aus 
den Kirchenbüchern zu Geburts- und 
Sterbefällen. Sie dokumentieren die 
hohe Kindersterblichkeit um 1900. 
Zwischen dem 2. April 1922 und 
dem 23. November 1923 hat Barthel 
systematisch den Verlauf der „Teue¬ 
rung“, d. h. der Inflation und deren 
Folgen, beschrieben. Umfangreich 


18 



sind seine Aufzeichnungen zum Wet¬ 
ter und dessen Auswirkungen auf die 
Landwirtschaft. In der Diskussion um 
die strittige Lokalisierung des 1007 
urkundlich ersterwähnten Trebista 
änderte Barthel seine Meinung von 
Großdrebnitz zu Doberschau. 1928 
übereignete er der Dresdner Münz¬ 
sammlung Talermünzen aus der 
Zeit des Dreißigjährigen Krieges aus 
einem Fund auf Kleindrebnitzer Flur. 
Mit dem Kleindrebnitzer Gemeinde¬ 
vorstand Ernst Gnauck war Barthel 
freundschaftlich und durch die Heirat 
je zweier Kinder familiär verbunden. 
Gnauck hatte dem Wahlgremium 
angehört, das Barthel 1881 zum 
Kirchschullehrer berief. Wenn später 
etwas vertraulich bleiben sollte, korre¬ 
spondierten sie in Gabelsberger Kurz¬ 
schrift. Barthels Tagebuch endet am 
1. Juni 1931, als sein Schwiegersohn 
Oskar Gnauck den Freitod wählte. 

Regional wirksam wurde Barthel 
als Begründer des Bezirksvereins 
Bischofswerda des Deutschen Leh¬ 
rervereins für Naturkunde (10. Juli 
1895). Hier arbeitete er eng mit 
Hermann Steudtner zusammen. Im 
Ergebnis von naturkundlichen Studi¬ 
en in seiner Freizeit entstanden eine 
beachtliche Mineraliensammlung, die 
er später der Schule in Großharthau 
überließ, und eine Schmetterlings- 
sammlung als Anschauungsobjekte 
für den Unterricht. Barthel war von 
1896 bis 1902 Mitglied im Gemein¬ 
derat von Großdrebnitz, er war Leiter 
des Männergesangvereins, Mitglied 


des Kirchenvorstands, Mitglied im 
sächsischen Lehrerverein und ein ta¬ 
lentierter Zeichner. 1904 wurde Bar¬ 
thel der Kantortitel und 1912 der Titel 
„Oberlehrer“ verliehen. Am 23. Okto¬ 
ber 1916 erhielt er von König Fried¬ 
rich August III. das Verdienstkreuz 
und am 19. März 1925 zeichnete ihn 
Professor Hermann Gräfe, Landwirt¬ 
schafts-Ökonomierat aus Bautzen, 
mit der Bronzenen Medaille für den 
Dienst in der Landwirtschaft aus. Sein 
Spätwerk „Kriegsleiden in der Heimat 
1914-1918“, geschrieben, als der Na¬ 
tionalsozialismus bereits Fuß gefasst 
hatte, widerspiegelte Barthels zutiefst 
humanistische Einstellung - nach der 
Machtergreifung Adolf Hitlers wurde 
die Veröffentlichung verhindert. Sie 
erfolgte 1994, mehr als 60 Jahre nach 
der Entstehung des Werkes. Wegen 
seiner Leistungen, aber auch wegen 
seiner Bindung an alle Schichten 
der dörflichen Bevölkerung ist sein 
Ansehen in Großdrebnitz bis heute 
erhalten geblieben. Barthels Ehren¬ 
grab wurde 1998 unter Denkmal¬ 
schutz gestellt. 



Quellen: S. 412 ff. 


19 




Arthur Biram, rechts sein Geburtshaus (nach 1900, mit Buchdruckerei Paul 
Klepsch), links neben der Kirche von Gottlob Friedrich Thormeyer. 


Biram, Arthur (Yitzhak) 

Dr. phil., jüdischer Schulgründer 

13.08.1878 Bischofswerda - 05.06.1967 Haifa/Israel 


V: Adolph Rudolph (*30.3.1850 Liegnitz, 19.6.1915), Textilkaufmann in Bischofswerda, Dresden, 
Berlin und Frankfurt/O.; M: Eva geh. Neufeld (* in Schrimm/Posen, 121.3.1921), Schwester 
des Unternehmers Hermann Neufeld in Grimma; G: Gertrud (*11.7.1879 Bischofswerda), 

Julius (*4.11.1881 Bischofswerda, 15.7.1916, Kaufmann in Frankfurt/O., im Ersten Weltkrieg 
gefallen, Gedenkstein in Slubice), Else (Elsa Sara, *7.2.1883 Bischofswerda, 116.7.1966 Haifa, 

Dr. phil., Kultursoziologin, lebte in der Gartenstadt Mannheim und ab 1933 in Haifa, gründe¬ 
te mit ihrem Mann Dr. Wilhelm Bodenheimer und ihrem Bruder Max ein Sanatorium), Max 
Moritz (*30.3.1884 Bischofswerda, 116.7.1945 Haifa, Manager eines Sanatoriums in Haifa), 

Fritz (*1.10.1888 Dresden, Kaufmann in Frankfurt/O., nach den Olympischen Spielen 1936 
nach Argentinien geflohen, Kaufmann in La Lucila); E: 1924 Hanna geb. Thomaschewsky (* in 
Königsberg, 11968, Tochter von Haim Thomaschewsky, Mühlenbesitzer in Königsberg und nach 
1895 Kaufmann in Berlin, und Minna geb. Jaruszlawski, 9 Geschwister und 5 Halbgeschwister 
aus der ersten Ehe des Vaters mit einer Schwester ihrer Mutter, verschwägert mit Davis Trietsch 
aus Dresden und Theodor Zlocisti, Turnlehrerin an der Jüdischen Mädchenschule Berlin, Wirt¬ 
schaftsleiterin am Realgymnasium Haifa); K: Aaron (*22.4.1928 Haifa, 111.9.1951 während eines 
Reservedienstes, 1944 Absolvent der Hebrew Reali School Haifa, kämpfte in einer jüdischen 
Brigade der britischen Armee im Zweiten Weltkrieg, Maschinenbaustudium am Technion und 
in London, Pilot im Unabhängigkeitskrieg, 1953 wurde ein Militärinternat der Reali School auf 
dem Mount Carmel nach ihm benannt), Benjamin (*21.9.1930,13.5.1968 auf dem Mount So¬ 
dom durch einen Terroranschlag mit einer Mine, arbeitete als Ingenieur für die Dead Sea Works, 
seine Söhne Roni und Amir arbeiten in leitenden Positionen im Investment-Bereich) 


Arthur Biram wurde 1878 als Sohn ei¬ 
nes Kaufmanns in Bischofswerda, Alt¬ 
markt 8, geboren. Die Großeltern Bi¬ 
ram stammten aus der Provinz Posen 


in Preußen. Um 1850 zogen sie in das 
niederschlesische Liegnitz westlich 
von Breslau. Hintergrund war mögli¬ 
cherweise, dass Juden in der Provinz 



21 







Die frühen Lebensstationen von Arthur Biram sind in der preußisch¬ 
sächsischen Landkarte blau markiert: Bischofswerda, Dresden, Hirschberg 
und Berlin. Seine Vorfahren waren ansässig in Bomst, Grätz, Liegnitz sowie 
die Eltern mit seinen jüngeren Geschwistern und zeitweise auch mit Biram 
selbst in Frankfurt/O. Ebenfalls grün markiert sind Städte, die mit Ver¬ 
wandten in Verbindung standen: Breslau, Görlitz, Löbau und Cottbus. 


Posen von der rechtlichen Gleichstel¬ 
lung in Preußen lange ausgenommen 
blieben. Zu den strittigen Fragen 
gehörte auch das Recht, einem „hö¬ 
herwertigen“ Gewerbe nachzugehen, 
wie beispielsweise dem Textilhandel. 
Nachdem die jüdische Bevölkerung 
1868 in Sachsen ihre staatsbürgerli¬ 
chen Rechte erhalten hatte, kam es zu 
einer starken Zuwanderung und auch 
die Familie Biram ließ sich hier nie¬ 
der. Der Zuzug vollzog sich offenbar 
entlang der schlesisch-sächsischen 
Eisenbahnlinie. Von den Liegnitzer 
Geschwistern ist 1870/71 Theodor Bi¬ 


ram in Görlitz als Soldat im Deutsch- 
Französischen Krieg nachgewiesen, 
1875 wurde in Löbau das erste Kind 
von Rosalie verh. WolfF geboren und 
1878 in Bischofswerda das erste Kind 
von Adolph, Arthur Biram. 

In Bischofswerda gab es keine eigene 
jüdische Gemeinde, auch im größeren 
Bautzen nicht. Zum Religionsunter¬ 
richt der Kinder musste ein Lehrer 
aus Dresden kommen. Vermutlich 
spielte dies eine wesentliche Rolle, 
dass die Familie Adolph Biram nach 
Dresden zog, als Arthur, der älteste 


22 




Sohn, sieben Jahre alt war. In Dresden 
gründete Adolph Biram mit Salomon 
WolfF, einem Schwager aus Löbau, ein 
Handelsgeschäft. Nach dem Besuch 
von Bürgerschule und des Kreuzgym¬ 
nasiums unter Heinrich Stürenburg 
bis 1893 wechselte Arthur Biram in 
der 9. Klasse (Obertertia) auf das hu¬ 
manistische Gymnasium Hirschberg 
in Niederschlesien. Rabbiner und 
Religionslehrer war hier sein Onkel 
Max Biram, ein ehemaliger Zacharias 
Frankel-Schüler aus Breslau. Etwa 
zur selben Zeit zogen Birams Familie 
sowie die Firma des Vaters, WolfF & 
Biram, nach Berlin. 

Das Jahr 1896 wurde zur Zäsur für 
viele, auch die gut integrierten deut¬ 
schen Juden. Theodor Herzl schrieb 
nach antisemitischen Ausschreitun¬ 
gen in Paris („Dreyfus-AfFäre“) das 
Buch „Der Judenstaat“ und initiierte 
damit den politischen Zionismus mit 
dem Ziel, einen eigenen Staat Israel 
zu errichten. Der Versuch, sich durch 
Assimilierung und Christianisierung 
der Verfolgung zu entziehen, war 
gescheitert. Birams Vater hoffte, dass 
sein Sohn Arthur Rabbi in einem 
solchen Staat werden möge. Vater und 
Sohn bekannten sich nach dem ersten 
Weltkongress von 1897 in Basel zur 
zionistischen Bewegung. 

Nach dem Abitur im Jahre 1897 stu¬ 
dierte Biram an der Universität Berlin 
orientalische Philologie, Philosophie 
und Nationalökonomie bei Eduard 
Sachau, Friedrich Delitzsch, August 



Arthur Biram in Berlin. 

Fischer, Georg Simmel und Friedrich 
Paulsen. Auch der Philologe Ulrich 
von Wilamowitz-Moellendorff und 
der Historiker Eduard Meyer gehör¬ 
ten zu seinen Lehrern. Außerdem 
besuchte Biram bei dem Gelehrten 
Moritz Steinschneider private Semi¬ 
nare über mittelalterliche Religions- 
philosophie. Parallel zum Studium an 
der Universität ließ sich Biram an der 
Hochschule für die Wissenschaft des 
Judentums in Berlin zum Rabbiner 
ausbilden. Sein Vater unterstützte die 
Hochschule als förderndes Mitglied. 
Der Sohn wurde hier von Martin 
Schreiner für die Beziehungen zwi¬ 
schen der jüdischen und arabischen 
Kultur interessiert. Nachdem eine 


23 



Arthur Biram (hinter seiner Mutter) mit Eltern und Geschwistern (vermut¬ 
lich nach 1910 in Frankfurt/O. mit erstem Kind von Julius Biram). 


historische Abschrift eines Werkes 
von Abu-Rasid al-Nisaburi gefunden 
worden war, widmete Biram diesem 
Thema seine Dissertation. Zu einigen 
Fragen konsultierte er den Orienta¬ 
listen Ignaz Goldziher in Budapest. 

In Leipzig, wo August Fischer in¬ 
zwischen einen Lehrstuhl für orien¬ 
talische Philologie inne hatte, pro¬ 
movierte Biram mit der Arbeit „Die 
atomistische Substanzenlehre aus 
dem Buch der Streitfragen zwischen 
Basrensern und Bagdadensern“ zur 
Philosophie des Abu-Rasid al-Nisabu¬ 
ri. Die Doktor-Prüfung bestand er am 
18. Juli 1900, die Dissertationsschrift 
wurde 1902 publiziert. 1904 schloss 
Biram das Rabbi-Seminar ab, bis 1908 
blieb er an der Berliner Universität 
im Fach Altphilologie eingeschrieben. 


Seine Eltern wohnten seit 1903 in 
Frankfurt/Oder, nachdem der Ge¬ 
schäftspartner des Vaters, Salomon 
Wolff, verstorben und die Berliner 
Firma verkauft war. 

An den deutschen Universitäten orga¬ 
nisierten sich seit dem ausgehenden 
19. Jahrhundert jüdische Akademiker 
und Studenten in einer Vielzahl von 
Vereinen. Dies war eine Reaktion auf 
den erstarkenden Antisemitismus in 
Deutschland, aber auch ein Zeichen 
für ein erwachendes Nationalbe¬ 
wusstsein der Juden, das über die 
bloße Zusammengehörigkeit in einer 
Religionsgemeinschaft hinausreichte. 
Biram gehörte schon 1898 dem „Ver¬ 
ein Jüdischer Studenten“ an und war 
später maßgeblich an der zunehmen- 


24 




den „Zionisierung“ der Studenten¬ 
schaft beteiligt. Junge Vereinsmitglie- 
der unterrichtete er beispielsweise in 
jüdischer Geschichte. 1898 gründete 
er mit weiteren Studenten und Vertre¬ 
tern zionistischer Vereinigungen wie 
seinem späteren Schwager Theodor 
Zlocisti einen Turnverein im Geden¬ 
ken an Shimon bar Kokhba, dessen 
niedergeschlagener Aufstand gegen 
die römischen Besatzer nach dem 
Jahre 135 die Diaspora des jüdischen 
Volkes aus seiner Heimat in Palästina 
ausgelöst hatte. Unter der Leitung von 
Israel Auerbach entwickelte sich der 
„Kochba-Club“ zu einer weltweiten 
jüdischen Bewegung mit mehre¬ 
ren 10.000 Mitgliedern innerhalb 
der Maccabi World Union. Wie in 
der deutschen Turnbewegung nach 
Friedrich Ludwig Jahn ging es um die 
Förderung eines nationalen Bewusst¬ 
seins, gestärkt werden sollte aber auch 
die Selbstverteidigung. Physische 
Ertüchtigung verband die nationale 
Idee mit dem bürgerlichen Ideal einer 
allseits gebildeten Persönlichkeit. Ne¬ 
ben dem Sport spielte die Förderung 
der jüdischen Kultur, v. a. der Musik, 
eine große Rolle. Biram verfasste Ar¬ 
tikel für die „Jüdische Turnzeitung“, 
das offizielle Organ von Bar-Kochba. 
1901 gehörte er an der Hochschule 
für die Wissenschaft des Judentums 
zu den Mitbegründern eines zionis¬ 
tischen Studentenvereins, der sich 
jedoch nach Androhung von Ex¬ 
matrikulationen wieder auflöste. Zu 
Birams Freundeskreis zählten dabei 
Max Schioessinger und Judah Leon 


Magnes, später Präsident der Hebrew 
University of Jerusalem. In den Kon¬ 
flikten um die jüdischen deutschen 
Vereine widerspiegelten sich auch 
Differenzen innerhalb der jüdischen 
Bevölkerung, zwischen liberalen und 
konservativen Strömungen, zwischen 
Zionisten und eher auf die Integrati¬ 
on setzenden Gemeindemitgliedern. 
1901 war Biram maßgeblich an der 
Gründung des Dachverbandes „Bund 
Jüdischer Corporationen“ (BJC) 
beteiligt. 1906 gründete er mit Felix 
Rosenblüth (Pinchas Rosen) und 
Kurt Blumenfeld den Verein jüdischer 
Studenten „Makkabäa“. Mit Heinrich 
Loewe leitete er die „Organisation für 
hebräische Sprache“. Das Studium des 
Hebräischen bildet ein Kernelement 
des Zionismus. 

In den zionistischen Kreisen Berlins 
bewegten sich seinerzeit auch die 
Thomaschewsky-Schwestern. Hanna 
wurde später Arthur Birams Frau. Sie 
war Mitglied des Kochba-Clubs und 
gehörte 1910 zu den Gründerinnen 
des „Jüdischen Frauenbundes für 
Turnen und Sport“. Emma Thoma- 
schewsky heiratete Davis Trietsch aus 
Dresden, einem der bedeutendsten 
Zionisten überhaupt und Gegenspie¬ 
ler von Theodor Herzl. Hulda, später 
mit dem Arzt und Schriftsteller Theo¬ 
dor Zlocisti verheiratet, war 1897 eine 
von 14 weiblichen Delegierten zum 
Ersten Zionistenkongress in Basel. 

Biram arbeitete nach Abschluss des 
Rabbi-Seminars als Sekretär und 


25 




Grab von Arthur Birams Eltern (vermutlich Jüdischer Friedhof Frank¬ 
furt IO. / Slubice - 1976 zerstört): Die Geburtsdaten sind nur unscharf zu 
erkennen. Gegen ein Geburtsjahr 1830 des Vaters Adolph spricht, dass lt. 
einer Mitteilung aus der Familie im Dresdner Gewerbeantrag von 1885 
der 31.3.1850 als Geburtstag vermerkt ist, das Geburtsjahr der Mutter Eva 
erscheint auf dem Grabstein als 1833. Die Familie Adolph Biram ist in den 
Dresdner Adressbüchern von 1886 bis 1894 nachgewiesen (Rosmariengasse 
4, Seidnitzer Straße 6). Die Firma Wolff & Biram war in der Frauenstra¬ 
ße ansässig. Adolph Biram war demnach ein Sohn von Salomon Biram 
(Händler, *20.11.1816 Grätz, t3.1.1887 Dresden) und dessen Frau Johanna 
(*25.7.1816 Bomst, t27.10.1896 Föbau). Arthur Birams Großeltern sind auf 
dem Neuen Jüdischen Friedhof Dresden begraben. Sie waren ein Jahr nach 
der Familie Adolph Biram nach Dresden gekommen. Johanna Biram ist als 
Witwe Bieram bis 1898 in den Dresdner Adressbüchern vermerkt, auf ih¬ 
rem Totenschein steht aber als Wohnort Bischofswerda. Deren weitere Kin¬ 
der, also Onkel und Tante von Arthur, waren: Theodor (*7.12.1846 Bomst, 
f6.10.1898 Föbau, nahm am Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 teil, 
Kaufmann, um 1874 Cottbus, um 1885 Fa. Salomon Wolff Föbau, Jüdischer 
Friedhof Görlitz), Julius (* in Fiegnitz, am 6.8.1870 in der Schlacht bei 
Wörth gefallen, Gedenkstein Fiegnitz), Max (*1.1.1853 Fiegnitz, f22.6.1916 
Hirschberg, Elementarschule Fiegnitz, bis 1879 Ausbildung in Breslau, Dr., 
ab 1887 Rabbiner in Hirschberg), Rosalie (*29.11.1854 Fiegnitz, ab spätes¬ 
tens 1875 Föbau, danach Dresden, verh. mit Salomon Wolff, f 1931 Berlin). 


26 






Bibliothekar an der Hochschule für 
die Wissenschaft des Judentums, 
gab für Studienanfänger aber auch 
Hebräisch-Kurse. Vor der Jüdischen 
Gemeinde Potsdam hielt er den Vor¬ 
trag „Jüdische Hochschulen“. Rabbi¬ 
ner war hier seinerzeit der acht Jahre 
ältere Paul Rieger. Der wissenschaft¬ 
lich interessierte Rieger stammte aus 
Dresden und hatte seine Ausbildung 
in Breslau sowie an der Hochschule 
für die Wissenschaft des Judentums in 
Berlin erhalten. Seinem ehemaligen 
Lehrer Moritz Steinschneider, der den 
Zionismus ablehnte und beispiels¬ 
weise die jüdische Forschung und 
Lehre in allgemeine Universitäten 
integrieren wollte, widmete Biram 
zum 90. Geburtstag im Jahre 1906 
in „Ost und West“ eine ausführliche 
Würdigung: „Mit Steinschneider 
wollen wir der jüdischen Wissen¬ 
schaft die Anerkennung innerhalb 
des gesamten Wissenschaftsbetriebs 
erkämpfen.“ Biram verfasste zudem 
Beiträge für die „Jewish encyclope- 
dia“. Er entschied sich schließlich 
gegen eine theologische und für eine 
pädagogische Laufbahn. 1909 absol¬ 
vierte Biram die Lehramtsprüfung für 
Lateinisch, Griechisch und Hebräisch 
am Askanischen Gymnasium Berlin, 
einer altsprachlichen Eliteschule. Er 
unterrichtete danach in Neuruppin 
und am Berliner „Gymnasium zum 
Grauen Kloster“ klassische Sprachen 
und Literatur. 

Die Familie Biram engagierte sich in 
verschiedenen jüdischen karitativen 



Die Gebäude der Hebrew Reali 
School im Technion-Komplex im 
Stadtteil Hadar wurden von Alexan¬ 
der Baerwald erbaut. 1923 begrüßte 
man hier Albert Einstein anlässlich 
seines ersten Haifa-Besuchs. 

Vereinigungen. So gehörten Arthur 
Biram und sein Vater in Berlin und 
Frankfurt/Oder dem „Verein zur 
Unterstützung ackerbautreiben¬ 
der Juden in Palästina und Syrien“ 
(ESRA) an. Sein Onkel Max Biram in 
Hirschberg war Mitglied im „Hilfs¬ 
verein der deutschen Juden“ (EZRA), 
den Paul Nathan, Eugen Landau und 
der bedeutende Kunstmäzen James 
Simon 1901 in Berlin zur Unterstüt¬ 
zung verfolgter Juden aus Osteuropa 
gegründet hatten und der jenen bei 
ihrer Emigration nach Amerika oder 
Palästina half. 

Der „Hilfsverein der deutschen 
Juden“ engagierte sich im seiner¬ 
zeit osmanischen Palästina für den 
Aufbau eines jüdischen Bildungswe¬ 
sens nach deutschem Vorbild. Man 
betreute bis zu 50 Einrichtungen 
einschließlich Kindergärten, Rab¬ 
biner- und Lehrer-Seminare, Bib¬ 
liotheken und Handwerkerschulen. 


27 



Die Bestrebungen des „Hilfsvereins“ 
befanden sich in Übereinstimmung 
mit der damaligen Außenpolitik des 
deutschen Kaiserreichs, das seinen 
Einfluss im Nahen Osten ausweiten 
wollte. Im Rahmen der Planungen 
für die erste jüdische Hochschule in 
Palästina, das „Technion“ in Haifa, 
wurde 1909 vom „Hilfsverein“ eine 
Mittelschule gegründet. Hier sollten 
die Schüler die Zugangsvoraussetzun¬ 
gen für die Hochschule erwerben. Mit 
der Fertigstellung des Technions war 
geplant, diese Schule in den Hoch¬ 
schulkomplex zu integrieren. 1913 
eskalierte aber ein heftiger Sprachen¬ 
streit. Der „Hilfsverein“ legte die 
Lehrsprachen pragmatisch fest. Die 
Schüler und Studenten, die aus den 
verschiedensten Kulturen stammten, 
sollten sich untereinander, aber auch 
mit ihren türkischen und arabischen 
Nachbarn unterhalten können und 
mit Fremdsprachen auf ihre spätere 
Karriere vorbereitet werden. Weil 
man fortschrittliche, liberale Lehrme¬ 
thodiken aus Deutschland einführen 
wollte, sollten von dort auch Lehrer 
kommen; jene bevorzugten aber ihre 
Muttersprache. Zudem war Deutsch 
seinerzeit die führende Wissen¬ 
schaftssprache, und der „Hilfsverein“ 
war dem deutschen Kaiserreich auch 
politisch verpflichtet. Aus Sicht des 
„Zionistischen Komitees“ lief dies den 
nationalen Ambitionen der Juden in 
Palästina zuwider. Man unterstellte 
dem „Hilfsverein“, deutschnationale 
Interessen durchsetzen und Hebräisch 
zum Unterrichtsfach degradieren zu 


wollen. Die jüdische Bevölkerung 
Palästinas stammte nach den ersten 
Einwanderungswellen vorwiegend 
aus Osteuropa und war konservati¬ 
ver, von Pogromen in ihrer Heimat 
geprägt, als die eher liberalen, oft aus 
idealistischen Gründen gekommenen 
Einwanderer aus Deutschland. Es 
kam zu Demonstrationen und Schul¬ 
boykotten, die bisherige Mittelschule 
des Vereins musste schließen. 

Der Sprachenstreit wurde mit dem 
Konzept einer „Hebrew Reali School“ 
beigelegt und Arthur Biram wurde 
anlässlich des Chanukka-Fests im De¬ 
zember 1913 in sein Amt als Direktor 



Arthur Biram beim Militär. 


28 


der Reali eingeführt. Das „Technion“ 
nahm erst 1924 seinen Betrieb auf. 
Biram publizierte seine „Leitsätze für 
die hebräische Realschule in Haifa“ 
am 3. Juli 1914 in „Die Welt“: „Wie 
alle Kinder sollen auch unsere Kinder 
etwas wissen und was sie wissen, als 
stets gegenwärtigen Besitz haben. 
Aber sie sollen es lebend ergreifen 
lernen, nichts Fertiges von uns hin¬ 
nehmen, sondern bei der Aufnahme 
und Aneignung lebendig mitwirken. 
Wie wir das Gewordene nie ohne das 
Werden zeigen, so sollen unsere Kin¬ 
der unter ihrer Hand und aus ihrem 
Mund die Dinge werden lassen, sollen 
Begriffe und Kenntnisse entstehen, 
aus ihrer geistigen und körperlichen 
Arbeit herauswachsen lassen.“ Die 
Schüler sollten ganzheitlich gebil¬ 
det werden. Neben der Vermittlung 
naturwissenschaftlich-technischer 
Kenntnisse, die zunächst im Mittel¬ 
punkt standen als Zugangsvorausset¬ 
zung für das Technion, legte Biram 
Wert auf eine humanistische Bildung 
einschließlich jüdischer und arabi¬ 
scher Geschichte und Kultur und auf 
die Entwicklung sozialer Kompeten¬ 
zen. Biram selbst lehrte Bibelkunde 
und antike Geschichte. 

Nach Ausbruch des Ersten Welt¬ 
kriegs trat Biram wie seine Brüder 
der deutschen Armee bei; er war zum 
Fronteinsatz in Russland und dien¬ 
te im deutsch-türkischen Korps in 
Palästina. In Afula, einem wichtigen 
Verkehrsknoten an der Damaskus- 
Haifa-Strecke, befehligte er den 



Arthur Biram (1928) führte eine 
umfangreiche Korrespondenz, bei¬ 
spielsweise mit Albert Einstein und 
dem aus Dresden stammenden Ban¬ 
kier Hans Arnhold (Albert Einstein 
Archives, The Hebrew University of 
Jerusalem; Einstein Papers Project, 
California Institute of Technology). 

Eisenbahnfahrdienst. Im September 
und Anfang Oktober 1918 schlugen 
alliierte Truppen, an deren Seite auch 
Zionisten aus Palästina wie Jaakow 
Dori kämpften, die Türken in diesem 
Gebiet. 

Nach dem Krieg vertrat Biram zu¬ 
nächst David Yellin am Hebräischen 
Lehrer-Kolleg in Jerusalem. Gro߬ 
britannien und Frankreich teilten die 
vormals osmanischen Provinzen im 
Nahen Osten unter sich auf. Palästina 
wurde britisches Mandatsgebiet, der 
Einfluss der deutschen Juden nahm 
ab. Die Verantwortung für die He¬ 
brew Reali School ging vom „Hilfs¬ 
verein der deutschen Juden“ auf das 
„Zionistische Komitee“ über. 

1920 kehrte Biram nach Haifa zurück, 
wo er wieder die Leitung der Reali 


29 


Vertrag bfi (Dürftet* fcn lwbtäifd)tn ftralfchulc ln jf*iifa, £*. 
am 19. Wai 

3m ttahmrn brr ©rranflaltungm bn 3cfaia:{ogr roirb brr befannir 
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päbagegtf<$rn Probleme unfetet 3 c i t unb ba« 
£ A u l n> r f e n in $ a I ä fH n a." Snflrf>örißf unb $rrunb< be» 
Wiifllirbn b»t 3efaia:9oge haben ju bem ©ertrag freien Eintritt. 

Ankündigung eines Vortrags von 
Arthur Biram in München vor 
der Jesaia-Loge, Bayerische isra¬ 
elitische Gemeindezeitung, 1931, 
Heft 10. Arthur Biram gehörte wie 
seine Geschwister Julius und Else 
Biram der jüdischen, Freimaurer¬ 
ähnlichen Organisation „B‘nai 
B‘rith“ an. Der Orden war 1843 in 
New York gegründet worden, um 
die Interessen der jüdischen Bürger 
zu vertreten und die jüdische Kultur 
zu fördern. B‘nai B‘rith ist mit 
seiner Logenstruktur ähnlich wie 
die Freimaurer organisiert und der 
Förderung von Toleranz, Humanität 
und Wohlfahrt verpflichtet. Darü¬ 
ber hinausgehende Beziehungen zur 
Freimaurerei bestehen jedoch nicht. 
Entgegen aller Verschwörungstheo¬ 
rien handelt es sich nicht um einen 
Geheimorden. Besonders mit der 
Zunahme antisemitischer Tenden¬ 
zen in den deutschen Freimaurer- 
Logen im späten 19. Jahrhundert 
verzeichneten die jüdischen Logen 
einen großen Zulauf. Sie öffneten 
sich zudem auch weiblichen Mitglie¬ 
dern. B‘nai B‘rith ist vor allem auch 
für seine karitativen Leistungen 
bekannt. Die „B‘nai B‘rith Youth 
Organization“ stellte Arthur Biram 
finanzielle Mittel für die israelische 
Tzofim-Jugendbewegung („Scouts“) 
zur Verfügung. 


übernahm. Die Briten bauten Haifa 
zur wichtigsten Stadt Palästinas aus. 
Gleichzeitig eskalierten die Konflikte 
mit den arabischen Palästinensern, 
weil die Briten jenen im Krieg ge¬ 
machte Versprechungen nicht einhiel¬ 
ten. Biram war Mitglied der Palestine 
Oriental Society, in der sich von 
1920 bis 1948 jüdische und arabische 
Intellektuelle trafen, und gehörte 
dem Jewish National Council („Vaad 
Leumi“) an. 1924 heiratete er seine 
Frau Hanna. 1920 war sie nach Haifa 
ausgewandert, wo sie an der Reali 
Sport lehrte. 

Biram setzte trotz des elitären An¬ 
spruchs sein Konzept einer „Arbeits¬ 
schule“ durch, in der auch manuelle 
Arbeit und Landwirtschaft unterrich¬ 
tet wurden. Dies war wesentlich für 
die Akzeptanz der Schule, denn viele 
der früh in Palästina eingewanderten 
Juden wollten hier Landwirtschaft 
betreiben. Als Schule mit Internat 
bot die Reali gute Möglichkeiten 
für Aktivitäten außerhalb des Un¬ 
terrichts. Biram war schon damals 
ein Anhänger der Ganztagsschule. 
Seine Versuche, den Schülern größere 
Mitbestimmungsrechte einzuräumen, 
scheiterten am konservativ gepräg¬ 
ten Lehrerkollegium. Ab 1924 wurde 
Unterricht bis zur 12. Klasse gegeben. 
Eine von Biram favorisierte noch 
engere Zusammenarbeit mit dem 
Technion, ggf. sogar eine Verschmel¬ 
zung, kam auch wegen akademischer 
Vorbehalte gegen Birams praxisorien¬ 
tierte Lehrkonzepte zulasten theore- 


30 



tischer Grundlagenvermittlung nicht 
zustande. Zudem bestanden gegen 
ihn persönliche Vorbehalte: Er galt 
bei der Mehrzahl russischer Einwan¬ 
derer, die außerdem von der Oktober¬ 
revolution geprägt worden waren, als 
zu „preußisch“. 

Biram gehörte dem „Eretz Israel“- 
Direktorium des Technions an, als 
Albert Einstein dort dem akademi¬ 
schen Rat Vorstand. Als Kuratori- 
umsmitglied am Technion konnte 
Biram die Zusammenarbeit mit der 
Reali maßgeblich beeinflussen. In den 
1930er Jahren wuchs die Schülerzahl 
der Reali im Zuge der verstärkten 
Einwanderung von deutschen Juden 
in Palästina auf 1147 Schüler in 34 
Klassen. Die Stadt und mir ihr die 
Hebrew Reali School dehnten sich 
immer mehr bis in das Gebiet des 
Mount Carmel aus. 

Besonderen Wert legte Biram auf 
die Erziehung zu moralischen Wer¬ 
ten und zum Patriotismus, auf den 
Schulsport und die Selbstverteidi¬ 
gung. Hinzu kam die vormilitärische 
Ausbildung. Nach antijüdischen 
Ausschreitungen in Hebron initiierte 
Biram 1937 an der Reali das „Hagam- 
Programm“ zur physischen Ertüchti¬ 
gung und machte die vormilitärische 
Ausbildung nun auch für Mädchen 
obligatorisch. Das Programm war 
Vorbild für die zionistische Schulaus¬ 
bildung im ganzen Land. Die Schüler 
wurden in die paramilitärische Orga¬ 
nisation „Hagana“ unter Jaakow Dori, 





Dem Schulsport galt Birams beson¬ 
dere Aufmerksamkeit. Damit wurde 
das im Zionismus propagierte 
„Muskeljudentum“ Realität. Foto: 
Gymnastikübung auf dem Gelände 
der Hebrew Reali School im Jahre 
1938, Wikimedia Commons, Uni- 
versity of Haifa, Younes & Soraya 
Nazarian Library, OpenGLAM. 

einem Reali-Absolventen und später 
erstem israelischen Generalstabschef, 
integriert. 

1936 bezog Biram sein Haus Eder 
Street 17 im Stadtteil Ahuza im 
Carmel-Gebiet. Shlomo Dostrovs- 
ky und Yaakov Green hatten es im 
Bauhaus-Stil errichtet. Es lag unweit 
des Bodenheimer-Sanatoriums, das 
seine Schwester Else Biram zusam¬ 
men mit ihrem Mann führte und zu 
dessen Leitungsgremium auch Arthur 
Biram gehörte. 

Zu Birams bekanntesten Schülern 
zählten Ezer Weizmann, Verteidi¬ 
gungsminister und langjähriger isra¬ 
elischer Präsident, und der Archäo¬ 
loge Avraham Biran. Ein großer Teil 
der Lehrerschaft der Reali und auch 


31 



Schüler beteiligten sich im Zweiten 
Weltkrieg in einer jüdischen Brigade 
der britischen Armee am Kampf ge¬ 
gen die faschistischen Achsenmäch¬ 
te und nahmen an den folgenden 
gewaltsamen Auseinandersetzungen 
um die Unabhängigkeit eines Staa¬ 
tes Israel teil. Unter ihnen war auch 
Birams älterer Sohn, Aaron. 1948, im 
Jahr der Gründung des Staates Israel, 
emeritierte Biram. Joseph Bentwich 
folgte ihm als Direktor. 

Seine Funktion als Kuratoriumsvor- 
sitzender des Technions behielt Biram 
bis 1956. Als Direktor des „Teachers’ 
Training Seminary of the Reali 
School“ widmete er sich weiterhin 
der Lehrerausbildung. 1953 gründete 
Biram auf dem Mount Carmel zu¬ 
sammen mit Premierminister David 
Ben-Gurion ein Militärinternat, 
das damals nach seinem zwei Jahre 
zuvor ums Leben gekommenen Sohn 
„Aaron Biram Military Academy“ 
genannt wurde und heute als „IDF Ju¬ 
nior Command Preparatory School“ 
geführt wird. 1955 ernannte ihn der 
IDF-Offiziersclub zum Ehrenmit¬ 
glied. Mit Ben-Gurion stand Biram in 
wiederholtem Kontakt. So besuchte 
er mit ihm 1963 die Hebrew Reali 
School anlässlich der Feier zu deren 
50-jährigen Bestehen. 

Biram schrieb mehrere Bücher zur 
Geschichte des Judentums und der 
Bibel, darunter die mehrbändige 
„Geschichte Israels in der Zeit der 
Bibel, im Rahmen der Geschichte des 


Alten Orients“. Insgesamt verfasste er 
etwa 50 Publikationen in Hebräisch, 
Englisch, Deutsch und Arabisch. 

Seine Verdienste um die neue Hei¬ 
mat, insbesondere beim Aufbau des 
Bildungswesens, wurden 1954 mit 
dem Israel-Preis, der höchsten Aus¬ 
zeichnung seines Landes, und 1964 
mit dem Ehrendoktor der Hebrew 
University of Jerusalem sowie zusam¬ 
men mit Martin Luther King einem 
Ehrengrad des „Jewish Theological 
Seminary“ in den USA gewürdigt. 

Arthur Biram verstarb am ersten Tag 
des „Sechstagekriegs“ von 1967. Die 
von ihm gegründete Hebrew Reali 
School mit über 20.000 Absolventen 
in den ersten hundert Jahren ihres 
Bestehens erwarb sich den Ruf einer 
Kaderschmiede der israelischen 
Armee. Sie wird heute von etwa 4000 
Schülern unterschiedlicher ethnischer 
Gruppen einschließlich arabischer 
Schüler besucht und ist auf mehre¬ 
re Standorte im Stadtgebiet (Hadar, 
Ahuza, Carmel) verteilt. Stipendien 
ermöglichen den Besuch der semi¬ 
privaten Schule auch für Kinder aus 
einfachen Verhältnissen. Der High 
School-Zweig der Hebrew Reali 
School „Beit Biram“ in Ahuza und 
eine Hauptstraße zwischen dem Tech- 
nion-Israel Institute of Technology 
und der Universität Haifa im Carmel- 
Gebiet tragen Birams Namen. Die 
israelische Post würdigte das hundert¬ 
jährige Jubiläum der Schulgründung 
im Jahre 2013 mit einer Sonderbrief¬ 
marke. 


32 




An die Familie Biram erinnern heute in Sachsen die Gräber der Großeltern 
von Arthur und Else auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Dresden-Jo¬ 
hannstadt (links: Salomon, t!887; rechts: Johanna, t!896). 


Quellen: S. 412 ff. 


33 








Die Biram-Geschwister, Dresden oder Berlin in den 1890er Jahren. 

Quellen: Mitteilungen von Juan Moser und Renate Biram; Else Biram: Dissertation, 1917; Stadtarchiv Bi¬ 
schofswerda; Adressbücher von Dresden, Berlin; Marie-Luise Zürcher: „Der erste Arzt der Gartenstadt“. 
Gartenstadt-Genossenschaft Mannheim eG, Mitgliederzeitung, 5/2005; digi.ub.uni-heidelberg.de; Report 
of the Executive Committee of the Constitution Grand Lodge Independent Order of Bnai Brith, 1916; 
Yotam Hotam, Joachim Jacob: „Populäre Konstruktionen von Erinnerung im deutschen Judentum und 
nach der Emigration“. Vandenhoeck & Ruprecht, 2004; Gilbert Herbert, Silvina Sosnovsky: „Bauhaus on 
the Carmel and the crossroads of empire: architecture and planning in Haifa during the British mandate“. 
Yad Izhak Ben-Zvi, 1993; World Zionist Organization: „Report on Activities“. 1937; „La Mujer judia: 
publicaciön dedicada a la memoria de la Sra. Adele Eshel (Q.E.P.D.)“. Institute Stephen Wise, Congreso 
Judio Mundial, 1959; Luise Hirsch: „From the Shtetl to the Lecture Hall: Jewish Woman and Culture Ex¬ 
change“. University Press of America, 2013; Volker Kirchberg: „Visitor Studies in Germany. Past, Present, 
and Potential“; Amira Kahat, University of Haifa; David Tidhar: „Encyclopedia of Founders and Builders 
of Israel“. 1963 



Biram, Else (Elsa Sara) 

Dr. phil., jüdische Kultursoziologin 
07.02.1883 Bischofswerda - 16.07.1966 Haifa 

V: Adolph Rudolph (*30.3.1850 Liegnitz, f9.6.1915), Textilkaufmann in Bischofswerda, Dresden, 
Berlin und Frankfurt/O.; M: Eva geh. Neufeld (* in Schrimm/Posen, t21.3.1921), Schwester des 
Unternehmers Hermann Neufeld in Grimma; Grab der Eltern vermutlich Jüdischer Friedhof 
Frankfurt/O. / Slubice - 1976 zerstört; G: Arthur (*13.8.1878 Bischofswerda, 15.6.1967 Haifa, 

Dr. phil., Gründer der Hebrew Reali School in Haifa, Träger des Israel-Preises, Ehe mit Hanna 
geb. Thomaschewsky aus Königsberg), Gertrud (*11.7.1879 Bischofswerda, früh verstorben), 
Julius (*4.11.1881 Bischofswerda, t5.7.1916, Ehe mit Emmy geb. Hartwig/Samuel aus Aachen, 3 
Kinder, Hardenberg-Loge Frankfurt/O., im Ersten Weltkrieg gefallen, Gedenkstein in Slubice), 
Max Moritz (*30.3.1884 Bischofswerda, JT6.7.1945 Haifa, Ehe mit Margarethe geb. Neufeld aus 
Grimma, Manager im Bodenheimer-Sanatorium Haifa), Fritz (*1.10.1888 Dresden, Ehe mit 
Alice geb. Beer aus Naugard/Pommern, nach den Olympischen Spielen 1936 über Belgien und 
Uruguay nach Argentinien geflohen, Kaufmann in La Lucila/Buenos Aires); E: 24.2.1914 Berlin, 
Wilhelm Lion Bodenheimer (*27.1.1890 Darmstadt, t Juli 1980 Haifa, Großcousin von Lion 
Feuchtwanger, studierte 1909 in Zürich und bis 1913 in Heidelberg Medizin, Dr. med., erster 
Arzt der Gartenstadt Mannheim, leitete ein Sanatorium in Haifa, 1957 wieder in Deutschland 
eingebürgert, 1965 wohnhaft in Tel Aviv); K: Ricka (*1915 Mannheim, Krankenschwester, Ehe 
mit Arieh Levavi, als israelischer Botschafter nach der Entführung von Adolf Eichmann 1960 
aus Argentinien ausgewiesen, während des Sechstagekriegs Außenminister), Adolf Rudolf/ 

Rudi (*1917 Mannheim, Hotelschule in der Schweiz, 1941-1945 englischer Militärdienst, lebte 
20 Jahre in Rom und leitete das Excelsior in der Via Veneto, Manager des King David Hotels 
von Yekutiel Federmann in Jerusalem und des Jerusalem Plaza Hotels, 1975 Gründung des CP 
Plaza Frankfurt/M., nach 1980 Pächter des Hotels Primus in Frankfurt-Sachsenhausen), Peter 
Josef/Gad (*1920 Mannheim, J2006 Haifa, Angestellter im Bodenheimer-Sanatorium, Leiter des 
Dagon-Lagerhauses im Hafen von Haifa, spielte und unterrichtete Musik) 

Else Biram zog mit ihren Eltern und 
Geschwistern um 1885 von ihrer 
Geburtsstadt Bischofswerda nach 
Dresden, wo der Vater mit Salomon 
WolfF, einem Schwager aus Löbau, 
ein Geschäft betrieb. Sie besuchte in 
Dresden und nach dem Umzug der 
Familie von 1895 bis 1898 in Berlin 
die Schule. Anschließend erwarb sie 
hier drei Jahre lang kaufmännische 
Praxis im Bekleidungsgeschäft ihres 
Vaters in der Neuen Friedrichstraße 
78. Um 1903, nachdem sein Ge¬ 
schäftspartner Wolff gestorben war, 


verkaufte der Vater das Geschäft in 
Berlin und ging als Kaufmann nach 
Frankfurt/Oder. 1904 setzte Else 
Biram gegen den Willen ihrer Eltern 
in Berlin die Ausbildung fort und be¬ 
legte bei der Frauenrechtlerin Helene 
Lange „Gymnasialkurse für Frau¬ 
en“, in denen sie sich auf das Abitur 



Hcrrcnklc] de r - Fuhrt k 


Briefkopf der väterlichen Firma. 


35 




Frankfurt/Oder war seit dem Umzug aus Berlin im Jahre 1903 Lebensmit¬ 
telpunkt der Familie Biram. Der Vater ist im Adressbuch von 1906 als Kauf¬ 
mann im Geschäft Kayser & A. Sickler, Große Scharrnstraße 47, angegeben. 
Die Familie war damit in einer der wichtigsten Geschäftsstraßen Frank¬ 
furts ansässig. Auch der Sohn Fritz (Salomon Friedrich) arbeitete hier. Im 
Zusammenhang mit den Ausbürgerungen und Enteignungen zur Nazizeit 
werden aus der Familie Biram aufgeführt: Emmy verw. Biram (*6.2.1885) 
mit Hanna (*8.2.1910 Sulzbach) und Hans (*25.3.1913 Frankfurt), die Brü¬ 
der Max und Fritz mit Frau Alice (*30.5.1899) sowie Ingeborg (*25.9.1922 
Frankfurt) und Marianne (*17.6.1927 Frankfurt). In „The Conference on 
Jewish Claims against Germany“ wird Emmy Biram geh. Samuel mit Bezug 
auf die Große Scharrnstraße 61 und 44 (Fa. Paul Loewenthal) genannt. 


vorbereitete. Ihren Lebensunterhalt 
verdiente sie selbst als Büroangestell¬ 
te. 1909 legte Biram am Realgymna¬ 
sium Charlottenburg das Abitur als 
externer Prüfling ab. Anschließend 
studierte sie in Freiburg, Berlin, 
München und von 1911 bis 1913 in 
Heidelberg Nationalökonomie sowie 
Jura, Kunstgeschichte und Sozial¬ 
wissenschaften. Auch ihren späteren 
Mann, den Mediziner Wilhelm Lion 
Bodenheimer, lernte sie in Heidelberg 
kennen. 


Biram war schon im Elternhaus im 
Sinne des Zionismus erzogen worden. 
So gehörten ihr Vater und ihr Bruder 
Arthur Biram in Berlin und später 
in Frankfurt/Oder dem „Verein zur 
Unterstützung ackerbautreibender 
Juden in Palästina und Syrien“ an. 

Else Biram selbst besuchte 1909 den 
9. Zionistenkongress in Hamburg 
und engagierte sich in zionistischen 
Studentenkreisen. 

Am 15. Dezember 1913 bestand 
Biram in Heidelberg ihre mündliche 


36 




























Doktor-Prüfung. Zuvor hatte sie in 
Mannheim umfangreiche Datenerhe¬ 
bungen zur Kulturrezeption der Be¬ 
völkerung durchgeführt. Mithilfe von 
etwa 12000 Fragebögen sowie vielen 
Interviews und der Unterstützung des 
Mannheimer Museumsdirektors Fritz 
Wiehert erfasste sie die verschiedenen 
kulturellen Aktivitäten. 

Nach dem Studium folgte Biram Wil¬ 
helm Bodenheimer nach Mannheim. 
Jener arbeitete als Assistenzarzt am 
städtischen Krankenhaus, übernahm 
aber gleichzeitig aus ideeller Verbun¬ 
denheit auch die ärztliche Betreuung 
der 1910 gegründeten Gartenstadt. 

1914 publizierte Bodenheimer- 
Biram „Die jugendliche Arbeiterin“ 
in der „Zeitschrift für Kinderpflege“. 

1915 zogen sie und ihr Mann in die 
Gartenstadt. 1916 übernahm Biram 
die Leitung des städtischen Wohl¬ 
fahrtsamtes für straffällige Mädchen 
in Frankfurt/Main. In dieser Zeit 
stand sie auch in Verbindung mit Sa- 
lomon Altmann, inwischen Professor 
an der Handelshochschule Mann¬ 
heim, den sie als Privatdozenten für 
Nationalökonomie aus ihrer Heidel¬ 
berger Zeit kannte. 

Während des Ersten Weltkriegs hatte 
Elses Mann Dienst im Mannheimer 
Lazarett. Ihre Brüder dienten in der 
deutschen Armee. Einer von ihnen, 
der ein reichliches Jahr ältere Julius, 
fiel 1916, Fritz geriet 1915 in franzö¬ 
sische Kriegsgefangenschaft und Max 
wurde verwundet. 


1917 verteidigte Else ihre Dissertati¬ 
on „Kunstpflege im 19. Jahrhundert“ 
in Heidelberg bei Alfred Weber. Die 
Arbeit bestand aus zwei Teilen. Im 
Teil „Öffentliche Kunstpflege“ stellte 
die Autorin die Epochen „Höfisch“ 
(großherzogliche Kunstsammlun¬ 
gen), „Bürgerlich“ (Kunstvereine) und 
„Kommunal“ (Kunsthallen, Ausstel¬ 
lungen, Popularisierung) gegenüber. 
Im Teil „Erlebniszentren der Bevöl¬ 
kerungsschichten“ thematisierte sie 
Führungen, Lesen, Schaulust, Besitz 
und Dilettantismus. Ihre Arbeit 
erschien 1919 auch bei Eugen Diede- 
richs in Jena als Teil der Abhandlung 
„Die Industriestadt als Boden neuer 
Kunstentwicklung: bildende Kunst 
und modernes Leben, öffentliche 
Kunstpflege, Erlebniszentren der 
Bevölkerungsschichten, Entfaltung 
produktiver Kräfte auf dem Boden 
des organisierten Industriezentrums“ 
in den „Schriften zur Soziologie der 
Kultur“. Biram hatte mit ihrer em¬ 
pirischen Soziologie in Deutschland 
Neuland betreten, ohne für ihre Pi- 



Familie Bodenheimer (vermutlich 
in Mannheim mit ihrem Sohn Gad). 


37 


onierleistung angemessen gewürdigt 
worden zu sein. 

1918 ließ sich Birams Mann, der im 
Jahr zuvor in Heidelberg „Ueber die 
Beziehungen zwischen Sauerstoff¬ 
verbrauch und Tätigkeit des Frosch¬ 
herzens“ promoviert hatte, mit einer 
eigenen Arztpraxis in der Gartenstadt 
Mannheim nieder, Else führte die 
Geschäfte. 

Vor dem Hintergrund der wach¬ 
senden Einwanderung in Palästina 
schrieb Biram zu „Kunsterziehungs¬ 
fragen“ in „Der Jude“ (1921/22). Sie 
erhoffte sich aus Palästina neue Im¬ 
pulse für die Kunstbetrachtung und 
sah die Kunst als wichtigen Bestand¬ 
teil der zionistischen Erziehung der 
Kinder an: „Die Erziehung zur Kunst 
hat schon in der Schule einzusetzen, 
sie muß sich zur Aufgabe machen, 
Kinder zu gestaltenden Menschen zu 
bilden, sie schaffen zu lehren, nicht 
ihnen von Kunst zu sprechen“. Biram 
argumentierte in diesem Artikel auch 
gegen Paul Zucker, dessen Hoff¬ 
nungen auf Palästina sie zwar teilte, 
dessen vor allem auf Erwachsenenbil¬ 
dung orientiertem Konzept sie aber 
widersprach. Ihr Unterrichtsprinzip 
einer „Arbeitsschule“, des Lernens 
durch selbstständiges und praktisches 
Aneignen statt durch bloße Rezepti¬ 
on, gehörte ebenso zu den Leitlinien 
der Hebrew Reali School unter Elses 
Bruder Arthur Biram. Deutlich 
wurde im Artikel „Kunsterziehungs¬ 
fragen“ auch Else Birams Absage an 


einen neuen Individualismus. Sie 
sah die Zukunft im gemeinschaftli¬ 
chen Handeln. Das Kunsthandwerk 
sollte aus der in Gemeinschaften neu 
erblühenden Werkarbeit erwachsen. 

In der Gartenstadt Hellerau sah sie 
ein Vorbild für die Gründung von 
Handwerkergemeinden in Palästina 
und für die Qualitätsarbeit. 

Biram gehörte in Mannheim mit ih¬ 
rem Mann zu den aktiven Mitgliedern 
der jüdischen Gemeinde. Zusammen 
mit dem Rabbiner Max Grünewald 
gründete sie ein jüdisches Lehrhaus, 
wo Erwachsene zum jüdischen Leben 
in Europa und Palästina, zu sozialen 
Themen, zum Chassidismus und zu 
Siedlungsfragen unterrichtet wurden. 
1930 unternahm Biram mit anderen 
Wissenschaftlern im Rahmen des 
Kartells Jüdischer Verbindungen eine 
Reise nach Palästina. 1931/32 verfass¬ 
te sie in der Zeitschrift „Die lebendige 
Stadt“ den Artikel „Der Waldhof“. 
Auch in der „Israelitischen Gemein¬ 
dezeitung“ von Mannheim erschienen 
Beiträge von ihr. Dr. Bodenheimer 
war in der Gartenstadt vor allem in 
der Arbeiterschaft hoch angesehen. 
Wenn nötig, behandelte er die Pati¬ 
enten kostenlos. Nach der Machter¬ 
greifung durch die Nationalsozialisten 
verlor er seine Zulassung, auch ihr 
Zuhause, seit 1925 „Am Grünen Hag 
2“, musste die Familie aufgeben. In 
der Gartenstadt-Genossenschaft hat¬ 
ten linientreue Nazis das Sagen. Ein 
Selbstmordversuch von Elses Mann 
schlug fehl. 


38 




Haifa 1935. Bedingt durch wirtschaftliche Großprojekte wie den Hafen und 
durch die massenhafte Flucht aus Deutschland nach 1933 wuchs die Ein¬ 
wohnerzahl rasch an. Allein zwischen 1931 und 1936 verdoppelte sie sich 
auf 100.000, gleichzeitig erhöhte sich der Anteil der jüdischen Bevölkerung. 


Im Frühjahr 1933 verließ die Familie 
Deutschland in Richtung Haifa, wo 
Elses Bruder Arthur Biram die He- 
brew Reali School leitete. Else wirkte 
zwei Jahre als Sozialarbeiterin. 1935 
gründete sie mit ihrem Mann und 
ihrem Bruder Max ein Sanatorium 
in Haifa-Ahuza im Carmel-Gebiet. 
Es wurde von Richard Kaufmann 
im Stil des Bauhauses errichtet. Zur 
Einweihung am 30. August kamen 
der britische Administrator Edward 
Keith-Roach und der arabische Bür¬ 
germeister Hassan Bey Shukri. Die 
Familie Bodenheimer wohnte auch 
im Sanatorium. Den ursprünglichen 
Plan, eine Klinik zu gründen, hat¬ 
ten sie auf Rat von Theodor Zlocisti 


fallengelassen. Jener war in Berlin 
einer der engsten Mitstreiter von 
Arthur Biram in der zionistischen 
Bewegung gewesen, später über seine 
Frau Hulda mit ihm verschwägert 
und als Mediziner und Schriftsteller 
in Palästina vor allem in der Klimato¬ 
logie bekannt. 

Das Bodenheimer-Sanatorium ver¬ 
band Meeresnähe mit Höhenlage, war 
mit moderner Medizintechnik aus¬ 
gestattet und bot den Privatpatienten 
eine Vielzahl physiotherapeutischer 
Leistungen. An Tuberkulose erkrank¬ 
te Kinder konnten sich hier erholen. 
Dem Direktorium gehörten neben 
den geschäftsführenden Wilhelm 


39 




Das Bodenheimer-Sanatorium 
(Foto: Fritz Biram, 1936/37) befand 
sich auf dem Mount Carmel in einer 
Höhe von 330 Metern. Es war umge¬ 
ben von einem Naturpark mit einem 
Pinienwald. Man rühmte seinerzeit 
den Blick über die Ausläufer des 
Carmel bis zum Meer. 

Bodenheimer und Max Biram auch 
Arthur Biram, Benno Lewy, Albert 
Goldberg und Theodor Zlocisti an. 
1937 wurden die Bodenheimers 
eingebürgert. Else sammelte für den 
Jüdischen Nationalfonds, in dessen 
Auftrag sie 1936/37 Frankreich, die 
Schweiz und mehrere Balkanstaaten 
bereiste, Spenden für Umwelt- und 
Wasserprojekte und leitete „Irgun 
Olei Merkaz Europa“, eine Organi¬ 
sation der aus Mitteleuropa einge¬ 
wanderten Juden. Sie war Mitglied 
der Liberalen Partei, in der Zionisten 
versuchten, sich unabhängig von den 
politischen Strömungen zu engagie¬ 
ren. Biram unterstützte auch dort vor 
allem die Einwanderer in Palästina. 

Zu den bekanntesten Patienten in 
Bodenheimers Sanatorium gehörten 
Arnold Zweig, der sich hier von den 


Anstrengungen um seine Anfang 
des Zweiten Weltkriegs in Palästina 
geschriebene „Dialektik der Alpen; 
Emigrationsbericht oder Warum wir 
nach Palästina gingen“ erholte, und 
Leonard Bernstein. Ab 1944 war Else 
Biram alleinige Geschäftspartnerin 
ihres Mannes. Mit dem Religions¬ 
philosophen Martin Buber waren 
sie befreundet. 1949 wurde die Ehe 
geschieden. Das Sanatorium schloss 
1955 aus wirtschaftlichen Gründen. 

Else Biram war Mitglied der Or¬ 
ganisation B‘nai Brith. Sie gehörte 
dem allgemeinen Komitee an, leitete 
15 Jahre den Tourismusausschuss 
und sammelte in Israel, Europa und 
Südamerika, wo sie sich von 1947 bis 
1949 aufhielt, Spenden für ein von 
B‘nai B'rith gegründetes Altersheim 



Else Bodenheimer-Biram. 


40 





Blick über Ahuza zum Carmel Medical Center. Rechts unterhalb des Hoch¬ 
hauses von Mishan liegt das inzwischen um eine Etage aufgestockte, ehema¬ 
lige Bodenheimer-Sanatorium. Foto: Yaakov Schatz (Wikimedia Commons, 
Lizenz CC BY-SA 3.0) 


in Haifa. An der Organisation der Ge¬ 
neral Convention vom 25. bis 29. Mai 
1959 in Jerusalem war sie maßgeblich 
beteiligt. 

Biram blieb auch in Israel publizis¬ 
tisch tätig. So verfasste sie beispiels¬ 
weise Beiträge zum Verhältnis von 
Liberalismus und Sozialismus. 1959 
publizierte sie beim Jüdischen Welt¬ 
kongress zur Gleichberechtigung der 
Frauen in Israel. 


Seit 2005 sind Mannheim und Haifa, 
die beiden wichtigsten Lebenssta¬ 
tionen Birams, Partnerstädte. Das 
ehemalige Sanatoriumsgebäude, Eder 
Street 12, wurde erweitert und im Stil 
der 1930er Jahre saniert. Es ist heute 
Teil einer Residenzanlage, deren 
Betreiber Mishan zu Hevrat HaOv- 
dim gehört, einem Unternehmen des 
1920 von David Ben-Gurion in Haifa 
gegründeten Gewerkschafts-Dachver¬ 
bandes Histadrut. 


41 





Heinrich August Blochmann begann seine Berufslaufbahn im Rittergut 
Großseitschen bei Bautzen, das er 1807 vermutlich im Zusammenhang mit 
seiner Heirat pachtete. 


Quellen: William Lobe: „Blochmann, Heinrich August“ und Artikel zu 2 Brüdern, Allgemeine 
Deutsche Biographie, Bd. 2,1875, S. 708-712; Friedrich August Schmidt, Bernhard Friedrich 
Voigt: „Neuer Nekrolog der Deutschen“. 29. Jg., Teil 2, 1851, S. 948-951; Herbert Zeißig: „Eine 
Deutsche Zeitung. 200 Jahre Dresdner Anzeiger“. 1930; Johann Christian Crell: „Curiosa Saxo- 
nica“. 1750; Adolf Schulz: „Gottlieb Sigismund Blochmann. Pfarrer in Reichstädt 1784 bis 1798“. 
Reichstädter Nachrichten, April 2001, S. 4-5; Herbert Schönebaum: „Blochmann, Karl Justus“. 
Neue deutsche Biographie, Bd. 2, 1955, S. 307-308; Julius Kühn: „Das Studium der Landwirth- 
schaft an der Universität Halle“. Plötzsche Buchdruckerei Halle, 1888; Heinrich Gerd Dade: „Die 
deutsche Landwirtschaft unter Kaiser Wilhelm II.“ C. Marhold Halle, 1913; Münchener politi¬ 
sche Zeitung, 1836; Deutsche Vierteljahrs-Schrift, Cotta, 1853; Ludwig Friedrich Gottlob Emst 
Gedike: „Lectionsplan des Bauzner Gymnasiums“. Monse Bautzen, 1802; gedbas.genealogy.net; 
germanyroots.com; myheritage.de; Kirchenbücher Hochkirch; Adressbücher der Stadt Dresden; 
Amtlicher Bericht Versammlung deutscher Land- und Forstwirthe in Dresden, 1838; Holger 
Starke: „Vom Brauerhandwerk zur Brauindustrie: die Geschichte der Bierbrauerei in Dresden 
und Sachsen 1800-1914“. Böhlau Verlag, 2005 










Blochmann, Heinrich August 

Landwirtschaftsreformer 

12.02.1787 Reichstädt - 08.12.1851 Friedrichstal 

V: Gottlieb Sigismund (*5.9.1750 Lauban, (12.8.1798 Reichstädt), Sohn des Bürgermeisters 
Johann Ehrenfried Blochmann, Hauslehrer bei der Familie Bücher in Dresden, Pfarrer in 
Podrosche und Reichstädt; M: Henriette Juliane geb. Bücher (Tochter eines Dresdner Advo¬ 
katen, *22.5.1759 Dresden, t November 1813 Dresden während einer Epidemie im Kriegs¬ 
jahr); G: 3 Schwestern, 7 Brüder, darunter 3 früh verstorbene Geschwister, Rudolf Sigismund 
(*13.12.1784 Reichstädt, (21.5.1871 Dresden, Vorstand der mechanischen Werkstätten von 
Joseph von Fraunhofer in Benediktbeuren, Inspektor des mathematisch-physikalischen Salons 
Dresden, Pionier der Kanalisation in Dresden und der Gasbeleuchtung in Deutschland, plante 
für die Ökonomische Gesellschaft im Königreiche Sachsen den Vorläufer der TH Dresden, sein 
Sohn Georg Moritz errichtete Stadtgasanstalten in Bautzen und Zittau), Karl Justus (*19.2.1786 
Reichstädt, (31.5.1855 Genf, Pädagoge bei Johann Heinrich Pestalozzi, gründete in Dresden 
mit Unterstützung von Detlev von Einsiedel und König Friedrich August dem Gerechten eine 
Privatschule, stellte 1838 Julius Adolph Stöckhardt als Lehrer ein, verheiratet mit einer Schwester 
des Malers Julius Schnorr von Carolsfeld), Friederike Juliane Elise (*22.3.1788), Ernst Ehrenfried 
(*27.6.1789 Reichstädt, (15.1.1862, gründete in Dresden die Blochmannsche Druckerei, die den 
Dresdner Anzeiger produzierte, sein Sohn Heinrich Wilhelm Clemens stiftete die Buchdruckerei 
ergänzend zur Dr. Güntzschen Stiftung, der Sohn Heinrich Ferdinand war Orientalist in Kalkut¬ 
ta, die Tochter Clementine heiratete den Fotografen Hermann Krone), Ferdinand (*1.7.1791), 
Wilhelm (29.3.1793-1.4.1793), Adolph (*2.4.1794), Juliane Friederike Caroline (*18.7.1795), 
Moritz (*18.9.1796), Wilhelmine Juliane (24.2.1798-1829, verheiratet mit Alexandre Philippe 
Lavit aus Genf, Theologe und französischer Sprachlehrer, besuchte bei ihrem Bruder Karl Justus 
in Yverdon das Töchterinstitut und arbeitete an dessen Dresdner Schule als Lehrerin); E; 1807, 
Christiane Dorothea geb. Frömmelt (1788-1864); K: Emilie Agnes (* vor 1819; (1822 Laus- 
ke), Juliane Auguste Ottilie (1819-1881, verh. mit Pastor Karl Jentzsch in Audenhain), Bertha 
(*28.8.1820 Lauske, (24.2.1901 Zelazne, verh. mit Eduard Friedrich von Rechenberg), Carl Emil 
(*1822 Lauske, Gutsbesitzer in Naundorf bei Torgau), 2 weitere Töchter 


Blochmann entstammte einer pro¬ 
testantischen böhmischen Familie. 

Ein Heinrich Blochmann hatte 1556 
die Heimat aus religiösen Gründen 
verlassen und war ins Riesengebirge 
geflohen. Dessen Nachkommen in 
Löwenberg und Hirschberg mussten 
das zwischenzeitliche Zuhause wieder 
aufgeben und siedelten sich im kur¬ 
sächsischen Lauban an. Hier konnten 
sie sich erfolgreich etablieren. Johann 
Siegmund Blochmann, 1674 in Lö¬ 


wenberg geboren und 1756 in Lauban 
gestorben, war Stadtrichter und wie 
sein Sohn, Heinrich Augusts Gro߬ 
vater Johann Ehrenfried Blochmann, 
Bürgermeister. Der 1777 in Lauban 
geborene Cousin Johann Christian 
Ehrenfried Leberecht Blochmann 
erwarb sich in Danzig einen Namen 
als Dichter. Blochmanns Vater war 
Pfarrer im erzgebirgischen Reich¬ 
städt bei Dippoldiswalde und wegen 
seiner Wohltätigkeit hoch angesehen. 


43 



Julius Schnorr von Carolsfeld hat ihn 
später gezeichnet, wie er die Strümp¬ 
fe von seinen Füßen streifte, um sie 
einem Bedürftigen zu schenken. Nach 
dem frühen Tod ihres Mannes zog 
Blochmanns Mutter mit den Kindern 
zu Verwandten nach Dresden, wo 
sie Französisch und Handarbeiten 
unterrichtete und künstliche Blumen 
herstellte. Heinrich August wurde 
zusammen mit seinem Bruder Karl 
Justus Blochmann auf das Gymnasi¬ 
um in Bautzen geschickt. Ermöglicht 
hatte dies Johann Wilhelm Prentzel, 
ein Verwandter. Rektor in Bautzen 
war Ludwig Gedike. 

Da er sich besonders für die Natur in¬ 
teressierte, entschied sich Blochmann, 
ohne das Gymnasium abzuschließen, 
1802 für eine landwirtschaftliche 
Ausbildung in Friedersdorf am Queis. 
1807 pachtete er das Rittergut Groß- 
seitschen. Nach einer zwischenzeitli¬ 
chen Tätigkeit als Inspektor des Gutes 
Kleinförstchen übernahm Blochmann 
1815 die Inspektion der gräflich 
Breßler‘schen Güter in der Oberlau¬ 
sitz und in Schlesien. Dabei han¬ 
delte es sich um einen bedeutenden 
Komplex von 23 Höfen einschließlich 
zweier Herrschaften und eines Vor¬ 
werks. Während dieser Zeit wohnte er 
in Lauske. 1825 übernahm er die Ver¬ 
waltung des Rittergutes Zschocha am 
Queis. Sein erfolgreiches Wirken trotz 
der Schwierigkeiten der Nachkriegs¬ 
jahre verhaft Blochmann zu einem 
ausgezeichneten Ruf bis weit über die 
Grenzen der Oberlausitz hinaus. 


Althergebrachte Besitz- und Abhän- 
gigkeitsverhältnisse auf dem Land 
wie Fron- und Abgabelasten sowie 
herrschaftliche Nutzungsrechte von 
Grund und Boden behinderten die 
Entwicklung der sächsischen Land¬ 
wirtschaft. Unter Anton dem Gütigen, 
seit 1827 König, wurden Reform¬ 
versuche unternommen. Ab 1829 
gehörte Blochmann einer Kommissi¬ 
on zur Entwicklung eines Verfahrens 
für die gleichmäßige Besteuerung von 
Grundeigentum an. In der Schrift 
„Geschäftsanweisung für die behufs 
einer Besteuerung versuchsweise aus¬ 
zuführende Abschätzung des Grund¬ 
eigenthums im Königreiche Sachsen“ 
legte er in 12 Abschnitten die Ab¬ 
schätzungsgrundsätze bei Ackerbau, 
den Wiesen, Weiden, Grasländereien, 
Gärten, Obst- und Holzpflanzungen, 
Waldungen, Weinbergen, Teichen, 
der Fischerei, Jagd, den Berg- und 
Hüttenwerken, Stein- und anderen 
Brüchen, Gruben, Zinsen, Lehngel¬ 
dern, Deputaten, Frondiensten und 
Gebäuden sowie Vorschriften für 
die Dokumentation dar. Die Schrift 
erschien bei Meinhold in Dresden, wo 
seinerzeit Blochmanns Bruder Ernst 
Ehrenfried eine leitende Stellung inne 
hatte. 1830 wurde Heinrich August 
Blochmann zum Kommissionsrat 
ernannt. Er wohnte zu jener Zeit in 
Dresden in der Großen Plauenschen 
Gasse unweit der von seinem Bruder 
Karl Justus gegründeten Schule. 

Die Verfassung von 1831 und das 
Gesetz über die Ablösung der feuda- 


44 



Ablösungen und 
Gemeinheitsteilungen 

Bruno Barthel schrieb 1907 in 
„Altes und Neues aus Groß- und 
Kleindrebnitz“ mit Bezug auf die 
Wirkungen des von Blochmann mit¬ 
verfassten Gesetzes über „Ablösun¬ 
gen und Gemeinheitsteilungen“, das 
Sachsens Bauern bis 1852 schrittwei¬ 
se von vielen Frondiensten und Ab¬ 
gaben befreite: „Nachdem alle diese 
Ablösungen geordnet waren, wur¬ 
den die Grundstücksbesitzer hier 
und andernwärts eigentlich erst freie 
Herren ihres Eigentums und hatten 
nun ein ganz anderes Interesse an 
der Verbesserung desselben wie 
früher. Deshalb wurde dadurch auch 
ein gewaltiger Fortschritt in der 
sächsischen Landwirtschaft einge¬ 
leitet und damit in der Hauptsache 
auch ein erfreulicher Aufschwung 
der ganzen wirtschaftlichen Lage 
unseres Vaterlandes hervorgerufen.“ 
Zum Teil auf Kosten der „Kleinen 
Leute“ auf dem Lande kam es zu 
einer beträchtlichen Intensivierung 
der landwirtschaftlichen Produkti¬ 
on in sächsischen Großbetrieben, 
denen als Ablöse wahlweise jährlich 
Zinsen oder einmalige Kapitalab¬ 
findungen zuflossen. Innerhalb 
von wenigen Jahrzehnten stieg die 
landwirtschaftliche Nutzfläche in 
Sachsen um 30000 ha, die Getreide¬ 
produktion verdreifachte sich und 
auch der Viehbestand wuchs erheb¬ 
lich (amuellner.gmxhome.de). 


len Rechtsverhältnisse gegen Entschä¬ 
digung vom 17. März 1832 bildeten 
Meilensteine für eine Modernisierung 
Sachsens. Blochmann war an der 
Ausarbeitung eines Teils des Gesetzes 
beteiligt und wurde zudem als Sach¬ 
verständiger konsultiert. Zur Planung 
und Durchführung der Gesetzesre¬ 
form wurde eine „Generalkommissi¬ 
on für Ablösungen und Gemeinheits¬ 
teilungen“ eingesetzt, bestehend aus je 
zwei ökonomischen und juristischen 
Räten unter Leitung eines Direktors. 
Anfangs war dies Carl Gottlieb von 
Hartmann. Das zuständige Innen¬ 
ministerium stand unter der Leitung 
von Bernhard August von Lindenau. 
Ab 1836 leitete Julius Gottlob 
von Nostitz und Jänkendorf die 
Generalkommission, dessen Bruder 
Eduard Gottlob von Nostitz 
und Jänkendorf war Innenminister. 
Blochmann gehörte diesem Gremium 
ab 1832 als „Wirklicher Kommissions¬ 
rat“ an und war zuständig für ökono¬ 
mische Fragen. Sein zuvor verfasstes 
Werk bildete eine Grundlage für die 
Arbeit der Spezialkommission für 
die Bewertung des Grundeigentums. 
Vor der Verabschiedung eines neuen 
Grundsteuergesetzes wurden jedoch 
Änderungen am Blochmannschen 
System vorgenommen. Kraft seines 
Amtes beriet Blochmann das Lan¬ 
desjustizkollegium und später das 
königliche Oberappellationsgericht. 

1830 hatte Blochmann das Rittergut 
Neustruppen bei Pirna gekauft, 1831 
wurde er Vorsteher des königlichen 


45 




Von 1841 bis 1849 besaß Blochmann Schloss und Rittergut Wachau. 


Soldatenknabeninstituts in Klein¬ 
struppen. 1835 ging Blochmann nach 
Dresden, um sich auf seine Amts¬ 
geschäfte zu konzentrieren. Schon 
ein Jahr später übernahm er aber 
die Administration des Rittergutes 
Potschappel, wo er sich wieder prak¬ 
tisch betätigen wollte und sich um 
den Hopfenanbau in Sachsen verdient 
machte. Blochmann veröffentlichte 
weiterhin landwirtschaftliche Schrif¬ 
ten, z. B. die „Praktische Anleitung 
zur ökonomischen Buchführung 
nach einem einfachen und übersicht¬ 
lichen Plane“, mit der Landwirte zur 
Rechnungsführung befähigt werden 
sollten. 1837 nahm er an der ersten 
Versammlung deutscher Landwirte in 
Dresden teil. Zu den sächsischen Teil¬ 
nehmern der von August Gottfried 
Schweitzer von der Forstakademie 
Tharandt maßgeblich organisierten 


Veranstaltung zählten Julius Gott¬ 
lob von Nostitz und Jänkendorf, 
Johann Gottfried Nake und Hein¬ 
rich Cotta. Die 1840 von Blochmann 
herausgegebenen „Mittheilungen aus 
dem Gebiete der Landwirtschaft für 
bäuerliche Wirthe und angehende 
Oekonomen“ verbreiteten Wissen zur 
Steigerung der landwirtschaftlichen 
Erträge. Dem ersten Heft zum Thema 
Ackerbau sollte eigentlich noch 
eine Abhandlung über Wiesen und 
Viehzucht folgen, auf die Blochmann 
jedoch aus Zeitgründen verzichten 
musste. 

Von 1839 bis 1842 war Blochmann als 
Lehnsträger des Rittergutes und Zivil¬ 
besitzer am schließlich gescheiterten 
Projekt eine Aktienbierbrauerei in 
Medingen beteiligt. 1837 hatte Hein¬ 
rich Ficinus ermutigende Wasserana- 


46 







lysen durchgeführt, 1839 wurde die 
Brauerei gegründet. Zum Direktori¬ 
um gehörten Vertreter der Banken 
Bondi und Kaskel. Eine Schadenser¬ 
satzklage des Mitgründers Ferdinand 
von Reiboldt gegen Blochmann und 
die Direktoren im Jahre 1842 leitete 
das Ende des Unternehmens ein. 

1841 gab Blochmann seine Verwal¬ 
tungstätigkeit auf und kaufte Rittergut 
und Schloss Wachau bei Radeberg. 
Hier gründete er einen „ökonomi¬ 
schen Verein“, der sich nach Bloch¬ 
mann dem Landbau als „reinste und 
ergiebigste Quelle für den National¬ 
reichtum“ verschrieben hatte, und 
eine Knechteschule. Ebenso wie sein 
Bruder, der Pädagoge Karl Justus 
Blochmann, orientierte er sich dabei 
an Johann Heinrich Pestalozzi. In 
der landwirtschaftlichen Ausbildung 
sah man eine Chance, Kindern aus 
einfachen Verhältnissen eine besse¬ 
re Zukunft zu ermöglichen. Neben 
der praktischen Ausbildung wurde 
Grundlagenwissen einschließlich 
Schreiben und Rechnen vermittelt. 
1845 verfasste Blochmann „Das Rit¬ 
tergut und Dorf Wachau bei Radeberg 
in geschichtlicher, statistischer und 
landwirths chaftlicher B eziehung“. 

Im selben Jahr erwarb er das nahe 
Gut Friedrichstal. 1849 verkaufte 
Blochmann Wachau, behielt aber das 
um 155 Acker Holzland von Wach¬ 
au erweiterte Friedrichstal, wo er 
seinen Lebensabend verbrachte. In 
Wachau und Friedrichstal arbeitete 
Julius Kühn aus Pulsnitz für Bloch- 



Seinen Lebensabend verbrachte 
Blochmann auf dem Gut Fried¬ 
richstal bei Radeberg. Es ging nach 
seinem Tod in den Besitz seines 
Schwiegersohns Eduard Friedrich 
von Rechenberg und später in den 
des Dresdner Sanatoriumsbetreibers 
Heinrich Lahmann über. 

mann, der mit großer Energie Wa¬ 
chau instand gesetzt, mit Rodungen 
zusätzliche Flächen gewonnen und 
Kühn in die Melioration, d. h. die 
Trockenlegung der an stauender Näs¬ 
se leidenden Felder, eingeführt hatte. 
Als berühmter Agrarwissenschaftler 
in Halle erinnerte sich Kühn später 
an Blochmann als einen der hervorra¬ 
gendsten Praktiker. 

Heinrich August Blochmann fand 
auf dem Dresdner Trinitatisfriedhof 
die letzte Ruhe. 20 Jahre später wurde 
neben ihm sein Bruder Rudolf Sigis¬ 
mund, der Gasbeleuchtungspionier, 
beigesetzt. 


47 




Boleslaw I Chrobry war ab 1024 erster König Polens und herrschte von 1002 
bis 1004 sowie von 1007 bis 1025 auch in der Oberlausitz. 



Boleslaw I Chrobry 

König von Polen 
966 - 17.06.1025 


V: Mieszko I. (*922 od. später, f25.5.992), ab 960 Herrscher in der großpolnischen Region mit 
dem Hauptort Gniezno/Gnesen bei Poznan, 963 erster polnischer Herzog, mit seiner Taufe im 
Jahre 966 legitimierte Mieszko seinen kurz zuvor ausgerufenen Staat Polen bei den Nachbarn; 

M; Dobrawa (1977), Tochter des böhmischen Herzogs Boleslav I„ brachte der Überlieferung 
nach Mieszko I. und damit Polen zum christlichen Glauben, möglicherweise in erster Ehe mit 
Günther von Merseburg verheiratet und Mutter der Meißner Markgrafen Ekkehard I. und Gun- 
zelin; G; Sigrid die Stolze (* um 965, 980 Königin von Schweden, 995 Königin von Dänemark 
und dadurch Herrscherin auch in Britannien), ? Vladivoj (* vor 977,11003, 1002 Herzog von 
Böhmen), ? Adelheid (*955, Herzogin und Großfürstin von Ungarn, ältere Halbschwester aus 
einer früheren Ehe des Vaters oder dessen jüngere Schwester), die jüngeren Halbbrüder Mieszko 
(* um 979,1 nach 992), Swiftopelk (* um 980,1 vor 991), Lambert (* um 981,1 nach 992); 

E: (1) 984 Henilda (Tochter des Meißner Markgrafen Rikdag), (2) 985 Judith (Tochter des 
Großfürsten von Ungarn), (3) 987 Emnilda (*973,1 um 1017, Tochter des slawischen Fürsten 
Dobromir aus der Lausitz), (4) 3.2.1018 ?Großseitschen, Oda (1 nach 1025?, Tochter des Mei߬ 
ner Markgrafen Ekkehard I.); K: N.N. (*984/985, Fürstin von Pommern), Bezprym (986-1032, 
1031 Fürst von Polen), N.N. (*988, Äbtissin), Reglindis (989-1016, ab 1002 mit dem späteren 
Meißner Markgrafen Hermann I. verheiratet, Mitstifterin des Naumburger Doms), Mieszko II. 
(990-10.5.1034, Boleslaws Nachfolger als polnischer König, verheiratet mit Richeza, Nichte von 
Otto III., wurde 1031 von Kaiser Konrad II. zur Abtretung der Oberlausitz gezwungen, die als 
Zubehör der Mark Meißen an Hermann I. gelangte), Mathilde (* um 995, t nach 1018, ab 1013 
verheiratet mit Svjatopolk, Sohn des Großfürsten der Kiewer Rus, Fürst von Turow), Otto (1000- 
1033, anlässlich der Zeremonie von Gniezno auf den Namen von Otto III. getauft, ab 1031 
Herzog und Mitregent von Polen), Mathilde (* nach 1018, verheiratet mit Otto von Schweinfurt) 


Boleslaw entstammte der Adelsfamilie 
der Piasten und war einer der ein¬ 
flussreichsten Herrscher seiner Zeit. 
Er wollte ein emanzipiertes Reich der 
Westslawen schaffen und gleichzeitig 
zur Verbreitung des Christentums 
beitragen. Insbesondere auch das 
Geschehen in der Mark Meißen und 
den Nachbarregionen Schlesien und 
Böhmen wurde maßgeblich durch 
ihn geprägt. Sein Einfluss reichte bis 
in die Kiewer Rus, den ersten, von 
Wikingern gegründeten Staat der 
Ostslawen (Russen, Weißrussen und 
Ukrainer), der zu seinen Lebzeiten 


eine Blüte erlebte. Boleslaw wird in 
Polen als Nationalheld verehrt. 

Boleslaw war ein Sohn des polnischen 
Herzogs Mieszko und der böhmi¬ 
schen Herzogstochter Dobrawa, die 
ihm den Vornamen ihres Vaters, 
Boleslav I., gab. Die Ehe der Eltern 
diente dem Interessensausgleich zwi¬ 
schen Polen, das vor allem nordwärts 
expandierte, den Deutschen, die unter 
Markgraf Gero von der Ostmark und 
Kaiser Otto I. ihre Ostexpansion for¬ 
cierten, und den Böhmen unter Bo¬ 
leslav I., die wenige Jahre zuvor von 


49 



den Deutschen unterworfen worden 
waren und ihrerseits das kleinpolni¬ 
sche Territorium um Krakau besetzt 
hielten. Herzog Mieszko musste nach 
Geros Invasion östlich der Oder 
im Jahre 963 ebenfalls die deutsche 
Oberhoheit anerkennen und Tribut 
leisten. Die Eheschließung von Miesz¬ 
ko und Dobrawa zwei Jahre später fiel 
in eine Zeit bedeutender machtpoli- 
tischer Änderungen. Nach Geros Tod 
wurde seine große Ostmark aufgeteilt. 
Die Mark Meißen im Südosten, mit 
den Gauen Daleminzi um Meißen, 
Nisan im Elbtal und Milska im Gebiet 
der heutigen Oberlausitz, sollte zum 
Schauplatz wiederholter Auseinander¬ 
setzungen mit den benachbarten Böh¬ 
men und Polen werden. In Merseburg 
erhielt Günther die Markgrafschaft. 

Es ist überliefert, dass er bis 965 mit 
Dobrawa verheiratet gewesen sein 
soll. Wie seine Söhne Ekkehard I. und 
Gunzelin, in diesem Fall Halbbrüder 
von Boleslaw, war er später Markgraf 
von Meißen. Mit Dobrawa fasste das 
Christentum in Polen Fuß. Es ist zu 
vermuten, dass Boleslaw kurz vor 
der Taufe des Vaters im Jahre 966 zur 
Welt kam, da frühe Quellen auf eine 
Eheschließung der Eltern im Jahre 
965 und die Geburt als Sohn eines 
heidnischen Vaters und einer gläubi¬ 
gen Mutter verweisen. Die Christia¬ 
nisierung Polens war aber nicht allein 
dem missionarischen Eifer der Herzo¬ 
gin zu danken. Das Bekenntnis zum 
Christentum brachte dem polnischen 
Herrscher einen großen Reputations¬ 
gewinn bei den Nachbarn und auch 


praktische Vorteile. Mit dem Übertritt 
zum Christentum einher ging die 
Einführung der lateinischen Sprache 
und damit erstmals der Gebrauch 
einer Schriftsprache in Polen. Sie war 
Voraussetzung, den kulturellen Rück¬ 
stand zum westlichen Teil Europas 
aufzuholen. Mieszko baute Burgen 
und erweiterte das polnische Herr¬ 
schaftsgebiet bis an die Ostsee. Dabei 
geriet er 972 mit Hodo, dem Mark¬ 
grafen der Lausitz, in Konflikt, den er 
in der Schlacht bei Zehden besiegte. 
Kaiser Otto I. zwang Mieszko darauf, 
seinen siebenjährigen Sohn Boleslaw 
in Geiselhaft nach Quedlinburg bzw. 
Magdeburg zu geben. Nach dem 
frühen Tod der Mutter im Jahre 977 
kühlte sich das Verhältnis zwischen 
Polen und Böhmen ab. Der Vater 
heiratete Oda von Haldensleben, 
eine Tochter des Markgrafen von der 
Nordmark, und knüpfte dadurch erste 
Verbindungen zum sächsischen Adel. 
Boleslaw begleitete seinen Vater oft 
auf dessen Reisen durch das Land. 

Boleslaw wurde von seinem Vater 
im Jahre 984 mit einer Tochter des 
Markgrafen Rikdag von Meißen ver¬ 
heiratet. Die Böhmen unter Boleslav 
II., Dobrawas Bruder, besetzten aber 
die Markgrafschaft und damit wa¬ 
ren die Pläne der Polen, nach dem 
Tod von Kaiser Otto II. im Jahre 983 
in der Mark Meißen Fuß zu fassen, 
zunächst gescheitert. Boleslaw löste 
die Ehe wieder auf. Mithilfe der Ehe¬ 
schließung mit Judith von Ungarn 
im Jahr darauf wurde versucht, eine 


50 



Allianz gegen Böhmen zu schmie¬ 
den. Boleslaws dritte Ehe, im Jahre 
987, sollte wiederum die Allianz mit 
Meißen festigen und war ebenfalls 
gegen Böhmen und dessen Vormacht¬ 
streben in Schlesien gerichtet. Im 
Rahmen einer Doppelhochzeit hei¬ 
ratete Boleslaw eine Schwägerin von 
Gunzelin, eines Bruders des damali¬ 
gen Meißner Markgrafen Ekkehard I. 
Auch dank der guten Beziehung nach 
Deutschland und mit der Unterstüt¬ 
zung seines Sohns Boleslaw war es 
Mieszko möglich, 990 Krakau und 
992 Schlesien mit Breslau zu er¬ 
obern. Im Auftrag des Vaters regierte 
Boleslaw das kleinpolnische Territo¬ 
rium um Krakau. Zu den Unterstüt¬ 
zern der Polen gehörten Familienan¬ 
gehörige des für Krakau zuständigen 
Prager Bischofs Adalbert, dessen 
Reformorientierung im eigenen 
Land von einflussreichen Gegnern 
angefeindet wurde und der deswegen 
Prag auch zeitweise verlassen musste. 
Mieszko hinterließ ein Herzogtum 
Polen, das von der Oder bis an die 
Warthe reichte. Nach seinem Tod 



Der heutige Breslauer Dom geht auf 
einen Vorgängerbau unter Boleslaw 
zurück. 



Die Burg Bautzen befindet sich auf 
einem Felssporn oberhalb der Spree. 
Im Zusammenhang mit einer Be¬ 
lagerung durch König Heinrich II., 
der dabei fast gefallen wäre, wurde 
Bautzen 1002 erstmals urkundlich 
erwähnt. Es gab dem Land Budissin 
den Namen. 

sollte das Land unter seinen Söhnen 
aufgeteilt werden. Das polnische 
Kernland unterstellte er dem Papst, 
was praktisch aber nur eine Verpflich¬ 
tung zum Tribut bedeutete. 

Boleslaw wurde im Jahre 992, als sein 
Vater starb, Herzog von Polen. Sein 
erstes Bemühen galt, die verbrieften 
Ansprüche seiner Stiefgeschwister 
abzuwehren. Mit diplomatischem 
und kriegerischem Geschick konnte 
er danach das polnische Territorium 
rasch erweitern. Er verbündete sich 
995 mit den Deutschen unter König 
Otto III. gegen die Sorben an Elbe 
und Ostsee und unterwarf Mähren 
und die Slowakei in seinem Bestre¬ 
ben, ein vereinigtes Reich der West¬ 
slawen zu schaffen. Während seiner 
Regentschaft genoss die jüdische 
Bevölkerung Polens einige Privilegi¬ 
en, allerdings befahl Boleslaw, deren 


51 




Schriftgut zu verbrennen. Um 995 
führte er die ersten polnischen Mün¬ 
zen ein. 

Das polnische Territorium war kir- 
chenpolitisch umstritten. Das unter 
Boleslav II. entstandene Bistum Prag 
umfasste auch Breslau und Kra¬ 
kau. Ein Vorschlag aus dem Bistum 
Meißen, für Teile von Böhmen und 
Schlesien eine eigene Diözese einzu¬ 
richten, scheiterte. Gegen die deut¬ 
schen Kirchenfürsten entschied Otto 
III., die zu Deutschland benachbarten 
Gebiete nicht zu integrieren, son¬ 
dern zu Verbündeten aufzubauen, als 
Vorposten zum Schutz des Reiches. 
Boleslaw erkannte die sich daraus 
für ihn ergebenden Möglichkeiten. 

Er löste die Reliquien des Prager 
Bischofs Adalbert von den baltischen 
Prußen aus, die jener mit Unterstüt¬ 
zung Boleslaws hatte missionieren 
wollen, und begrub sie in Gniezno. 
Anlässlich der Wallfahrt von Otto III., 
der zu den Anhängern des inzwischen 
heiliggesprochenen Adalberts gehör¬ 
te, im März 1000 erkannte der Kaiser 
Boleslaw als souveränen Herrscher 
Polens an. Bei dieser Gelegenheit 
wurde vermutlich auch die spätere 
Eheschließung von Boleslaws Thron¬ 
folger Mieszko II. mit einer Nichte 
von Otto beschlossen, und Boleslaw 
taufte seinen jüngsten Sohn auf den 
Namen Otto. Papst Sylvester II. ge¬ 
währte Polen eine eigene Erzdiözese 
mit Sitz in Gniezno, wobei Breslau ei¬ 
nen Bischofssitz erhielt. Damit wurde 
Boleslaw zum Gründungsvater einer 


eigenständigen polnischen National¬ 
kirche, die unabhängig von Deutsch¬ 
land direkt dem Papst unterstellt war. 

1002 unterstützte Boleslaw den Mei߬ 
ner Ekkehard I. beim Versuch, die 
Nachfolge des verstorbenen Kaisers 
Otto III. anzutreten. Er wurde durch 
die Furcht angetrieben, dass sich die 
Deutschen erneut mit den Böhmen 
gegen Polen verbünden und jene 
Schlesien und Krakau zurückfordern 
könnten. Nach Ekkehards Ermordung 
eroberte Boleslaw mit Unterstützung 
von dessen Gefolgsleuten Meißen und 
die Lausitz. Die offizielle Markgra¬ 
fenwürde in Meißen erhielt jedoch 
Ekkehards Bruder Gunzelin. Um die 
bereits bestehenden, engen familiären 
Beziehungen mit Meißen zu festigen, 
verheiratete Boleslaw im Jahre 1002 
seine Tochter Reglindis mit Hermann 
I., einem Sohn von Ekkehard I. 

Um Boleslaw zu besänftigen, be¬ 
lehnte ihn der neue deutsche König, 
Heinrich II., mit der Markgrafschaft 
Lausitz (Niederlausitz) und dem Gau 
Milska, der dadurch praktisch von der 
Mark Meißen abgetrennt wurde. Ein 
Attentat gegen den Polen anlässlich 
der Huldigung des Königs in Merse¬ 
burg im Jahre 1002 hatte Zwietracht 
zwischen Heinrich II. und Boleslaw 
gesät. Mit der Brandschatzung der 
Burg Strehla eröffnete Boleslaw offi¬ 
ziell den Streit. Der Konflikt spitzte 
sich zu, als Boleslaw 1002 und 1003 
in die böhmische Thronfolge eingriff, 
zunächst seinen vermutlichen Bruder 


52 




Z w i n z e k 
W i e I e c k i 


W^GRY 


POLSKA ZA PANOWANIA BOLESLANVAI CHROBREGO 
(992 -1025) 

POZNAN Stolica Polski 

Gdansk Pozostale miasta (grody) 0 50 100 km 

Granice Polski w 1025 I I I 

. - Granice pozostalych ziem i panstw 

I I Teiytorium Polski w 992 
[•^■1 Ziemie przylqczone do Polski 
' Ziemie czasowo przvlqczone 


Levy Hradec^ ^ 
Wyszehrad 

Sazawa 

CZECHY 

(1003 - 1004 pol.) 


RUS 

KI JOWSKA 


Misnia 

(1002 pol.) 


Das polnische Territorium erweiterte sich zur Zeit der Herrschaft von 
Boleslaw deutlich. Es bestand 992 aus der dunkleren rosa Fläche und um¬ 
fasste 1025 die mit der dicken roten Linie umrahmten Gebiete inkl. Lau¬ 
sitz, Milska, Mähren und Slowakei. Einige Länder konnten nur kurzfristig 
gehalten werden (Meißen, Böhmen). Grafik: Poznaniak, aus: „Ilustrowany 
Atlas Historii Polski“ (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0) 


Vladivoj installierte und sich schlie߬ 
lich selbst zum Herzog proklamieren 
ließ. Bereits 1004 musste er Böhmen 
aber wieder aufgeben. Heinrich II. 
erneuerte die deutsche Vorherrschaft. 
Sein Vorgehen stand im Zusammen¬ 


hang mit seiner Absicht, die in Gniez- 
no vereinbarte relative polnische 
Eigenständigkeit, in kirchlichen wie 
politischen Angelegenheiten, zu revi¬ 
dieren. Dies war für ihn wichtig, denn 
er musste seine Autorität als König 


53 









Boleslaw I Chrobry befestigt Grenzpfähle an Elbe und Saale. 


wahren und hinter Boleslaw stand die 
sächsische Fürstenopposition. Dabei 
schreckte Heinrich auch nicht davor 
zurück, sich mit den heidnischen 
Lutizen zu verbünden, die Deutsche 
und Polen zuvor gemeinsam bekriegt 
hatten. Milska wurde 1004 von den 
Deutschen zurückerobert. König 
Heinrich II. und Hermann I., obwohl 
ein Schwiegersohn von Boleslaw I 
Chrobry, besetzten Bautzen. Heinrich 
II. konnte bis zum Friedensschluss 
1005 in Poznan im ersten von ins¬ 
gesamt drei Kriegen mit Boleslaw des¬ 
sen Einfluss zunächst zurückdrängen, 
ohne dass sich dieser ihm tatsächlich 


unterwarf. Zu Boleslaws Verbündeten 
gegen Heinrich zählte der mit ihm 
verschwägerte dänische König. 

König Heinrich II. schenkte 1007 die 
Kastelle Trebista, Godobi und Os- 
trusna dem Hochstift Meißen unter 
Bischof Eido I. Sie befanden sich im 
Gau Milska, der im Verlauf des Jahres 
wieder an Boleslaw fiel. Für diese 
Schenkung des Königs, unter dem das 
Reichskirchensystem ein Blüte erleb¬ 
te, gab es eine politische Motivation. 
Die Bischöfe stellten in Deutschland 
ein bedeutendes Gegengewicht zum 
immer selbstbewusster auftretenden 


54 




weltlichen Adel dar. Diese Funktion 
und ihre missionarische Tätigkeit in 
von Sorben besiedeltem Gebiet konn¬ 
ten die Bischöfe am besten verbinden, 
wenn ihr Besitz bis in die Nähe von 
Bautzen, dem Hauptort von Milska, 
reichte. Es ist zu vermuten, dass dieser 
bischöfliche Besitz während der pol¬ 
nischen Besatzung von Milska zumin¬ 
dest infrage stand. Die Lokalisierung 
des Kastells und späteren Burgwards 
Trebista innerhalb von Milska ist für 
das Verständnis der Ostsiedlung in 
Sachsen von großer Bedeutung. Lange 
vermutete man Großdrebnitz bei 
Bischofswerda wegen der scheinbaren 
sprachlichen Ähnlichkeit als heutige 
Ortschaft. Seit etwa 100 Jahren wird 
nach einer Untersuchung des 1241 
beurkundeten Grenzverlaufs zwi¬ 
schen der damals böhmischen Ober¬ 
lausitz und den Gebieten der Meißner 
Bischöfe Doberschau favorisiert und 
heute gilt Bischofswerda als ein mög¬ 
licher Kandidat. 

Die meißnische Verwandtschaft von 
Boleslaw spielte in jener Zeit eine 
zwiespältige Rolle. Schwiegersohn 
Hermann I. regierte im Auftrag des 
deutschen Königs bis zur polnischen 
Rückeroberung 1007 die Oberlausitz, 
versuchte aber häufig zu vermitteln. 

In den folgenden kriegerischen 
Auseinandersetzungen mit Hein¬ 
rich II. besetzte Boleslaw erneut die 
verlorenen Gebiete. Markgraf Gun¬ 
zehn wurde nachgesagt, mit Boleslaw 
zu paktieren, weswegen ihn der 


König 1010 absetzte. 1013 erkannte 
Boleslaw im Frieden von Merseburg 
die Lehnshoheit von Heinrich II. 
zwar formal an, faktisch musste der 
deutsche König aber die lausitzischen 
Eroberungen zuzüglich Milska der 
Polen akzeptieren. Ihr Verhältnis 
blieb konfliktträchtig. Ein Feldzug 
Boleslaws nach Kiew zur Befreiung 
seines Schwiegersohns Svyatopolk, 
eines Stiefsohns des Kiewer Großfürs¬ 
ten, scheiterte. Dem König verwei¬ 
gerte er die Gefolgschaft auf dem Zug 
nach Rom, seinen Lehnsverpflichtun- 
gen kam er nicht nach und auch die 
geforderte Unterwerfung blieb aus. 
Heinrich, inzwischen Kaiser, hielt 
Mieszko II., Boleslaws Sohn, zeitweise 
gefangen. Der deutsche Feldzug 1015 
bis zur Oder wurde durch die Polen 
abgewehrt, die ihrerseits unter Miesz¬ 
ko II. Meißen angriffen und die von 
Hermann I. verteidigte Burg teilweise 
zerstörten. Den Brand löschten die 
Verteidiger mit Bier (Ersterwähnung 
von Bier in Sachsen). Bischof Eido I. 
von Meißen, dem Boleslaw die Ber¬ 
gung und Bestattung der Leichen der 
vorangegangenen Schlacht gestattet 
hatte, wollte Heinrich II. Bericht 
erstatten, starb jedoch auf der Reise 
in Leipzig (Ersterwähnung der Stadt 
Leipzig). Zu jener Zeit war in Meißen 
Hermann I. Markgraf, bis zum Tod 
seiner Frau Reglindis im Jahre 1016 
Boleslaws Schwiegersohn. Neuer 
Bischof wurde mit Edward ein Bruder 
Hermann I. 


55 




Bericht über die Eheschließung von 
Boleslaw I. Chrobry mit Oda von 
Meißen im Jahre 1018 in der Chro¬ 
nik Thietmars von Merseburg. Mit 
der Hochzeit wurden die traditio¬ 
nell guten Beziehungen des polni¬ 
schen Herrschers mit der Meißner 
Markgrafenfamilie gefestigt. Oda 
war eine Schwester von Boleslaws 
vormaligem Schwiegersohn, Mark¬ 
graf Hermann I. 


Mithilfe seines Schwiegervaters 
Boleslaw gelangte Svyatopolk 1015 
zwischenzeitlich an die Macht in der 
Kiewer Rus. Während des letzten der 
drei Kriege mit Boleslaw belagerte 

1017 Heinrich II. erfolglos die Burg 
Nimptsch vor Breslau. Am 30. Januar 

1018 im Frieden von Bautzen errang 
Boleslaw die erneute Anerkennung 
seiner Herrschaft über die Lausitz 
und den Gau Milska durch den Kai¬ 
ser. Bei dieser Gelegenheit vertiefte er 


seine Beziehungen zum meißnischen 
Adel durch Heirat mit Oda, einer 
Tochter des ehemaligen Markgrafen 
Ekkehard I. Die Hochzeit, die der Fes¬ 
tigung des Friedens diente, fand ver¬ 
mutlich auf der Burg Großseitschen 
bei Bautzen statt. 

Auch wenn Boleslaw nicht die Herr¬ 
schaft über die Mark Meißen erobern 
konnte, war sein Einfluss groß und 
er insgesamt der Sieger im Konflikt 
mit Heinrich II. Sein Status entsprach 
wieder dem nach dem Akt von Gniez- 
no im Jahre 1000 unter Otto III. In 
der Folgezeit agierten Boleslaw und 
Heinrich II. als Verbündete. Eine 
wichtige Rolle hatten dabei die engen 
Bande der Polen zu den Meißner 
Markgrafen gespielt. Gunzelin wurde 
vom deutschen König deswegen sogar 
abgesetzt. Auch dessen Nachfolger, 
Gunzelins Neffe Hermann I., unter¬ 
stützte die Kriege Heinrich II. gegen 
Boleslaw eher halbherzig, war er doch 
mit dessen Tochter Reglindis verhei¬ 
ratet; zwei Jahre nach ihrem Tod ver¬ 
mählte er mit Oda eine Schwester mit 
seinem bisherigen Schwiegervater. 

1018 besiegte Boleslaw den von 
Heinrich II. zunächst unterstützten 
Yaroslav I. von Kiew und installierte 
seinen Schwiegersohn und Yaroslavs 
Halbbruder Svyatopolk, der jedoch 
im Folgejahr starb und wieder von 
Yaroslav abgelöst wurde, auf dem 
Thron. Gemeinsam zogen Boleslaw 
und Heinrich II. nach Italien. Solan¬ 
ge der Kaiser lebte, zügelte Boleslaw 


56 





Denkmal für Boleslaw in Breslau an der Schweidnitzer Straße. 


seine Ambitionen. Erst am 25. De¬ 
zember 1024, nach dessen Tod, ließ 
er sich zum ersten polnischen König 
krönen. Gleichzeitig wurde die Meiß- 
nerin Oda damit möglicherweise zur 
ersten polnischen Königin, allerdings 
ist ihr Sterbejahr ungesichert und ihre 
Ehe galt wegen ihres vorehelichen 
Lebenswandels und einer Nebenfrau 
Boleslaws als problematisch. 

Boleslaw war am Ende seines Lebens 
als Herrscher von der Elbe bis zum 
Bug, von der Ostsee bis zur Donau 
anerkannt. Im Dom zu Poznan fand 
er seine letzte Ruhe. Sein Sohn und 
Nachfolger, Mieszko II., verlor in den 
Folgejahren nicht nur viele der vom 
Vater eroberten Gebiete, sondern 
auch die polnische Königskrone. Im 
Jahre 2001 erinnerte das Stadtmuse¬ 
um Bautzen in einer Gemeinschafts¬ 


ausstellung mit dem „Muzeum Miejs- 
kie Wroclawia“ an „Milceni et Silensi: 
Die Oberlausitz und Schlesien um 
das Jahr 1000 in der Zeit des Boleslaw 
Chrobry“. 

Quellen: Henry Lang: „The Origins of the 
Polish State. Mieszko I and Boleslaw Chrobry.“ 
University of Buffalo, 1995; Heinz Schuster- 
Sewc: „Zur Lokalisierung der in der Schen¬ 
kungsurkunde Heinrichs II. (1006) genannten 
drei Kastelle: Ostrusna, Trebista, Godobi." In: 
Letopis, Bd. 53, H. 2, 2006, S. 67-72; Herbert 
Ludat: „Boleslaw I. Chrobry“. In: Lexikon des 
Mittelalters, Bd. 2, München-Zürich 1983, 

Sp. 359-364; Rezensiert von: Piotr Gotöwko, 
Rochala Pawel, Nimptsch im Jahre 1017, Ori¬ 
ginaltitel: „Niemcza 1017“. 30.6.2016, in forum 
historiae iuris; „Dithmars, Bischofs zu Merse¬ 
burg, Chronik in Acht Büchern, nebst dessen 
Lebensbeschreibung, aus der lateinischen in 
die deutsche Sprache übersezt und mit An¬ 
merkungen erläutert von M. Johann Friedrich 
Ursinus, Pfarrern in Boritz“. Dresden 1790 


57 




Karl August Böttiger, von Carl Christian Vogel von Vogelstein porträtiert. 
David d‘Angers und Reinhard Krüger schufen Porträtmedaillons. Auch die 
Maler Gerhard von Kügelgen und Johann Friedrich August Tischbein por¬ 
trätierten Böttiger. 











Böttiger, Karl August 

Magister, Altertumsforscher, Schriftsteller, Journalist und Pädagoge 
08.06.1760 Reichenbach - 17.11.1835 Dresden 


V: Karl (1730-1776), Conrektor in Reichenbach, Archidiakon in Elsterberg; M: Johanna geb. 
Pietzsch (*1734,12.5.1812 Dresden, 2. Ehe mit dem Kaufmann Oberländer aus Gera); 

E: 8.9.1786 Loschwitz, Eleonore geb. Adler (118.2.1832 Dresden, Tochter eines Geheimen 
Finanzsekretärs); K: August (11791 Weimar nach Postkutschenunfall in Jena bei der Anreise 
von Bautzen nach Weimar), Karl Wilhelm (*15.8.1790 Bautzen, 126.11.1862 Erlangen, Professor 
für Geschichte in Leipzig und Erlangen, korresp. Mitglied der OLGdW), Moritz (1797-1798), 
Gustav (*9.6.1799,112.9.1857 Dresden, Amtsaktuar), ab 1809 mehrere Pflegetöchter 


Böttiger erhielt in Elsterberg Pri¬ 
vatunterricht bei seinem Vater. Zu 
seinem Mitschüler Friedrich Wilhelm 
Döring, Sohn des hiesigen Ober¬ 
pfarrers, entwickelte sich eine enge 
Freundschaft. Sie besuchten ab 1772 
das Fandesgymnasium Pforta. Dort 
wurde Böttigers Begeisterung für 
das Altertum geweckt. Erst wenige 
Jahre zuvor hatte der Begründer 
der wissenschaftlichen Archäologie, 
Johann Joachim Winckelmann, sein 
Hauptwerk zur Geschichte der Kunst 
des Altertums veröffentlicht. 1778 be¬ 
gann Böttiger mit Unterstützung des 
Stiefvaters ein Studium der Philologie 
bei Johann August Ernesti in Eeip- 
zig. Auch bei den Professoren Ernst 
Platner, Samuel Friedrich Nathanael 
Morus und Friedrich Wolfgang Reiz 
hörten er und Döring Vorlesungen. 
Die finanzielle Unterstützung durch 
die Eltern versiegte, als jene nach 
dem großen Brand von Gera 1780 
in wirtschaftliche Schwierigkeiten 
gerieten. Böttiger musste das Studium 
unterbrechen und seinen Eebensun- 
terhalt als Hofmeister und Privatleh¬ 


rer verdienen. 1781 kam er erstmals 
nach Dresden, wo er in Diensten 
beim Kommandanten der Neustadt 
von Pfeilitzer, dem Geheimen Finanz¬ 
direktor von Ferber und der Gräfin 
von Zinzendorf stand. Zu seinen 
Förderern zählte Hofmarschall Joseph 
Friedrich von Racknitz, der ihn auch 
in die Freimaurerei einführte. Das 
Interesse daran vertiefte sich während 
Böttigers Anstellung bei Friedrich 
Magnus I. zu Solms-Wildenfels, als er 
auch den Maler Christian Feberecht 
Vogel kennen lernte. 1784 erlangte 
Böttiger in Wittenberg den Abschluss 
als Magister. 

Die Berufslaufbahn begann Bötti¬ 
ger in Guben als Gymnasialdirektor 
in der Nachfolge seines Freundes 
Döring. Hier gründete er zudem ein 
Privatinstitut. Als er in Föbau die 
Feitung eines neuen Mustergymna¬ 
siums übernehmen sollte, entschied 
er sich jedoch für Bautzen. Böttiger 
leitete das dortige Gymnasium von 
1790 bis 1791. Gerhard Heinrich 
Jacobjan Stöckhardt gehörte zu 


59 




Gottlob Adolf Ernst von Nostitz und Jänkendorf bestätigte Böt- 
tiger am 16. Juli 1802 dessen Mitgliedschaft seit 1790 in der Oberlausitzi- 
schen Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz (Deutsche Fotothek, CC 
BY-SA 4.0). 


seinen Schülern. Der langjährige 
Conrektor Johann Gottlieb Cober, ein 
ehemaliger Mitarbeiter von Hein¬ 
rich von Brühl, machte ihm aber das 
Leben schwer. Ab 1790 war Bötti- 
ger Mitglied der Oberlausitzischen 
Gesellschaft der Wissenschaften, in 
deren „Lausizischer Monatsschrift“ er 
„Über das Bauzner Bakwerk“ schrieb. 
Im „Lausizischen Magazin“ erschie¬ 
nen mehrere pädagogische Abhand¬ 
lungen. Vermutlich aus der Zeit in 
Bautzen rührte seine enge Bekannt¬ 


schaft mit Gottlob Adolf Ernst 
von Nostitz und Jänkendorf. 

Johann Gottfried Herder empfahl 
Böttiger 1791 als Gymnasialdirektor 
und Oberkonsistorialrat in Weimar. 
Er führte dort eigene archäologi¬ 
sche Untersuchungen durch, die in 
seine Schulprogramme einflossen. 
Böttigers profunde Kenntnisse zum 
Altertum verhaften ihn zum Eintritt 
in die gesellschaftlichen Kreise des 
klassischen Weimar, so bei Herzogin 


60 




Anna Amalia. Auch für Literatur und 
Theater entwickelte er eine große 
Leidenschaft. Böttiger zählte bekannte 
Gelehrte, darunter Gottlob Adolf 
Ernst von Nostitz und Jänken- 
dorf, zu seinen Gästen. Zunächst 
bestand auch ein gutes Verhältnis zu 
Johann Wolfgang von Goethe, den 
er in Fragen des Altertums beriet. 
Dank seines umfangreichen Brief¬ 
wechsels und der Publikationen in 
einer Vielzahl von Zeitschriften, 
wie in dem von ihm von 1795 bis 
1803 herausgegebenen „Journal des 
Luxus und der Moden“, gilt Böttiger 
heute als Chronist des Weimar von 
Goethe und Schiller („Literarische 
Zustände und Zeitgenossen“, Dresden 
1838). Er schrieb alles auf, was ihm 
an menschlichen Schwächen und 
sozialen Ungerechtigkeiten begegne¬ 
te - ohne Ansehen der Person und 
ohne Rücksicht auf Vertraulichkeiten. 
Teilweise verbarg er die Kritiken in 
einem historischen Gewand. So kam 
es zum Streit mit Goethe, der in ihm 
nun den „Böttigerschen Kobold“ sah, 
und mit Friedrich Schiller, der ihn 
„Magister Ubique“ nannte. Schiller 
warf Böttiger vor allem die unautori¬ 
sierte Weitergabe des Manuskripts zu 
„Wallenstein“ vor. Böttigers Gegen¬ 
spieler Ludwig Tieck karikierte ihn in 
„Der gestiefelte Kater“ (1797) in der 
Figur des Literaturkritikers Bötticher. 
Befreundet war Böttiger mit Chris¬ 
toph Martin Wieland, dessen „Teut- 
schen Merkur“ er von 1797 bis 1809 
herausbrachte. 



Szene aus Böttigers wichtigstem 
Werk aus seiner Weimarer Zeit: 
„Sabina oder Morgenszenen im 
Putzzimmer einer reichen Römerin. 
Ein Beytrag zur richtigen Beurthei- 
lung des Privatlebens der Römer 
und zum bessern Verständniß der 
römischen Schriftsteller“ (1803). 

Mit seinen vielen Schriften zum Al¬ 
tertum erlangte Böttiger seinerzeit 
große Bekanntheit. Er trug damit 
wesentlich zur Popularisierung der 
Altertumswissenschaften bei. Schon 
zeitgenössische Kritiken beklagten 
jedoch, dass seinen vorrangig der 
mythologischen Auslegung anti¬ 
ker Kunstwerke und dem antiken 
Alltagsleben gewidmeten Schriften 
die wissenschaftliche Tiefe fehle. Be¬ 
kannte Werke aus Böttigers Dresd¬ 
ner Zeit zu dieser Thematik waren 
„Ideen zur Archäologie der Malerei“ 
(1811) und „Ideen zur Kunst-My¬ 
thologie“ (1826/1836). 


61 



Coselpalais, ehemals „Hinter der Frauenkirche“ 5. Bis 1815 wohnte hier 
auch Gottlob Adolf Ernst von Nostitz und Jänkendorf. 


Nachdem die Konflikte in Weimar 
eskalierten, wechselte Böttiger 1804 
nach Dresden, wo er einflussreiche 
Freunde wie Hofmarschall Joseph 
Friedrich von Racknitz und Ober¬ 
hofprediger Franz Volkmar Reinhard 
besaß. Er arbeitete als Studiendirektor 
am Pageninstitut, einer Bildungsan¬ 
stalt für adlige Schüler, und an der aus 
der Vereinigung mit dem Kadetten¬ 
haus hervorgegangenen Ritterakade¬ 
mie sowie ab 1814 auch als Leiter des 
Antikenmuseums. Nach 1822 verblieb 
ihm die Tätigkeit im Museum. Die 
Skulpturen, Vasen, Bronzen und die 
von Anton Raphael Mengs gesam¬ 
melten Gipsabdrücke dienten Kunst¬ 
studenten als Anschauungsmaterial. 
Böttiger erklärte in seinen Vorlesun¬ 
gen vor der „Gipsklasse“ der Kunst¬ 


akademie die Hintergründe. Er regte 
an, Nachbildungen der Antiken anfer¬ 
tigen zu lassen, und machte Vorschlä¬ 
ge, wie man die Schätze einem breiten 
Publikum zugänglich machen kön¬ 
ne. Die Arnoldische Buchhandlung 
verlegte seine „Andeutungen zu 24 
Vorlesungen über Archäologie“. Böt¬ 
tiger nahm alles auf, was er an Wissen 
erwerben konnte. Seine Privatbiblio- 
thek war legendär. Wissen vermittelte 
er aus Passion und beschränkte dies 
nicht auf seine dienstlichen Aufgaben. 
Böttigers Vorträge in seiner Wohnung 
im Coselpalais waren ihrer Unter¬ 
haltsamkeit wegen gerühmt. Sogar 
der spätere König Johann ließ sich 
von ihm in die Klassiker der Römer 
und Griechen einführen und die 
griechische Sprache lehren. Böttiger 


62 





















knüpfte eine Vielzahl von Kontakten 
zu einflussreichen, literarisch und 
künstlerisch interessierten Persön¬ 
lichkeiten. Wie der Kunstsammler 
Johann Gottlob von Quandt zählte 
er zum Freundeskreis von Arthur 
Schopenhauer. Historisch bedeutsa¬ 
me Zeitdokumente sind seine Artikel 
zu Literatur und Theater. Politische 
Bedeutung besaß Böttigers journalis¬ 
tisches Schaffen während der Befrei¬ 
ungskriege. Die von ihm redigierte 
Zeitschrift „London und Paris“ war 
durch die französische Revolution an¬ 
geregt worden, sich mit den europäi¬ 
schen Antipolen England und Frank¬ 
reich auseinanderzusetzen. Böttigers 
Karikaturen auf Napoleon ermutigten 
auch andere Autoren, die französische 
Besatzungsherrschaff zu kritisieren. 
Nach Theodor Körners Tod im Jahre 
1813 bemühte er sich um die Grün¬ 
dung eines Gedenkvereins. Ab 1820 
gab Böttiger die Zeitschrift „Amal- 
thea oder Museum der Kunstmytho¬ 
logie und bildlichen Alterthumskun¬ 
de“ und als deren Fortsetzung ab 1828 
„Archäologie und Kunst“ heraus. Sein 
Credo für die Altertumswissenschaft 
bestand darin, dass sie Vergangenheit 
und Gegenwart verbinden müsse: 
„Des Alterthums Erforscher sey ein 
Janus-Kopf.“ 

Böttiger war maßgeblich am Ent¬ 
stehen eines elitären Vereinslebens 
in Dresden beteiligt. Mit Elisa von 
der Recke und Christoph August 
Tiedge, deren literarischen Zirkel 
er wie Gottlob Adolf Ernst von 



Böttiger, links im Vordergrund 
sitzend, beobachtet im Gemälde von 
Carl Christian von Vogel und Vogel¬ 
stein, wie Pierre Jean David d‘Angers 
im Jahre 1834 eine Büste von Lud¬ 
wig Tieck modellierte. Weiterhin im 
Bild zu sehen sind der Maler selbst 
(neben Böttiger stehend), dahinter 
Wolf Graf Baudissin, hinter der Büs¬ 
te Carl August Förster, Otto Magnus 
Freiherr von Stackeiberg, Moritz 
Steinla und Alexander Freiherr von 
Ungern-Sternberg, alles bedeutende 
Künstler, Schriftsteller und Alter¬ 
tumsgelehrte, vor Tieck dessen Sohn 
Johannes, hinter ihm seine Tochter 
Dorothea (Deutsche Fotothek, CC 
BY-SA 4.0). Die Anwesenheit Böt¬ 
tigers, der in der ersten Fassung für 
den Verleger Brockhaus noch fehlte, 
in diesem Bild ist insofern bemer¬ 
kenswert, weil sein Verhältnis zu 
Tieck zerrüttet war. 

Nostitz und Jänkendorf, Lud¬ 
wig Tieck und aus Leipzig Robert 
Stöckhardt besuchte, bestanden 
freundschaftliche Verbindungen. Böt- 


63 



tiger gehörte dem spätromantischen 
Dresdner Liederkreis und dessen 
Nachfolger Albina an. Neben Nos¬ 
titz zählten Theodor Hell (Winkler) 
und Johann Gottlob von Quandt zu 
den aktivsten Mitstreitern in diesen 
geselligen Vereinen literarisch Inter¬ 
essierter. Der Albina gehörten später 
auch Carl Gustav Carus, Gottfried 
Semper und Ernst Rietschel an. 
Selbst der berühmte Dichter Ludwig 
Tieck suchte zunächst den Kontakt 
zum Liederkreis, aber schon länger 
existierende Spannungen zwischen 
Böttiger und Tieck eskalierten im 
Zusammenhang mit dessen Zerwürf¬ 
nis mit Hell. Böttiger initiierte den 
Sächsischen Altertumsverein, später 
ein äußerst angesehener Verein unter 
Schirmherrschaft des Königshauses, 
mit einem Artikel in der Dresdner 
Abendzeitung vom 25. Oktober 1819. 
Unterstützung fand er dafür u. a. 
bei Quandt und Nostitz. Nach dem 
Zerwürfnis zwischen Tieck und Hell 
übernahm Böttiger die Redaktion der 
von Hell herausgegebenen Abend¬ 
zeitung. 1828 gründete Böttiger den 
Sächsischen Kunstverein, der von 
Quandt geleitet wurde und dem auch 
Carus, Nostitz und Hell angehörten. 
In der Sächsischen Bibelgesellschaft 
wirkte er als Sekretär. 

Böttiger wurde am 8. November 1781 
durch Johann Samuel Petermann, 
einen Sohn von Georg Petermann, 
formal in die Dresdner Preimaurer- 
Loge „Zum Goldenen Apfel“ auf¬ 
genommen, am 3. Dezember 1783 


wurde er offiziell Mitglied. In Weimar 
hatte er zu den Preimaurern Pried- 
rich Justin Bertuch, Johann Joachim 
Christoph Bode und Johann Wolf¬ 
gang von Goethe enge Verbindungen. 
Von 1814 bis 1820 wirkte er in der 
Dresdner Apfelloge als deputierter 
Meister vom Stuhl bzw. erster Auf¬ 
seher. Zu ihren Mitgliedern zählte 
Gottlob Friedrich Thormeyer. 

Als Gottlob Adolf Ernst von 
Nostitz und Jänkendorf 1830 
Landesgroßmeister der Großen Lan¬ 
desloge Sachsen wurde, war Böttiger 
dessen Stellvertreter. Wiederum mit 
Nostitz, Carus, Quandt und Hell 
engagierte er sich im sozialen Unter¬ 
stützungsverein „Rath und That“, der 
den Freimaurern nahe stand. 

Neben seinen vielfältigen künstleri¬ 
schen und literarischen Interessen 
sowie gesellschaftlichen Aktivitäten 
engagierte sich Böttiger auch für 
die Naturwissenschaften. Mit dem 
weltberühmten Mineralogen Abra¬ 
ham Gottlob Werner stand Böttiger 
in regem brieflichen Kontakt, und er 
gehörte wie Carus und Racknitz der 
1817 von Werner wenige Monate vor 
dessen Tod gegründeten Dresdner 
Mineralogischen Gesellschaft an. 

Dem in seinem Beisein verschiedenen 
Freunde widmete Böttiger die „Worte 
auf der Anhöhe der Landstraße nach 
Gorbitz gesprochen an Werners Sarge 
in der Ilten Stunde der Nacht zwi¬ 
schen dem 2ten und 3ten July 1817“ 
und „Ueber Werner s Umgang mit 
seinen Schülern, vorgelesen am Er- 


64 



innerungstage von Werner‘s Tod den 
30. Juny 1819“. Böttiger war Mitglied 
der Naturwissenschaftlichen Gesell¬ 
schaft ISIS in Dresden, der Leipziger 
Societät, der Senckenbergischen 
Naturforschenden Gesellschaft in 
Frankfurt, der Gesellschaft deutscher 
Naturforscher und Ärzte und der 
Sächsischen Gesellschaft für Botanik 
und Gartenbau FLORA. Mit dem 
Mediziner Burkhard Wilhelm Seiler 
verfasste er 1825 „Erklärungen der 
Muskeln und der Basreliefs an Ernst 
Matthaeis Pferde-Modellen“. 

Böttiger trug den Titel Hofrat und 
war Mitglied der Sächsischen Aka¬ 
demie der Künste und von vielen 
weiteren Akademien der Wissen¬ 
schaften und Künste, so in Paris, St. 
Petersburg, Wien, München, Breslau, 
Neapel, Korfu und Göttingen. Er hat 
dazu beigetragen, breiteren Bevöl¬ 
kerungsschichten eine Teilhabe an 
Kultur und Bildung zu ermöglichen. 
Kontroverse Meinungen über ihn 
widerspiegeln den Konflikt zwischen 
Böttigers Anspruch eines Univer¬ 
salgelehrten, Kritiken am wissen¬ 
schaftlichen Wert konkreter Arbeiten 
und der Wertschätzung von Wissen¬ 
schafts-Publizistik. Böttiger fand auf 
dem Dresdner Eliasfriedhof die letzte 
Ruhe. 

Quellen: Karl Ludwig Urlichs: „Böttiger, Karl Au¬ 
gust“. Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 3, S. 
205-207, 1876; Karl Wilhelm Böttiger: „Karl Au¬ 
gust Böttiger: Eine biographische Skizze“. Brock¬ 
haus, 1837; Ludwig Sickmann: „Böttiger, Karl 
August“. Neue Deutsche Biographie, Bd. 2, S. 414, 



Porträt nach einer Büste von Ernst 
Rietschel (1833). Rietschel hatte 
bei Böttiger Archäologie und Kunst¬ 
theorie studiert und war von diesem 
sehr gefördert worden. Gottlob 
Adolf Ernst von Nostitz und 
Jänkendorf verfasste den Nachruf 
„Carl August Böttiger: sein Bild; 
sein Denkmal“. 

1955; „Nekrolog Karl August Böttiger“. Allgemeine 
Literaturzeitung, 1/1836; Dirk Hempel: „Litera¬ 
rische Vereine in Dresden. Kulturelle Praxis und 
politische Orientierung des Bürgertums im 19. 
Jahrhundert“. Walter de Gruyter - Max Niemeyer 
Verlag, 2008; „Neues Gemählde von Dresden: 
in Hinsicht auf Geschichte, Oertlichkeit, Kultur, 
Kunst und Gewerbe“. Arnoldische Buchhandlung, 
1817; Walter Steiner, Uta Kühn-Stillmark: „Fried¬ 
rich Justin Bertuch: Ein Leben im klassischen 
Weimar zwischen Kultur und Kommerz“. Böhlau, 
2001; Freies Deutsches Hochstift - Frankfurter 
Goethe-Museum: „Katalog der Gemälde“. Walter 
de Gruyter, 1982; Stefani Freyer, Katrin Horn, Ni¬ 
cole Grochowina: „FrauenGestalten Weimar-Jena 
um 1800“. Winter 2009; Dresdner Adressbücher; 
„Die Freimaurerloge zum goldenen Apfel im Ori¬ 
ent Dresden 1776-1876“. Heinrich Dresden, 1876 


65 




Das Alte Schloss Neschwitz - ehemalige Wohn- und Arbeitsstätte. 


443 

überreich, vom Verfasser W&X. 

ABHANDLUNGEN UND BERICHTE 
DES NATURKUNDEMUSEUMS GÖRL 


Band 42 


Leipzig 1967 



Der Fischotter (Lutra lutra (L.)) in der Oberlausitz 

Von GERHARD CKEUTZ 

Vogelschutzwarte Neschwitz der Deutschen Akademie 
der Landwirtschaftswissenschaften zu Berlin 


Eine persönliche Erinnerung von Frank Fiedler. 












Creutz, Gerhard 


Dr., Ornithologe in Neschwitz 

16.03.1911 Copitz b. Pirna - 18.09.1993 Berchtesgaden 

V: Georg, ab 1901 Inhaber eines Schreibwarengeschäfts mit Buchbinderei, ab 1910 mit einer 
Buchdruckerei in Pirna; G: 2 ältere Brüder, 1 jüngere Schwester (Annemarie, *err. 1921); E; 1938 
Lisette geb. Brünn (27.6.1913-15.6.1986); K: 3 Söhne, darunter Konrad (*1943 Dresden, Pfarrer 
in Hinterhermsdorf, Saupsdorf und Sebnitz, Vorsitzender des Arbeitskreises Sächsische Schweiz 
des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz, Mitglied im Gesamtvorstand für Naturschutz, 
Heimatgeschichte und Denkmalpflege), Christian (8.3.1946-11.2.2006) 


Creutz besuchte in Copitz und Pirna 
Volksschule und Realgymnasium. 
Frühzeitig erwachte sein Interesse 
an der Natur der nahen Sächsischen 
Schweiz. Er beringte Bussardjunge 
und interessierte sich für die geolo¬ 
gische Sammlung des Museums in 
Pirna. 1928 begann die enge Freund¬ 
schaft mit Martin Zieschang. Der 
Sohn des Pfarrers in Dohna und 
später Klix machte den Freund mit 
den Schönheiten der Oberlausitzer 
Heide- und Teichlandschaft bekannt 
und erweckte damit in diesem eine 
tiefe Verbundenheit, die ein Leben 
lang hielt. Im Jahre 1931 beschrieb 
Creutz in seiner ersten ornithologi- 
schen Publikation Beobachtungen des 
Flussregenpfeifers an den Elbufern 
von Pirna. 

Nach einem Studium am Pädago¬ 
gischen Institut der TH Dresden 
erlangte Creutz 1933 die Lehr¬ 
befähigung an den Volksschulen 
Sachsens. Im gleichen Jahr begann 
er, ehrenamtlich die Vogelschutzan¬ 
lagen der Staatlichen Versuchs- und 
Forschungsanstalt für Gartenbau in 


Pillnitz zu betreuen, nachdem er im 
Jahr zuvor dem Verein Sächsischer 
Ornithologen beigetreten war. Creutz 
leitete in Dresden die Ortsgruppe des 
Deutschen Bundes für Vogelschutz. 
Wegen seiner nazikritischen Haltung 
wurde ihm die dauerhafte Übernah¬ 
me in den Schuldienst verwehrt und 
er musste sich als Aushilfslehrer ver¬ 
dingen, zeitweise sogar in Dänemark. 
Den Zweiten Weltkrieg überlebte er 
als Soldat in Frankreich und Italien 
unversehrt. 

Von 1945 bis 1952 arbeitete Creutz in 
Pillnitz, zunächst als Lehrer und ab 
1946 als Schulleiter. Gemeinsam mit 
seinem langjährigen Freund Hein¬ 
rich Dathe bemühte er sich ab 1949 
um die Neugründung einer vogel- 
kundlichen Arbeitsgemeinschaft im 
Kulturbund in Dresden. Die offizielle 
Gründung der Fachgruppe „Orni¬ 
thologie und Vogelschutz“ erfolgte 
am 8. Juni 1951 und Creutz leitete sie 
bis 1953. 1952 wurde er für ein Jahr 
von der Schultätigkeit freigestellt, um 
seine Promotion an der TH Dresden 
bei Professor Karl Jordan (Institut 


67 



für Zoologie) zu Populationsstudien 
am Trauerschnäpper zu bearbeiten. 
1953 erhielt Creutz eine Anstellung 
als Wissenschaftlicher Mitarbeiter der 
Vogelschutzwarte Seebach. Die Deut¬ 
sche Akademie der Landwirtschafts¬ 
wissenschaften erteilte ihm im selben 
Jahr den Auftrag, die Vogelschutz¬ 
station Neschwitz im dortigen Alten 
Schloss zu gründen und zu leiten. 

Als langjähriger Leiter führte Creutz 
die Vogelschutzstation Neschwitz zu 
hohem Ansehen. Deren Vorläufer war 
1930 vom Landesverein Sächsischer 
Heimatschutz auf Initiative von Ru¬ 
dolf Zimmermann ins Leben gerufen 
und 1936 als Vogelschutzwarte staat¬ 
lich anerkannt worden. Sie ist eng mit 
dem Namen des Forstwissenschaftlers 
Dr. Freiherr Arnold Vietinghoff- 
Riesch, ihrem ehemaligen Leiter, ver¬ 
bunden. Zu ihren Aufgaben gehörten 
unter Creutz die Vogelberingung, die 
Betreuung von Nistkästen, Nahrungs¬ 
untersuchungen und die Bestimmung 
von Siedlungsdichten. In Lehrgängen 
wurde das Wissen an Generationen 
von Beringern weitergegeben. Die 
Oberlausitzer Fischwirtschaft nutzte 
Untersuchungsergebnisse zur Vogel¬ 
abwehr zur Steigerung der Erträge. 

1964 wurde die Vogelschutzstation 
wieder in den Rang einer Vogel¬ 
schutzwarte erhoben. Der Leiter der 
Biologischen Zentralanstalt, Professor 
Stubbe, ernannte Creutz zum Leiter 
des Wildforschungsgebiets Milkwitz. 
Neben der Tätigkeit als Ornithologe 


untersuchte er die Säugetierfauna der 
Oberlausitz (z. B. Elch, Nerz, Muffel¬ 
wild). Es entstand eine umfassende 
Dokumentation zum Niedergang 
der Fischotterpopulation und Creutz 
erwarb sich entscheidende Verdienste 
um erfolgreiche Schutzmaßnahmen 
und Wiederbesiedelung. Außerdem 
konnte er zum Erhalt von Schloss und 
Park Neschwitz beitragen. Von der 
staatlich verfügten Schließung der 
Vogelschutzwarte 1971 war Creutz 
tief getroffen. Sie brachte ihn um sein 
Lebenswerk - die gesammelten Ma¬ 
terialien wurden DDR-weit verteilt. 
Vermutlich hatte eine Rolle gespielt, 
dass Creutz als politisch unzuverläs¬ 
sig galt. Fragen von Vogelforschung 
und Vogelschutz hatten für ihn nie 
an Staatsgrenzen halt gemacht. In 
den letzten Arbeitsjahren bearbeitete 
er Forschungsprojekte im Auftrag 
des Instituts für Forstwissenschaf¬ 
ten Eberswalde - man befasste sich 
staatlicherseits z. B. mit der Ansiede¬ 
lung von Rebhühnern und Fasanen 
für privilegierte Jäger. Auch nach dem 
Ausscheiden aus dem Berufsleben 
1976 widmete er sich mit nimmermü¬ 
dem Engagement dem Naturschutz 
und führte Exkursionen durch. 

Creutz war Autor bedeutender wis¬ 
senschaftlicher Bücher zur Vogelkun¬ 
de, z. B. zu Graureiher, Wasseramsel, 
Weißstorch und zum Vogelzug. 
Besonders mit den in vielen Auflagen 
erschienenen „Taschenbüchern zur 
heimischen Vogelfauna“ („Singvögel“, 
„Raub- und Rabenvögel“, „Sumpf- 


68 



und Wasservögel“, „Durchzügler und 
Wintergäste“), aber auch mit Kinder¬ 
büchern und Lehrmaterial hat er sich 
große Verdienste um die Verbreitung 
populärwissenschaftlicher Kenntnisse 
erworben. In den Fachzeitschriften 
„Der Falke“ und „Journal of Orni- 
thology“ publizierte er regelmäßig. 
Creutz war Mitherausgeber der 
Reihe „Beiträge zur Vogelkunde“ 
und Mitglied im Redaktionsbeirat 
der Zeitschrift „Der Falke“ und der 
„Sächsischen Heimatblätter“. Insge¬ 
samt schrieb Creutz 600 Titel, darun¬ 
ter 8 Bücher. Ein Teil der Publikatio¬ 
nen entstand aus Sicherheitsgründen 
unter Pseudonymen wie „C. Gerhard“, 
„C. Hartmut“ oder „C. Galle“. 

Creutz arbeitete in vielen renom¬ 
mierten ornithologischen Gremien 
mit, beispielsweise in der Deutschen 
Ornithologen-Gesellschaft und im 
Zentralvorstand der Gesellschaft für 
Natur und Umwelt des Kulturbundes 
der DDR, und er wirkte als Vorsit¬ 
zender des Bezirksfachausschusses 
Dresden. Schon 1958 hatte er sich 
- im Widerspruch zu den zentralisti¬ 
schen Bestrebungen in der DDR - um 
die Gründung des Naturwissenschaft¬ 
lichen Arbeitskreises Oberlausitz im 
Kulturbund verdient gemacht. Dieser 
stand unter der Schirmherrschaft 
seines ehemaligen Professors Karl 
Jordan von der TH Dresden. Creutz 
leitete den Arbeitskreis bis zu dessen 
Verbot durch die staatlichen Organe 
im Jahre 1988; zu seinen Mitstrei¬ 
tern gehörten u. a. die bekannten 


Botaniker Max Militzer und Theodor 
Schütze. Dem Arbeitskreis Sächsische 
Schweiz trat Creutz 1959 bei, ab 1962 
leitete er eine avifaunistische Sam¬ 
melstelle und 1968 gründete er den 
Avifaunistischen Arbeitskreis Ober¬ 
lausitz. Dessen „Beiträge zur Ornis 
der Oberlausitz“ waren gleichzeitig als 
politisch einzig mögliche Form einer 
Zuarbeit für ein „Handbuch der Vögel 
Mitteleuropas“ gedacht. Creutz wurde 
zum Ehrenmitglied der Naturfor¬ 
schenden Gesellschaft der Oberlausitz 
ernannt und er war Ehrenmitglied des 
Vereins Sächsischer Ornithologen. 

Seinen Lebensabend verbrachte 
Creutz in Haidholzen bei Rosen¬ 
heim zusammen mit einer ebenfalls 
verwitweten Jugendfreundin. Profes¬ 
sor Wolfram Dünger widmete dem 
großen Naturfreund den Nachruf 
„Leben und Werk eines Oberlausitzer 
Ornithologen - in memoriam Dr. 
Gerhard Creutz (1911 - 1993)“. Auf 
dem Grabstein in Neschwitz steigt ein 
singender Vogel unter dem Kreuz gen 
Himmel - ein Symbol auch für den 
tiefen Glauben der Ehefrau. 



Quellen: S. 412 ff. 


69 




Porträt von Jan Cyz am Schloss Milkel, 


Hü 







Cyz, Jan 

Dr., sorbischer Schriftsteller, Verleger und Landrat in Bautzen 

auch: Ziesche, Johann 

13.01.1898 Säuritz - 21.11.1985 Bautzen 


Cyz stammte aus kleinbäuerlichen 
Verhältnissen. Er besuchte in Bautzen 
die Domschule und in Prag das Deut¬ 
sche Gymnasium. 1920 begann Cyz 
ein Studium der Rechtswissenschaften 
an der Karls-Universität Prag. Im sel¬ 
ben Jahr übernahm er den Vorsitz der 
sorbischen Studentenbewegung. 1926 
beendete er sein Studium mit der 
Promotion und übernahm in Cottbus 
die Leitung der Wendischen Buch¬ 
handlung. Nach der Machtergreifung 
der Nationalsozialisten wurde Cyz 
wegen seines Engagements in der 
nationalsorbischen Bewegung verhaf¬ 
tet. Nach seiner Freilassung leitete er 
von 1934bis 1937 die Schmalersche 
Druckerei im Wendischen Haus in 
Bautzen und gab die sorbische Ta¬ 
geszeitung „Serbske Nowiny“ heraus. 
Im selben Jahr wurde die Domowina 
verboten. Cyz kam erneut in Haft, 
im Februar 1945 floh er während 
der Luftangriffe auf Dresden. Nach 
dem Krieg wurde mit Cyz erstmals 
ein Sorbe Landrat in Bautzen. Er war 
maßgeblich an der Neugründung der 
Domowina beteiligt, deren Bundes¬ 
vorstand er angehörte. Cyz leitete 
die Nowa-Doba-Druckerei und gab 
die sorbische Tageszeitung „Nowa 
doba“ heraus. Er war Vorsitzender 
des Kreisausschusses der Nationalen 
Front, Mitglied des Vorstands der 


Urania und Mitbegründer des Kul¬ 
turbundes der DDR im Kreis Bautzen 
sowie erster Vorsitzender des Baut- 
zener Klubs der Intelligenz. Neben 
seinen vielen Schriften in sorbischer 
Sprache verfasste Cyz das Buch „Die 
Kämpfe um die Befreiung der Lausitz 
während der großen Schlacht um 
Berlin 1945“, und er widmete mehrere 
Arbeiten der Biografie von Jan Arnost 
Smoler, eines bedeutenden Repräsen¬ 
tanten der nationalen Wiedergeburt 
der Sorben im 19. Jahrhundert und 
Mitbegründer des sorbischen Kul¬ 
tur- und Wissenschaftsvereins Macica 
Serbska. In Milkel wurde die Sorbi¬ 
sche Sprachschule nach Cyz benannt, 
die sich von 1953 bis zum Ende der 
DDR im dortigen Schloss befand. Das 
Sorbische Institut in Bautzen bewahrt 
seinen Nachlass auf. 

Literatur: Peter Kunze: „Bibliographie der 
Veröffentlichungen von Jan Cyz“. Institut für 
Sorbische Volksforschung, Domowina-Verlag, 
1977, H. 2, S. 239-256; Walter Starke: „In memo- 
riam Dr. Jan Cyz-Ziesche: 13.1.1898-20.9.1985“. 
Bautzener Kulturschau, 1985, H. 11, S. 3-4; M.J. 
Dypman-Budyski: „Nekrolog: Landrat Dr. Jan 
Cyz: 1898-1985“. Minoritas, 1986, H. 1, S. 51-52; 
Manfred Ladusch: „Cyz, Jan“. Sorben. Ein Kleines 
Lexikon, Domowina-Verlag, 1989, S. 78-79; 
Manfred Ladusch: „Zum 100. Geburtstag von Dr. 
Johannes Ziesche, Sorbischer Verleger, Bautzens 
Landrat und Schriftsteller“. Oberlausitzer Kultur¬ 
schau, 1998, H. 2, S. 28-29; Helge Tietze: „Dr. jur. 
Jan Cyz: Johann Ziesche (1898-1985)“. Lausitzer 
Almanach, 2009, S. 16-21 


71 




Derlitzki, Georg Max Ludwig 

Professor, Begründer der Landarbeitsforschung in Pommritz 
30.04.1889 Bergfriede/Ostpreußen - 02.05.1958 Kindisch 

V: Ludwig (*10.2.1853 Thyrau, 17.5.1902 Bergfriede), Volksschullehrer; M: Alma Rosalie geh. 
Kaul (*22.1.1857 Löbau, 124.2.1934 Göttingen); G: Erich Rudolph (*11.7.1885 Bergfriede, 
t20.2.1947 Brandis); E: Dorothea geh. Ebert (*2.10.1888 Niewerle, fl5.10.1967, Tochter eines 
Pfarrers, promovierte Sprachwissenschaftlerin in Marburg, Arbeitslehre im Haushalt); K: Jürgen 
(18.7.1916-12.5.1942), Rotraut (*7.6.1918, Dipl.-Landwirtin) 


Derlitzki besuchte die Volksschu¬ 
le Bergfriede, ging ab 1900 auf das 
humanistische Gymnasium Osterode 
und legte 1908 das Abitur ab. Nach 
einer landwirtschaftlichen Lehre in 
Brödinen studierte er 6 Semester 
Rechts- und Staatswissenschaften 
in Berlin und 3 Semester Land- und 
Forstwissenschaft in Gießen. 1913 
promovierte Derlitzki bei Paul Gi- 
sevius zum Thema „Systematik des 
Roggens durch Untersuchungen über 
den Ährenbau“, anschließend arbeite¬ 
te er als Assistent am Landwirtschaft¬ 
lichen Institut der Universität. 1914 
legte Derlitzki das landwirtschaftliche 
Staatsexamen ab. Mit „Untersuchun¬ 
gen über Keimkraft und Triebkraft 
und über den Einfluss von Fusarium 
nivale“ habilitierte er sich 1917. Ein 
Jahr später berief ihn das Land¬ 
wirtschaftliche Institut Gießen zum 
Abteilungsvorstand. Derlitzki lehrte 
bis 1919 als Privatdozent Acker- und 
Pflanzenbau, publizierte zur Düngung 
und Streckung des Kartoffelsaatgutes 
und leitete die Samenkontroll- und 
Maschinenprüfstation der Landwirt¬ 
schaftskammer Wiesbaden. Damit 
konnte er Wissenschaft und Praxis 


eng verknüpfen. Danach übernahm 
Derlitzki in der Nachfolge von Gus¬ 
tav Loges die Leitung der Versuchs¬ 
station Pommritz. 

In den Jahren 1919/20 erfolgte in 
Sachsen eine Umstrukturierung des 
landwirtschaftlichen Versuchswesens 
mit dem Ziel, die Landwirtschaft wie¬ 
der rentabel und damit konkurrenz¬ 
fähig zu machen. Aus den ehemaligen 
Versuchsstationen gingen drei spezi¬ 
alisierte Versuchsanstalten hervor: in 
Leipzig-Möckern unter Leitung von 
Gustav Fingerling, in Dresden unter 
Leitung von Bruno Steglich und 
in Pommritz mit Derlitzki als erstem 
Direktor, der außerdem zum Profes¬ 
sor ernannt wurde. Die Versuchssta¬ 
tion wurde dafür mit dem Rittergut 
Pommritz unter eine einheitliche 
Leitung gestellt (141 ha). Seit der 
Gründung 1864 durch Julius Leh¬ 
mann bestand in Pommritz eine For¬ 
schungstradition auf dem Gebiet der 
Agrikulturchemie. Mit der Umstruk¬ 
turierung erfolgte gleichzeitig eine 
thematische Umorientierung auf die 
landwirtschaftliche Betriebslehre un¬ 
ter besonderer Berücksichtigung der 


73 



Landarbeitslehre einschließlich des 
landwirtschaftlichen Maschinenwe¬ 
sens. Es ging dabei um die Schaffung 
günstiger Arbeitsbedingungen durch 
Mechanisierung und Organisation 
und um Untersuchungen zur Arbeits¬ 
ausführung (Arbeitstechniken und 
-motivation). Die Versuchsanstalt in 
Pommritz war die erste Einrichtung 
der Welt mit einem solchen Profil. 

Die Entwicklung der Landarbeitsleh¬ 
re zu einer selbstständigen Disziplin 
ist das große, bleibende Verdienst 
Derlitzkis. Sein Ziel bestand in der 
Gesundung der Landwirtschaft durch 
Senkung der Gestehungskosten pro 
Produktionseinheit bei voller Berück¬ 
sichtigung der Arbeitsqualität. Er pro¬ 
pagierte zwar eine Rationalisierung 
nach den Lehren des „Taylorismus“, 
wies aber stets auf Besonderheiten der 
Landwirtschaft gegenüber der Gro߬ 
industrie hin. Derlitzki sah Mecha¬ 
nisierung immer auch als Schutz der 
Menschen vor Überanstrengung und 
gesundheitlichen Schädigungen an. 
Das 1922 erstmals erprobte, arbeits¬ 
sparende Ernteverfahren für Zucker¬ 
rüben - das „Pommritzen“ - ist noch 
heute Grundlage der Rüben-Vollern- 
temaschine. Weitere bekannte Ver¬ 
fahrensentwicklungen unter seiner 
Leitung betrafen die „Rübensamen¬ 
mühle“ (zur Trennung der Samen), 
den „Pommritzer Walzenwagen“ für 
einen effizienten Felddrusch und den 
„Pommritzer Bauernkran“ (zur Hand¬ 
habung der Dungkarre). Darüber 
hinaus erfolgten Untersuchungen zu 


verschiedenen Heubergungsverfahren 
und erstmals in der Landwirtschaft 
arbeitsphysiologische Studien mit 
Hilfe von Respirationsapparaten. 
Ausgangspunkt der Überlegungen 
war, dass schlechte Arbeitsorganisa¬ 
tion und -hygiene verantwortlich für 
körperliche Überforderung seien, z. 

B. durch anhaltendes Arbeiten im 
Stehen. Derlitzki führte deswegen den 
„Pommritzer Kartoffelauslesetisch“ 
ein, der die Arbeit im Sitzen ermög¬ 
lichte. Die Arbeit Derlitzkis war 
international anerkannt. Er fungierte 
ab 1927 als wissenschaftlicher Beirat 
und Vorsitzender des Ausschusses für 
Landarbeitsforschung des Interna¬ 
tionalen Agrarinstituts in Rom und 
übernahm 1932 die Leitung eines Re¬ 
ferates in der Sektion für Arbeitshy¬ 
giene des Völkerbundes. Unter seiner 
Leitung besaß die Versuchsanstalt 
Pommritz Weltgeltung. Studiengäste 
kamen, um im Ausland Einrichtun¬ 
gen nach dem Pommritzer Vorbild 
aufzubauen. Um die internationa¬ 
le Bekanntheit zu erhöhen, nutzte 
Derlitzki u. a. auch das neue Medi¬ 
um Film. Gleichzeitig verlor er aber 
nie die Arbeit in Pommritz aus den 
Augen. Bis 1928 wurde die Versuchs¬ 
anstalt erheblich erweitert. Neben 
dem gepachteten Rittergut Drehsa 
(352 ha) kam auch ein 30 ha großes 
Versuchsgut in Steindörfel (nach Der¬ 
litzki „Georgenhof“ genannt) hinzu, 
wo neue Technologien demonstriert 
werden konnten. In Sornßig wurden 
zudem seit 1926 Waldbauversuche 
durchgeführt. Seine Arbeitsergebnis- 


74 



se publizierte Derlitzki u. a. in den 
Schriften der Ökonomischen Gesell¬ 
schaft im Freistaat Sachsen und der 
Deutschen Landwirtschafts-Gesell¬ 
schaft. 1931 hatte die Versuchsanstalt 
Pommritz ca. 130 Mitarbeiter. 

Derlitzki durchschaute frühzeitig die 
Ideologie der Nazis und lehnte es ab, 
NSDAP-Mitglied zu werden. Weil er 
sich gegen die Außerbetriebsetzung 
von Landmaschinen zur „Schaffung“ 
von Arbeitsplätzen wehrte, erhielt er 
am 28. März 1934 die Kündigung. 

Sie wurde auch nicht zurückge¬ 
nommen, als die Pommritzer Beleg¬ 
schaft, einschließlich von NSDAP- 
Mitgliedern, dagegen protestierte. 
Derlitzki übernahm ein 35 ha großes 
Bauerngut in Kindisch bei Kamenz 
(„Luisenhof“) und bewirtschaftete 
es nach seinen Erkenntnissen der 
Landarbeitsforschung. Das Gut 
hatte eine große Ausstrahlung auf die 
Umgebung. Auch hier blieb Derlitz- 
ki wissenschaftlich tätig. Zwischen 
1935 und 1942 führte er im Auftrag 
des „Reichskuratoriums für Technik 
in der Landwirtschaft“ arbeits- und 
wärmewirtschaftliche Versuche in 34 
Orten Deutschlands und 2 Dörfern 
Österreichs durch, um die Verbrei¬ 
tung der Elektrizität im ländlichen 
Raum zu befördern. Die Untersu¬ 
chungen galten v. a. der Nutzung von 
Elektrowärmegeräten, um den Ver¬ 
brauch fester Brennstoffe zu reduzie¬ 
ren und durch erhöhte Nachfrage den 
Strompreis zu senken. Die Ergebnisse 
publizierte er wiederholt zusammen 


mit dem Pommritzer Helmut Nauck. 
Nach einem Betriebsunfall verlor 
Derlitzki ein Bein. 

Nach 1945 beteiligte sich Derlitzki 
am Wiederaufbau der Landwirtschaft, 
so in der „Arbeitsgemeinschaft für 
Landarbeitsforschung“. Zudem leitete 
er die „Vereinigung der gegenseiti¬ 
gen Bauernhilfe“ in Kindisch und ab 
1948 den Ausschuss für Landarbeit 
der Deutschen Landwirtschafts- 
Gesellschaft. Aufgrund einer politisch 
motivierten Verleumdung wegen 
angeblich schlechter Behandlung von 
Zwangsarbeitern während des Krieges 
musste er mehrfach für mehrere 
Monate in Untersuchungshaft. Tat¬ 
sächlich hatte er aber abgelehnt, in die 
SED einzutreten; die französischen 
Zwangsarbeiter waren nach der Be¬ 
freiung zunächst sogar noch freiwillig 
in Kindisch geblieben, um das Gut 
zu schützen. 1949 wurde er endgültig 
freigesprochen. Derlitzki übernahm 
eine beratende Tätigkeit beim Aus¬ 
bau der arbeitswissenschaftlichen 
Forschung in Halle-Etzdorf. Ab 1950 
unterstützte er die Gründung der 
Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt 
Gundorf, wo die Pommritzer Traditi¬ 
on fortgeführt wurde. 1952 erhielt er 
einen vollen Lehrauftrag für Land¬ 
arbeitslehre an der Landwirtschaft¬ 
lichen Fakultät der Martin-Luther- 
Universität Halle-Wittenberg, wo er 
bis zur Emeritierung 1955 erfolgreich 
eine fundierte Landarbeitsforschung 
aufbaute. 


Quellen: S. 412 ff. 


75 




Grabstätte der Familie Derlitzki auf dem Friedhof Elstra. Das Foto wurde 
von Uwe Fiedler der Wikipedia zur Verfügung gestellt. 




Derlitzki, Dorothea 


Dr. phil., Arbeitswissenschaftlerin in Pommritz 
02.10.1888 Niewerle - 15.10.1967 

V: Wilhelm Ebert, Pfarrer in Niewerle; M: Luise geb. Gose; E: Georg Derlitzki (*30.4.1889 
Bergfriede/Ostpreußen, t2.5.1958 Kindisch, Professor, Begründer der Landarbeitsforschung in 
Pommritz); K: Jürgen (18.7.1916-12.5.1942), Rotraut (*7.6.1918, Dipl.-Landwirtin) 


Dorothea Ebert besuchte von 1894 
bis 1899 die Höhere Mädchenschule 
in Luckenwalde, bis 1900 die Höhere 
Mädchenschule in Stendal und bis 
1904 die Höheren Mädchenschulen II 
und I in Hannover. 1908 schloss sie in 
Hannover das Lehrerinnen-Seminar 
mit einem Examen für mittlere und 
höhere Mädchenschulen ab. 1909 
bestand sie am Realgymnasium 
Kassel das Abitur. Von 1909 bis 1910 
studierte Ebert Deutsch, Geschich¬ 
te und Französisch in Marburg, bis 
1911 in Berlin und danach wieder in 
Marburg. Am 27. Mai 1914 bestand 
sie das Doktorexamen. Danach hielt 
sie sich in Frankfurt/Main auf. Ihre 
Promotion „Die Sprache des Trie¬ 
rer Psalters“ verteidigte sie 1915 in 
Marburg. Betreut wurde diese Arbeit 
von Friedrich Vogt und Edmund 
Ernst Stengel. 1919 kam sie mit ihrem 
Ehemann, Georg Derlitzki, von 
Gießen nach Pommritz, als dieser 
zum Leiter der dortigen Versuchs¬ 
anstalt berufen wurde. Zusammen 
richteten sie 1926 eine eigenständige 
hauswirtschaftliche Abteilung zur 
Rationalisierung der Arbeit der Land¬ 
frauen in Hof, Haus, Stall und Garten 
ein. Dorothea Derlitzki beschrieb das 


Konzept 1926 in „Arbeitsersparnis¬ 
se im Landhaushalt“. Die Derlitzkis 
wollten Misstrauen der Bäuerinnen 
gegenüber neuen Arbeitsmethoden 
abbauen, machten die „Pommritzer 
Wanderkurse“ populär und trugen 
so dazu bei, die traditionelle Überbe¬ 
lastung der Bauersfrauen zu über¬ 
winden. Dorothea Derlitzki stellte 
die körperliche und psychologische 
Überforderung der Landfrauen als 
Krise dar, für welche die Weimarer 
Staatsregierung schnellstens Abhilfe 
zu schaffen hätte, weil auch davon 
das Wohlergehen ganz Deutschlands 
abhängen würde. Nach der Kündi¬ 
gung ihres Mannes durch die Nazis 
bewirtschafteten die Derlitzkis ab 
1934 einen Bauernhof in Kindisch. 
Nach dem Tod ihres Mannes führte 
Dorothea Derlitzki mit ihrer Tochter 
den Hof bis 1960 weiter. 

Quellen: Dorothea Ebert: „Die Sprache des 
Trierer Psalters“. Dissertation, Marburg 1915; 
Rotraut Derlitzki, Eberhard Schulze: „Georg 
Max Ludwig Derlitzki (1889-1958)“. LAMO, 
Discussion Paper No. 58, 2004; Elizabeth 
Bright Jones: „Landwirtschaftliche Arbeit und 
weibliche Körper in Deutschland, 1918-1933“. 
34. Kongress der Deutschen Gesellschaft für 
Volkskunde, Berlin, 2003; Christa Ladusch: 
Hochkircher Kulturnachrichten, August 2001 


77 




Dr. Edmund Friedrich war maßgeblich beteiligt, der Balneologie, der Lehre 
von den Heilbädern, ihren Arten und Anwendungen, im 19. Jahrhundert in 
Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen (Foto: Wilhelm Höffert). 



Friedrich, Edmund 

Dr. med., Baineologe 

15.04.1826 Bischofswerda - 11.02.1912 Dresden 


V: Paul Karl Gottlieb (*1770 Schneeberg, 19.11.1830 Wendishain), Theologiestudium in Leipzig, 
1806 Diakon in Finsterwalde, 1814 Dissertation „Symbolae philologico-criticae ad interpreta- 
tionem Psalmi centesimi decimi“ in Leipzig, 1816 Archidiakon in Bischofswerda und Prediger 
in Goldbach, 1828 „Andeutungen und Materialien zu Trau- und Leichenreden für Prediger 
auf dem Lande“ (3 Bände), 1830 Pfarrer in Wendishain, Unterlagen zur Nachlassverwaltung 
im Sächsischen Staatsarchiv; M: Amalia Charlotte geb. Sperrfarth aus Dresden, dritte Ehe ihres 
Mannes, ? jene „Madame Friedrich“, die 1818 zur Kirchweihe in Bischofswerda unter Fran¬ 
cesco Morlacchi gesungen hat; G; 3 ältere, die ersten beiden in Finsterwalde geboren, darunter 
Carl (? * in Fürstenwalde, 1829-1834 Fürstenschule Grimma, Finanzbeamter in Leipzig und 
Braunschweig); Paten: Johann August Sachse (königl.-sächs. Steuerbuchhalter), Sophia Klengel 
(Bischofswerda), August Friedrich Künzel (königl.-sächs. Obersteuerkassierer, Dresden) 


Friedrich verlor früh seine Eltern. Er 
wuchs bei Verwandten in Dresden 
auf, wo er ab 1836 die Kreuzschule 
besuchte. 1845 begann er, in Leipzig 
Jura zu studieren, wechselte aber 
bereits nach einem halben Jahr zur 
Medizin. Sein Professor, Johann von 
Oppolzer, war ein Verfechter einer 
ganzheitlichen Therapie und zählte 
zu den Begründern der wissenschaft¬ 
lichen Balneologie. Nach einem 
Aufenthalt in Heidelberg bei Karl von 
Pfeufer, einem Professor für Arznei¬ 
mittellehre, promovierte Friedrich 
1850 in Leipzig mit „De pleuritide“. 
Anschließend unternahm er Studien¬ 
reisen nach Prag zu dem Internisten 
Anton von Jaksch und nach Wien, 
wohin Oppolzer berufen worden war. 

Von 1852 bis 1855 arbeitete Friedrich 
als Hilfsarzt an der Kinderheilanstalt 
in Dresden, danach ließ er sich mit ei¬ 
ner eigenen Praxis nieder. 1854 stellte 
er die von Otto Kohlschütter, Grün¬ 


der der Dresdner Kinderheilanstalt, 
begonnene deutsche Fassung „Prak¬ 
tisches Handbuch über die Krankhei¬ 
ten des weiblichen Geschlechts“ aus 
dem Englischen nach Samuel Ashwell 
fertig. In seiner Schrift „Der Abdomi¬ 
naltyphus der Kinder“ fasste Friedrich 
die Krankheitsbilder von 275 Typhus- 
Patienten der Kinderheilanstalt aus 21 
Jahren seit ihrer Gründung zusam¬ 
men. Emil Noeggerath lobte diese Ar¬ 
beit im New York Journal of Medicine 
als „excellent in every respect“. Von 
1855 bis 1887 beteiligte sich Friedrich 
an den von Carl Christian Schmidt 
gegründeten „Jahrbüchern der ge- 
sammten Medizin“. 

Edmund Friedrich war ein Verfechter 
des Turnens, dem er nicht nur eine 
gesundheitliche, sondern auch eine 
ethische und nationale Bedeutung 
beimaß. Er studierte in Schweden und 
Norwegen die Praxis der Heilgymnas¬ 
tik und beschrieb seine Erfahrungen 


79 



in „Die Heilgymnastik in Schweden 
und Norwegen nach eigener An¬ 
schauung für Aerzte und Turnlehrer“ 
(1855). Aus der Sicht eines deutsch¬ 
nationalen Turners fand er einige 
Kritikpunkte. Zum Turnen publizierte 
Friedrich auch in der Tagespresse, 
und er war von 1855 bis 1871 Mithe¬ 
rausgeber der „Neuen Jahrbücher für 
die Turnkunst“. 

Mit seinem Buch „Gesundheitspflege 
für das Volk“ gewann Friedrich einen 
1862 in Breslau ausgelobten Preis¬ 
wettbewerb zum Thema „Rathschläge 
an das Volk zur Erhaltung der Ge¬ 
sundheit“. Die Wettbewerbsbeiträge 
sollten allgemeinverständlich sein „in 
Fürsorge namentlich derjeniger seiner 
Mitmenschen, welche ausschließlich 
sich durch Arbeit das tägliche Brod 
erwerben müssen.“ Ausführlich be¬ 
handelte Friedrich auf insgesamt 248 
Seiten Ernährung, Luft, Arbeit, Sexu¬ 
alkunde und Krankheitspflege, wobei 
er als einer der Ersten darlegte, dass 
Nahrungsmittel besser als Lebensmit¬ 
tel zu bezeichnen seien. Der Patholo¬ 
ge Hermann Lebert hielt das Referat. 
Friedrich schrieb zudem 1867 die 
„Uebersicht der wichtigeren Beiträge 
in der englischen und amerikanischen 
Literatur der Jahre 1855 bis 63 zur 
Pathologie und Therapie der Lungen¬ 
tuberkulose“ und „Die Paracentese 
des Unterleibs bei Darmperforation 
im Abdominaltyphus“. 

1861 hatte Friedrich in Dresden u. 
a. mit Friedrich von Boetticher und 


Karl Gutzkow dem Vorstand eines 
Komitees für den Aufbau deutscher 
Seestreitkräfte angehört. Während 
der Kriege 1866 und 1870/71 diente 
er als Arzt bzw. Oberarzt in Dresd¬ 
ner Kriegslazaretten. 1871 leitete er 
den Sanitätszug des 12. Armeekorps. 
Friedrich schrieb: „Die Deutschen 
Sanitätszüge im Feldzuge gegen 
Frankreich“ (1871/72, Gesellschaft für 
Natur- und Heilkunde Dresden). 

Das Reisen war Friedrichs Leiden¬ 
schaft. Er besuchte Russland, Belgien, 
England, Holland, Frankreich, die 
Schweiz und Italien. Seinen Lebens¬ 
unterhalt bestritt er dabei teilweise 
als Reisearzt. Besonders die See 
hatte es ihm angetan. Die Ergebnisse 
seiner baineologischen und klima- 
tologischen Studien veröffentlichte 
Friedrich in zahlreichen Aufsätzen 
und Monographien. Albert Eulenburg 
berief ihn als Mitarbeiter für Balneo¬ 
logie an der „Real-Encyklopädie der 
gesamten Heilkunde“ (nach 1880). 
Friedrich schrieb: „Herbstaufenthalt 
und Überwinterung Kranker auf den 
Deutschen Nordseeinseln“ „Über 
Seeluftkuren bei Asthma und in den 
Anfängen der Phthise“ (1886, Ge¬ 
sellschaft für Natur- und Heilkunde 
Dresden), „Die deutschen Insel- und 
Küstenbäder der Nordsee“ (1888), 
„Die holländischen und belgischen 
Seebäder und Seehospize“ (1889), 
„Über den Salzgehalt der Seeluft und 
die therapeutische Verwertung der 
wirksamen Faktoren der Nordseeluft“ 
(1890), „Die deutschen Kurorte der 


80 




1898 veranschaulichte Max Liebermann, wie Seebäder innerhalb von 100 
Jahren in Deutschland in Mode gekommen waren. „Die Wirkung des Auf¬ 
enthalts in einem Seebadeort ist nur zum Teil auf das Baden im Seewasser 
zu beziehen; eine mindestens gleichwichtige Rolle spielen dabei die klima¬ 
tischen Verhältnisse. Die Seeluft ist sehr rein,.... Die meist starke Luftbe¬ 
wegung steigert die Wärmeabgabe durch die Haut sehr bedeutend, damit 
werden auch die wärmebildenden Prozesse stark angeregt... Bad im Seewas¬ 
ser, dessen Wirkung auf der Temperatur, dem Salzgehalt und der Bewegung 
des Wassers beruht.“ (Meyers Großes Konversations-Lexikon, 1909). 


Nordsee“ (1891), „Mitteilungen aus 
einigen Kurorten der Nordsee und 
einigen Ostseebädern“ (1895), „See¬ 
reisen in Prophylaxe und Therapie der 
Lungenschwindsucht“ (1899, Berli¬ 
ner Klinische Wochenschrift) und 
„Mitteilungen aus dem Küstenhos¬ 
pital zuRefsnaes 1875-1900“ (1901, 
Zeitschrift für Tuberkulose und 
Heilstättenwesen). In „Die Seereisen 


zu Heil- und Erholungszwecken, ihre 
Geschichte und Literatur“ (1906) 
stellte Friedrich dar, wie sich die An¬ 
schauungen über die Indikation von 
Seereisen im Laufe der Zeit gewandelt 
hatten. Zudem erschienen von ihm 
Beiträge in der Münchner Monats¬ 
schrift für praktische Balneologie, 
von 1895 bis 1898 Organ des Allge¬ 
meinen Deutschen Bäderverbandes, 


81 



und in der „Zeitschrift für diätische 
und physikalische Therapien“ (1898 
in Berlin von Ernst von Leyden und 
Alfred Goldscheider gegründet). Dort 
beschrieb er am Beispiel der Dresdner 
Heide den Nutzen von Sandbädern 
im Binnenland für die Behandlung 
tuberkulöser Kinder, ein Bad in der 
kalten Prießnitz zum Abschluss 
inklusive. 1895 nahm Friedrich am II. 
Internationalen Kongress für Thalas¬ 
sotherapie in Ostende teil, 1899 am 
Kongress zur Bekämpfung der Tuber¬ 
kulose als Volkskrankheit in Berlin, 
wo Walther Hesse einen Vortrag 
hielt. 1897 referierte Friedrich vor 
der Naturforschenden Gesellschaft in 
Görlitz „Über vulkanische Schlacken 
als Treibprodukte der Nordsee“. 

Friedrich war ab 1854 für mehr als 
50 Jahre Mitglied der Gesellschaft 
für Natur- und Heilkunde, die sich 
in Dresden dem Informationsaus¬ 
tausch zwischen Ärzten und Na¬ 
turforschern widmete und der auch 
Walther Hempel und Walther 
Hesse angehörten. Der Gesellschaft 
Deutscher Naturforscher und Ärzte 
gehörte Friedrich ebenfalls an. Ab 
1865 war er für fast 50 Jahre Mitglied 
in der Naturwissenschaftlichen Ge¬ 
sellschaft ISIS. Die ISIS galt seit ihrer 
offiziellen Anerkennung 1835 als die 
führende Wissenschaftlerorganisa¬ 
tion Dresdens, so zählten die Rek¬ 
toren des Polytechnikums bzw. der 
Technischen Hochschule Walther 
Hempel, Gustav Anton Zeuner, Oscar 
Drude und Bernhard Pattenhausen 


zu ihren Mitgliedern. Des Weiteren 
gehörten ihr zur Zeit von Edmund 
Friedrich der Mediziner Carl Gus¬ 
tav Carus, Walther Hesse, Johann 
Friedrich Judeich aus Tharandt, Franz 
Ledien vom Botanischen Garten, 
Julius Lehmann, Bruno Steglich 
und Julius Adolph Stöckhardt an. 

Von Anfang an stand die ISIS allen 
naturwissenschaftlich Interessierten, 
Akademikern und Laien, gleicher¬ 
maßen offen. Die Mitglieder waren 
verpflichtet, sich aktiv mit Vorträ¬ 
gen am wissenschaftlichen Leben 
zu beteiligen. Ludwig Reichenbach, 
Gründer des Botanischen Gartens 
in Dresden, prägte die ISIS über 30 
Jahre als deren Leiter. Als 1866 nach 
einer Statutenänderung die Wahlperi¬ 
oden auf zwei Jahre begrenzt wurden, 
verließ er aus Protest die Gesellschaft. 
Im Zeitraum von 1868 bis 1886 leitete 
der Geologe und Mineraloge Hanns 
Bruno Geinitz die ISIS für insgesamt 
sieben Jahre. Geinitz gehörte zudem 
wie Friedrich der Gesellschaft für 
Natur- und Heilkunde an. Jener war 
noch zur Zeit von Reichenbach Mit¬ 
glied der ISIS geworden, aber offenbar 
blieb ihr Verhältnis ungetrübt. Als 
Reichenbach 1879 starb, war es an 
Friedrich, den langjährigen Vorsit¬ 
zenden in den „Sitzungsberichten 
und Abhandlungen der ISIS“ zu wür¬ 
digen. Friedrich ging ausführlich auf 
die Verdienste Reichenbachs ein. Die 
Streitigkeiten, die zu Reichenbachs 
Austritt aus der ISIS geführt hatten, 
und den erbitterten Nachfolgestreit 
um die Präsidentschaft der seinerzeit 


82 



in Dresden ansässigen Leopoldina 
nach dem Tod von Carl Gustav Carus 
im Jahre 1869 erwähnte er nur kurz. 
Die Leopoldina entschloss sich, statt 
einen eigenen Nachruf für Reichen¬ 
bach zu verfassen, den Beitrag Fried¬ 
richs im Wesentlichen nachzudru¬ 
cken. Die positive Gesamtwürdigung 
ersetzte man jedoch durch Kritik. 

In den Dresdner Vereinen beschäftig¬ 
te sich Friedrich neben der Balneolo¬ 
gie auch mit botanischen und geolo¬ 
gischen Fragen. So war er Mitglied 
im Verein für Erdkunde unter Sophus 
Rüge, schrieb „Nochmals die Heimat 
des Borsdorfer Apfels“ und sprach 
in der ISIS über die Verbreitung der 
Esskastanie sowie auch hier über 
„Vulkanische Schlacken als Treib¬ 
produkte der Nordsee“. Von 1870 bis 
1875 führte Friedrich die Geschäfte 
des Geselligkeitsvereins „Montags¬ 
gesellschaft“. Unter Leitung des 
Konrektors der Kreuzschule Gustav 
Helbig und maßgeblicher Beteiligung 
liberaler Kräfte wie Ernst Riet- 
schel und Karl Gutzkow hatte sich 
in der nachrevolutionären Zeit das 
inhaltliche Profil des vormals hoch¬ 
politischen, literarisch-künstlerischen 
Vereins um Gottfried Semper und 
Richard Wagner wesentlich verändert, 
der elitäre Charakter war jedoch im 
Unterschied zu anderen Gesellschaf¬ 
ten erhalten geblieben. Bekannte 
Wissenschaftler wie Oskar Schlömilch 
und der Botaniker Matthias Schleiden 
traten neu ein. 


Friedrich wohnte und praktizierte 
in Dresden Wallstraße 5a (1862), 
Dohnaplatz 13 (1868), Wiener Straße 
11 (1892) und Lindengasse 20 (1904). 
Für seine Verdienste wurde er mit 
dem Titel Sanitätsrat und dem Rit¬ 
terkreuz zum Albrechtsorden geehrt. 
In Meyers Großem Konversations- 
Lexikon von 1909 gehörte er zu den 
wenigen zitierten Literaturnachweisen 
zum Thema Seebäder. Edmund Fried¬ 
rich fand auf dem Trinitatisfriedhof 
die letzte Ruhe. Dem Dresdner Bür¬ 
gerhospital vererbte er 6000 Mark. 

Quellen: Julius Leopold Pagel: „Biographisches 
Lexikon hervorragender Ärzte des neunzehnten 
Jahrhunderts“. 1901; Neuer Nekrolog der Deut¬ 
schen, 1832; Karl Wilhelm Mittag: „Chronik 
der königlich sächsischen Stadt Bischofswerda“. 
May Bischofswerda, 1861; Neue Jahrbücher für 
die Turnkunst, Schönfeld, 1860; Manfred Stürz¬ 
becher: „Beiträge zur Berliner Medizingeschich¬ 
te“ Bd. 18; Max Erich Richard Matthes: „Lehr¬ 
buch der klinischen Hydrotherapie“. Fischer 
Jena, 1900; Sitzungsberichte und Abhandlungen 
der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft Isis; 
Jahresbericht des Vereins für Erdkunde zu Dres¬ 
den, 1896; Gotthold Pannwitz: „Bericht über 
den Kongress zur Bekämpfung der Tuberkulose 
als Volkskrankheit“. 1899; Hubertus Averbeck: 
„Von der Kaltwasserkur bis zur physikalischen 
Therapie“. Books on Demand, 2013; Dirk Hem- 
pel: „Literarische Vereine in Dresden. Kulturelle 
Praxis und politische Orientierung des Bürger¬ 
tums im 19. Jahrhundert“. Walter de Gruyter, 
2008; Kirchenarchiv Bischofswerda; Dresdner 
Adressbücher 1852-1912; Dresdner Anzeiger, 

3. September 1912; Dresdner Geschichtsblät¬ 
ter, 1909-1912, Bd. 5, S. 237; Werner Wilhelm 
Schnabel: „Repertorium Alborum Amicorum“. 
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen- 
Nürnberg; Webseite des Sächsischen Staats¬ 
archivs; Christian Gottlob Immanuel Lorenz: 
„Grimmenser-Album“. 1850; Zeitschrift für 
Rechtspflege und Verwaltung, Bd. 37, 1872 


83 



■ * 



Dreifach ist der Schritt der Zeit: Zögernd kommt die Zukunft hergezogen, 
pfeilschnell ist das Jetzt entflogen, ewig still steht die Vergangenheit. 
(Eintrag von Richard Garbe in einem Kleindrebnitzer Gästebuch) 



Garbe, Richard Erich Christian 


Pfarrer in Großdrebnitz, sächsischer Landespfarrer für Frauenarbeit 
29.07.1910 Hohndorf b. Freiberg - 02.08.1992 Hannover 

V: Friedrich (*1876), Bergmann; M: Helene geb. Neumann (*1887); G: Käthe (*1920); E: 1937 
in Oelsnitz, Erika Frieda geb. Grunert (*1915, tl.2.2008 Hannover); K: Frieda Christel Helena 
(*1938) 


Garbe studierte in Leipzig Theologie 
und legte am 20. Juli 1934 das erste 
Theologische Staatsexamen ab. Am 1. 
Januar 1935 erhielt er seine erste An¬ 
stellung im Dienst der Evangelisch- 
Lutherischen Landeskirche Sachsen 
als Pfarrvikar von Großdrebnitz und 
Goldbach und am 16. Februar 1936 
wurde er ordiniert. Bereits während 
des Studiums hatte Garbe die Werbe¬ 
aktionen der Nazis erlebt. Seine ersten 
Dienstjahre fielen in eine Zeit heftiger 
Auseinandersetzungen zwischen dem 
deutschchristlichen Kirchenregi¬ 
ment der Landeskirche unter Bischof 
Friedrich Coch und Anhängern der 
„Bekennenden Kirche“. Im Herbst 
1937 eskalierte der Streit sachsenweit. 
Viele regimekritische Pfarrer wurden 
entlassen. Auch in Goldbach besaßen 
die Deutschen Christen um Kantor 
Max Gelbke großen Einfluss. Der 
erreichte beim Landeskirchenamt, 
dessen Leiter Erich Kotte kurz zuvor 
auf Betreiben von Oberkirchenrat 
Johannes Klotsche abgesetzt worden 
war, dass er gegen Garbes Willen 
jeden vierten Sonntag im Monat 
und jeden ersten Feiertag an hohen 
Festen Lesegottesdienst halten sollte. 
Eine Denunziation führte zu Garbes 


Dienstentlassung am 1. Dezember 
1937. In der offiziellen Begründung 
des Landeskirchenamtes wurde ange¬ 
führt, dass er sich gegen die Beurlau¬ 
bung des Bautzener Superintendenten 
Walter Theodor Berg ausgesprochen 
und das landeskirchliche Gemein¬ 
deblatt abbestellt hätte. Die gesamte 
Aktion der Nazis war aber ein Fehl¬ 
schlag, denn es gelang nicht, die 
Großdrebnitzer Bevölkerung gegen 
ihren Pfarrer aufzubringen. Auf Ein¬ 
spruch beim Landeskirchenamt durch 
mehrere Kirchenvorsteher wurde die 
Entlassung für Großdrebnitz zurück¬ 
genommen und die Wahl Garbes als 
ständiger Pfarrer von Großdrebnitz 
ungeachtet der Anfeindungen durch 
die Nationalsozialisten nach Verord¬ 
nung des Evangelisch-Lutherischen 
Landeskirchenamtes vom 28. Februar 
1939 bestätigt. In Goldbach durfte 
er keinen Dienst mehr tun. Auch in 
Großdrebnitz stand Garbe jedoch 
während seiner sonntäglichen Predig¬ 
ten unter der Beaufsichtigung durch 
die Polizeibehörde. Das blieb gültig 
bis zum 26. August 1939, jenem Tag, 
an dem Richard Garbe zum Wehr¬ 
dienst eingezogen wurde. 


85 



In dieser schweren Zeit entstand eine 
Publikation Garbes, die heute für 
die Ortsgeschichtsschreibung von 
großem Wert ist und die damals wohl 
seiner Protesthaltung entsprang. Sie 
erschien in der ehemaligen Tagungs¬ 
zeitung „Sächsischer Erzähler“, Sonn¬ 
tagsbeilage „Unsere Heimat“ vom 11. 
und 18. April 1938. Der dort mit einer 
Fortsetzung abgedruckte Beitrag von 
Garbe, P. (P. vermutlich für „Pfarrer“): 
„Vorarbeiten für eine Dorfchronik“ 
ging im Inhalt nicht auf NS-ideologi- 
sche Aspekte ein. Stattdessen wurden 
der nationalsozialistischen Ideologie 
fremde Autoren wie Bruno Barthel 
und Kirchschullehrer Willy Sorber, 
1937 in Großdrebnitz suspendiert, als 
bedeutende lokale Geschichtsquellen 
genannt. 

Während Garbe seinen Wehrdienst 
leistete, musste sich die Ehefrau im 
Dorf kleinlicher Gehässigkeiten 
führender NS-Mitglieder erwehren. 

In dieser Zeit war für sie die Unter¬ 
stützung des Bürgermeisters Otto 
Heinrich von großer Bedeutung. 

Zum Kriegsende kam Garbe an der 
Westfront in amerikanische Ge¬ 
fangenschaft und wurde frühzeitig 
entlassen - aber nicht nach Hause in 
die sowjetische Besatzungszone. Das 
Überschreiten der Zonengrenze war 
äußerst gefahrvoll und gelang nur 
mit Unterstützung durch ihm zuge¬ 
tane Menschen auf dem Tender einer 
Dampflokomotive. Auf dem weiten 
Weg nach Hause geriet er noch ein 
weiteres Mal in Gefahr bei einer Raz¬ 


zia durch Russen, die Heimkehrern 
aus den westlichen Besatzungszonen 
galt. Für diese war der Abtransport in 
nunmehr russische Kriegsgefangen¬ 
schaft vorgesehen. Fremde Menschen 
halfen spontan, den Gefährdeten 
zu verbergen. Glücklich zur Familie 
heimgekehrt, teilte er am 25. Oktober 
1945 der Superintendentur mit, dass 
er seine Amtstätigkeit in Großdreb¬ 
nitz wieder aufgenommen habe. Am 
9. November 1945 konnte ihm die 
Superintendentur seinen neuen Per¬ 
sonalausweis (mit russischer Überset¬ 
zung und Abstempelung) zustellen. 
Erst jetzt war Garbe in Sicherheit. 

Im Jahr 1947 kam der einst aus der 
Schule entfernte Oberlehrer Willy 
Sorber zurück in das Dorf. Garbe hat¬ 
te diese Heimkehr ermöglicht durch 
die Einstellung Sorbers als Kantor 
und dessen Aufnahme in eine Woh¬ 
nung auf dem Pfarrgrundstück. Der 
damalige Theologiestudent Reinhard 
Eeue erhielt bei Garbe zeitweise Kost 
und Eogis. 

Garbe musste bald erkennen, dass der 
sozialistische Nachfolgestaat nicht nur 
kirchen-, sondern auch menschen¬ 
feindliche Züge annahm. Allerdings 
waren im Großdrebnitz der Nach¬ 
kriegszeit die Bemühungen, eine 
„Klassenkampfstimmung“ zu erzeu¬ 
gen, vergeblich geblieben. Das hatte 
seine Ursache in der Kirchenfreund¬ 
lichkeit der Einwohner, aber auch in 
einer der Kirche gegenüber toleranten 
Haltung des (Neu-)Lehrerkollegiums. 
Das lieb gewordene Großdrebnitz 


86 




Jakobikirche Freiberg. Foto: Unu- 
korno 2008 (Wikimedia Commons), 
Lizenz: CC BY-SA 3.0 


verließ Garbe im Jahr 1951, um in 
Freiberg an der Jakobikirche die 
Pfarrstelle zu übernehmen. Hier 
geriet er erneut in Konfrontation mit 
den Machthabern. Dieses Mal schien 
kein weiterer Ausweg möglich als die 
Republikflucht. Dem Einsatz des da¬ 
maligen Landesbischofs Dr. Gottfried 
Noth war es zu verdanken, dass Garbe 
in die DDR zurückkehren konnte. 

Am 26. Oktober 1960 wurde Garbe 
als Landespfarrer für sächsische Frau¬ 
enarbeit berufen. Gleichzeitig wirkte 
er bis zum 31. Dezember 1966 als 
Gemeindepfarrer in Dresden-Kaditz. 
Ende der 1960er Jahre beteiligte sich 
Garbe an der DDR-weiten Vorberei¬ 
tung des Weltgebetstages in Berlin. 



Emmauskirche Dresden-Kaditz. 
Foto: X-Weinzar 2007 (Wikimedia 
Commons), Lizenzen: CC BY-SA 
3.0, GFDL 

Er initiierte die Herausgabe einer 
Diaserie und erarbeitete die ersten 
beiden Teile selbst. 1970 bestand 
die Serie aus 135 Aufnahmen. Die 
Diaserie wurde bis 1990 fortgeführt. 
Zum 31. Juli 1977 schied Garbe aus 
dem Dienst aus. Seine vorausgegange¬ 
nen Bemühungen um eine Wohnung 
waren von den staatlichen Stellen 
blockiert worden, seinem Antrag auf 
Ausreise in die Bundesrepublik wurde 
dagegen ohne weiteres stattgegeben. 
Das unterstreicht, welches Misstrauen 
die Behörden der DDR diesem Pfar¬ 
rer entgegenbrachten. Er hatte zwei 
Diktaturen standgehalten. 

Quellen: Pfarrarchiv Großdrebnitz; Mitteilungen 
Pfarrer Sebastian Führer (Martinskirche Großdreb¬ 
nitz), Erika Garbe, Klaus Giesemann und Christa 
Freundenberg; Auskunft Evangelisch-Lutherisches 
Landeskirchenamt Sachsen; www.frauenarbeit- 
sachsen.de, Geschichte der Kirchlichen Frauenar¬ 
beit; Hans Meiser, Hannelore Braun, Nora Andrea 
Schulze, Carsten Nicolaisen: „Verantwortung für 
die Kirche“. Bd. 3, Vandenhoeck & Ruprecht, 1985; 
Reinhard Leue: „1947 - Unterwegs durch die Ober¬ 
lausitz“ Oberlausitzer Hausbuch 2006 


87 




Ludwig Gedike. 


Quellen: Heinrich Kämmel: „Gedike, Ludwig Friedrich Gottlob Ernst“, Hermann Schulze: „Gaupp, Ernst 
Theodor“ Allgemeine Deutsche Biographie, 1878; Fritz Borinski: „Gedike, Friedrich“. Neue Deutsche 
Biographie, 1964, S. 125-126; Dr. Schubart: „Zur Geschichte des Gymnasiums in Budissin“. Gedr. bei E.M. 
Monse, 1863; „Zur festlichen Feier des fünfzigjährigen Jubiläums der ersten Bürgerschule zu Leipzig.“ Carl 
Gustav Naumann Leipzig, 1853; Friedrich August Schmidt, Bernhard Friedrich Voigt: „Neuer Nekrolog der 
Deutschen“. Verlag B.F. Voigt, 1840; Johann Samuel Ersch, Johann Gottfried Gruber: Allgemeine Encyclo- 
pädie der Wissenschaften und Künste in alphabetischer Folge, Bd. 55, Gleditsch, 1852; Gottlieb Friedrich 
Otto: „Lexikon der seit dem fünfzehenden Jahrhunderte verstorbenen und jetztlebenden Oberlausizischen 
Schriftsteller und Künstler“. Bd. 2,1801; Herbert E. Brekle, Edeltraud Dobnig-Jülch: „Bio-bibliographisches 
Handbuch zur Sprachwissenschaft des 18. Jahrhunderts“. Bd. 3, De Gruyter 1994; Sanct Johannis Freimaurer- 
Loge zur goldnen Mauer, Mitgliederverzeichnis 1805; http://freimaurer-wiki.de; http://www.leipzig-lexikon. 
de; Heinrich Heinlein: „Der Friedhof zu Leipzig in seiner jetzigen Gestalt oder Vollständige Sammlung 
aller Inschriften auf den ältesten und neuesten Denkmälern daselbst“. 1844; Jens Häseler, Rolf Geissler: „La 
Correspondance de Jean Henri Samuel Formey (1711-1797): Inventaire alphabetique Vol. 29, Serie „Vie des 
Huguenots“. Honore Champion, 2003; Lausizische Monatsschrift, 1793, 1796, 1797, 1800, 1802; Leipziger 
Adressbuch, 1830; Britta L. Behm, Uta Lohmann, Ingrid Lohmann: „Jüdische Erziehung und aufklärerische 
Schulreform“. Waxmann Verlag, 2002; Topographische Chronik von Breslau, 1806; Ernst Gustav Vogel, 
Johann Carl Christoph Vogel: „Zur Erinnerung an L.F.G.E. Gedike, ersten Director der Bürgerschule zu 
Leipzig“. Leipzig, 1839 


Gedike, Ludwig Friedrich Gottlob Ernst 

Professor, Schulreformer 

22.10.1761 Boberow- 09.07.1838 Breslau 

V: Friedrich (*16.11.1718 Berlin, 130.4.1762 Boberow), Magister, Pfarrer, Besitzer einer großen 
Briefsammlung an Philipp Spener; M: Catharina Eleonore geh. Seger, Pfarrerstochter aus 
Bechlin; G: Friedrich (*15.1.1754 Boberow bei Lenzen, 12.5.1803 Berlin, Gymnasialdirek¬ 
tor, Oberkonsistorialrat, Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Akademie der 
Künste Preußens, wichtiger Modernisierer des preußischen Bildungswesens, verband in seinen 
Schulprogrammen die klassische humanistische Bildung mit Ideen der Aufklärung, stärkte 
die öffentlichen Realschulen, 1788 an der Einführung des Abiturs beteiligt, Freimaurer-Loge 
„Zu den drei Weltkugeln“); E: Breslau, Johanna Christine Charlotte geb. Kruttge (Tochter eines 
Arztes, 1 nach 1838); K: Ernst Friedrich Gustav (1791-18.1.1797), Eduard Ludwig (*30.9.1793 
Bautzen, 113.5.1821 Leipzig, Studium in Leipzig, königlich-preußischer Regierungs-Assessor in 
Magdeburg), Luise Karoline (*29.3.1796 Bautzen, verheiratet in Berlin), Luise Auguste (*7.2.1800 
Bautzen, 1 nach 1859, ab 1823 in Leipzig und später in Breslau mit dem Juraprofessor Ernst 
Theodor Gaupp verheiratet, Vorstandsmitglied der Breslauer Singakademie) 


Gedike entstammte einer märkischen 
Pfarrerfamilie. Sein Großvater Lam¬ 
bert Gedicke war in Halle von August 
Hermann Francke im Sinne des Pie¬ 
tismus geprägt worden. Als Kleinkind 
verlor Ludwig den Vater. Seine frühe 
Kindheit verbrachte er in Perleberg. 
Mit 10 Jahren fand Gedike Aufnahme 
im Schindler‘sehen Waisenhaus in 
Berlin, später besuchte er das dortige 
Gymnasium “Zum grauen Kloster“. 
Besonders sein sieben Jahre älterer 
Bruder, Friedrich Gedike, bemühte 
sich sehr um Ludwigs Ausbildung. 
Friedrich erhielt 1775 eine Anstellung 
als Hauslehrer in der Familie des 
Aufklärers Johann Joachim Spalding 
und nahm Ludwig als Schüler mit. 
Mit finanzieller Unterstützung des 
Schindler‘sehen Waisenhauses konnte 
Gedike 1780 die Universität Halle 
beziehen, wo er Theologie, Philolo¬ 
gie und Pädagogik studierte. Seinen 


Lebensunterhalt verdiente er sich teil¬ 
weise selbst mit Privatunterricht. In 
Halle wurde er am 1. September 1780 
auch in die Freimaurer-Loge „Zu den 
drei Degen“ aufgenommen. Der Di¬ 
rektor des Gymnasiums „Zum grauen 
Kloster“, Anton Friedrich Büsching, 
holte Gedike 1782 als Lehrer zurück 
nach Berlin. Dessen Bruder Friedrich 
arbeitete inzwischen an der selben 
Schule. Minister Karl Abraham von 
Zedlitz, ein Anhänger der Kant‘sehen 
Philosophie und Förderer des Volks¬ 
schulwesens, veranlasste noch im 
selben Jahr Gedikes Berufung an das 
Elisabeth-Gymnasium in Breslau 
als dritter Professor, weil die dortige 
Ausbildung in den alten Sprachen in 
der Kritik stand. 

Gedike unterrichtete ab Januar 1783 
neun Jahre am Elisabeth-Gymnasium 
in Breslau die lateinische, griechische 


89 




Das Elisabeth-Gymnasium ging 
auf eine 1293 bei der St.-Elisabeth- 
Kirche Breslau gegründete Elemen¬ 
tarschule zurück, die als Pfarrschule 
eng mit der Kirche verbunden war. 
Nach der Reformation wurde die 
Schule städtisches Gymnasium und 
am alten Standort mehrfach umge¬ 
baut. Anfang des 20. Jahrhunderts 
bezog sie einen Neubau an einem 
anderen Platz. 

und hebräische Sprache. Das Gymna¬ 
sium wurde in jener Zeit von Johann 
Kaspar Arletius geleitet. Besonders 
auch mit dessen Nachfolgern als 
Rektor Philipp Julius Lieberkühn und 


Johann Ephraim Scheibel sowie dem 
damaligen Pro-Rektor des Maria- 
Magdalenen-Gymnasiums in Breslau, 
Johann Kaspar Friedrich Manso, 
stand Gedike in enger Verbindung. 

Unter der Regentschaft des preußi¬ 
schen Königs Friedrich II. („der Gro¬ 
ße“) und dem Einfluss des führenden 
preußischen Pädagogen Friedrich 
Gedike, Ludwigs Bruder, waren in 
Breslau frühzeitig fortschrittliche 
Schulreformen eingeleitet worden. Zu 
Ludwig Gedikes Aufgaben gehörten 
die Prüfung von Schulamtskandida¬ 
ten, die Aufsicht über das königliche 
Seminar für Landschullehrer und die 
Mitarbeit bei der Organisation der 
israelitischen Wilhelmsschule. Diese 
am 15. März 1791 mit anfangs 125 
Schülern eingeweihte Schule entstand 
im Zuge der vom preußischen König 
Friedrich Wilhelm II. befohlenen 
Neuordnung des „Judenwesens“ in 
Breslau ab 1790. Die jüdische Bevöl¬ 
kerung erhielt erweiterte Bürgerrech¬ 
te, gleichzeitig musste sie sich feste 
Familiennamen zulegen. Der König 
wies die Schulgründung für jüdische 
Kinder an, um „die künftige Genera¬ 
tion zu nützlichen Bürgern des Staats 
zu bilden“. Aufgeklärte preußische 
Beamte und Pädagogen unterstützten 
die Integration der jüdischen Mitbür¬ 
ger, auch auf jüdischer Seite fassten 
aufklärerische Ideen Fuß. Die Zeit 
der Aufklärung war insgesamt durch 
einen verstärkten interkulturellen, 
christlich-jüdischen Dialog gekenn¬ 
zeichnet. Das Schulkollegium als Auf- 


90 


sichtsgremium der Wilhelmsschule 
stand unter der Leitung von Friedrich 
Albert Zimmermann. Neben Gedike 
als christlichem Pädagogen gehörten 
dem Gremium Vertreter der jüdi¬ 
schen Gemeinde an, darunter als 
Oberlehrer der Reformer Joel Loewe. 
Vorbehalte gegenüber der säkularen, 
vom preußischen Staat geförderten 
Einrichtung gab es vor allem aber 
auch seitens traditioneller jüdischer 
Kreise. Anlässlich der Eröffnung der 
Schule sagte Gedike dazu: „nicht 
leichtsinnige Spötter und Verächter 
eures Glaubens, nicht schadenfrohe 
und seichte Verächter der durch reli¬ 
giöse Ueberzeugungen gegründeten 
Gemüthsruhe ihrer Brüder, sondern 
aufgeklärte und redliche Verehrer der 
Religion, gute, zufriedene und mit 
dem Geiste ächter Duldung und Liebe 
erfüllte Menschen, geschickte und 
patriotische Bürger solle sie erziehen“. 

Gedike schrieb in Breslau „Einige 
Gedanken über den jetzigen Zustand 
der alten Litteratur in unsern gelehr¬ 
ten Schulen, und dessen Ursachen“ 
(1787), worin er sich für eine mehr 
inhaltliche Rezeption der klassischen 
Literatur statt reiner Sprachaneignung 
aussprach, und ein „Hebräisches 
Lesebuch für Schulen, mit einem 
vollständigen hebräisch - deutschen 
Wörterverzeichniß“ (1790). Beim 
Aufbau des Lesebuchs, darunter den 
nach Schwierigkeitsgraden geordne¬ 
ten Beiträgen, orientierte er sich am 
Vorbild seines Bruders. Von seinem 
Lehrer Lieberkühn gab Gedike die la¬ 


teinische Übersetzung des „Robinson“ 
(1789) und dessen „Kleine Schriften“ 
mit einer Lebensbeschreibung heraus 
(1791). Zudem arbeitete er an den 
„Schlesischen Provinzblättern“ mit. 

Im Oktober 1791 bekam Gedike 
in der Nachfolge des nach Weimar 
gewechselten Karl August Bötti- 
ger die Leitung des Gymnasiums in 
Bautzen übertragen. Seine in Breslau 
erworbenen Erfahrungen ließen ihn 
schnell erkennen, dass das Schul¬ 
wesen in der Oberlausitz dringend 
reformbedürftig war. Gedike erwarb 
sich besonders mit seinen struktu¬ 
rierten, planvollen Schulprogrammen 
große Verdienste um die Lehran¬ 
stalt. Er nutzte diese deutsch oder 
lateinisch verfassten Jahresberichte 
aber auch, um seine grundsätzlichen 
Überlegungen zur Pädagogik und 
zum Schulwesen in der Oberlausitz 
darzulegen. Gedike schrieb u. a. „Vor¬ 
stellung an Altern, die ihre Kinder 
unserer Schule anvertrauen“ (1793), 
„Erinnerung an einige in unserm 
Jahrzehend leicht zu verkennende 
und zu vergessende Wahrheiten, 
mit Rücksicht auf die Oberlausitz“ 
(1794) und „Gedanken eines Schul¬ 
manns über eine dem Schulwesen in 
Chursachsen bevorstehende Verände¬ 
rung, mit besonderer Beziehung auf 
die Oberlausitz“ (1795). Im Mittel¬ 
punkt der gymnasialen Ausbildung 
in Bautzen standen seinerzeit zur 
Vorbereitung auf ein Universitätsstu¬ 
dium die alten Sprachen. Gedike legte 
jedoch auch Wert auf die Vermittlung 


91 




Gedikes Vorgänger als Direktor des 
Bautzener Gymnasiums war Karl 
August Böttiger. Auf Gedike 
folgte Karl Gottfried Siebelis. 

naturwissenschaftlicher Kenntnisse, 
und auch Abgänger in die berufliche 
Praxis, zum Beispiel in die Landwirt¬ 
schaft, sollten gute Voraussetzungen 
erwerben. Ein weiteres Ziel Gedi¬ 
kes bestand darin, an seiner Schule 
geeignete Schüler für eine Tätigkeit 
als Volksschullehrer vorzubereiten. 

Er richtete in Bautzen vorbildhaft für 
Sachsen ein Lehrerseminar ein, um 
die Qualität der Schulausbildung zu 
erhöhen. Zu Gedikes bekanntesten 
Schülern in Bautzen gehörte neben 
dem späteren Landwirtschaftsrefor- 
mer Heinrich August Blochmann 
auch dessen Bruder Karl Justus Bloch¬ 
mann, Pädagoge bei Johann Heinrich 
Pestalozzi und 1824 Begründer des 
Blochmannschen Instituts in Dres¬ 
den. Sein Credo beschrieb Gedike 
1797: „Das Schul- und Erziehungs¬ 
wesen ist einer immer fortgehenden 


Verbesserung fähig und bedürftig“. 

So führte er im Latein-Unterricht 
das Experiment ein, dass sich die 
Schüler zunächst gegenseitig zensier¬ 
ten, ehe er die Arbeiten bewertete. 

Die Einführung von Abiturprüfun¬ 
gen als Gymnasialabschluss, wie sie 
unter maßgeblicher Mitwirkung von 
Gedikes Bruder Friedrich 1788 in 
Preußen schon erfolgt war und von 
Ludwig Gedike auch für Bautzen vor¬ 
geschlagen wurde, erfolgte erst nach 
dessen Weggang aus Bautzen mit 
Ratsbeschluss vom 19. Juli 1821 unter 
seinem Nachfolger Karl Gottfried 
Siebelis. 

Gedike war in seiner Bautzener 
Zeit Mitglied der Oberlausitzischen 
Gesellschaft der Wissenschaften. Er 
wird in der „Lausizischen Monats¬ 
schrift“ von 1793 u. a. gemeinsam mit 
Karl August Böttiger, August 
Gottlieb Meissner und Gottlob 
Adolf Ernst von Nostitz und 
Jänkendorf genannt. Gedike schrieb 
auch Aufsätze für diese Zeitschrift, 
so „Vorlesungen gehalten am letzten 
Dez. 1801 in einem gesellschaftlichen 
Kreise“ (1802). 

Der Förderung der Bildung des 
aufstrebenden Bautzener Bürgertums 
galt 1802 auch die Gründung der 
Freimaurer-Loge „Zur goldenen Mau¬ 
er“. Gedike als Stifter war gleichzeitig 
ihr erster Meister vom Stuhl. Die 
Loge gehörte der National-Mutterloge 
„Zu den drei Weltkugeln“ an, bei der 
Ludwigs Bruder Friedrich Gedike 


92 





Die Loge „Zur goldenen Mauer“ 
wurde 1802 von Gedike in Bautzen 
als Bildungsstätte für das aufstre¬ 
bende Bürgertum gegründet. 

Mitglied war. Nach seinem Weggang 
aus Bautzen blieb Ludwig Gedike 
Ehrenmitglied der Loge. Meister von 
Stuhl wurde Landsteuersekretär Au¬ 
gust Gotthold Taube. Zu den frühen 
Logenmitgliedern gehörten Johann 
Christian Göritz (Premierleutnant der 
sächsischen Infanterie), Maximilian 
Carl August Petschke (Oberamts¬ 
advokat), Johann Wilhelm Prentzel 
(Kaufmann), Friedrich Gottlieb 
Schierz (Oberamtsadvokat), Heinrich 
Gottlob Gräve (Oberamtsadvokat), 
Gottlob Heinrich Ohle (Regiments- 
Chirurg), Christian Holtsch (Kauf¬ 
mann), Johann George Domsch 
(Stadt-Zolleinnehmer), Johann Chris¬ 
tian Gottlieb Thomaschke (Kauf¬ 
mann) und Christian Heinrich Schul¬ 
ze (Buchhändler). Mitglieder der 
Loge „Zur goldenen Mauer“ waren 
später zudem Gerhard Heinrich 


Jacobjan Stöckhardt, Robert 
Stöckhardt, Ernst Theodor Stö¬ 
ckhardt, Gottlob Adolf Ernst 
von Nostitz und Jänkendorf und 
Gedikes Nachfolger am Gymnasium, 
Karl Gottfried Siebelis. 

Seit dem späten 18. Jahrhundert 
entstanden in Deutschland Bürger¬ 
schulen als städtische Mittelschulen 
(zweiten Ranges) bzw. höhere Bürger¬ 
schulen (ersten Ranges), aus denen 
sich später Realschulen entwickelten. 
Sie ermöglichten dem Bürgertum 
eine über das Niveau der einfachen 
Volksschulen hinausgehende Bildung 
und dabei im Unterschied zu den 
lateinischen Schulen einen Unterricht 
in deutscher Sprache. Die öffentliche 
Trägerschaft sollte helfen, die Quali¬ 
tät des Unterrichts zu heben und die 
Kosten für die Eltern zu senken. We¬ 
sentlichen Anteil an dieser Entwick¬ 
lung hatten zuvor die pietistischen 
Strömungen der protestantischen 
Kirche wie unter Philipp Spener in 
Dresden und Berlin und August Her¬ 
mann Francke in Halle mit seinem 
Waisenhaus. Bereits sie erkannten, 
dass Bildung Voraussetzung für den 
zukünftigen Erfolg im Leben ist, und 
dass das Gemeinwohl und der Reich¬ 
tum eines Landes entscheidend davon 
abhängen, dass große Teile der Bevöl¬ 
kerung an Bildung teilhaben können. 
In seiner Schrift „Das Schulwesen 
in der Oberlausitz im Jahre 1850“ 
(1799) formulierte Gedike als Ziel die 
Neuausrichtung der Schulbildung auf 
die Bedürfnisse von Handwerk und 


93 



Die Leipziger Bürgerschule auf den Mauern der Moritzbastei in einem ko¬ 
lorierten Kupferstich von Carl Benjamin Schwarz aus dem Jahre 1804. Vor 
allem Bürgermeister Carl Wilhelm Müller (1728-1801) hatte sich für einen 
prachtvollen Neubau als Symbol des Wohlstands der Stadt eingesetzt. 


Gewerbe, auf eine praktische Ausbil¬ 
dung und die besondere Förderung 
von Schülern aus einfachen Verhält¬ 
nissen. Demgemäß schlug er in den 
drei größeren Städten des Oberlau¬ 
sitzer Sechsstädtebundes (Görlitz, 
Bautzen, Zittau) die Einrichtung von 
Bürgerschulen ersten und zweiten 
Ranges neben den Gymnasien vor, in 
den drei kleineren Städten (Kamenz, 
Löbau, Lauban) die Umwandlung der 
lateinischen Schulen in höhere Bür¬ 
gerschulen, und in weiteren Städten 
die Einrichtung von Bürgerschulen 
zweiten Ranges. 


Am 15. April 1803 erhielt Gedike 
vom Magistrat der Stadt Leipzig den 
Auftrag zur Einrichtung und Leitung 
einer großen Bürgerschule. Dem 
waren jahrelange Planungen voraus¬ 
gegangen. 1795 stellten die Innungen 
den offiziellen Antrag auf Einrichtung 
einer Bürgerschule bei der Stadt. 
Nachdem man 3156 schulpflichtige 
Jungen und 3142 Mädchen gezählt 
hatte und mit dem erwarteten hohen 
Zuspruch auf bedeutende Mittelrück¬ 
flüsse als Schulgeld hoffte, erfolgte 
am 3. Mai 1796 der Beschluss zum 
Bau einer allgemeinen Bürgerschule. 


94 








Planungsmängel verursachten jedoch 
Verzögerungen und steigende Kosten. 
1802 stand das Projekt kurz vor dem 
Scheitern. 1803 veröffentlichte Gedike 
seine „Grundlinien des Planes der 
neuen Bürgerschule zu Leipzig“, die 
von der Stadt positiv aufgenommen 
wurden. Die Schüler sollten praxisori¬ 
entiert gebildet werden, ohne „Hang 
zu müßigen, unfruchtbaren Grübe¬ 
leien“. Der Lehrplan umfasste Kennt¬ 
nis des Menschen (einschließlich 
Gesundheitslehre), deutsche Spra¬ 
che, Schreiben, Zeichnen, Rechnen, 
Mathematik (für die Knabenschule), 
Naturgeschichte, Physik, Erdbeschrei¬ 
bung, Geschichte, Verfassungskunde, 
Singen, französische und griechische 
Sprache, Gewerbskunde, Gedächt¬ 
nis- und Urteilfähigkeit sowie als 
wichtigen Schwerpunkt die Religi- 
ons- und Sittenlehre. Mit Beginn des 
Jahres 1804 öffnete die Schule für 
265 Schülerinnen und Schüler in drei 
Knaben- und zwei Mädchenklassen. 
Zur Lehrerschaft gehörten Johann 
Friedrich Adolf Krug, ein Absolvent 
des Bautzener Gymnasiums unter 
Böttiger und zuletzt Privatlehrer in 
Meffersdorf, Johann David Goldhorn 
von der Peterskirche Leipzig und der 
Privatschullehrer Johann Gottfried 
Köhler. Die endgültige Fertigstellung 
der Bürgerschule verzögerte sich mit 
dem napoleonischen Krieg und der 
Völkerschlacht zu Leipzig 1813. Das 
Schulgebäude diente zeitweise als 
Lazarett. Der Unterricht fand über 
die gesamte Stadt verstreut statt. 
Zudem mangelte es der Schule lange 


an notwendigen Ausstattungen. Im 
Bildungsbürgertum der Universitäts- 
und Kaufmannstadt Leipzig fand 
Gedike jedoch viel Unterstützung. 
Zeitweise besuchten über 900 Schü¬ 
ler die Bürgerschule. Ein Resümee 
des Geleisteten publizierte Gedike 
in „Neue Nachricht von der jetzigen 
Beschaffenheit der Leipziger Bürger¬ 
schule“ (1826). Mit den politischen 
Veränderungen des Jahres 1830, die 
schließlich in der ersten sächsischen 
Verfassung und der Einführung 
einer konstitutionellen Monarchie 
mündeten, kam auch das öffentliche 
Schulwesen auf den Prüfstand. Die 
Staatsbürger erhielten größere Ver¬ 
antwortung. Die Naturwissenschaf¬ 
ten und Fremdsprachen gewannen 
immer mehr an Bedeutung, während 
an der Gedikschen Schule die Religi¬ 
on noch stärker im Mittelpunkt stand. 
Nach 50 Jahren Arbeit als Pädagoge 
legte Gedike 1832 sein Amt nieder. 

Gedikes Verdienste wurden vielfältig 
gewürdigt. Die „Lausitzer Prediger- 
Gesellschaft“, der mehrere seiner 
ehemaligen Schüler aus Bautzen 
angehörten, wählte ihn in Leipzig 
zum Ehrenmitglied. Die Stadt Leip¬ 
zig gewährte ihm eine großzügige 
Pension. Gedike zog sich danach in 
seine frühere Heimat Breslau zurück, 
wo die Familie seiner jüngeren Toch¬ 
ter wohnte. Hier engagierte er sich 
auch für Kleinkinderschulen. Im Jahr 
1910 ehrte ihn die Stadt Leipzig mit 
der Benennung der Gedikestraße im 
Stadtteil Eutritzsch. 


95 




Professor Ernst Giese war ein führender Architekt des Historismus. Die 
sächsische und die österreichische Kunstakademie ernannten ihn zum 
Ehrenmitglied. Der preußischen Akademie gehörte er als ordentliches 
Mitglied an. Giese führte die Titel Baurat und Geheimer Hofrat. Er war 
Mitglied der Allgemeinen Deutschen Kunstgenossenschaft. 



Giese, Ernst Friedrich 


Professor, Architekt 

16.04.1832 Bautzen - 12.10.1903 Berlin-Charlottenburg 

V: Carl Christian (*13.8.1786 Görlitz, t9.12.1861 Dresden), Enkel des Görlitzer Archidiakons 
Gottlieb Christian Giese (1721-1788) und ältester Sohn des Advokaten, Senators, Stadtrichters 
und Bürgermeisters Christian Matthäus Friedrich Giese (1748-1806), Gymnasium Görlitz, 1805 
Jurastudium Leipzig, Landsteuerregistrator und Brandkassenbuchhalter in Bautzen, landständi¬ 
scher Sekretär der Oberlausitz, 1849 Sekretär der Brandversicherungs-Kommission in Dresden; 
M: Johanne Charlotte geb. Fiebiger (*1792 Bautzen, (2.1.1856 Dresden); G: Charlotte (Juni 
1822-23.10.1826), Ida (*23.4.1823 Bautzen, (7.11.1887 Dresden), Carl Friedrich (*1824 Bautzen, 
(9.1.1847 Bautzen, Jurastudium in Leipzig), Johann Wilhelm (1830-1902, Jurastudium in 
Leipzig, königl.-sächs. Zollrat in Leipzig und Flamburg, zuletzt wohnhaft in Charlottenburg); E: 
13.5.1865 Dresden, Gertrud geb. Barteides (*27.4.1846 Dresden, (1933, Tochter des Kaufmanns 
Eduard Friedrich Barteides, 1848 Vermieter von Robert und Clara Schumann, führendes Mit¬ 
glied in Singakademie, Liedertafel und Wagner-Verein, ältere Halbschwester der Sängerin Elli 
Jürgensen/*30.11.1866 Dresden); K: Ernst lohannes (*12.4.1866 Dresden, (14.1.1929 Dresden, 
Notar und Rechtsanwalt in Dresden, vertrat die erste Ehefrau Emma von Karl May im Schei¬ 
dungsprozess), Max Eduard (*5.7.1867 Düsseldorf, (9.7.1916 München-Pasing, Kunststudium 
in Düsseldorf und München, Landschaftsmaler in Dresden und München, verschwägert mit der 
Malerin Elisabeth Schmook), Gertrud Elisabeth (*28.12.1868 Düsseldorf, verh. Ausfeld, wohn¬ 
haft in Charlottenburg), Karl Friedrich (*14.8.1871 Düsseldorf, (1939, Büro für Architektur und 
Bauausführung Giese & Sohn 1891-1901 in Dresden, auch tätig in Köln und Düsseldorf, Vater 
des Korvettenkapitäns und Autors Fritz E. Giese), Gertrud Dorothea (*10.10.1873 Dresden, verh. 
mit dem Dresdner Museumsdirektor Jean Louis Sponsel), Wilhelm Georg (*2.4.1877 Dresden), 
Katharina Elisabeth (*9.11.1880 Dresden), Martha Johanna (*18.3.1882 Dresden, verh. Kühl), 
Karl Rudolf (*16.11.1883 Dresden), Emmy Elisabeth (*14.8.1887 Dresden, verh. Hüllsburg) 


Nach dem Besuch des Gymnasiums 
in Bautzen studierte Giese im Un¬ 
terschied zu seinen beiden älteren 
Brüdern, die entsprechend einer 
Familientradition in Leipzig Jura 
belegten, ab 1846 an der Technischen 
Bildungsanstalt in Dresden. Johann 
Andreas Schubert gehörte hier zu 
seinen Lehrern. Gieses Studium fiel 
in eine Zeit tiefgreifender Änderun¬ 
gen an der Vorläufereinrichtung der 
heutigen TU. Viele Lehrkräfte und 
Studenten engagierten sich in der 
Revolution von 1848/49. Das Lehr¬ 
angebot der Anstalt verbreiterte sich, 


gleichzeitig entstand der Bedarf, die 
bislang eher praktisch-mechanische 
Ausbildung besser theoretisch, 
ingenieurmäßig zu fundieren. Unter 
dem 1850 berufenen Direktor Julius 
Ambrosius Hülße wurde die Lehran¬ 
stalt 1851 zur Polytechnischen Schule 
erhoben. 1852 wechselte Giese in das 
Atelier von Hermann Nicolai, der 
als Nachfolger des geflohenen Gott¬ 
fried Semper die Architektur an der 
Kunstakademie im Sinne der Dresd¬ 
ner Neorenaissance prägte. 1853 trat 
Giese mit einem Entwurf für die neue 
Dresdner Kreuzschule hervor. Zwei 


97 




Das Schloss Gauernitz wurde von 
Giese & Schreiber im Stil der Neo¬ 
renaissance umgebaut (Ansicht um 
1900). 

Jahre später wurde er mit einem zwei¬ 
jährigen Reisestipendium für Italien 
ausgezeichnet. Die Reise führte ihn 
nach Venedig, Verona, Florenz, Rom 
und Pompeji. Hier vertiefte Giese 
sein kunsthistorisches Wissen und 
er fertigte Zeichnungen bedeutender 
Gebäude an. In der „Zeitschrift für 
Bauwesen“ publizierte er Skizzen zum 
Palazzo Pubblico in Siena. Eine An¬ 
sicht des Palazzo Vecchio in Florenz 
befindet sich im Dresdner Kupfer¬ 
stich-Kabinett. 

1857 machte sich Giese in Dresden 
mit Bernhard Schreiber, ebenfalls ein 
Nicolai-Schüler, selbstständig. 1859 
erhielten Giese und der Mediziner 
Wilhelm Gustav Seifert bei einem 
Preisausschreiben der Leopoldina 
zur zeitgemäßen Organisation von 
Irrenheilanstalten für ihren Entwurf 
„Suaviter in mode, fortiter in re“ 
den ersten Preis. Von 1862 bis 1865 
errichteten Giese & Schreiber die 
Landesbank Altenburg und bis 1866 
bauten sie das Schloss Gauernitz um. 
1865 wurden sie gemeinsam mit Edu¬ 


ard Müller beauftragt, die Festhalle 
für das Deutsche Sängerbundesfest 
in Dresden zu errichten. Die Halle 
entstand auf den Waldschlösschen- 
Wiesen und war für 20000 Sänger 
ausgelegt. Beim Wettbewerb zum Bau 
der Wiener Hofoper erhielten Giese 
& Schreiber wie auch bei der Kreuz¬ 
schule Dresden den zweiten Preis. 

Der Nicolai-Schüler Oswald Haenel 
(Brückner‘sehe Villa in Löbau) be¬ 
gann bei ihnen seine Berufslaufbahn. 
Für ihre Verdienste um die Archi¬ 
tektur in Sachsen wurden Giese und 
Schreiber 1864 anlässlich des 100. 
Jahrestags der Gründung der Kunst- 



Das Stadttheater Düsseldorf (An¬ 
sicht um 1900) wurde von Giese im 
Stil der Neorenaissance errichtet. 
Die Architektur des bereits 1867 
entworfenen Bauwerks lehnte sich 
an jene des ersten Semper‘schen 
Hoftheaters in Dresden an. Zur 
Eröffnung am 29. November 1875 
war das Haus noch unfertig und die 
Kosten hatten sich verdoppelt. Das 
Gebäude wurde seitdem mehrfach 
umgebaut und erhielt 1925 den 
Namen „Opernhaus“. 


98 



akademie mit der Ehrenmitglied¬ 
schaft geehrt, 1867 mit der silbernen 
Medaille des Dresdner Gewerbe-Ver¬ 
eins. Eine ihre letzten gemeinsamen 
Arbeiten war 1866 der Entwurf des 
Nymphenbrunnens von Gustav Broß- 
mann auf dem Räcknitzplatz. 

1866 wurde in Dresden der erste 
Sohn von Ernst Giese und seiner 
Frau Gertrud geh. Barteides geboren. 
1863 hatte Giese mit seinem späte¬ 
ren Schwiegervater einem Komitee 
zur Erinnerung an den 50. Todestag 
von Theodor Körner angehört. Aus 
diesem Anlass erhielt die Dresdner 
Körnerstraße ihren Namen. 

Die Zusammenarbeit mit Schrei¬ 
ber endete, als Giese 1866 den Ruf 
als Professor für Baukunst an die 
Akademie nach Düsseldorf erhielt. 
Rektor war hier der Maler Eduard 
Bendemann, zu Gieses Studienzeiten 
Professor an der Dresdner Kunstaka¬ 
demie, der ihn noch im selben Jahr 
mit einem Atelieranbau betraute. 
Nach Bendemanns Rücktritt im Jahre 

1867 gehörte Giese dem Direktorium 
der Düsseldorfer Kunstakademie an. 
Im selben Jahr wurde sein Entwurf 
für das Düsseldorfer Stadttheater 
ausgewählt, der jedoch lange umstrit¬ 
ten blieb. In Rheinberg baute er ein 
Palais für die Unternehmerfamilie 
Underberg, in Düsseldorf war er am 
Entwurf eines Denkmals für Fried¬ 
rich Wilhelm von Schadow beteiligt. 
In Dresden-Johannstadt plante und 
baute Giese den Neuen Israelitischen 



Die Oberlausitzer Bank Zittau. 


Friedhof mit Feierhalle. Nach dem 
Deutsch-Französischen Krieg von 
1870/71 lösten französische Repara¬ 
tionszahlungen einen Gründerboom 
und damit einen Aufschwung der 
Bautätigkeit im Deutschen Reich aus. 
In Zittau errichtete Giese 1871 die 
Oberlausitzer Bank. 

1872 verließ Giese Düsseldorf, wo im 
März des Jahres ein großer Teil des 
Schlosses mit der darin untergebrach¬ 
ten Kunstakademie abgebrannt war, 
und kehrte nach Dresden zurück. 
Einen Ruf nach Wien hatte er abge¬ 
lehnt. Giese verband sich zunächst 
mit Friedrich Hartmann. Den späte¬ 
ren Kunsthistoriker Cornelius Gurlitt 


99 













Die Düsseldorfer Kunsthalle wur¬ 
de von Giese & Weidner in einem 
Stilgemisch gebaut. Von Anfang an 
stand sie in der Kritik wegen pom¬ 
pöser Gestaltung und zu großer 
Treppenhäuser zulasten der Ausstel¬ 
lungsräume. Sie wurde nach schwe¬ 
ren Beschädigungen im Zweiten 
Weltkrieg 1959 abgerissen. 

holten sie im August 1873 zu sich. 
Gurlitt, der praktische Erfahrungen 
als Architekt erwerben konnte, ohne 
zuvor ein Examen absolviert zu ha¬ 
ben, kündigte aber bereits nach einem 
halben Jahr, weil ihn Giese nur mit 
nachgeordneten Arbeiten betraute. 
Giese hatte inzwischen den verbind¬ 
lichen Auftrag für das Düsseldorfer 
Stadttheater erhalten, womit eine 
Ära monumentaler Neubauten in der 
Stadt begann. 

1874 gründete Giese mit Paul Weid¬ 
ner ein neues Architekturbüro. Bis 
1881 errichteten sie die Düsseldorfer 
Kunsthalle in unmittelbarer Nähe von 


Gieses Theaterbau. Das von Giese & 
Weidner 1875 gebaute neoklassizis¬ 
tische „König-Albert-Bad“ in Löbau 
erhielt seinen Namen nach einem 
Kuraufenthalt des sächsischen Königs. 

Blasewitz, wohin Giese über seine 
Ehefrau auch verwandtschaftliche 
Beziehungen besaß, entwickelte sich 
in den 1870er Jahren rasch zu einem 
vornehmen Villenvorort Dresdens. 
Wegen der gestiegenen Schülerzahl 
wurde ein neues Lehrgebäude benö¬ 
tigt. Giese & Weidner errichteten bis 
1876 die spätere 63. Volksschule, die 
seinerzeit als Musterbau gemäß der 
sächsischen Schulreform galt und die 
auch von Frank Fiedler besucht wur¬ 
de. Bis 1879 bauten Giese & Weidner 
das naturhistorische Museum „Lud¬ 
wig Salvator“ für Ludwig Wilhelm 
Schaufuß. In einem am Lothringer 
Weg, Ecke Goetheallee, errichteten 



Die ehemalige 63. Volksschule in 
Dresden ist heute nach dem Kom¬ 
ponisten Johann Gottlieb Naumann 
benannt. Sie ist eng mit dem Dresd¬ 
ner Kreuzchor verbunden. Die 
Jungen besuchen die Schule in der 
Vorbereitungsklasse 3 und als Kru- 
zianer in der Klassenstufe 4. 


100 











Das Landhaus von Karl Louis Bar¬ 
teides, Stifter und Gemeinderatsmit¬ 
glied in Blasewitz, wurde von Giese 
bis 1875 errichtet. Der Entwurf 
stammte wohl noch aus der Zeit 
mit Hartmann. Barteides war ein 
Onkel von Gieses Frau: Er wurde am 
9.4.1821 als Sohn eines Kaufmanns 
in Dresden geboren und besaß das 
Rittergut Böhrigen. In Blasewitz 
setzte er sich zur Ruhe. Das Haus 
wurde unter der Adresse Naumann¬ 
straße 4 errichtet. Nach Barteldes‘ 
Tod 1880 ging es zunächst in den 
Besitz seiner Witwe Amalie Rosalie 
über. Später wurde im mittleren Teil 
der Naumannstraße der Barteldes¬ 
platz eingerichtet. Das Haus erhielt 
die Nr. 1. 

Gebäude wohnte der jüdische Hofju¬ 
welier Julius Jacoby. Victor Klemperer 
erhielt im September 1942 seine Ein¬ 
weisung in das von den Nazis als „Ju¬ 
denhaus“ missbrauchte Gebäude und 
beschrieb eine „riesige viereckige bis 
zum Dach reichende Mittelhalle“. Die 
Villa wurde 1945 bei den Bomben¬ 
angriffen auf Dresden zerstört. Frank 
Fiedler, als Schüler der Schillerschule 
Blasewitz an den Beräumungsarbeiten 
beteiligt, kann sich erinnern, dass sich 


aus dem hochwertig gebauten Haus 
noch viel Baumaterial gewinnen ließ. 

Bei mehreren bedeutenden Aus¬ 
schreibungen erhielten Giese & Weid¬ 
ner Preise für ihre Entwürfe, so für 
das Hamburger Rathaus, den Berliner 
Reichstag, das Groote Schouwburg- 
Theater in Rotterdam, das Leipziger 
Reichsgericht und den Dresdner 
Ausstellungspalast. Teilweise gehörten 
sie danach Konsortien an, welche die 
siegreichen Entwürfe realisierten bzw. 
wie beim Städtischen Ausstellungspa¬ 
last in Dresden Umplanungsarbeiten 
Vornahmen. In mehreren Quellen 
werden diese Bauten deshalb in Gie¬ 
ses Werkeliste aufgeführt, wie bei¬ 
spielsweise in „175 Jahre TU Dresden: 
Die Professoren der TU Dresden, 
1828-2003, Band 3“. 

Zusammen mit dem Bildhauer Robert 
Diez gewannen Giese & Weidner zwei 
bedeutende Preisausschreiben der 
Stadt Dresden für Brunnenanlagen 



Ernst Giese entwarf die zwei Brun¬ 
nenanlagen auf dem Albertplatz 
in Dresden (Abbildung: „Stilles 
Wasser“). 


101 




Das Gewandhaus am Hauptmarkt in Bautzen wurde von Giese & Weidner 
von 1882 bis 1883 im Stil der Neorenaissance anstelle eines abgebrannten 
historischen Kaufhauses errichtet. Der Neubau beherbergte das städtische 
Stiebermuseum. Nach einem Brand im Jahre 1976 erhielt das Gebäude ei¬ 
nen neuen Giebel. Es dient heute der Stadtverwaltung u. a. als Standesamt. 


aus Mitteln der Güntz-Stiftung zur 
Verschönerung der Stadt. Der Gän¬ 
sediebbrunnen für den Ferdinand¬ 
platz, heute in der Weißen Gasse, 
wurde 1879 in München preisgekrönt. 
1880 erhielten ihre Entwürfe „Klar 
Wasser“ und „Trüb Wasser“ für den 
Albertplatz den Zuschlag. Deren 
Fertigstellung verzögerte sich und die 
Einweihung konnte erst 1894 erfol¬ 
gen. Die inzwischen „Stilles Wasser“ 
und „Stürmische Wogen“ genannten 
Monumentalbrunnen galten seiner¬ 
zeit als Meilenstein der Dresdner 
Kunstentwicklung. Obwohl im Krieg 
nahezu unbeschädigt geblieben, wur¬ 
den die „Stürmischen Wogen“ 1945 
zugunsten eines sowjetischen Ehren¬ 
mals demontiert. Sie sind nach er¬ 


folgter Restaurierung wieder an ihren 
angestammten Platz zurückgekehrt. 
Nach Gieses Plänen entstanden zu¬ 
dem einige Fabrikanlagen der aufstre¬ 
benden Dresdner Zigarettenindustrie. 
1885 war Giese Kommissionsmitglied 
für die Planung des Durchbruchs der 
König-Johann-Straße vom Altmarkt 
zum Pirnaischen Platz. 

Giese, der auch Mitglied des Kir¬ 
chenbau-Vereins war, hat sich gro¬ 
ße Verdienste um den sächsischen 
Kirchenbau erworben. Bei der mit 
Weidner von 1883 bis 1887 errichte¬ 
ten Martin-Luther-Kirche wird die 
Verpflichtung auf das Eisenacher 
Regulativ deutlich, das seit 1861 u. a. 
die Neogotik als verbindlichen Baustil 


102 





Der Turm der Lutherkirche in 
Dresden-Neustadt ist 81 Meter 
hoch. Giese & Weidner entwarfen 
nicht nur die äußere Architektur, 
sondern waren auch für den In¬ 
nenraum zuständig. Die Bleiglas¬ 
fenster (Abb. unten) wurden u. 
a. von Bruno Urban aus Pulsnitz 
realisiert. 


103 




für neue Kirchenbauten vorgab. Die 
Gemeinde der Dresdner Neustadt war 
seinerzeit auf über 50000 Mitglieder 
angewachsen und benötigte ein eige¬ 
nes Kirchengebäude. Es sollte über 
1200 Gläubigen Platz bieten. Giese & 
Weidner belegten beim Wettbewerb 
nur den 2. Platz hinter Tony Eul aus 
Belgien, erhielten aber trotzdem den 
Zuschlag. Die Kirche entstand als 
gotische Basilika mit neoromanischen 
Ergänzungen, wobei auch Elemente 
von Eul einflossen. Der Bau wurde 
pünktlich zum 404. Geburtstag von 
Luther fertig, hatte aber das Doppelte 
der veranschlagten Summe gekostet. 

Ab 1891 führte Giese ein gemeinsa¬ 
mes Büro mit seinem Sohn. Mit dem 
Bildhauer Johannes Schilling schuf 
er 1892 das Denkmal für Gottfried 
Semper auf der Brühlschen Terrasse. 
Bis 1898 stellten Giese & Sohn den 
Hauptbahnhof Dresden fertig. Der 
Entwurf - um Elemente von Arwed 
Rossbach ergänzt - stammte noch aus 
der Zeit mit Weidner. Dieser Bau war 
ein wesentlicher Bestandteil der Neu¬ 
organisation des Schienenverkehrs in 
Dresden. Die Einwohnerzahl und das 
Verkehrsaufkommen waren seit der 
Eröffnung des ehemaligen Böhmi¬ 
schen Bahnhofs im Jahre 1848 stark 
angestiegen. Claus Koepcke und Otto 
Klette entwickelten das funktionale 
Grundkonzept des neuen Bahnhofs 
mit einer großen, tiefergelegten Kopf¬ 
bahnhalle und zwei höhergelegten 
Durchgangshallen. Damit sollte dem 
täglichen Verkehrschaos in der Stadt 



Bei Sempers Denkmal auf der 
Brühlschen Terrasse vor der Kunst¬ 
akademie und der Frauenkirche ar¬ 
beitete Giese mit Johannes Schilling 
zusammen. Giese war wie Schilling 
ein Verehrer Sempers und gehörte 
dem Komitee der Gottfried-Semper- 
Stiftung an, die jungen Architekten 
Reisen nach Italien finanzierte. 
Gieses Entwurf für den Unterbau 
wurde von Kessel & Röhl in Berlin 
aus poliertem schwedischen Gra¬ 
nit realisiert, die bronzene Statue 
wurde in Lauchhammer gegossen. 
Das Denkmal blieb während der 
Zerstörung Dresdens 1945 erhal¬ 
ten. Verschiedentlich wird für den 
Sockel der Architekt Constantin 
Lipsius angegeben, der die Einwei¬ 
hungsrede hielt. 


104 






Der Dresdner Hauptbahnhof wurde in einem Stilgemisch aus Neorenais¬ 
sance und Neobarock mit einem Tragwerk aus Stahl für das Glasdach 
errichtet. Er bildet einen Verkehrsknoten für Züge in alle Richtungen. 


wegen der Schranken an den ebener¬ 
digen Gleisanlagen des Böhmischen 
Bahnhofs begegnet werden. Das Emp¬ 
fangsgebäude von Giese & Weidner 
entstand nach dem Vorbild des Gare 
du Nord in Paris und wurde von einer 
Kuppel gekrönt. 

Als Vorsitzender des Dresdner Archi¬ 
tektenvereins gehörte Giese zu den 
Opponenten von Constantin Lipsius, 
ebenfalls ein ehemaliger Nicolai- 
Schüler, und seines Neubaus der 
Kunstakademie an der Brühlschen 
Terrasse bis 1894. Einige Jahre zuvor 
in Leipzig hatte Lipsius zusammen 
mit August Hartei beim Bau der St. 
Petri-Kirche den Vorzug erhalten, ob¬ 
wohl Gieses Entwurf im Wettbewerb 
siegreich geblieben war. 


Giese war 1878 unter dem Rektor 
Gustav Anton Zeuner als Profes¬ 
sor an das Polytechnikum berufen 
worden. Nach der Abtrennung der 
Baugewerkenschule im Jahre 1873 
wurde hier eine eigenständige Ar¬ 
chitekturausbildung neben jener an 
der Kunstakademie aufgebaut. Die 
1875 gegründete Hochbauabteilung 
ging auf Bemühungen der Rektoren 
Julius Ambrosius Hülße (bis 1873) 
und Gustav Anton Zeuner sowie der 
ehemaligen Nicolai-Schüler Rudolph 
Heyn und Carl Weißbach zurück, 
die der Hochbauabteilung in der 
Folgezeit vorstanden. Hier wirkten 
seinerzeit mehrere ehemalige Schüler 
von Johann Andreas Schubert, so 
auch Giese. Er vertrat in den fol¬ 
genden mehr als 20 Jahren das Fach 


105 






Rosenkranzkirche Radibor, Hei¬ 
matgemeinde von Alojs Andritzki. 
Die Gestaltung des Innenraums 
leitete von Mayenburg. Die sakralen 
Statuen kamen aus der Mayer‘schen 
Hofkunstanstalt München. 


„Entwerfen von Hochbauten“, hielt 
Vorlesungen über Städtebau und 
stand dem Atelier für Baukunst vor. 
Bei Weißbach und Giese studierten 
Rudolf Schilling und Julius Graebner, 
die später als Schilling & Graebner die 
protestantische Kirchenarchitektur 
in Sachsen zu hoher Blüte führten 
und ihren Lehrer Giese beim Wettbe¬ 
werb um die Lutherkirche Radebeul 
besiegten. Ein weiterer bekannter 
Schüler Gieses war Hermann Thü- 


Mit dem Bau der Kirche, geleitet 
durch den Baumeister Simon aus 
Herrnhut, wurde Quatitz zur Paro- 
chie. Am 16. Oktober 1899 fanden je 
ein deutsch- und ein sorbischspra¬ 
chiger Weihgottesdienst statt. 


me (Neues Krankenhaus Radeberg). 
Das Polytechnikum erhielt 1890 den 
Rang einer Technischen Hochschule. 
1891/92 stand die TH Dresden unter 
der Leitung von Walther Hempel. 
1904, im Jahr nach Gieses Tod, über¬ 
nahm dessen ehemaliger Mitarbeiter 
Cornelius Gurlitt, seit 1893 Professor 
an der TH, das Rektorenamt. 


Von 1895 bis 1896 bauten Giese & 
Sohn zusammen mit dem Benedikti- 


106 




ner-Pater Pirmin Campani und Georg 
Heinsius von Mayenburg, einem 
Dresdner Giese-Schüler, die katholi¬ 
sche Rosenkranzkirche Radibor. Sie 
entstand in Form einer neoromani¬ 
schen Pfeilerbasilika mit einem 52 
Meter hohen Turm. 1898/99 leiteten 
sie den Bau der protestantischen Kir¬ 
che in Quatitz, wiederum mit einem 
52 Meter hohen Turm. Theodor Gro¬ 
ße (*1874 Bischofswerda, fl950 Pots¬ 
dam) war bei ihnen angestellt. Beim 
Bau des 1901 eingeweihten Bautzener 
Schiller-Gymnasiums gehörte Giese 
dem Preiskomitee an. Als letzter Bau 
Gieses entstand von 1899 bis 1901 
in Chemnitz die St. Lukaskirche in 
einer Mischung von Neoromanik und 
Neorenaissance. 

Nach geschäftlichen Verlusten als 
Aufsichtsrat von Bau- und Immobi- 
lienbanken musste Giese Bankrott 
anmelden. Gesundheitlich gezeichnet 
emeritierte Giese daraufhin und ging 
nach Berlin-Charlottenburg, wo er 
Baugutachten erstellte und wenig 
später starb. 


Quellen: Anton Bettelheim: „Biographisches Jahr¬ 
buch und deutscher Nekrolog“. Bd. 8, G. Reimer, 
1905; Herrmann A. L. Degener: „Wer ists?“ Berlin, 
1908; Reiner Pommerin, Thomas Hänseroth, Dorit 
Petschel: „175 Jahre TU Dresden: Die Professoren 
der TU Dresden, 1828-2003“; Schülerverzeichnisse 
der Technischen Bildungsanstalt und der Polytech¬ 
nischen Schule zu Dresden, 1846-1853; www.tu- 
dresden.de (einschl. DFG-Projekt „Nachlass Corne¬ 
lius Gurlitt“); www.rheinoper.de; www.duesseldorf. 
de; Adressbücher der Stadt Dresden, 1849,1863, 
1880,1892, 1900; Adressbücher von Blasewitz 1879, 
1880,1883; Leipziger Zeitung, 1856,1866; Deutsche 
Bauzeitung, Verl. E. Toeche, 1892,1899; www.blase- 
witz.de; Manfred Zumpe: „Die Brühlsche Terrasse 



Die St. Lukaskirche am Josephi- 
nenplatz in Chemnitz (Ansicht um 
1904) wurde im Zweiten Weltkrieg 
beschädigt, die Reste in den 1950er 
Jahren gesprengt. 

in Dresden“. Verl. f. das Bauwesen, 1991; „Im neuen 
Reich“. Wochenschrift für das Leben des deutschen 
Volkes, 1880; Hans Müller: „Dome - Kirchen - 
Klöster, Kunstwerke aus zehn Jahrhunderten“. VEB 
Tourist Verlag, 2. Aufl., 1986; www.radibor.de; 
www.kirchgemeinde-guttau-malschwitz-quatitz.de; 
Dietrich Buschbeck: „Dem Architekten Ernst Giese 
auf der Spur. Zu seinem Todestag am 12. Oktober“. 
Elbhang-Kurier, H. 10/2003, S. 12; Michael Laschet, 
Berlin, Mitteilungen 2014; Evangelisch-Lutherisches 
Kirchspiel Dresden-Neustadt: „Martin-Luther- 
Kirche Dresden-Neustadt“; Immatrikulationen 
1778-2012, archivierte Matrikelbücher der heutigen 
Hochschule für Bildende Künste Dresden; Carl 
Gottlieb Anton: „Verzeichniss der Schüler des 
Gymnasiums zu Görlitz, welche in den Jahren von 
1803, bis 1854, die Prima oder auch nur die Sekunda 
besucht haben“. 1856; Lausitzisches Magazin, 1789; 
Neue lausizische Monatsschrift, 1806; Günther 
Giese, Mitteilungen 2017; Adressbuch Berlin 1902; 
Matrikelverzeichnisse Universität Leipzig; Sächsi¬ 
sche Constitutionelle Zeitung, 18.8.1863 


107 






Ernst Gnauck, 





Gnauck, Friedrich Ernst 


Gemeindevorstand und Erbgerichtsbesitzer in Kleindrebnitz 
22.09.1852 Kleindrebnitz - 01.12.1927 Kleindrebnitz 

V: Carl Gottfried (15.10.1802-30.3.1882), Erbrichter und Gemeindevorstand in Kleindrebnitz; 
M: Eleonora Carolina geb. Richter (11.9.1818-18.1.1894), aus Weickersdorf; G; 11 Geschwister; 
E: Emma Pauline geb. Friebel (3.11.1855-18.10.1932), aus Altstadt (Stolpen); K: 6 Söhne, darun¬ 
ter Oskar (1.6.1877-1.6.1931, Gemeindevorstand in Kleindrebnitz), Bruno (2.11.1888- 
16.9.1969, letzter Erbgerichtsbesitzer aus der Familie Gnauck), 3 Töchter, 1 Pflegekind 


Ernst Gnauck stammte aus einer alt¬ 
eingesessenen Bauernfamilie, die sich 
im benachbarten Goldbach schon im 
16. Jahrhundert nachweisen lässt. We¬ 
nig später ließen sich Nachkommen 
im nahen Weickersdorf nieder. Nach 
der Ableitung des Namens „Gnauck“ 
vom unterfränkischen „gnauken“ 
(bejahend nicken) ist anzunehmen, 
dass frühere Vorfahren mit der Ost¬ 
besiedelung nach Sachsen gekommen 
waren. Der Kleindrebnitzer Zweig 
ging im 18. Jahrhundert aus dem 
Weickersdorfer hervor, dem auch 
der Leisniger Altertumsforscher Max 
Otto Gnauck angehörte. 

Der Vater, Carl Gottfried Gnauck, 
war nach der sächsischen Landge¬ 
meindereform der erste gewählte 
Gemeindevorstand (1839-1851) in 
Kleindrebnitz. Er kaufte 1849 zusätz¬ 
lich zum Stammgut das Erbgericht 
Kleindrebnitz vom Rennersdorfer 
Kammergutsverwalter Johann 
Gottfried Nake. Es verblieb für 
drei Generationen im Familienbesitz. 
Die Eltern legten großen Wert auf 
eine gute Schulbildung ihrer Kinder. 



Siegel des Erbgerichts Kleindrebnitz 

Weil in Großdrebnitz der Lehrer für 
136 Schüler zuständig war, schickten 
sie ihren Sohn Ernst nach Bühlau 
zur Schule, um ihm einen optimalen 
Unterricht angedeihen zu lassen. Er 
wohnte in dieser Zeit bei einer älteren 
Schwester. Aufgrund der familiären 


109 





Erbgericht Kleindrebnitz, im Hintergrund das „Auszugshaus“. 


Situation - es hatten außer ihm nur 
noch Schwestern überlebt - kaufte 
Gnauck 1875 beide Güter von seinem 
Vater. Er wurde als Gemeindeältester 
und Stellvertreter des Gemeindevor¬ 
stands in den Gemeinderat und am 5. 
März 1887 zum Gemeindevorstand 
von Kleindrebnitz gewählt. Dieses 
Amt hatte er für die außergewöhnlich 
lange Zeit von 32 Jahren inne. 

Gnauck arbeitete im Kirchen- und 
Schulvorstand für Groß- und Klein¬ 
drebnitz mit und bemühte sich als 
Mitglied bzw. Leiter der landwirt¬ 
schaftlichen Vereine von Bischofs¬ 
werda und Großdrebnitz um die 
Einführung moderner Produkti¬ 
onsmethoden. Professor Bruno 


Steglich berichtete vor der „Ökono¬ 
mischen Gesellschaft im Königreiche 
Sachsen“ von Gnaucks Beteiligung 
an der IX. Braugerstenausstellung in 
Dresden. Am 15. Januar 1903 war 
Gnauck zudem Mitbegründer der 
örtlichen Spar- und Darlehenskasse, 
die sich der Förderung der dörfli¬ 
chen Wirtschaft verschrieben hatte. 
Zu den Selbstverständlichkeiten im 
Gemeinderat unter Gnauck gehörte 
es, Bedürftige zu unterstützen. Die 
„Armenkasse“ wurde mit ausreichen¬ 
den Mitteln ausgestattet. In Notfällen, 
z. B. nach Bränden, bei Erwerbslosig¬ 
keit oder nach der Geburt uneheli¬ 
cher Kinder, erhielten die Betroffenen 
unbürokratische Hilfe. 


110 


Wichtige Errungenschaften seiner 
Amtszeit waren die Einrichtung einer 
Eisenbahnhaltestelle in Weickersdorf, 
der Bau des Kirchturms Großdrebnitz 
(beides mit aktiver Beteiligung von 
Kleindrebnitz) sowie die Einführung 
der Telegrafie im Dorf Das heraus¬ 
ragende Ereignis stellte 1909 die 
Eröffnung des Bahnhofs Weickers¬ 
dorf dar. Im 19. Jahrhundert war es 
den Oberlausitzer Bauern gelungen, 
zunehmend die Produktion von Roh¬ 
milch zu steigern, und 1903 wurde 
die Eisenbahnstrecke Görlitz-Dresden 
für den Milchtransport zu den Dresd¬ 
ner Molkereien und Großmärkten 
freigegeben. Gemeinsam mit dem 


Weickersdorfer Gemeindevorstand 
Hartmann hatte Gnauck sich lange 
um die Errichtung eines Bahnhofs 
für Weickersdorf, Kleindrebnitz und 
die benachbarten Dörfer bemüht. Mit 
Unterstützung des aus Kleindrebnitz 
stammenden Max Neumeister, 
seinerzeit Mitglied der sächsischen 
Eisenbahnkommission, gelang dieses 
wirtschaftlich bedeutsame Vorhaben 
schließlich. Am 1. Oktober 1909 be¬ 
ging man im Beisein des Prinzen Siz- 
zo von Schwarzburg auf Großharthau, 
inzwischen Eigentümer des ehema¬ 
ligen Vorwerks von Johann Gott¬ 
fried Nake unweit des Bahnhofs, die 
feierliche Einweihung. Kleindrebnitz 



Familie des Erbgerichtsbauern Ernst Gnauck (vorn rechts, um 1896). 


in 


beteiligte sich mit erheblichen finan¬ 
ziellen Mitteln am Bahnhof, der nahe 
der Ortsgrenze zwischen Weickers¬ 
dorf und Kleindrebnitz gelegen ist. 
Den örtlichen Bauern wurde es da¬ 
durch möglich, die leicht verderbliche 
Rohmilch schneller an die Kunden bis 
nach Dresden auszuliefern. 

Für seine Verdienste um das Dorf 
und seine Bewohner wurde Gnauck 
am 14. Mai 1912 von König Friedrich 
August III. das Ehrenkreuz verliehen. 
In dem bekannten Kirchschullehrer 
und Heimatforscher Bruno Barthel 
wusste er stets einen guten Freund an 
seiner Seite. Zudem waren sein Sohn 
Oskar und seine Tochter Hedwig je¬ 
weils mit Kindern von Barthel verhei¬ 
ratet. Gnauck leitete den von Barthel 
gegründeten landwirtschaftlichen 
Verein von Großdrebnitz und vertrat 
den Kantor Barthel beim sonntäg¬ 
lichen Orgelspiel. Auch die örtliche 
Spar- und Darlehenskasse hatten sie 
gemeinsam gegründet. Wenn etwas 
vertraulich bleiben sollte, korrespon¬ 
dierten sie in Gabelsberger Kurz¬ 
schrift. So wie es Gnauck von seinen 
Eltern kennengelernt hatte, handelte 
er verantwortungsbewusst bei der 
Erziehung seiner Kinder. Gnauck be¬ 
griff Ausbildung als Investition in die 
Zukunft und ermöglichte auch jenen 
Kindern einen guten Start ins Leben, 
die nicht als Hoferben infrage kamen. 
Bildung beschränkte er aber nicht 
auf die Landwirtschaft - die meisten 
seiner Kinder lernten z. B. Klavier 
spielen. Als eine Schwester mit einem 





Urkunde zum Ehrenkreuz 1912. 

unehelichen Kind in Not geriet, nahm 
Gnauck es zu sich und ermöglich¬ 
te ihm eine Berufsausbildung zum 
Drogisten. 

Das Erbgericht Kleindrebnitz wurde 
1911 von seinem Sohn Bruno über¬ 
nommen. Als Gastgeber für verschie¬ 
dene Vereine (Königlich sächsischer 
Militärverein, Landwirtschaftsverein, 
Gesangverein; unter dem Sohn Bruno 
auch der neugegründete Schach¬ 
verein) war es zusammen mit dem 
Erbgericht Großdrebnitz zum Zent¬ 
rum des dörflichen Lebens geworden. 
Der älteste Sohn Oskar folgte Gnauck 
am 1. März 1919 im Amt des Ge¬ 
meindevorstands. Ernst Gnauck blieb 


112 



(& Sftcfer^borf. (©timieüjung.) 3tm 1. ©ftbr. 
fanö ^tcr Die - 'StntoeT^mt g langerfefjnten 
^af)nt)o fg ftatt. fcftlicf)cm ©dpnucf prangte 
bas neue ©ebäube. 2tfit allen Bügen fuhren bie 
intereffierten ©cmcinbePorfteber nad) 93ifd)of§» 
merba unb äuritd. fftaefebem bet 3Jtittag§äug 
eingölaufen, fattb feftlicfecr Grmpfang am 
93at)nt)of ftatt. Sie SBegriifeungäanfpracfee 
hielt §err ©emeinbeborftanb artmann- 
ÜBeicfergbotf. hierauf orbnete man fic^ $u einem 
gelang unb mit bolier aP^ufif ging§ aum @rblcbn» 
geriet, mo man um 2 Uhr ba§ ^efteffen einnaljm. 
hierbei maren bertreten ©e. ®urd)Iaudht ^ rin a 
hon ©djmaraburg, £)6erflnanarat $ it a • 
T8re£öen~unb S3auämtmann © p e cf * SSaufeen. Sie 
33 egrüfe ung bei ber Xafer, moran 80 ^erjonen 
teitnatjnien, batte ©emeinbeb or fteber © n a u cf» 
®I.*®rebmfe übernommen unb liefe feine fftebe in 
ein' ßegeiftert aufgenommene§ ®önig§bod) auS» 
flingen. 21ud) ©e. 'Surdblaudjt hielt eine %\\* 
fpradje, bie barin gipfelte, bafe bie beteiligten @c= 
mctnbeu fid) red)t lange ber neuen ©rrungenfefeaft 
in gegenfeitiger görberung erfreuen niödjtcn. 

2)ann tonrben in bem feftlidj gefdjmüclten ©aale 
nod) mehrere £rinffprücfee gemedjfelt. ©egen S 
Uhr tourbe bie flefttafel aufgehoben unb ber ©aal 
au einem flotten 2änad)cn geräumt. 

Aufsatz von Bruno Barthel in der Beilage „Unsere Heimat“ zum „Sächsi¬ 
schen Erzähler“ (anonym, Oktober 1909). 


aber Orts- und Friedensrichter. Der 
jüngste Sohn Kurt pachtete nach 1945 
aus dem Besitz eines Schwiegerenkels 
von Gnauck in Pulsnitz das Hotel 
„Stadt Dresden“, das Geburtshaus des 
berühmten Agrarwissenschaftlers 
Julius Kühn. 


Die folgende Stammtafel wurde 
sowohl in Breite als auch Tiefe auf 
historisch bedeutende Familienzweige 
begrenzt. Weitere Angehörige besa¬ 
ßen ebenfalls Bauerngüter in Wei¬ 
ckersdorf, Groß- und Kleindrebnitz. 


Quellen: S. 412 ff. 


113 




Martin Gnauck 

nach Richard Garbe Bauer sowie Salz- und Landfuhrmann (bis nach Leipzig und Breslau) 


Thomas Gnauck (1618 - 1679) 

Gerichtsschöppe, Bauer sowie Salz- und Land¬ 
fuhrmann auf dem Stammgut 


Hanss Johann Gnauck (1655 - 1729) 


Hans George Gnauck (1695 - 1725) 
Gerichtsschöppe und Landfuhrmann auf dem 

Stammgut 


Anna Elisabeth Gnauck (1725 - 1796) 

der ursprüngliche Kleindrebnitzer Zweig der Gnaucks ging 
durch Heirat 1745 in der Großdrebnitzer Erbrichterfamilie 

Klahre auf 


Friedrich Martin Gnauck (1709 - 1774) 

Bauer und Landfuhrmann, ging von Weickersdorf nach Bühlau 


Johann Gottfried Martin Gnauck (1753 - 1798) 

in Bühlau geboren, kaufte das Kleindrebnitzer Stammgut der Familie 


Johann Gottfried Gnauck (1774 - 1836) 

Bauer und Landfuhrmann auf dem Stammgut 


Carl Gottfried Gnauck (1802 - 1882) 

Erbrichter, erster gewählter Gemeindevorstand nach der sächsischen 
Landgemeindereform (1838), kaufte zusätzhch zum Stammgut das Erb¬ 
gericht von Johann Gottfried Nake (1849) 


Friedrich Ernst Gnauck (1852 - 1927) 

langjähriger Gemeindevorstand und Erbgerichtsbesitzer 


Bruno Gnauck 

(1888-1969), Friedens¬ 
richter, verkaufte Erbge¬ 
richt an Farn. Szczekalla 
nach Tod beider Söhne 


Paul Gnauck 

(1880-1945) 


Oskar Gnauck 

(1887-1931), Ge¬ 
meindevorstand, 
Schwiegersohn v. 
Bruno Barthel 


Luise Gnauck 

(1913-2006), aufge¬ 
wachsen im Erbgericht, 
Schwiegermutter von 
Frank Fiedler 


Willy Gnauck 

(1906-1980), verkaufte 
im Zusammenhang mit 
Kollektivierung Stamm¬ 
gut an Farn. Brendler 


Die Spalten repräsentieren einzelne Ahnenlinien, wobei Spaltengruppen unter einem 
übergreifenden Tabelleneintrag für Geschwister stehen. Die Zeilen stellen den Bezug 
zwischen korrespondierenden Generationen über verschiedene Linien hinweg her. 


114 






























(* 1586) 

auf einem der ältesten und größten Bauerngüter von Kleindrebnitz (Stammgut) 


Christoph Gnauck (1610 - 1671) 

Bauer und Gerichtsschöppe, in Weickersdorf „am Drebnitzer Weg über n Haufen geritten“ 
(Heckei: Chronik der Stadt Bischofswerda) 


Martin Gnauck (1634 - 1705) 

Bauer und Salzfuhrmann 


Martin Gnauck (1681 - 1758) 

Bauer und Salzfuhrmann 


Andreas Gnauck (t 1772) Christoph Gnauck (?1725 - 1763) 

Freirichter auf dem Erbgericht Amts-, Land- und Gerichtsschöppe, Bauer auf Gut Nr. 2, einem der größten 

Bauerngüter von Weickersdorf (nahe dem heutigen Bahnhof) 


Rosina Gnauck 

heiratete 1734 Christoph Näther a. Potenz, 
Dokument zum bäuerlichen Hochzeits¬ 
brauchtum im Sächsischen Staatsarchiv 


Johann Christoph Gnauck (1756 - 1813) 

Bauer auf Gut Nr. 14, Gerichtsschöppe, Salzfuhrmann, sein Bruder Adam 
Gottlieb (auch Gerichtsschöppe, Besitzer von Gut 2) vermutlich durch 
napoleonische Truppen ermordet 


Carl Christoph Gnauck (1791 - 1865) 

Bauer auf Gut Nr. 2, Gerichtsschöppe, vermutlich auch Salzfuhrmann; seine 
Frau, Christiane Caroline geb. Beyer, entstammte dem in Weickersdorf ver¬ 
bliebenen Zweig der Familie Beyer/Bayer (Bayer AG; nach Namenswechsel) 


Karl Julius Gnauck (1826 - 1905) 

zwischenzeitlich in Bühlau, wo sein erstes Kind gebo¬ 
ren wurde, Besitzer von Gut Nr. 2, kaufte 1868 von 
den Leunerschen Erben auch Gut Nr. 8 


Friedrich August 
Heinrich Gnauck 

(1820-1905) Gutsbe- 
besitzer Großdrebnitz 


Karl Hermann G. 

(* 1872), besaß Gut 
Nr. 2 


Max Otto Gnauck Meta Flora G. 

(1858-1904), Lehrer (1860-1908) 

und Altertumsforscher 
in Leisnig 


Richard G. 

(1878-1944) 


Carl Ernst Paeßler 

(1890-1963), Freiguts¬ 
besitzer in Belmsdorf, 
Enkel von Bernhard 
Paeßler 


Curt Gnauck 

(1905-1945) 
Bürgermeister 
in Rammenau 


Roland Paeßler 

(1928-2016), Landwirt 
und Heimatforscher 


Vielfältige Beziehungen bestanden zur Erbrichterfamilie Klahre. Die farbliche Hinter¬ 
legung der Tabelleneinträge bezieht sich auf den jeweiligen Lebensmittelpunkt: 
Kleindrebnitz, Weickersdorf bzw. weiß bei abweichenden Orten. Siehe auch S. 415 ff. 


115 



Mosaikbild am Hauptportal der Christuskirche Bischofswerda, 1907 von 
Josef Goller zusammen mit Villeroy & Boch geschaffen. Das Foto wurde 
von Uwe Fiedler der Wikipedia zur Verfügung gestellt. 






























Goller, Josef 


Professor, Glasmaler und Grafiker 

25.01.1868 Dachau - 29.05.1947 Obermenzing bei München 

V: Adam, Tischler und Instrumentenbauer; E: Clara Fanny geb. Kunze (*27.9.1865 Zittau, 
129.5.1927 Dresden, Tischlerstochter aus Zittau); K: Clara Elise (*1.10.1888 vermut! in Zittau, 
11970 vermut! in Braunschweig, ab 1911 verheiratet mit dem Maler Arno Drescher, Tanzunter¬ 
richt bei Mary Wigman), Josefa Anna (*10.10.1889 Dresden), Clara Gertrud (*2.6.1891 Dres¬ 
den), Martha Helene (*15.5.1892 Dresden), Johanne Margarethe (*5.11.1893 Dresden), Charlotte 
Erna (*6.12.1894 Dresden), Elsa Maria (*5.12.1895 Dresden), Josef Friedrich (*30.11.1896 
Dresden), Johann Otto (*2.10.1898 Dresden, 1928 ausgewandert in die USA) 


Josef Goller absolvierte in München 
an der Mayer sehen Hofkunstanstalt 
eine sechsjährige Lehre als Glasmaler. 
Gleichzeitig bildete er sich autodi¬ 
daktisch und mit dem Besuch von 
Abendkursen an der Kunstgewerbe¬ 
schule auf grafischem Gebiet weiter. 
1887 erhielt Goller in Zittau bei der 
Hofglasmalerei Türcke & Schiein sei¬ 
ne erste Anstellung. In Zittau heirate¬ 
te er auch die Tochter eines Tischlers. 

1890 übernahm Goller die künstle¬ 
rische Leitung der Dresdner Anstalt 
für Glasmalerei von Bruno Urban. Er 
orientierte sich als Glasmaler zu¬ 
nächst am Historismus, entwickelte 
sich jedoch zunehmend zu einem 
führenden Vertreter des Jugendstils. 
Zu seinen Spezialgebieten gehörten 
die Bemalung von amerikanischen 
Opaleszenz-Gläsern und die Mosaik- 
Verglasung. 1892 verfasste Goller 
einen Artikel, in dem er zunächst 
auf die historische Entwicklung der 
Glasmalerei vom Mittelalter bis zu 
ihrem Höhepunkt im 17. Jahrhundert 
einging, eine geringere Bedeutung 


im Barock und Rokoko beklagte und 
auf einen erneuten Aufschwung, 
ausgehend von München, seit dem 
Beginn des 19. Jahrhunderts ver¬ 
wies. Entscheidend war laut Goller, 
von der Imitation der Ölmalerei auf 
Glas abzugehen: „Heute arbeitet der 
Glasmaler wieder, wie im Mittelal¬ 
ter, in flotter, breiter und dem Glase 
entsprechenden einfachen Manier, 
und meidet möglichst unnütze Unter¬ 
malungen; Hauptsache muß das Glas 
selbst sein, denn die Malerei soll nur 
darin bestehen, Licht und Schatten zu 
schaffen...“ Die Kunstglasanstalt von 
Bruno Urban, von 1899 bis 1901 Ur¬ 
ban & Goller, realisierte Entwürfe be¬ 
kannter Maler, aber auch Glasgemäl¬ 
de nach Vorlagen von Goller selbst 
für Kirchen, Rathäuser, Schulen und 
andere öffentliche Gebäude sowie für 
Privathäuser. Eine der ersten gemein¬ 
samen Arbeiten betraf das Rathaus 
in Pirna. In Radebeul entwarf Goller 
die Chorfenster der Lutherkirche 
sowie Treppenfenster und Fenster im 
Ratssaal des Rathauses. Die Fenster 
der Nikolaikirche in Pulsnitz entstan- 


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„Der pflügende Bauer“ im Rathaus 
Radebeul. Foto: Der Naundorfer 
(Wikimedia Commons, CC BY-SA 
4.0, Ausschnitt) 

den unter Federführung von Bruno 
Urban, der aus dieser Stadt stammte. 
Auch vier Fenster im Standesamts¬ 
saal des Nürnberger Rathauses sowie 
Kirchenfenster in Johanngeorgenstadt 
entstanden in jener Zeit. In Zusam¬ 
menarbeit mit den Architekten Schil¬ 
ling & Graebner schufen Urban & 
Goller das Kolossalfenster im Vestibül 
und weitere Fenster des Kaiserpalas¬ 
tes in Dresden sowie das Glasgemälde 
für den Altar der protestantischen 
Kirche in Dux. Für die wegweisende 
I. Internationale Kunstausstellung 
im Ausstellungspalast, die 1897 den 
Jugendstil nach Dresden brachte (vgl. 
Osmar Schindler), entwarf Gol¬ 
ler das Glasgemälde „Tänzerin“, für 
die Deutsche Kunstausstellung 1899 
Fenster für ein Treppenhaus von Max 
Rose. Ab 1901 arbeitete Goller als 
Glasmaler unabhängig. 

Goller galt schon früh als genialer 
Zeichner. Er machte sich einen Na¬ 
men mit karikaturistischen Plakaten 
und entwarf dekorative Innenraum¬ 


gestaltungen. Karl Schmidt gewann 
ihn 1898 als künstlerischen Mitarbei¬ 
ter seiner damaligen Firma „Dresdner 
Werkstätten für Handwerkskunst 
Schmidt und Engelbrecht“ in Laube¬ 
gast. Goller stand in enger Beziehung 
zu Grafikern wie Johann Vincenz 
Cissarz, der ebenfalls auftragsbezogen 
für Schmidt arbeitete. Mit dem Auf¬ 
schwung des Plakatwesens in Dresden 
für Reklame und Information wa¬ 
ren Plakatgestalter gesucht. Sowohl 
Cissarz als auch Goller arbeiteten 
für die Lithographische Anstalt von 
Theodor Beyer. 1902 gehörte Goller 
zu den Gründern der Gruppe „Die 
Eibier“ um Gotthardt Kuehl, Leiter 
des Ateliers für Genremalerei an der 
Kunstakademie und ein Wegbereiter 
des Impressionismus in Dresden. Von 
Goller stammte das Wahrzeichen der 
„Eibier“, ein Schiff auf bewegten Wo¬ 
gen. Die „Eibier“ standen im Unter¬ 
schied zum aufkommenden Expres¬ 
sionismus jener Zeit („Die Brücke“) 
nicht für experimentelle Malerei. Sie 
verbanden solide Technik mit hei¬ 
matlichen Motiven aus der Natur und 
zeigten Menschen im Alltag. 

Für die 3. Deutsche Kunstgewer¬ 
beausstellung 1906 in Dresden schuf 
Goller für mehrere Ausstellungsräu¬ 
me farbige Glasfenster mit Bezügen 
zu den Exponaten, beispielsweise für 
das Wohnzimmer von Fritz Schu¬ 
macher im Sächsischen Haus, für 
die Friedhofskapelle von Max Hans 
Kühne und die Bibliothek von Wil¬ 
helm Kreis. Diese Ausstellung gab den 


118 








EmilRi'hTer? Kunst- 
Salon FEBR1909 

DlEELBIER 

AUSSTELLUNG v AQUARELLEN 
PASTELLEN und QRAPHIK- 


Plakat für eine Ausstellung der „El- 
bier“ mit dem von Goller geschaffe¬ 
nen Signet. 

Anstoß zur Gründung des Deutschen 
Werkbundes 1907 in München, dem 
sowohl Karl Schmidt, Goller als auch 
dessen Druckhaus Theodor Beyer an¬ 
gehörten. Mit der Ansiedlung seiner 
Deutschen Werkstätten begründete 
Schmidt 1909 die Gartenstadt Hel¬ 
lerau. Der Deutsche Werkbund, von 
1910 bis 1912 mit seiner Zentrale in 
der Gartenstadt Hellerau ansässig, 
verstand sich als Vereinigung von 
Künstlern, Architekten, Unterneh¬ 
mern und Sachverständigen zur 
„Veredelung der gewerblichen Arbeit 
im Zusammenwirken von Kunst, 
Industrie und Handwerk“. Ebenfalls 
von der 3. Deutschen Kunstgewer¬ 
beausstellung beeinflusst, hatte sich 


unter Führung von Stadtbaurat Hans 
Erlwein der Dresdner Künstlerverein 
„Die Zunft“ gegründet. Die Bildhauer, 
Architekten, Maler und Kunstge¬ 
werbler entwickelten einen speziellen, 
an der Zweckmäßigkeit orientierten 
Dresdner Stil im Zusammenwirken 
der verschiedenen Kunstformen. Eine 
Arbeitsgemeinschaft innerhalb der 
„Zunft“, der auch Goller angehörte, 
gab die „Dresdner Künstlerhefte“ he¬ 
raus. Goller illustrierte zudem für das 
„Kunstgewerbeblatt“, die Zeitschrift 
des Vereins Kunstgewerbe-Museum 
zu Leipzig. 

Offenbar war es zwischen Hans 
Erlwein und Goller zum Bruch ge¬ 
kommen. Jener trat aus der „Zunft“ 
aus und gehörte 1908/1909 zu den 
Beschwerdeführern gegen Erlwein 
wegen vermeintlicher Bevorzugung 
von „Zunft“-Mitgliedern bei öffentli¬ 
chen Aufträgen. Als 1909 die Grup¬ 
pen „Zunft“ und „Eibier“ sowie weite¬ 
re Künstler die „Künstlervereinigung 
Dresden“ gründeten, beteiligte sich 
Goller nicht. 

Mit vielen Vertretern der damaligen 
Reformbewegungen arbeitete Gol¬ 
ler als Glasmaler an gemeinsamen 
Bauvorhaben, so mit den Architekten 
William Lossow (Kunstgewerbemu¬ 
seum und Garnisonkirche Dresden), 
Hans Erlwein (Sparkasse Schulgasse 
Dresden) und Schilling & Graebner 
(Lutherkirche Radebeul und Kaiser¬ 
palast, Handelsbank Dresden, Kirche 
Dux). 


119 




Die Buntglasfenster in der Pfarr¬ 
kirche St. Martin in Dresden aus 
der Zeit mit Urban, darunter „St. 
Viktor“, heben sich vor dem dunk¬ 
len Hintergrund mit strahlenden 
Farben hervor. 


Zu Gollers wichtigsten Glasmalar¬ 
beiten zählten die Verglasungen im 
Empfangsraum für Staatsoberhäup¬ 
ter im Leipziger Hauptbahnhof (mit 
Lossow), Arbeiten für die Neuen 
Rathäuser in Dresden, Gera und 
Chemnitz sowie das Ständehaus in 
Dresden. Während viele seiner Werke 
in der Dresdner Innenstadt bei den 
Bombenangriffen 1945 verloren gin¬ 
gen, wurden die Fenster der früheren 
Garnisonkirche, heute St. Martin an 
der Stauffenbergallee, wieder rekon¬ 
struiert. Zusammen mit der vollstän¬ 
digen Ausmalung der Kirche durch 
Paul Mohn bilden sie ein beeindru¬ 
ckendes Ensemble. Im Chemnitzer 
Rathaus wurden im Jahre 2005 zwölf 
historische Bilder in Wappenform mit 
floralen und kulinarischen Motiven 
wieder eingesetzt. 

Goller übernahm neben der Glas¬ 
gestaltung dekorative und grafische 
Arbeiten, von denen sich mehrere im 
Kupferstich-Kabinett Dresden, aber 
auch im Kunstgewerbemuseum Prag 
befinden. Beispielsweise entwarf er 
die farbliche Neugestaltung des Foy¬ 
ers der Semperoper im Stil des Neo¬ 
klassizismus. Für das „Central-The- 
ater“ in Chemnitz malte Goller den 
Hauptvorhang. Zu seinen bekanntes¬ 
ten Auftraggebern für Werbegrafiken 
gehörte die „Heinrich Ernemann AG 
für Camerafabrikation“ in Dresden. 
Für die Große Kunstausstellung Dres¬ 
den 1904 entwarf Goller ein Plakat, 
für die Internationale Photographi¬ 
sche Ausstellung in Dresden 1909 


120 









Reklamemarken und Postkarten. Auf 
der Dresdner Jahresausstellung „Das 
Papier“ 1927 führte er ein Schat¬ 
tenspiel vor. Sein „Volkstümliches 
Schattenspiel-Theater“ präsentierte 
Goller regelmäßig im Kunstsalon 
„Kühl und Kühn“. In seinen späten 
Dresdner Jahren ist er mehrfach mit 
Ölgemälden auf akademischen Kunst¬ 
ausstellungen hervorgetreten. 

In der Oberlausitz entwarf Goller 
Kirchenfenster in Königswartha und 
Seitendorf, das Mosaik über dem 
Eingangsportal der Christuskirche 
Bischofswerda und Glasfenster für 
die Synagoge Görlitz (mit William 
Lossow). Die Fenster der Kirche 
Schmeckwitz wurden nach Entwürfen 
von Woldemar Kandier durch Urban 
& Goller realisiert. Goller illustrierte 
zudem in Alfred Moschkau: „Ritter¬ 
burg und Kloster Oybin im Zittauer 
Gebirge. Deren Beschreibung, Ge¬ 
schichte und Sagen“ (1905). 

An der Dresdner Kunstgewerbe¬ 
schule unter dem Direktor Carl 
Ludwig Theodor Graff unterrichtete 
Goller von 1900 bis 1901 zunächst 
Abendklassen. Das Angebot dieser 
Abendklassen richtete sich vorrangig 
an junge Handwerker und umfasste 
Architektur, Modellieren, Zeichnen 
und Malen. Nach dem Neubau der 
Kunstgewerbeschule an der Elias- 
straße (heutige Güntzstraße) lehrte 
Goller unter William Lossow ab 1906 
(ab 1908 als Professor) in der Nach¬ 
folge von Otto Rennert in den Tages- 



In den Königswarthaer Kirchen¬ 
fenstern mit Petrus und Paulus und 
den vier Evangelisten wird Gollers 
dekoratives Talent deutlich. Dabei 
ergänzten sich sein feines stilisti¬ 
sches Gefühl und eine sichere Farb¬ 
gebung. Goller war nicht nur ein 
gesuchter Glasmaler bei repräsenta¬ 
tiven Neubauten wie der Lutherkir¬ 
che Radebeul (1892), dem Kaiserpa¬ 
last Dresden (1897) und dem Neuen 
Rathaus Chemnitz (1911), sondern 
auch dort, wo es darum ging, die 
Fenster in ein bestehendes histori¬ 
sches Ensemble stilgerecht einzufü¬ 
gen wie in den Kirchen Johanngeor¬ 
genstadt und Königswartha. 

klassen Glasmalerei (Schüler waren 
Otto Griebel, Oskar Fritz Beier) sowie 
Plakatentwurf (Otto Dix, Georg Karl 
Heinicke aus Bautzen, Kurt Fiedler). 
Die Kunstgewerbeschule Dresden 
begleitete seit 1875 die Industrialisie- 


121 







Die „Deutsche Bauzeitung“ schrieb 
1919 zu der von Lossow & Kühne 
im Jugendstil errichteten Synagoge 
Görlitz: „Die von Prof. Goller in 
Dresden entworfenen Glasfenster 
lassen in ihrer großen Fläche reiches 
Tageslicht in das Innere fluten.“ 

rung Sachsens mit Ausbildungsange¬ 
boten in neuen Kunstzweigen und im 
Kunsthandwerk. Mit William Lossow 
wurde 1906 ein Vertreter der jungen 
Reformarchitektur zum Direktor 
bestellt. Die Ideen des Deutschen 
Werkbundes fassten in der Dresdner 
Kunstausbildung Fuß. Lossow holte 
nicht nur Josef Goller in den Lehr¬ 
körper, auch Oskar Seyffert, 1908 
Mitbegründer des Landesvereins 
Sächsischer Heimatschutz, Adolf Son¬ 
nenschein und Lossows Nachfolger 
ab 1914, Karl Groß, waren Mitglieder 


im Deutschen Werkbund. Zur Lehrer¬ 
schaft gehörten neben bekannten 
Künstlern, so der Maler und Bildhau¬ 
er Richard Guhr (Goldener Rathaus¬ 
mann Dresden, Richard-Wagner- 
Denkmal Graupa) und der Maler Carl 
Rade (später Lehrer von Gottfried 
Zawadzki), auch externe Lehrkräf¬ 
te wie Wilhelm Ellenberger, an der 
Tierärztlichen Hochschule Dresden 
Direktor von Bruno Steglich. Mit 
der Kunstgewerbeschule war das 
Kunstgewerbemuseum verbunden, 
für welches Goller ein Glasmosaik mit 
Adler geschaffen hatte. Es ist heute im 
Besitz der Staatlichen Kunstsammlun¬ 
gen Dresden. 1928, ein Jahr nach dem 
Tod seiner Frau, kehrte Goller nach 
München zurück. 

Der wohl bekannteste Oberlausitzer 
Absolvent der Kunstgewerbeschule zu 
Gollers Zeit war nach dem Ersten 
Weltkrieg Paul Sinkwitz. Sinkwitz stu¬ 
dierte u. a. bei Gollers Schwiegersohn 
Arno Drescher. Ab 1931 lehrte er 
selbst an der nunmehrigen Kunstge¬ 
werbeakademie. Mehrere von Gol¬ 
lers Schülern machten sich ebenfalls 
einen Namen in der Oberlausitz. 
Oskar Fritz Beier schuf Bleiglasfenster 
für die Kirche Wilthen, Max Merbt 
restaurierte die Schlösser Rammenau 
und Neschwitz und entwarf Bildta¬ 
peten für das Rittergut Schirgiswalde 
und Kurt Fiedler schuf Werbegrafiken 
für Christoph & Unmack in Niesky 
und den Görlitzer Waaren-Einkaufs- 
Verein. Karl Heinicke stellte wieder¬ 
holt beim Bautzener Kunstverein aus. 


122 





Die Kunstgewerbeschule von Los¬ 
sow & Vieweger wurde während des 
Zweiten Weltkriegs zerstört und da¬ 
nach unter Leitung von Mart Stam 
vereinfacht wieder aufgebaut. 

Das Stadtmuseum Bautzen bewahrt 
eine größere Anzahl seiner Werke auf. 
Otto Garten aus Elstra war von Goller 
entdeckt worden und studierte ab 
1917 an der Kunstgewerbeschule. Sein 
Nachlass befindet sich im Sorbischen 
Museum Bautzen. 

Quellen: Benny Waszk: „Prof. Josef Goller 
- sein Leben und Wirken in Chemnitz und 
Umgebung“. In: Chemnitzer Roland: Vereins¬ 
spiegel für Heimat, Brauchtum, Geschich¬ 
te, Kunst, Chemnitz, Bd. 11 (2004), 2, S. 

7-10; Ortsverein Loschwitz-Wachwitz e. V., 
Ortsverein Pillnitz e.V. (Hrsg.): „Künstler am 
Dresdner Elbhang“. Teil 1, Dresden, Elbhang- 
Kurier-Verlag, 1999; Ulustrirte kunstgewerb¬ 
liche Zeitschrift für Innendekoration, H. 1, 
1892, S. 7; Deutsche Kunst und Dekoration. 
Bd. 1. Verlagsanstalt Alexander Koch, Darm¬ 
stadt, Oktober 1897-März 1898, S. 116 und 
5/1899; Matthias Erfurth (Stadtwiki Dresden, 
Informationen zu den Kindern); Pfarrer 
Andreas Kecke (Königswartha); Allgemeines 
Lexikon der bildenden Künstler von der Anti¬ 
ke bis zur Gegenwart: Unter Mitwirkung von 
etwa 400 Fachgelehrten. Von Ulrich Thieme, 
Hans Vollmer, Felix Becker. Seemann Leipzig, 


14. Bd., 1921, S. 345-346; Saur, Künstlerlexi¬ 
kon, 2008; Wer ist's?, 1905 und 1909; Herold 
Hofmeister, Harald Adler: „Leipzig Haupt¬ 
bahnhof: Geschichte und Geschichten“. Verlag 
Forum, 1994; Heinrich Magirius: „Gottfried 
Sempers zweites Dresdner Hoftheater“. Verlag 
H. Böhlau, 1985; Ulrike Lorenz: „Dix avant 
Dix“. Glaux 2000; Willy Doenges: „Ausstel¬ 
lungen - Dresden“. In: Cicerone, 2. Jahrgang, 
Nr. 17,1910, S. 592; Maria Mirtschin: „Garten, 
Ota (Otto)“. In: Sächsische Biografie, hrsg. 
vom Institut für Sächsische Geschichte und 
Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schatt- 
kowsky; www.christusbote.de; „Katholische 
Pfarrkiche St. Marien in Dresden“. Kunstverlag 
Josef Fink, 2007 


HABE EIN HERZ 



FÜR DIE 

HEIMKEHRENDEN KRIEGER 
UND DIE BEDÜRFTIGE BEVÖLKERUNG 

BRING ALLE ALTKLEIOER. UNIFORMEN.WÄSCHE u SCHUHE 
AUCH VON FRAUEN u KINDERN zur ALTBEKLEIDUNGSSTELLE. 

ÄNNftHMESTEUt' 

Plakat zur Unterstützung der Not¬ 
leidenden nach dem Ersten Welt¬ 
krieg. Viele von Gollers Schülern 
lernten die Schrecken des Krieges 
kennen, so Otto Dix, der für seine 
Kriegsgemälde berühmt wurde. 


123 





Tumba-Deckplatte des Gra¬ 
fen Wiprecht von Groitzsch. 
Gipsabguss nach dem Ori¬ 
ginal aus Sandstein in der 
Laurentiuskirche zu Pegau. 
Die farbige Erscheinung des 
Abgusses gibt die Bemalung 
und Belegung mit Edelstei¬ 
nen im Rahmen der Restau¬ 
rierung unter Oskar Mothes 
(aus der Familie von Bruno 
Steglich) und Chr. Zucchi 
im Jahre 1871 wieder. Die 
Bemalung wurde dort um 
1934/35 entfernt. Foto: Ka- 
terBegemot (Germanisches 
Nationalmuseum, Wikime- 
dia Commons), Lizenzen: 
CC BY-SA 3.0, GFDL 



Groitzsch, Wiprecht von 


Markgraf von Meißen und der Niederlausitz, Herrscher der Oberlausitz 
* um 1050 in der Altmark - 22.05.1124 Pegau 

V: Gaugraf Wiprecht I. vom Balsamgau (* um 990,129.4.1050); M: Sigena von Leinungen (* um 
1025, tll 10, in zweiter Ehe mit Friedrich I. von Pettendorf verheiratet, zuletzt dritte Äbtissin des 
Klosters Vitzenburg); G: 2 Schwestern, u. a. Gisela (* um 1045); E: (1) 1084 Juditha von Böhmen 
(*1066,19.12.1108 Bautzen), (2) 1110 Kunigunde, Tochter des ehemaligen Markgrafen Otto I. 
von Meißen und Witwe des Grafen Kuno von Beichlingen; K: Bertha (116.5.1144, verheiratet 
mit Graf Dedo von Wettin, 1136 Erbin der Herrschaft Groitzsch), Wiprecht der Jüngere (*1087, 
127.1.1116, verheiratet mit einer Stiefschwester), Heinrich (* um 1090,131.12.1135 Mainz, ab 
1124 Herrscher der Oberlausitz, ab 1131 als Heinrich III. Markgraf der Niederlausitz) 


Wiprecht von Groitzsch war eine 
vielgestaltige Persönlichkeit des 
Mittelalters. Er spielte in den politisch 
bedeutsamen Auseinandersetzungen 
zwischen Kaisertum und Papsttum 
eine wichtige Rolle. Während der 
deutschen Expansionsbewegung nach 
Osten bis in die Oberlausitz organi¬ 
sierte er die Ansiedelung von Bauern 
und Handwerkern, einhergehend mit 
einer Christianisierung und Assimi- 
lierung der Sorben. Die neuen Mark¬ 
grafschaften waren heftig umkämpft. 
Gleichzeitig versuchten die regionalen 
Herrscher, sich gegenüber der deut¬ 
schen Zentralgewalt zu emanzipieren. 
Gewalt, wechselnde Allianzen und 
gezielte Heiraten trugen dazu bei, den 
jeweiligen Herrschaftsanspruch aus¬ 
zudehnen. Dank guter Beziehungen 
nach Böhmen erlangte Wiprecht für 
mehr als drei Jahrzehnte die Herr¬ 
schaft über die Oberlausitz. Ausein¬ 
andersetzungen mit den Wettinern 
endeten mit dem Niedergang seiner 
Familie und dem Aufstieg der Wetti¬ 
ner zum Herrscherhaus Sachsens. 


Wiprechts Großvater Wulf, ein sor¬ 
bischer Adliger aus Pommern, hatte 
nach dem zwischenzeitlichen erneu¬ 
ten Vordringen der Slawen nach Wes¬ 
ten nach dem Tod Kaiser Otto II. 983 
in Rom Grundbesitz in der Altmark 
erlangt. Mit der Wiederherstellung 
der deutschen Vorherrschaft entlang 
der Elbe assimilierte sich die Familie 
und erhielt die Grafschaft des Balsam¬ 
gaus. Nach dem Tod des Vaters wurde 
Wiprecht von seinem Vormund Udo 
von Stade, Markgraf der Nordmark, 
in Stade und Tangermünde erzogen. 
Udo, der eine Operationsbasis für 
geplante Eroberungen in Ostelbien 
benötigte, überzeugte ihn um 1070, 
die altmärkische Gaugrafschaft gegen 
Güter im Süden von Leipzig einzu¬ 
tauschen. Sie befanden sich in einem 
unruhigen, gleichzeitig aber chancen¬ 
reichen Gebiet in den Marken Zeitz 
und Merseburg. 

Wiprecht ließ auf seinem Besitz 
Groitzsch eine neue Burg, erstmals als 
mörtelgebundenen Steinbau, errich- 


125 




Freigelegte Reste der Wiprechtsburg 
Groitzsch bei Leipzig. Foto: Rolo-1 
(Wikimedia Commons), Lizenzen: 
CC BY-SA 3.0, GFDL 

ten, deren Rundkapelle der älteste 
Kirchenbau Sachsens ist. Er wurde 
von lokalen Adligen angefeindet, die 
selbst die Grafschaft beanspruchten, 
und musste deshalb seinen Besitz von 
1073 bis 1075 verlassen. Wiprecht 
schloss sich mit seinen Kriegern 
Böhmenherzog Vratislav an. Die 
Böhmen unterstützten König Hein¬ 
rich IV. im Kampf für die Stärkung 
der Zentralgewalt in Deutschland 
gegen abtrünnige Fürstenhäuser, zu 
denen insbesondere auch die Sachsen 
(„Altsachsen“ zwischen Niederrhein 
und Unterelbe) gehörten. Am 13. Juni 
1075 besiegte die königliche Allianz 
in einer Schlacht an der Unstrut die 
Sachsen. Zum Dank belehnte der 
König im Jahre 1076 Vratislav - gegen 
den abtrünnigen Egbert II. - mit der 
Mark Meißen. Wiprecht vermittelte 
wiederholt zwischen Heinrich IV. und 
Vratislav. 

Im Jahre 1076 begann der Investitur¬ 
streit von König und Papst um Befug¬ 


nisse bei der Berufung von Geistli¬ 
chen und damit ein Kampf um die 
Neuordnung zwischen weltlicher und 
geistlicher Macht. Der Papst wollte 
die Dominanz der deutschen Reichs¬ 
kirche seit Karl dem Großen nicht 
mehr hinnehmen und stellte auch den 
Herrschaftsanspruch des deutschen 
Königs über Italien infrage. Unter¬ 
stützung erhielt er vom Hochadel, der 
sich vom König emanzipieren wollte. 
Papst Gregor VII. konterte den Ab¬ 
dankungsbefehl von Heinrich IV. mit 
dessen Bannung. Heinrich, dessen 
Regentschaft infrage stand, muss¬ 
te sich beugen und 1077 den Gang 
nach Canossa antreten. Nachdem der 
zum Gegenkönig ausgerufene Rudolf 
von Rheinfelden getötet war, betei¬ 
ligten sich Vratislav und Wiprecht 
am Rachefeldzug gegen den Papst. 
Wiprecht unterwarf 1081 an der 
Spitze eines 1000-köpfigen Ritterhee¬ 
res die Lombardei. Drei Jahre wurde 
Rom belagert, ehe Wiprecht nach der 
Überlieferung als Erster mit 24 Mann 
die Mauer erklommen haben soll. 

Als Dank für seine Hilfe im Kampf 
gegen Papst und deutschen Hochadel 
belehnte ihn der 1084 im Beisein Wi- 
prechts zum Kaiser gekrönte Heinrich 
IV. mit Colditz, Grimma und Leisnig. 
Auch Geistliche der kaiserlichen Par¬ 
tei wie die Bischöfe von Köln, Mainz, 
Halberstadt, Münster und Zeitz sowie 
die Äbte von Fulda und Hersfeld 
belohnten ihn. Mit Wiprecht wurde 
dadurch ein Vertreter des niederen 
Adels zu einem der mächtigsten Män¬ 
ner im östlichen Deutschland. 


126 





Der heilige Benno missioniert die 
Sorben, Stefano Torelli, Hofkirche 
Dresden; zu dem zwischen 1066 und 
1106 amtierenden Bischof Benno 
pflegte Wiprecht ein gutes Verhält¬ 
nis, obwohl sie während des Inves¬ 
titurstreits auf unterschiedlichen 
Seiten standen und Benno zeitweise 
seines Amtes enthoben war. So 
beteiligte sich jener an der Exkom¬ 
munikation von König Heinrich IV. 
und der Einsetzung des Gegenkö¬ 
nigs. Als Bischof von Meißen war 
Benno auch für Wiprechts Besitz in 
Nisan und Budissin zuständig, Teile 
des Landes dazwischen besaß das 
Hochstift Meißen unter Benno. 


Nach der Heirat mit Prinzessin Judi- 
tha, Vratislavs Tochter, im Jahre 1084 
erhielt Wiprecht die Gaue Budissin 
(die spätere Oberlausitz entlang der 
Spree um Bautzen) und Nisan (Elbtal 
um Dresden) in der Markgrafschaft 
Meißen. Die Grenze zwischen Nisan 
und Budissin verlief westlich von Stol¬ 
pern Die Oberlausitz wurde dadurch 
zu einem von Meißen weitgehend 
unabhängigen Territorium im Drei¬ 
ländereck mit Polen und Böhmen. 

Mit der Unterstützung Wiprechts 
erlangte Vratislav 1086 den böhmi¬ 
schen Königsthron. Dies geschah 
vor dem Hintergrund eines weiter 
schwelenden Konflikts um die Mark 
Meißen, wo sich Egbert II. im Bunde 
mit den Sachsen erneut festgesetzt 
hatte und drohte, ein gefährlicher 
Feind des Kaisers zu werden. Vra¬ 
tislav holte sich das ihm verliehene 
Land zunächst zurück. Auch Bischof 
Benno von Meißen, der sich nach 
seiner zwischenzeitlichen Absetzung 
durch Heinrich IV. dem vom Kaiser 
eingesetzten Gegenpapst Clemens III. 
unterworfen hatte, wurde in den Kon¬ 
flikt hineingezogen. Benno gewährte 
dem heiligen Beneda aus Böhmen 
Zuflucht, nachdem Wiprecht dessen 
Bitte um Fürsprache bei Vratislav ab¬ 
gelehnt hatte. Im Jahre 1088 ließ Vra¬ 
tislav Beneda in Meißen ermorden. 
Weil Egbert von Meißen nicht aufgab, 
verlor Vratislav 1089 nach Entscheid 
des Fürstengerichts Regensburg die 
Mark Meißen endgültig. Egbert selbst 
wurden alle Besitzungen entzogen, 


127 




viPEPJiyn 


Durch Heirat mit Juditha von Böhmen wurde Wiprecht von Groitzsch für 
insgesamt fast vier Jahrzehnte zum Herrscher der Oberlausitz. 


die Mark Meißen ging an seinen 
Schwager Heinrich I. (von Eilenburg) 
aus dem Hause Wettin, der jedoch die 
Herrschaft Wiprechts über Budissin 
und Nisan anerkennen musste. 

Wiprecht lud während seiner Herr¬ 
schaft fränkische und thüringische 
Bauern und Handwerker ein und 
beförderte damit die Besiedlung der 
östlichen Gebiete, so zunächst in der 
Pegauer Gegend, später auch in der 
Oberlausitz. Unter Wiprecht sollte 
sich die 150 Jahre zuvor erlahmte 
Ostexpansion Deutschlands relativ 
friedlich vollenden. Verkehrswege er¬ 
schlossen das Land, gerodete Wälder 
machten Platz für Dörfer und Acker¬ 
land. Sein Beitrag zur systematischen 


Erschließung eines großen Teils des 
heutigen Sachsens ist sein größter, 
bleibender Verdienst. So konnte er 
auch die unter Vratislav anfangs nur 
formal bestehende Herrschaft über 
Nisan und Budissin festigen. Wi¬ 
precht residierte in Bautzen auf der 
Ortenburg, in unmittelbarer Nähe 
siedelten sich Handwerker, aber auch 
Ritter und Edelleute an (Burglehn). 
In dieser Zeit wurde die Böhmisch- 
Oberlausitzer Kaiserstraße angelegt 
bzw. ausgebaut. Wegen der ständi¬ 
gen Auseinandersetzungen um den 
Territorialbesitz war für Vratislav, 
Wiprecht und dessen Sohn die enge 
Anbindung der Oberlausitz an Böh¬ 
men besonders wichtig. Es entstan¬ 
den seinerzeit Waldhufendörfer, die 


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vermutlich heutigen Ortschaften wie 
Oppach, Taubenheim, Spremberg 
und Ebersbach entsprachen, auch 
wenn diese erst später urkundlich 
ersterwähnt wurden. Eine massenhaf¬ 
te Zuwanderung in die Oberlausitz 
erfolgte aber erst nach Wiprechts 
Tod und dauerte bis in das folgende 
Jahrhundert an. 

In zahlreichen Fehden festigte Wi- 
precht seine Herrschaft. Er ging dabei 
äußerst brutal vor. In Zeitz verfolgte 
er 1089 seine Feinde Vicelin von 
Profen und Hageno von Tubichin, die 
ihn seinerzeit aus Groitzsch vertrie¬ 
ben hatten. Sie standen inzwischen in 
Verbindung mit den Bischöfen von 
Merseburg und Naumburg-Zeitz, um 
ihren Machtanspruch durchzusetzen. 
Wiprecht tötete Videlin und 17 Mann. 
Weil Hageno in der Jakobskirche 
Zeitz Zuflucht gefunden hatte, ließ 
er die Kirche abbrennen und dem 
Gegner beide Augen ausstechen. 
Gegen solch barbarisches Tun, aber 
auch gegen Verschwendungssucht 
und Machtgier, wie sie Heinrich IV. 
nachgesagt wurden, richtete sich die 
Propagierung sittlicher Werte durch 
die Papstkirche, die zunehmende 
Wirkung erzielte. Frömmigkeit und 
Buße als Voraussetzung des ewigen 
Seelenheils bestimmten das Denken 
auch vieler weltlicher Herrscher zur¬ 
zeit der 1096 beginnenden Kreuzzüge. 
Bischöfen der päpstlichen Partei in 
Magdeburg und Merseburg gelang 
es, Wiprecht 1090 zu einer Pilger¬ 
fahrt nach Rom zu bewegen, um die 


Lossprechung vom Bann zu erlangen. 
Wegen der Zeitzer Kirchenschändung 
veranlasste ihn Papst Urban II., nach 
Santiago de Compostella an das Grab 
des Apostels Jakobus, des Namens¬ 
patrons der zerstörten Kirche, zu 
wallfahren. Auf Verlangen des Papstes 
stiftete Wiprecht auch das 1096 
geweihte Kloster Pegau. Das Kloster 
und die Burg Groitzsch entwickelten 
sich zu Zentren der Christianisierung 
der Sorben. Als erstes Kloster östlich 
der Saale besaß Pegau zudem eine 
erhebliche Bedeutung als kulturelle 
Institution mit Schule und Bibliothek. 

Der Kriegsheld Wiprecht von 
Groitzsch erwies sich als Berater des 
böhmischen Herrscherhauses zu¬ 
nehmend auch als vorausdenkender 
Staatsmann. Nach Vratislavs Tod 1092 
folgte diesem zunächst ein Bruder, 
dann sein Sohn Bretislav II., ohne je¬ 
doch den Königstitel wieder erlangen 
zu können. Wiprecht war an Kultur 
und der Verbreitung des Christen¬ 
tums viel gelegen. Er ließ Kirchen und 
weitere Klöster wie in Lausigk, das er 
dem päpstlichen Stuhl unmittelbar 
unterstellte, und Reinersdorf errich¬ 
ten. Mit seiner wachsenden Religio¬ 
sität entfremdete sich Wiprecht von 
Heinrich IV. Er schloss sich dessen 
Sohn Heinrich V. im Kampf gegen 
den erneut gebannten Vater an. Der 
Sohn hatte erkannt, dass im Reich ein 
weitverbreiteter Wunsch nach Aus¬ 
söhnung mit dem Papst im Investitur¬ 
streit bestand. Zudem fürchtete er um 
seine Thronfolge, zu der es sowieso 


129 




Mit seinem Verrat unterstützte 
Wiprecht von Groitzsch die Macht¬ 
übernahme durch Heinrich V. (im 
Bild rechts bei der Übergabe der 
Reichsinsignien von seinem Vater, 
Heinrich IV.). Das Ereignis stellte 
einen Meilenstein beim Niedergang 
von Macht und Ansehen des mittel¬ 
alterlichen deutschen Kaiserreichs 
dar. 

nur kommen konnte, weil sein Vater 
den ältesten Sohn wegen Parteinahme 
für den Papst abgesetzt hatte. Auch 
Heinrich V., seit 1099 König, verbün¬ 
dete sich mit der päpstlichen Partei 
gegen den Vater. Wiprecht war es, der 
Heinrich IV. aus dem sicheren Geleit 


nach Böhmen wieder an den Rhein 
in die Hände des Sohnes führte. Als 
Gesandter der Mainzer Fürsten¬ 
versammlung und von Heinrich V. 
erpresste Wiprecht vom gefangenen 
Heinrich IV. zu Böckelheim 1105 die 
Herausgabe der Reichsinsignien. Er 
gehörte zu den Gesandten um den Bi¬ 
schof von Konstanz, die Papst Pascha- 
lis zur Kaiserkrönung von Heinrich V. 
einladen sollten, wobei Wiprecht aber 
unterwegs durch Kaisertreue festge¬ 
setzt und erst nach Fürsprache des 
Bischofs von Bamberg freigelassen 
wurde. Mit dem Tod des Markgra¬ 
fen der Nordmark, Lothar Udo III., 
erledigten sich die Markgrafschaften 
Zeitz und Merseburg und Wiprecht 
wurde zu einem bedeutenden Gegen¬ 
gewicht gegen die dortigen Bischöfe. 

Aber auch mit Heinrich V. kam es 
zum Konflikt, als jener in böhmische 
Erbfolgestreitigkeiten gegen Wi- 
prechts Verwandtschaft eingriff, um 
den deutschen Einfluss zu stärken. Es 
war ursprünglich vorgesehen, dass die 
böhmische Regentschaft jeweils an 
den Ältesten aus der Familie um Vra- 
tislav und seine Brüder gehen sollte. 
Bretislav II., Sohn Vratislavs, gelang 
es dagegen, seinen Bruder Borivoj II. 
als seinen Nachfolger durchzusetzen. 
Dessen Macht wurde mehrfach durch 
Nachfahren der Brüder Vratislavs in¬ 
frage gestellt, die sich dafür mit Hein¬ 
rich V. verbündeten. Wiprecht, der 
mit Borivoj schon in Italien gekämpft 
hatte, sandte seinen Sohn Wiprecht 
den Jüngeren zu Hilfe. Der kam aber 


130 























zusammen mit Borivoj 1110 in Hein¬ 
richs Gefangenschaft und konnte erst 
1112 gegen Abtretung von Budissin 
und Nisan und weiterer Besitztümer 
befreit werden, mit denen Heinrich V. 
seinen engen Gefolgsmann Hoyer von 
Mansfeld, den er als Gegenkraft zu 
den aufrührerischen Sachsen aufbau¬ 
en wollte, belehnte. Der Vater Wi- 
precht trat nun offen gegen Heinrich 
V., seit 1111 Kaiser, auf. Der konnte 
aber Wiprecht den Jüngeren auf seine 
Seite ziehen, der sogar half, 1113 
seinen Vater in Groitzsch zu belagern. 
Nachdem dies fehlgeschlagen war 
und der Kaiser daraufhin ihm die ver¬ 
sprochene Belehnung mit Naumburg 
verweigerte, stellte er sich wieder an 
die Seite des Vaters. 

Im Zusammenhang mit Erfolgestrei¬ 
tigkeiten brachen neue Konflikte der 
sächsischen Fürsten mit dem Kaiser¬ 
haus aus, zudem war der Kaiser vom 
Papst gebannt, weil auch Heinrich V. 
auf seinem Investiturrecht bestand. 
Während eines Gefechts in Warnstädt 
im Jahre 1113 fiel Wiprecht, auf säch¬ 
sischer Seite kämpfend, verwundet 
in die Gewalt des Grafen Hoyer von 
Mansfeld. Die Reichsstände in Würz- 



Wiprechts Herrschaft Groitzsch lag 
an der Grenze der Marken Zeitz und 
Merseburg. Die Mark Meißen grenz¬ 
te im Süden an Böhmen, im Osten 
an Polen und im Norden an die 
Niederlausitz (oben: F. W. Putzger‘s 
historischer Schul-Atlas, 1877). Zu 
Beginn von Wiprechts Herrschaft 
war dieses Territorium vorwiegend 
von Sorben, z. B. um Bautzen und 
entlang der Elbe, besiedelt (s. un¬ 
ten). Bis 1300 verzehnfachte sich die 
Bevölkerung. Wiprecht beherrschte 
nicht das ganze Gebiet um Bautzen. 
Teile davon gehörten dem Bischof 
von Meißen (Benno). 



Schulatlas von 
Lange u. Diercke. 


Grimma. 
f o Jßomaj 

Hauptsiedl ungsFormen 

I Bl Slawische-Dorfcmtagen, 

I _ I Deutsche, Darfanlagai 

I- II Slawische-DorfaJilagen, unter 
deulschem-Einflusse umgestaltet 
Nach A. Hornig 



131 













SöipredjtS 93erft>anbtfdjaft 
mit ben fädjfifdjen ^ürften^äufcrn. 


Gebert 1.b. »taunfötbtig 
HWfgf. J. ®W&en f 1068. 

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pcn f 1123. 


Kuno bon ®dd>t 3&a 
(ingen f 1103. y ~ 
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Orlamünbe, in „_ 

3. Gbe berm. m. 
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b.SEBettin Sertba 
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b. Sntelfien 
1123. 


©ertcub 
SpfaTjgraf »Siegs 
frttb 11113. 


Durch Heirat war Wiprecht von Groitzsch mit den Wettinern verwandt, die 
ihrerseits aber den mächtigen (alt)-sächsischen Fürsten aus der antikaiserli¬ 
chen Opposition näherstanden. 


bürg verurteilten ihn zum Tode. Der 
Sohn rettete den Vater durch Überga¬ 
be von Groitzsch und anderer Besit¬ 
zungen an den Kaiser. Danach muss¬ 
ten sich Wiprechts Söhne einige Zeit 
als Raubritter durchs Leben schlagen. 
Wiprecht wurde auf der Reichsfeste 
Trifels in Haft genommen. Der Kaiser 
hatte gegen die sächsischen und thü¬ 
ringischen Fürsten gesiegt. Als er aber 
anlässlich seiner Vermählung 1114 
Ludwig von Thüringen festnehmen 
ließ, bildete sich ein neues Bündnis, 
dem sich auch Wiprechts Söhne 
anschlossen. Wiprecht der Jüngere 
erschlug Hoyer am 11. Februar 1115 
in der Schlacht am Welfsholz. Hein¬ 
rich V. verlor mit dieser Niederlage 
erheblich an Einfluss. Im weiteren 
Verlauf eroberten Wiprechts Söhne 
Groitzsch und erzwangen mit der Be¬ 
lagerung Naumburgs die Freilassung 


des Vaters. Der musste aber Groitzsch 
und Leisnig erneut erobern, nachdem 
1116 sein Sohn Wiprecht d.J. gestor¬ 
ben war. Mit dem Kaiser söhnte er 
sich danach wieder aus, Budissin und 
Nisan erhielt er um 1118 zurück. In 
den Besitz der ihm zugesprochenen 
Mark Niederlausitz gelangte er gegen 
Markgraf Heinrich II. jedoch nicht. 
Rückhalt gewährten ihm Erzbischof 
Adelgot von Magdeburg, ein Sohn 
von Wiprechts Schwester Gisela, des¬ 
sen Einsetzung Wiprecht seinerzeit 
erfolgreich betrieben hatte, und auch 
Adelgots Nachfolger ab 1119, Rüdiger 
von Veltheim. So erhielt Wiprecht die 
Burggrafschaff Magdeburg und die 
Vogtei über das Kloster zum Neuen 
Werke in Halle. 1121 war es vermut¬ 
lich Heinrich V., der an der Grenze 
zwischen Nisan und Budissin in 
Stolpen eine Burg bauen ließ. 


132 



Mit der Aussöhnung von Kaisertum 
und Papst 1122 im Wormser Konkor¬ 
dat erledigte sich ein lang anhaltender 
Loyalitätskonflikt für Wiprecht. Seine 
Tochter Bertha war mit einem Bruder 
von Konrad dem Großen verheira¬ 
tet. Auch Wiprechts zweite Ehefrau 
entstammte dem Hause Wettin. Die 
verwandtschaftlichen Bindungen 
führten zu Erbfolgestreitigkeiten mit 
den Wettinern. Als Markgraf Hein¬ 
rich II. 1123 starb, verlieh Kaiser 
Heinrich V. Wiprecht die Markgraf¬ 
schaff Meißen und erneut die Nie¬ 
derlausitz. Konrad der Große, ein 
Cousin Heinrich II., der schon dessen 
Rechtmäßigkeit angezweifelt und sich 
selbst als legitimen Nachfolger von 
Heinrich I. angesehen hatte, besetzte 
die Mark Meißen, bevor Wiprecht 
sein Amt antreten konnte. Für Kon¬ 
rad ergriff Stammherzog Lothar von 
Sachsen Partei. Einerseits war er mit 
diesem verschwägert und es lag damit 
in Lothars eigenem Interesse, ein 
Erbrecht der Wettiner durchzusetzen. 
Außerdem entzündete sich bei dieser 
Gelegenheit erneut der Streit mit 
Kaiser Heinrich V., zu dessen wich¬ 
tigsten Opponenten er gehörte. Im 
Bunde mit Albrecht von Ballenstädt 
(„der Bär“) vertrieben sie Wiprecht, 
ohne dass die vom Kaiser zu dessen 
Schutz aufgebotenen Herzoge Vladis- 
lav I. von Böhmen, ein Sohn Vratis- 
lavs, und Otto von Mähren ernsthaft 
in den Kampf eingegriffen hätten. 
Wiprecht zog sich in seinen letzten 
Jahren aus der Politik zurück und 
widmete sich verstärkt der Religion. 


Während eines Aufenthalts in seinem 
Kloster in Halle fing das Stroh von 
Wiprechts Lager Feuer. Er trat es mit 
bloßen Füßen aus, verletzte sich aber 
so schwer, dass er kurz danach an den 
Folgen im Kloster Pegau verstarb. Die 
unrechtmäßige Aneignung der Mark 
Meißen durch Konrad den Großen 
wurde 1127 durch den inzwischen 
zum König gekrönten Lothar endgül¬ 
tig anerkannt, die Niederlausitz konn¬ 
te erst Wiprechts Sohn Heinrich 1131 
von Albrecht zurückerlangen. Konrad 
wurde so zum Stammvater des sächsi¬ 
schen Kurfürsten- und Königshauses. 
Nach dem Tod des kinderlosen Hein¬ 
rich kamen Wiprechts Besitzungen 
zumeist an die Wettiner. Sie vollende¬ 
ten, was Wiprecht von Groitzsch von 
Thüringen bis zur Oberlausitz begon¬ 
nen hatte, und schufen ein großes, 
einheitliches Herrschaftsgebiet. 

Quellen: Meyers Großes Konversations- 
Lexikon, Bd. 20, Leipzig 1909, S. 681-682; 
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Bd. 4, 
Leipzig 1841, S. 741; Ernst Bernheim: „Groitsch, 
Wiprecht von, der Aeltere“. Allgemeine Deut¬ 
sche Biographie, Bd. 9, 1879, S. 711-713; Ro¬ 
land Paeßler: „Die Erbrichter in der Umgebung 
von Bischofswerda“. In: Mathias Hüsni (Hrsg.): 
Schiebocker Landstreicher, H. 3, Burkau 2008, 

S. 8-16; www.genealogie-mittelalter.de; T. Fla- 
the: „Wiprecht von Groitzsch“. In: Archiv für die 
sächsische Geschichte, Bd. 3, H. 1, Leipzig 1864, 
S. 82-127; www.genealogie-93-generationen.eu; 
Alexander Dinter: „Wer war eigentlich Wiprecht 
von Groitzsch?“, 2011; www.bautzenweb.de; 
Johann Gottfried Theodor Sintenis: „Die Ober¬ 
lausitz: ein belehrendes und unterhaltendes Le¬ 
sebuch“. 1812; Joachim Bahlcke: „Geschichte der 
Oberlausitz: Herrschaft, Gesellschaft und Kultur 
vom Mittelalter bis zum Ende des 20. Jahrhun¬ 
derts“. Leipziger Universitätsverlag, 2001 


133 




Eduard Heiden, Deutsches Museum München, Archiv (PT Krause-Album 
3698), Fotograf: Friedrich Robert Süss, Bautzen. 






















Heiden, Joachim Christian Eduard 


Professor, Agrarwissenschaftler in Pommritz 
08.02.1835 Greifswald - 20.12.1888 Pommritz 

G: Maria (?, bei der Taufe von Heidens Sohn 1871 unverheiratete Zeugin aus Greifswald); E: 
1868 Hochkirch, Alma geb. Michels, aus Weitenhagen bei Greifswald, bis ca. 1927 als Witwe in 
Greifswald ansässig; K: Alma Louise Emma Johanne (* 11.6.1869 Pommritz, um 1930 unver¬ 
heiratet in Greifswald ansässig), Eduard Rudolf Erwin Alfred Ludwig (31.10.1871-13.12.1871), 
Martha Louise Olga Bertha (3.7.1875-18.8.1875), Albert Eduard Rudolf Prosper (25.6.1877- 
22.7.1877) 


Heiden wurde in Greifswald zunächst 
privat unterrichtet, besuchte die 
Bürgerschule und ab 1846 das Gym¬ 
nasium. Ab 1854 studierte er Staats¬ 
wissenschaften und Naturwissen¬ 
schaft. Botanik lehrte in Greifswald 
Carl Jessen. Besonders interessierte 
sich Heiden für die Agrikulturchemie. 
1855 nahm er eine Tätigkeit an der 
angegliederten Landwirtschaftlichen 
Akademie Eldena auf und ab 1857 
arbeitete er als Assistent am chemi¬ 
schen Laboratorium der Akademie 
unter Eduard Baumstark. In der Tra¬ 
dition des ersten Akademiedirektors, 
Friedrich Gottlob Schulze, bildeten 
Lehre und Praxis eine Einheit. Eldena 
genoss in der Fachwelt einen ausge¬ 
zeichneten Ruf. 1858 erhielt Heiden 
die Lehrberechtigung als Privatdozent 
im Fach Agrikulturchemie. Mit der 
Dissertation „Über das Keimen der 
Gerste“ erwarb er 1859 den Titel Dr. 
phil. Auch während seiner Assis¬ 
tenzzeit am Laboratorium der Land¬ 
wirtschaftlichen Akademie Waldau/ 
Ostpreußen ab 1862 hielt Heiden 
Vorlesungen über Agrikulturchemie. 
1864 erschien mit „Die Phosphorsäu¬ 


re in ihren Beziehungen zur Land¬ 
wirtschaft“ seine erste bedeutende 
Schrift. Die Studenten in Eldena und 
Waldau baten ihn, die Vorlesungen 
zur Düngerlehre als Lehrbuch zu pub¬ 
lizieren, dessen Erscheinen sich durch 
private Probleme und politische 
Wirrnisse jedoch verzögerte. Um das 
Buch fertigzustellen, nahm Heiden 
1867 Urlaub, statt nach der Auflö¬ 
sung von Waldau eine Anstellung 
in Berlin anzunehmen. Die Bände 1 
und 2 erschienen in der 1. Auflage 
1866/1868 in Stuttgart, in der 2. Auf¬ 
lage 1879/1887 in Hannover. Heiden 
baute sie wie seine zweisemestrige 
Vorlesung auf: Der erste, theoretische 
Teil behandelte das „Bedürfnis der 
Pflanze“, der zweite, praktische Teil 
die „Befriedigung desselben“. 

Am 25. Januar 1868 trat Heiden sein 
Amt als Vorstand der landwirtschaft¬ 
lichen Versuchsstation in Pommritz 
an. Nach dem Weggang von Julius 
Lehmann im Jahr zuvor hatte zu¬ 
nächst Cuno Frisch die Leitung über¬ 
nommen, der jedoch nach wenigen 
Monaten verstarb. Pommritz bildete 


135 



unter den deutschen Versuchsstati¬ 
onen insofern eine Ausnahme, dass 
neben angewandter Forschung auch 
Grundlagenuntersuchungen durch - 
geführt wurden. Heiden setzte unter 
Lehmann begonnene Arbeiten fort. 

Er verglich wasserlösliche und -unlös¬ 
liche Phosphorsäure hinsichtlich der 
Fruchtbarkeit der Böden sowie die 
Wirkung des Zusatzes stickstoffhalti¬ 
ger Verbindungen bzw. humusbilden¬ 
der Substanzen und widerlegte dabei 
Justus von Liebig, indem er den Wert 
des Humus für die landwirtschaftliche 
Pflanzenproduktion nachwies. Schon 
früh entwickelte Heiden in Pommritz 
ein neues Arbeitskonzept. Zunächst 
erfolgte die strikte Trennung vom Rit¬ 
tergut, das gewinnorientiert arbeiten 
sollte. Die Versuchsstation erhielt 2,5 
Hektar Land pachtfrei und konnte im 
Stall acht Schweine unterbringen. Die 
Räumlichkeiten und technische Aus¬ 
stattung der Station wurden erweitert 
und Heiden bekam einen zweiten 
Assistenten. Sein Hauptaugenmerk 
galt der Verbesserung der landwirt¬ 
schaftlichen Erträge. Er untersuchte 
langjährig Größe und Zusammenset¬ 
zung der Wurzeln und des Oberteils 
verschiedener Kulturpflanzen (Getrei¬ 
de, Kartoffeln, Klee) in unterschied¬ 
lichen Entwicklungsstadien, um 
Rückschlüsse auf die Nährstoffbilanz 
zu ziehen. Heiden führte Düngungs¬ 
und Fruchtfolgeversuche durch, um 
„rohen Boden“ fruchtbar zu machen. 
Er propagierte die Verwertung städ¬ 
tischer Fäkalien zur Erhöhung der 
Bodenfruchtbarkeit und untersuch¬ 


te auch die Eignung verschiedener 
Guano-Dünger. Anbauversuche für 
Getreide- und Gemüsesorten wurden 
im Hinblick auf deren Eignung für 
die Oberlausitz durchgeführt. Zudem 
wurde die Kontrolle von Dünge- und 
Futtermitteln ausgebaut. Heiden zähl¬ 
te zu den führenden Vertretern der 
deutschen Agrikulturchemie, die bis 
zur Umstrukturierung unter Georg 
Derlitzki Leitthema in Pommritz 
blieb. 

Heiden setzte die grundlegenden 
Untersuchungen seines Vorgängers 
Julius Lehmann zur Ernährung von 
Schweinen fort und veröffentlichte 
1879 die Ergebnisse langjähriger 
Versuche in „Untersuchungen über 
die zweckmäßigste Ernährung des 
Schweins“. Er analysierte die Wir¬ 
kung verschiedener Futtersorten (u. 
a. mehrerer Getreidearten, Kartoffeln 
und saurer Milch) für unterschiedli¬ 
che Altersklassen und bewertete die 
Wirtschaftlichkeit des Futters. Daraus 
wurden Schlussfolgerungen für die 
Rasseauswahl und die Zusammenset¬ 
zung von Futtermischungen gezogen. 
Ähnliche Untersuchungen führte er 
auch für andere Haustierarten durch. 
Heiden war der Erste, der im Rahmen 
von Fütterungsversuchen die Mine¬ 
ralstoffbilanz (Kalzium, Phosphor) 
wissenschaftlich untersuchte, und 
wird international auch heute noch 
zu jenen Wissenschaftlern gezählt, die 
sich besonders um die Grundlagen¬ 
forschung zur Ernährung von Schwei¬ 
nen verdient gemacht haben. 


136 



1871 wurde Heiden zum Professor 
ernannt, 1873 konnte er sein Lehr¬ 
buch mit dem 3. Band, „Leitfaden 
der gesamten Düngerlehre und Statik 
des Landbaues“, vervollständigen. 

Sein besonderes Anliegen bestand 
darin, den Landwirten wissenschaft¬ 
liche Erkenntnisse in verständlicher 
Form nahe zu bringen. 1875 erschien 
Heidens Volksbuch „Die Düngerlehre 
in populärwissenschaftlicher Dar¬ 
stellung“. Viele seiner Bücher, so zur 
Ernährung von Schweinen und zur 
Fruchtbarmachung von Boden, wur¬ 
den von Cohen & Risch in Hannover 
verlegt. Zu Heidens Hospitanten bzw. 
Assistenten an der Landwirtschafts¬ 
schule Bautzen gehörte 1877 Bruno 
Steglich, dem er erste Grundlagen 
im agrikulturchemischen und pflan¬ 
zenphysiologischen Versuchswesen 
vermittelte. Heidens Pommritzer 
Assistent Ernst Güntz aus Malschwitz 
leitete später die Versuchsstation 
Danzig. Seine Ergebnisse publizier¬ 
te Heiden in den „Mittheilungen 
der Versuchsstation Pommritz“, in 
den Jahresschriften „Die landwirt¬ 
schaftlichen Versuchs-Stationen“, im 
„Chemischen Zentralblatt“, in den 
„Jahresberichten über die Fortschritte 
der Chemie der Pflanze“, in „Fühling's 
landwirtschaftlicher Zeitung“ und 
im „Sächsischen Amtsblatt“. Zum 25- 
jährigen Jubiläum des landwirtschaft¬ 
lichen Versuchswesens in der Ober¬ 
lausitz im Jahre 1882 wurde Heiden 
mit dem Ritterkreuz des Sächsischen 
Albrechts-Ordens erster Klasse ausge¬ 
zeichnet. 


Quellen: Bruno Steglich: „Erinnerungen aus 
meinem Leben“. Dresden, unveröffentlicht, 
1927; Jens Klemme: „Entwicklung der Er¬ 
nährungsforschung bei Wiederkäuern im 19. 
Jahrhundert - Fütterungsversuche, Energie¬ 
haushalt und Eiweißstoffwechsel“. Dissertation 
Tierärztliche Hochschule Hannover, 2003; 
Tina König: „Entwicklung der Ernährungs¬ 
forschung beim Schwein (bis 1930)“. Disser¬ 
tation Tierärztliche Hochschule Hannover, 
2004; Theophil Gerber: „Persönlichkeiten aus 
Land- und Forstwirtschaft, Gartenbau und 
Veterinärmedizin“. Bd. 1, NORA Verlags¬ 
gemeinschaft Dyck & Westerheide, 2004, 

S. 276; Wolfgang Böhm: „Biographisches 
Handbuch zur Geschichte des Pflanzenbaus“. 
K.G. Saur München, 1997, S. 105-106; Gisela 
Stressmann: „Zur Entwicklung der Auffas¬ 
sungen über die Bedeutung des Humus für 
die Steigerung der Bodenfruchtbarkeit in 
der deutschen landwirtschaftlichen Literatur 
des 19. Jahrhundert“. Tagungsbericht Akad. 
Landwirt.-Wiss. DDR, 173, Bd. 5, 1979, S. 

41- 45; Register der Bestattungen und Taufen, 
Kirchgemeinde Hochkirch; Friedrich Nobbe: 
„Eduard Heiden“. Die landwirthschaftlichen 
Versuchs-Stationen, Bd. 36, 1889, S. 74-79; 
Jana Fietz: „Nordische Studenten an der 
Universität Greifswald in der Zeit von 1815 bis 
1933“. Beiträge zur Geschichte der Universität 
Greifswald, Bd. 5, Franz Steiner Verlag, 2004; 
Eduard Heiden: „Denkschrift zur Feier des 
fünfundzwanzigjährigen Bestehens der agri- 
cultur-chemischen Versuchsstation Pomm¬ 
ritz“; Friedrich Nobbe: „Statistische Revue 
über den Bestand des land- und forstwirth- 
schaftlichen Versuchswesens nach 25-jähriger 
Entwicklung“. Die landwirthschaftlichen Ver¬ 
suchsstationen, Schönfeld, 1877, S. 176-195; 
Brockhaus“ Konversationslexikon, Leipzig, 
Berlin und Wien, 14. Auff, 1894-1896; Bruno 
Schöne (Bearb.): „Die Sächsische Land¬ 
wirtschaft: ihre Entwickelung bis zum Jahre 
1925, sowie Einrichtungen und Tätigkeit des 
Landeskulturrats Sachsen zu Dresden“. Verlag 
des Landeskulturrates Sachsen, 1925, 517 S.; 
Adressbücher Greifswald 


137 




Robert Heller: Stahlstich von Lazarus Sichling (um 1850, Stadtgeschicht¬ 
liches Museum Leipzig). Die Universitätsbibliothek Hamburg bewahrt elf 
Briefe und ein Gedicht für die Mutter auf, die Nationalbibliothek Wien 
neben dem Stich von Sichling eine Lithografie von Otto Speckter und Karl 
Niedorf sowie zwei Theaterstücke. 



Heller, Wilhelm Robert 


Dr. phil., Schriftsteller und Journalist in Leipzig, Frankfurt und Hamburg 
24.11.1812 Großdrebnitz - 07.05.1871 Hamburg 

V: August Wilhelm (*1786 in Roßwein als Sohn des Lehrers an der Mädchenschule Johann 
Christoph Heller, 11.8.1838 Wilschdorf), Lehrer in Großdrebnitz und Wilschdorf bei Stolpen; 
M: Johanne Christiane Friederike geb. Schmidt (* in Dresden, Tochter des Händlers Carl 
Schmidt, t Februar 1856 Dresden); G: Woldemar (*24.11.1814 Großdrebnitz, fl8.2.1856 
Dresden, Schüler von Friedrich Wieck, Musiklehrer, Pianist und Komponist), Julius (*14.7.1816 
Großdrebnitz), Minna (*17.11.1822 Großdrebnitz, verh. Fiala); E: (1) mit einer Pfarrerstochter 
in Leipzig, Scheidung; (2) Ida geb. von Destinon (*17.8.1848 Grönwohld, tl892, ihr Vater Carl 
von Destinon Besitzer von Gut Horst in Stolpe am See, 2. Ehe mit Paul Frey) 


Heller wuchs in Großdrebnitz auf, wo 
sein Vater von 1811 bis 1823 Lehrer 
war und sich große Verdienste um das 
Schulwesen erwarb (Einführung einer 
zweiten Schulklasse, Teilnahmepflicht 
am Rechen- und Schreib unterricht). 
Die Familie stand in Verbindung mit 
den lokalen Erbrichterfamilien Klahre 
und Gottlöber, die zu den Taufpaten 
von Robert Hellers Geschwistern ge¬ 
hörten. Prägend für seine frühe Kind¬ 
heit war der Befreiungskrieg gegen 
Napoleon, in dessen Verlauf es auch 
zu Gefechten zwischen französischen 
und russischen Truppen in Großdreb¬ 
nitz kam. Viele Einwohner des Dorfes 
flohen, während der Einquartierung 
von Soldaten kam es zu Zerstörungen 
und Plünderungen. Der Franzose 
Francois Basile Azemar fiel am 13. 
September 1813 in Großdrebnitz. Das 
nahe Bischofswerda war abgebrannt 
und wurde von Gottlob Friedrich 
Thormeyer wieder aufgebaut. Seine 
Jugendzeit verlebte Heller in Wilsch¬ 
dorf bei Stolpen. In Dresden besuchte 
er die Kreuzschule und in Bautzen 


das Gymnasium. Über die Zeit am 
Gymnasium bei Karl Gottfried 
Siebelis berichtete er 1844 in „Rosen, 
eine Zeitschrift für die gebildete Welt“ 
unter dem Titel „Erinnerungen eines 
Bautzner Schülers“. Heller selbst galt 
nach den Erinnerungen von Ernst 
Theodor Stöckhardt als extra¬ 
vaganter, zu Späßen aufgelegter und 
durchaus beliebter Schüler. 

Nach dem Abschluss eines Jurastu¬ 
diums seit 1832 in Leipzig trat Heller 

1835 eine Stelle als Accessist beim 
dortigen Kriminalgericht an. Der 
große Erfolg seiner ersten Novelle, 
„Die Eroberung von Jerusalem“, in 
der von Theodor Hell herausgegebe¬ 
nen Dresdner Abendzeitung im Jahre 

1836 ermutigte ihn, den Staatsdienst 
zu quittieren. Es entstand das geflü¬ 
gelte Wort von „Hell und Heller“ für 
die Abendzeitung, die unter Hell, der 
führende Funktionen in Hofthea¬ 
ter, Hofkapelle und Kunstakademie 
inne hatte, eher höfisch-konservativ 
ausgerichtet war. Heller blieb zwar in 


139 



Leipzig als Notar gemeldet, er wid¬ 
mete sich aber bald ausschließlich der 
Schriftstellerei. Seit dem Studium war 
er mit Robert Schmieder befreundet, 
der die Abendzeitung ab 1843 heraus¬ 
gab. In Leipzig hatte er vermutlich mit 
seinem Bruder Woldemar Heller 
Kontakt zu dem musikalischen Kreis 
um Friedrich Wieck. In den 1830er 
Jahren promovierte Robert Heller 
zum Dr. phil. 

Der eigentlich eher unpolitische 
Heller kam um 1840 in Leipzig mit 
Heinrich Laube zusammen, dem 
er zeitlebens freundschaftlich ver¬ 
bunden blieb. So fand er Anschluss 
an die literarische Bewegung libe¬ 
raler Dichter des Vormärz „Junges 
Deutschland“. 1840 beteiligte sich 
Dr. Robert Heller an „Gutenbergs- 
Album“ von Johann Heinrich Meyer 
aus Braunschweig zur 400-Jahr-Feier 
der Erfindung des Buchdrucks. Heller 
verglich den Buchdruck mit der 
seinerzeit aufstrebenden Eisenbahn 
und schrieb: „So hoch wir den Geist 
über den Leib stellen, so hoch müssen 
wir den deutschen Gutenberg über 
den Schotten Watt stellen: denn die 
Buchdruckerkunst ist die Eisenbahn 
des Gedankens.“ Ab 1840 bereite¬ 
te er mit Robert Blum und Gustav 
Kühne die Gründung des Leipzi¬ 
ger „Schiller-Vereins“ vor, die 1842 
erfolgte. Später hielt er hier mehrfach 
Vorträge. Mit Laube hatte Heller 
Kontakt zu deutschen Schriftstellern, 
die sich zwischen 1833 und 1845 im 
Schweizer Exil aufhielten. Mit Robert 


Blum gründete er 1842 in Leipzig den 
Literatenverein. Bei Innenminister 
Eduard Gottlob von Nostitz 
und Jänkendorf intervenierten sie 
vergeblich für Erleichterungen bei der 
Zensur. Gemeinsam mit Blum schloss 
sich Heller dem Freundeskreis um 
Johann Peter Lyser an, von dem er 
sich jedoch später entfremdete. Der 
1848 bei Wien hingerichtete Blum sah 
Heller immer skeptisch - er war ihm 
zu konservativ. Noch 1843 beklagte 
sich jener bei Schmieder über die 
„Tyrannis der Gesinnungsmenschen“ 
und ihren Liberalismus. 

In Leipzig nahm Heller als Autor und 
Herausgeber mehrerer Zeitungen, 
Zeitschriften und Taschenbücher 
führend am literarischen Leben teil. 

Er schrieb für die von Karl Her- 
loßsohn herausgegebene Zeitschrift 
„Der Komet“, die zu den einfluss¬ 
reichsten Blättern des Vormärz zählte, 
1835 einen kritischen Beitrag über 
Heinrich Heine. 1838 gründete er 
als Ergänzung zum gleichnamigen 
Taschenbuch die Zeitschrift „Rosen“, 
die bei Friedrich August Leo sechs 
mal wöchentlich erschien und in der 
Neuigkeiten aus Literatur und Kunst 
besprochen wurden. Diese Zeitschrift 
spielte vermutlich eine wesentliche 
Rolle, dass sich Heller als Schriftstel¬ 
ler etablieren konnte, da er durch sie 
regelmäßige Einnahmen erzielte. Als 
Herausgeber der „Rosen“ hatte er 
einen entscheidenden Anteil am Be¬ 
ginn der schriftstellerischen Laufbahn 
von Friedrich Gerstäcker, indem er 


140 



die von dessen Mutter eingereichten 
Tagebuchaufzeichnungen aus Ame¬ 
rika publizierte. 1845 übergab Heller 
seine Zeitschrift an George Hesekiel. 
In dem von ihm 1842 gegründeten 
Almanach „Perlen“, der von Reclam 
in Leipzig und später der Friedrich 
Konischen Buchhandlung Nürnberg 
verlegt wurde, publizierte Heller vor¬ 
rangig eigene Novellen. Hier erschie¬ 
nen auch Werke, die sich vermutlich 
auf seinen Erlebnissen in Kindheit 
und Jugend gründeten, so 1845 „Un¬ 
ter Bauern“ und 1847 „Die Erbtochter 
von Lauterbach“. Heller leitete die 
„Perlen“ bis 1848, danach übernahm 
Ludwig Bechstein. Ab 1846 gab Heller 
die „Illustrierte Jugendzeitung“ bei 
Brockhaus & Avenarius heraus. Nach¬ 
dem er sich erfolgreich einen Namen 
als Belletrist erworben hatte, wagte 
Heller 1845 den Versuch, ein Stück 
auf die Theaterbühne zu bringen. 

„Der letzte Wille“ erwies sich aber als 
großer Misserfolg, wobei das Pfeif¬ 
konzert von Gegnern schon vorher 
verabredet worden war. Allerdings 
gab Heller auch selbst zu, dass sein 
Werk technisch nicht den Anforde¬ 
rungen eines Bühnenstücks entspro¬ 
chen hatte, sondern eher romanhaft 
aufgebaut war. 

Hellers Patriotismus trug teilweise na¬ 
tionalistische Züge. Um 1848 gehörte 
er in Leipzig zu den Mitbegründern 
eines antislawischen Vereins, der das 
„deutsche Element“ in Polen, Böh¬ 
men und Mähren stärken wollte, und 
er teilte auch antijüdische Vorurteile. 


Heller war Mitglied der „Deutschen 
Gesellschaft zur Erforschung Vater¬ 
ländischer Sprache und Altertümer 
in Leipzig“. Schon in Leipzig rühmte 
man seine exzellenten Kontakte in 
der Kulturszene. Viele seiner Kollegen 
besuchten ihn und schlossen dabei 
wiederum neue Bekanntschaften. Er 
engagierte sich 1842 für die in Leipzig 
erschienenen „Leipziger Tage und 
Nächte“ des in Not geratenen Gus¬ 
tav Theodor Drobisch und hatte mit 
seiner ersten Frau Kontakt zu dem 
in jenem Jahr nach Leipzig gekom¬ 
menen Eduard Maria Oettinger. 
Heller galt als Lebemann, vor allem 
dem Essen und Trinken zugeneigt, 
der sehr gerne ganze Gesellschaften 
geistreich unterhielt, wie sich Otto 
von Corvin erinnerte. Er trennte sich 
von seiner Frau, weil sie ihm untreu 
war. Statt ihr die juristische Schuld 
am Zerbrechen der Ehe zuzuweisen, 
was für sie erhebliche Folgen gehabt 
hätte, verließ er sie und nahm dafür 
vier Wochen Gefängnis in Kauf, als 
sie ihn verklagte. 

Im Zusammenhang mit der Deut¬ 
schen Revolution 1848/49 folgte 
Heller als Berichterstatter aus der 
Paulskirche dem Abgeordneten Laube 
nach Frankfurt. Er arbeitete dort in 
der Nachfolge von Georg Gottfried 
Gervinus bis 1850 als Redakteur bei 
der „Deutschen Zeitung“. Robert Hel¬ 
ler war der Autor der zunächst ano¬ 
nym erschienenen „Brustbilder aus 
der Paulskirche“. Dieses Werk wurde 
vom Publikum mit großem Interesse 


141 



aufgenommen und stellt heute ein 
bedeutendes Zeitdokument dar. Es 
enthält biografische Umrisse der Mit¬ 
glieder der deutschen konstituieren¬ 
den Nationalversammlung. Das Buch 
schließt mit den Worten: „Der große 
einige Gott verleihe uns seinen Segen 
zu einem einigen Vaterlande.“ Aus 
der Sicht Hellers und seiner liberalen 
Gesinnungsgenossen war damit die 
Einführung einer konstitutionellen 
Monarchie gemeint. Mit der fehlge¬ 
schlagenen Revolution verschwanden 
auch viele der politisch-literarischen 
Magazine, für die Heller so lange 
erfolgreich gearbeitet hatte. 

Nach einer Reise in die Schweiz und 
das Rhein- und Moseltal sowie einer 
kurzen Zwischenstation in Berlin als 
Kammerreferent bei der „Constitutio¬ 
nellen Club-Zeitung“ wechselte Heller 
1851 nach Hamburg. Er arbeitete für 
die „Hamburger Nachrichten“ und 
galt als der führende Literatur-, Thea¬ 
ter- und Musikkritiker der Stadt, sein 
Urteil als „letztes Wort“. Zu Hellers 
weniger bekannten Projekten jener 
Zeit zählt ein Almanach mit Georg 
Gottfried Gervinus, Carl Welcker u. a. 
über „alle weisen Herrscher der Welt“ 
(1854). Heller gehörte 1855 zu den 
Gründern des Hamburger Zweig¬ 
vereins der „Deutschen Schiller-Stif¬ 
tung“. 1859 bearbeitete er ein melo¬ 
dramatisches Festspiel nach Ludwig 
van Beethoven, op. 114, „Die Ruinen 
von Athen“, für den „Philharmoni¬ 
schen Verein Hamburg“ (abgedruckt 
im „Ersten poetischen Beethoven- 


Album“ von Hermann Josef Landau, 
Prag 1872). 1860 beurteilte Heller als 
erster Kritiker wohlwollend Johan¬ 
nes Brahms in dessen Heimatstadt 
Hamburg. Bekannt geworden ist er 
in dieser Zeit aber auch wegen sehr 
harscher Kritiken, beispielsweise an 
den Schauspielern Emil Devrient und 
Bogumil Dawison. 1861 wurde Heller 
nach einer solchen Kritik von Dawi¬ 
son beleidigt, den er daraufhin zum 
Duell forderte, worauf sich Dawison 
aber nicht einließ. Diese Vorkomm¬ 
nisse belasteten das Verhältnis zu 
Karl Gutzkow zusätzlich, der ehemals 
ebenfalls zum Umfeld von Heinrich 
Laube gehört hatte und mit beiden 
Schauspielern befreundet war. Heller 
fand in Hamburg guten Kontakt zur 
Bürgerschaft, war wegen seines Esp¬ 
rits ein gern gesehener Gesellschafter 
und mit den niederdeutschen Dich¬ 
tern und Schriftstellern Fritz Reuter 
und Klaus Groth freundschaftlich 
verbunden. Sein Anliegen, Reuter ins 
Hochdeutsche zu übersetzen, lehnte 
der Autor 1862 jedoch ab. 1865 wurde 
Heller für seine Verdienste um die 
„Deutsche Schiller-Stiftung“ mit dem 
Ritterkreuz 1. Klasse des weimari- 
schen Falkenordens ausgezeichnet. 

Heller gehörte zu den beliebtesten 
Romanschriftstellern des 19. Jahrhun¬ 
derts. Seine Werke, die mehrheitlich 
während der Leipziger Jahre ent¬ 
standen sind, als die Schriftstellerei 
entscheidend zu seinem Lebensun¬ 
terhalt beitragen musste, zeugen von 
einem umfangreichen historischen 


142 



Wissen. Sie waren angesehen wegen 
ihres Spannungs- und Erfindungs¬ 
reichtums sowie ihrer erzählerischen 
Ästhetik und erreichten Leser, die 
sich von Literatur gleichermaßen Un¬ 
terhaltung und Bildung erwarteten. 
Vielfach erschienen sie in mehreren 
Bänden bzw. als Buchserie. In sei¬ 
nem ersten bekannten Roman, „Der 
Wende“ von 1837, erzählte Heller 
aus der Zeit der deutschen Ostsied¬ 
lung die fiktive Liebesgeschichte vom 
Sohn eines sächsischen Markgrafen, 
der in der Gefangenschaft des Wen¬ 
denherzogs Boguslav in der Nähe 
von Bautzen dessen Tochter kennen¬ 
lernte. Im selben Jahr erschien der 
erste Teil einer dreibändigen Novel¬ 
lensammlung. Wiederum stand eine 
Liebesgeschichte vor einem histori¬ 
schen Hintergrund im Mittelpunkt; 
sie handelte von einem Römer und 
einer Jüdin während der „Eroberung 
von Jerusalem“ durch Kaiser Titus. 
„Der Schleichhändler“ von 1838 
behandelte auch Elektoralschafe. In 
Rennersdorf bei Stolpen, zwischen 
Großdrebnitz und Wilschdorf gele¬ 
gen, befand sich zu jener Zeit die von 
Johann Gottfried Nake geleitete 
sächsische Stammzuchtstelle. In „Das 
schwarze Bret“ erinnerte sich Heller 
an sein Studium in Leipzig und die 
Funktion der schwarzen Bretter als 
Informations- und Kommunikati¬ 
onsmittelpunkt. In den „Novellen aus 
dem Süden“ von 1841 verarbeitete 
er seine Italienreise. Es folgte „Eine 
neue Welt“, worin der Autor das 
seinerzeit immer populärer werdende 


Amerika thematisierte. Internatio¬ 
nal bekannt wurde „Der Prinz von 
Oranien“ von 1843 über Wilhelm I. 
von Oranien, den die zeitgenössische 
Kritik als „lebensvolles Gemälde aus 
dem niederländischen Freiheitskrieg“ 
gegen Spanien bezeichnete. Es betraf 
jene Zeit im 16. Jahrhundert, als 
die Familie Stöckhardt Flandern 
verließ und nach Sachsen kam. Der 
Roman „Die Kaiserlichen in Sach¬ 
sen“ von 1845 befasste sich mit dem 
Siebenjährigen Krieg von 1756 bis 
1763. Hervorhebenswert ist, dass erst 
mit Hellers gleichnamigen Roman 
von 1848 das öffentliche Interesse am 
Bauernführer Florian Geyer erwachte. 
1859 schrieb Heller während seiner 
Hamburger Zeit „Das Geheimnis 
der Mutter“, entstanden anlässlich 
eines Besuchs bei Heinrich Laube, 
inzwischen künstlerischer Leiter 
des Burgtheaters in Wien, und der 
österreichischen Aristokratie gewid¬ 
met. In „Hohe Freunde“ (1862), einer 
Novelle aus dem klassischen Weimar, 
schilderte der Autor den positiven 
Einfluss Goethes auf Herzog Carl Au¬ 
gust. Auch dieses Werk beurteilte die 
Kritik seinerzeit sehr wohlwollend. In 
„Primadonna“ (1871) wurde die Zeit 
von Kurfürst Johann Georg III. von 
Sachsen lebendig. Hellers Novellen 
und Erzählungen fanden wiederholt 
Aufnahme in Sammelwerke beliebter 
Autoren. 

In Erinnerung geblieben ist auch 
manche Eigenwilligkeit Hellers. Er 
hatte in Hamburg in zweiter Ehe die 


143 



Patriziertochter Ida von Destinon 
geheiratet. Später lebte er von ihr 
getrennt in einem Hotel zusammen 
mit seinem Kanarienvogel, den er wie 
einen Freund behandelte und des¬ 
sen Tod durch einen Unfall er kaum 
verwinden konnte. Heinrich Laube 
gab im Gedenken an Robert Heller 
dessen „Nachgelassene Erzählun¬ 
gen“ heraus. Hellers Aufzeichnungen 
fanden auch Eingang in Vorarbeiten 
für eine Großdrebnitzer Dorfchronik, 
über die Richard Garbe berichtete. 
Seine sterblichen Überreste wurden 
nach 1900 auf den neuen Friedhof 
in Hamburg-Ohlsdorf überführt. 
Heller fand auf dem Althamburgi¬ 
schen Gedächtnisfriedhof, Sammel¬ 
grab 44 (Dichter und Schriftsteller), 
Stelle 6 die letzte Ruhe. Auf dem 
nachträglich angebrachten Gedenk¬ 
stein ist wie in vielen Biografien das 
falsche Geburtsjahr 1814 vermerkt, 
in manchen Quellen wird sogar 1813 
angegeben. Nach den Eintragungen 
im Großdrebnitzer Taufbuch trifft 
aber 1812 zu, 1814 wurde sein Bruder 
Woldemar Heller geboren. Damit 
korrespondieren auch ein Eintrag 
im Immatrikulationsverzeichnis der 
Universität Leipzig und ein Eintrag zu 
Woldemar Heller in einem Schulbuch 
des Lehrerseminars zu Dresden- 
Friedrichstadt, welcher für jenen das 
Geburtsjahr 1814 ausweist. Die Ursa¬ 
che der Verwechslung von 1812 und 
1814 ist nicht geklärt. Die Angabe 
1814 findet sich auch bei Autoren, die 
in Kontakt mit Robert Heller standen, 
wie die Herausgeber eines Schrift¬ 


stellerlexikons für Hamburg im Jahre 
1857. 


Quellen: Tauf- und Traubücher der Martinskirche 
Großdrebnitz; Kneschke: „Robert Heller“ Allge¬ 
meine Deutsche Biographie, Bd. 11, S. 695-697; 
Universität Innsbruck, Institut für Germanistik, 
„Projekt Historischer Roman“, 1991-1997; Bruno 
Barthel: „Altes und Neues aus Groß- und Klein¬ 
drebnitz“ Friedrich May Bischofswerda, 1907; 
Richard Garbe: „Vorarbeiten für eine Dorfchronik 
von Großdrebnitz“ Unsere Heimat, Beilage zum 
Sächsischen Erzähler, 11.4./18.4.1938; Universi¬ 
tätsbibliothek Hamburg, Schriftensammlung; J.P. 
Jordan, J.E. Schmaler: „Jahrbücher für slawische 
Literatur, Kunst, Wissenschaft“. Leipzig und 
Bautzen, 1848; Antje Gerlach: „Deutsche Literatur 
im Schweizer Exil“. Arnold Hückstädt: „Fritz 
Reuter im Urteil der Literaturkritik seiner Zeit“. 
Hinstorff, 1983; Margrit Arnscheidt: „Wandlungen 
in der Auffassung des deutschen Bauernkriegs“. 
1976; Friedrich Hirth: „Johann Peter Lyser: Der 
Dichter, Maler, Musiker“. G. Müller, 1911; Julius 
Elias, u. a.: „Jahresberichte für neuere deutsche 
Literaturgeschichte“. G.J. Göschensche Verlags¬ 
handlung, B. Behrs Verlag, 1893; Percy Ernst 
Schramm: „Hamburg, Deutschland und die Welt: 
Leistung und Grenzen“. Callwey, 1943; Ernst 
Gotthelf Gersdorf: „Repertorium der gesammten 
Deutschen Literatur“. F.A. Brockhaus, 1837; Julius 
Stettenheim: „Heitere Erinnerungen“. S. Fischer, 
Berlin, 1896; Max Kalbeck: „Johannes Brahms“. Bd. 
2, 3. AufL, Deutsche Brahms-Gesellschaft Berlin, 
1912; Berliner Revue, Bd. 16, Verlag R. Heini- 
cke, 1859; Feodor Wehl: „Zeit und Menschen“. 
Tagebuch 1863-1884; Alfred Meissner: „Geschichte 
meines Lebens“. Prochaska, 1884; „Die Inspekti¬ 
onen Großenhain, Bischofswerda und Radeberg“ 
Sachsens Kirchen-Galerie, Bd. 7; www.geni.com; 
Neue Berliner Musikzeitung, 19.3.1856; Dresdner 
Adressbücher; Helmut Schoenfeld, Mitteilungen 
2013; Leipziger Adressbücher; Hamburger Adress¬ 
bücher; stolpe-am-see.de; Otto von Corvin: „Ein 
Leben voller Abenteuer“. Frankfurter Societaets- 
Druckerei, 1924; Mittheilungen der Deutschen Ge¬ 
sellschaft zur Erforschung vaterländischer Sprache 
und Alterthümer in Leipzig, 1844; Franz Brümmer: 
„Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten 
vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegen¬ 
wart“. Bd. 3. 6. Aufl. Leipzig, 1913; Lexikon der 
hamburgischen Schriftsteller bis zur Gegenwart. 
Perthes, 1857; Matrikelbücher Universität Leipzig 


144 



Bibliografie (Auswahl) 


„Gedanken über H. Heines romantische Schule“, in: „Der Komet“, Beilage, Nr. 48, 
1835 

„Bruchstücke aus den Papieren eines wandernden Schneidergesellen“, 1836, Dro- 
bisch Leipzig 

„Der Wende“, Erzählung, 1837, 226 S., Drobisch Leipzig 

„Novellen“, 1837-1840, 3 Bände, u. a. „Die Eroberung von Jerusalem“, „Der Treu¬ 
lose“, „Der Bettler“, „Der Finkensteller“, Arnold Leipzig und Dresden 
„Alhambra“, spanische Novellen, 1838, Altenburg, Verl. H.A. Pierer 
„Der Schleichhändler“, Roman, 1838, 2 Bände, Altenburg, Verl. H.A. Pierer 
„Das Schwarze Bret“, 1838, 2 Bände, S. 268+242, Altenburg, Verl. H.A. Pierer 
„Eine Sommerreise“, 1840, Reclam Leipzig 

„Novellen aus dem Süden“, 1841-1843, 3 Bände, Altenburg, Verl. H.A. Pierer 

„Eine neue Welt“, 1843, 2 Bände, Altenburg, Verl. H.A. Pierer 

„Der Prinz von Oranien“, historischer Roman, 1843, 3 Bände, S. 298+321+340, 

Reichenbach Leipzig, Meyer Amsterdam 1846 

„Das Erdbeben von Caracas“, Novelle, 1844 

„Der Schwarze Peter“, Roman, 1844, 2 Bände 

„Der letzte Wille“, Lustspiel in 5 Aufzügen, Leipzig, Tauchnitz, 1845, 56 S. 

„Die Kaiserlichen in Sachsen“, historischer Roman, 1845, 2 Bände, S. 297+348, 
Reichenbach Leipzig 

„Der Albanese“, um 1845, 2 Bände, Reclam Leipzig, in: Wohlfeile 
Unterhaltungsbibliothek für die gebildete Lesewelt 

„Eine Steppenreise“, romantische Erzählung, 1846, Reclam Leipzig, in: Wohlfeile 
Unterhaltungsbibliothek für die gebildete Lesewelt 

„Sieben Winterabende“, Novellen und Erzählungen, 1846, 2 Bände, Wigand Leip¬ 
zig 

„Schillers Mutter“, Vortrag im Schillerhaus Leipzig, 1846 

„Kyselak. Eine Unsterblichkeit des 19. Jahrhunderts“, in: Sächsischer Volkskalen¬ 
der auf das Jahr 1847 

„Florian Geyer“, Roman, 1848, 3 Bände, S. 398+340+376, Wigand Leipzig 
„Brustbilder aus der Paulskirche“, 1849, 2 Bände, Mayer Leipzig 
„Der Reichspostreiter in Ludwigsburg“, historische Novelle, 1857, Meidinger 
Frankfurt/M., Band 1 von Ausgewählte Erzählungen 

„Das Geheimnis der Mutter“, 1859, Meidinger Frankfurt/M., Band 2 von Ausge¬ 
wählte Erzählungen 

„Hohe Freunde“, Novelle, 1862, 304 S., Thomas Leipzig, Band 3 von Ausgewählte 
Erzählungen 

„Posenschrapers Ihilde“, historischer Roman, 1863, Thomas Leipzig 
„Primadonna“, historischer Roman, 1871, 2 Bände, S. 304+284, Janke Berlin 


145 




Schule und Kirche Großdrebnitz nach einer Zeichnung von Johann Fried¬ 
rich Wilhelm Wegener aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wolde- 
mar Hellers Vater lehrte an der Großdrebnitzer Schule von 1811 bis 1823. 
Die Taufpaten des Sohnes waren Friedrich Leberecht Fritsche (Pfarrer), 
Clara Maria Jacobi (Witwe des Waldheimer (?) Stadtrichters Johann Gott¬ 
helf Jacobi) und Traugott Chrysostomus Stäber (Kantor in Neustadt). 
Lizenz: Deutsche Fotothek, CC BY-SA 4.0 


Quellen: Marie Wieck: „Aus dem Kreise Wieck-Schumann“. Zahn & Jaensch Dresden, 1914; 
Cathleen Köckritz: „Friedrich Wieck: Studien zur Biographie und zur Klavierpädagogik“. 
Studien und Materialien zur Musikwissenschaft, Bd. 44, Olms 2007; Robert Schumann, Erich 
Valentin: Zeitschrift für Musik, G. Bosse, 1840, 1853; Louis Kindscher: Niederrheinische Musik- 
Zeitung für Kunstfreunde und Künstler, 1855, 1856; Rheinische Musik-Zeitung für Kunstfreun¬ 
de und Künstler, 1855; Allgemeine Schulzeitung, Diehl 1836; Neue Berliner Musikzeitung, 19. 
März 1856; Kirchenarchiv Großdrebnitz; Didaskalia: Blätter für Geist, Gemüth und Publizität, 
Bd. 16, 1856; Allgemeine musikalische Zeitung, Bd. 42, 1840; Neue Zeitschrift für Musik, Bd. 
10-11, 1839; Adressbücher der Stadt Dresden; Karl Otto Meyer: „Entwickelung einiger ellip¬ 
tischen Funktionen“. Blochmann 1847; Friedrich Wieck: „Klavier und Gesang: Didaktisches 
und Polemisches“. Alamire 1853; Ute Bär: „Eine Pianistin im Schatten Clara Schumanns?“ Die 
Tonkunst, 2007, Nr. 1, S. 52-54; Christian Traugott Otto: „Die Schule und das Schullehrer-Se¬ 
minar zu Dresden-Friedrichstadt 1785-1835“. Adolf Kohut: „Friedrich Wieck: ein Lebens- und 
Künstlerbild“ C. Piersson, 1888 



Heller, Woldemar 


Musiklehrer, Pianist und Komponist 
24.11.1814 Großdrebnitz - 18.02.1856 Dresden 

V: August Wilhelm (*1786 in Roßwein als Sohn des Lehrers an der Mädchenschule Johann 
Christoph Heller, 11838 Wilschdorf), 1808 Absolvent des Lehrerseminars in Dresden-Fried¬ 
richstadt, Lehrer in Großdrebnitz und Wilschdorf; M: Johanne Christiane Friederike geb. 
Schmidt (* in Dresden, Tochter des Händlers Carl Schmidt, t Februar 1856 Dresden); G: Robert 
(*24.11.1812 Großdrebnitz, 17.5.1871 Hamburg, Dr., Schriftsteller und Journalist in Leipzig, 
Frankfurt/M. und Hamburg), Julius (*14.7.1816 Großdrebnitz), Minna (*17.11.1822 Großdreb¬ 
nitz, verh. Fiala) 


Die Familie Heller war bis 1823 
in Großdrebnitz ansässig und zog 
danach in das nahe Wilschdorf. 
Woldemar Heller absolvierte von 
1832 bis 1836 das Lehrerseminar in 
Dresden-Friedrichstadt unter Christi¬ 
an Traugott Otto. Der spätere Hofor¬ 
ganist und Johannes PACHE-Lehrer 
Theodor Berthold gehörte zu seinen 
Mitschülern. Ein von Heller kompo¬ 
nierter Wechselgesang wurde von den 
Schülern anlässlich der Abgangsfeier 
vorgetragen. In Leipzig nahm Hel¬ 
ler danach Unterricht bei Friedrich 
Wieck. Der führte ein Leihinstitut für 
Musikalien und Pianofortes und lehr¬ 
te Klavierspiel. Seine Tochter Clara 
war Wiecks berühmteste Schülerin. 
Woldemars Bruder Robert Heller 
begann seinerzeit in Leipzig eine 
Karriere als Schriftsteller. Woldemar 
Hellers frühe Kompositionen wur¬ 
den im Winterhalbjahr 1839/1840 in 
Leipzig im Musikverein Euterpe auf¬ 
geführt. Die Allgemeine musikalische 
Zeitung schrieb darüber: „der Kom¬ 
ponist der Ouvertüre ist uns gänzlich 
unbekannt, seine Komposizion soll 


jedoch nicht ohne Talent sein und 
schon ziemlich viel Geschick in Be¬ 
handlung und Ausführung des Stoffs 
zeigen“, und die Zeitschrift für Musik 
unter dem Chefredakteur Robert 
Schumann lobte in Hellers Kompo¬ 
sitionen „gesunde Natürlichkeit und 
freundlichen Sinn“. Zwischenzeitlich 
war Heller vermutlich Lehrer am 
Großherzoglichen Fräulein- Institut 
der Amalie Jung in Mannheim. 

Seit seinem Zuzug um 1840 gehörte 
Heller zu den führenden Klavierleh¬ 
rern Dresdens. Er unterrichtete von 
1841 bis 1848 als freier Mitarbeiter 
an der Schule von Karl Justus Bloch¬ 
mann, wo der Maler Ernst Ferdinand 
Oehme zu seinen Kollegen gehörte, 
sowie als Privatlehrer unter anderem 
von Marie Wieck, einer Halbschwes¬ 
ter der berühmten Clara Wieck-Schu¬ 
mann, die ebenfalls Pianistin wurde. 
1843 debütierte Marie bei einem Kon¬ 
zert von Clara in Dresden, 1844 gab 
sie ihr Solodebüt in Bischofswerda. 
Auch Bernhard Rollfuß, später Besit¬ 
zer einer Dresdner Musikschule, und 


147 




Das Friedrich-Wieck-Haus in 
Loschwitz war nach dem Zuzug der 
Familie Wieck ab 1840 ein Zentrum 
des gesellschaftlichen Lebens in 
Dresden. Auch Woldemar Heller ge¬ 
hörte zu den regelmäßigen Gästen. 

die Gesangspädagogin Emma Seiler- 
Diruf gehörten zu Hellers Schülern. 
Woldemar Heller stand seinem Lehrer 
Friedrich Wieck sehr nahe und zählte 
in Dresden zu dessen Freundeskreis. 
Aktuelle und ehemalige Schüler 
kamen im Hause Wieck zusammen, 
um Musik zu hören und darüber zu 
diskutieren. Marie Wieck erinnerte 
sich: „Da wir jedoch zu Hause ein 
echtes Kunstleben führten, war ein 
fortwährendes Reisen nicht nach 
meinem Sinn. Schüler gingen ein 
und aus. Abends saß gewöhnlich in 
jeder Ecke irgendein spitzbübischer 
junger Mann, der die Urteile und 
Belehrungen von Wiecks Munde 
ablas. Wieck ließ Vorspielen, machte 
dabei Bemerkungen über Anschlag 
und Ausdruck... Natürlich hatten 
diejenigen, die sich später hervorta¬ 


ten, besonderen Unterricht bei Wieck 
gehabt. Zu nennen wären: Woldemar 
Heller, einer der ersten Klavierleh¬ 
rer Dresdens...“ Ebenfalls zu diesem 
Kreis gehörten der Oderwitzer Gustav 
Merkel (Organist der Dresdner 
Hofkirche), Isidor Seiss (Professor am 
Konservatorium Köln), Hans von Bü- 
low (Hofkapellmeister in München), 
der Musikdirektor Friedrich Reichel, 
der Friedrich Schneider-Schüler Fritz 
Spindler und Karl Riccius (Chordi¬ 
rektor vom Hoftheater). 

Ab 1853 veröffentlichte Heller einige 
Kompositionen bei renommierten 
Musikverlagen. Die Zeitschrift für 
Musik schrieb 1853 über „Deux 
Nocturnes pour Piano“: „Die beiden 
Nocturno's sind ansprechende Salon¬ 
stücke, die für die tüchtige Technik 
des Componisten sprechen, der mit 
diesem ersten Werke in anständiger 
Weise vor die Öffentlichkeit tritt und 
für weitere derartige Arbeiten zu er¬ 
freulichen Hoffnungen berechtigt.“ 
1855 erschienen bei Breitkopf & Här¬ 
tel in Leipzig „Walzer, quasi Mazurka, 
für Pianoforte“ (op. 4), „Tarantelle 
in A-Moll“ (op. 5), „Jagdszene, ein 
Clavierstück“ (op. 6) und „Tarantelle 
in D-Moll“ (op. 7). In der Rheini¬ 
schen Musik-Zeitung hieß es dazu: 
„Diese Compositionen sind sämmt- 
lich hübsch, klar, mitunter sogar ganz 
originell und zeichnen sich vor so 
vielen neuen Erscheinungen auch 
durch ihre leicht in die Finger fal¬ 
lende Schreibart sehr vorteilhaft aus. 
Wir dürfen dieselben allen Pianisten 


148 


als recht dankbar empfehlen.“ Hellers 
Lehrer Friedrich Wieck hatte zu¬ 
nächst nach dem System von Johann 
Bernhard Logier unterrichtet, das er 
jedoch schließlich mit einer eigenen 
Methode ersetzte. Sie bestand in einer 
natürlichen Haltung der Hand, in der 
Ausbildung des Handgelenks und in 
von Wieck erfundenen, sehr einfa¬ 
chen Fingerübungen sowie einer nach 
und nach sich an Kraft steigernden 
Fingergelenkigkeit. Wieck schrieb 
dazu: „Auch der erfahrenste Künst¬ 
ler bleibt immer ein Schüler und das 
Lehren der Kunst insbesondere ist ein 
tägliches Lernen.“ Seine Grundsätze 
gab er an seine Schüler weiter. Neben 
seinen beiden Töchtern Clara und 
Marie hob er Woldemar Heller und 
Ernst Ferdinand Wenzel hervor, die 
seine Lehren mit Leben erfüllten. Mit 
Heller plante er das Buch „Kleine, 
rhythmisch abgeschlossene Übungen“. 
Es sollte den Lesern „einen guten, 
technischen Anschlag, ohne Noten¬ 
gebrauch“ lehren. Vermutlich ist es zu 
diesem Buch wegen des frühen Todes 
Hellers nicht mehr gekommen. 

Heller wohnte bis 1856 mit seiner 
Mutter, die kurz vor ihm starb, in 
der Dresdner Amalienstraße 2. Die 
Berliner Musikzeitung erinnerte an 
ihn: „Ein talentvoller Tonkünstler 
und Komponist hübscher Salonstü¬ 
cke.“ Die Didaskalia: Blätter für Geist, 
Gemüth und Publizität in Frankfurt/ 
Main lobten an Hellers Kompositio¬ 
nen die „Frische ihrer Melodie und 
Vornehmheit des Styles“. 



Louis Kindscher, Niederrheinische 
Musik-Zeitung für Kunstfreunde 
und Künstler, 29.3.1856, S. 103-104, 
zu op. 7, „Tarantelle in D-Moll“: 
„dass es noth thut, mit der Ein¬ 
fachheit und gesunden Natur der 
Outrirt- und Blasirtheit, der allge¬ 
meinen Unnatur und dem grossen 
Nichts der modernen Salon-Roman¬ 
tik entweder den Rücken zuzukeh¬ 
ren oder - wie der oben erwähnte 
D-Moll-Accord - kühn und trotzig 
die Spitze zu bieten.“ (s. Abb.) Zu 
op. 4 hieß es: „Die Melodien sind im 
Ganzen ansprechend und zugleich 
in ihrer Verbindung wohl geordnet, 
so dass dadurch das Interesse immer 
rege erhalten wird.“, und zu op. 5: 
„Die Melodie hat eigenthümlichen 
Reiz durch unerwartete pikante 
Wendungen, die aber doch zugleich 
so im Fluss, so natürlich erscheinen, 
dass man fast vermuthen möchte, 
der Componist habe sie wirklich auf 
italischem Boden abgelauscht.“ 


149 




Walther Hempel: Ein weiteres Porträt, von Carl Bantzer gemalt, befindet 
sich in der Gemäldegalerie Neue Meister Dresden. 






Hempel, Walther Matthias 


Professor, Chemiker, Rektor der Technischen Hochschule Dresden 
05.05.1851 Pulsnitz - 01.12.1916 Dresden 

V: Eduard (1810, f4.12.1872 Dresden), Kaufmann; M: Marie Wilhelmine geb. Jauch (1826-1888), 
Dresdner Kaufmannstochter aus einer Pulsnitzer Bandhändlerfamilie; G: Georg Eduard (*17.4.1847 
Pulsnitz, fll. 10.1904 Ohorn, Stadtverordnetenvorsteher in Pulsnitz, Landtags- und Reichstagsabge¬ 
ordneter der Deutschkonservativen Partei, bedeutender Kakteensammler, Vizepräsident der Handels¬ 
kammer Zittau), Johannes Wilhelm (1849-1865), Carl Constantin (1853-1911); E: 1883 Louisa Delia 
geb. Monks (*5.11.1848 Boston, f9.12.1939), Tochter eines irischstämmigen Geschäftsmanns und 
der Malerin Delia Smith Hatton (zuletzt in Dresden), Schwester von George Howard Monks (1883 
Erfinder von Halma, Medizinprofessor in Harvard) und des Malers Robert Hatton Monks (beide 
in den 1880er Jahren in Europa, darunter in Dresden bzw. Paris); K: Robert (1883-1959), Eberhard 
(*30.7.1886 Dresden, fl6.9.1967 Dresden, Kunsthistoriker, Professor in Graz und Dresden), Elisabeth 
Susanne (1888-1969, Übersetzerin), Georg Arthur (1893-1914) 

Hempel lebte mit seinen Eltern ab 
1853 in Dresden, wo die Familie 
die Grundstücke Ammonstraße 3/4 
besaß. Im Haus Nr. 4 wohnte bis zu 
seinem Tod 1861 Ernst Rietschel. 

Hempel besuchte in Dresden die 
Annenschule und legte 1867 das 
Abitur ab. Danach studierte er bis 
1870 Chemie am Dresdner Polytech¬ 
nikum bei Hugo Fleck. Am Deutsch- 
Französischen Krieg nahm Hempel 
als Freiwilliger in einem Artillerie¬ 
regiment teil, mit dem er sich an der 
Belagerung von Paris beteiligte. Nach 
dem Krieg setzte er sein Studium in 
Berlin fort. Hempel zog abweichend 
vom damaligen Trend die anorga¬ 
nische Chemie der organischen vor. 

Von 1872 bis 1873 studierte er in 
Heidelberg bei Robert Bunsen, bei 
dem er auch promovierte. 

1873 kehrte Hempel nach Dresden 
zurück, wo er an der chemischen 
Zentralstelle für öffentliche Gesund¬ 
heitspflege bei Hugo Fleck als Assis- 



Die erste Bandweberei in Pulsnitz 
wurde 1767 von Walthers Urgro߬ 
vater Christoph Hempel gegründet. 
Dessen Witwe und ihr Sohn Fried¬ 
rich August Hempel sen. führten die 
Fabrik unter dem Namen „Chris¬ 
toph Hempels Witwe und Sohn“ 
weiter. Walthers Vater Eduard zog 
sich früh aus dem Familiengeschäft 
zurück und baute in der Dresd¬ 
ner Ammonstraße drei Häuser. 

Die Pulsnitzer Fabrik wurde von 
Walthers Onkel Friedrich August 
Hempel jun., später von Walthers 
Bruder Georg geführt. Sie war im 
19. Jahrhundert das erfolgreichste 
Unternehmen der Stadt. Die Fabrik¬ 
gebäude wurden 1997 abgerissen. 


151 





tent arbeitete und 1874 der Naturwis¬ 
senschaftlichen Gesellschaft ISIS und 
1875 der Gesellschaft für Natur- und 
Heilkunde beitrat. Ab 1876 arbeitete 
er als Assistent von Rudolf Schmitt 
am Polytechnikum. Zwei Jahre später 
habilitierte Hempel sich mit einer 
Arbeit „Über technische Gasanaly¬ 
se“. Schon hier wurde deutlich, dass 
er die wissenschaftlichen Untersu¬ 
chungen eng am praktischen Bedarf 
ausrichtete. In der rasch wachsenden 
chemischen Industrie seiner Zeit 
wurden große Mengen Gase erzeugt 
bzw. verbraucht, ohne dass geeignete 
Analysemöglichkeiten zur Verfügung 
standen. Mit konstruktivem Geschick 
und ausgezeichneten Fertigkeiten im 
Glasblasen ausgestattet, entwickelte 
Hempel eine Gasbürette und eine 
Gaspipette, mit deren Hilfe Gasgemi¬ 
sche schnell, einfach und sehr präzise 
analysiert werden konnten. Diese 
Technologie begründete Hempels 
weltweiten Ruf und wurde von ihm 
in den Folgejahren kontinuierlich 
weiterentwickelt. 1879 erhielt er in 
der Nachfolge von Wilhelm Stein die 
Berufung zum außerordentlichen und 
1880 zum ordentlichen Professor für 
„Technische Chemie“ am Polytech¬ 
nikum. Der damalige Rektor, Gustav 
Anton Zeuner, erfüllte zudem seine 
Forderung nach einer Trennung 
von organischer und anorganischer 
Chemie und berief ihn zum Leiter 
des „Laboratoriums für Anorganische 
und Analytische Chemie“. Hempel 
unternahm erste Reisen nach England 
und die USA, wo er in Boston seine 


spätere Ehefrau kennen lernte. Auch 
dank Hempel genoss die Chemie an 
der 1890 zur Hochschule erhobenen 
TH Dresden einen ausgezeichneten 
Ruf. Als Schmitt 1891 die Wahl zum 
Rektor nicht annahm, übernahm 
Hempel dieses Amt. 1892 und 1902 
wurde er für zwei weitere Amtsperi¬ 
oden gewählt. Unter seiner Leitung 
erfuhr die chemische Ausbildung eine 
große Aufwertung, indem einzel¬ 
ne Teilbereiche eigene Professuren 
erhielten. Fritz Foerster war sein 
bekanntester Schüler. Hempel gilt 
heute als ein Pionier der technischen 
Gasanalyse. Er hat die Grundlagen 
technisch-chemischer Prozesse aufge¬ 
klärt. Die von Hempel gelebte Einheit 
von Wissenschaft und Praxis vermit¬ 
telte er auch an seine Studenten, mit 
denen er regelmäßig Exkursionen in 
Industriebetriebe unternahm. Bei der 
Chemischen Fabrik v. Heyden gehörte 
er dem Aufsichtsrat an. Hempel 
bereitete das chemische Wissen für 
Probleme des Alltags auf. So arbeitete 
er schon damals an der Erhöhung 
der Energieeffizienz von Heizungen 
und an der Verminderung der dabei 
entstehenden Rauchbelastung. Zu¬ 
dem untersuchte er Nahrungsmittel. 
In seinem Laboratorium erforschten 
Julius Lehmann und Walther Hes¬ 
se die Haltbarmachung von Milch. 
Hempel nutzte die Ergebnisse, um auf 
dem Familienbesitz in Ohorn keim¬ 
freie „Ohornmilch“ zu produzieren. 
Auch nach seiner Pensionierung im 
Jahre 1912 hielt er noch Vorlesungen 
über „Metallurgie“ und über „che- 


152 




Die Besitzer des Rittergutes Ohorn waren einstmals die „Herren von Puls¬ 
nitz“. 1828 kaufte Walthers Großvater Friedrich August Hempel sen. das 
Anwesen. Anschließend befand es sich im Besitz von Walthers Onkel Guido 
und von 1895 bis 1904 im Besitz seines Bruders Georg. Von 1939 bis 1945 
war Walther Hempels Sohn Eberhard der Besitzer. Jener erlebte hier den 
Bombenangriff auf Dresden. Sein Institut an der TH Dresden und das vom 
Vater geerbte Haus Altenzeller Straße 44 wurden in dieser Nacht zerstört. 


mische Großindustrie“. 1913 unter¬ 
nahm er mit seinem Sohn Eberhard 
Hempel eine Reise zum Stromboli, 
um die Geologie und vulkanische 
Gase zu untersuchen. Während des 
Ersten Weltkriegs vertrat Hempel 
zum Militärdienst einberufene Kol¬ 
legen. Zuletzt widmete er sich der 
Luftschifffahrt. Für seine Verdienste 
wurde Hempel vielfach geehrt. Die 
Leopoldina berief ihn 1888 zum 
Mitglied und er war Mitglied der 
Königlich Sächsischen Gesellschaft 
der Wissenschaften und ab 1912 
Vizepräsident der Deutschen Chemi¬ 
schen Gesellschaft. Die Universitäten 


Karlsruhe und Leipzig ernannten ihn 
zum Ehrendoktor und er trug den 
Titel „Geheimer Hofrat“. In Dresden, 
Leverkusen und Pulsnitz sind Straßen 
nach Hempel benannt. 

Quellen: F. Foerster: „Walther Hempel t“ Zt. für 
Angewandte Chemie, Nr. 1, 1917, S. 1-12; Johannes 
Deichmüller: Sitzungsberichte und Abhandlungen 
Isis, 1917; Walther Fischer: „Hempel, Walther Mat¬ 
thias“ Neue Deutsche Biographie, 1969, S. 513-514; 
„Walther Hempel, Geheimer Rat und Professor in 
Dresden, zum Gedächtnis“. Zahn & Jaensch, Dres¬ 
den, 1916; Heiner Hegewald: „Zur Entwicklung der 
Technischen Chemie im 19. Jahrhundert unter be¬ 
sonderer Berücksichtigung der Chemikerausbildung 
an der Technischen Hochschule Dresden und ihren 
Vorgängereinrichtungen“ Dissertation, Halle, 2005; 
ohorn.info; ma.findacase.com; americanancestors. 
org; wiki.olgdw.de; pulsnitz.de; Portal biorab 


153 




Paul Hermann als Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung 
(1848, Foto von Hermann Biow). 


Hermann, Paul 


Dr. jur., Rittergutsbesitzer, Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung 
17.04.1809 Dresden - 17.08.1862 Weidlitz 

V: Friedrich Wilhelm (*1774, tll.4.1822 Dresden), Ratssyndikus und Bürgermeister (1816— 
1822, während der Stadtentfestigung durch Gottlob Friedrich Thormeyer) in Dresden, 

Sohn des Dresdner Kammerassistenzrats Johann Zacharias Hermann, Nachfahre von Hans 
Hermann, Handelsherr und Mitglied des großen Rats in Nürnberg, sowie der Bürgermeister von 
Torgau Paul Hermann (t27.4.1704) und Johann Zacharias Hermann (t 1735); M: Charlotte Wil¬ 
helmine geh. Kuhn aus Freiberg; E: 14.10.1839, Julie geh. von Weidenbach (*20.9.1811 Augsburg, 
123.5.1888 Weidlitz); K: Paul Friedrich (19.7.1847-1917, Dr., Erbe von Weidlitz und Pannewitz, 
verh. mit Therese geb. Roscher) 


Hermann absolvierte trotz des frühen 
Todes des Vaters die Kreuzschule in 
Dresden und legte 1827 das Abitur 
ab. Danach studierte er Rechts¬ 
wissenschaften an der Universität 
Leipzig und Kameral- und Staatswis¬ 
senschaften in Berlin. 1830, im Jahr 
seiner Volljährigkeit, erhielt er die 
Rittergüter Weidlitz und Pannewitz, 
die Hermann zunächst verpachtete. 
1832 kehrte er als Rechtspraktikant 
nach Dresden zurück und arbeitete 
im Zentralkomitee des Vereins für 
Statistik des Königreichs Sachsen. Die 
Aufgabe des Vereins bestand darin, 
mit statistischen Erhebungen zur Be¬ 
völkerung und Wirtschaft die Regie¬ 
rung zu unterstützen. Unter Leitung 
von Finanzminister Heinrich Anton 
von Zeschau arbeitete Hermann hier 
beispielsweise mit Johann Gott¬ 
fried Nake zusammen. Nach seiner 
Promotion 1835 in Leipzig über das 
sächsische „Gesetz über Zusammen¬ 
legung der Grundstücke“ (vom 14. 
Juni 1834) ließ er sich in Dresden als 
Anwalt nieder. 


Nach großen Gebietsverlusten infolge 
der napoleonischen Kriege musste 
Sachsen im 19. Jahrhundert dringend 
seine landwirtschaftliche Produkti¬ 
on steigern. Ab 1836 beteiligte sich 
Hermann unter Leitung von Julius 
Gottlob von Nostitz und Jänken- 
dorf an der Umgestaltung der sächsi¬ 
schen Landwirtschaft. Er war bis 1837 
Assessor bei der Generalkommission 
für Ablösungen und Gemeinheits¬ 
teilungen, der auch Heinrich Au¬ 
gust Blochmann als ökonomischer 
Rat angehörte, danach juristischer 
Spezialablösungskommissar. 

1841 übernahm Hermann die Be¬ 
wirtschaftung seiner Rittergüter. Er 
ließ in Weidlitz das neue Herrenhaus 
errichten und den umgebenden Park 
erweitern. In Pannewitz wurde der 
Wirtschaftshof ausgebaut. 

Auch in der Oberlausitz setzte sich 
Hermann für Fortschritte in der 
Landwirtschaft ein. Er leitete ab 1843 
den landwirtschaftlichen Bezirks- 


155 




Das Rittergut Weidlitz befand sich 
von 1816 bis 1945 im Besitz der 
Familie Hermann. Der bekannteste 
Vorbesitzer war ab 1746 Kabinetts¬ 
minister Heinrich von Brühl. 1749 
verkaufte er Weidlitz an den Kur¬ 
fürstlich Sächsischen Hof- und Justi- 
zienkanzlei-Sekretär Friedrich Phi¬ 
lipp Lingke (*1713 Dresden), einen 
Urgroßvater von Paul Hermann. 
Nach Lingkes Tod 1783 blieben 
Weidlitz und Pannewitz im Besitz 
seiner Kinder. Als letztes starb am 
20.5.1816 seine Tochter Christiane 
Friederike (*16.8.1741 Dresden), 
verheiratet mit dem Kurfürstlich 
Sächsischen Kammerassistenzrat 
und Obersalzinspektor Johann Za¬ 
charias Hermann (tl802), die ihre 
Besitzungen ihrem Sohn vererbte, 
dem Vater von Paul Hermann. Im 
Zusammenhang mit der Schlacht 
von Bautzen 1813 kam es in Weid¬ 
litz zu erheblichen Verwüstungen. 

verein Bautzen und den Zweigverein 
„Am Schwarzwasser“ Ab 1849 stand 
Hermann dem Oberlausitzer Kreis¬ 
verein vor, sein Stellvertreter war 
Ernst Theodor Stöckhardt. 


Vom 18. Mai bis 22. September 1848 
vertrat Hermann den Wahlkreis 
Bautzen in der Frankfurter National¬ 
versammlung. Er gehörte der einfluss¬ 
reichen, nationalliberalen Fraktion 
„Casino“ vom rechten Zentrum an, 
die sich für eine konstitutionelle 
Monarchie einsetzte, eine Einheit 
Deutschlands mit föderalen Befugnis¬ 
sen befürwortete und gegen „Anar¬ 
chie“ auftrat. 

Um die verfügbaren Fördermittel ef¬ 
fektiv einzusetzen, wurden in Sachsen 
neue Organisationsstrukturen in der 
Landwirtschaft benötigt. Ansprech¬ 
partner der Regierung war ab 1850 
der neu gegründete Landeskulturrat. 
Das Gründungsmitglied Hermann 
hatte hier bis 1856 den stellvertreten¬ 
den Vorsitz unter Wilhelm Crusius 
von der Leipziger Oekonomischen 
Societät inne. Zuständiger Regie¬ 
rungskommissar war Theodor Reun- 
ing, Vortragender Rat im Innenminis¬ 
terium. Als ordentliches Mitglied und 
zuständig für Wissenschaft gehörte 
auch Julius Adolph Stöckhardt dem 
Landeskultur rat an. 

Um Wissenschaft und Praxis enger zu 
verzahnen, wurden landwirtschaft¬ 
liche Versuchsstationen gegründet. 
Sachsen spielte dabei eine führende 
Rolle. Die 1852 in Leipzig-Möckern 
unter Mitwirkung des Landeskultur¬ 
rates gegründete Versuchsstation war 
deutschlandweit die erste Einrichtung 
ihrer Art. Nach den Erkenntnis¬ 
sen von Justus von Liebig stand die 


156 



Agrikulturchemie im Mittelpunkt. 
Hermann beteiligte sich im Landes¬ 
kulturrat an der Koordinierung der 
regionalen Landwirtschaftsvereine 
und organisierte über die Kreisverei¬ 
ne den Wissenstransfer in die land¬ 
wirtschaftliche Produktion. König 
Friedrich August II. verlieh ihm am 
7. Juni 1852 für Verdienste um die 
Landwirtschaft das Ritterkreuz des 
Albrechtsordens. 

Dem sächsischen Landtag gehörte 
Hermann, seit 1842 Stellvertreter, ab 

1853 an. Einer seiner Abgeordneten¬ 
kollegen war Eduard Gottlob von 
Nostitz und Jänkendorf. 

1854 schlug Theodor Reuning dem 
hiesigen Kreisverein vor, auch in der 
Oberlausitz eine landwirtschaftliche 
Versuchsstation einzurichten. Nach¬ 
dem das Innenministerium Bautzen 
als Standort abgelehnt hatte, stellte 
Hermann 1857 sein Rittergut Weidlitz 
zur Verfügung. Als wissenschaftli¬ 
cher Leiter wurde Julius Lehmann 
gewonnen. Hermann stand dem Ku¬ 
ratorium vor. Mit dem Ziel, Landwirt¬ 
schaft und Naturwissenschaften zu 
verbinden, gründeten die Weidlitzer 
Hermann und Lehmann zusammen 
mit Wissenschaftlern aus Möckern, 
Tharandt und Chemnitz, darunter 
Ernst Theodor Stöckhardt, 1858 
die renommierte Zeitschrift „Die 
Landwirtschaftlichen Versuchs- 
Stationen“. Bis 1860 gehörte Hermann 
mit Theodor Reuning und Julius 
Adolph Stöckhardt dem Direktorium 


des „Aktienvereins zur Veredlung der 
Viehzucht“ an. Der auf sechs Jahre 
befristete Vertrag mit der Versuchs¬ 
station Weidlitz sollte um weitere 
sechs Jahre verlängert werden, als 
Hermann 1862 starb. Er wurde in der 
Familiengrabstätte auf dem Friedens¬ 
berg nahe der Verbindungsstraße von 
Weidlitz nach Pannewitz beigesetzt. 

Im Herrenhaus Weidlitz befand sich 
eine größere Zahl wertvoller Gemäl¬ 
de, darunter Porträts von Hermanns 
Urgroßvater Friedrich Philipp Lingke, 
seiner Großmutter Christiane Frie¬ 
derike Hermann und seinem Vater 
Friedrich Wilhelm Hermann. Die 
Bilder kamen nach 1945 in den Besitz 
der Staatlichen Kunstsammlungen 
Dresden und des Museums Bautzen 
und wurden 2010 restituiert. 

Quellen: Gustav Adolf Poenicke: „Album 
der Rittergüter und Schlösser im Königreiche 
Sachsen“. 1859; Robert Heller: „Brustbilder 
aus der Paulskirche“. Mayer Leipzig, 1849; 
www.zhsf.uni-koeln.de; Heinrich Gerd Dade: 
„Die deutsche Landwirtschaft unter Kaiser 
Wilhelm II.“ Bd. 2, C. Marhold, 1913; Die 
Landwirtschaftlichen Versuchs-Stationen, 
Schönfeld, 1859; Annalen der Landwirtschaft 
in den Königlich Preußischen Staaten, Bd. 
33-34, Wiegandt u. Hempel, 1859; Dresdner 
Adreß-Kalender, 1837; Schöne: „Die Sächsi¬ 
sche Landwirtschaft“. 1925; Mittheilungen des 
Statistischen Vereins für das Königreich Sach¬ 
sen, 1833; Cornelius Gurlitt: „Weidlitz“. Be¬ 
schreibende Darstellung der älteren Bau- und 
Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen, Bd. 
32, 1908; Heinz Kurz: „Roscher, Wilhelm Ge¬ 
org Friedrich“. In: Neue Deutsche Biographie, 
Bd. 22, Duncker & Humblot, Berlin 2005, S. 
39-41; Georg Müller: „Paul Hermann“. In: 
Sächsische Lebensbilder, Bd. 1, 1930 


157 




Friedrich Hesse: Erstes deutsches Zahnärztliches Institut vor 125 Jahren in 
Leipzig begründet. Pressemitteilung der Universität Leipzig, 22.04.2009, 
erschienen beim Informationsdienst Wissenschaft, http://idw-online.de 


Hesse, Friedrich Ludwig (Louis) 

Professor, Zahnmediziner in Leipzig 
07.12.1849 Bischofswerda - 22.10.1906 Leipzig 


V: Friedrich Wilhelm (*15.6.1817 Großröhrsdorf, tl.12.1897 Oberlößnitz), Dr. med., prak¬ 
tizierte in Bischofswerda, Bezirksarzt in Zittau; M: Auguste Louise geh. Großmann (*1824, 
123.1.1885), Tochter des Tuchfabrikbesitzers Christian Gottlob Großmann; G: 5 Brüder und 6 
Schwestern, darunter Hermann (*1844 Bischofswerda, nach Amerika ausgewandert), Richard 
(*13.9.1845 Bischofswerda, 123.1.1913 Radebeul, Dr. med., Arzt in Brooklyn, Kurarzt in Schwei¬ 
zermühle, Badearzt in Rosenthal, um 1900 leitender Arzt am Genesungsheim Fiedler- und 
Augustushaus Oberlößnitz), Walther (*27.12.1846 Bischofswerda, 119.7.1911 Dresden, Dr. med., 
Hygieniker und Bakteriologe), Marie (2.12.1852-15.10.1934, verh. mit Wilhelm August Schrä¬ 
der), Georg (*1865 Bischofswerda, 11931 Dresden, Direktor einer privaten chirurgischen Klinik 
in Dresden), zwei Geschwister verstarben früh; E: Mai 1883, Agnes geb. Thiersch (1863-1954, 
Tochter des Leipziger Universitätsrektors Carl Thiersch und Enkelin des Justus von Liebig); K: 
Johanna verh. Long (*28.2.1885 Leipzig, 111.3.1976 Leipzig, Mutter des Silbermedaillengewin¬ 
ners im Weitsprung Berlin 1936, Luz Long), Richard (*12.3.1886 Leipzig, 121.5.1958 Friedrichs¬ 
hafen, Dr. med. dent.), Agnes verh. Leclercq (*18.10.1888 Leipzig, 130.1.1973 Dresden), Karl 
(*16.1.1890 Leipzig, 110.9.1967 Löbau, Dr. med.), Kurt (*13.9.1894 Leipzig, 14.9.1914 Stra߬ 
burg), Fritz (*19.7.1897 Leipzig, 126.12.1980 Mainz, Professor der Chirurgie Saarbrücken) 


Hesses Vater praktizierte fast drei 
Jahrzehnte als Arzt in Bischofswerda. 
Ab 1859 betrieb er am Stadtrand ein 
Heim, in dem schwächliche Kinder 
Gesundheitsbetreuung und Schul¬ 
unterricht erhielten. Das Ehepaar 
Hesse hatte auch viele eigene Kinder. 
Zusammen mit seiner Frau, einer 
Tochter aus der bekannten Tuchma¬ 
cherdynastie Großmann, legte der Va¬ 
ter großen Wert auf eine gründliche 
Schulausbildung - mit bemerkens¬ 
wertem Erfolg. Vier Söhne wurden 
Mediziner, drei Töchter erhielten eine 
Lehrerinnenausbildung am Freimau¬ 
rerinstitut für Töchter in Dresden. 

Es war von der Loge zum „Goldenen 
Apfel“ gegründet worden. Vater Hesse 
war ab 1857 Mitglied der Dresdner 
Loge „Zu den drei Schwertern und 
Asträa zu grünenden Raute“. 


Friedrich Hesse besuchte zunächst die 
Stadtschule Bischofswerda, wurde zu¬ 
hause unterrichtet und wechselte mit 
13 Jahren auf die Kreuzschule Dres¬ 
den. 1868 begann er - wie schon seine 
Brüder Richard und Walther zuvor - 
ein Medizinstudium an der Universi¬ 
tät Leipzig. Er unterbrach es, um 1870 
als Einjährig-Freiwilliger während 
des Deutsch-Französischen Krie¬ 
ges in die Armee einzutreten. Nach 
dem Krieg setzte Hesse bei Christian 
Wilhelm Braune das Studium fort 
und erhielt nach seiner Approbation 
1873 bei Wilhelm His eine Anstel¬ 
lung als Assistent am Anatomischen 
Institut. 1874 promovierte Hesse bei 
Professor His mit Untersuchungen 
„Ueber die Muskeln der menschlichen 
Zunge“. 1875 wurde er zum Prosek¬ 
tor ernannt. Hesse erhoffte sich von 


159 



der anatomischen Ausbildung, breit 
anwendbares Grundlagenwissen zu 
erwerben, v. a. im Hinblick auf eine 
angestrebte Chirurgenlaufbahn. 
Neben Braune und His gehörte auch 
der berühmte Physiologe Carl Ludwig 
zu seinen Förderern. Mit ihm führte 
er u. a. Experimente zur Mechanik 
der Herzbewegung durch. In einem 
Brief an den Bruder Walther Hesse 
schrieb Ludwig später, dass Friedrich 
Hesse unzweifelhaft die Befähigung 
zu einem Professor der Anatomie 
habe, er ihn aber trotzdem unter¬ 
stützt, diese Laufbahn zugunsten der 
eines Zahnarztes aufzugeben. Das 
Jahr 1877 markierte den Höhepunkt 
der anatomischen Laufbahn Hesses. 
Er habilitierte sich zum Privatdozen¬ 
ten und unternahm eine Studienreise 
nach Paris zu Louis-Antoin Ranvier, 
bei dem er ein Vierteljahr am College 
de France arbeitete, und nach Stra߬ 
burg zu Heinrich Wilhelm Waldeyer. 
1879 erhielt Hesse eine Studienreise 
in die USA. Mit Hilfe seines Bruders 
Richard, Arzt in Brooklyn, knüpfte er 
Kontakte zu amerikanischen Zahn¬ 
medizinern. Besonders beeindruckte 
ihn das seinerzeit unvergleichlich 
reichhaltig ausgestattete Medical 
Department der Pennsylvanischen 
Universität. Er beschloss, sich der 
Zahnheilkunde zuzuwenden. In 
Abstimmung mit His und Ludwig 
entwickelte er Pläne für einen wis¬ 
senschaftlichen Zahnheilkundeun¬ 
terricht in Deutschland. 1880/1881 
nahm Hesse mit Förderung durch die 
Albrechtstiftung unter Carl Thiersch 


einen zweijährigen Studienurlaub 
am New Yorker Dental College, wo 
er 1881 das Examen ablegte. Um 
den Aufenthalt zu finanzieren und 
Mittel für seine berufliche Zukunft zu 
erwerben, betrieb er im Hause seines 
Bruders eine Zahnarztpraxis. Die 
Kombination von in Leipzig erworbe¬ 
nen naturwissenschaftlichen Grund¬ 
lagen und Ausbildung an neuesten 
technischen Einrichtungen und Ma¬ 
terialien in den USA sollte sich später 
als entscheidende Voraussetzung für 
seine Karriere als Zahnmediziner 
erweisen. Hesse eröffnete im Februar 
1882 eine erfolgreiche Zahnarztpraxis 
in Leipzig. Bei Dr. Klare bestand er im 
selben Jahr die deutsche zahnärztliche 
Prüfung. 

Im Mai des Jahres 1883 heiratete 
Hesse Agnes Thiersch. Sein Schwie¬ 
gervater war der bekannte Leipziger 
Chirurg Carl Thiersch (seit 1876 
Universitätsrektor), dessen Vater 
wiederum, Friedrich Thiersch, ein 
bekannter Philologe. Die Schwie¬ 
germutter, Johanna Thiersch, war 
die Zweitälteste Tochter des Justus 
von Liebig, eines der bedeutendsten 
deutschen Chemiker überhaupt. 

Zu Hesses Schwägern gehörten der 
protestantische Theologe und Kir¬ 
chenhistoriker Adolf von Harnack 
und der Historiker und Politiker Hans 
Delbrück. Carl Thiersch zählte neben 
Braune, His und Ludwig zu den 
wichtigsten Befürwortern der Ein¬ 
richtung einer Lehrstätte für Zahn¬ 
ärzte in Leipzig. Im Jahre 1883 erhielt 


160 



Hesse den Auftrag des Königlichen 
Ministeriums zur Konzeption von 
Status und Etat eines Zahnärztlichen 
Instituts an der Universität Leipzig. 

Es sollte sich - nach amerikanischem 
Vorbild - finanziell teilweise selbst 
tragen. Am 16. Oktober 1884 wurde 
es in Leipzig, Goethestraße 5, als ers¬ 
tes derartiges Institut in Deutschland 
eröffnet. Die Gründung war auch 
dank Pfarrer Friedrich Adolph Huth 
möglich geworden, der dafür in sei¬ 
nem Testament 15000 Mark gestiftet 
hatte. Hesse, seit dem 28. April 1884 
außerordentlicher Professor, wurde 
zum Leiter des Instituts berufen. Das 
Institut hatte anfänglich nur 7 Stu¬ 
denten. Es erhielt zwar Fördermittel, 
befand sich aber nicht in direkter 
staatlicher Trägerschaff. Zu seinen 
Patienten zählten vorwiegend Arbei¬ 
ter und Gewerbetreibende, die durch 
Studierende für geringes Entgelt bzw. 
kostenfrei behandelt wurden. Trotz 
vieler Probleme im Vorfeld war Hesse 
Leipzig treu geblieben, obwohl ihm 
inzwischen ein ehrenvolles Angebot 
als Gründungsdirektor eines Berliner 
Zahnärztlichen Instituts Vorgelegen 
hatte. Hesse orientierte auf Zahner¬ 
haltung und Kariesprophylaxe anstel¬ 
le einer reinen Extraktionstherapie. 
Erstmals in Deutschland erhielten ab 
1886 Mitglieder einer Ortskranken¬ 
kasse konservierende Behandlungen. 
Hesse bemühte sich sachsenweit um 
die Kariesprophylaxe an Schulen und 
den Schutz der Patienten vor über¬ 
höhten Honorarforderungen. Schon 
1891 wurden in Chemnitz kostenlose 


Zahnuntersuchungen für Volksschü¬ 
ler eingeführt. Dieses soziale Engage¬ 
ment führte zu Auseinandersetzun¬ 
gen mit den Krankenkassen um die 
Übernahme der Kosten und belastete 
die Wirtschaftlichkeit seiner Zahn¬ 
klinik. Hesse legte den Schwerpunkt 
auf Ausbildung (universitäre Anbin¬ 
dung) sowie auf praktische Tätigkeit. 
Für eigene wissenschaftliche Arbeit 
blieb wenig Raum. Er vertrat das 
(damals bereits unübliche) Prin¬ 
zip eines einheitlichen Unterrichts, 
wonach der gesamte Unterricht der 
Person des Direktors unterstand. 1898 
erfolgte die vollständige Übernahme 
durch die Universität. Hesse wurde 
als erster Lehrstuhlinhaber berufen. 
Steigende Studentenzahlen und die 
Notwendigkeit wissenschaftlicher 
Fundierung, aber auch zu geringe 
Eigenfinanzierung hatten diesen 
Schritt erforderlich gemacht. Hesse 
war von 1890 bis 1906 Vorsitzender 
des „Zahnärztlichen Vereins für das 
Königreich Sachsen“, von 1891 bis 
1900 erster Vorsitzender des „Zen¬ 
tralvereins Deutscher Zahnärzte“ und 
Mitglied des Exekutivkomitees der 
„Federation Dentaire Internationale“. 
Die Konkurrenzsituation zwischen 
verschiedenen die Zähne behandeln¬ 
den Berufsgruppen führte zu hefti¬ 
gen Standesauseinandersetzungen, 
in denen sich Hesse besonders aktiv 
engagierte. Jahrelang vergebliche, 
leidenschaftliche Bemühungen um 
die Gleichstellung der Zahnheilkunde 
mit der übrigen Medizin sowie ein 
Gerichtsstreit mit „Spezialärzten für 


161 



Zahn- und Mundkrankheiten“ ohne 
zahnärztliche Approbation zehrten an 
seiner Gesundheit. Die universitären 
und staatlichen Stellen gewährten 
ihm dabei nur wenig Unterstützung. 
Hesse wurde depressiv und gab seine 
Privatpraxis auf. Am 22. Oktober 
1906 wählte er den Freitod. 

Hesse erwarb sich große Verdienste 
um eine optimale theoretische und 
praktische Ausbildung und um die 
zahnärztliche Versorgung der Be¬ 
völkerung. 1906 hatte das Leipziger 
Institut bereits 44 Studierende. Zu 
Lebzeiten wurde er mit Ehrenmit- 
gliedschaften des Zentralvereins 
Deutscher Zahnärzte, der Leipziger 
Zahnärztlichen Gesellschaft, des Ver¬ 
eins für Mitteldeutschland und des 
Vereins Österreichischer Zahnärzte 
gewürdigt. Nach seinem Tod setzte 
die Verwirklichung seiner Ziele ein: 

1909 erfolgte die Einführung einer 
neuen Prüfungsordnung mit dem 
Abitur als Vorbedingung für die Auf¬ 
nahme des Zahnheilkundestudiums, 

1910 die Einrichtung eines großzü¬ 
gigen Zahnärztlichen Instituts in der 
Nürnberger Straße und 1919 erhiel¬ 
ten die Zahnmediziner ein eigenes 
Promotionsrecht. Das Vermächtnis 
Hesses wurde in Leipzig von Theo¬ 
dor Dependorf und Wilhelm PfafF 
fortgeschrieben. Drei seiner Söhne 
schlugen eine medizinische Laufbahn 
ein, einer davon als Zahnarzt. In Jena 
wirkte Gustav Hesse, ein Sohn von 
Walther Hesse, von 1907 bis 1945 
als Direktor des Zahnärztlichen Ins¬ 


tituts in der Tradition seines Onkels 
und konnte 1921 die Anerkennung 
als Universitätsinstitut erreichen. 

Seit 1994 erinnert ein zweij ähnliches 
wissenschaftliches Friedrich-Hesse- 
Symposium für Studenten und junge 
Wissenschaftler an der Poliklinik für 
Konservierende Zahnheilkunde der 
Universität Leipzig an seine bedeu¬ 
tenden Leistungen. Aus Anlass des 
125. Jahrestages der Gründung der 
Universitäts-Zahnklinik wurde im 
Jahre 2009 beschlossen, das „Zent¬ 
rum für Orale Medizin“ nach Fried¬ 
rich Louis Hesse zu benennen. Die 
Arbeiten der Autoren zu den Brüdern 
Hesse im Biographischen Lexikon der 
Oberlausitz seit 2007, zu Walther 
Hesse auch in der Wikipedia und im 
Stadtwiki Dresden, wurden seither 
viele 1000 Mal gelesen und haben so 
die Erinnerung an die vergessenen 
Söhne Bischofswerdas geweckt. Im 
Jahre 2012 widmete ihnen der lokale 
Geschichtsverein an ihrem ehemali¬ 
gen Wohnhaus eine Erinnerungstafel. 

Hesses Geburtshaus in Bischofswer¬ 
da (2. v. 1., Abb. rechts) mit Gondel¬ 
teich und Fronfeste. 

Quellen: Hannelore Schwann: „Friedrich Louis 
Hesse (1849-1906)“. J. A. Barth, Leipzig, 1984; Klaus 
Kroszewsky: „Friedrich Louis Hesse: zum 100. To¬ 
destag am 22. Oktober 2006“. In: Jubiläen, Leipzig, 
2006, S. 143-148; Paul Schwarze: „Ein Gedenkblatt 
für Friedrich Louis Hesse“. Deutsche Monatsschrift 
für Zahnheilkunde, H. 12,1906, S. 695-700; Marie 
Agnes Möbius (Kleinröhrsdorf, Enkelin von Hesse) 
und Dr. Dieter Möbius, Mitteilungen; Universität 
Leipzig, Pressemitteilungen; Gerold Rüdiger He- 
ckert: „Odontologie im numismatischen Spiegel. Ein 
Beitrag zur Geschichte der Zahnheilkunde“ Inaug.- 
Diss., Justus-Liebig-Universität Gießen, 2006 


162 




163 













Es 







Hesse, Walther 

Dr. med., Bakteriologe und Hygieniker 
27.12.1846 Bischofswerda - 19.07.1911 Dresden 


V: Friedrich Wilhelm (*15.6.1817 Großröhrsdorf, tl.12.1897 Oberlößnitz), Dr. med., praktischer 
Arzt in Bischofswerda und Bezirksarzt in Zittau; M: Auguste Louise geh. Großmann (*1824, 
123.1.1885), Tochter des Bischofswerdaer Tuchfabrikbesitzers Christian Gottlob Großmann; G: 5 
Brüder und 6 Schwestern, Hermann (*1844 Bischofswerda, Kaufmann, nach Amerika ausgewan¬ 
dert), Richard (*13.9.1845 Bischofswerda, 123.1.1913 Radebeul, Dr. med. 1869 in Leipzig, Arzt 
in Brooklyn, Long Island College Hospital, St. Marys Hospital für Frauen, Kurarzt in Schweizer¬ 
mühle, ab 1885 Badearzt in Rosenthal, um 1900 leitender Arzt am Genesungsheim Fiedler- und 
Augustushaus Oberlößnitz, verh. mit Ida geb. Cassebeer aus Hastings-On-The-Hudson, New 
York), Elise, Friedrich Louis (*7.12.1849 Bischofswerda, 122.10.1906 Leipzig, Professor und 
Gründer der Universitätszahnklinik Leipzig), Anna, Marie (2.12.1852-15.10.1934, verh. mit Wil¬ 
helm August Schräder), Hulda, Ida, Emma (1 mit sechs Monaten), Georg (1 mit zwei Wochen), 
Georg (*1865 Bischofswerda, 11931 Dresden, Direktor einer privaten chirurgischen Klinik in 
Dresden); E: 16.5.1874 Genf, Fanny Angelina geb. Eilshemius (*22.6.1850 New York, 11.12.1934 
Dresden); K: Friedrich Henry (9.2.1875-3.8.1960, Dr. med., Orthopäde und Chirurg, Chefarzt 
des Waldsanatoriums Blasewitz), Gustav (*24.12.1876 Schwarzenberg, 11.4.1945, Professor, 
Direktor der Universitätszahnklinik Jena), Walter (*25.3.1879 Schwarzenberg) 


Die medizinische Berufslaufbahn hat¬ 
te bei den Hesses Tradition. Der Va¬ 
ter, Friedrich Wilhelm Hesse, ließ sich 
1842 als praktischer Arzt in Bischofs¬ 
werda nieder, wo er von 1845 bis 1846 
die Arbeiter am Bau der Sächsisch- 
Schlesischen Eisenbahntrasse be¬ 
treute. Von 1871 bis 1892 amtierte er 
als Bezirksarzt in Zittau. Hesse sen. 
stammte ursprünglich aus Großröhrs¬ 
dorf, wo wiederum sein Vater „kleine 
Chirurgie“ praktiziert und ein Gro߬ 
vater als Wundarzt gearbeitet hatten. 
Friedrich Wilhelm Hesse war der ers¬ 
te akademisch ausgebildete Mediziner 
seiner Familie. Er stand am Anfang 
einer bedeutenden Ärztedynastie, so 
gründete Friedrich Louis Hesse, 
ein Bruder Walthers, die Universitäts- 
Zahnklinik Leipzig. 


Walther Hesses Eltern hatten 1843 
geheiratet. Die Praxis des Vaters war 
aber zunächst wirtschaftlich nicht 
sehr erfolgreich und auch die Eltern 
der Mutter konnten aus den Erträgen 
ihrer Tuchfabrik kaum Hilfe leisten. 
Erst mit der Betreuung des Eisen¬ 
bahnbaus besserte sich die Lage. Die 
Familie wohnte Ende der 1840er Jahre 
mit drei Söhnen und einer Tochter 
mietfrei in einem Haus der Schwie¬ 
gereltern. 1849 kaufte der Vater ein 
Haus mit Garten am damaligen Stadt¬ 
rand, weil er hoffte, dass seine Kinder 
hier gesünder aufwachsen würden. 

Ein Angebot des Schwiegervaters, den 
jüngsten Sohn, Walther, in Pflege zu 
nehmen, wurde abgelehnt. Zusam¬ 
men mit den Söhnen des Superinten¬ 
denten Heinrich August Lehmann 
erhielten die Jungen Privatunterricht. 


165 




Blick entlang der historischen Stadtgrenze von Bischofswerda zum heuti¬ 
gen Stadtbad: Links zu sehen ist die Silhouette der Fronfeste am ehemali¬ 
gen Dresdner Tor. Rechts im Bild befindet sich das Wohnhaus der Familie 
Hesse. Es wurde von Hesses Vater 1849 einschließlich Garten erworben und 
1859 als Heim für schwächliche Kinder eingerichtet. 


Später besuchte Walther die Kreuz¬ 
schule in Dresden. Die drei Schwes¬ 
tern Elise, Marie und Ida wurden am 
Freimaurer-Institut für Töchter in 
Dresden zu Lehrerinnen ausgebildet. 
Es war von der Loge „Zum goldenen 
Apfel“ gegründet worden. Der Vater 
Hesse gehörte seit 1857 der Freimau¬ 
rer-Loge „Zu den drei Schwertern 
und Asträa zu grünenden Raute“ in 
Dresden als Mitglied an, später in 
Zittau der Loge „Friedrich August zu 
den 3 Zirkeln“. 

Walther Hesse ging 1866 wie sein 
älterer Bruder Richard und zwei Jahre 
später der jüngere Bruder Friedrich 
Louis zum Medizinstudium an die 
Universität Leipzig. Er meldete sich 
1867 freiwillig zum einjährigen Mi¬ 
litärdienst und promovierte 1870 am 
Pathologischen Institut bei Professor 


Ernst L. Wagner. Hesse nahm 1870/71 
als Feldassistenzarzt am Deutsch- 
Französischen Krieg teil, darunter an 
den Schlachten um Gravelotte und 
St. Privat. Hier begann sein soziales 
Engagement. Hesse kritisierte die me¬ 
dizinische Versorgung der Truppen, 
die hygienischen Bedingungen und 
machte Verbesserungsvorschläge. Das 
aktive Eintreten für soziale Fragen 
blieb charakteristisch für sein weiteres 
Berufsleben. Die erste international 
bekannte Arbeit war ein Ergebnis 
seiner Tätigkeit als Schiffsarzt auf der 
New York - Linie. Professor Gavingel 
aus Le Havre bezeichnete Hesses Er¬ 
kenntnisse zur Seekrankheit als erste 
wissenschaftliche Arbeit zu dieser 
Thematik überhaupt, die „Zittauer 
Medizinische Gesellschaft“ zeichnete 
ihn dafür aus. Nach einer Assistenz 
an der Heil- und Pflegeanstalt Pirna 


166 


arbeitete Hesse von 1874 bis 1877 als 
praktischer Arzt in Zittau. Zusam¬ 
men mit seinem Vater, dem dortigen 
Bezirksarzt, bemühte er sich um die 
Schaffung gesunder Lernbedingungen 
für Schüler, z. B. durch systematisches 
Lüften von Schulräumen. 1874 trat 
Hesse der Dresdner Freimaurer-Loge 
„Zum goldenen Apfel“ bei. 

Hesse hatte seine spätere Ehefrau, 
Angelina Eilshemius, 1872 in New 
York kennen gelernt, als er seinen 
Bruder Richard besuchte und dieser 
ihn in die Eilshemius-Familie ein¬ 
führte. Sein späterer Schwiegervater, 
Henry Gottfried Eilshemius, war ein 
wohlhabender Kaufmann holländi¬ 
scher Abstammung und 1842 von 
Emden in die USA eingewandert. 
Dessen Ehefrau, Cecile Elise (*1824) 
aus Lugano, war schweizerisch¬ 
französischer Abstammung aus der 
Familie des Malers Leopold Robert 
(vermutlich dessen Cousine, ande¬ 
re Quellen sprechen von Tochter 
und Vater). Im Alter von 15 Jahren 
wurde Angelina auf eine Schule in die 
Schweiz geschickt. Als sie mit ihren 
Eltern erneut Europa besuchte, kam 
sie nicht nur in die Schweiz, sondern 
auch nach Dresden, wo sie Walther 
wiedertraf. Die Hochzeit fand 1874 in 
der Schweiz statt. Gleichzeitig heira¬ 
tete ihre Schwester Cecilie Eugenie 
einen Neffen des schweizerisch-ame¬ 
rikanischen Zoologen und Paläon¬ 
tologen Louis Agassiz. Die künstle¬ 
risch talentierte Angelina war in den 
Folgejahren nicht nur Hausfrau und 



Hesse arbeitete eng mit seiner Frau 
Fanny Angelina zusammen. Das Au¬ 
genmerk galt vorrangig den Infek¬ 
tionskrankheiten. Rasch wachsende 
Bevölkerungszahlen in den Städten 
und eine unzureichende Wasserver- 
und Abwasserentsorgung waren im 
19. Jahrhundert mitverantwortlich 
für die bedrohliche Zunahme von 
Infektionen. Die Hesses haben we¬ 
sentliche Beiträge zum Verständnis 
ihrer mikrobiologischen Grundla¬ 
gen und mit Arbeiten zur Hygiene 
zu ihrer Bekämpfung geleistet. 

Mutter, sondern stand Walther z. B. 
auch mit äußerst präzisen Zeichnun¬ 
gen zur Seite. Neben Angelina wurde 
v. a. ihr Bruder Louis Eilshemius als 
Maler bekannt. Mehrere Familienmit- 


167 



Verlag von Friedrich Yieweg nnd Sohn in Braanschweig. 

(Zn beziehen darch jede Bnohhandlung.) 

Tabellen zur Reduction eines Gasvolnmens 

auf 0° Temperatur und 760 mm Luftdruck 

nach ' 

Dr. med. Walter Hesse, 

Königlicher Bezirksarzt in Schwarzenberg 1. S. 

gr. 4. geh. Preis 3 Mark. 


Anzeige des Verlags Friedrich Vieweg und Sohn in der Jenaer Literaturzei¬ 
tung Nr. 34, 1879. 


glieder waren zeitweise in Dresden 
ansässig. Louis besuchte die Realschu¬ 
le, sein Bruder Fritz Emil studierte 
bis 1879 an der TH und ihr Vater war 
wie Edmund Friedrich Mitglied im 
Dresdner Verein für Erdkunde unter 
dem Vorsitz von Sophus Rüge. 

Als Bezirksarzt in Schwarzenberg 
von 1877 bis 1890 war Hesse für 
83 Gemeinden verantwortlich. Um 
seine Kenntnisse in der Arbeits- und 
Umwelthygiene zu vertiefen, nahm 
er sich 1878/79 einen Studienurlaub 
bei Max von Pettenkofer in München. 
Hesses Weiterentwicklung von Pet- 
tenkofers Methode zur quantitativen 
Bestimmung des Kohlendioxidge¬ 
halts der Luft fand später Aufnahme 
im Übersichtswerk „Gasanalytische 
Methoden“ von Walther Hempel. 

In Schwarzenberg lernte Hesse die 
Schattenseiten des Bergbaus kennen. 
Er untersuchte mit dem Bergarzt 
Friedrich Hugo Härting die „Schnee¬ 
berger Bergkrankheit“. Bei durch¬ 


schnittlich 650 beschäftigten Bergleu¬ 
ten waren 150 an dieser Krankheit im 
Zeitraum von 1869 bis 1877 gestor¬ 
ben. Chronische Lungenerkrankun¬ 
gen bei Bergleuten kannte man schon 
seit dem späten 15. Jahrhundert, 1567 
wurden sie erstmals von Paracelsus 
beschrieben, der zunächst unter dem 
Begriff „Bergsucht“ unterschiedli¬ 
che Krankheiten zusammenfasste. 

Im Schneeberger Revier erkrank¬ 
ten sehr häufig junge Bergleute, die 
nach wenigen Monaten oder Jahren 
starben. Für dieses Krankheitsbild 
wurde der Begriff „Schneeberger 
Bergkrankheit“ geprägt. Mithilfe von 
Sektionen erkannten Hesse, selbst 
ausgebildeter Pathologe, und Härting 
die Bergkrankheit als Lungenkrebs. 

Es war das erste Mal, dass eine innere 
Krebserkrankung auf berufsbeding¬ 
te äußere Einflüsse zurückgeführt 
wurde. Aufgrund fehlender Kennt¬ 
nisse zur Radioaktivität nahm man 
damals an, dass Arsen die wesentliche 
Krankheitsursache sei. Hesse war im 


168 



Rahmen der Zusammenarbeit mit 
Harting für die Untersuchung der Ar¬ 
beitsbedingungen in den Bergwerken 
zuständig. Während seiner Tätigkeit 
im Erzgebirge wandte er sich aktiv 
gegen die miserablen Arbeits- und 
Lebensbedingungen der einfachen 
Leute. Sein besonderes Augenmerk 
galt der Luftquabtät, insbesondere 
der Belastung mit Kohlendioxid und 
Staub. In den Steinkohlebergwerken 
des Zwickauer Reviers analysierte 
Hesse die klimatischen Verhältnisse. 
Er unterbreitete Verbesserungsvor¬ 
schläge, um die damals noch zur 
Arbeit herangezogenen Kinder besser 
zu schützen. 

In seiner ärztlichen Berufspraxis war 
bei Hesse die Überzeugung gewach¬ 
sen, dass Bakterien die Ursache vieler 
Erkrankungen sein könnten. Bald 
wurde die Bakteriologie zu seinem 
Arbeitsschwerpunkt. International 
zählen Hesse und seine Ehefrau heute 
zu den Wegbereitern der modernen 
Mikrobiologie. 1881/82 nahm er sich 
während der Schwarzenberger Zeit 
einen Forschungsurlaub am „Kaiser¬ 
lichen Gesundheitsamt“ bei Robert 
Koch. Die Einführung fester Nährbö¬ 
den für Bakterienkulturen in Kochs 
Labor gilt als Geburtsstunde der mo¬ 
dernen Mikrobiologie. In Flüssigkul¬ 
turen lassen sich Bakterienarten nicht 
zuverlässig genug trennen. Die von 
Koch zunächst als Nährbodenverfes- 
tiger verwendete Gelatine wies jedoch 
prinzipielle Nachteile auf: Nährböden 
auf Gelatinebasis verflüssigen sich üb- 



Rote Blutkörperchen auf Agar-Agar, 
links mit Staphylokokken infiziert, 
rechts mit Streptokokken. Blutagar 
ist als Nährboden von Bedeutung 
für die Diagnostik von Bakterien, 
die rote Blutkörperchen durch Hä¬ 
molyse zersetzen, wie z. B. Mala¬ 
riaerreger. Quelle: National Cancer 
Institute der USA, Bill Branson, Wi- 
kimedia Commons, Public Domain. 

licherweise schon bei Temperaturen 
über 28° - viele Bakterienstämme be¬ 
nötigen aber ca. 37° für ein optimales 
Wachstum. Außerdem können viele 
Bakterien Gelatine verwerten. Hesse 
informierte Koch über eine bahnbre¬ 
chende Idee seiner Ehefrau. Angelina 
kannte für ihre Puddings und Gelees 
Rezepte, bei denen die für Gelatine 
bekannten Probleme nicht auftraten 
- sie hatte sie noch in New York von 
einem holländischen Immigranten 
aus Java erhalten. Das aus Meeralgen 
gewonnene Agar-Agar geliert nach 
einmaligem Aufkochen beim Ab¬ 
kühlen unter 44° und wird auch bei 
erneuter Erwärmung nicht wieder 
flüssig. Zudem sind die meisten Bak¬ 
terien nicht in der Lage, die Polysac¬ 
charide des Agar zu verwerten. Die 


169 



Substrate konnten damit sterilisiert 
und Bakterienkulturen auch über 
lange Zeit reproduzierbar untersucht 
werden. Robert Koch zitierte in 
seiner berühmten und später seinen 
Nobelpreis mitbegründenden Rede 
„Die Ätiologie der Tuberkulose“ von 
1882 zur erstmaligen Identifikation 
des Tuberkulosebakteriums gelierte 
und speziell präparierte Blutseren 
als Nährböden und erwähnte Agar 
nur am Rande, die Hesses gar nicht. 
Agar-Agar erwies sich aber seitdem 
als so erfolgreich, dass es aus der 
Bakteriologie nicht mehr wegzuden¬ 
ken ist. Die Ideengeberin blieb lange 
unbekannt. 

Es ist das Hauptverdienst der Hesses, 
Agar in die bakteriologische Praxis 
eingeführt zu haben. Von seiner Frau 
unterstützt, setzte Walther Hesse die 
Forschungen auf diesem Gebiet auch 
in den Folgejahren in Schwarzenberg 
fort. Dabei gelten v. a. seine Beiträge 



Hesses Villa in Dresden-Strehlen, 
Julius-Otto-Straße 11. 


zur quantitativen Bestimmung der 
bakteriellen Belastung von Fuft und 
Wasser, aber auch zu Infektionskrank¬ 
heiten wie Typhus und Cholera als 
bedeutsam. 1885 verfasste er gemein¬ 
sam mit seinem Bruder Richard, 
inzwischen Kur- und Badearzt in 
Schweizermühle bzw. Rosenthal, die 
Schrift „Über Züchtung der Bacillen 
des malignen Oedems“ 

1890 wurde Hesse als Bezirksarzt 
nach Dresden-Strehlen berufen. Zu 
seinem Verantwortungsgebiet ge¬ 
hörten in den Folgejahren mehrere 
Amtsgerichtsbezirke bis Tharandt und 
Radeberg. Ihre Söhne schickten die 
Hesses auf das Vitzthum-Gymnasium 
(vgl. Artikel zu Julius Fehmann). 
Hesse erwarb sich auch in Dresden 
große Verdienste um die moder¬ 
ne Hygiene und hat weiter zu den 
Grundlagen der Bakteriologie beige¬ 
tragen. Er führte Desinfektionsver¬ 
fahren ein und förderte das Impfwe¬ 
sen. Seine Erfahrungen aus der Praxis 
publizierte er vielfach in angesehenen 
wissenschaftlichen Zeitschriften und 
er hielt Vorträge vor der „Gesellschaft 
für Natur- und Heilkunde zu Dres¬ 
den“. Hesse blieb gegenüber Neuerun¬ 
gen stets aufgeschlossen und über¬ 
nahm rasch die Petrischale, um die 
Bakterien nicht in, sondern auf Agar 
zu ziehen. Besonders den Kindern 
und ihren Krankheiten galt seine Auf¬ 
merksamkeit. Er schrieb: „Unter den 
Krankheiten, die heben und Gesund¬ 
heit der Säuglinge bedrohen, nehmen 
die Erkrankungen des Verdauungsap- 


170 


Bibliografie 

„Ueber das Verhalten des Epithels beim acuten Katarrh des Darmcanals: auf Grund im pathologisch¬ 
anatomischen Laboratorium des Herrn Prof. Dr. Wagner angestellter Experimente“, Dissertation, 
Universität Leipzig, 1870 

„Ein Beitrag zur Seekrankheit“, Archiv für Heilkunde 15, 1873, S. 130 

& FH Harting, „Der Lungenkrebs, die Bergkrankheit in den Schneeberger Gruben“, Vierteljahresschr. 
f. gerichtl. Med. und ölf. Gesundheitswes., 1879 

„Tabellen zur Reduction eines Gasvolumens auf 0° Temperatur und 760mm Luftdruck“, Friedrich 
Vieweg und Sohn, Braunschweig, 1879 

„Bestimmungen des Gewichtes und Messungen der Körperlänge bei einem Kinde im ersten und 
zweiten Lebensjahre“, Archiv für Gynäkologie, 1881, H. 1 

„Quantitative Staubbestimmungen“, Analytical and Bioanalytical Chemistry, 1882, Springer 
„Anleitung zur Bestimmung der Kohlensäure in der Luft, nebst einer Beschreibung des hierzu nöthi- 
gen Apparates“, Eulenberg's Vierteljahresschrift für gerichtliche Medizin und öffentliches Sanitätswe¬ 
sen 

& Menzel, „Untersuchungen über die klimatischen Verhältnisse in den Steinkohlewerken des Zwi- 
ckauer Reviers“, Jahrbuch für das Berg- und Hüttenwesen Sachsen, 1882 

„Über Abscheidungen von Mikroorganismen aus der Luft“, Deutsche med. Wochenschrift, Nr. 2, 

1884 

& R. Koch, „Zur Bestimmung der in der Luft enthaltenen Mikroorganismen“, Analytical and Bioana¬ 
lytical Chemistry, 1885, Springer 

& R. Hesse, „Über Züchtung der Bacillen des malignen Oedems“, Deutsche med. Wochenschrift, Nr. 
14, 1885 

„Ueber Wasserfiltration“, MM&I, 1886, Springer 

„Zur quantitativen Bestimmung der Keime in Flüssigkeiten“, MM&I, 1888, Springer 
„Unsere Nahrungsmittel als Nährböden für Typhus und Cholera“, MM&I, 1889, Springer 
„Ueber Sterilisirung von Kindermilch“, MM&I, 1890, Springer 

„Ueber die gasförmigen Stoffwechselproducte beim Wachsthum der Bakterien“, MM&I, 1890, Sprin¬ 
ger 

„Ein neues Verfahren zur Züchtung anaerober Bacterien“, MM&I, 1892, Springer 
„Ueber Aetiologie der Cholera“, MM&I, 1893, Springer 

„Ueber den Einfluss der Alkalescenz des Nährbodens auf das Wachsthum der Bakterien“, MM&I, 
1893, Springer 

„Zur Diagnose der Diphtherie“, MM&I, 1894, Springer 

„Die Petrische Doppelschale als feuchte Kammer“, MM&I, 1894, Springer 

„Ueber die Beziehungen zwischen Kuhmilch und Cholerabacillen“, MM&I, 1894, Springer 

„Ueber Gasaufnahme und -abgabe von Culturen des Pestbacillus“, MM&I, 1897, Springer 

„Ueber den Bakteriengehalt im Schwimmbassin des Albertbades zu Dresden“, MM&I, 1897, Springer 

„Die Typhusepidemie in Löbtau im Jahre 1899“, MM&I, 1899, Springer 

„Ein neues Verfahren zur Züchtung des Tuberkel-Bacillus“, MM&I, 1899, Springer 

„Ueber einen neuen Muttermilchersatz: Pfunds Säuglingsnahrung“, MM&I, 1900, Springer 

„Ist der Nährstoff heyden bakterienhaltig?“ European Food Research and Technology, 1901, Springer 

„Zur quantitativen Bestimmung der Wasserkeime“ Centralblatt für Bakteriologie, 1902 

& Niedner, „Zur Methodik der bakteriologischen Wasseruntersuchung“ MM&I, 1902, Springer 

„Ueber die Abtödtung der Tuberkelbacillen in 60° C. warmer Milch“, MM&I, 1903, Springer 

MM&I: Medical Microbiology and Immunology, zu Hesses Zeit: „Zeitschrift für Hygiene 
und Infektionskrankheiten, medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Virologie“, 
gegründet von Robert Koch 


171 



parates die hervorragendste Stellung 
ein. Die Bedrohung ist um so grösser, 
je jünger die Säuglinge sind.“ Seine 
Arbeit „Ueber Sterilisirung von Kin¬ 
dermilch“ (1890) schuf die Grundlage 
zur Einführung der Pasteurisierung 
von Kindermilch in Pfunds Molkerei. 
1893 berichtete er in der Festschrift 
anlässlich des 50-jährigen Doktorju¬ 
biläums seines Vaters in Zittau „Ueber 
Milchsterilisirung im Grossbetriebe“. 
Der Ausbruch von Typhus-, Diph¬ 
therie- und Cholera-Epidemien in 
der Region Dresden ließ Hesse die 
mikrobiologischen Grundlagen dieser 
Krankheiten im Labor untersuchen, 
er analysierte den Bakteriengehalt im 
Dresdner Albertbad und verfasste 
Hygienevorschriften. Zur Thematik 
öffentliche Gesundheit unternahm 
Hesse 1899 eine Studienreise nach 
Norddeutschland, England und 
den USA. Dabei galt sein Hauptin¬ 
teresse den dortigen Wasser- und 
Abwasseranlagen. Hesse führte seine 
wissenschaftlichen Untersuchungen 
in seinem Zuhause in der Strehlener 
Julius-Otto-Straße sowie in einem 
ihm zur Verfügung gestellten Labo¬ 
ratorium an der Technischen Hoch¬ 
schule Dresden durch. Hier und im 
„Laboratorium für Anorganische und 
Analytische Chemie“ der TH arbeite¬ 
te Hesse eng mit Professor Walther 
Hempel zusammen. Er bemühte 
sich außerdem gemeinsam mit der 
Chemischen Fabrik Heyden Radebeul 
um eine industrielle Herstellung von 
Agar-Agar, und er entwickelte ver¬ 
schiedene Variationen für spezielle 


Anwendungen, z. B. zur Bestimmung 
der Keimzahl in Trinkwasser und 
Milch. 1901 wurde Hesse Mitglied der 
„Naturwissenschaftlichen Gesellschaft 
ISIS“ unter Hempels ehemaligem 
Schüler Fritz Foerster. Gustav Hes¬ 
se untersuchte auf Anregung seines 
Vaters in Dresden vor der Berufung 
nach Jena die Herstellung von Nähr¬ 
böden zur Bakterienzüchtung. Hesses 
Laboratorium an der TH wurde nach 
seinem Tod aus Angst vor einer bak¬ 
teriellen Verunreinigung abgebrannt. 
Die Erben verkauften das Haus in 
Strehlen um 1918 und Angelina zog 
in die Winckelmannstraße. In der 
nahe gelegenen Lüttichaustraße und 
später im privaten „Südsanatorium“ 
in der Schnorrstraße 82 praktizierte 
ihr Sohn Friedrich Henry. 

Hesses Leistungen sind mit der 
Ernennung zum „Geheimen Me¬ 
dizinalrat“ gewürdigt worden. Sein 
Vermächtnis wurde durch seine 
Kinder und Enkelkinder fortgeführt, 
von denen viele die ärztliche Berufs¬ 
laufbahn eingeschlagen haben. 

Das Wandgrabmal der Familie Hes¬ 
se (rechts) von Arnold Kramer auf 
dem Friedhof Radebeul-Ost zeigt 
die Eltern mit Walther und seinen 
9 erwachsenen Geschwistern. Drei 
Grabtafeln, davon eine seitlich an¬ 
gebrachte, erinnern an 14 Familien¬ 
angehörige, darunter Walther, sein 
Bruder Richard und seine Schwester 
Marie, seine Frau Angelina und die 
beiden Söhne Friedrich und Gustav. 


172 





Quellen: S. 412 ff. 


173 

















Karl Traugott Kanig (Quelle: Gabriele Hollborn, Ururenkelin von Kanig) 



Kanig, Karl Traugott 

Pfarrer und sorbischer Liederdichter in Klix 
auch: Konik, Korla Bohuwjer 
29.07.1804 Hochkirch - 24.10.1878 Klix 

V: George Gotthelf (*8.11.1782 Hochkirch, tll-4.1848 Hochkirch); M: Margarethe geh. Schuster 
(aus Kubschütz, 11859 Hochkirch); G: Johanna Carolina (*31.12.1805 Hochkirch), George 
Gotthelf (*12.8.1807 Hochkirch, 11807 Hochkirch), Anna Maria (*28.11.1809 Hochkirch, 11811 
Hochkirch), Johann August (*29.11.1811 Hochkirch, 118.12.1834 Leipzig, Gymnasium Bautzen, 
Theologiestudium in Leipzig), Maria Christiana (*30.11.1813 Hochkirch, 11813 Hochkirch), 
Maria Christiana (*30.9.1815 Hochkirch), Johann Ernst (*13.5.1818 Hochkirch, Gymnasium 
Bautzen, Sprachübungen bei Jan Arnost Smoler, Theologie- und Medizinstudium in Leipzig, Dr. 
med., Gerichtsarzt in Weißenberg), George Gotthelf (*5.12.1824 Hochkirch); E: (1) 21.9.1830 
Kleinwelka, Juliane Charlotte geb. Wannack (*8.6.1809 Kleinwelka, 110.4.1851 Klix, Tochter des 
Gutsverwalters Georg Wannack aus der Brüdergemeine Kleinwelka), (2) 20.7.1855 Klix, Mathil¬ 
de Caroline verw. Hallensieben geb. Kanig (*24.7.1812 Löbau, 16.1.1889 Radebeul, Tochter von 
Carl Benjamin Kanig, Apotheker in Löbau, erste Ehe mit Ernst Wilhelm Gottfried Hallensieben, 
Kaufmann in Sondershausen); K: Alwin Theodor (*28.9.1834 Klix, 118.4.1876 Gablenz, Pfarrer), 
Karl Otto Georg (*23.1.1845 Klix, 11910 Kleinzschachwitz, Oberpfarrer in Pulsnitz) 


Kanig wurde als erstes Kind einer 
alteingesessenen Krämerfamilie in 
Hochkirch geboren. Er wuchs im vom 
Vater gebauten Haus „GGK 1807“ in 
der Blutgasse auf. Als kleines Kind 
wäre er fast im brennenden Zuhause 
ums Leben gekommen, später noch¬ 
mals bei einem Unfall in der Scheu¬ 
ne. Die streng altlutherischen Eltern 
sahen in der knappen Rettung ein 
Zeichen Gottes, dass er mit dem Kind 
noch Großes plant, was später den 
Lebensweg des Sohnes entscheidend 
beeinflussen sollte. Zu den einschnei¬ 
denden Ereignissen in jungen Jahren 
zählte auch der Befreiungskrieg gegen 
Napoleon. Wiederholt zogen unter¬ 
schiedliche Truppenverbände durch 
den Ort. So weilte der Kaiser selbst in 
der Nacht vom 4. zum 5. September 
1813 in Hochkirch und schlief im 


Pfarrhaus, während die Bauerngü¬ 
ter in der Umgebung brannten. Um 
später Theologie studieren zu können, 
ging Kanig nach Bautzen auf das 
Gymnasium. Wegen finanzieller Pro¬ 
bleme der Eltern musste er die Schule 
zwischenzeitlich unterbrechen und 
eine kaufmännische Lehre aufneh¬ 
men. Auf dem Gymnasium begeis¬ 
terte ihn Rektor Karl Gottfried 
Siebelis derart für alles Lateinische, 
dass sich Kanig auch später noch die¬ 
ser Sprache wiederholt bediente. Von 
1824 bis 1827 studierte er Theologie 
in Leipzig, wo er der Lausitzer Predi¬ 
gergesellschaft angehörte. 

Nach dem Studium begann Kanig 
als Hilfsprediger in seiner Heimatge¬ 
meinde Hochkirch. Hier erwarb sich 
zu jener Zeit Pfarrer Michael Möhn 


175 




Vom Fuß des Turms der Kirche 
in Hochkirch führt die Blutgasse 
ins Tal in Richtung Pommritz. Sie 
erinnert an die Schlacht zwischen 
Preußen und Österreich, die im Jah¬ 
re 1758 17000 Tote forderte. 

große Verdienste um die Gleichbe¬ 
rechtigung der sorbischen Sprache an 
Schulen und die Verbreitung sorbi¬ 
schen Liedguts. 1829 wurde Kanig 
als Pfarrer nach Uhyst/Spree berufen. 

Das Pfarramt Uhyst stand seinerzeit 
unter dem Patronat der Herrnhuter 
Brüdergemeine und Kanig fand in 
dem Grafen Dohna auf Mönau einen Kirche in Uhyst. 


väterlichen Freund und Berater. 

Kanig wird den „erweckten sorbi¬ 
schen Pastoren“ zugerechnet. Die 
Erweckungsbewegung, auch Neupie¬ 
tismus genannt, der sorbischen 
Lutheraner stellte eine spezielle Va¬ 
riante des Spätpietismus dar. Kanigs 
Heimat, die Gegend um Hochkirch, 
war seinerzeit ein Zentrum dieser 
sorbischen pietistischen Bewegung, 
die sich auch um die Verbreitung 
religiöser Schriften im Volke bemüh¬ 
te. Als Pfarrer von Uhyst hielt Kanig 
sonntagsabends Missionsstunden im 
Sinne der Herrnhuter Brüdergemeine 
und Gläubige kamen von weit her, um 
daran teilzunehmen. 

Nachdem Heinrich LXIII. Prinz Reuß 
zu Köstritz, Herr auf Spreewiese, 



176 












Klipphausen und Klix, eine Predigt 
von Kanig in Uhyst gehört hatte, bot 
er diesem 1834 die vakante Stelle in 
Klix an. Diakon war hier der liberale 
Handrij Zejler, der Wunschkandidat 
der Gemeinde. Kanig ging sein pie- 
tistischer Ruf voraus und die Klixer 
Gemeinde stellte sich zunächst vehe¬ 
ment gegen ihn. Nach Kanigs Beru¬ 
fung wechselte Zejler als Pfarrer nach 
Lohsa. Das Diakonat wurde von Ka¬ 
nig bis 1840 mit übernommen, weil 
nach dem Großbrand von 1830 Geld 
gespart werden musste. Dank der Un¬ 
terstützung der Familie Reuß konnte 
Kanig, der mehr als vier Jahrzehnte 
in Klix wirken sollte, mit der Zeit das 
Vertrauen seiner Gemeinde gewin¬ 
nen. Im August 1834 gehörte er zu 
jenen 18 evangelischen Geistlichen, 
die im Namen von 50000 Sorben bei 
der sächsischen Regierung gegen die 
Benachteiligung ihrer Muttersprache 
protestierten, im Jahr darauf geneh¬ 
migte der Landtag per Gesetz den 
Gebrauch der sorbischen Sprache in 
einigen Schulfächern. Die tiefgläubige 
Prinzessin Reuß zu Köstritz, spätere 
Großherzogin Auguste von Mecklen¬ 
burg, erhielt bei Kanig am 6. Oktober 
1838 ihre Konfirmation. 

Kanig zählte zu den bedeutendsten 
sorbischen Liederdichtern und zu 
den aktivsten Vertretern der Inne¬ 
ren Mission unter den Sorben. 1842 
wurde sein „Jesu, Dobry Ljekar- 
jo“ in das „evangelisch-wendische 
Gesangbuch“ aufgenommen. 1848 
organisierte Kanig das erste sorbische 



Innenaufnahme der Kirche in Kl ix 
im 19. Jahrhundert. 

Missionsfest in Baruth, 1853 vereinig¬ 
te er die sorbischen Missionsvereine 
und 1854 gründete er zusammen mit 
dem Klixer Diakon Johann Rudolf 
Richter, später Pfarrer in Kotitz, die 
Zeitschrift „Missionski Posol“. Der in 
einer monatlichen Auflage von 900 
Stück herausgegebene Missionsbote 
widmete sich Missionsberichten, Pre¬ 
digten und Liedern. Kanig übersetzte 
dafür deutsche Choräle in das Sor¬ 
bische. 1855 verfasste er eine Schrift 
zu Martin Luther: „Nebo Dr. Merten 
Lutherowe Ziwenje“. Seine Bemühun¬ 
gen um die sorbische Sprache gingen 
so weit, dass er die Verordnung zum 
stärkeren Gebrauch der deutschen 
Sprache im Schulunterricht von 1860 
nicht an die Lehrer seines Aufsichts¬ 
bezirks weitergab, wofür er von der 
Kreisdirektion gerügt wurde. Für den 
1862 von Jaromer Hendrich Imis ge¬ 
gründeten „Wendischen evangelisch¬ 
lutherischen Buchverein“ mit seinen 
etwa 1000 Mitgliedern verfasste er für 
die Jahre 1862-1868 sowie 1870 einen 
biblischen Wegweiser: „Bibliski pucz- 


177 




Ein Grabmal an der Außenwand der Kirche zu Klix erinnert noch heute an 
Kanig: „Er war vor vielen wie ein Wunder, aber der Herr war seine starke 
Zuversicht.“ 


178 


















nikwudoty wot serbskejo lutzerdkose 
knihowarso towarstewa“. 1862 betrug 
die Auflage 3000 Stück. Kanig war 
Mitglied im „Erweiterten Ausschuss“ 
des Buchvereins. Seine 38 Lieder in 
„Zionsky Hlosy“ (Zionsstimmen, 
1868) wurden von Michal Domaska 
als „vom Heiligen Geist getragen“ 
geschätzt. Im neuen evangelischen 
Gesangbuch ist er mit mehreren 
Übersetzungen und einem Original¬ 
werk vertreten. 

Neben seiner Arbeit als Pfarrer und 
seinen Bemühungen um die Eman¬ 
zipation der Sorben nahm Kanig 
auch am gesellschaftlichen Leben teil. 
1852 spendete er für das von Edu¬ 
ard Gottlob von Nostitz und 
Jänkendorf in Oppach gegründete 
Rettungshaus. Mit Ernst Theodor 
Stöckhardt von der Landwirt¬ 
schaftsschule im benachbarten Brösa 
stand er in regelmäßigem Kontakt. 

Karl Traugott Kanig begründete eine 
Familientradition, nach der inner¬ 
halb der folgenden 100 Jahre fünf 
Nachfahren gleichen Familienna¬ 
mens wiederum Pfarrer in Sachsen 
wurden. Die bekanntesten darunter 
waren Otto Kanig (Lehrer an der 
Thomasschule Leipzig, 1874 Diako- 
nus und 1875 Gymnasialprofessor in 
Bautzen, 1891 Oberpfarrer in Puls¬ 
nitz) und dessen Sohn Karl Moritz 
Gerhard Kanig (*25.11.1875 Bautzen, 
t6.7.1958 Klittlitz, 1899-1906 Missi¬ 
onar in Ukamba/Kenia, später Pfarrer 
in Glauchau, Großolbersdorf und 


Kittlitz). Ein Urenkel, Ernst Kanig, 
erwarb sich große Verdienste als Vi¬ 
kar in Ober- und Niedercunnersdorf 
sowie Löbau und Vorsitzender der 
Sächsischen Missionskonferenz. 

Quellen: Siegfried Störzner: „Welche Hei¬ 
matgedenktage bringt das Jahr 1938 der 
Bischofswerdaer Pflege und ihrer Umgebung?“ 
Unsere Heimat, Beilage zum Sachs. Erzähler, 

Nr. 1, 3.1.1938; Wilhelm Haan: „Sächsisches 
Schriftsteller-Lexicon“. Robert Schaefers Verlag 
Leipzig, 1875, S. 153-154; Reinhold Grünberg: 
„Sächsisches Pfarrerbuch. Die Parochien und 
Pfarrer der Ev.-luth. Landeskirche Sachsens 
(1539-1939)“. Ernst Mauckisch Freiberg, 1940, 
S. 410; Gabriele Hollborn (Weimar, Ururenke¬ 
lin); Franz Lau: „Herbergen der Christenheit“. 
Evangelische Verlagsanstalt, 1980; Zeitschrift 
für slavische Literatur, Kunst und Wissenschaft, 
1862, S. 233; Jakub Wjacslawk: „Wendische 
(sorbische) Bibliographie“. 1929; Walter J. 
Rauch: „Presse und Volkstum der Lausitzer 
Sorben“. Holzner, 1959; K. Jahn: „Auguste, 
Großherzogin von Mecklenburg-Schwerin: 
ein Lebensbild“. Ausg. 4, A. Hildebrand, 1865; 
Erhard Hartstock: „Die sorbische nationale 
Bewegung in der sächsischen Oberlausitz 
1830-1848/49“. Domowina-Verlag, 1977; Neues 
lausitzisches Magazin, Bd. 8, 1844, S. 127, Bd. 
39, 1862, S. 391; Peter Kunze: „Sorbisches 
Schulwesen: Dokumentation zum sorbischen 
Elementarschulwesen in der sächsischen Ober¬ 
lausitz des 18./19. Jahrhunderts“. Domowina- 
Verlag, 2002; Theodor Birnich: „Die Parochie 
Klix“. Neue Sächsische Kirchengalerie, 1904; 
Siegmund Musiat: „Sorbische/wendische Ver¬ 
eine 1716-1937“. Domowina-Verlag, 2001; Jan 
Malink (Macica Serbska), Mitteilungen 2013; 
Ernst Theodor Stöckhardt: „Stammtafel der 
Familie Stoeckhardt, Putzkauer und Lauterba¬ 
cher Zweig“. Wagner Weimar, 1883; Leipziger 
Zeitung, 4.7.1852; Deutsches Geschlechterbuch, 
Bd. 143, C.A. Starke, 1967; Amts-Blatt der Re¬ 
gierung in Breslau, Bd. 54, 1863; Peter Kunze: 
„Jan Arnost Smoler“. Bd. 10 von Schriften des 
Sorbischen Instituts, Domowina-Verlag, 1995; 
gedbas.genealogy.net; Kirchenarchiv Hoch- 
kirch; Matrikelverzeichnisse Universität Leipzig 


179 




Christian Adolph Klotz, Kupferstich von Johannes Michael Stock, Deutsche 
Fotothek, Lizenz: CC BY-SA. 


Klotz, Christian Adolph 

Professor in Göttingen und Halle 
13.11.1738 Bischofswerda - 31.12.1771 Halle 


V: Johann Christian (*5.3.1701 Höngeda bei Mühlhausen, 12.9.1776 Bischofswerda), 1725 Ma¬ 
gister der Philologie, 1727 Habilitation und Adjunkt der philosophischen Fakultät in Wittenberg, 
1729 Archidiakonus, 1730 Heirat, 1738 Superintendent in Bischofswerda; M: Christiane Friede¬ 
rike geh. Auenmüller (*17.7.1709 Bischofswerda, 13.4.1774 Bischofswerda), Tochter von Gottlob 
Auenmüller (Rechtskonsulent, 131.5.1735 als Bürgermeister von Bischofswerda) und Schwester 
von Friedrich Gottlob Auenmüller (*1.11.1711 Bischofswerda, 113.7.1776 Braunsdorf, Inspektor 
der Porzellanmanufaktur Meißen von 1740 bis 1764 zur Zeit von Heinrich von Brühl und Jo¬ 
hann Joachim Kandier, von Prinz Xaver entlassen); G: Christian August (besuchte das Gymna¬ 
sium Görlitz, studierte Jura), Christiana Carolina (heiratete am 11.10.1763 den Mittagsprediger 
von St. Petri und Paul und Katecheten der Johannislcirche Christian Gottlob Bürger/113.7.1767 
in Zittau), 1 Bruder und 2 Schwestern früh verstorben; E: 1763 Göttingen, Johanna Maria geh. 
Sachse (* um 1740, Tochter eines Ratsapothekers); K: 1 Tochter (1 früh in Göttingen) 


Klotz kam schon als Kind von drei 
Jahren mit dem seinerzeit jugend¬ 
lichen Gotthold Ephraim Lessing 
zusammen, als sich dieser bei einem 
Verwandten, dem Putzkauer Pfarrer 
Johann Gotthelf Lindner, aufhielt 
und mit jenem den befreundeten 
Vater Klotz in der Superintendentur 
in Bischofswerda besuchte. Der Sohn 
erhielt zuhause Privatunterricht und 
besuchte kurzzeitig die Fürstenschule 
St. Afra in Meißen. 

1756 wechselte Klotz auf das 
Görlitzer Gymnasium, wo ihn der 
langjährige Rektor Friedrich 
Christian Baumeister für die alten 
Sprachen begeisterte. Bei diesem 
Wechsel hatte wohl eine Rolle ge¬ 
spielt, dass sich Klotz“ Vater und der 
Görlitzer Rektor aus ihrer Witten¬ 
berger Zeit vermutlich gut kannten. 
Friedrich Christian Baumeister 
wechselte 1729 zum Philosophie- 


Studium nach Wittenberg, wo Johann 
Christian Klotz von 1727 bis 1729 als 
Adjunkt der philosophischen Fakultät 
wirkte. In der Religion sympathisier¬ 
te Christian Adolph Klotz mit dem 
Pietismus der Herrnhuter Brüderge¬ 
meine. 1757 verfasste er ein Gedicht 
auf die Belagerung von Zittau („Thre- 
nodia cineri Zittav“). 

1758 bezog Klotz die Universität 
Leipzig. Zu seinen Förderern zählten 
der Strafrechtsreformer Karl Ferdi¬ 
nand Hommel und der Rektor und 
Professor für Dichtkunst Carl Andre¬ 
as Bel. Auch bei dem Philologen und 
Theologen Johann August Ernesti 
nahm er Unterricht. Klotz verfasste 
1758 seine philologische Dissertati¬ 
onen „Pro M. Tullio Cicerone adver- 
sus Dionem Cassium et Plutarchum 
dissertatio“ (in Görlitz mit Baumeister 
bei Fickelscherer) und „Ad virum 
doct. I. C. Reichelium epistola, qua 


181 




Bischofswerda im 18. Jahrhundert: Vor der Kirche (A) befand sich die Su- 
perintendentur (N). Möglicherweise war dieses Gebäude sogar das Geburts¬ 
haus von Klotz. Später wirkte hier Gottlob Ernst Ottomar Baumeister, ein 
Sohn des Görlitzer Rektors, den Klotz 1 Vater 1767/1768 nach Bischofswerda 
zu seiner Unterstützung geholt hatte. 


de quibusdam ad Homerum perti- 
nentibus disputatur“. Er publizierte 
Spottschriften auf die gelehrten Kreise 
Leipzigs („Mores eruditorum“, „Geni¬ 
us seculi“), um dagegen selbst ano¬ 
nym zu polemisieren („Somnium in 
quo, praeter cetera, genius seculi cum 
moribus eruditorum vapulat“). Klotz 
erlangte die gewünschte Aufmerk¬ 
samkeit. Mit streitbaren Rezensionen 
sollte er sich in der Folgezeit viele 
Gegner machen. Bekannt wurden vor 
allem seine Streitschriften gegen den 
niederländischen Philologen Pieter 
Burmann den Jüngeren („Antibur- 
mannus“, „Funus Petri Burmanni 
Secundi“). Das Kriegsjahr 1760 ver¬ 
brachte Klotz in Bischofswerda. 


1761 hielt Klotz Vorlesungen an der 
Universität Jena über den römischen 
Dichter Horaz, dem 1762 auch seine 
Habilitation „De felici Horatii au- 
dacia“ (gedruckt bei Fickelscherer 
in Görlitz) galt. In Jena wirkte er 
zudem als Sekretär der lateinischen 
Gesellschaft. 1762 wurde er unter 
Georg III., König von Großbritanni¬ 
en und Kurfürst von Hannover, zum 
außerordentlichen und 1763 zum 
ordentlichen Professor an der phi¬ 
losophischen Fakultät in Göttingen 
berufen. Hier geriet er zunehmend 
in Konkurrenz zu Christian Gottlob 
Heyne, der statt Klotz die Professur 
der Beredsamkeit und die Direktion 
des philologischen Seminars erhielt. 


182 











1765 wechselte Klotz als Hofrat und 
Professor für Philosophie und Be¬ 
redsamkeit nach Halle. Sein Schüler 
Johann Georg Meusel folgte ihm. 

Im selben Jahr kam der Historiker 
Carl Renatus Hausen nach Halle, den 
Klotz schon seit seiner Leipziger Zeit 
kannte. In Halle förderte er Friedrich 
Justus Riedel und freundete sich mit 
dem Laubaner Gottlob Benedikt von 
Schirach an. Zu seinen eifrigsten An¬ 
hängern zählten auch Johann Georg 
Jacobi, später erster protestantischer 
Professor in Freiburg, und der Dich¬ 
ter Gottfried August Bürger. Fried¬ 
rich der Große ernannte ihn zum 
jüngsten preußischen Geheimrat, 
als Klotz einen Ruf von Stanislaus II. 
August Poniatowski nach Warschau 
ablehnte. Die von ihm geforderte Mit- 
Berufung von Carl Renatus Hausen 
war zunächst bestätigt worden, doch 
schließlich verzichtete Klotz selbst. 
Später entzweiten sie sich, weil Klotz 
Hausen zunehmend misstraute. Ab 
1768 leitete Klotz auch die Universi¬ 
tätsbibliothek. 

Klotz war seit 1763 Mitglied der 
„Akademie der gemeinnützigen Wis¬ 
senschaften“ in Erfurt. Als der zustän¬ 
dige (katholische) Mainzer Erzbischof 
Emmerich Joseph von Breidbach zu 
Bürresheim Ende der 1760er Jahre die 
in die Krise geratene Erfurter Univer¬ 
sität reformieren wollte, beauftragte 
er damit den Protestanten Klotz. Der 
holte neben Christoph Martin Wie¬ 
land und Friedrich Justus Riedel auch 
den skandalumwitterten, ebenfalls in 


Bischofswerda geborenen Karl Fried¬ 
rich Bahrdt (1769). 

Klotz war Mitglied der Kaiserlichen 
Königlichen Kupferstecher-Gesell¬ 
schaft zu Wien, der Kaiserlichen 
Akademie zu Roveredo, der Kurfürst¬ 
lichen Mainzischen Akademie der 
Wissenschaften, des historischen In¬ 
stituts zu Göttingen, der lateinischen 
Gesellschaften zu Jena und Baden, der 
Physikalisch-Ökonomischen Bienen- 
gesellschaft in der Oberlausitz und 
der deutschen Gesellschaft in Altdorf 
sowie Kanonikus des Stifts Wurzen. 

Er war vielseitig belesen und schrieb 
zu den unterschiedlichsten Themen in 
Literatur, Geschichte, Religion, Kunst 
und Philologie. Klotz zählte zu den 
bekanntesten Autoren der Epoche 
von „Aufklärung“ und „Sturm und 
Drang“. Er war rhetorisch begabt 
und scharte mit seiner Eloquenz eine 
breite Anhängerschaft um sich. Klotz 
gab die seinerzeit bedeutenden litera¬ 
rischen Zeitschriften „Acta litteraria“, 
„Deutsche Bibliothek der schönen 
Wissenschaften“ und „Neue hallische 
gelehrte Zeitungen“ heraus. Er gilt 
zudem als der bedeutendste Dichter 
in lateinischer Sprache seines Jahr¬ 
hunderts. In der posthum gedruckten 
Sammlung „Briefe deutscher Gelehr¬ 
ten an den Herrn Geheimen Rath 
Klotz“ wird deutlich, welch große 
Anerkennung Klotz zeitweise genoss. 

Mit seinem Ruhm wuchsen jedoch 
auch der Anspruch von Klotz, sich zu 
allen Themen seiner Zeit zu äußern, 


183 



Auszug aus dem Streit 
mit Gotthold Ephraim 
Lessing 

Lessing schrieb in „Briefe antiqua¬ 
rischen Inhalts“ Bezug nehmend 
darauf, dass Klotz Lessing in seinen 
Rezensionen etwas ironisch immer 
mit seinem Magistertitel nannte, 
den Lessing nie verwandte: „Was 
kann Herr Klotz damit, daß er 
mich, der ich mich nie so nenne, 
stets Herr Magister Lessing nennt, 
anders wollen, als mir den Abstand, 
der zwischen ihm als geheimen 
Rath und mir als Magister Statt fin¬ 
det, recht fühlbar machen? Allein 
ziemt es wohl dem Schmetterling, 
so verächtlich auf die Raupe herab- 
zublicken, aus der er sich bildete? 
Denn ich wüßte in der That nicht, 
aus welcher andern Ursache ihn 
sein König zum geheimen Rath 
gemacht habe, als weil er ihn für 
einen guten Magister gehalten. 
Auch ist es bloß der Magister, 
mit dem ich es hier zu thun habe: 
denn wenn Herr Klotz nicht auch 
Magister wäre, so wüßte ich nicht, 
was ich mit dem geheimen Rath 
anfangen sollte; und wehe dem 
Herrn geheimen Rath, wenn ihn 
sein Magister im Stiche läßt!“ 

und seine Neigung, auch berühmte 
Zeitgenossen kritisch zu hinterfra¬ 
gen. Vor allem Friedrich Nicolai 
und dessen „Allgemeine deutsche 


Bibliothek“ wurden zur Zielscheibe 
von Klotz“ Kritik. Dessen Schrift 
„Über das Studium des Alterthums“ 
erschien 1766, zwei Jahre nach dem 
Grundlagenwerk der Altertums¬ 
wissenschaft „Geschichte der Kunst 
des Altertums“ von Johann Joachim 
Winckelmann. Es folgten kontrover¬ 
se Dispute zwischen Winckelmann, 
Klotz, Lessing und Herder, was auch 
bei Karl August Böttiger („Kleine 
Schriften archäologischen und anti¬ 
quarischen Inhalts“) sichtbar wird. 
Auf die Erarbeitung eines Buchs zur 
Weltgeschichte verzichtete Klotz auf 
Rat von Gotthold Ephraim Lessing 
und schrieb dafür 1767/68 „Beytrag 
zur Geschichte des Geschmacks 
und der Kunst aus Münzen“ und 
„Ueber den Nutzen und Gebrauch 
der alten geschnittenen Steine und 
ihrer Abdrücke“. Klotz widmete sich 
verstärkt der bildenden Kunst und 
hielt Kontakt zur 1764 gegründeten 
Dresdner Kunstakademie, insbeson¬ 
dere zu Christian Ludwig von Hage¬ 
dorn und Giovanni Battista Casanova. 
Der Dichter Johann Wilhelm Ludwig 
Gleim war ihm wohlgesonnen. 

Von Berühmtheiten wie Lessing und 
Johann Gottfried Herder wurde Klotz 
in den letzten Jahren wegen man¬ 
cher Oberflächlichkeiten in seinen 
Schriften vernichtend diskreditiert. 

Sie reagierten damit auch auf dessen 
kritische Rezensionen. In „Laokoon 
oder über die Grenzen der Mahle- 
rey und Poesie“ (1766) hatte Lessing 
versucht, bildende Kunst und Litera- 


184 



tur als grundsätzlich verschieden, als 
die Behandlung von Gegenständen 
versus Handlungen darzustellen. 

Dies stand im Gegensatz zu Johann 
Joachim Winckelmann und Horaz 
(„ut pictura poesis“, „ein Gedicht ist 
wie ein Gemälde“). Als Klotz ihn in 
„Ueber den Nutzen und Gebrauch der 
alten geschnittenen Steine und ihrer 
Abdrücke“ (1768) kritisierte, erzürn¬ 
te dies Lessing derart, dass er Klotz 
in der Folgezeit wiederholt angriff. 
Neben inhaltlichen Aspekten spielten 
allerdings auch subjektive Faktoren 
eine Rolle. Lessings Freund Friedrich 
Nicolai stand mit der „Allgemeinen 
deutschen Bibliothek“ in direkter 
Konkurrenz zu Klotz, und Lessing 
selbst war nach dem Scheitern seines 
Projekts „Hamburger Dramaturgie“ 
unter Druck. Klotz sah in Lessings 
Argumenten sophistisches Diskutie¬ 
ren über Kleinigkeiten - und nannte 
ihn betont „Magister Lessing“ Der 
Streit zwischen Lessing und Klotz 
nahm teils skurrile Züge an. Wenn 
sich jemand Lessing als Verbünde¬ 
ten sichern wollte, so der ehemalige 
Günstling von Heinrich von Brühl 
und Leiter des Kupferstichkabinetts 
Carl Heinrich von Heinecken in 
seinem Streit mit Christian Ludwig 
von Hagedorn, musste er nur seinen 
eigenen Gegner als Freund von Klotz 
darstellen. Johann Eleazar Zeissig 
stellte den Streit zwischen Lessing 
und Klotz bildlich dar (S. 396). 

Missgunst und verletzte Eitelkeiten 
seiner Konkurrenten sowie eigene 


Streitlust ebneten den Weg zu einer 
weitgehenden Isolierung von Klotz 
am Ende seines kurzen Lebens. Dies 
verstellte lange den Blick auf seine 
Leistungen. Klotz hatte das Denken 
seiner Zeit mitbestimmt und Interesse 
an Literatur und Geschichte geweckt. 

Quellen: Conrad Bursian: „Klotz, Christian 
Adolph“. Allgemeine Deutsche Biographie, 

Bd. 16, Duncker & Humblot, Leipzig 1882, S. 
228-231; Carl Renatus Hausen: „Leben und 
Charakter Herrn Christian Adolph Klotzens“. 
Hemmerde Halle, 1772; „Gotth. Ephr. Lessings 
sämmtliche Werke“. Karlsruhe, 1825; Karl 
Wilhelm Mittag: „Chronik der königlich säch¬ 
sischen Stadt Bischofswerda“. Friedrich May, 
Bischofswerda, 1861; Herbert Jaumann: „Hand¬ 
buch Gelehrtenkultur der Frühen Neuzeit“. Bd. 

1, Walter de Gruyter, 2004, S. 370-371; Johann 
Gottfried Herder: „Kritische Wälder oder 
Betrachtungen, die Wissenschaft und Kunst 
des Schönen betreffend, nach Maßgabe neuerer 
Schriften“. Herders Sämmtliche Werke, Bd. 3, 
Berlin 1878; Manfred Beetz, Hans-Joachim 
Kertscher: „Anakreontische Aufklärung“. Bd. 28 
von Hallesche Beiträge zur Europäischen Auf¬ 
klärung, Walter de Gruyter, 2005; „Fortsetzung 
und Ergänzungen zu Christian Gottlieb Joechers 
allgemeinem Gelehrten-Lexicon“. 1810; Christi¬ 
an Adolph Pescheck: „Handbuch der Geschichte 
von Zittau“. Bd. 2, 1837; Friedrich Christian 
Baumeister: „Verzeichniß aller derjenigen Studi- 
renden, so unter meiner Rectorats-Verwaltung 
von Ao. 1736 bis 1785 in Prima Classe des 
Görlitzischen Gymnasii sich als Zuhörer befun¬ 
den haben“. Fickelscherer Görlitz; Lausitzisches 
Magazin, 1774; Jan Philipp Reemtsma: „Lessing 
in Hamburg: 1766-1770“. C.H.Beck, 2007; Le¬ 
ben und Wirken der vorzüglichsten lateinischen 
Dichter des XV. - XVIII. Jahrhunderts, sammt 
metrischer Uebersetzung ihrer besten Gedichte, 
beigefügtem Originaltexte, und den nöthigen 
Erläuterungen“. J. B. Wallishausser, 1828; Rainer 
Rückert: „Biographische Daten der Meissener 
Manufakturisten des 18. Jahrhunderts“. Baye¬ 
risches Nationalmuseum, 1990; „Historisches 
Taschenbuch“. Brockhaus 1850 


185 





Langner, Norbert 

Diplomfischwirt 

08.05.1940 Attendorf/ Schlesien - 30.09.2010 Königswartha 


Norbert Langner besuchte von 1954 
bis 1958 die Erweiterte Oberschu¬ 
le in Schulpforte und studierte von 
1960 bis 1964 an der Humboldt- 
Universität Berlin Fischwirtschaft. 

Bei Wilhelm Schäperclaus hörte er 
Vorlesungen zu Fischkrankheiten und 
Karpfenteichwirtschaft. Nach dem 
Abschluss des Studiums war er bis 
1967 im VEB Binnenfischerei Dres¬ 
den tätig. Danach kam Langner in die 
Oberlausitz und wirkte bis 1990 als 
Produktionsleiter im VEB Binnenfi¬ 
scherei Königswartha und bis 1991 
als Mitarbeiter der Geschäftsführung 
im Treuhandbetrieb. Ab 1992 bis zu 
seinem Eintritt in den Ruhestand im 
Jahre 2005 war er als Fischereireferent 
bei der Sächsischen Landesanstalt für 
Landwirtschaft maßgeblich an der 
Weiterentwicklung der Oberlausitzer 
Teichwirtschaft beteiligt. In dieser 
Funktion lehrte Langner auch an der 
Fischereischule Königswartha. Er hat 
wesentlich dazu beigetragen, dass in 
Königswartha, einmalig in Deutsch¬ 
land, Lehre, Forschung und Praxis der 
Teichwirtschaft eine Einheit bilden. 

Norbert Langner hat sich große 
Verdienste um die naturverträgliche 
Entwicklung der Karpfenteichwirt¬ 
schaft im Umfeld des Oberlausitzer 
Biosphärenreservats erworben. Zur 
Optimierung des Fütterungsregimes 


von Karpfen konnte er beitragen, 
indem er eine große Menge von 
Rohdaten statistisch auswertete 
und dadurch Tendenzen der Futter¬ 
aufnahme in der Wachstumsphase 
sichtbar machte. Seine langjährigen 
praktischen Kenntnisse publizierte 
er in vielen Arbeiten und verbreitete 
sie zudem im Rahmen von Fortbil¬ 
dungstagen für Haupterwerbsbetriebe 
der Karpfen- und Forellenprodukti¬ 
on. Für die Sächsische Landesanstalt 
für Landwirtschaft entstand eine 
über 100-seitige Dokumentation zu 
den biologischen, rechtlichen und 
wirtschaftlichen Grundlagen der 
Teichwirtschaft. Diese Arbeit stellt 
Aufzuchtverfahren, B ewirts chaftungs - 
maßnahmen und Fischbesatz im Zu¬ 
sammenhang mit einer ganzheitlichen 
Betrachtung des Lebensraums „Teich“ 
vor. Auch zu anderen Themengebie¬ 
ten konnte er wesentliche Beiträge 
liefern, so zum „Atlas der Farn- und 
Samenpflanzen Sachsens“ (2000) und 
für „Die Libellenfauna Sachsens“ 
(2005). Eine von Langner erstellte 
Übersicht über die sächsischen Teiche 
in Haupterwerbsbetrieben und ihre 
Größen diente 2008/2009 als Kartie¬ 
rungsgrundlage des Monitoringpro¬ 
gramms für den Fischotter in Sach¬ 
sen. Zudem hat er sich mit eigenen 
Beobachtungen zu Fischottervorkom¬ 
men an diesem Programm beteiligt. 


187 



Norbert Langner hat die Schönheit 
und Schutzwürdigkeit der Oberlausit¬ 
zer Heide- und Teichlandschaft einer 
breiten Öffentlichkeit zugänglich ge¬ 
macht. Er leitete eine Vielzahl von Ex¬ 
kursionen, z. B. im Rahmen jährlicher 
Frühlingsspaziergänge unter Schirm¬ 
herrschaft des sächsischen Ministeri¬ 
ums für Umwelt und Landwirtschaft 
und für den Landesverein Sächsi¬ 
scher Heimatschutz. Auch nach dem 
Eintritt in den Ruhestand unterstützte 
er mit seinen Erfahrungen seinen 
Sohn Frank, der seit 1992 die Teich¬ 
wirtschaft Langner, bestehend aus 
den Teichgruppen Entenschenke und 
Commerau, führt. Über viele Jahre 
engagierte sich Norbert Langner als 
Kirchenvorstand. Die Kirchgemeinde 
Königswartha war in die Christliche 
Friedenskonferenz korporiert und 
Langner gehörte zu den Mitarbeitern 
des Ökumenischen Basisseminars um 
Jan Laser. Er war zudem im Königs- 
warthaer Geschichtsverein aktiv und 
er hielt die Schönheit der umhegen¬ 
den Oberlausitzer Kulturlandschaft 
in Bildern fest. Zwei Tage vor der 
Eröffnung seiner Foto-Ausstellung 
„Königswarthaer Teichgesichter“ ist 
Norbert Langner verstorben. Er hin- 
terließ seine Ehefrau Annemarie, eine 
Tochter und zwei Söhne. 

Quellen: http://www.sz-trauer.de/; Nachruf Königswarthaer Geschichtsverein RAK e.V.; M. 
Pfeifer & G. Füllner: „Möglichkeiten der Futtereinsparung bei der Karpfenproduktion“. Fischer 
& Angler in Sachsen, 2010, S. 69 ff.; http://www.smul.sachsen.de/; http://www.teichwirtschaft- 
langner.de/; Mitteilungen von Frank Langner, 25.10.2012, und Annemarie Langner, 24.11.2012; 
Kareen Seiche: „Monitoringprogramm für den Fischotter im Freistaat Sachsen im Winter 
2008/2009“. Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Referat Fischerei Königswar¬ 
tha; Gert Füllner: „Norbert Langner verstorben“. Fischer & Teichwirt 11/2010 


Bibliografie 

& R Dyhrenfurth: „Analyse der Satz¬ 
karpfenproduktion im VEB Binnenfi¬ 
scherei Dresden“. Deutsche Fischerei- 
Zeitung, Neumann Radebeul, H. 12, 
1965 

„Intensivierung in den Lausitzer 
Teichen und die Vogelwelt“. Abhand¬ 
lungen Ber. des Naturkundemuseums 
Görlitz, 1977, S. 21-22 
„Triops und Limnadia - zwei seltene 
Arten niederer Krebse in den Teichen 
der Oberlausitz“. Natura lusatica, 1985 
„Die Fische des Kreises Bautzen“. Na¬ 
tura lusatica, H. 10, 1988, S. 29-41 (mit 
Zitaten von Gerhard Creutz, Bruno 
Steglich und Frank Fiedler) 
„Betrachtungen zum Oberlausitzer 
Teichgebiet vom Standpunkt des Teich¬ 
wirts“. Ber. der Naturforschenden Ges. 
der Oberlausitz, Bd. 2, 1993, S. 29-33 
& G. Füllner: „War 1992 der „Jahrhun¬ 
dertsommer“ für die Teichwirtschaft?“ 
Fischer & Teichwirt, Bd. 44, H. 1, 1993, 
S. 11-13 

& G. Füllner: „Zahlen zur Binnenfi¬ 
scherei im Freistaat Sachsen“. Info¬ 
dienst für Beratung und Schule der 
Sächsischen Agrarverwaltung, 1995, 
1997, 1998, 2004 

& G. Füllner, M. Pfeifer: „Karpfen¬ 
teichwirtschaft. Bewirtschaftung von 
Karpfenteichen. Gute fachliche Praxis“. 
Sächsische Landesanstalt für Landwirt¬ 
schaft, 2007 


188 



Impressionen vom Frühlingsspaziergang in 
Königswartha mit Norbert Langner am 2. Mai 2004 



Die Fischteiche bei Regenwetter. Der Dichter Gottfried Unterdörfer 
beschrieb in seinem Tagebuch gefühlvoll die Teichlandschaft, die auch bei 
Regen schön ist, wenn man es sehen will, den Glanz auf den Kiefernstäm¬ 
men und die leisen, tröstlichen Töne (9.1.1992). 



Links: Schon mit geringer Vergrößerung wird deutlich, wie viel Leben und 
damit welch großes Nahrungsangebot für die Fische im Teichwasser zu fin¬ 
den ist. Rechts: Das Raseneisenerz war als Grundstoff für die Eisenverhüt¬ 
tung einstmals ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in der Oberlausitz. Sein 
Abbau hat wesentlich zur heutigen Gestalt des Teichgebiets beigetragen. 


189 











Gedenkstein mit Porträtrelief unweit der Riedelmühle in Waldbärenburg. 



Lehmann, Julius Alexander 


Professor, Nestor des landwirtschaftlichen Versuchswesens in der Oberlausitz 
04.07.1825 Dresden - 12.01.1894 Dresden 

V: Johann Gottlob (*28.10.1786 Kötzschenbroda, t um 1866), 1839-1852 Freimaurer-Loge 
„Zum goldenen Apfel“, Feuerlöschdirektor in Dresden; M: Christiane Frederike geh. Einenkel 
(*29.6.1790 Dresden, tl868); G: Heinrich Edmund (Landbauinspektor und Baumeister, bis 1864 
in Dresden, danach Leitung der Restaurierung der Albrechtsburg Meißen); E: 1866 Hochkirch, 
Marie Emilie geh. Richter (*28.11.1843 Elstra); K: Amalie Johanna verh. Herrmann 


Lehmann studierte ab 1848 in Jena 
und ab 1849 in Gießen bei Justus 
von Liebig. In seiner Dissertation 
von 1851 zum Dr. phil. behandelte er 
Kaffee aus chemisch-physiologischer 
Sicht. In „Virchows Archiv für patho¬ 
logische Anatomie und Physiologie 
und für klinische Medizin“ von 1857 
wurden die Umsicht und Ausdau¬ 
er seiner Untersuchungen gelobt. 
Anschließend arbeitete Lehmann in 
Freiberger und Pariser Laboratorien. 

1854 wechselte Lehmann als Oberleh¬ 
rer nach Dresden an das Vitzthum- 
Blochmannsche-Gymnasium. Es 
ging auf eine 1824 von Karl Justus 
Blochmann gegründete Privatschu¬ 
le zurück, die 1828 mit der Stiftung 
von Rudolph Vitzthum von Apol¬ 
da verbunden wurde. Karl Justus 
Blochmann, der wie sein Bruder 
Heinrich August Blochmann am 
Bautzener Gymnasium bei Ludwig 
Gedike gelernt hatte, führte hier 
einen fundierten naturwissenschaft¬ 
lichen Unterricht ein. Zum Lehr¬ 
körper gehörte vormals auch Julius 
Adolph Stöckhardt. Lehmann lehrte 
Chemie, Mineralogie, Zoologie und 


Naturgeschichte in Gymnasial-, 
Progymnasial- und Realklassen. Im 
Schulprogramm von 1855 publizierte 
er „Allgemeine Betrachtungen über 
die Pilze, und chemische Beiträge 
zur näheren Kenntniss derselben“. 

Die Schulschriften wurden bei einem 
weiteren Bruder von Blochmann, 
Ernst Ehrenfried, und später bei des¬ 
sen Sohn Heinrich Wilhelm Clemens 
Blochmann gedruckt. Direktor war 
inzwischen Georg Bezzenberger, 
ein Schwiegersohn von Karl Justus 
Blochmann, der selbst noch Religion 
unterrichtete. Zur Durchführung 
von chemischen Elementaranalysen 
entwickelte Lehmann einen gasbetrie¬ 
benen, kostengünstigen Heizapparat 
auf der Grundlage von 12 Bunsen- 
Lampen. Er führte die Arbeiten an 
der Polytechnischen Schule durch 
und publizierte sie 1857 in den „An¬ 
nalen der Chemie und Pharmacie“ 
von Justus von Liebig. Zu Lehmanns 
Schülern gehörte Hans Hübner, der 
als Professor für Chemie in Göttingen 
Gustav Loges examinierte, der spä¬ 
ter einer von Lehmanns Nachfolgern 
in Pommritz werden sollte. 


191 




Das v. Vitzthum-Blochmanrfsche Gymnasial-Erziehungshaus, gezeichnet 
von Emst Ferdinand Oehme, in Stahl gestochen von J. Fleischmann, um 
1830, Lizenz: Deutsche Fotothek CC BY-SA. 


1857 erhielt Lehmann die Berufung 
als Vorstand der landwirtschaftlichen 
Versuchsstation im Rittergut Weidlitz 
von Paul Hermann. Wesentlichen 
Einfluss besaß vermutlich Liebigs 
Empfehlung an Theodor Reuning. 
Alternativ hatte sich Lehmann von 
Liebig Unterstützung für seine 
Bewerbung zum sächsischen Apo¬ 
thekenvisitator erbeten. Lehmanns 
Aufgabe in Weidlitz bestand darin, 
naturwissenschaftliche Erkenntnisse, 
vor allem der Agrikulturchemie, für 
die Landwirtschaft der Oberlausitz 
nutzbar zu machen. Zur Wissens¬ 
vermittlung hielt er Vorträge vor 
dem landwirtschaftlichen Verein. 
Lehmann verfügte in Weidlitz über 
ein Laboratorium und ein Gewächs¬ 
haus sowie in Pannewitz über einen 
Versuchsstall. Für das Laboratorium 
richtete er mit der Hilfe von Rudolf 
Sigismund Blochmann eine kleine 
Gasanstalt ein. Lehmanns erster 
Assistent war Conrad Wicke, dem 
Dr. Stößner folgte. Für das sächsische 
Innenministerium entwickelte er 


hier eine Methode, Mehl aus ausge¬ 
wachsenem Roggen mittels Kochsalz 
zu einem lange haltbaren Brot zu 
backen. Lehmann wies für Brot mit 
Salzzusatz eine geringere Schimmel¬ 
bildung nach. Die Versuche wurden 
zunächst in der Bäckerei Techritz und 
dann in der Militärbäckerei Dresden 
durchgeführt. Zudem untersuchte 
Lehmann in Weidlitz Pflanzendünger 
und Futtermittel auf ihren Nährstoff¬ 
gehalt. 1858 gründeten Lehmann und 
Hermann in Verbindung mit Ernst 
Theodor Stöckhardt und Julius 
Adolph Stöckhardt die Zeitschrift 
„Die Landwirtschaftlichen Versuchs- 
Stationen“, die sich der Verbindung 
von landwirtschaftlicher Praxis und 
naturwissenschaftlichen Grundlagen 
widmete. 

Die Arbeit der Versuchsstation 
Weidlitz hatte sich trotz ungünstiger 
Verkehrslage grundsätzlich bewährt, 
sodass der bis 1862 laufende Kon¬ 
trakt um 6 Jahre verlängert werden 
sollte, als Hermann starb. Zwei Jahre 


192 



nach dessen Tod erfolgte 1864 die 
Verlegung nach Pommritz, wofür das 
dortige Rittergut durch die Landstän¬ 
dische Bank der Oberlausitz von den 
Erben des Carl Friedrich Wilhelm 
von Zenker für 93000 Taler erworben 
wurde. Die Arbeit der Versuchsstation 
Pommritz war anfangs in das Ritter¬ 
gut integriert. 1864 wurde Lehmann 
zum Professor ernannt. Seine 
Assistenten waren Johann Seyffert, 
dann Gerdemann und Kästner und 
schließlich Arthur Petermann und 
Hugo Weiske. Angebote aus München 


(1864) und den USA (1865) lehnte er 
ab. Insgesamt publizierte Lehmann 
in den 10 Jahren als Vorstand von 
Weidlitz und Pommritz 57 Schrif¬ 
ten, darunter zum Nährstoffgehalt 
von Futterstoffen, zur Düngung und 
Analysen zu den Inhaltsstoffen von 
Milch. Auf ihn gehen die ersten wis¬ 
senschaftlichen Versuche mit Fleisch¬ 
futtermehl bei Schweinen zurück. Als 
Futtermittelzusatz entwickelte er eine 
Salzmischung aus phosphorsaurem 
Natron und Chlorkalium. Lehmann 
führte zudem Qualitätsprüfungen von 





Auf Initiative des Geheimen Regierungsrates Theodor Reuning und des 
Rittergutsbesitzers Paul Hermann wurde 1857 durch den landwirtschaft¬ 
lichen Kreisverein Bautzen auf dem Rittergut Weidlitz eine der ersten land¬ 
wirtschaftlichen Versuchsstationen Deutschlands eingerichtet. Lehmann 
war deren wissenschaftlicher Leiter, Hermann stand dem Kuratorium vor. 


193 






Die landwirtschaftliche Versuchs¬ 
station in Pommritz. 

Düngern und Futtermitteln durch. 
Seine letzte Schrift, ein Gutachten im 
Auftrag des sächsischen Finanzminis¬ 
teriums, galt umweltbedingten Verun¬ 
reinigungen (durch Hüttenrauch) von 
Futtermitteln und deren Wirkungen 
auf den tierischen Organismus. In 
den folgenden fünf Jahrzehnten führ¬ 
ten in Pommritz Eduard Heiden 
und Gustav Loges die von Lehmann 
begründete agrikulturchemische 
Tradition fort. 

1867 erhielt Lehmann den Ruf als 
Professor an die landwirtschaftliche 
Akademie in Proskau/Oberschlesi- 
en. 1869 wurde er auf Empfehlung 
von Justus von Liebig, seit 1852 an 
der Ludwig-Maximilians- Universität 
München, zum Vorstand der zent¬ 
ralen Versuchsstation des landwirt¬ 
schaftlichen Vereins Bayerns beru¬ 
fen. Auch in München untersuchte 
Lehmann Pflanzen- und Tierernäh¬ 
rung. Er führte Soja als Futterpflanze 
ein. 1872 wurde die Versuchsstation 
als landwirtschaftliche Abteilung in 
die 1868 gegründete Polytechnische 
Schule, die heutige TU München, 


integriert. 1873 starb Justus von 
Liebig. Lehmann lehrte bis zu seiner 
krankheitsbedingten Emeritierung als 
Professor für Agrikulturchemie. 

1879 kehrte Lehmann nach Dresden 
zurück. Er trat hier der Naturwis¬ 
senschaftlichen Gesellschaft ISIS bei. 
Mitglieder zur Zeit Lehmanns waren 
Walther Hempel, Edmund Fried¬ 
rich und Heinrich Wilhelm Clemens 
Blochmann, den er schon seit seiner 
Zeit als Lehrer am Gymnasium kann¬ 
te, sowie viele bekannte Wissenschaft¬ 
ler wie Oscar Drude, Hanns Bruno 
Geinitz und Gustav Anton Zeuner. 
Nach 1890 führten Lehmann und 
Walther Hesse milchwirtschaftli- 
che Untersuchungen im Labor von 
Walther Hempel durch. Lehmann 
verglich die chemische Natur von 
Muttermilch und Kuhmilch, um diese 
durch geeignete Zusätze besser für 
die Säuglingsernährung nutzbar zu 
machen. Seine Ideen wurden später 
von Hempel und Hesse verwertet. 

Lehmann war eng mit Kipsdorf und 
dem oberen Weißeritztal verbun¬ 
den, für dessen Erschließung er sich 
engagierte. Er verbrachte viel Zeit im 
Julius-Alexander-Haus in Waldbä¬ 
renburg. Nach seinem Tod widmete 
ihm der „Verschönerungsverein 
zu Kipsdorf, Bärenfels und Bären¬ 
burg“ unweit der Riedelmühle einen 
Gedenkstein mit einem Porträtrelief. 
Das originale Relief fiel im Zweiten 
Weltkrieg der Rüstungsindustrie zum 
Opfer, wurde aber inzwischen auf Ini- 


194 



Das Julius-Alexander-Haus Waldbärenburg (nach 1900). 


tiative einer Urenkelin Lehmanns aus 
München und des Vereins „Freundes¬ 
kreis Kurort Oberbärenburg“ origi¬ 
nalgetreu wiederhergestellt. 

Quellen: Meyers Konversations-Lexikon, Bd. 
12, 1908, S. 331-333; „Ueber das Verbacken 
des Mehls aus ausgewachsenem Getreide“. 
Polytechnisches Journal, 1859, Nr. LXXVI., S. 
309-311; Walther Hempel: „Die Milchunter¬ 
suchungen Professor Dr. Julius Lehmanns“. 
Pflügers Archiv, Nr. 10-12, 1894, S. 558-578; 
Tina König: „Entwicklung der Ernährungsfor¬ 
schung beim Schwein (bis 1930)“. Dissertation 
Tierärztliche ttochschule Hannover, 2004; 
Joseph Stewart Fruton: „Contrasts in Scien¬ 
tific Style: Research Groups in the Chemical 
and Biochemical Sciences“. Memoirs of the 
American Philosophical Soc., Bd. 191, 1990; 
Friedrich Nobbe: „Statistische Revue über den 
Bestand des land- und forstwirthschaftlichen 
Versuchswesens nach 25-jähriger Entwicklung“, 
„Die gegenwärtig in Deutschland thätigen 
landwirtschaftlichen Versuchsstationen“. 

Die landwirtschaftlichen Versuchsstationen, 


Schönfeld, 1877, S. 176-195, 1863, S. 223 ff.; 
Walter von Boetticher: „Die Geschichte des 
Oberlausitzschen Adels und seiner Güter“. 

Bd. 3, Oberlößnitz 1919; Neill Busse: „Der 
Meister und seine Schüler: Das Netzwerk Justus 
Liebigs und seiner Studenten“. Georg Olms 
Verlag, 2015; William Shurtleff; Akiko Aoyagi: 
„History of Soybeans and Soyfoods in Eastern 
Europe (Including All of Russia) (1783-2015): 
Extensively Annotated Bibliography and Sour- 
cebook“. Soyinfo Center, 28.10.2015; Website 
TU München; Register der Eheschließungen, 
Kirchgemeinde Hochkirch; Polytechnisches 
Centralblatt, 15. Mai 1857; Friedrich Christian 
Paldamus: „Blochmann, Karl Justus“. Allge¬ 
meine Deutsche Biographie, Bd. 2, 1875, S. 
709-711; Sitzungsberichte und Abhandlungen 
der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft Isis, 
1886; Peter Salzmann: „Neues Relief über 
verwitterter Inschrift“. SZ Dippoldiswalde, 
15.2.2011; Eduard Heiden: „Denkschrift zur 
Feier des fünfundzwanzigjährigen Bestehens 
der agricultur-chemischen Versuchsstation 
Pommritz“, Adressbücher Dresden; myheri- 
tage.de; Angelika Lasius: „Wandmalereien der 
Albrechtsburg Meissen: Historienbilder des 19. 
Jahrhunderts“. Edition Leipzig, 2000 


195 





Adolf Lier war ein führender Landschaftsmaler seiner Zeit und ein Weg¬ 
bereiter der Freilichtmalerei in München. Erst Jahre später konnte sich die 
Freilichtmalerei mit der Unterstützung des Dresdner Anzeigers (vgl. Leon¬ 
hard Lier) auch in Dresden durchsetzen. Viele seiner Bilder befanden sich 
in Privatbesitz, so in der Familie (Rosalie Lier, München; Adolf Leonhard 
Lier; Oscar Lier, Apotheker Kinne, Herrnhut; Hermann Lier, Martha Lier, 
Berlin) und in der Oberlausitz (Graf von Einsiedel auf Reibersdorf; Walter 
von Boetticher). In Dachau ist heute eine Straße nach Adolf Lier benannt, 
und in Herrnhut erinnert das Heimatmuseum an ihn. 



Lier, Heinrich Adolf 

Professor, Landschaftsmaler 

21.05.1826 Herrnhut - 30.09.1882 Vahrn bei Brixen 

V: August Ludwig (1779-1847), Goldschmied, Inhaber einer Kolonialwarenhandlung; M: Chris¬ 
tiane Sophie (*1789 Herrnhut, 11863); G: Louise (heiratete 1846 den Apotheker Otto Bernhard 
Kinne), Hermann Gustav (übernahm 1854 das Familiengeschäft); E: September 1858 München, 
Rosalie geh. Hofmann (Kinderpflegerin der späteren bayerischen Könige Ludwig und Otto); K: 

1 Adoptivtochter, Pauline Hofmann (*1871 Glasgow, t nach 1928, Tochter von Liers Schwager 
Peter Hofmann, Mitbesitzer einer Lithographieanstalt, Pianistin, verh. Mennacher) 


Schon als Kind begeisterte sich Lier 
für das Zeichnen und illustrierte seine 
Schulbücher. Mit 11 Jahren wurde 
er auf die Knabenerziehungsanstalt 
der Herrnhuter Brüdergemeine nach 
Niesky geschickt. Auch hier fanden 
seine Zeichnungen nicht immer 
ungeteilten Beifall ob der Orte, wo er 
sie anbrachte. Noch verstärkt wur¬ 
de seine Neigung zur Kunst durch 
Besuche bei einer Tante in Dresden. 
Stundenlang verweilte Lier in der Ge¬ 
mäldegalerie, tief beeindruckt wollte 
er selbst Maler werden. Seinen Vater 
konnte er davon aber nicht überzeu¬ 
gen, denn der machte sich Sorgen um 
die finanzielle Zukunft des Sohnes. 
Lier wurde 1840 auf die Baugewer¬ 
kenschule in Zittau geschickt, wo er 
auch das Maurerhandwerk erlern¬ 
te. Ein Arbeitsunfall beim Bau des 
Rathauses hätte ihn fast das Leben 
gekostet. 1844 wechselte er auf die 
Dresdner Baugewerkenschule unter 
Gustav Heine, die lose der Techni¬ 
schen Bildungsanstalt angegliedert 
war. Sie wurde später abgetrennt 
(1873) und als Ingenieurschule der 
Zittauer Einrichtung unterstellt (nach 


1945). Als Lier 1846 bei einer aka¬ 
demischen Kunstausstellung für den 
„Entwurf zu einem herrschaftlichen, 
an einem Strom gelegenen Wohnge¬ 
bäude“ mit einer kleinen silbernen 
Medaille ausgezeichnet wurde, fand 
er Aufnahme im Atelier von Gott¬ 
fried Semper an der Kunstakademie 
und der Weg zum Architekten schien 
vorgezeichnet. Kurz nach dem Tod 
seines Vaters im Jahre 1847 erhielt 
Lier das Angebot, in Basel unter 
Leitung von Melchior Berri am dor¬ 
tigen Museumsbau mitzuwirken. Zu 
seinen Pflichten gehörte der Entwurf 
der Decken. In Basel begeisterte sich 
Lier für die Revolution. Er schloss 
sich Friedrich Hecker auf dessen 
bewaffnetem Freischaarenzug an, um 
in Karlsruhe die badische Regierung 
zu stürzen. Nach der Niederlage der 
Revolution entdeckte Lier seine Liebe 
zur Malerei wieder, wobei er von Carl 
Adolf Mende und Karl Eduard Süffert 
unterstützt wurde, der ihn 1849 nach 
München empfahl. Hier lernte Lier an 
der Privatschule von Johann Baptist 
Berdelle Köpfe und Akte zeichnen. 
Entscheidende Anregungen vermit- 


197 




„Am Starnberger See bei heran¬ 
ziehendem Gewitter“: Zum bevor¬ 
zugten Motiv Liers wurde nicht das 
Hochgebirge selbst, sondern häutig 
die flache Ebene davor mit den Ber¬ 
gen im Hintergrund, 
telte ihm der aus Zittau stammende 
Richard Zimmermann. Der Schüler 
von Ludwig Richter malte genre¬ 
haft staffierte Landschaften. Auch 
Liers Bilder waren später lange reich 
staffiert, mit einem Pfarrer mit rotem 
Regenschirm, oder auch mit Schafen, 
Weidevieh und Hochwild. 1852 ent¬ 
stand als Geschenk für seine Mutter 
Liers erstes Ölbild, die „Partie bei 
Brixen“. Im Jahre 1853 war er erstmals 
auf einer Dresdner akademischen 
Kunstausstellung als Maler vertreten 
(„Hohlweg im Walde“, „Heranziehen¬ 
des Regenwetter“). Zum Ende die¬ 
ser Phase des Suchens und Lernens 
wurde Liers Malstil zunehmend von 
Eduard Schleich und Carl Spitzweg 
beeinflusst. Mit seiner „Dorfpartie bei 
Habach“ für den Münchener Kunst¬ 
verein gelang ihm 1855 der künst¬ 
lerische Durchbruch. Lier liebte die 
Alpen und die oberbayerischen Seen, 
die er in vielen Bildern in spätroman¬ 
tischer Manier malte. Häufig hielt er 


sich in den Malerkolonien auf der 
Fraueninsel im Chiemsee um Max 
Haushofer und Christian Rüben und 
in Brannenburg auf. Es entstanden 
Gemälde wie „Abendstimmung am 
Starnberger See“, „Landschaft aus 
der Umgebung von Dachau“ und 
„Vom Frauenchiemsee“. 1861 un¬ 
ternahm Lier eine erste, kurze Reise 
nach Frankreich, 1864 reiste er ein 
zweites Mal nach Paris. Unter dem 
Einfluss der dortigen Meister der 
Landschaftsmalerei um Jules Dupre 
malte Lier Stimmungslandschaften. 
Man lehrte ihn hier einen ganz neuen 
Blick auf die Natur, die Intimität der 
Empfindung und eine Natürlichkeit 
des malerischen Ausdrucks („Pay¬ 
sage intime“). Im Louvre studierte 
und kopierte er die alten Meister. Mit 
Dupre reiste Lier nach Isle-Adam an 
der Oise. Die spätere Heimreise von 
England führte ihn nochmals kurz 
nach Herrnhut. Lier hatte bei Dupre 
gelernt, die Natur durch ihre schlichte 
Einfachheit wirken zu lassen. Dies 
sollte auch seine eigene, koloristi¬ 
sche Schule der Landschaftsmalerei 
in München prägen. Davon zeugten 
zuerst „Die Oise in der Gegend von 
Paris im Mondschein“ (Gemälde¬ 
galerie Dresden) und die „Partie an 
der Elbe bei Pillnitz“. 1867 erhielt 
er auf der Pariser Weltausstellung 
für die „Dorfgasse in England bei 
Mondschein mit heimkehrender 
Schafherde“ eine Goldmedaille. Die 
Kunstakademie Dresden wählte Lier 
1868 zum Ehrenmitglied. Auf der in¬ 
ternationalen Kunstausstellung 1869 


198 




Liers letztes Motiv war die Theresienwiese mit der Bavaria, die er 1882 in 
drei Varianten malte. Repro: Cybershot800i (Wikimedia Commons). 


in München zeigte er mit großem 
Erfolg „Vier Tageszeiten“ und „Isarge¬ 


gend bei München“. Lier hatte seinen 
künstlerischen Höhepunkt erreicht 
und gehörte jetzt zu den gesuchtesten 
Malern. Im gleichen Jahr eröffnete er 
in München eine private Malschule, 
die er bis 1873 erfolgreich führte. Der 
in Dresden geborene Hermann Baisch 
war einer seiner bedeutendsten Schü¬ 
ler. Liers „Vier Jahreszeiten“ und eine 
„Landstraße bei München im Regen“ 
wurden auf der Wiener Weltausstel¬ 
lung 1873 mit einer Kunstmedaille 
ausgezeichnet. Ungeachtet beginnen¬ 
der gesundheitlicher Probleme war er 
wieder freischaffend tätig und reiste 
nach Holland („Am Strand von Sche¬ 
veningen“) und 1876 nach Schottland, 
wo die Liers die älteste Tochter des 
verstorbenen Schwagers in Pflege 
nahmen. Die Münchener Akademie 
wählte ihn 1877 zum Mitglied und 
ernannte ihn 1881 zum Professor. Lier 


malte häufig Mondschein-, Nebel- 
und Regenstimmungen. Auch wenn 
er sich in seinen letzten Jahren etwas 
zurückzog, gehören gerade Gemälde 
aus dieser Zeit zu seinen bekanntesten 
Werken, wie der „Abend an der Isar“ 
(Nationalgalerie Berlin), der „Son¬ 
nenuntergang an der schottischen 
Küste“ (Museum Stuttgart) und „Die 
Theresienwiese mit der Bavaria bei 
Abendlicht“ (Pinakothek München). 
Die Städtischen Sammlungen Gör¬ 
litz besitzen drei Werke von Lier, das 
Stadtmuseum Bautzen „Am Kanal“ 
und „Abendlandschaff am See“. 

Quellen: Artikel von Hermann Arthur Lier in: 
Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 18, 1883, S. 
631-636 und Sigfried Asche in: Neue Deutsche Bio¬ 
graphie, Bd. 14, 1985, S. 535 f.; Friedrich von Boetti- 
cher: „Malerwerke des neunzehnten Jahrhunderts“. 
1891, S. 867-871; Theodor Mennacher: „Adolf Lier 
und sein Werk“. Piloty 8c Loehnle, München, 1928; 
„Die Kunst unserer Zeit“. F. Hanfstaengl, München, 
1904; Sächsisches Staatsarchiv Dresden; www. 
sophie-drinker-institut.de; wiki.olgdw.de; www.n- 
k-b.de; Leipziger Zeitung 1854; ISIS Dresden 


199 







Hermann Arthur Lier (1897), gemalt von Hermann Eduard Mangelsdorf 
(Deutsche Fotothek, Lizenz CC BY-SA 4.0). 






Lier, Hermann Arthur 

Professor, Dr. phil., Bibliothekar und Historiker 
01.02.1857 Herrnhut - 08.02.1914 Kötzschenbroda 

V: Hermann Gustav, Kaufmann, übernahm 1854 das Familiengeschäft; M: Rosine geh. Chodat; 
G: Leonhard (*22.3.1864 Herrnhut, f4.1.1917 Dresden, Dr. phil., Chefredakteur des Dresdner 
Anzeigers), ? Oscar (ab 1896 Gemeindevorstand in Herrnhut, Namensgeber einer Straße); E: 
(1) 5.5.1888 Dresden, Karola Ida Margarethe geb. Graf (*26.8.1869), (2) 17.7.1899 Dresden, 
Gertrud geb. Kunitz (28.3.1871-5.7.1922) 


Lier besuchte die Erziehungsanstalt 
der Brüdergemeine in Niesky und ab 
1872 das Gymnasium in Zittau. Nach 
dem Abitur im Jahre 1878 studierte 
er Geschichte in München und ab 
1879 in Leipzig, wo er 1882 auf der 
Grundlage seiner bereits in München 
verfassten Arbeit „Der Augsburgische 
Humanistenkreis mit besonderer Be¬ 
rücksichtigung Bernhard Adelmanns 
von Adelmannsfelden“ zum Dr. phil. 
promovierte. 1881 nahm Lier eine 
Tätigkeit als Hilfsarbeiter an der 
Königlichen öffentlichen Bibliothek in 
Dresden unter Oberbibliothekar Ernst 
Wilhelm Förstemann auf. 1888 wurde 
er zum Kustos und 1896 zum Bib¬ 
liothekar unter dem Direktor Franz 
Schnorr von Carolsfeld befördert. Im 
selben Jahr zog Lier nach Kötzschen¬ 
broda. Die Bibliothek befand sich im 
Japanischen Palais. 1907 übernahm 
Hubert Ermisch die Leitung. Lier 
gehörte mit Bruno Steglich dem 
Sächsischen Altertumsverein an. Er 
schrieb für die „Kunstchronik“, das 
„Deutsche Kunstblatt“ und verfasste 
eine Vielzahl von Lebensbildern für 
die „Allgemeine Deutsche Biogra¬ 
phie“ bzw. für das „Biographische 


Jahrbuch und deutscher Nekrolog“, 
darunter von Malern wie seinem On¬ 
kel Adolf Lier und von Gerhard 
Heinrich Jacobjan Stöckhardt 
sowie Mitgliedern der Brüdergemei¬ 
ne. Von Lier stammen wichtige Bei¬ 
träge zum „Allgemeinen historischen 
Porträtwerk“ von Woldemar von 
Seidlitz, dem Direktor der Dresdner 
Kunstsammlungen. Die Zusammen¬ 
stellung von über 600 Biografien 
erschien in zwei mehrbändigen Aufla¬ 
gen, zunächst nach Berufen geordnet 
und dann nach Zeitepochen von ca. 
1300 bis etwa 1840. Von 1898 bis 1906 
war Lier zudem Referent für bildende 
Kunst beim Dresdner Journal, später 
schrieb er für die Dresdner Nachrich¬ 
ten. Dem reformorientierten „Verein 
Bildender Künstler Dresdens“ gehörte 
er wie sein Bruder Leonhard Lier 
als außerordentliches Mitglied an. 

Quellen: Adolf Hinrichsen: „Das literarische 
Deutschland“. 2. Aufl., Berlin 1891; Hermann Chris- 
tern (Hrsg.): „Totenliste 1914“. In: Deutsches Biogra¬ 
phisches Jahrbuch. 1914/1916, 1925; August Ludwig 
Degener: „Wer ists?“ Bd. 5, 1911; Zentralblatt für 
Bibliothekswesen, Bd. 13; Mitgliederverzeichnis 
des Sächsischen Altertumsvereins, 1890; Dresdner 
Adressbücher 1881, 1908; Mitglieder-Verzeichnis 
des Vereins Bildender Künstler Dresdens, 1898 


201 




Leonhard Lier (1906), fotografiert von Erwin Raupp (1863-1931). 





Lier, Adolf Leonhard 


Professor, Journalist, Literaturwissenschaftler 
22.03.1864 Herrnhut - 04.01.1917 Dresden 

V: Hermann Gustav, Kaufmann, übernahm 1854 das Familiengeschäft; M: Rosine geh. Chodat; 
G: Hermann Arthur (*1.2.1857 Herrnhut, 18.2.1914 Kötzschenbroda, Dr. phil., Bibliothekar an 
der König! Bibliothek in Dresden, Mitarbeiter der Allgemeinen Deutschen Biographie), ? Oscar 
(ab 1896 Gemeindevorstand in Herrnhut, Namensgeber einer Straße); E: 7.1.1893 Dresden, 
Agnes Johanna geb. Herrmann (*10.12.1870); K: Marie Charlotte Erica (*1.4.1894 Dresden), An¬ 
dreas Hermann Leonhard (*1.4.1896 Dresden), Adolf Reinhard Theodor (*17.7.1898 Dresden) 


Die Herrnhuter Familie Lier ging auf 
den Goldschmied und Kaufmann 
August Ludwig Lier zurück, Leonhard 
Liers Großvater. Der Sohn eines Hof¬ 
kürschners und Ratsherren in Schwe¬ 
rin hatte nach Herrnhut geheiratet. 
Ein Sohn aus dieser Ehe war Adolf 
Lier, ein Onkel von Leonhard Lier. 

Lier besuchte die Schule in Herrn¬ 
hut und das Gymnasium in Zittau. 
1882/83 leistete er in Dresden seine 
Militärpflicht ab. Früh interessierte 
er sich für Literatur. Lier gehörte der 
1882 gegründeten „Offenen Loge“ 
an, einem berufsständigen Verein der 
Dresdner Schriftsteller. 1883 berichte¬ 
te er im Neuen Lausitzischen Maga¬ 
zin über Briefe des Zittauer Dichters 
Karl Friedrich Kretschmann an Karl 
August Böttiger in der Königli¬ 
chen öffentlichen Bibliothek, wo sein 
Bruder Hermann Arthur Lier zwei 
Jahre zuvor angestellt worden war. 
Auch in anderen Zeitschriften erin¬ 
nerte er an den brieflichen Nachlass 
Böttigers, so im Archiv für Literatur¬ 
geschichte bei Teubner. 1885 publi¬ 
zierte er bei Reclam zu ausgewählten 


Werken des Dichters der Aufklärung 
Johann Wilhelm Ludwig Gleim. Seine 
Studien der Philologie, Germanistik 
und Literaturgeschichte ab 1885 in 
Leipzig und München schloss Lier 
1889 in Leipzig mit der Dissertation 
„Studien zur Geschichte des Nürn¬ 
berger Fastnachtspiels“ über die 
Meistersinger ab. Zu seinen Professo¬ 
ren gehörten Friedrich Zarncke und 
Michael Bernays. Danach arbeitete er 
für die Liegnitzer Zeitung. 1890 holte 
ihn Hermann Thenius, der Lier schon 
von der Offenen Loge kannte, zum 
Dresdner Anzeiger. Thenius, seit 1878 
Chefredakteur, setzte die 1869 von 
Eduard Ferdinand Springer begonne¬ 
ne Entwicklung der ersten Dresdner 
Zeitung von einem Inseraten- und 
Amtsblatt zu einem redaktionellen 
Nachrichtenblatt fort. Schon vor sei¬ 
nem Amtsantritt gab es die Ressorts 
Politik, Wirtschaft, Örtliches und 
Feuilleton. Thenius brachte 1880 die 
Politik auf Seite 1. Für dieses Ressort 
engagierte er Lier, der zudem für das 
Feuilleton arbeitete. Um 1900 führte 
der Dresdner Anzeiger politische 
Leitartikel ein. 


203 



Lier war ein wichtiger Kulturrefor¬ 
mer und stand dem „Naturalismus“ 
nahe. Er schrieb in den 1890er Jahren 
viele Beiträge für die Zeitschrift „Der 
Kunstwart“ von Ferdinand Avenari- 
us, die Literatur, Theater, Musik und 
bildende Kunst thematisierte und sich 
zu einem deutschlandweit angesehe¬ 
nen Blatt der Kulturreformbewegung 
entwickelte. Zu Liers Themen im 
Kunstwart gehörten theoretische und 
historische Aspekte der Theaterkunst, 
aber auch Theaterkritik und Zen¬ 
sur. Er war in Dresden Mitglied der 
„Litterarischen Gesellschaft“ und im 
Dürerbund, der die Kunstwart-Inte- 
ressenten vereinigen sollte. Die Lit- 
terarische Gesellschaft, 1886 aus der 
Offenen Loge hervorgegangen, entwi¬ 
ckelte sich zu Dresdens wichtigstem 
Verein für literarisch Interessierte, 
indem sie sich breiten Bevölkerungs¬ 
schichten öffnete, darunter Frauen, 
Juden, Sozialdemokraten. Überall 
hier traf Lier mit Paul Schumann zu¬ 
sammen. Gemeinsam leiteten sie den 
Verein Dresdner Journalisten. Schu¬ 
mann, seit 1884 als Kunstkritiker fest 
beim Anzeiger angestellt, wurde für 
fast 30 Jahre zu einem engen Mitstrei¬ 
ter. Schumann engagierte sich für die 
deutsche Sprache, den Heimatschutz, 
die Freilichtmalerei und die Volksbil¬ 
dung, machte sich aber auch durch 
vehemente Kritiken an der traditio¬ 
nellen Dresdner Malerei und an Karl 
May viele Feinde. 1901 übernahm er 
die Leitung des Feuilletons. Genauso 
engagiert wie Schumann, häufig aber 
diplomatischer arbeitete Lier im The¬ 


aterreferat. Auch auf diesem Gebiet 
war die Zeit reif für Veränderungen. 
Das Hoftheater brachte Goethe, Schil¬ 
ler und Shakespeare, dagegen stand 
man den jüngeren Dichtern wie Ger- 
hart Hauptmann zunächst skeptisch 
gegenüber. Lier förderte die junge 
Dichtung im Dresdner Anzeiger, aber 
auch mit Beiträgen in anderen Zei¬ 
tungen und Zeitschriften (Norddeut¬ 
sche Allgemeine Zeitung, Münchner 
Allgemeine, Bühne und Welt, Blätter 
für literarische Unterhaltung, Wage, 
Die Grenzboten u.v.m.). 

Im Jahre 1902 folgte Lier Thenius als 
Chefredakteur, das Theaterreferat 
übergab er Friedrich Kummer. Der 
Dresdner Anzeiger blieb einer der 
entschiedensten Fürsprecher von 
Gerhart Hauptmann. Die Zeitung 
verdankte Lier ihren weiteren raschen 
Aufstieg, von 1900 bis 1914 verdop¬ 
pelte sich die Auflage von 23.500 auf 
46.500 Exemplare. Besondere Unter¬ 
stützung gewährte ihm Oberbürger¬ 
meister Gustav Otto Beutler. Dies war 
wichtig, weil der Dresdner Anzeiger 
zwar formal unabhängig war, sich 
aber praktisch in städtischem Besitz 
befand. Angriffen auf die Pressefrei¬ 
heit musste widerstanden werden. 
Justus Friedrich Güntz hatte 1856 
den Dresdner Anzeiger in die Dr. 
Güntz‘sche Stiftung eingebracht, die 
er der Stadt Dresden übereignete 
mit der Auflage, dass alle Erträge für 
soziale Zwecke und zur Verschöne¬ 
rung der Stadt eingesetzt werden. Der 
jeweilige Oberbürgermeister Dres- 


204 



dens stand der Stiftungsverwaltung 
vor. Beutler amtierte von 1895 bis 
1915. Zu den wichtigsten Projekten 
während Liers Zeit als Chefredakteur 
gehörte neben der Fortführung des 
sozialen Engagements (Bürgerheim, 
Güntzheim, Maternispital) der Bau 
des Neuen Rathauses bis 1910, an 
dem sich die Stiftung mit 600.000 
Mark beteiligte. 

Der Dresdner Anzeiger unter Lier 
engagierte sich in besonderer Weise 
für die im neu erbauten Ausstel¬ 
lungspalast stattfindenden Groß- 
Ausstellungen. Die Erste Deutsche 
Städte-Ausstellung 1903 wie auch die 
Internationale Hygieneausstellung 
1911 wurden nicht nur umfassend 
journalistisch begleitet, sondern der 
Dresdner Anzeiger unterhielt jeweils 
einen eigenen Pavillon. Lier entwi¬ 
ckelte aber auch das Zeitungskonzept 
weiter. Sein Hauptaugenmerk galt 
der Politik. Lier bemühte sich um 
Überparteilichkeit. Er selbst schrieb 
als Chefredakteur meist nur in den 
„Wochenschauen“. Den Wirtschafts¬ 
teil baute er mit einer internationalen 
Börsenberichterstattung aus. 1902 
gewann er Professor Harry Gravelius 
von der TH Dresden, um erstmals in 
Dresden zeitnahe Wettervorhersagen 
anzubieten. In Berlin wurde 1905 eine 
eigene Redaktion eingerichtet, um 
besser aus dem Reichstag berichten zu 
können. Auch die Auslandsberichter¬ 
stattung wurde intensiviert. In Wien, 
Paris, London, St. Petersburg, Rom 
und Konstantinopel verpflichtete der 


Dresdner Anzeiger eigene Korrespon¬ 
denten. Zu den berühmtesten Mit¬ 
arbeitern zählte Ludwig Munzinger 
(London, 1911). 

Der sächsische König verlieh Lier 
1906 anlässlich des 50. Jahrestages 
der Gründung der Dr. Güntzschen 
Stiftung den Professorentitel. Lier 
leitete den Landesverband der säch¬ 
sischen Presse und war Vorstands¬ 
mitglied des Reichsverbandes. Dem 
reformorientierten „Verein Bildender 
Künstler Dresdens“ gehörte er wie 
sein Bruder Hermann Arthur Lier 
als außerordentliches Mitglied an. 

Der Dresdner Anzeiger unterstütz¬ 
te die deutsche Kolonialpolitik in 
Südwestafrika. Als 1914 der Erste 
Weltkrieg ausbrach, bediente auch der 
Dresdner Anzeiger die ganz Deutsch¬ 
land erfassende patriotische Begeis¬ 
terung. 

Quellen: Herbert Zeißig: „Eine deutsche 
Zeitung. Zweihundert Jahre Dresdner An¬ 
zeiger“. Verlag der Dr. Güntzschen Stiftung, 
1930; „Lier, Hermann Arthur“. Wer ist‘s?, Bd. 

5, Verlag von H.A. Ludwig Degener, 1910; 
Siegfried Asche: „Lier, Adolf“. Neue Deutsche 
Biographie, Bd. 14, 1985, S. 535-536; Gerhard 
Kratzsch: „Kunstwart und Dürerbund. Ein 
Beitrag zur Geschichte der Gebildeten im 
Zeitalter des Imperialismus“. Vandenhoeck 
u. Ruprecht, Göttingen 1969; Dirk Hempel: 
„Literarische Vereine in Dresden. Kulturelle 
Praxis und politische Orientierung des Bür¬ 
gertums im 19. Jahrhundert“. Walter de Gru- 
yter - Max Niemeyer Verlag, 2008; Deutsches 
Biographisches Jahrbuch, Bd. 2, 1917-1920; 
Leonhard Lier: „Studien zur Geschichte des 
Nürnberger Fastnachtspiels“. Dissertation 


205 




Unter Gustav Loges entwickelte sich die landwirtschaftliche Versuchssta¬ 
tion Pommritz zu einem Zentrum der Dünge- und Futtermittelkontrolle im 
Königreich Sachsen. So stieg von 1893 bis 1913 die Anzahl der untersuchten 
Düngerlieferungen von 700 auf 3209 im Jahr. 


Loges, Gustav Adolph 

Professor, Agrarwissenschaftler in Pommritz 

21.07.1854 Marne (Schleswig-Holstein) - 20.03.1919 Pommritz 

V: Johann Jacob (*7.8.1800 Marne, 18.3.1871 Marne), Tischlermeister; M: Margarethe geh. Tagge 
(*22.7.1809 Westerdeich, t8.11.1865 Marne); G: Anna Christina (*11.6.1845 Marne), Maria 
Magdalena verh. Ibs (*23.2.1847 Marne, 128.5.1907 Marne), Carl Theodor (*19.7.1850 Marne, 
Tischler in Altona) sowie 5 ältere Halbgeschwister aus der 1. Ehe des Vaters mit Catharina geh. 
Peters (Margaretha Catharina, Johann Jacob, Hermann Peter, Wilhelm Hinrich, Julius Friedrich) 


Loges besuchte ab 1870 das Chris- 
tianeum in Altona, wo er ein Sti¬ 
pendium erhielt. Als jüngstes von 
insgesamt neun Kindern der Fami¬ 
lie war er das einzige, das auf eine 
höhere Schule gehen konnte. Nach¬ 
dem wenige Jahre zuvor die Mutter 
gestorben war, verstarb 1871 auch der 
Vater. In Altona konnte Loges aber 
weiterhin auf familiäre Unterstützung 
zählen. Zwei Halbbrüder wie auch 
der Bruder Carl Theodor arbeiteten 
dort als Tischler. Nach dem Abitur 
studierte Loges Chemie in Göttingen. 
Hier promovierte er 1878 mit der 
Arbeit „Über eine Darstellungsweise 
der Nitranilide, über ein Bromnitra- 
cetanilid und ein Bibromnitraceta- 
nilid“. Referent und Vorsitzender der 
mündlichen Prüfung in Chemie war 
Hans Hübner (Co-Direktor des Allge¬ 
meinen Chemischen Laboratoriums 
neben Friedrich Wöhler). Die münd¬ 
liche Prüfung in Physik legte Loges 
bei Johann Benedict Listing ab. 

Nach dem Studium arbeitete Loges 
an der landwirtschaftlichen Versuchs¬ 
station Kiel mit deren langjährigem 
Leiter Adolph Emmerling zusammen. 


Sie führten u. a. Analysen von Wasser 
und Waldböden durch. Loges erwarb 
sich einen wissenschaftlichen Namen 
mit Arbeiten auf den Gebieten Kris¬ 
tallographie und Elektrochemie. Er 
schrieb „Ueber die durch Einwirkung 
von Kaliumhydrat auf Traubenzucker 
entstehende reducirende Substanz“, 
„Ueber die Bildung von Acetol aus 
Zucker“ und „Bestimmung der Härte 
des Wassers“. Über seine alte Heimat 
im Kreis Dithmarschen publizierte 
er „Die Bezahlung der Zuckerrüben 
nach Zuckergehalt in der Fabrik zu 
St. Michaelisdonn und die Anbauver¬ 
hältnisse der Rüben in der Marsch“. 
Ab 1890 leitete Loges in der Nachfol¬ 
ge des nach Brasilien gewechselten 
Carl Brunnemann die landwirtschaft¬ 
liche Versuchsstation Posen. 

1893 übernahm Loges die Leitung 
der landwirtschaftlichen Versuchssta¬ 
tion Pommritz in der Nachfolge von 
Paul Bretschneider. Hier führte er die 
von Julius Lehmann und Eduard 
Heiden begründete agrikulturche¬ 
mische Tradition weiter. Zu seinen 
Mitarbeitern zählten Fritz Glaser, 
Hugo Neubauer und Arthur Strigel. 


207 



Loges, G,, Ueber die Bestimmung des Humus in den Ackererden, 
XXVIII, 229. — Ueber stickstoffhaltige organische Verbindungen in 
der Ackererde, XXXII, 201. — Bericht über die Wertberechnung 
des Feinmehls und der Phosphorsäure im Thomasmehl (Verb. 1. V.-St, 
Würaburg 1893), XLIII, 3;>0. — Bericht Über die Untersuchungen 
Ton Superphosphatgipa (Verb. 1. V.-St, Dresden 1894), XLV, 
385. — Bericht über die Bestimmung des AmmoninkBtickstoffs in 
Ammoniaksuperphosphaten ('Verb. 1. V.-St, Kiel 1895), LXVII, 198. — 
Bericht über die Unfallversicherung der Assistenten an den Ver¬ 
suchs-Stationen (Verb 1. V.-St., Kiel 1895), LXVII, 226. — Bericht 
über die Unterauchang der Superpbosphate mit citratlöaiicber Phos- 
phorBäure (Verb. 1. V.-St, Wiesbaden 1896), XL1X, 60. — Antrag 
des Ausschusses für Düngemittel, dass Knochenmehle nicht nach 
Wagner auf citratlösliche Phosphorsäure untersucht werden sollen 
(Verb. 1. V.-St., Harzbnrg 1897), L, 190. 

Loges publizierte seine Arbeiten wiederholt in den jährlichen Schriften des 

Verbandes landwirtschaftlicher Versuchs-Stationen (Stand 1898). 


Loges veröffentlichte „Tierkörpermehl 
als Futtermittel“, „Düngerkonservie¬ 
rungsmittel“ und „Fettbestimmung 
in Nahrungs- und Futtermitteln“. 

Im Mittelpunkt der Arbeit standen 
aber weniger die wissenschaftlichen 
Untersuchungen, sondern die immer 
zahlreicher werdenden Qualitätsprü¬ 
fungen von Dünge- und Futtermit¬ 
teln. Zudem engagierte sich Loges für 
eine Unfallversicherung der Assisten¬ 
ten an den Versuchsstationen. 

Loges war Mitglied der Deutschen 
Landwirtschafts-Gesellschaft, der 
Deutschen Chemischen Gesellschaft, 
des Naturwissenschaftlichen Vereins 
für Sachsen und Thüringen in Hal¬ 
le, der Deutschen Gesellschaft für 
Züchtungskunde und des Vereins für 
Socialpolitik. Im Verband landwirt¬ 
schaftlicher Versuchs-Stationen im 
Deutschen Reich unter der Leitung 
von Friedrich Nobbe arbeitete er im 


Futtermittelausschuss mit seinem frü¬ 
heren Direktor Emmerling und mit 
Oscar Kellner (Möckern) zusammen. 
Zudem wirkte Loges im Verband 
als Revisor. Wie Bruno Steglich, 
dessen Nachfolge an der Dresdner 
Versuchsanstalt später sein ehema¬ 
liger Assistent Neubauer übernahm, 
gehörte Loges der landwirtschaftli¬ 
chen Sektion der Gesellschaft deut¬ 
scher Naturforscher und Ärzte an. 

Im Landeskulturrat vertrat Loges von 
1911 bis 1919 die landwirtschaftli¬ 
chen Versuchsstationen. Der Landes¬ 
kulturrat, 1850 von Paul Hermann 
mitbegründet, bestand bis 1925 und 
stellte ein Bindeglied zwischen den 
regionalen landwirtschaftlichen Ver¬ 
einen und den Regierungsbehörden 
Sachsens dar. Neben Vertretern der 
Kreisvereine Dresden, Leipzig, Erzge¬ 
birge Chemnitz, Vogtland Auerbach 
und Oberlausitz Bautzen gehörten 
ihm weitere Vertreter unterschied- 


208 




Die landwirtschaftliche Versuchsstation Pommritz (vor 1920). Unter Gustav 
Loges standen wie schon seit der Gründung der Versuchsstation 1864, unter 
den Direktoren Julius Lehmann, Cuno Frisch, Eduard Heiden und Paul 
Bretschneider, die Agrikulturchemie sowie die Ernährung von Schweinen 
im Mittelpunkt. Zu den Aufgaben der Station gehörten zudem die Weiter¬ 
bildung der praktischen Landwirte durch Vorträge in den Vereinen und die 
Qualitätsprüfung von Dünge- und Futtermitteln. 


licher Fachrichtungen an, so Max 
Neumeister für das Forstwesen und 
Bruno Steglich für die Fischzucht. 
Das landwirtschaftliche Versuchswe¬ 
sen vertraten von 1872 bis 1889 Julius 
Adolph Stöckhardt, bis 1904 Friedrich 
Nobbe, bis 1911 Oscar Kellner und 
von 1919 bis 1925 Bruno Steglich. 
Den Vorsitz während Loges“ Mitglied¬ 
schaft hatte Rudolf Elwir Hähnel auf 
Kuppritz inne. 1912 wurde Loges für 
seine Verdienste um die Landwirt¬ 
schaft der Titel Hofrat verliehen. 

Quellen: Universitätsarchiv Göttingen; The Church 
of Jesus Christ of Latter-day Saints; Paul Heinrich 
von Groth: „Zeitschrift für Krystallographie und 


Mineralogie“ 1880; Johann Leopold Just: „Justs 
botanischer Jahresbericht“. Gebr. Borntraeger, 1885; 
Verein Deutscher Chemiker: „Repertorium der 
analytischen Chemie“, 1887; „Repertorium der tech¬ 
nischen Journal-Literatur“, C. Heymann, 1887; Peter 
Erasmus Müller, Christian F. Tuxen: „Studien über 
die natürlichen Humusformen“ Springer 1887; Ru¬ 
dolf Biedermann: „Technisch-chemisches Jahrbuch“. 
Springer, 1888; Friedrich Nobbe, Oscar Johann Kell¬ 
ner: „Die landwirtschaftlichen Versuchs-Stationen“. 
1890, 1894,1898,1902,1912, 1914; Hans Niklas, 
Albert Hock, F. Czibulka: „Literatursammlung aus 
dem Gesamtgebiet der Agrikulturchemie“ Agri¬ 
kulturchemisches Institut Weihenstephan der TH 
München, 1931; Chemiker-Zeitung, Bd. 43, 1919; 
Adressbuch der Stadt Dresden, 1912; Bruno Schöne 
(Bearb.): „Die Sächsische Landwirtschaft: ihre 
Entwickelung bis zum Jahre 1925, sowie Einrich¬ 
tungen und Tätigkeit des Landeskulturrats Sachsen 
zu Dresden“. Verlag des Landeskulturrates Sachsen, 
1925, 517 S.; Dresdner Salonblatt 1912; Bericht über 
das Königliche Christianeum, Altona, 1875 


209 




*r- 


■■ 






Während Marloths Amtszeit von 1860 bis 1875 fanden keine wesentlichen 
Umbauten an der Großdrebnitzer Martinskirche statt. Die alte Kirche hatte 
bis 1852 zusätzliche bzw. vergrößerte Fenster erhalten, der damalige Kirch¬ 
turm, der mit seiner Spitze nur unwesentlich über das Kirchendac h reicht e, 
Fenster und einen Eingang. Erst 1894 erfolgte der Au 
bis zu seiner heutigen Höhe 










Marloth, Carl Julius 


Sorbe, Pfarrer, Schriftsteller 
24.11.1807 Postwitz - 11.04.1884 Dresden 

V: Carl Gottlob (*5.6.1772 Bautzen, f9.12.1833 Postwitz), Pfarrer; M: Friederike Rahel geb. 
Martini, Tochter eines Kaufmanns aus Pulsnitz; G; Robert (studierte Jura), Louise; E: 5.11.1837, 
Konkordia Wilhelmine geb. Auerswald (6.11.1820-25.10.1894, älteste Tochter des Pfarrers 
zu Ponickau, Schwester des Pfarrers und Schriftstellers Oskar Theodor Auerswald, bis zuletzt 
in Dresden ansässig); K: Malwina Concordia (*2.10.1838), Julius Richard (*8.12.1840, verh. 
7.5.1869 Bernsdorf mit Berta Rosalie Koppelt, Kaufmann), Thrila Johanna (14.1.1842-30. 
5.1842), Meta Franziska (*15.10.1843, verh. 5.11.1867 Großdrebnitz mit Friedrich August 
Schumann aus Dresden), Maximilian Johannes Balduin (2.8.1845-26.5.1847), Reinhold Otto- 
mar (*4.8.1848, verh. 1874 Dresden mit Henriette Auguste Elisabeth Schaff, Buchbinder und 
Spielwarenhändler), Olga Theodora (*25.5.1850), Anna Margaretha (*18.3.1852, verh. 10.5.1874 
Großdrebnitz mit Ernst Hugo Uhlig), Fanny Nathalie (4.8.1853-27.5.1856), Martha Kathinka 
(22.10.1855-28.5.1856) 

Marloth entstammte einer sorbischen Mädchenlehrer war. Das Predigeramt 
evangelischen Theologenfamilie. an der Hospitalkirche, Königsbrücks 

Sein Vater, vorheriger Diakon in Begräbniskirche, war mit dem Rekto- 

Neschwitz, war 1807 als Pfarrer nach rat der seit 1836 vereinigten Knaben- 
Postwitz berufen worden. Der Jun¬ 
ge lernte schon früh die Schrecken 
des Kriegs kennen - die Familie floh 
1813 nach Schirgiswalde. Von 1820 
bis 1828 besuchte er das Gymnasium 
in Bautzen unter Karl Gottfried 
Siebelis. Danach studierte er bis 1831 
Theologie in Leipzig, wo er auch der 
Lausitzer Predigergesellschaft ange¬ 
hörte. Seinen pädagogischen Nei¬ 
gungen folgend - ein Großvater war 
Lehrer in Bautzen gewesen - nahm 
Marloth eine Stellung als Hauslehrer 
in Nedaschütz an. Frühzeitig interes¬ 
sierte er sich für soziale Belange und 
arbeitete als Diakon in Pirna. In den 
Jahren von 1835 bis 1860 wirkte Mar¬ 
loth in Königsbrück als Schuldirektor 
und Hospitalprediger, ab 1845 als 

Diakon, wobei er gleichzeitig erster Hospitalkirche Königsbrück. 



211 



und Mädchenschule und mit dem 
Diakonat verbunden. 

In Königsbrück entstanden viele 
schriftstellerische Arbeiten, häufig 
unter dem Pseudonym „Lothmar“. 
Die ersten Werke wurden bei Reichel 
in Bautzen verlegt. Davon sind die 
„Praktische Gedächtnislehre“ und 
die „Wunderkuren eines unstudirten 
Dorfdoctors“ in der British Library 
nachgewiesen. Viele Werke Marloths 
galten sozialen und pädagogischen 
Themen. Sie fanden Eingang in wich¬ 
tige Fachbibliografien der Medizin, 
Mathematik, Astronomie, Philo¬ 
sophie, Pädagogik und Philologie. 

Mit seinen theologischen Schriften 
wandte er sich zumeist an spezielle 
Zielgruppen wie Kranke, Soldaten 
und Auswanderer, denen Marloth 
geistlichen Beistand leistete. 1847 
unterstützte er das „Dresdner Album“ 
für die Hungernden im Erzgebirge, 
im Vogtland und in der Oberlausitz, 
das insgesamt 1700 Taler erbrachte. 
Im Zusammenhang mit den revolu¬ 
tionären Ereignissen 1848/49 gibt es 
Hinweise auf erhebliche persönliche 
und berufliche Probleme. So wurde 
er noch 1851 als ehemaliger Aktivist 
der sogenannten „Umsturzpartei“ in 
Königsbrück polizeilich überwacht: 
„...Individuen wurden im Jahre 1848 
als Führer der Umsturzpartei auch 
bemerkbar, sind aber von ihren frü¬ 
heren Ansichten schon im Jahre 1850 
gänzlich abgegangen.“ (Die seinerzeit 
radikale Umsturzpartei gehörte zu 
den Vorläufern der Sozialdemokra- 


Bibliografie 

„Praktische Gedächtnislehre, oder die 
Kunst, ein ganz vorzügliches Gedächtnis zu 
erlangen“. Reichel Bautzen, 1842 
„Wunderkuren eines unstudirten Dorfdoc¬ 
tors. Eine Volksschrift“. Reichel Bautzen, 
1844 

„Die Wünschelruthe. Eine Volksschrift“. 

Reichel Bautzen, 1844 

„Reisen eines Verstorbenen in Sonne, 

Mond u. Sterne. Eine populäre Astrono¬ 
mie“. Reichel Bautzen, 1844 
„Einige durch Zeitumstände nöthig gewor¬ 
dene Bemerkungen über Verbesserung des 
Erfinderwesens“. Orthaus Leipzig, 27 S., 
1844 

„Stimmen über Grab, Tod u. Scheintod. 
Eine Volksschrift“. O. Wigand Leipzig, 

195 S„ 1845 

„Ueber das Lebendigbegraben. Erzählungen 
für das deutsche Volk“. O. Wigand Leipzig, 
1847 

„Predigt am Charfreitage“. Teubner Leipzig, 
15 S„ 1847 

„Ueber Emancipation der Schullehrer“. 
Pulsnitz, 12 S., 1848 

„Sittenspiegel für Dienstboten männlichen 
und weiblichen Geschlechts in der Stadt 
und auf dem Lande“. Verlag der Theodor 
Schmidtchen Kunst- und Buchhandlung, 93 
S. sowie Ferdinand Rühle Dresden, 1851 
„Lebens-Portefeuille Gaben der Liebe und 
Freundschaft“. Schmid Querfurt, 1853 
Manuskripte zu „Biblische Sprüche für Ehe¬ 
leute“, „Biblischer Wegweiser für Auswan¬ 
derer“, „Biblische Sprüche für die Verhält¬ 
nisse des Soldatenstandes“, Sammlung von 
Liedern, Sprüchen und Betrachtungen für 
Kranke 

„Episoden aus dem Kriegsjahr 1866“. In: 
Beilage „Unsere Heimat“ zum „Sächsischen 
Erzähler“, Nr. 27, 8.6.1926, veröff. von F. 
Marloth, Halle/Saale (Enkel von Marloth) 
„Chronik von Groß- und Kleindrebnitz“ 
(1504-1869). 


212 



tie.) Das Verhältnis zum damaligen 
ersten Pfarrer von Königsbrück, Karl 
Kirsch, muss schlecht gewesen sein. 
Davon zeugen mehr als kritische 
Vermerke des königstreuen Kirsch in 
Königsbrücker Kirchenschriften, in 
denen dieser z. B. die schriftstelleri¬ 
sche Kompetenz Marloths verneinte, 
deren Anerkennung aber verschwieg. 

Von 1860 bis zu seiner Emeritierung 
1875 arbeitete Marloth als Pfarrer 
in Großdrebnitz. Er war hier wegen 
seines sozialen Engagements hoch 
geachtet. So gründete er 1869 die 
Volksbibliothek und schuf mit seiner 
Chronik wichtige Grundlagen für die 
Großdrebnitzer Ortsgeschichtsschrei¬ 
bung. Der chronologischen Darstel¬ 
lung ab 1504 vorangestellt hatte Mar¬ 
loth den damaligen Kenntnisstand bis 
zurück in die Zeit der Ortsgründung. 
Er berichtete über wiederholte Drang¬ 
sale der Dorfbevölkerung während 
der Kriege, beschrieb aber auch 
Bemerkenswertes aus dem Dorfalltag, 
z. B. klimatische Besonderheiten mit 
ihren Auswirkungen auf die örtliche 
Landwirtschaft. Hervorzuheben ist 
ein Eintrag zur gebräuchlichen Orts¬ 
angabe in ehemals hiesiger Volksspra¬ 
che: „in der Drebnitz“ statt „in Dreb- 
nitz“. Diese Formulierung legt nahe, 
dass die Ortsbezeichnung Drebnitz 
aus der Umgebung abgeleitet wurde. 
Im Zusammenhang mit der strittigen 
Lokalisierung des Casteilums Trebis- 
ta, das 1007 urkundlich ersterwähnt 
wurde, bedeutet dies, dass ein Kastell 
als Zentrum des späteren Burgward- 


bezirks Trebista nicht identisch mit 
einem Ort ähnlichen Namens in 
dieser Gegend gewesen sein muss. 

Die Chronik wurde am 18. Mai 1869 
in den Grundstein des neuen Schul¬ 
gebäudes gelegt. In Bruno Barthel 
fand Marloth einen würdigen Nach¬ 
folger als Heimatforscher. Die Grab¬ 
platte in der Martinskirche Großdreb¬ 
nitz erinnert noch heute an Marloth. 

Quellen: Bruno Barthel: „Altes und Neues aus 
Groß- und Kleindrebnitz“. Friedrich May Bischofs¬ 
werda, 1907; Pf. Sebastian Führer: „Gedenkblatt zur 
Wiedereinweihung der Martinskirche Großdreb¬ 
nitz am 4. Sonntag nach Trinitatis, 19. Juni 2005“; 
Martinskirche Großdrebnitz, Pfarrarchiv; Werner 
Lindner: Auszüge aus dem Seelenregister der Stadt 
Königsbrück; Wilhelm Haan: „Sächsisches Schrift¬ 
steller- Lexicon“. Robert Schaefers Verlag Leipzig, 

S. 208, 1875; Erhard Hartstock, Peter Kunze: „Die 
bürgerlich-demokratische Revolution von 1848/49 
in der Lausitz“. Domowina-Verlag, S. 248,1977; 
Reinhold Grünberg: „Sächsisches Pfarrerbuch. Die 
Parochien und Pfarrer der Ev.-luth. Landeskirche 
Sachsens (1539-1939)“. Ernst Mauckisch Freiberg, 
1940; Emil Weller, Emil Ottokar Weller: „Lexi¬ 
con Pseudonymorum“. Georg Olms Verlag, 1997; 
Wilhelm Engelmann, Theodor Christian Friedrich 
Enslin: „Bibliotheca medico-chirurgica et anato- 
mico“. 1848; Ludwig Adolph Sohncke: „Bibliotheca 
Mathematica“. 1854; Johann Samuel Ersch, Chris¬ 
tian Anton Geissler: „Bibliographisches Handbuch 
der philosophischen Literatur“. F.A. Brockhaus, 

1850; Jean-Charles Houzeau, Albert Lancaster: 
„Bibliographie generale de lastronomie“. 1882; Neue 
Jahrbücher für Philologie und Pädagogik, B. G. 
Teubner, 1842; „Dresdner Album: Zur Unterstüt¬ 
zung der Nothleidenden im Sächsischen Erzgebir¬ 
ge, im Voigtlande und in den Weberdörfern der 
Oberlausitz“ Verlag Meinhold, 1847; „Die Diöcesen 
Bautzen und Kamenz“. Neue Sächsische Kirchenga¬ 
lerie, Verlag Arved Strauch, Leipzig; Neues lausit- 
zisches Magazin: Zeitschrift der Oberlausitzischen 
Gesellschaft der Wissenschaften, Verlag Oettel, S. 
130f., 1834; Adressbücher der Stadt Dresden; „Ab¬ 
schrift der in dem Grundstein des Schulgebäudes 
am 18. Mai 1869 gesetzte Kurzgefaßte Chronik von 
Groß- und Kleindrebnitz, gesammelt und aufgesetzt 
von Carl Julius Marloth Pfarrer daselbst.“; Lausitzer 
Prediger-Gesellschaft zu Leipzig, Jahresbericht 1875 


213 




August Gottlieb Meißner, Kupferstich von Christian Gottlob Scherf nach 
einem Bild von Anton Graff. 


Quellen: Franz Schnorr von Carolsfeld: Artikel „Meißner, August Gottlieb“ und „Quandt, Gottlob 
von“. Allgemeine Deutsche Biographie; Rudolf Fürst: „August Gottlieb Meißner. Eine Darstellung 
seines Lebens und seiner Schriften“. 1900; Walter Weber: „Meißner, August Gotllieb“. Neue Deutsche 
Biographie, Bd. 16, 1990, S. 694; Oskar Ludwig Bernhard Wolff: „Encyclopädie der deutschen Natio¬ 
nalliteratur“ Bd. 5, O. Wigand, 1840; Brockhaus Conversations-Lexikon, Bd. 8, Leipzig 1811, S. 48-49; 
Brockhaus' Kleines Konversations-Lexikon, Bd. 2, Leipzig 1911, S. 160; Woldemar von Biedermann: 
„Goethe und Dresden“. Books on Demand, 2012; wiki2.olgdw.de 

















Meißner, August Gottlieb 

Professor, Schriftsteller, Begründer der deutschen Kriminalliteratur 
03.11.1753 Bautzen - 18.02.1807 Fulda 


V: Abraham Gottlieb (t 16.10.1761 Bautzen), Regimentsquartiermeister beim Minckwitzschen 
Kürassierregiment, Senator für Militärangelegenheiten; M: Charlotte Ernestine geb. Sergnitz 
(t 1779), Tochter des Arztes Johann Gottlob Sergnitz aus Löbau; E: 13.11.1783 Johanna Christi- 
ana Elisabeth geb. Becker (*1764,130.3.1807 Fulda, Tochter des Hofrats Ernst Gotthelf Becker 
aus Dresden); K: 1 Sohn, Eduard (*1785 Dresden, tl868 Prag, Dr. med., Badearzt in Teplitz und 
Karlsbad, Senior der Ärzte in Prag), und 3 Töchter, Bianca (*24.11.1790 Prag, t24.3.1862 Dres¬ 
den, verwitwete Kriegsrätin Low, ab 2.6.1819 in 2. Ehe mit dem Schriftsteller und Kunstmäzen 
Johann Gottlob von Quandt verheiratet), Elvira (*1793, tl806 Fulda) und Natalie (t 1807 Fulda); 
Enkel: Alfred Meißner (*15.10.1822 Teplitz, 429.5.1885 Bregenz, schrieb „Gedichte“, das Epos 
„Ziska“ und die Romane „Sansara“ und „Schwarzgelb“) 


Meißner zog drei Jahre nach dem 
Tod des Vaters mit seiner Mutter von 
Bautzen nach Löbau, wo er bis 1772 
das Lyzeum besuchte. Rektor war hier 
Johann Gottfried Heinitz, der zuvor 
Gotthold Ephraim Lessing in Kamenz 
unterrichtet hatte. 1773 bezog Mei߬ 
ner die Universität und studierte bis 
1776 in Wittenberg und Leipzig zu¬ 
nächst Jura und später auch Rhetorik 
und Geschichte. In Leipzig vermit¬ 
telte ihm Ernst Platner Grundlagen 
der psychosomatischen Medizin, die 
Meißners spätere Kriminalerzählun¬ 
gen maßgeblich beeinflussen sollten. 
Bereits während des Studiums begeis¬ 
terte sich Meißner für Theater und 
Dichtung und pflegte Umgang mit 
den Mimen Conrad Ekhof, Friederike 
Sophie Seyler und Ester Charlotte 
Brandes. Seine ersten Versuche als 
Dramatiker wurden von Johann Jacob 
Engel gefördert. 1776 erschienen 
einige erfolgreiche Werke Mei߬ 
ners, darunter die komische Oper 
„Das Grab des Mufti“. Er gab zudem 


historische Schriften zur Geschichte 
Englands, dessen gesellschaftliches 
System er bewunderte, und Deutsch¬ 
lands heraus. 

Weil sich die Mutter Sorgen um die 
wirtschaftliche Zukunft ihres Sohnes 
machte, entschied sich Meißner für 
eine Beamtenlaufbahn am sächsi¬ 
schen Hof in Dresden, wo er eine 
Anstellung als Geheimer Kanzellist 
im Geheimen Konsilium und wenig 
später am Geheimen Archiv erhielt. 
Seine schauspielerischen Neigungen 
lebte er am Societaetstheater aus. 

In Dresden erreichte Meißner den 
Höhepunkt seiner schriftstellerischen 
Laufbahn. Mit Karl Christian Canz- 
ler gab er die Quartalsschrift „Für 
ältere Litteratur und neuere Lectüre“ 
heraus. Es entstanden die Romane 
„Alcibiades“ und „Bianca Capello“, 
die Persönlichkeiten der italienischen 
Renaissance bzw. der griechischen 
Antike gewidmet waren, das Singspiel 
„Alchemist“ und die Schauspiele „Ar- 


215 




Seinen Roman Alcibiades von 1781 
widmete Meißner dem Maler Jo¬ 
hann Eleazar Zeissig (Schenau). 
Schenau schuf die Zeichnung zum 
Titelbild, die von Ephraim Gottlieb 
Krüger gestochen wurde. 

sene“ und „Johann von Schwaben“. 
Seine Kantate „Das Lob der Musik“ 
wurde von Hofkapellmeister Joseph 
Schuster vertont. Zudem startete 
Meißner 1778 seine „Skizzen“ (pro¬ 
saische Aufsätze, Anekdoten, Erzäh¬ 
lungen, Fabeln), die schließlich in 14 
Sammlungen erschienen. Sie zeichne¬ 
ten sich durch eine angenehme Art zu 
erzählen, Einbildungskraft und Witz 
aus und begründeten maßgeblich 
seinen Ruf. Meißner hielt in Dres¬ 
den enge Beziehungen zu führenden 
Künstlern seiner Zeit, darunter den 
Hofkapellmeistern Johann Gottlieb 
Naumann, dessen Biografie er verfass¬ 


te, Joseph Schuster und Franz Seyde- 
lmann, die mehrere Stücke Meißners 
vertonten, dem aus Zittau stam¬ 
menden Schriftsteller Karl Friedrich 
Kretschmann und der Dichterin Elisa 
von der Recke sowie den Malern Jo¬ 
hann Eleazar Zeissig und Crescen- 
tius Jakob Seydelmann. Um die Hand 
der Malerin Dora Stock, einer Tante 
von Theodor Körner, bemühte er sich 
vergeblich. Als Vertreter der Aufklä¬ 
rung kritisierte Meißner wiederholt 
den Hofstaat. Zwei Söhne von Hein¬ 
rich von Brühl, Hanns Moritz und 
Alois Friedrich, gehörten trotzdem 
zu seinem engen Bekanntenkreis. Seit 
1780 war Meißner Mitglied der Ober- 
lausitzischen Gesellschaft der Wissen¬ 
schaften in Görlitz. Von 1780 bis 1787 
gehörte er der von Johann Samuel 
Petermann, einem Sohn von Georg 
Petermann, geleiteten Freimaurer- 
Loge „Zum goldenen Apfel“ an. Mit 
der Loge „Herkules“ in Schweidnitz 
war er zuvor affiliiert. 

1785 erhielt Meißner die Professur 
der Philosophie an der Universität 
Prag, vermutlich auf Empfehlung 
von Ernst Platner. Er übernahm aber 
schließlich die Ästhetik und klassi¬ 
sche Literatur. Meißner gab in Prag 
die Zeitschrift „Apollo“ heraus und 
gründete ein Buchgeschäft. Er ver¬ 
fasste Biografien zur griechisch-rö¬ 
mischen Geschichte wie „Spartacus“, 
„Epaminondas“ und „Leben des Julius 
Caesar“ sowie 1796 als Sammelband 
seine „Kriminal-Geschichten“. In Prag 
herrschte unter Kaiser Joseph II. ein 


216 


tolerantes, aufgeklärtes Klima, das 
auch die Berufung eines protestanti¬ 
schen Professors wie Meißner zuließ. 
Mit dem Tod des Kaisers 1790 gewan¬ 
nen jedoch an der Universität restau- 
rative Bestrebungen um den katho¬ 
lischen Klerus an Einfluss, die auch 
Meißners Lehrtätigkeit erschwerten. 
1805 wechselte Meißner nach Fulda 
als Konsistorialrat und Direktor des 
Gymnasiums. Wie in Prag kam er als 
protestantischer Lehrer in ein streng 
katholisches Umfeld, in dem erst 
1802 die Säkularisierung eingeführt 
worden war. Weil Friedrich Wilhelm 
von Nassau auf Seiten der Preußen 
gekämpft hatte, besetzten nach der 
Schlacht von Jena napoleonische 
Truppen Fulda. Mit ihnen kam der 
Typhus, der Meißner 1807 im Alter 
von 53 Jahren, seiner Frau und zwei 
Töchtern das Leben kostete. 

Meißner war seinerzeit einer der 
Lieblingsschriftsteller des Publikums 
und insbesondere bei der weiblichen 
Leserschaft angesehen. Seine ausge- 
zeichenten Fremdsprachenkennt¬ 
nisse ermöglichten ihm anerkannte 
Übersetzungen und Bearbeitungen 
aus dem Französischen, Englischen, 
Italienischen, Lateinischen und Grie¬ 
chischen. Die berühmten Schriftstel¬ 
ler seiner Zeit wie Johann Wolfgang 
von Goethe und Ludwig Tieck sahen 
ihn dagegen kritisch mit Hinweisen 
auf sprachliche Mängel und fehlende 
Originalität. Nach Meißners Tod gab 
Christoph Kuffner dessen gesammelte 
Werke in 56 Bänden heraus. 



Clara Bianca von Quandt mit Laute, 
1820 von Julius Schnorr von Ca- 
rolsfeld gemalt. Meißners Tochter 
heiratete zwölf Jahre nach dem 
Tod des Vaters in Dresden Johann 
Gottlob von Quandt. Zu den regel¬ 
mäßigen Gästen im Hause Quandt 
gehörten Ernst Rietschel, Gott¬ 
fried Semper, Karl August Böt- 
tiger und Gottlob Adolf Ernst 
von Nostitz und Jänkendorf. 
Quandt übte großen Einfluss auf 
das Kunstgeschehen in ganz Sachsen 
aus. Er war einer der Mitbegründer 
des Sächsischen Altertumsvereins 
und des Sächsischen Kunstvereins 
sowie Mitglied des akademischen 
Rats an der Kunstakademie und der 
Dresdner Galeriekommission. 1830 
kaufte er das Rittergut Dittersbach. 


217 




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Die gönne freunbllcb, I)olb unb milb 
Slralftt unuuiiuölfi barein. 

Mag itje flammenb .JjimmelSbllb 
Da« Üiuge ©olle« fein? 

Der ©loden feieriid) ©eidut’ 

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Unb 91 Be« fingt unb Hlße« freut 
«Sieb Ijeut’ ju ©otte« @l)r’; 

De« ©laul'enöijtlbei, Siegfldjoral 
Steigt im ißofaumnton 
@mpot vom frofien ©rbenti)a[ 

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„©in’ fefie ©urg ift unfei ©ott, 

©olt unfre 3 ll 'H'rftcbt, 

©or Ü) 111 p|e ÜBelt tnii 811g unb Spott 
3 n Staub jufammcnbtitbt; 

Da« SBott, Per ©ibel reine« EBort, 

Sie foll e« laffett ftaijn, 

©ott ift mii un«, ©ott unfer JJjort 
Unb Gljrlftu« bridit un« ©nljn!" 

So lubelt auf au« »oßer ©ruft, 
üßer’« treu unb teblid) meint, 

Unb beiidt in ijeil'get gefte«(ufi 
Die Jjattb bem ©Kiubenflfreiinb, 

8a ngebrü d, 


i ff n s f e ( 1 . 

G« maßt in. feietlidjen 3 u fl 
3 um Dome 3 ung unb Stil; 

Mein je ein .fjerj im ©ufen fdjlug, 
Ötgreifl’ä mit Sitigercall. 

3 nm Opfer iieigt mit Orgeiflang 
©rei«, Siuljm unb Dant unb glelj’n 

3 m 8icberton unb frommen Sang 
hinauf ju ©ölte« 4pöl)’n: 

„Grijalt’ un«, £ert, in reiner 8ei)c’ 
Unb tnad)’ un« feft unb treu, 

Dafi unfer ©iaube ftarfe 2 Bef)t’ 

Unb Sieg Ijienieben fei.“ 

„ 3 n Deine §ut nimm, ©ott bee Mad>t, 
Dein UBort in 3 efu Gßcift, 

Unb jeig’ beut böfett ©etfi bet 9 iadjt, 

Dafj Du SRegente bift V* 

So mögt be« 8tebe« ißeßcnfcblag 
Dlitdj’« licil'ge ©olicolpu«, 

Der ütottfe ruft’« im Slißen nadj 
Son feinet 3 l '0e au«. 

O Dag be« «jerrn, bon ©olt gemadjt, 
©ergip tijit, SadJfe.t, nidjt; 

9 tad) ®iauben?}»,ing nnb finftrer 9 t'ac 8 ( 
©rfdjirt. fein ijetie« ?idft. 

Der ÜBabeljcit ©lanj, ba« fei Dein Stern, 
Dem Sinter ©lanbcnStccu: 

Dtt wirft inPDienfte Deine« fitrrn, 

3 m 8ldjt ber ©Sahrfteit frei! 

Ä. SB. 9 )? i 11 a g, Ceftrer. 


Karl Wilhelm Mittag veröffentlichte mehrere Gedichte im „Sächsischen 
Erzähler“. 






Mittag, Karl Wilhelm 

Stadtchronist von Bischofswerda 

24.12.1813 Rammenau - 29.04.1864 Langebrück 

V: Johann Gottlieb, Häusler in Rammenau; M: Eva Rosina geh. Häntsche (*1.9.1785 Rauschwitz, 
t24.11.1840 Rammenau), Tochter eines Freibauern; G: Johann Gottlieb (*24.3.1808 Rammenau, 
t nach 1840), Hanne Eleonore (*13.8.1822 Rammenau, t nach 1840); E: 1843, Emilie Paulina 
geh. Lommatzsch (Tochter von Karl Gottfried Lommatzsch, Rittergutspächter und Gutsbesitzer 
in Burkhardswalde; ? Pferdezüchter Gottfried Leberecht Lommatzsch, *1803 Burkhardswalde) 


Karl Mittag stammte aus einfachen 
Verhältnissen. Er besuchte an seinem 
Geburtsort Rammenau die Schu¬ 
le und blieb der Heimat zeitlebens 
verbunden. Mit seinem ehemaligen 
Kirchschullehrer Johann Gott¬ 
lob Riedel war er befreundet. Von 
1830 bis 1834 besuchte Mittag das 
Fletcher'sche Lehrerseminar in Dres¬ 
den. Zurückgehend auf eine Stiftung 
von Friederica Christiana Elisabeth 
Freifrau von Fletcher aus dem Jahre 
1769 war es 1825 gegründet worden. 
Es sollte Kindern aus einfachen Fa¬ 
milien den Zugang zum Lehrerberuf 
ermöglichen. Unterricht und Woh¬ 
nung waren kostenlos. Das Seminar 
stand unter der Administration von 
Detlev Graf von Einsiedel, der wenige 
Jahre zuvor als sächsischer Kabinetts¬ 
minister der Stadt Bischofswerda eine 
Denkmalbüste für König Friedrich 
August den Gerechten gestiftet hatte. 
1835 erhielt Mittag seine erste An¬ 
stellung als Hilfslehrer in Siebenlehn. 
Ab 1837 arbeitete er als Kirchschul¬ 
lehrer und Organist in Heynitz bei 
Meißen. Hier zeichnete Mittag für 
die Ausgestaltung der 300-Jahr Feier 
der Reformation, von Heinrich dem 


Frommen 1539 im albertinischen 
Sachsen eingeführt, unter dem Pat¬ 
ronat von Christian Gottlob Adolph 
von Heynitz mitverantwortlich. 1842 
wurde die Heynitzer Kirche umgebaut 
und dabei die Orgel umgesetzt. Am 
30. April 1849 gehörte Mittag zu den 
Rednern einer Volksversammlung 
in Meißen, die zur Anerkennung der 
Frankfurter Verfassung aufriefen. 

Mittag war wissenschaftlich sehr 
interessiert. In Meißen gehörte er der 
Naturwissenschaftlichen Gesellschaft 
ISIS an und auch zur Oberlausitzi- 
schen Gesellschaft der Wissenschaf¬ 
ten zu Görlitz hatte er Kontakt. (Die 
zitierte korrespondierende Mitglied¬ 
schaft konnte in den Mitgliederver- 
zeichnissen nicht bestätigt werden.) 
Die ISIS Meißen wurde zu jener Zeit 
vom Mediziner Dr. Körner und die 
Muttergesellschaft in Dresden von 
dem bedeutenden Naturwissenschaft¬ 
ler Ludwig Reichenbach geleitet. 

Zu den bekanntesten Projekten in 
Meißen zählte die „Chronik des Gar¬ 
tenwesens und Feuilleton der Isis“, he¬ 
rausgegeben von Karl Andreas Geyer. 
Mittag selbst überarbeitete 1853 das 


219 



„Religions- und Spruchbuch für 
evangelisch-lutherische Volksschulen 
mit Rücksicht auf Dr. Mart. Luthers 
kleinen Katechismus“ von Karl W. 
Lotze, erschienen in der 8. Auflage bei 
Klinkicht Meißen. Bei diesem Verlag 
publizierte er 1858 auch sein „Hand¬ 
buch zur Gewichtsreform in Sachsen: 
Die gesetzlichen Bestimmungen. 

Über Einführung eines allgemeinen 
Landesgewichts“ im Zusammenhang 
mit den Standardisierungsbestrebun¬ 
gen des Deutschen Zollvereins, das 
sich sowohl an Geschäftsleute wie 
auch an Privatpersonen richtete. 

Von dem befreundeten Verleger 
Friedrich May, seinerzeit kurz vor 
dem Eintritt in die Dresdner Frei¬ 
maurerloge „Zu den drei Schwertern“, 
der auch Christian Gottlob Adolph 
von Heynitz angehört hatte, ließ sich 
Mittag überzeugen, für Bischofswer¬ 
da eine neue Chronik anzufertigen. 
Die vormalige aus dem Jahre 1713 
ging auf den Bischofswerdaer Kan¬ 
tor Christian Heckei zurück. Heckei 
schrieb darin die Arbeit von Michael 
Pusch, Archidiakonus in Pirna, fort, 
die dieser in zwei Auflagen 1658 
und 1659 in Dresden veröffentlicht 
hatte. Mittag ergänzte nicht nur die 
letzten anderthalb Jahrhunderte, 
sondern führte eigene umfangreiche 
Recherchen im königlich-sächsischen 
Hauptstaatsarchiv, im Meißner Stifts¬ 
archiv und im geheimen Finanzarchiv 
durch und übersetzte vielfach origi¬ 
nale Urkunden aus dem Lateinischen 
und dem mittelalterlichen Deutsch. 


Detailliert schilderte er historische 
Ereignisse wie die Einführung der Re¬ 
formation und den großen Stadtbrand 
von 1813, aber auch die wirtschaft¬ 
liche Tätigkeit über mehrere Jahr¬ 
hunderte. Mittags Chronik von 1861, 
dem 500. Jahr seit der Erteilung des 
Stadtrechts an Bischofswerda, ging in 
ihrer Detailtreue und Vollständigkeit 
weit über ihre Vorgänger hinaus und 
hat bis heute keinen entsprechenden 
Nachfolger gefunden. Diese Chronik, 
deren Erscheinen sich am 30. Juni 
2011 zum 150. Mal jährte, ist ein noch 
heute häufig zitiertes historisches 
Werk und wurde inzwischen wieder 
neu aufgelegt. 

1862 ging Mittag als Kirchschullehrer 
nach Langebrück. In seinen letzten 
Jahren veröffentlichte er bei May 
im „Sächsischen Erzähler“ mehrere 
Gedichte, darunter im Februar 1864 
zu Ehren seines ehemaligen Lehrers 
Johann Gottlob Riedel anlässlich 
dessen 50-jährigen Amtsjubiläums. 
Schon zwei Monate später mussten 
Riedel und May an gleicher Stelle dem 
Freund mit einem Nachruf gedenken. 

Quellen: Kirchenarchiv Rammenau; www.h- 
conrad.de (Die Schüler des Lehrerseminars von 
1825 bis 1925); „Bischofswerda in der Chronik, 
Erinnerungen an Mittags-Chronik, die vor 70 
Jahren am 30. Juni erschien“. Unsere Heimat, 
Beilage zum Sachs. Erzähler, Nr. 26, 29. Juni 
1931; Allgemeine deutsche naturhistorische 
Zeitung, Gesellschaft Isis in Dresden, Jg. 1846, 
1856; Sächsisches Kirchen- und Schulblatt, Bd. 
12, Verlag Dörftling und Franke, 1862, S. 112; 
Der Sächsische Erzähler, Nr. 86/31. Oktober 
1863, Nr. 92/21. November 1863, Nr. 13/13. Feb- 


220 



XX a d) r u f 

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une fotnentet Sattr, ein uufriitiiqer. iroblmcintnctt 
unb iteilnetaiencrr Sr«“" 8 , em treue« £<rj. taS tut 
>flUe reell* fetaluj. als «S/eniita unc GbriR 'illitn ibeuet 
um trertb! ÜBaS Bu jur iBilcutii) Orfl menid)Iit»in 
©eijies. tur 4'er6teitun,j trä fflobnn uuo ©öiriltben 
unc tut BrutünCuna eines gottr«lürelaiigcu elnntS In 
naben unc re iten JfrtitV« unter geofie-n ®üben unb 
'flnftren,jimaeii gen’irft unc gteban, unc reaj Bu audi 
uns getreten, tos tritt älllen unceraefjlid) bleiben! 
e&aft Bti codi eine Saal qeiäei, Cie bis in alle CStoig» 
leie teilte Snefttf trägt! Biö^r ett tHiicfcituui cer 
gölttidacn ©nuoe £id> in einer bebrrn, beffetn ÜBeli 
bealuden unc Bit ttn t'obn fpenctit, een eie nt ine 
<5roe Bit nid» ju aeben cetntodtle! 

Bttn auiijtidnrtinqnwr ©tili bilde ftqnrnt betab 
aut Cie Beinen unc auf bie. Centn Bu (ebtet uuo 
GqieCtt aurn unc auf und Cie luic noda im Corte 
bet UnooUfotnmenbelt. cet Brbfun.|en ttttc cet Sdrnitr. 
Jen naeiten ! 'Bit bilden in cbfiejencem ©laubtn unc 
ctbebenoet ^effnuna bin au' JineS Baierbauf, für CaS 
reit bienicocn erjiebtn unc ftlbfl noeb trtojot irttcen. 


Dein Andenken 

meines unvergesslichen Freundes 

Herrn Carl Wilhelm Mittag, 

Kirchsehullehrcr zu Langcbrüok, 
gestorben den 29. April 1864. 

Auch Du nicht mehr! Auch Dudom Tod verfallen, 
Der besten Einer, heiss geliebter Freund! 
Geschlossen schon sind jene dunklen Hallen, 
Die mit dem UrsiolT deinen Leib voreinl. 

Es schweift mein Blick in unbegrenzte Fernen, 
Will fragen dort in Jenen ew’gen Siemen, 
Warum so früh schon aus dem Erdenlhal, 
Dein Geist einporstieg in den Slcruensaal? 

Doch keine Antwort tönt aus jenen Höhen; 
Des Räthsels Lösuug will der Wellgeist nicht. 
So bleibt der Mensch auf dunklen Wegen stehen 
Und sucht umsonst Gewissheit, Klarheit, Licht! 
Sie ziehen hin, die uns so nahe standen, 

Bei denen Trost wir und Erhebung fanden. 
Mit denen wir im Leben oft verkehrt 
Und manchen Becher süsser Last geleert. 

Doch wie es ans, so geht es tausend Andern; 
Der früh, der später seinem Ziele naht. 

Wir müssen Alle rastlos weiter waadern 
Und immer weiter — rückwärts führt kein Pfad. 
Noch Keinen hat die strenge Zeit vergessen, 
Ob er auf hohem Kaiserthron gesessen, 

Ob ihm gefallen war der Armuth Loos, 

Ob er ein neld war ruhmesvoll und gross. 

Schlaf wohl mein Freund in Deiner engen Zelle, 
Von Frühlingshauch und Blumenduft umweht. 
Dein freier Geist schaut jetzt die Tageshelle, 
Die lleckenlos in Ewigkeit besteht. 

Wir werden dort vielleicht uns Wiedersehen, 
Wo wir dem grossen Urgeist näher stellen, 
Wo neues Leben, neue Freuden bliihn 
Und neue Gcistcsdammen uns durchgliihn. 
Bischofswerda, 5. Mai 1864. Fr. M. 


Nachruf im „Sächsischen Erzähler“, Wochenblatt für Bischofswerda, Stol- 
pen und Umgegend, Nr. 37/ 7. Mai 1864. 


ruar 1864, Nr. 37/ 7. Mai 1864; Carl Ramming: „Rammings Kirchlich-statistisches Handbuch für das 
Königreich Sachsen ... Nach handschriftlichen Angaben und amtlichen Quellen bearbeitet“. Ausg. 6, 
Rammingsche Buchdruckerei, 1859; Franz Otto Stichart: „Jubelchronik der dritten kirchlichen Säcu- 
larfeier der Einführung der Reformation in Sachsen: zur Erinnerung für das kommende Geschlecht 
auf das Jubeljahr 1939“. Grimma, 1841; Wilhelm Haan: „Kirchlich-statistisches Handbuch für das 
Königreich Sachsen oder Verzeichnis der in dem Königreiche Sachsen angestellten Geistlichen, 
Schulmeister, Schullehrer, Cantoren aller Confessionen“. Bd. 3, Dresden, 1838; Cornelius Gurlitt: 
„Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen“. Bd. 41, 
1923, Meinhold Dresden; Dresdner Journal. Herold für sächsische und deutsche Interessen. Redigirt 
von Karl Biedermann, Bd. 5, Teubner, 1849; Friedrich Adolf Peuckert: „Die ger. und vollk. St. Johan¬ 
nisloge zu den drei Schwertern und Asträa zur grünenden Raute im Orient Dresden 1738-1882“. 
Bruno Zechel, 1883; Adressbücher der Stadt Dresden 


221 






Johann Gottfried Nake, 


Nake, Johann Gottfried 


Amtsverwalter und Schafzüchter der Wettiner 
06.05.1770 Dresden - 18.04.1855 Kleindrebnitz 

V: Johann Gottfried (*13.1.1726 Pillnitz, f4.4.1780 Dresden), kurfürstlicher Holzanweiser im 
Ostraer Holzhof, Sohn von Georg Nake aus Pillnitz und Sabine geh. Kegel aus Mühlsdorf bei 
Lohmen; M: Johanne Charlotte geh. Klippgen (*1735 Meißen ?, tl5.12.1807 Dresden), Tochter 
eines Schneidermeisters aus Meißen; G: Karl Friedrich (*29.10.1771 Dresden, Inhaber einer 
Materialwarenhandlung in Dresden, verh. mit Sophie Friederike Ursinus, Tochter des Wils¬ 
druffer Bürgermeisters), Christoph Traugott (*4.1.1773, tll-10.1847, kurfürstlicher Geheimer 
Registrator beim Geheimen Rat), Eva Charlotte Gertraude (*9.6.1775 Dresden, (8.5.1827, verh. 
mit dem kursächsischen Pagenmeister und Pfarrer in Wachau Heinrich Benjamin Eras), Chris¬ 
tine (13.9.1776-17.9.1776), Marie Elisabeth (14.2.1778-1.5.1782); E: 7.9.1797 Wachau, Friede¬ 
rike Auguste geh. Schmaltz (*25.12.1773 Stolpen, (8.2.1864 Kleindrebnitz); K: Emst Wilhelm 
(*3.9.1798,113.10.1876 Pirna, langjähriger Gerichtsamtmann in Altenberg), Auguste Wilhelmi¬ 
ne (*8.4.1800 Rennersdorf, t24.6.1870 Bischofswerda, verh. mit Emst Traugott von Zenker, Rit¬ 
tergutsbesitzer auf Steinigtwolmsdorf und Ringenhain), Hermann Ludwig (27.6.1801-21.4.1877, 
Gymnasium Schulpforte, Advokat, Gerichtsdirektor, Mitarbeit in der Kommission für Ablösun¬ 
gen und Gemeinheitsteilungen, Stadtrat in Dresden, Vater des 2. Bürgermeisters Dr. jur. Ernst 
Heinrich Nake), Auguste Louise (*3.11.1802, t28.9.1882 Radeberg, verh. mit dem Pfarrer von 
Wachau Ernst Albert Eras), lulius Moritz (25.1.1804-30.11.1811), Pauline Charlotte (*22.8.1805, 
t26.4.1903 Pirna, verh. mit dem Pfarrer von Podelwitz Johann Karl Gottlieb Lohse), Laura 
Heloise (20.1.1807-12.11.1862, verh. mit dem Direktor der Königstädtischen Realschule Berlin 
Gabriel Marie Theodor Dielitz), Bernhard Theodor (1.4.1808- 1.10.1859, Advokat in Radeburg, 
Neustadt, Bischofswerda, Ebersbach), Bruno Maximilian (10.8.1810-1.9.1811), Alwin Bruno 
Julius (*14.4.1812, t29.9.1868 Bischofswerda, aufgrund einer geistigen Erkrankung erwerbsun¬ 
fähig), Moritz Theophron (*6.12.1813, t um 1870 in Brasilien, Studium an der Forstakademie 
Tharandt, Pächter landwirtschaftlicher Güter, Landesproduktenhändler in Dresden, angestellt in 
der Mineralwasseranstalt seines Schwagers Dietrich Reh), Oswald Theodor (31.8.1818— 
18.1.1883, Advokat in Leisnig, Mitglied des sächsischen Landtags 1849/1850) 


Nake verlor früh seinen Vater. Die 
Mutter konnte ihren Kindern den¬ 
noch eine gute Ausbildung ermög¬ 
lichen. In Dresden, wo die Familie 
das Haus Wilsdruffer Gasse 16 besaß, 
besuchte Nake die Kreuzschule. Ab 
1791 studierte er zusammen mit 
seinem Bruder Christoph Traugott in 
Leipzig Kameralwissenschaften. Da¬ 
nach absolvierte Nake im Kammergut 
Rennersdorf ein Praktikum. Ab 1794 
arbeitete er als Wirtschaftsschreiber 


im Vorwerk Lohmen und ab Dezem¬ 
ber 1795 in Rennersdorf, den zwei 
sächsischen Stammzuchtstellen für 
Merinoschafe. 

1796 übernahm Nake das Kammer¬ 
gut Renners dorf als Administrator 
im Range eines Amtsverwalters. Er 
gehörte damit neben dem in Stolpen 
residierenden Justizamtmann Benja¬ 
min August Scheibner und dem Rent- 
beamten Johann Gottfried Traugott 


223 




darin, die feudalen Fronleistungen 
der Bauern und Häusler aus den 
Amtsdörfern einzufordern. Allerdings 
profitierte das Kammergut davon 
in geringerem Maße als das Amt in 
Stolpen. Die umliegenden Dörfer 
hatten dem Kammergut Gesinde zu 
stellen und mussten aushelfen, wenn 
dessen eigenes Personal die Arbeit 
nicht schaffte. Viele Fronarbeiten 
wurden auch in den dem Kammer¬ 
gut zugeordneten Vorwerken, z. B. 
in Altstadt, und den Schäfereien 
geleistet. Erich Barth schreibt: „Die 
Ackerdörfer waren gehalten, alle zum 
Vorwerk Rennersdorf gehörenden 
Getreidefelder allein zu bestellen und 
abzuernten“ (zu den Ackerdörfern 
gehörten beispielsweise Lauterbach 
und Wilschdorf) sowie: „Das große 
Kammergut Renners dorf bestellte 


„Vorwerk“ Kleindrebnitz: Histori¬ 
sche Torausbildung der mit Kreuz¬ 
gewölben gedeckten Hofeinfahrt 
(oben); heutige Ansicht (rechts). 


Conradi zu den höchsten Vertretern 
des Kurfürsten im Amt Stolpen. Das 
Kammergut unterstand direkt dem 
Geheimen Finanzkollegium ohne 
zwischengeschaltete Mittelbehörde. 
Nake verantwortete mehrere Vorwer¬ 
ke und Schafzüchtereien sowie die 
Schäfereischule in Stolpen. Das Amt 
Stolpen ging auf ehemals bischöf¬ 
lichen Besitz um Stolpen und Bi¬ 
schofswerda zurück, der seit 1559 den 
Kurfürsten gehörte. Die Amtsschösser 
oder Amtsverwalter fungierten als 
unmittelbare Vertreter der jeweiligen 
Landesherren, wobei den örtlichen 
Erbrichtern, wie beispielsweise in 
Kleindrebnitz, relativ große Eigen¬ 
ständigkeit gewährt wurde. 


Eine Aufgabe des Amtsverwalters 
im Kammergut Rennersdorf bestand 


224 







seine eigenen Felder und die der an¬ 
gegliederten Schäferei selbst.“ 

Auf den kurfürstlichen Besitzungen 
Lohmen und Rennersdorf sowie 
nach der Aufhebung eines völligen 
Verkaufsverbots auch von verschiede¬ 
nen Rittergütern wurden besonders 
feinwollige Merinoschafe („Elektoral- 
schafe“) gezüchtet. Die Qualität der 
„Elektoralwolle“ überstieg jene der 
seit 1765 unter dem Prinzregenten 
Xaver aus Spanien eingeführten Me¬ 
rinos und machte Sachsen zu einem 
führenden Exportland für Schafwol¬ 
le, die außerdem die Grundlage der 
prosperierenden sächsischen Textil¬ 
industrie darstellte. Nakes Zuchtleis¬ 
tungen machten ihn international 
bekannt und wohlhabend. Von 1779 
bis 1811 wurden von Rennersdorf 
insgesamt 10.000 Tiere an inländische 
Schäfereien abgegeben. Der Gesamt¬ 
bestand durch Merinos veredelter 



1802 gab es in ganz Australien erst 
33.000 Schafe. 1812 gelang es John 
Macarthur, die ersten sächsischen 
Merinos zu importieren. 



Das Kammergut Rennersdorf 
(Gustav Täubert/Wilhelm Riedel, 
Deutsche Fotothek, Lizenz CC BY- 
SA 4.0). 

Schafe in Sachsen belief sich 1800 auf 
90.000. 1804 befanden sich in den 
kurfürstlichen, ab 1806 königlichen 
Schäfereien 3.400 reinblütige Merinos 
spanischer Abstammung. Eingeführt 
hatte man anfangs etwa 200 Tiere. 

Neben seiner beruflichen Tätigkeit 
in Rennersdorf betrieb Nake privat 
Karpfenteichwirtschaft. Er hatte dazu 
den Goldbacher und Weickersdorfer 
Teich aus dem Besitz des Amtes Stül¬ 
pen gepachtet. Um die Teiche besser 
bewirtschaften zu können, erwarb 
er 1810 eine benachbarte Fläche der 
Gemeinde Kleindrebnitz. Statt der 
geplanten einfachen Hilfsgebäude 
ließ er sich hier 1811 von Gottlob 
Friedrich Thormeyer ein größeres 
Anwesen mit Wohnhaus, Scheune 
und Zugviehstall errichten. Die im 
Ort dafür heute übliche Bezeichnung 
als „Vorwerk“ ist nicht korrekt. Der 


225 






















Johann Gottfried Nake kaufte das Erbgericht Kleindrebnitz 1822 von Jo¬ 
hann George Steglich, 1849 verkaufte er es an Carl Gottfried Gnauck. Das 
Foto wurde von Uwe Fiedler der Wikipedia zur Verfügung gestellt. 


Gebäudekomplex war das private 
Anwesen des Verwalters des königli¬ 
chen Kammergutes und nicht dessen 
Außenstelle. Es wurde zur Grün¬ 
dungszeit auch nur als „Anbau“ (zu 
den Amtsteichen) bezeichnet. 

Nakes Schäfereien wurden während 
des napoleonischen Kriegs bis 1813 
geplündert und verwüstet, weil mehr¬ 
mals Truppenverbände durch die 
Gegend um Stolpen zogen. Um die 
Herden aufzufrischen, ergänzte man 
danach den Rennersdorfer Bestand 
mit Tieren aus dem Ausland. Auch 
die fronpflichtigen Dörfer litten unter 
den Nachwirkungen des Kriegs. In 
den Folgejahren vergrößerte Nake 


sein privates Anwesen in Kleindreb¬ 
nitz durch den Kauf benachbarter 
Flächen erheblich. Die Teiche legte er 
schrittweise still und er begann, auf 
eigene Rechnung Schafe zu züchten. 
Der Komplex umfasste schließlich 
sieben Gebäude einschließlich zweier 
Schafställe und einer Brennerei. 

1819 gelang es Nake, die Flächen der 
Amtsteiche für 2.100 Taler zu kau¬ 
fen. Der zuständige Amtshauptmann 
von Stolpen war seinerzeit Eduard 
Gottlob von Nostitz und Jänken- 
dorf. Als Mitarbeiter beim Geheimen 
Finanzkollegium blieb jener auch in 
den Folgejahren eine wichtige Be¬ 
zugsperson für Nake. 


226 



Nake bewirtschaftete sein Anwesen 
nicht selbst, sondern übertrug dies 
einem Vogt. 1822 kaufte er zusätzlich 
das Kleindrebnitzer Erbgericht. Nakes 
Motive bestanden darin, zum Vor¬ 
werk benachbarte landwirtschaftliche 
Flächen zu erwerben und neben der 
Schafzucht auch herkömmliche Land¬ 
wirtschaft betreiben zu können. Eine 
Rolle spielte vermutlich aber auch, 
dass der Unternehmer in Kleindreb¬ 
nitz und hohe königliche Vertreter in 
Rennersdorf dadurch zusätzlich Ein¬ 
fluss auf die örtliche Gerichtsbarkeit 
in Kleindrebnitz erlangte. Zu Nakes 
Obliegenheiten gehörte die Organisa¬ 
tion der Fronleistungen, die das Dorf 
gegenüber Kammergut Rennersdorf 
und Amt Stolpen zu erfüllen hatte. 

Als „Dungdorf“ war Kleindrebnitz 
für die Düngung der königlichen 
Felder zuständig, man musste Ge¬ 
höftarbeiten leisten, die Flachsfelder 
bearbeiten, Holz- und Transportar¬ 
beiten übernehmen und die Jagden 
unterstützen. Die Fluren sollten von 
den Schafen des Kammergutes „be¬ 
hütet“ werden. Als Grundbesitzer in 
Kleindrebnitz war Nake Fronpflichti¬ 
ger, als Administrator in Rennersdorf 
Kontrolleur. Sein Versuch, Ausschank 
und Beherbergung sowie die Durch¬ 
führung von Versammlungen vom 
Erbgericht in das Vorwerk zu verle¬ 
gen, scheiterte am Widerstand der 
Kleindrebnitzer. Damit musste er 
auch seinen Plan aufgeben, die Erbge¬ 
richtsgebäude komplett zu vermieten 
und die Flächen ausschließlich vom 
Vorwerk aus zu betreiben. 


Wegen der Bedeutung der Schafzucht 
für Sachsen bestand in den 1820er 
Jahren „Die wegen Veredelung der 
Schäfereien im Königreiche Sachsen 
Verordnete Commission“. Sie unter¬ 
stand direkt dem Geheimen Kabinett 
unter Detlev Graf von Einsiedel und 
wurde von Peter Carl Graf von Ho- 



„Dem Elektoralschafe war eigen: 
eine kleine Figur von feinem Kno¬ 
chenbau; langer schwacher Kopf, 
feiner Hals, hoher scharfer Stock 
mit schmalem Rücken, schmales 
abgeschliffenes Kreuz; seichte enge 
Brust mit solchem Bauche; hohe 
Beine mit mageren Schultern und 
Schenkel; ein feines Fell ohne Falten 
mit schwachem Köder“ (Georg May: 
„Das Schaf: seine Wolle, Rassen, 
Züchtung, Ernährung und Benut¬ 
zung, sowie seine Krankheiten“, Bd. 
1, Breslau 1868, S. 181-182; Abb.: 
vierjähriges Mutterschaf, Rudolph 
Andre 1824). Der in Wilschdorf bei 
Rennersdorf aufgewachsene Ro¬ 
bert Heller erwähnte die Elek- 
toralwolle in seinem Roman „Der 
Schleichhändler“. 


227 




Auf dem Territorium des Amtes Stolpen (AS) lebten 1832 etwa 28.500 Men¬ 
schen, davon ungefähr 24.000 in Dörfern. 


henthal geleitet. Neben Nake gehörte 
ihr auch der Lohmener Amtsverwal¬ 
ter Edmund Sison an. 

Nakes private Schafzucht blieb 
wirtschaftlich weniger erfolgreich als 
gehofft. König Friedrich August der 
Gerechte wollte nach den napoleo- 
nischen Kriegen mit dem kurzfristig 
ertragreichen Export von Zucht¬ 
schafen die Not im Land lindern, 
beförderte damit aber gleichzeitig 
verstärkte Konkurrenz, beispielsweise 
aus Australien. Auch in den USA und 
Russland waren sächsische Merinos 
gesucht. Die immer populärer wer¬ 
dende Baumwolle und billige Importe 
aus England verminderten die Nach¬ 
frage der Textilindustrie nach Schaf¬ 
wolle. Der sächsische Schafbestand 
sank in zwei Jahrzehnten bis 1855 um 


ein Drittel auf etwa 400.000. Zudem 
verursachte die Hochzüchtung der 
Elektoralschafe Inzuchtprobleme. 
Kritiker bemängelten eine einseiti¬ 
ge Überbetonung der Wollqualität 
zulasten eines stabilen Körperbaus. 
Verteidigt wurde Nake von August 
Gottfried Schweitzer, der ab 1830 an 
der Forstakademie Tharandt eine neu 
geschaffene landwirtschaftliche Ab¬ 
teilung leitete und den Stammzucht¬ 
stellen Lohmen und Rennersdorf als 
Schäferei-Kommissar Vorstand. 

Die 1830er Jahre waren in Sachsen 
durch tiefgreifende Reformen unter 
König Anton dem Gütigen und dem 
neu ernannten Mitregenten Friedrich 
August II. geprägt, die auch die Arbeit 
Nakes beeinflussten. Bruno Barthel 
schrieb 1907 in „Altes und Neues aus 


228 



Groß- und Kleindrebnitz“ mit Bezug 
auf die Wirkungen des von Heinrich 
August Blochmann mitverfass¬ 
ten Gesetzes über „Ablösungen und 
Gemeinheitsteilungen“, das Sachsens 
Bauern bis 1852 schrittweise von 
vielen Frondiensten und Abgaben 
befreite: „Nachdem alle diese Ablö¬ 
sungen geordnet waren, wurden die 
Grundstücksbesitzer hier und an- 
dernwärts eigentlich erst freie Herren 
ihres Eigentums und hatten nun ein 
ganz anderes Interesse an der Verbes¬ 
serung desselben wie früher. Deshalb 
wurde dadurch auch ein gewaltiger 
Fortschritt in der sächsischen Land¬ 
wirtschaft eingeleitet und damit in 
der Hauptsache auch ein erfreulicher 
Aufschwung der ganzen wirtschaft¬ 
lichen Lage unseres Vaterlandes her¬ 
vorgerufen.“ Wenn die Grundbesitzer 
die Ablösesummen nicht aufbringen 
konnten, erhielten sie von der Land¬ 
rentenbank Kredit. Hinsichtlich der 
Verpflichtungen gegenüber dem 
Kammergut Renners dorf begannen 
beispielsweise die Rentenzahlungen 
in Großdrebnitz 1838. Das Kam¬ 
mergut Rennersdorf unterstand seit 
1831 dem neu eingerichteten Finanz¬ 
ministerium unter Heinrich Anton 
von Zeschau. Nake gehörte dem von 
Zeschau geleiteten Verein für Statistik 
des Königreichs Sachsen an, für den 
auch Paul Hermann arbeitete und 
dessen Aufgabe darin bestand, mit 
statistischen Erhebungen zur Bevöl¬ 
kerung und Wirtschaft die Regierung 
zu unterstützen. 


Nake beteiligte sich seit den 1820er 
Jahren aktiv an der Arbeit mehre¬ 
rer elitärer Vereine. Wie Gottlob 
Friedrich Thormeyer und Gott¬ 
lob Adolf Ernst von Nostitz 
und Jänkendorf gehörte er der 
Ökonomischen Gesellschaft im Kö¬ 
nigreiche Sachsen an. Mitglied war 
auch Peter Carl Graf von Hohenthal, 
dessen Vater, ein Konferenzminis¬ 
ter, zu den Gründern gehört hatte. 
Nake beantwortete hier Fragen zu 
Klee und Kohlgewächsen und kom¬ 
mentierte Artikel zur Schafzucht. 

1823 hatte er in der „Deputation für 
landwirtschaftliches Bau- und Ma¬ 
schinenwesen“ mit Georg Heinrich 
von Carlowitz, Gustav von Flotow, 
Landbaumeister Friedrich Gottlob 
Röber, Rudolf Sigismund Blochmann 
und Wilhelm Gotthelf Lohrmann 
zusammengearbeitet. Sie bewerte¬ 
ten die Einrichtung der Ställe und 
Düngerstätten. 1837 nahm Nake an 
der ersten Versammlung deutscher 
Landwirte in Dresden teil. Zu den 
sächsischen Teilnehmern der von Au¬ 
gust Gottfried Schweitzer maßgeblich 
organisierten Veranstaltung zählten 
auch Nakes Sohn Moritz Theophron 
aus Kleinwolmsdorf, Julius Gott¬ 
lob von Nostitz und Jänkendorf 
und Heinrich August Bloch¬ 
mann. Nakes Ehrenmitgliedschaft 
im Sächsischen Altertumsverein ist 
insofern sehr bemerkenswert, dass 
sich dieser Verein durch eine erlesene 
Mitgliederschaft auszeichnete. Karl 
August Böttiger und Gottlob 
Adolf Ernst von Nostitz und Jän- 


229 




Schafherde vor der Cicorienfabrik 
Goldbach (1859), nahe dem Klein- 
drebnitzer „Vorwerk“ gelegen. 
(Deutsche Fotothek, CC BY-SA 4.0) 

kendorf waren maßgeblich an der 
Gründung beteiligt gewesen. In den 
1830er und 1840er Jahren gehörten 
Oberhofprediger Christoph Friedrich 
Ammon, der Pädagoge Karl Justus 
Blochmann, Theodor Hell, Ernst 
Rietschel und Gottfried Semper 
zu den berühmtesten Mitgliedern. 
Kronprinz Johann stand dem Präsi¬ 
dium vor. Die Ehrenmitgliedschaft 
ist vermutlich vor dem Hintergrund 
zu sehen, dass Nake 1841 dem im 
Großen Garten neu eingerichteten 
Museum des Altertumsvereins das 
Wochenbett der Kurfürstin Anna 
sowie Gemälde übereignete, die er 
während des letzten napoleonischen 
Kriegs aus Schloss und Schlosskapelle 
Stolpen geborgen und danach aufbe¬ 
wahrt hatte. 

1844/45 wurden beim Bau der 
Sächsisch-Schlesischen Eisenbahn 
Kleindrebnitzer und Weickersdorfer 
Flur und damit auch Weideflächen 


von Nake durchschnitten. 1849 ver¬ 
kaufte er das Erbgericht Kleindrebnitz 
an Carl Gottfried Gnauck, den Vater 
von Ernst Gnauck. Seit der sächsi¬ 
schen Landgemeindereform von 1838 
stand Carl Gottfried Gnauck als erster 
gewählter Gemeindevorstand dem 
Dorf vor. 

Weil er weiterhin in Rennersdorf 
wohnte, hatte Nake seine Anwesen 
in Kleindrebnitz zeitweilig vermietet 
bzw. verpachtet. 1849 wurde Max 
Neumeister im Vorwerk geboren. 
Der Vermerk bei Bruno Barthel zu 
einer Wohnung der Familie Neumeis¬ 
ter dort ist sehr glaubwürdig. Der 
Vater von Max Neumeister, Heinrich 
Neumeister, war königlicher Jäger 
in Revieren der Stolpener Amtsdör¬ 
fer. 1851, im Jahr des Wegzugs der 
Neumeisters nach Leubsdorf, bezog 
Nake selbst sein Anwesen, nachdem 
er sich in seinem 82. Lebensjahr hatte 
pensionieren lassen, weil das Ren- 
nersdorfer Kammergut verpachtet 
worden war. Aus Altstadt bei Stolpen 
stammte der Orgelbauer Wilhelm 
Leberecht Herbrig. Für ihn wird ab 
1852 eine Werkstatt in Kleindrebnitz 
angegeben, ohne dass es Hinweise auf 
die genaue Ortslage gibt. Auch hier 
ist denkbar, dass er Räumlichkeiten 
im Vorwerk angemietet hatte. Schon 
1828 besaß dessen Vater, Christian 
Gottfried Herbrig, eine - ebenfalls 
nicht lokalisierte - Werkstatt in 
Kleindrebnitz, als er die Großdrebnit- 
zer Orgel baute. Wilhelm Leberecht 
Herbrig zog 1864 von Kleindrebnitz 


230 





Die ehemals königlich-sächsische Zucht bildet eine der fünf Hauptstamm¬ 
linien der australischen Merinos. Schafe dieser Rasse gelten nach wie vor 
als die besten Wolllieferanten. Foto: Steven Walling (Wikimedia Commons, 
CC BY-SA 3.0) 


nach Neudrebnitz, im selben Jahr, als 
die Witwe Nake in Kleindrebnitz ver¬ 
storben war. Das Vorwerk befand sich 
seit 1857 im Besitz von Nakes Enkel 
Ernst Julius von Zenker und wurde 
später als Industriestandort genutzt. 

Quellen: Heinrich Nake: „Angehörige der Familien 
Nake und Schmaltz vom Ausgange des 18. Jahrhun¬ 
derts bis 1912“; Roland Paeßler: „Zur wechselvollen 
Geschichte der sächsischen Schafzucht“. In: Aus 
Natur und Volksweisheit, hrsg. vom Landesver¬ 
ein Sächsischer Heimatschutz, Bautzen 2003, S. 
201-205; Roland Paeßler: „Nake, Johann Gottfried“. 
Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Säch¬ 
sische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von 
Martina Schattkowsky, 2006; Roland Paeßler: „Die 
Erbrichter in der Umgebung von Bischofswerda“. 

In: Mathias Hüsni (Hrsg.), Schiebocker Landstrei¬ 
cher, H. 3, Burkau 2008, S. 8-16, zusammengestellt 
und bearbeitet von Dr. Uwe Fiedler; Dresdner 
Adressbücher, 1799, 1862, 1868; Churfürstlich- 
Sächsischer Hof- und Staatscalender, 1799, 1826; 
Cornelius Gurlitt: „Beschreibende Darstellung der 
älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs 
Sachsen“; Wilhelm Adolf Lindau: „Dresden und 
die Umgegend“. Arnoldische Buchhandlung, Bd. 


2, 1822; Schöne: „Die Sächsische Landwirtschaft“. 
1925; Schriften und Verhandlungen der Ökonomi¬ 
schen Gesellschaft im Königreiche Sachsen, 1828; 
Bruno Barthel: „Altes und Neues aus Groß- und 
Kleindrebnitz“. Friedrich May Bischofswerda, 

1907; Amtlicher Bericht Versammlung deut¬ 
scher Land- und Forstwirthe in Dresden, 1838; 
Heinrich Janke: „Die Wollproduktion unserer 
Erde und die Zukunft der deutschen Schafzucht: 
Nebst praktischen Züchtungsregeln“ Joh. Urban 
Kern, Breslau, 1864; August Gottfried Schweitzer: 
„Ausführlicher Bericht über einen in der königl. 
sächsischen Stammschäferei zu Rennersdorf mit 
der Erziehung zweijähriger Kammwolle gemach¬ 
ten Versuch“. In: Oekonomische Neuigkeiten 
und Verhandlungen, Zeitschrift für alle Zweige 
der Land- und Hauswirthschaft, des Forst- und 
Jagdwesens im Oesterreichischen Kaiserthum, Bd. 
39, S. 129-135, Calve, 1835; Mittheilungen des 
Statistischen Vereins für das Königreich Sachsen, 
1833; Sächsischer Altertumsverein: Mittheilungen, 
Ausg. 7-14; Bericht über die Arbeiten des Königl. 
Sächsischen Vereins für Erforschung und Erhaltung 
Vaterländischer Alterthümer, 1841, 1842; Bruno 
Barthel: „Die Stolpener Amtsteiche und das Vor¬ 
werk Kleindrebnitz“. Beilage „Unsere Heimat“ zum 
„Sächsischen Erzähler“, Nr. 6-7, 1922; Dr. Klaus 
Mann, Mitteilungen zur Orgelbauerfamilie Herbrig; 
Erich Barth: „Frondienste für die Burg und das 
Amt Stolpen“. Stolpner Hefte, H. 9, 2001 


231 



Max Neumeister (Archiv Fachrichtung Forstwirtschaft Tharandt, TU Dresden). 








Neumeister, Max Heinrich August 

Professor, Forstwissenschaftler in Tharandt 
15.05.1849 Kleindrebnitz - 01.12.1929 Dresden 


V: Johann Heinrich (*7.9.1819 Baruth, tll.1.1878 Kleinröhrsdorf), Geodät bei der Königl. Lan¬ 
desvermessung Wartha, 1844 Absolvent der Forstakademie Tharandt, 1848 Jäger im Altstädter 
Revier, 1851 Unterförster in Leubsdorf, 1858 Königl. Sächs. Oberförster in Landesgemeinde, 
später Kleinröhrsdorf; M: Auguste Caroline Sophie geh. Geisler (*27.2.1830 Weickersdorf, 

11910 Sebnitz), lebte als Witwe bis 1908 in Dresden; G; Curt Willinwald (*16.9.1851 Leubsdorf, 
18.3.1931 Leubsdorf, 1873 Absolvent der Forstakademie Tharandt, Königl. Förster), Richard 
Eugen (*26.12.1852 Leubsdorf, t Cannstatt bei Stuttgart, Sprachlehrer), Arthur Heinrich 
(*26.4.1857 Leubsdorf, besuchte die Kreuzschule Dresden), Rosa Concordia (*24.4.1858 Lan¬ 
desgemeinde, Technische Zeichnerin), Sophie Elisabeth verh. Stein (*1860,114.3.1920 Sebnitz), 
Ernst Alexander (*17.4.1863 Landesgemeinde, 121.6.1918 Ostrau, Annenschule Dresden, Kö¬ 
nigl. Förster), Selma Maria (*10.3.1866 Kleinröhrsdorf); E; 20.10.1876 Dresden, Agnes Owella 
Franziska geh. Fincke (*7.1.1852 Schöneck, 113.1.1938 Dresden), Tochter des Rentamtmanns in 
Marienberg und vormaligen Bürgermeisters von Schöneck Friedrich Wilhelm Fincke; K: keine 


Der Försterberuf hatte in der Fami¬ 
lie von Max Neumeister Tradition. 
Schon sein Urgroßvater Peter Chris¬ 
tian August Neumeister (*11.10.1755 
Putzkau, 110.3.1811 Crosta) war 
hochgräflicher Förster und Schloss¬ 
verwalter. Der Großvater Johann 
Heinrich Neumeister (*21.1.1783 
Gleina bei Guttau, 122.11.1839 Neu- 
Callenberg) arbeitete als Revierförster 
und Schlossverwalter. 

Neumeisters Geburtshaus, das so¬ 
genannte „Vorwerk“, war 1811 nach 
Plänen von Gottlob Friedrich 
Thormeyer errichtet worden. Der 
Rennersdorfer Kammergutsverwalter 
und Schafzüchter des sächsischen 
Königs Johann Gottfried Nake 
versuchte, auf den Flächen der stillge¬ 
legten Amtsteiche von Goldbach und 
Weickersdorf auf eigene Rechnung 
Merinoschafe zu züchten. 


Die Familie Neumeister verließ 
bereits 1851 Kleindrebnitz, nach¬ 
dem der Vater eine neue Anstellung 
in Leubsdorf im Vogtland erhalten 
hatte. Nach dem Besuch des Real¬ 
gymnasiums Annaberg absolvierte 
Max Neumeister ein Vorpraktikum 
im Forstamt Landesgemeinde sei¬ 
nes Vaters und arbeitete ein Jahr im 
Staatsforstrevier Kleinröhrsdorf, der 
nächsten Dienststelle des Vaters. 



Das Kleindrebnitzer Vorwerk war 
nach Bruno Barthel Neumeisters 
Geburtshaus. 


233 


Während des Studiums der Forst¬ 
wirtschaft von 1867 bis 1869 an 
der Akademie Tharandt gehörten 
Johann Friedrich Judeich („Sächsi¬ 
sche Bestandeswirtschaft“) und Max 
Preßler („Bodenreinertragslehre“) 
zu Neumeisters wichtigsten Lehrern. 
Julius Adolph Stöckhardt unterrichte¬ 
te Chemie, Friedrich Nobbe Botanik 
und Pflanzenphysiologie. Seit ihrer 
Gründung durch Heinrich Cotta im 
Jahre 1816 hat die Forstakademie 
unser heutiges Waldbild entscheidend 
geprägt: Die ungeplante Bewirtschaf¬ 
tung des Bauernwaldes, Ursache für 
den damals verbreiteten Verfall der 
Wälder, wurde ersetzt durch plan¬ 
volle Aufforstung und Ernte. Ein 
systematisches Wegenetz war für die 
wirtschaftliche Nutzung des Waldes 
besser geeignet als Jagdwege, die sich 
spinnenförmig von einem Zentrum 
ausbreiteten. Seit ca. 1860 verband 
die „Sächsische Bestandeswirtschaft“ 
wirtschaftliche Kriterien mit wald¬ 
baulichen Aspekten wie Altersklassen 
und räumliche Ordnung. Aufgabe der 
Absolventen war es, das Gelernte in 
die Praxis überzuführen. Für her¬ 
vorragende Studienleistungen wurde 
Neumeister eine Medaille verliehen. 

Nach dem Studium wechselte Neu¬ 
meister in die Praxis und arbeitete 
zwei Jahre im Langebrücker Staats¬ 
forstrevier, benachbart gelegen zum 
Kleinröhrsdorfer Revier des Vaters. 
Diese wie eine einjährige Tätigkeit an 
der Königlich-Sächsischen Forstein¬ 
richtungsanstalt Dresden gehörten 


zu den Voraussetzungen für eine 
Laufbahn im höheren sächsischen 
Staatsforstdienst. Aus dem Jahr 
1871 stammt die erste Publikation 
Neumeisters mit Beobachtungen in 
Langebrück zu Generationen des 
Fichtenborkenkäfers. 1872 bestand 
er die Staatsprüfung für den höheren 
Forstdienst mit Auszeichnung und 
wurde an der Forsteinrichtungsanstalt 
Dresden angestellt. Entsprechend 
gehörten Forsteinrichtungs arb eiten 
zu seinen Hauptaufgaben. Neumeister 
arbeitete in Görlitz, auf den fürstlich- 
reußischen Besitzungen, auf den 
fürstlich-claryschen Besitzungen in 
Böhmen und in verschiedenen Staats¬ 
forstrevieren. 1877 beteiligte er sich 
mit dem Beitrag „Windmantel oder 
Waldmantel“ an der Versammlung 
sächsischer Forstvereine in Zittau. 

1880 vertrat Neumeister den zweiten 
forstlichen Professor Max Weißwan¬ 
ge in Tharandt bei Vorlesungen zu 
Waldbau und Forstschutz. Zu den 
Pflichten des zweiten forstlichen Pro¬ 
fessors gehörte auch die Verwaltung 
des Staatsforstreviers Tharandt, das 
als Lehr-Forstrevier der Verbindung 
von Theorie und Praxis diente. Als 
Weißwange nach Tharandt zurück¬ 
gekehrt war, trat Neumeister dessen 
Nachfolge als Forstmeister beim 
Fürsten Hermann von Hatzfeldt in 
Trachenberg (Schlesien) an. Er leitete 
dort das fürstliche Kameralamt und 
wurde Generalbevollmächtigter der 
Forstverwaltung. In dieser Funkti¬ 
on vermittelte er vielen sächsischen 


234 




Die Forstakademie Tharandt, Lithografie von E. Müller, 1850, Lizenz: Deut¬ 
sche Fotothek CC BY-SA. 


Forstdienstanwärtern eine Anstellung 
in Schlesien. 

Nach Weißwanges Weggang 1882 
erhielt Neumeister den Ruf an die 
Forstakademie Tharandt, wo er zum 
Professor ernannt wurde. An der 
Universität Leipzig verteidigte er 
1887 seine Dissertation zum „Dr. 
phil.“ mit der Arbeit „Wie wird man 
Forstwirth?“ Durch Entwicklung 
verbesserter Lehrinhalte und Lehrme¬ 
thodik wollte er zu einer sozialen und 
wissenschaftlichen Hebung des Forst¬ 
fachs beitragen. Neumeister lehrte 
bis 1906 Waldbau, bis 1894 außer¬ 
dem Jagdkunde, Forstschutz, Forst¬ 
verwaltung und von 1894 bis 1906 
Forsteinrichtung. Von 1894 bis 1904 


leitete er in der Nachfolge des verstor¬ 
benen Johann Friedrich Judeich die 
Königlich-Sächsische Forstakademie 
in Tharandt als Direktor. 

Neumeister zählte zu den herausra¬ 
genden Persönlichkeiten der Forst¬ 
akademie Tharandt des 19. Jahr¬ 
hunderts. Er ist aber weniger durch 
bahnbrechende wissenschaftliche 
Leistungen als durch Bewahrung 
und Fortschreibung des Erbes seiner 
beiden ehemaligen Lehrer Judeich 
und Preßler bekannt geworden. Diese 
hatten 26 bzw. 43 Jahre in Tharandt 
gelehrt und geforscht und die Aka¬ 
demie zur Weltgeltung geführt. Zu 
Neumeisters Zeit betrug der Anteil 
ausländischer Studenten nahezu 


235 











Neumeisters Berufsweg wurde ent¬ 
scheidend von seinem Vater geprägt 
- 1878 setzte er diesem ein ehrendes 
Grabmal in Kleinröhrsdorf. 

50%. 1904 stellte er im Rahmen eines 
umfassenden Werks zum Unterrichts¬ 
wesen im Deutschen Reich anlässlich 
der Weltausstellung in St. Louis die 
Forstakademie vor. Während seiner 
Amtszeit als Akademiedirektor schu¬ 
fen die Bildhauer Johannes Schilling 
und Reinhard Schnauder Büsten zur 
Erinnerung an Judeich und Preßler, 
dem Neumeister auch einen Bei¬ 
trag in der Allgemeinen Deutschen 
Biographie widmete. Unter seinem 
Kuratoriumsvorsitz wurden 1904 die 
landwirtschaftlichen Versuchsstatio¬ 
nen Tharandt, die zuvor als Samen¬ 


kontrollstation unter Friedrich Nobbe 
an die Forstakademie angegliedert 
war, und Dresden hinsichtlich 
Landwirtschaft unter der Leitung von 
Bruno Steglich vereinigt. Neu¬ 
meister wirkte in Tharandt zudem als 
Stadtrat. 

In Judeichs Nachfolge gehörte Neu¬ 
meister von 1894 bis 1925 dem 
sächsischen Landeskulturrat als 
gewählter Vertreter für das Forstwe¬ 
sen an. Ebenfalls in der Nachfolge 
seines ehemaligen Lehrers gab er den 
jährlichen „Forst- und Jagdkalender 
für Deutschland“ heraus. Zudem 
beteiligte sich Neumeister als Autor 
an Lehrbüchern und Enzyklopädien 
(z. B. am Brockhaus) zur Forst- und 
Jagdwissenschaft. Besondere Bedeu¬ 
tung besaßen seine Überarbeitungen 
und Neuauflagen mehrerer Bücher 
von Preßler und Judeich, so der 
„Forst- und Forstbetriebseinrichtung“ 
zum Hochwaldideal nach Preßler, 
der „Preßlerschen Kubierungstafeln“ 
und Judeichs „Forsteinrichtung“. Mit 
seinem wichtigsten eigenen Werk, 
„Die Forsteinrichtung der Zukunft“, 
schrieb Neumeister Judeichs grund¬ 
legendes Buch fort, welches viele 
Länder im Sinne der „Sächsischen 
Bestandeswirtschaff“ beeinflusst hatte 
und in mehrere Sprachen übersetzt 
worden war. Die Forsteinrichtung 
galt zu jener Zeit als die Königs- 
disziplin der Forstwissenschaft. Sie 
sollte durch planvolle Gestaltung des 
Waldes dessen langfristigen Ertrag 
sichern. Schon im 19. Jahrhundert 


236 


hatten vorausschauende Menschen 
erkannt, dass nur durch nachhaltige 
Bewirtschaftung der Reichtum des 
Waldes zukünftigen Generationen 
erhalten werden kann. Besonderes 
Augenmerk lag bei Neumeister auf 
der Minimierung von Sturmschä¬ 
den. Quer zur Hauptwindrichtung 
verlaufende, lange schmale Schläge 
blieben durch Altbestand abge¬ 
deckt. Hinter dem Schlag sicherte 
ein stufenweise ansteigender, nach 
Altersgruppen geordneter Baumbe¬ 
stand ein Aufgleiten des Windes. Im 
Tharandter Forstlichen Jahrbuch und 
in den Berichten zu den Versamm¬ 
lungen des sächsischen Forstvereins 
erschienen regelmäßig Beiträge von 
Neumeister. Seine Arbeiten betrafen 
forstmathematische Fragen, aber z. 

B. auch die „Laub- und Kalkfütte¬ 
rung des Edel- und Rehwildes“. Der 
Preßlersche Zuwachsbohrer ist von 
Neumeister weiterentwickelt worden. 
In abgewandelter Form kommt er 
noch heute zum Einsatz, um anhand 
von Jahresringen Zuwachs und Alter 
von Bäumen zu bestimmen, ohne sie 
zu fällen. 

Neumeisters Leistungen sind vielfach 
gewürdigt worden. 1895 wurde er 
zum Mitglied der Deutschen Akade¬ 
mie der Naturforscher Leopoldina in 
Halle/Saale gewählt, 1896 erhielt er 
die Ernennung zum Geheimen Forst¬ 
rat, 1902 zum Geheimen Oberforstrat 
und 1904 zum Ehrenmitglied der 
Sächsischen Gesellschaft für Botanik 
und Gartenbau Flora. Verschiedene 



„Die Forsteinrichtung der Zukunft“. 
Dresden Schönfeld, Sonderabdruck 
aus: Thar. Forstl. Jahrb., 50. Jg., 
1900,122 S. 

Staaten verliehen ihm hohe Aus¬ 
zeichnungen, z. B. 1897 die Königin - 
Regentin der Niederlande und der 
griechische König das Offizierskreuz 
des Königlich Griechischen Erlöser- 
Ordens. 1901 bekam er den serbi¬ 
schen St. Ava-Orden und 1903 die 
Ernennung zum Großoffizier des Bul¬ 
garischen Civilverdienstordens. Auch 
in Spanien, Norwegen und Rumänien 
erhielt Neumeister hohe staatliche 
und forstliche Auszeichnungen. 

Die Amtszeit Neumeisters in Tha¬ 
randt vollendete sich 1904 mit der 


237 





Erhebung der Forstakademie zur 
Hochschule. Wie Gustav Anton 
Zeuner an der TH Dresden legte er 
als langjähriger Akademiedirektor 
mit der Einführung des Wahlrektorats 
sein Amt nieder, das jetzt jährlich 
befristet neu besetzt wurde. 

Von 1906 bis 1919 leitete Neumeister 
den Forstbezirk Dresden als Ober¬ 
forstmeister. Zu seinem Forstbezirk 
gehörte die Dresdner Heide, seit 

1906 auch Moritzburg. Von 1910 bis 
1920 war Neumeister Vorsitzender 
des sächsischen Forstvereins und 

er leitete das Prüfungsamt für den 
höheren sächsischen Staatsforstdienst. 

1907 beteiligte sich Neumeister mit 
einem Beitrag zur Dresdner Heide 
an einem wissenschaftlichen Füh¬ 
rer durch Dresden. Im selben Jahr 
erstellte er für den Fandeskulturrat 
ein Gutachten zu einem geplanten 
Preisausschreiben für Rauchgas- 
Neutralisierungsanlagen zur Ver¬ 
meidung von Schäden in Fand- und 
Forstwirtschaft. Der Wettbewerb 
wurde von den zuständigen Minis¬ 
terien grundsätzlich positiv bewer¬ 
tet, obwohl Experten vor einem 
absehbaren Scheitern warnten. Die 
Gutachter, neben Neumeister auch 
Bruno Steglich und Oskar Kellner 
aus Möckern, empfahlen zwar einen 
solchen Wettbewerb mit einem Preis¬ 
geld von bis zu 20000 Mark, doch 
auch sie warnten vor Erfolgsrisiken. 
Das schließliche Scheitern gab ihnen 
recht. Gustav Foges und Bruno 
Steglich vertraten von 1911 bis 1925 


in der insgesamt 31 Jahre währenden 
Zugehörigkeitsperiode von Neumeis¬ 
ter zum Fandeskulturrat in diesem 
Gremium die landwirtschaftlichen 
Versuchsstationen. 

Auch noch in seiner Dresdner Zeit er¬ 
innerte sich Neumeister seiner Ober¬ 
lausitzer Wurzeln. Als Mitglied des 
sächsischen Eisenbahnrats erreichte 
er im Zusammenwirken u. a. mit dem 
Kleindrebnitzer Gemeindevorstand 
Ernst Gnauck 1909 die Errichtung 
eines Bahnhofs in Weickersdorf. Aus 
Anlass der 350 Jahre zuvor im Dorf 
eingeführten Reformation spendete er 
1909 der Martinskirche Großdrebnitz 
einen kunstvollen Deckel zum neuen 
Taufstein. Den hatten die Angehöri¬ 
gen der letzten vier Großdrebnitzer 
Pastorenfamilien, darunter von Carl 
Julius Marloth, gestiftet. 

Während des Ersten Weltkriegs 
verfasste Neumeister ein „Merkblatt 
zur Gewinnung von Faubreisigfutter“. 
1917 leitete er die Hauptversammlung 
des Deutschen Forstvereins, dem 
er viele Jahre angehörte, in Erfurt. 

Bei dieser Gelegenheit befürwortete 
er eine Kriegsbewirtschaftung der 
Wälder. Zuletzt wohnte Neumeister in 
Dresden, Wilhelmplatz 10 (vormals 
Hermann von Nostitz-Wallwitz). 

Nach seinem Tod wurde er auf dem 
Inneren Neustädter Friedhof beige¬ 
setzt. An seine Verdienste erinnert in 
Tharandt noch heute ein nach ihm 
benannter Wanderweg durch das Tal 
der Wilden Weißeritz. 


238 




Grabstein für Neumeister und seine Frau auf dem Inneren Neustädter 
Friedhof in Dresden. 

Quellen: Prof. Dr. Harald Thomasius (1966-1992 Lehrstuhlinhaber Waldbau, 1978-1982 Di¬ 
rektor der Sektion Forstwissenschaft der TU Dresden): Unterlagen und Mitteilungen; Geheimer 
Forstrat Groß: „Dem Andenken Dr. Max Neumeister“. Tharander Forstliches Jahrbuch, S. 1-5, 
1930; Adolf Hinrichsen: „Das literarische Deutschland“. Carl Hinstorf‘s-Verlag, S. 431, 1887; 
Ehregott Bruno Barthel: „Die Stolpener Amtsteiche und das Vorwerk Kleindrebnitz“. „Unsere 
Heimat“, Beilage zum Sächsischen Erzähler, 5./12.3.1922; Deutsche Akademie der Landwirt¬ 
schaftswissenschaften zu Berlin: „Archiv für Forstwesen“. 1966; Kirchenarchiv Großdrebnitz; 
Innerer Neustädter Friedhof Dresden, Friedhofsverwaltung; Deutsche Akademie der Naturfor¬ 
scher Leopoldina, Mitteilungen, 16.8.2007; Henry Holder Stephenson: „Who's who in Sci¬ 
ence“. The Macmillan Company, 1912; Sitzungsberichte und Abhandlungen „Flora, Sächsische 
Gesellschaft für Botanik und Gartenbau“; Tharander Forstliches Jahrbuch 1844, 1848, 1852, 
1891, 1897, 1901, 1903; Dieter Bulling, Kleinröhrsdorf: Mitteilungen, 13.5.2010; Martin Bem- 
mann: „Beschädigte Vegetation und sterbender Wald: Zur Entstehung eines Umweltproblems 
in Deutschland 1893-1970“. Vandenhoeck & Ruprecht, 2012; Ottfried Bloßfeld: „Tharandt um 
1900 - ein blühendes Gemeinwesen“; F. Schöne: „Ueber Shaksperes Julius Cäsar mit besonderer 
Berücksichtigung des Verhältnisses zur Quelle des Stückes“. Gymnasium zum heiligen Kreuz in 
Dresden, 1878; Dresdner Adressbücher; gw.geneanet.org; Schöne: „Die Sächsische Landwirt¬ 
schaft“. 1925; „Wer isfs?“ Degener, 1908 


239 



Porträt von Gottlob Adolf Ernst von Nostitz und Jänkendorf, gezeichnet 
von Carl Christian Vogel von Vogelstein (1824). 


Nostitz und Jänkendorf, Gottlob Adolf Ernst von 


Dr. E.h., sächsischer Konferenzminister und Schriftsteller 
21.04.1765 See (Oberlausitz) - 15.10.1836 Oppach 


V: Wolf Gottlob (*30.12.1718 See, 125.1.1768 Moholz), Erb-, Lehn- und Gerichtsherr auf 
Oppach und Moholz; M: Juliane Eleonore Ernestine geb. von Kiesewetter (*13.10.1740 Wanscha, 
120.2.1824 Dresden), 2. Ehe von Nostitz, Tochter des Landesältesten des Görlitzer Fürstentums 
Ernst Ludwig von Kiesewetter; G: Ernestine Caroline (*21.2.1761,121.2.1834 Dresden), Chris¬ 
tiane Augusta (*21.10.1767), 2 Halbgeschwister aus 2. Ehe der Mutter; E: 31.5.1786 Schkeuditz, 
Henriette Sophie geb. von Bose (*18.2.1769 Oberthau, 13.3.1848 Dresden, Ehrenstiftsdame); 

K: Traugott Adolph Karl (*24.3.1787,11787 Dresden), Elise (*1788,123.8.1853 Aszod, heiratete 
1812 nach Ungarn Karl von Podmanitzky, in erster Ehe mit Julie Charpentier aus Freiberg ver¬ 
heiratet, ihre Tochter Julie war Schriftstellerin und musste 1849 mit ihrem Mann Miklos Josika 
aus Ungarn fliehen), Therese Clementine (*7.11.1789 Dresden, 121.3.1870 Dresden, verh. mit 
Karl Alexander Graf von Rex), Eduard Gottlob (*31.3.1791 Bautzen, 18.2.1858 Oppach, 1836- 
1844 sächsischer Innenminister), Theodor (*,1 1792 Bautzen), Lydia Augustina (*18.8.1794 Do¬ 
berschau, 117.11.1810 Dresden), Ida Rosalie (*9.1.1796 Bautzen, 128.3.1796 Doberschau), Julius 
Gottlob (*12.7.1797 Doberschau, 118.3.1870 Dresden, 1838-1848 und 1849-1864 Gesandter 
beim Deutschen Bundestag), Agnes Luise (*10.9.1798 Bautzen, 117.5.1875 Altengottern, verh. 
mit Julius von Marschall), Klara Minona (29.12.1799-11.2.1882, verh. mit Viktor Julius von 
Bülow, Besitzer von Schloss Beyernaumburg), Klothilde Septimie (*27.1.1801 Bautzen, 11852 
Oppach, Dichterin, schrieb auch für Carl Maria von Weber), Heliodora Oktavia (*23.6.1805 
Doberschau, 118.2.1871 Dresden, verh. mit Geheimrat Bruno von Schimpff) 


Die Nostitz sind eines der ältesten 
Oberlausitzer Adelsgeschlechter. Seit 
dem 15. Jahrhundert ist die Familie 
in mehrere Linien verzweigt, der Re¬ 
formation schlossen sie sich schon in 
der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts 
an. Die Linie Nostitz und Jänkendorf 
bildete sich um 1600. Über mehrere 
Jahrhunderte wirkten die Nostitz 
in der Oberlausitz als Hauptleute, 
Oberamtsmänner und Landesälteste. 
Gottlob Adolf Ernst von Nostitz und 
Jänkendorf hatte früh seinen Vater 
verloren. Seine Mutter und sein Stief¬ 
vater (seit 1770, Wedig Christoph von 
Kayserling) ließen ihn von August 
Wilhelm Hauswald privat unterrich¬ 
ten und schickten ihn noch vor dem 


16. Geburtstag auf die Universität 
Leipzig, wo er Rechts- und Staatswis¬ 
senschaften studierte. Besonders der 
Philosoph Ernst Platner gehörte zu 
seinen Förderern. In Leipzig schloss 
sich Nostitz Studentenvereinen an, in 
denen die Dichtkunst gepflegt wurde. 
Nach seinem Examen erhielt er eine 
Anstellung als Auditor am Oberhof¬ 
gericht, 1785 ging er als Finanzrat 
nach Dresden. 

1789 übernahm Nostitz die Ver¬ 
waltung der Familiengüter in der 
Oberlausitz. Das Rittergut Oppach 
hatte er in 4. Generation von seinem 
Vater geerbt, Doberschau nach seiner 
Heirat erworben. Moholz, See (1791) 


241 




Gut See bei Niesky, wo Nostitz 1765 geboren wurde. 


und das Bautzener Burglehnhaus 
(1793) verkaufte er. Nostitz wirkte 
in der Oberlausitz als Gerichtsbei¬ 
sitzer, war Mitglied der Kriminal- 
Kassen-Deputation und Beisitzer des 
landständischen Waisenamtes. 1792 
wurde er zum Landesältesten des 
Kreises Bautzen gewählt, ab 1804 lei¬ 
tete er die Provinzverwaltung auf der 
Ortenburg als Oberamtshauptmann. 
In Zittau gründete er nach dem Vor¬ 
bild von Ludwig Gedike in Leipzig 
die erste Bürgerschule. Besonderes 
Augenmerk widmete Nostitz sozialen 
Belangen. Seit 1793 war er Ritter des 
St. Johanniter-Maltheser-Ordens. Auf 
seinem Gut Oppach stiftete Nostitz 
1794 ein Armenhaus und 1799 ein 
Armeninstitut. Seine Überlegungen 
beschrieb er in „Versuch über Ar¬ 


menversorgungsanstalten in Dörfern“ 
(1801). Lange vor dem von seinem 
Sohn Julius Gottlob von Nostitz 
und Jänkendorf mitverantworteten 
Gesetz zu „Ablösungen und Gemein¬ 
heitsteilungen“ erließ er Frondienste 
gegen kleine Geldzahlungen. Der 
Oberlausitzischen Gesellschaft der 
Wissenschaften zu Görlitz, der er seit 
1790 angehörte, stand Nostitz von 
1795 bis 1817, zwei Jahre nach der 
Teilung der Oberlausitz, als Präsident 
vor. Schon in dieser Zeit bemühte er 
sich um Kunst und Kultur und zählte 
Friedrich Schiller zu seinen Bekann¬ 
ten. Mit Karl August Böttiger, 
1790/91 Direktor des Gymnasiums in 
Bautzen, blieb er fast fünf Jahrzehnte 
freundschaftlich verbunden. Nostitz 
erwarb sich besondere Verdienste 


242 








um die Förderung der Sorben und 
übersetzte sorbische Volkslieder ins 
Deutsche. Seine eigenen Gedichte, 
aber auch heimatgeschichtliche Bei¬ 
träge („Über die in Königswartha ent¬ 
deckten Lausizischen Alterthümer“) 
wurden in der „Lausizischen Monats¬ 
schrift“ gedruckt, mehrere Gedichte 
in Liedertafeln und Oratorien vertont. 
Aus dem Französischen übersetzte er 
griechische und römische Mythen. 
1805 zählte Nostitz zu den Grün¬ 
dungsmitgliedern des Gesellschafts¬ 
vereins „Bautzner Societät“, die 1808 
sein Stadthaus kaufte. 

Am 26. September 1807 kehrte 
Nostitz als Oberkonsistorialpräsident 
nach Dresden zurück, wo er bis 1815 
im Coselpalais „Hinter der Frauen¬ 
kirche“ 5 wohnte, wie auch Karl 
August Böttiger. In dieser für das 
Kirchen- und Schulwesen Sachsens 
bedeutsamen Funktion überarbeitete 
er zusammen mit Oberhofprediger 
Franz Volkmar Reinhard die Verfas¬ 
sung der Universität Leipzig. König 
Friedrich August der Gerechte berief 
ihn 1809 als Konferenzminister ins 
Geheime Konsilium, den vormaligen 
und später auch wieder so genann¬ 
ten Geheimen Rat. Als „Wirklicher 
Geheimrath“ gehörte Nostitz zu den 
höchsten Vertretern der Staatsver¬ 
waltung. Er beteiligte sich in ver¬ 
schiedenen Funktionen bzw. Kom¬ 
missionen maßgeblich an sozialen 
und politischen Reformprojekten. 
Nostitz leitete die „zur Besorgung der 
allgemeinen Straf- und Versorgungs- 


Anstalten verordnete Commission“. 
1811 initiierte er die Gründung 
einer „Irren-Heilungsanstalt“ auf der 
vormals königlichen Festung Sonnen¬ 
stein in Pirna. In ihr gingen frühere 
sächsische Anstalten in Waldheim 
und Torgau auf, in denen wesent¬ 
lich weniger humane Bedingungen 
geherrscht hatten. Die Entscheidung 
war aber auch kriegsbedingt, weil 
Torgau zur Festung erklärt worden 
war. Insgesamt wurden in der An¬ 
fangszeit etwa 200 Personen auf dem 
Sonnenstein untergebracht. Unter 
Nostitz“ Oberaufsicht entwickelte sich 
die neue Anstalt zu einer Einrichtung 
von europäischem Ruf. Während der 
Befreiungskriege ging Nostitz auf 
Distanz zu Napoleon, den er zuvor 
unterstützt hatte. Sein Sohn Eduard 
Gottlob von Nostitz und Jän- 
kendorf kämpfte sogar mit Theodor 
Körner in der Lützow'schen Freischar. 

Im nach-napoleonischen Reformstreit 
1817 unterlagen die Konferenzmi¬ 
nister dem Kabinettsminister Detlev 
Graf von Einsiedel. Statt dass das 
Geheime Konsilium mit dem Gehei¬ 
men Kabinett vereinigt und damit 
aufgewertet wurde, verblieben dem 
Geheimen Rat als Nachfolgeeinrich¬ 
tung des Konsiliums nur beratende 
Funktionen und die Vertretung 
ständischer Interessen. Zudem hatte 
sich Einsiedel mittels Gefolgsleuten 
die Stimmenmehrheit im Ratscol¬ 
legium gesichert. Nostitz organi¬ 
sierte Entschädigungsleistungen für 
Lasten aus dem Krieg, bereitete eine 


243 




Ansicht von Pirna mit Festung Sonnenstein, Ausschnitt eines Gemäldes von 
Canaletto (1753-1755). 


Steuerreform vor, erarbeitete einen 
militärischen Strafkodex und stand 
den Armen- und Waisenhausanstal¬ 
ten Sachsens vor. 1824 gründete er in 
Bräunsdorf eine Landeswaisenanstalt 


für 150 Kinder, die zu Landarbeitern, 
Handwerkern oder Soldaten erzo¬ 
gen wurden. 1826 widmete Robert 
Stöckhardt Nostitz seine Habili¬ 
tationsschrift. Als Friedrich August 


244 






der Gerechte 1827 starb, drängten in 
Sachsen überfällige Reformen. König 
Anton der Gütige beauftragte neu ein¬ 
gesetzte Kommissionen, Gesetze zur 
Abschaffung von Feudallasten („Ab¬ 
lösungen und Gemeinheitsteilungen“) 
und eine neue Gewerbeordnung 
vorzubereiten. Andererseits wurde die 
Zensur verschärft und die polizeiliche 
Willkür und die Allmacht des Gehei¬ 
men Kabinetts bestanden fort. Nostitz 
war Mitglied der Ökonomischen Ge¬ 
sellschaft im Königreiche Sachsen, die 
sich hauptsächlich der Förderung der 
Landwirtschaft widmete, aber auch 
für die Planungen zur Gründung der 
Technischen Bildungsanstalt im Jahre 
1828 als Vorläufer der heutigen TU 
Dresden verantwortlich zeichnete. 

Die Initiative dazu ging auf den Ge¬ 
heimen Rat um Nostitz zurück. 

Anlässlich der 300-Jahr-Feier der 
Augsburger Konfession kam es im 
September 1830 in Sachsen zu Unru¬ 
hen, die durch ein tiefes Misstrauen 
der überwiegend protestantischen 
Bevölkerung gegen die katholische 
Obrigkeit geprägt waren. Nostitz 
gehörte mit Lindenau, Könneritz 
und Zezschwitz zu jenem Minis¬ 
terquartett, das am 13. September 
König Anton den Gütigen veranlasste, 
Friedrich August II. als Mitregenten 
einzusetzen. Dies, die Entlassung 
von Detlev Graf von Einsiedel und 
die Ankündigung einer Verfassung 
halfen, die Lage zu befrieden. Nostitz 
war als Vorsitzender des Geheimen 
Rats an der Ausarbeitung der ersten 


sächsischen Verfassung von 1831 
unter dem liberalen Kabinettsminister 
Bernhard von Lindenau beteiligt. Den 
von König Anton unterschriebenen 
Text zeichnete Nostitz gegen. Die 
Szene wurde von Ernst Rietschel 
in einem Relief für das Augusteum in 
Leipzig dargestellt. Erstmals räumten 
die Wettiner ihrem Volk einige Mit¬ 
bestimmungsrechte ein. Anton der 
Gütige wurde zum ersten konstituti¬ 
onellen Monarchen Sachsens, Nostitz 
stand dem neu geschaffenen Staatsrat 
als oberster Instanz des Zivilstaates 
vor. Unter der Präsidentschaft von 
Prinz Johann gehörten dem Staatsrat 
auch der Leiter des Gesamtministeri¬ 
ums Lindenau sowie weitere Minis¬ 
ter an. Nostitz erwarb sich den Ruf 
eines gemäßigten, toleranten und der 
Wohlfahrt, Wissenschaft und Kunst 
aufgeschlossenen Schöngeistes. Auf 
seine Anregung hin wurden aber 
auch die ersten landwirtschaftlichen 
Vereine in Sachsen gegründet. 

Neben seiner politischen Tätigkeit 
war Nostitz Schriftsteller unter dem 
Pseudonym „Arthur vom Nordstern“. 
Die Dichtkunst sah er eher als Hobby 
an, wobei er sich durch dichterische 
Gewandtheit und Vertrautheit mit 
den Klassikern auszeichnete. Seine 
Werke waren überwiegend roman¬ 
tischer Natur. 1820 übersetzte er 
George Gordon Byron, dem er sich 
sehr verbunden fühlte. Viele Eindrü¬ 
cke gewann Nostitz auf einer Reise 
nach der Schweiz, Oberitalien und 
Ungarn („Erinnerungsblätter eines 


245 



Reisenden im Hochsommer 1822“, 
1824). Seine Werke erschienen ver¬ 
streut in verschiedenen Zeitungen, 
darunter der Dresdner Abendzeitung 
und der Dresdner Morgenzeitung, 
sowie in Taschenbüchern wie von 
Johann Friedrich Kind oder wurden 
unter Freunden verteilt. Er schrieb 
aber auch für Carl Maria von Weber, 
der ihm mit großer Wertschätzung 
begegnete. Nostitz war zudem ma߬ 
geblich am Entstehen eines elitären, 
literarisch-kulturellen Vereinslebens 
in Dresden beteiligt. Solche Vereine 
boten seinerzeit wichtige Möglichkei¬ 
ten zur Teilhabe am gesellschaftlichen 
Leben. Nostitz kam als Adeligen eine 
wichtige Mittlerrolle zwischen der 
Hofgesellschaft und dem aufstreben¬ 
den Bürgertum zu. Er besuchte wie 
Karl August Böttiger und Ludwig 
Tieck den informellen literarischen 
Zirkel von Elisa von der Recke und 
Christoph August Tiedge. In der 
Hofgesellschaft um Prinz Johann, wo 
sich Adel und Bildungsbürgertum in 
Vorträgen und Gesprächen zu Kunst 
und Geschichte näher kamen, traf er 
auf Carl Gustav Carus, Theodor Hell 
(Winkler) und wiederum Ludwig 
Tieck. Nostitz leitete den Dresdner 
Liederkreis, war Mitglied im Kunst¬ 
verein und im Verein Albina, der in 
der Tradition des Liederkreises stand, 
und gehörte zu den Initiatoren des 
Sächsischen Altertumsvereins. 

Im spätromantischen Liederkreis 
kam Nostitz u. a. mit Karl August 
Böttiger, Theodor Hell und Johann 


Friedrich Kind zusammen. Auf Einla¬ 
dung des Freiherrn von Seckendorf- 
Zingst trafen sich ab 1814 Künstler, 
Schriftsteller und Beamte bei „Thee 
und Butterbrod“, weswegen der Kreis 
zunächst Dichter-Thee hieß. Unter 
Leitung von Nostitz schloss man sich 
enger zusammen. Man hörte Litera¬ 
tur, Dichtung und Musik und disku¬ 
tierte zwanglos darüber. Der Verein 
besaß mit der Dresdner Abendzei¬ 
tung ein eigenes Publikationsorgan. 
Sie wurde von Johann Christoph 
Arnold verlegt und von Theodor Hell 
und Johann Friedrich Kind herausge¬ 
geben. Die Treffen des Liederkreises 
fanden zumeist bei den verheira¬ 
teten Vereinsmitgliedern statt und 
Nostitz lud oft in sein Sommerhaus 
nach Loschwitz ein. Eine kolorierte 
Radierung des Anwesens mit Wein¬ 
berg, heutige Plattleite 18, von Carl 
Heinrich Beichling befindet sich im 
Kupferstich-Kabinett. Eng verbunden 
mit dem Liederkreis war der 1825 
gegründete Sächsische Altertumsver¬ 
ein. Seine Gründung ging auf einen 
Vorschlag von Karl August Bötti¬ 
ger zurück, den dieser bereits 1819 in 
der Dresdner Abendzeitung publiziert 
hatte. Nostitz gehörte zu den Un¬ 
terzeichnern eines Gesuchs an den 
König mit der Bitte um Zulassung des 
Vereins. 

In Bautzen war Nostitz Freimaurer 
in der Loge „Zur goldnen Mauer“, in 
Dresden Ehrenmitglied der Logen 
„Zum goldnen Apfel“, „Zu den drei 
Schwertern“ und „Asträa zur grü- 


246 



nenden Raute“. Mit den Freimau¬ 
rern Gerhard Heinrich Jacobjan 
Stöckhardt und Karl Gottfried 
Siebelis stand er auch über die 
Bautzner Societät in Verbindung. 
Nostitz leitete in Dresden den sozia¬ 
len Unterstützungsverein „Rath und 
That“, der 1803 von Carl Graf Bose 
und Oberhofprediger Franz Volkmar 
Reinhard gegründet worden war und 
den Freimaurern nahe stand. 1815 
brachte Nostitz ein Freimaurer-Lie¬ 
derbuch heraus. Die Mitglieder von 
„Rath und That“, darunter mit Karl 
August Böttiger und Theodor Hell 
führende Mitglieder von Freimaurer- 
Logen, linderten mit Mitgliedsbei¬ 
trägen und gesammelten Spenden 
die Not wegen Krankheit, Unfällen 
und Alter. Den Bautzener Ortsver¬ 
ein gründete Gerhard Heinrich 
Jacobjan Stöckhardt 1820 auf 
Nostitz“ Veranlassung. 1823 richtete 
der Dresdner Verein „Rath und That“ 
eine Freischule für 300 Kinder ein, die 
evangelisch gebundenen Eltern eine 
Alternative zur katholischen Frei¬ 
schule bot. 1830 wurde Nostitz in der 
Nachfolge von Heinrich Wilhelm von 
Zeschau zum Großmeister der Lan¬ 
desloge Sachsen gewählt. Seine Söhne 
Eduard Gottlob von Nostitz und 

JÄNKENDORF Und JULIUS GOTTLOB 

von Nostitz und Jänkendorf 
gehörten in Dresden der Loge „Zum 
goldenen Apfel“ an. 

Für seine Verdienste erhielt Nostitz 
1817 das Großkreuz des königlich 
sächsischen Civilverdienstordens. Das 


Ehrenamt des Ordenskanzlers sämtli¬ 
cher sächsischer Orden bekleidete er 
später bis zu seinem Tod. Nostitz war 
seit 1814 Senior des Hochstifts Merse¬ 
burg. 1836 verlieh ihm die Universität 
Leipzig die Ehrendoktorwürde. Kurz 
vor dem Ende seines Lebens gedachte 
er dem 1835 verstorbenen Freund 
Karl August Böttiger mit einem 
Gedicht. Sein Sohn Eduard Gott¬ 
lob von Nostitz und Jänkendorf 
nutzte 1840 als sächsischer Innenmi¬ 
nister die Vorarbeiten des Vaters als 
Grundlage seiner Armenordnung. 

Quellen: Allgemeine deutsche Real-Encyclopädie, 
Bd. 11-12, Brockhaus, 1825; Franz Brümmer: 
„Nostitz-Jänkendorf, Gottlob Adolf Ernst von“. 

ADB Bd. 24, 1886; Neues lausitzisches Magazin, 
1836; Gottlieb Friedrich Otto: „Lexikon der seit 
dem fünfzehenden Jahrhunderte verstorbenen und 
jetztlebenden Oberlausizischen Schriftsteller und 
Künstler“. Burkhart Görlitz; Robert Luft: „Nostitz“ 
Neue Deutsche Biographie, 1998; Hans Mirtschin: 
„Die Gesellschaft Societät zu Bautzen“. Altstadtver¬ 
ein Bautzen, Vortrag 26.10.2010; Sanct Johannis 
Freimaurer-Loge zur goldnen Mauer, Mitglieder¬ 
verzeichnisse 1816, 1832; Lausizisches Magazin, 
1775; Friedrich August Schmidt, Bernhardt Fried¬ 
rich Voigt: „Neuer Nekrolog der Deutschen“. Bd. 

14, Teil 2, 1838; Cornelius Gurlitt: „Beschreibende 
Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler 
des Königreichs Sachsen“. Bd. 34; Dirk Hempel: „Li¬ 
terarische Vereine in Dresden“. Walter de Gruyter, 
2008; „Die Freimaurerloge zum goldenen Apfel im 
Orient Dresden 1776-1876“. Heinrich Dresden, 
1876; Gothaisches genealogisches Taschenbuch der 
briefadeligen Häuser, 1913; August Wilhelm Bern¬ 
hardt von Uechtritz: „Diplomatische Nachrichten 
adeliche Familien betreffend“. 1790, 1792; Dresdner 
Adressbücher; Maria Görlitz: „Parlamentarismus in 
Sachsen“. LIT Münster, 2011; Lausitzisches Magazin 
oder Sammlung verschiedener Abhandlungen 
und Nachrichten zum Behuf der Natur-, Kunst-, 
Welt- und Vaterlandsgeschichte, der Sitten, und der 
schönen Wissenschaften, Bd 1, Fickelscherer, 1768, 
Boris Böhm: „...daß es mir gewiß angenehm ist, 
euch nützlich zu werden...“ Elbhang-Kurier, H. 9, 
2015; Zita Szylagyi, Aszod, Mitteilungen 


247 




Eduard Gottlob von Nostitz und Jänkendorf wurde mit dem Großkreuz 
des sächsischen Civilverdienstordens, des russischen Annenordens und 
des sachsen-ernestinischen Hausordens sowie mit dem preußischen roten 
Adlerorden ausgezeichnet, Lizenz: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, 
http://www.portraitindex.de/documents/obj/34013970, CC BY-SA. 


Nostitz und Jänkendorf, Eduard Gottlob von 


Sächsischer Innenminister, Rittergutsbesitzer auf Oppach 
31.03.1791 Bautzen - 08.02.1858 Oppach 

V: Gottlob Adolf Ernst (*21.4.1765 See, tl5.10.1836 Oppach), Rittergutsbesitzer auf Oppach, 
Konferenzminister, Schriftsteller; M: Henriette Sophie geb. von Bose (*18.2.1769 Oberthau, 
t3.3.1848 Dresden); G: Traugott Adolph Karl (*24.3.1787, tl787 Dresden), Elise (*1788, 
t23.8.1853 Aszod, heiratete 1812 nach Ungarn Karl von Podmanitzky, dessen erste Ehe mit Julie 
Charpentier aus Freiberg), Therese Clementine (*7.11.1789 Dresden, 421.3.1870 Dresden, verh. 
mit Karl Alexander Graf von Rex), Theodor (*,t 1792 Bautzen), Lydia Augustina (*18.8.1794 
Doberschau, tl7.ll.1810 Dresden), Ida Rosalie (*9.1.1796 Bautzen, 428.3.1796 Doberschau), Ju¬ 
lius Gottlob (*12.7.1797 Doberschau, 418.3.1870 Dresden, 1838-1848 und 1849-1864 Gesandter 
beim Deutschen Bundestag), Agnes Luise (*10.9.1798 Bautzen, 417.5.1875 Altengottern, verh. 
mit Julius von Marschall), Klara Minona (29.12.1799-11.2.1882, verh. mit Viktor Julius von 
Bülow, Besitzer von Schloss Beyernaumburg), Klothilde Septimie (*27.1.1801 Bautzen, 41852 
Oppach, Dichterin, schrieb für Carl Maria von Weber), Heliodora Oktavia (*23.6.1805 Dober¬ 
schau, 418.2.1871 Dresden, verh. mit Bruno von Schimpff, Zollvereinsbeamter und Kreisdirektor 
in Zwickau) E: (1) 27.11.1816 Dresden, Wilhelmine Friederike Erdmuthe geb. von Beschwitz 
(*28.1.1796 Sornitz, 417.7.1821 Dresden), (2) 31.5.1824 Merseburg, Therese Freiin von Gut- 
schmid (*26.12.1797 Merseburg, 419.12.1863 Dresden, Tochter des Stiftskanzlers von Merseburg 
Christian Friedrich Freiherr von Gutschmid); K: Marie Amalie (*2.9.1817 Dresden, 41.1.1893 
Rom, verh. mit Rudolf von Metzradt auf Zedtlitz und Hermsdorf, nach 1859 Ferdinand von 
Platner, Bibliotheca Platneriana des Deutschen Archäologischen Instituts Rom), Wolf Gottlob 
Adolf (*23.10.1819 Dresden, 415.6.1874 Taubenheim, Hauptmann, Rittergutsbesitzer auf Tau¬ 
benheim, verh. mit Marie Elisabeth geb. von Polenz), Anna (*30.6.1825 Dresden, 421.12.1899 
Wiesbaden, verh. mit Hermann von Witzleben, Besitzer des Ritterguts Kitzscher), Fürchtegott 
Richard (*1.6.1826, 4 in Pirna, bis 1862 Rittmeister, danach Kammerherr), Helene Sophie Hen¬ 
riette (*3.11.1827 Dresden, 418.8.1891 Dresden, verh. mit General Alban von Montbe), Gottwalt 
Arthur (*18.1.1829 Dresden, 421.7.1905 Nieder-Lößnitz, Hauptmann, verh. mit Elisabeth geb. 
Freiin von Uexküll, Besitzer des Gotischen Hauses Radebeul), Gotthold Eduard Leo (*15.8.1831 
Dresden, 431.7.1871 Pirna, verh. mit Ida geb. von Arnim, Rittergutsbesitzer auf Oppach, Premi¬ 
erleutnant, Landtagsabgeordneter), Meta (*10.10.1839 Dresden, 43.10.1880, verh. mit Richard 
Freiherrn von Berlepsch, Sohn des Oberlandforstmeisters August Adolph von Berlepsch, Besit¬ 
zer des Klosterguts Seebach, heiratete 1882 eine Tochter von Anna verh. von Witzleben) 


Eduard Gottlob von Nostitz und 
Jänkendorf wurde 1791 in Bautzen 
geboren. Sein Vater, Gottlob Adolf 
Ernst von Nostitz und Jänken¬ 
dorf, war 1789 aus Dresden in die 
Oberlausitz zurückgekehrt und erhielt 
1792 die Berufung zum Landesäl¬ 
testen des Kreises Bautzen und 1804 
zum Leiter der Provinzverwaltung auf 


der Ortenburg als Oberamtshaupt¬ 
mann. Der Sohn besuchte unter Karl 
Gottfried Siebelis das Gymnasium 
in Bautzen und ab 1806 das Landes¬ 
gymnasium in Schulpforte. 1807 zog 
die Lamilie wieder nach Dresden. Bis 
1815 wohnten sie wie Karl August 
Böttiger im Coselpalais „Hinter 
der Lrauenkirche“ 5. Nostitz, dessen 


249 




Das ehemalige Bautzener Stadthaus 
seiner Familie, Burglehn 1, war 
möglicherweise das Geburtshaus 
von Eduard Gottlob von Nostitz und 
Jänkendorf. Es beherbergt heute die 
Gaststätte „Mönchshof“. Im Hinter¬ 
grund sieht man die Michaeliskir¬ 
che. Die Grundstücke wurden dem 
Landadel vormals durch den auf der 
Ortenburg residierenden Landvogt 
als landesherrliches Lehen über¬ 
geben. 1734 erwarb Wolf Gottlob 
Traugott von Nostitz auf Oppach, 
See, Sproitz und Moholz, ein Ur¬ 
großvater von Eduard Gottlob, das 
Haus. Sein Vater, Gottlob Adolf 
Ernst von Nostitz und Jänken¬ 
dorf, verkaufte es 1793. 


Vater als Oberkonsistorialpräsident 
sowohl für die Landesgymnasien wie 
beispielsweise Schulpforte als auch 
die Universität Leipzig verantwortlich 
zeichnete, studierte ab 1809 in Leipzig 
und ab 3. Oktober 1811 in Heidelberg 
Jura. Der Wechsel war vom Vater 
veranlasst worden, um den Sohn 
dem Einfluss des Studentenordens in 
Leipzig zu entziehen. Die Universität 
in Heidelberg galt als „Juristenuni¬ 
versität“ mit Schwerpunkt Römi¬ 
sches Recht, die Stadt Heidelberg als 
Zentrum der Romantik. Seit 1809 (bis 
1844) gehörte Nostitz der Freimaurer- 
Loge „Zum goldenen Apfel“ an. 

Nach Napoleons gescheitertem Russ¬ 
landfeldzug lavierte der preußische 
König Friedrich Wilhelm III. zwi¬ 
schen dem vormaligen Verbündeten 
Frankreich und Russland. Aus Angst, 
von den französischen Truppen 
verhaftet zu werden, ging der König 
Anfang 1813 nach Breslau. Er er¬ 
mächtigte Ludwig Adolf Wilhelm von 
Lützow zum Aufruf für ein Freikorps, 
in dem sich die patriotisch gesinnte 
Jugend Deutschlands sammeln sollte. 
Im Februar, noch vor dem offiziellen 
Seitenwechsel Preußens, erfolgte die 
Gründung. Neben Nostitz, der sein 
Studium in Heidelberg unterbrochen 
hatte, kamen unter anderem der 
Dichter Theodor Körner und der spä¬ 
tere Turnvater Friedrich Ludwig Jahn. 
Nostitz“ Vater diente währenddessen 
dem mit Napoleon verbündeten säch¬ 
sischen König Friedrich August dem 
Gerechten als Minister. Am 26. Au- 


250 







Eduard Gottlob von Nostitz und 
Jänkendorf wurde für seinen Dienst 
in der Lützow‘schen Freischar im 
Krieg gegen Napoleon mit dem Ei¬ 
sernen Kreuz 2. Klasse ausgezeich¬ 
net (Ölbild Schloss Taubenheim). 

gust 1813 half der Sohn, den gefalle¬ 
nen Theodor Körner aus dem Gefecht 
gegen Napoleons Truppen zu bergen 
und in Wöbbelin zu begraben. Am 10. 
Oktober verhinderte ein Posten unter 
dem Befehl von Nostitz in Hohnstorf 
- Teile der Freischar waren inzwi¬ 
schen in die Nordarmee unter Ludwig 
von Wallmoden-Gimborn eingeglie- 
dert worden - die Elbquerung der 
feindlichen Truppen aus Lauenburg. 
Nostitz wurde dabei durch eine 
Kartätschenkugel schwer verwundet. 
1814, nach dem Sieg gegen Napoleon 
in der Völkerschlacht zu Leipzig, trat 
er als Volontär des Ulanen-Regiments 
in sächsische Dienste. Johann Adolf 


von Thielemann, dem Nostitz als 
Ordonnanzoffizier diente, hatte das 
sächsische Heer neu organisiert, um 
sich an Preußens Seite am Feldzug 
gegen Frankreich zu beteiligen. Nach 
Kriegsende quittierte Nostitz den Ar¬ 
meedienst und schloss sein Studium 
an der Universität Wittenberg ab. 

1817 wurde Nostitz als Kammerrat 
beim Geheimen Finanzkollegium 
unter Wilhelm Friedrich von Gut- 
schmid, einem Onkel seiner späteren 
zweiten Frau, angestellt. Er traf hier 
auf Gustav von Flotow, mit dem er 
über viele Jahre in Kontakt bleiben 
sollte. Ab 1819 wirkte Nostitz im 
Meißnischen Kreis als Amtshaupt¬ 
mann unter dem Kreishauptmann 
Heinrich Sigismund von Zeschau mit 
Zuständigkeiten für Dresden, Pirna 
rechts der Elbe, Radeberg, Stolpen, 
Hohnstein und Lohmen. Zu seinem 
Gebiet gehörte auch Bischofswer¬ 
da, das in jener Zeit von Gottlob 
Friedrich Thormeyer wieder aufge¬ 
baut wurde. Ab 1821 arbeitete Nos¬ 
titz als Geheimer Referendar bei der 
Geheimen Ratskanzlei. Sie war dem 
Geheimen Ratskollegium zugeordnet, 
dem Nostitz“ Vater angehörte. 1825 
kehrte Eduard Gottlob von Nostitz 
und Jänkendorf als Kammerkredit - 
kassen-Kommissar und Geheimer 
Finanzrat zum Geheimen Finanz¬ 
kollegium um Prinz Johann, George 
Ernst August Friedrich von Manteuf- 
fel und Günther von Bünau zurück. 
Gustav von Flotow war einer seiner 
Mitarbeiter. 


251 



Nostitz vertrat anlässlich der Eröffnung der Leipzig-Dresdner Eisenbahn 
am 7. April 1839 die sächsische Staatsregierung. Er erinnerte in seiner Rede 
an die großen Erwartungen, die der König und die Regierung mit dem 
Projekt verbinden. 


Nach Inkrafttreten der von seinem 
Vater, Gottlob Adolf Ernst von 
Nostitz und Jänkendorf, maßgeb¬ 
lich mitgeprägten ersten sächsischen 
Verfassung von 1831 ersetzten Fach¬ 
ministerien die ehemaligen Kollegi¬ 
albehörden. Nostitz arbeitete ab 1832 
als Abteilungsvorstand und Direktor 
unter dem Finanzminister Heinrich 
Anton von Zeschau. 

1836 wurde Nostitz zum Minister 
des Innern unter dem Vorsitzenden 
des Gesamtministeriums Bernhard 
von Lindenau bestellt und kraft 
dieses Amtes Mitglied des Staatsrats. 
Die Minister wurden vom König 
ernannt, waren ihrerseits aber dem 
Landtag berichtspflichtig. Nostitz 
unterstanden als permanente Mit¬ 
telbehörden die Kreis direktionen 
und Amtshauptmannschaften, aber 
auch wichtige temporär eingerichtete 
Kommissionen (Vorbereitung eines 
neuen Grundsteuersystems, Ablö¬ 
sungen und Gemeinheitsteilungen 
unter seinem Bruder Julius Gott¬ 


lob von Nostitz und Jänkendorf 
mit Heinrich August Blochmann 
und anfangs Paul Hermann). Zu 
seinem Zuständigkeitsbereich zählten 
das Gewerbewesen, die Polizeibe¬ 
hörden, die Zensur, die Amtsärzte, 
die Angelegenheiten der jüdischen 
Gemeinden, mehrere Lehreinrich¬ 
tungen (Technische Bildungsanstalt, 
die Baugewerkenschulen, Chirur- 
gisch-medicinische Akademie mit 
Thier-Arzney-Schule, v. Vitzthum- 
Blochmannsches Gymnasial-Erzie- 
hungshaus) und das Wirken der Ver¬ 
eine (Gewerbeverein, Gesellschaft für 
Natur- und Heilkunde, Ökonomische 
Gesellschaft im Königreiche Sachsen, 
Statistischer Verein, Altertumsverein; 
siehe Ernst Rietschel und Johann 
Gottfried Nake). Sein ehemaliger 
Mitarbeiter Gustav von Flotow war 
Vorstand in mehreren dieser Vereine. 
Mit weiteren Ministern zeichnete 
Nostitz zudem für das sächsische 
Kirchenwesen „in Evangelicis“ verant¬ 
wortlich. Einige Verantwortlichkeiten 
aus dem Ressort Inneres hatte sich 


252 





Lindenau Vorbehalten (die Kunstaka¬ 
demien in Dresden und Leipzig, die 
königlichen Sammlungen sowie die 
Versorgungs- und Strafanstalten, dar¬ 
unter die von Gottlob Adolf Ernst 
von Nostitz und Jänkendorf in 
Pirna und Bräunsdorf gegründeten 
sowie die Landeswaisenanstalt in 
Großhennersdorf). 

Nostitz führte in Sachsen zur Zeit 
von König Friedrich August II. eine 
Landgemeindeordnung (1838), eine 
Armenordnung (1840) und Gesetze 
zur Teilbarkeit des Grundeigentums, 
zum Schutz von künstlerischen und 
literarischen Werken sowie zu einer 
besseren Rechtsstellung der jüdischen 
Bevölkerung ein. In einer Zeit des 
wirtschaftlichen Aufschwungs kam 
insbesondere den Bereichen Indus¬ 
trie, Handwerk, Handel und Verkehr 
große Bedeutung zu. So betrafen der 
Bau der Eisenbahnstrecke Leipzig- 
Dresden und deren Einweihung 1839 
sowie die Planungen für die Säch¬ 
sisch-Schlesische Eisenbahn Nostitz“ 
Zuständigkeitsb ereich. 

Auch in Sachsen gärte die gesell¬ 
schaftliche Unzufriedenheit des 
Vormärz. Entgegen der vorgesehenen 
weitreichenden Pressefreiheit nach 
der Sächsischen Verfassung („Die 
Angelegenheiten der Presse und des 
Buchhandels werden durch ein Gesetz 
geordnet werden, welches die Freiheit 
derselben, unter Berücksichtigung 
der Vorschriften der Bundesgesetze 
und der Sicherung gegen Mißbrauch, 



1840 wurde die von Gottfried Sem¬ 
per erbaute Synagoge in Dresden 
geweiht (Gustav Täubert, um 1850). 
Als der für Dresden und Leipzig 
zuständige Oberrabbiner Zacharias 
Frankel 1836 nach Sachsen kam, 
durften die Juden hier ihre Religion 
noch nicht öffentlich ausüben, die 
Errichtung einer Synagoge war ih¬ 
nen untersagt. Sie besaßen kein Bür¬ 
gerrecht, ihr Eid keine Glaubwür¬ 
digkeit. Die vom Innenministerium 
unter Nostitz erlassenen Gesetze 
stellten einen bedeutenden Beitrag 
zur Emanzipation der jüdischen 
Bevölkerung in Sachsen dar. 

als Grundsatz feststellen wird.“) und 
liberaler Tendenzen unter Linde¬ 
nau als Innenminister nahm unter 
Nostitz die Zensur wieder zu. Ge¬ 
setzentwürfe zur Pressefreiheit traten 
nicht in Kraft. Weil aber verglichen 
mit anderen deutschen Staaten in 
Sachsen noch relativ tolerante Rege¬ 
lungen galten, konnte sich Leipzig 
zu einem Zentrum liberaler Dichter 
und Schriftsteller entwickeln. Der von 
Robert Heller 1842 maßgeblich 
mitbegründete Literatenverein forder¬ 
te vergeblich weitere Verbesserungen 


253 




ein. Der bereits aus Preußen vertrie¬ 
bene Arnold Rüge verließ nach der 
Beschlagnahme einer Ausgabe seiner 
„Deutschen Jahrbücher für Wissen¬ 
schaft und Kunst“ 1843 Sachsen und 
schloss sich in Paris mit Karl Marx 
zusammen. Sein Mitarbeiter Michail 
Bakunin ging nach Zürich. 

Aus gesundheitlichen Gründen legte 
Nostitz 1844 sein Ministeramt nieder 
und zog sich auf sein Gut Oppach 
zurück. Bis 1847 gehörte er dem 
Staatsrat an, bis 1850 war er Richter 
am Staatsgerichtshof. Die Familie war 
von dieser revolutionären Zeit unmit¬ 
telbar betroffen. Nostitz‘ Nichte Julie, 
eine Tochter seiner Schwester Elise, 
und ihr Mann, Miklos Josika, waren 
als Revolutionäre 1849 aus Ungarn 
geflohen, fanden aber nur kurzzeitig 
Aufnahme in Sachsen und emigrier¬ 
ten schließlich nach Brüssel. 

Um das Schicksal verwahrloster 
Kinder zu lindern, entstand im 19. 
Jahrhundert deutschlandweit eine 
„Rettungshausbewegung“. Bereits in 
seiner Zeit als Minister in Dresden 
war Nostitz mit dieser christlich- 
sozialen Bewegung in Berührung ge¬ 
kommen, als im Rahmen der Verant¬ 
wortlichkeiten Lindenaus innerhalb 
des Ressorts „Inneres“ beispielsweise 
Bräunsdorf und Großhennersdorf 
als Rettungshäuser genutzt wurden. 
Neben diesen staatlich organisierten 
Einrichtungen entstanden in Sachsen 
ab 1850 in Stollberg, Lößnitz, Riesa, 
Waldkirchen und Schwarzenberg 


Anstalten unter Führung karitativer 
Vereine. 1853 wurden für die Ober¬ 
lausitz in Berthelsdorf für Mädchen 
und von Nostitz in Oppach für etwa 
20 Jungen solche Rettungshäuser 
gegründet. Der Gründung in Oppach 
voraus ging 1852 ein Vortrag von 
Nostitz über „Rettungsanstalten für 
arme verwahrloste Kinder insbe¬ 
sondere auf dem Lande“ vor einer 
Oppacher Gemeindeversammlung. 
Neben Spenden, beispielsweise von 
Karl Traugott Kanig und in 
Dresden von Gustav von Flotow, 
flössen in den Fonds auch Einnahmen 
aus dem Druck jenes Vortrags sowie 
weiterer Schriften wie des von Nos¬ 
titz herausgegebenen dichterischen 
Nachlasses seiner Schwester Klothil¬ 
de Septimie. Nach dem Vorbild des 
Rauhe-Hauses in Hamburg wurden 
drei Grundsätze verfolgt: Erziehung 
im Familienleben, zur Religiosität 
und Sittlichkeit und zur Arbeit. Das 
Rettungshaus in Oppach strahlte eine 
große Vorbildwirkung in die Umge¬ 
bung aus. Von den 26 evangelischen 
Rettungshäusern Sachsens im Jahre 
1895 lagen allein 7 in der Oberlausitz, 
neben Oppach und Berthelsdorf jene 
in Zittau, Göda, Dittelsdorf, Elstra 
und Neukirch. 

Nostitz war Kanoniker des Kollegiat- 
stifts in Wurzen (ab 1810), Domherr 
und Senior des Hochstifts zu Meißen 
(ab 1828) und Propst des Domcapi- 
tularkollegiums St. Petri in Bautzen 
(ab 1841). Das Hochstift Meißen 
vertrat er Anfang der 1830er und in 


254 




Nostitz 1 Vater, Gottlob Adolf Ernst von Nostitz und Jänkendorf, 
hatte 1786 auf alten Gewölben des Oppacher Niederhofs ein Herrenhaus er¬ 
richten lassen. Eduard Gottlob von Nostitz und Jänkendorf baute das Haus 
1844 im neogotischen Stil um. 


den 1850er Jahren im sächsischen 
Landtag. Um sich einer besseren me¬ 
dizinischen Behandlung unterziehen 
zu können, verbrachte Nostitz sein 
letztes Lebensjahr in Dresden. Alle 
vier Söhne von Nostitz verfolgten eine 
militärische Karriere. Sein Sohn Leo 
führte zudem das karitative Engage¬ 
ment des Vaters in Oppach mit der 
Gründung eines Armenvereins fort. 

Quellen: Bernhard Pfeiffer: „Die Parochie Oppach“. 
Neue Sächsische Kirchengalerie, 1904; Neues 
lausitzisches Magazin, 1874; „Genealogisches Ta¬ 
schenbuch der uradeligen Häuser“. Perthes Gotha, 
1903; „Beiträge zur Geschichte des Geschlechtes 
von Nostitz“ Gressner & Schramm Leipzig, 1876; 
Cornelius Gurlitt: „Oppach“. Beschreibende Dar¬ 


stellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des 
Königreichs Sachsen, Bd. 34, 1910; Gustav Poenicke: 
„Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter 
und Schlösser“. Bd. 3, 1859; Felix Wilhelm: „Die 
Geschichte des Luttitz-Nostitzschen Burglehnhau¬ 
ses“ Bautzen, 1937; Dresdner Adressbücher 1817, 
1820, 1822, 1826,1832, 1837; Königlich-Sächsischer 
Hof- und Staats-Kalender, 1810; Staats-Handbuch 
für das Königreich Sachsen, 1843; Zita Szylagyi, 
Aszod, Mitteilungen 2016; Leipziger Zeitung, 4. 

Juli 1852, 28. Februar 1858; Herbert Zeißig: „Eine 
deutsche Zeitung. Zweihundert Jahre Dresdner 
Anzeiger.“ Verlag der Dr. Güntzschen Stiftung, 

1930; Christian Ludwig Enoch Zander: „Geschichte 
des Kriegs an der Nieder-Elbe im Jahre 1813“. Bd. 

1, 1839; Immatrikulationsverzeichnisse Universität 
Heidelberg; „Die Leipzig-Dresdner Eisenbahn in 
den ersten fünfundzwanzig Jahren ihres Bestehens“. 
1864; „Statistik der evangelischen Rettungshäuser 
Deutschlands“. Berlin 1897; Rene Sternke, Klaus 
Gerlach: „Karl August Böttiger - Briefwechsel mit 
Christian Gottlob Heyne“. Walter de Gruyter, 2015 


255 





Julius Gottlob von Nostitz und Jänkendorf trug den Titel „Wirklicher Ge¬ 
heimrat“. Für seine Verdienste wurden ihm der sächsische Zivilverdienstor¬ 
den, der hannoversche Guelphen-Orden, der württembergische Friedrich- 
Orden, der badische Zähringer Löwen-Orden, der kurfürstlich-hessische 
Wilhelmsorden, der großherzoglich-hessische Orden von Philipp dem 
Großmüthigen, der sächsisch-ernestinische Hausorden, der luxemburgische 
Orden der Eichenkrone sowie die Ehrenbürgerschaft Bremens verliehen. 
Lizenz: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, http://www.portraitindex. 
de/documents/obj/34014839, CC BY-SA. 


Nostitz und Jänkendorf, Julius Gottlob von 


Sächsischer Gesandter beim Deutschen Bundestag 
12.07.1797 Doberschau - 18.03.1870 Dresden 

V: Gottlob Adolf Ernst (*21.4.1765 See, tl5.10.1836 Oppach), Rittergutsbesitzer auf Oppach, 
Konferenzminister, Schriftsteller; M: Henriette Sophie geb. von Bose (*18.2.1769 Oberthau, 
13.3.1848 Dresden); G: Traugott Adolph Karl (*24.3.1787,11787 Dresden), Elise (*1788, 
123.8.1853 Aszod, heiratete 1812 nach Ungarn Karl von Podmanitzky, in erster Ehe mit Julie 
Charpentier aus Freiberg verheiratet), Therese Clementine (*7.11.1789 Dresden, 121.3.1870 
Dresden, verh. mit Karl Alexander Graf von Rex), Eduard Gottlob (*31.3.1791 Bautzen, 

18.2.1858 Oppach, 1836-1844 sächsischer Innenminister), Theodor (*,t 1792 Bautzen), Lydia 
Augustina (*18.8.1794 Doberschau, 117.11.1810 Dresden), Ida Rosalie (*9.1.1796 Bautzen, 
128.3.1796 Doberschau), Agnes Luise (*10.9.1798 Bautzen, 117.5.1875 Altengottern, verh. mit 
Julius von Marschall), Klara Minona (29.12.1799-11.2.1882, verh. mit Viktor Julius von Bülow, 
Besitzer von Schloss Beyernaumburg), Klothilde Septimie (*27.1.1801 Bautzen, 11852 Oppach, 
Dichterin, schrieb auch für Carl Maria von Weber), Heliodora Oktavia (*23.6.1805 Doberschau, 
118.2.1871 Dresden, verh. mit Geheimrat Bruno von Schimpff); E: 31.5.1825 Wurschen, Erdmu- 
the Charlotte Luise geb. von Rex-Thielau (*20.12.1805 Lautitz, 118.7.1884 Dresden); K: Gottlob 
Adolf (*27.5.1826 Bautzen, 14.8.1880 Nadelwitz, Hauptmann, verh. mit Luise geb. Demisch), 
Hertha Gertrud Charlotte (*9.11.1827 Bautzen, 117.11.1914 Dresden, verh. mit Carl Alexan¬ 
der von Schwerin), Georg Gottlob (*30.1.1829 Lautitz, 110.8.1896 Würzburg, Oberfinanzrat, 
beteiligt am Ausbau des Eisenbahnwesens in Sachsen, verh. mit Hedwig Karoline Marie geb. von 
Larisch), Margarete Marie (*14.8.1830 Lautitz, Stiftsdame von Joachimstein), Charlotte Dorothee 
(*27.1.1832 Lautitz, 116.3.1906 Dresden, verh. mit dem russischen Diplomaten Alexander Baron 
von Mengden), Otto Gottlob (*28.3.1836 Lautitz, 119.12.1870 Lagny, Hauptmann), Sophie Elisa¬ 
beth (*13.1.1844 Frankfurt/M., Stiftsdame von Joachimstein) 


Nostitz begann seine Berufslauf¬ 
bahn 1820 als Kammerjunker am 
Ober-Hof-Marschallamt. Seit 1815 
gehörte er der Freimaurer-Loge „Zum 
goldenen Apfel“ an, seit 1822 der 
Oberlausitzischen Gesellschaft der 
Wissenschaften. 1823 wurde er zum 
Vogt des Klosters Marienthal bestellt. 
1829 beriefen ihn die Oberlausitzer 
Landstände zum Landesbestallten. In 
den 1830er Jahren vertrat Nostitz die 
Oberlausitz im sächsischen Landtag 
und führte das Rittergut Lautitz. 1835 
wurde er zum Landesältesten der 
Oberlausitz gewählt. 


Als Direktor der Kommission für 
Ablösungen und Gemeinheitsteilun¬ 
gen ab 1837 zeichnete Nostitz für die 
Reform der sächsischen Landwirt¬ 
schaft mitverantwortlich. Dabei ar¬ 
beitete er eng mit Heinrich August 
Blochmann sowie anfangs mit Paul 
Hermann, aber auch dem zustän¬ 
digen Innenminister, seinem Bruder 
Eduard Gottlob von Nostitz und 
Jänkendorf, zusammen. 1837 nahm 
Nostitz an der ersten Versammlung 
deutscher Landwirte in Dresden teil. 
Zu den sächsischen Teilnehmern der 
von August Gottfried Schweitzer von 


257 




Nostitz besaß das Rittergut Lautitz von 1828 bis 1841. 


der Forstakademie Tharandt maßgeb¬ 
lich organisierten Veranstaltung zähl¬ 
ten auch Johann Gottfried Nake 
und Heinrich August Blochmann. 

Von 1840 bis 1848 vertrat Nostitz 
Sachsen beim Deutschen Bundestag. 
Der Bundestag bildete das höchste 
Organ des Deutschen Bundes. Der 
1815 nach der Niederlage Napoleons 
gegründete Deutsche Bund war eher 
ein Staatenbund als ein Bundesstaat 
und stand im Zeichen des Konflikts 
zwischen Preußen und Österreich um 
die Vorherrschaft in Deutschland. Zur 
Gründung gehörten ihm 35 Mo¬ 
narchien und 4 Freie Städte an. Im 
Bundestag in Frankfurt a. M. berie¬ 
ten die bevollmächtigten Gesandten 
national bedeutsame innen- und 


außenpolitische sowie militärische 
Angelegenheiten. Sachsen besaß eine 
„Virilstimme“ im engeren Rat, also 
ein volles Mandat. Nostitz vertrat in 
den 1840er Jahren Sachsen zudem in 
Stuttgart als Gesandter. Die nationale 
Bewegung von 1848 forderte notwen¬ 
dige Reformen ein und die Deutsche 
Nationalversammlung („Paulskir¬ 
chenparlament“) erklärte den Bun¬ 
destag am 28. Juni 1848 für aufgelöst. 
Nach der Zerschlagung der Deut¬ 
schen Nationalversammlung wurde 
Nostitz 1849 wieder nach Frankfurt 
entsandt. Er vertrat Sachsen zudem in 
Kassel, Karlsruhe und Darmstadt als 
Gesandter. Die Dresdner Verhandlun¬ 
gen vom 23. Dezember 1850 bis zum 
15. Mai 1851 über eine neue Verfas¬ 
sung des Deutschen Bundes blieben 


258 



ergebnislos. Nostitz unterstützte in 
Frankfurt die österreichfreundliche 
Politik von Friedrich Ferdinand von 
Beust, des sächsischen Gegenspielers 
von Otto von Bismarck. Auch im 
Zusammenhang mit einer geplanten 
Verschärfung des Bundespressege¬ 
setzes vertrat Nostitz sehr konserva¬ 
tive Positionen. 1855 wurde ihm die 
Ehrenbürgerschaft Bremens zuteil. 

Die Bürgerschaft hatte es zunächst 
verhindern können, dass die fort¬ 
schrittliche Verfassung der Stadt nach 
dem Scheitern der Revolution wieder 
außer Kraft gesetzt wurde. Der kon¬ 
servative Senat der Stadt verband sich 
jedoch mit dem Deutschen Bundes¬ 
tag, die Bürgerschaft wurde aufgelöst 
und die Verfassung geändert. Nostitz 
war daran als Referent in der zustän¬ 
digen Kommission des Bundestags 
beteiligt. 

1864 übernahm Carl Gustav Adolph 
von Bose Nostitz“ Mandat. Mit dem 
preußisch-österreichischen Krieg 
von 1866 lösten sich Deutscher Bund 
und Bundestag auf. Seit 1864 wohnte 
Nostitz“ Nichte Julie Josika geb. Pod- 
manitzky, eine Tochter seiner Schwes¬ 
ter Elise, mit ihrem Mann, Miklos 
Josika, in Dresden. Julie Josika war 
Schriftstellerin und hatte 1849 mit 
ihrem Mann aus Ungarn fliehen und 
über Leipzig nach Brüssel emigrieren 
müssen. 

Quellen: Robert Luft: „Nostitz“. Neue Deutsche 
Biographie, 1998; Neues lausitzisches Magazin, 
1835, 1838, 1839; „Genealogisches Taschenbuch der 
uradeligen Häuser“. Perthes Gotha, 1903; Adressbü- 



Nostitz wohnte zuletzt in Dresden 
„An der Bürgerwiese 15b“ (spätere 
Nr. 22) im 1. OG. Der Hauseigentü¬ 
mer, der Naturforscher Otto Stau¬ 
dinger, betrieb parterre ein Dampf¬ 
bad. 

eher der Stadt Dresden; Heinz Georg Holldack: 
„Untersuchungen zur Geschichte der Reaktion in 
Sachsen, 1849-1855“. Kraus Reprint, 1965; Joseph 
Bernhard Schönfelder: „Urkundliche Geschichte 
des Königlichen Jungfrauenstifts und Klosters St. 
Marienthal, Cistercienser-Ordens, in der König¬ 
lichen Sächsischen Oberlausitz“. Schöps, 1834; 
Tobias C. Bringmann: „Handbuch der Diplomatie, 
1815-1963“. Walter de Gruyter, 2001; Zita Szylagyi, 
Aszod, Mitteilungen 2016; Amtlicher Bericht 
Versammlung deutscher Land- und Forstwirthe in 
Dresden, 1838; Gustav Adolf Poenicke: „Album der 
Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen“. 
Bd. 3; Richard Kohnen-Vogell: „Pressepolitik des 
Deutschen Bundes: Methoden staatlicher Pressepo¬ 
litik nach der Revolution von 1848“. 1995; Wilhelm 
von Bippen: „ Aus Bremens Vorzeit“. BoD - Books 
on Demand, 2015 


259 




Hans Volkmann: „Johannes Pache, ein Meister des deutschen Chorliedes“. 
Unsere Heimat, Beilage zum Sachs. Erzähler, Nr. 49, 6. Dezember 1937. 













Pache, Johannes Fürchtegott Jonathan 


Dirigent, Komponist, Kantor 

09.12.1857 Bischofswerda - 24.12.1897 Limbach 

V: Emil (*1822 Grimma, 120.8.1892 Bischofswerda), Vater Chausseegeldeinnehmer in Wen- 
disch-Paulsdorf, 1843 Hilfslehrer Strahwalde, 1845 Lehrer Sebnitz, ab 1850 Lehrer Bischofswer¬ 
da, Oberlehrer; M: Ottilie geh. Gerdessen, Arzttochter aus Strahwalde; G: Alfred Emil Immanuel 
(*2.11.1846 Sebnitz, 116.7.1913 Dresden-Tolkewitz, 1874 Diakon Bischofswerda, 1877 Pfarrer 
Steinigtwolmsdorf, 1888 Direktor Pädagogium Langebrück, 1905 Direktor Realschule Altstadt, 
1908 Pfarrer Waldkirchen, dessen Sohn Alexander Pache, *31.12.1878 Steinigtwolmsdorf, Prof. 
Dr. phil., Lehrer und Schriftsteller in Dresden und Zwickau), 1 Schwester (1 Nov. 1848 Sebnitz), 
Martin Moritz Georg (*26.10.1853 Bischofswerda, 14.3.1923 Dresden, 1879 Vikar Reinhardts¬ 
dorf, 1880 Diakon Döhlen, 1882 Pfarrer Wildenfels, 1894 erster Pfarrer der Heilig-Kreuz-Kirche 
Leipzig, 1900 Superintendent Großenhain, 1915 Geheimer Rat im Landeskonsistorium); E: (1) 
13.4.1885 Strasburg/Westpreußen, Martha geh. Heinrich (*23.1.1862,11893 Limbach), (2) Mar¬ 
tha geh. Knackfuß (Tochter von Emil Knackfuß, Teilhaber der Strumpfwarenfabrik Reinhold 
Esche in Limbach, Klavier- und Sprachlehrerin, verschwägert mit Diakon Bernhard Dinter, als 
Witwe bis 1921 in Dresden ansässig); K: Wolfgang (*12.2.1890, Lehrer in Limbach) 


Paches Vater galt als ausgesprochen 
tätige Persönlichkeit und gründete 
z. B. den örtlichen Frauenverein und 
den Militärverein. Er wollte auch 
seinen Jüngsten, wie dessen Brüder, 
auf eine theologische Berufslaufbahn 
vorbereiten und schickte ihn deshalb 
1870 auf das Gymnasium in Zittau 
unter Heinrich Julius Kämmel. Hier 
zeigte sich schon bald Paches musika¬ 
lische Begabung. Er übte regelmäßig 
Klavier und sang als Solosopranist im 
Chor von Kantor Paul Fischer, dem 
er wichtige musikalische Anregungen 
zu verdanken hatte. Es entstanden 
erste Lied- und Klavierkompositio¬ 
nen. Darunter litten seine schulischen 
Leistungen. Nachdem er das zweite 
Mal sitzen geblieben war, wollte ihn 
der Vater in Dresden am Lehrerse¬ 
minar anmelden. Auf die Frage des 
Direktors, ob er zum Lehrerberuf 


Lust hätte, antwortete der Sohn zum 
Entsetzen des strengen Vaters jedoch: 
„Nein, nur zur Musik.“ Daraufhin 
wurde Pache auf das Gymnasium in 
Bautzen geschickt. Er sang im Schul¬ 
chor, musizierte mit Freunden und 
verdiente sich etwas Geld als Klavier¬ 
lehrer. Es entstanden verschiedene 
Kompositionen, die später unverän¬ 
dert gedruckt wurden. 

Ab 1877 ließ sich Pache in Dresden 
bei Hoforganist Theodor Berthold im 
Orgelspiel und in der Theorie sowie 
bei dem kurz zuvor aus München von 
Hans von Bülow gekommenen Herr¬ 
mann Scholtz im Klavierspiel ausbil¬ 
den. 1879 fand er eine erste Anstel¬ 
lung als Organist und Musikdirektor 
in Herisau bei St. Gallen. Aus privaten 
Gründen kehrte Pache schon 1881 
nach Dresden zurück. Um seinen Le- 


261 




Blick über den Mühlteich zur Christuskirche Bischofswerda, davor Paches 
Geburtshaus (linkes Eckhaus). Das Foto wurde von Uwe Fiedler der Wiki- 
pedia zur Verfügung gestellt. 


bensunterhalt zu verdienen, arbeitete 
er als Begleiter an der Gesangschule 
von Augusta Götze, als Lehrer an 
der Zillmannschen Musikschule und 
zeitweise als Liedermeister von sechs 
Vereinen gleichzeitig. Trotzdem litt er 
Not und wechselte 1884 nach Leip¬ 
zig, wo er in Konzerten als Organist 
und Pianist auftrat. Hier entstanden 
vielbeachtete Kompositionen. 1885 
wechselte Pache als Kapellmeister an 
das Saisontheater in Naumburg. Er 
gründete hier zudem einen Männer¬ 
gesangverein, der noch lange später 
seinen Namen trug. Ab 1886 beriet 
er in Leipzig Musikverlage. Diese 


wirtschaftlich lohnende Tätigkeit 
eröffnete ihm einigen künstlerischen 
Freiraum. Pache hatte die Jahre der 
Not in Dresden nie vergessen und un¬ 
terstützte später vielfach Bedürftige. 

Pache war ein Meister des deutschen 
Chorliedes und schuf vorwiegend 
Männerchöre, v. a. in den frühen 
Jahren mit sehr romantischem 
Charakter. 1886 entstand z. B. „Ein 
Winzerfest am Rhein“, eine bekannte 
Walzer-Idylle für Männerchor mit 
Begleitung des Pianoforte (op. 38). 
Opus 169 vereinte den „Waldeszau¬ 
ber“ (Solo mit Männerchor) mit der 


262 


Frühlingsbegeisterung in „Lenzwon¬ 
ne“. Sein vokalmusikalisches Schaffen 
ging jedoch weit darüber hinaus. 
Neben Frauen- und gemischten 
Chören gehörten dazu auch Sologe¬ 
sänge und Duette. Für gemischten 
Chor vertonte Pache „Wohlauf, es 
ruft der Sonnenschein“ von Ludwig 
Tieck (op. 44). Zu den beliebtesten 
Frauenchören zählten „Frau Holle“ 
(op. 135) als Kupplerin, mit einem 
Text von Otto Hausmann, und die 
märchenhafte „Frau Sage“ mit einem 
Text von Frieda Schanz. Seine durch¬ 
aus nationalpatriotische Gesinnung 
wurde deutlich in „Niederwaldfahrt“ 
und v. a. in „Die Germanenschlacht“ 
(op. 106); diesen Chor widmete Pache 
dem Universitäts-Sängerverein zu St. 
Pauli in Leipzig und dessen Diri¬ 
genten Hermann Kretzschmar. Das 
bedeutendste Einzelwerk Paches war 
sicher seine Oper „Tobias Schwalbe“ 
mit einem Text von ihm selbst nach 
„Der Nachtwächter“ von Theodor 
Körner. Zu den Höhepunkten seines 
instrumentalmusikalischen Schaffens 
zählten Duette für zwei Violinen, 
Streichquartette, eine Suite für Klavier 
und Violine sowie Bearbeitungen 
von auserlesenen Vortragsstücken 
berühmter Meister wie Bach, Händel, 
Haydn für Harmonium, darunter von 
Ludwig van Beethoven: Larghetto aus 
der 2. Sinfonie D-Dur op. 36, Andan¬ 
te aus der Sonate op. 26 und Andante 
aus der Sonate F-Moll op. 57 (Beetho¬ 
ven-Haus Bonn). 


Um wieder mehr Musik praktizieren 
zu können, trat Pache 1889 in Lim- 
bach eine Stelle als Kantor und Orga¬ 
nist an. Er führte in den wenigen ihm 
verbleibenden Jahren den Kirchen¬ 
chor zu hoher Blüte und gilt als Be¬ 
gründer der traditionsreichen Limba- 
cher Kirchenmusik. Hier entstanden 
auch verschiedene kirchliche Kompo¬ 
sitionen, darunter op. 183 „Nocturne" 
für Orgel. Höhepunkt der Limbacher 
Tätigkeit war die Aufführung seines 
150. Werkes, des Oratoriums „Ka- 
pernaum“ mit einem Text von Diakon 
Bernhard Dinter, anlässlich seines 35. 
Geburtstages. Die Aufführung wurde 
zu einem großen Erfolg - das Werk 
blieb aber ungedruckt. In seinen 
letzten Jahren plante Pache auch eine 
Oper mit den Hauptpersonen Goethe 
und Friderike von Sesenheim; Anton 
Ohorn hatte schon begonnen, dafür 
ein Textbuch zu schreiben. Der frühe 
Tod des Komponisten verhinderte 
schließlich die Fertigstellung und der 
Stoff wurde später von Franz Lehar in 
der Operette „Friderike“ behandelt. 

In seinem kurzen Leben schuf Pache 
eine Vielzahl von Kompositionen, die 
seinerzeit sehr erfolgreich waren. Das 
Gesamtwerk reicht bis op. 185. In vie¬ 
len Werken widerspiegelte sich sein 
volkstümliches und lebensbejahendes 
Wesen. Wirtschaftlichen Zwängen 
folgend entstanden auch „leichte“ 
Musikstücke, die dem damaligen 
Zeitgeist entsprachen. Dazu zählten 
unterhaltsame Salonstücke unter dem 
falschen Namen Johannes Gerdessen 


263 




Das Pachedenkmal in Limbach steht 
heute unter Denkmalschutz. 

(Gerdessen war der Mädchenname 
der Mutter). Pache geriet zuneh¬ 
mend in Vergessenheit, als sich der 
Geschmack des Publikums wandelte. 
Gesundheitlich von einer Lungen¬ 
krankheit schon schwer gezeichnet, 
dirigierte er in Bischofswerda in 
seinem letzten Lebensjahr einen 
seiner Chöre anlässlich des Bundesge¬ 
sangsfestes und musste erleben, dass 
man sich in seiner Geburtsstadt nicht 
mehr zu ihm bekannte. 

Auch nach Paches Tod gehörten seine 
Chöre noch lange zum Repertoire vie¬ 
ler Gesangvereine. Er war nicht nur in 
Deutschland bekannt, sondern auch 


bei den deutschen Einwanderern in 
den USA beliebt. Die New York Times 
berichtete am 25. Juni 1894 auf Seite 
1 unter „Prize Singers and Singers 
Who Got Only Money and Farne“ von 
einem Gesangswettbewerb, für den 
u. a. Paches „Waldeinsamkeit“ als 
Wettbewerbsstück ausgewählt worden 
war. Seine Kompositionen erschie¬ 
nen z. B. in New York (Carl Fischer, 
1898-1904; unter „Sacred Choruses“ 
bei H.W. Gray; Schirmer) und in Bos¬ 
ton (A.P. Schmidt, Orgelmusik, 1897). 
Der Verleger Gamble Hinged Mu- 
sic Chicago stellte 1936 in „Graded 
masterworks for strings“ u. a. Werke 
von Edvard Grieg, Charles Gounod 
und Pache zusammen. Beim gleichen 
Verleger erschien im selben Jahr 
auch eine musikalische Partitur zum 
Thema „Freischütz“ (Carl Maria von 
Weber) mit Beteiligung von Pache. 
Einige Musikstücke des Komponisten 
befinden sich in der US-Library of 
Congress. Noch in der ersten Hälfte 
des 20. Jahrhunderts wurde Pache in 
vielen einschlägigen internationalen 
Lexika zitiert. 

An seiner letzten Wirkungsstätte Lim¬ 
bach ist Pache 1902 mit der Einwei¬ 
hung eines Denkmals im Stadtpark, 
vermutlich nach einem Entwurf des 
Wiener Bildhauers Wilhelm Leissring, 
geehrt worden. Es wurde in Sandstein 
gestaltet und ist über 3 Meter hoch. 
Unterhalb des in Erz gegossenen 
Bildnisses erinnert die Zeile „Der 
liebe Herrgott hält die Wacht“ an ein 
Lied von Pache. Für das Denkmal 


264 



Erinnerungstafel am Geburtshaus 
in Bischofswerda: „Am 9. Dezember 
1857 wurde hier geboren Johannes 
Fürchtegott Jonathan Pache.“ 

trafen Spenden auch aus Indianapolis 
und Syrakus in den USA ein. Die von 
Pache begründete Kirchenmusiktra¬ 
dition führten u. a. Franciscus Nagler, 
Alfred Stier (späterer Landeskirchen¬ 
musikdirektor in Sachsen) und Rudolf 
Levin erfolgreich fort. 2004 wurde die 
ehemalige Kirchstraße in Limbach 
nach Pache benannt. Im Jahre 2007 
erinnerten mehrere Veranstaltungen 
an seinen 150. Geburtstag: Am 6. Mai 
fand eine Matinee statt. Es erklan¬ 
gen ausschließlich Werke Limbacher 
Kantoren - von Pache wurde „Herr, 
auf dich traue ich“ aufgeführt. Am 
Geburtstag selbst, dem 9. Dezember, 
erinnerten ein Posaunengottesdienst 
in der Stadtkirche mit anschließender 
Feier des Heiligen Abendmahls, eine 
Kranzniederlegung am Pachedenkmal 
im Stadtpark und eine CD „Limba¬ 
cher Komponisten und Interpreten 
von Bach bis Pache, von Barock bis 
Pop“ an den ersten hauptamtlichen 
Kantor in Limbach. Als in der Lim¬ 


bacher Stadtkirche im Jahre 2014 
des berühmten Kreuzkantors Rudolf 
Mauersberger gedacht wurde, erklan¬ 
gen Werke von Mauersberger selbst, 
der Kreuzkantoren Ernst Julius Otto 
und Gottfried August Homilius sowie 
von Pache. 

In der Geburtsstadt Bischofswerda er¬ 
innert eine auf Initiative des Heimat¬ 
forschers Hermann Steudtner ange¬ 
brachte Gedenktafel am Geburtshaus 
Pfarrgasse 8 an den Sohn der Stadt. 

Quellen: Hans Volkmann: „Johannes Pache, 
ein Meister des deutschen Chorliedes“. Unsere 
Heimat, Beilage zum Sachs. Erzähler, Nr. 49, 

6. Dezember 1937; E.W.: „Erinnerungen an 
Johannes Pache“. Unsere Heimat, Nr. 10, 9. März 
1924; Meyers Konversationslexikon, Verlag des 
Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, 
Vierte Auflage, 1885-1892, 18. Band: Jahres- 
Supplement 1890-1891; Hermann Schnurr¬ 
busch: „Johannes Pache zum 100. Todestag“. 
Journal für das Limbacher Land, Survival 
Verlag Limbach-Oberfrohna, 5 (1997), S. 16-17; 
„Matinee zum 150. Geburtstag - Musikalischer 
Gottesdienst mit Werken Limbacher Kantoren“, 
„Musikalische Referenz für Johannes Pache“, 
Stadtspiegel, Amtsblatt der Großen Kreisstadt 
Limbach-Oberfrohna, 17. Jg., Nr. 9 (26.4.2007), 
Nr. 11 (24.5.2007); „Der Kantatesonntag - eine 
besondere Geburtstagsfeier“, Gemeindebrief 
Ev.-Luth. Kirchgemeinde Limbach-Kändler, 
April/Mai 2007, Nr. 51, S. 8; Gemeindebrief 
Ev.-Luth. Kirchgemeinde Limbach-Kändler 
Dezember 2007 / Januar 2008, Nr. 55; Franz 
Kössler: „Personenlexikon von Lehrern des 19. 
Jahrhunderts“. Berufsbiographien aus Schul-Jah- 
resberichten und Schulprogrammen, 1825-1918, 
Bd. Paalhorn-Pyrkosch; Reinhold Grünberg: 
„Sächsisches Pfarrerbuch“. Freiberg 1939-1940; 
Neues Archiv für Sächsische Geschichte, 1920, 

S. 152; Dresdner Adressbücher; „Die Limbacher 
Fabrikanten-Familie Esche“ (www.graenz.name); 
„Es war eine Schule fürs Leben“ (www.blick.de); 
Die Gartenlaube, 1902; www.westpreussen.de 


265 




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Petermann, Georg 


Pietistischer Pfarrer in Berlin, der Lausitz und Dresden 
auch: Petermannus, Georgius; Petrman, Jiri; Petrmann, György 

19.03.1710 Pukanz - 19.12.1792 Dresden 


V: Daniel, Kürschner in Pukanz; G: George (*1709 Pukanz, 112.11.1782 Zibelle, studierte zusam¬ 
men mit seinem Bruder in Halle, 1739 Substitut und ab 1751 Pfarrer in Zibelle, verheiratet mit 
Elisabeth geb. Zenker, ihr Sohn George, *9.8.1750 Zibelle, Kaufmann in Löbau, verheiratet mit 
Johanne Eleonora Rahel geb. Fröhnel, *26.5.1755 Walddorf, t29.12.1794 Löbau, Tochter des Chi¬ 
rurgen Johann Gottlieb Fröhnel, ein weiterer Sohn Daniel, *1747 Zibelle, 26.9.1760 Aufnahme 
in die Lateinische Schule in Halle); E: (1) fl745; K: Johann Samuel (*1747 Dresden, 11811 Han¬ 
nover, Theologe, Hofmeister beim Freiherren von Mengden in Wildenfels, 1776 Gründer der 
Freimaurer-Loge zum Goldenen Apfel - ab 1781 in Dresden, wo später Karl August Böttiger 
Meister vom Stuhl war, ab 1778 Lehrer an der Pagenschule Dresden, ab 1786 Hofmeister beim 
Prinzen von Mecklenburg-Strelitz, ab 1791 Postkommissarius beim Generalpostamt Berlin) 


Petermann musste an seinem damals 
ungarischen Heimatort Pukanz (heute 
Pukanec, Westslowakei) eine katholi¬ 
sche Schule besuchen. Um den Sohn 
zu schützen, schickten ihn die protes¬ 
tantischen Eltern später nach Bohn- 
witz und Bagdan. Ab 1724 besuchte er 
das Gymnasium in Schemnitz (Bans- 
kä Stiavnica), 1728 wechselte er nach 
Pressburg (Bratislava). 

Am 1. Oktober 1733 bezog Peter¬ 
mann die Universität Halle zum 
Studium der Theologie. Er hörte 
Vorlesungen von Siegmund Jakob 
Baumgarten, Johann Gottlieb Heinec- 
cius und Johann Heinrich Michaelis. 
Gotthilf August Francke prägte ihn 
nachhaltig im Sinne des Pietismus 
seines 1727 verstorbenen Vaters, 
August Hermann Francke. Petermann 
blieb mit Francke, Direktor des Wai¬ 
senhauses Halle, auch nach dem Stu¬ 
dium in langjährigem Briefkontakt. 


Seine Berufslaufbahn begann er 1734 
als Lehrer an der Mägdlein-Schule der 
Francke'schen Stiftungen. 

Im Oktober 1734 erhielt der Student 
Petermann auf Empfehlung von 
Francke an den Geheimen Finanz-, 
Kriegs- und Domänenrat Christi¬ 
an von Herold eine Anstellung als 
Lehrer und zeitweise als Prediger der 
böhmischen Exulantengemeinde in 
Berlin. Der vormalige Pfarrer der 
Böhmen vor ihrem Weggang 1732 aus 
Großhennersdorf in der Oberlausitz, 
Johann Liberda, war auf Betreiben 
von Henriette Sophie von Gersdorff 
in Sachsen verhaftet worden und so 
hatte die Gemeinde in Berlin keinen 
eigenen Pfarrer mehr. Petermann 
geriet jedoch zunehmend in theologi¬ 
sche Meinungsverschiedenheiten mit 
seiner Gemeinde, die sich wieder stär¬ 
ker den Traditionen der Brüderlehre 
zuwandte. So wurden Betstunden 


267 



auch ohne Pfarrer abgehalten. Geist¬ 
lichen Beistand erhielt die Gemeinde 
vom reformierten Oberhofprediger 
von Berlin, Daniel Ernst Jablonsky. 
Petermann, der zunächst nur für 
ein Jahr in Berlin hatte bleiben und 
danach nach Halle zurückkehren 
wollen, beschränkte sich bald auf 
seine Aufgaben als Lehrer. Andreas 
Macher, zuvor Konrektor in Teschen, 
übernahm 1735 die Pfarrstelle. 

Peter mann unterrichtete in Berlin 
etwa 70 Kinder. Die Organisation 
des Schul- und Katechismusunter¬ 
richts erfolgte nach dem Vorbild des 
Halleschen Waisenhauses. Von hier 
besorgte sich Petermann die benö¬ 
tigten Schulbücher in deutscher und 
tschechischer Sprache. Wegen der 
Armut der böhmischen Exulanten bat 
er Gotthilf August Francke um Hilfe, 
die dieser auch gewährte. Geeignete 
Schüler bereitete Petermann auf ein 
Universitätsstudium vor. Dafür grün¬ 
dete er mit Unterstützung von Adolph 
Gebhard Manitius eine „Anstalt der 
studierenden Böhmen“. 1737 wurde 
die in der Tradition der Prager Beth¬ 
lehemskapelle des Jan Hus stehende 
Bethlehemkirche der böhmischen 
Exulantengemeinde in Berlin ge¬ 
weiht (im Zweiten Weltkrieg schwer 
beschädigt, in der DDR abgetragen). 
Gemeinsam mit Andreas Macher 
und dem ehemaligen Großhenners- 
dorfer Augustin Schultze verfasste 
Petermann anlässlich der Kirchweihe 
Lobgedichte auf den König („Das 
kleine Bethlehem als ein geistlich Brot 
- Haus für hungrige Selen“). Schon in 


Oberlausitzer Wurzeln 
der böhmischen 
Gemeinde in Berlin 

1729 begann der preußische König 
Friedrich Wilhelm I., in der Fried¬ 
richstadt protestantische Böhmen 
anzusiedeln. Ein großer Teil der seit 
etwa 1717 in Großhennersdorf un¬ 
tergekommenen und ursprünglich 
aus den Landkreisen Leitomischl 
und Landskron an der Grenze zu 
Mähren stammenden Flüchtlinge, 
etwa 500 Personen, wollte 1732 
ebenfalls nach Berlin. Sie verließen 
ihre zwischenzeitliche Oberlausitzer 
Heimat aus Unzufriedenheit über 
die materiellen und rechtlichen 
Verhältnisse, aber auch aus litur¬ 
gischer Opposition. Ihr Katechet 
Johann Liberda reichte ihnen zwar 
beim Abendmahl nach Tradition der 
Brüder-Unität Brot statt Oblaten, 
doch der Druck, sich der in Sachsen 
vorherrschenden lutherischen Kir¬ 
che anzupassen, blieb groß. Liber¬ 
da war ein Anhänger von August 
Hermann Francke in Halle, welcher 
die Fluchtbewegung aus Böhmen 
förderte und dafür Großhennersdorf 
als Stützpunkt auserkoren hatte. Die 
Herrin auf Großhennersdorf, Hen¬ 
riette Sophie von Gersdorff, stand 
zwar dem Pietismus nahe, im Unter¬ 
schied zum benachbarten Herrnhu¬ 
ter Nikolaus Ludwig von Zinzendorf 
und Pottendorf wollte sie aber an der 
Leibeigenschaft nicht rütteln 


268 



und so kam es zum Bruch mit ihren 
Böhmen. Nachdem der preußische 
König die Großhennersdorfer Ex¬ 
ulanten zunächst nicht aufnehmen 
wollte, siedelte er sie und Glaub ens- 
brüder aus Zittau auf Vermittlung 
von Liberda in Neu-Cölln und der 
Friedrichstadt an. Obwohl in Berlin 
insgesamt eine größere Toleranz als 
in Sachsen herrschte, blieben auch 
hier Konflikte unvermeidlich. 

dieser Zeit traten Konflikte zwischen 
verschiedenen protestantischen Strö¬ 
mungen hervor. Petermann wurde in 
der Folge wiederholt in Streitigkeiten 
zwischen Nikolaus Fudwig von Zin- 
zendorf und Pottendorf sowie Fran- 
cke verwickelt, bei denen es z. B. um 
Eifersüchteleien im Zusammenhang 
mit den Missionen in Amerika ging, 
wo sowohl die Herrnhuter als auch 
die Lutheraner in Halle die Führungs¬ 
rolle beanspruchten. 

Anfang 1738 ging Petermann als böh¬ 
mischer Prediger nach Gebhardsdorf 
(Giebultöw) am Queis zu Gottlob 
Friedrich von Gersdorff. Augustin 
Schultze hatte ihm die Berufung 
überbracht. Diese Entscheidung 
durch den Standesherren statt durch 
das Konsistorium sorgte für Unmut. 
Vor allem fürchtete man aber eine 
Hinwendung der hiesigen Exulanten 
zu den Brüdergemeinen Großhen¬ 
nersdorf und Herrnhut. Am 24. März 
1738 wurde Petermann in Leipzig or¬ 
diniert, kurz darauf trat er seine Stelle 


als Pfarrer in Uhyst/Spree an. 1741 
holte ihn Kabinettsminister Erdmann 
Graf von Promnitz als Archidiakon in 
Vetschau und Pfarrer in Missen. An 
diesen Wirkungsstätten hatte es der 
pietistische Petermann nicht leicht. 

In Gebhardsdorf gab es schon unter 
seinem Vorgänger theologische Kon¬ 
flikte, die wegen der Einführung eines 
neuen Gesangbuchs durch Peter¬ 
mann erneut aufbrachen, bis sich die 
Gemeinde sogar beschwerte. In Uhyst 
wurde er als „Heuchler aus Halle“ 
diffamiert und auch in Vetschau gab 
es Anfeindungen und Beschwerden 
beim Konsistorium in Lübben. 



Die Kirche in Uhyst/Spree wurde 
bis 1716 fertiggestellt, der Bau des 
Turms dauerte jedoch bis 1735, 
also wenige Jahre vor Petermanns 
Amtsantritt. 


269 







Petermann wurde 1747 zum Prediger 
der böhmischen und deutschen 
Gemeinde der Johanniskirche in 
Dresden berufen. Die Kirche („die 
Böhmische“) befand sich in der Nähe 
des Pirnaischen Tores am Stadtrand 
des alten Dresdens und war seit 1650 
nach einer Stiftung von Kurfürst Jo¬ 
hann Georg I. Heimstatt der ab 1620 
massenhaft aus Böhmen geflüchteten 
Protestanten. Auch hier war Peter¬ 
mann wegen seines Pietismus nicht 
unumstritten. Schon seine Wahl wur¬ 
de von heftigen Auseinandersetzun¬ 
gen überschattet. Den ursprünglichen 
Kandidaten des Oberkonsistoriums, 
Interimspfarrer Wenceslaus Grego- 
rius, lehnte die Gemeinde ab. Auf 
Drängen von August III. kam es zu 
einer Kampfabstimmung, bei der sich 
Petermann klar gegen Georg Körner 
durchsetzte. Das Oberkonsistorium 
hatte skeptische Gemeindemitglieder 
beschwichtigt, bei diesem Petermann 
handele es sich nicht um jenen in 
Gebhardsdorf und Zibelle missliebig 
aufgefallenen, bezüglich Gebhards¬ 
dorf offenbar fälschlicherweise. Viele 
Mitglieder verließen die Johannisge¬ 
meinde, aber Petermann konnte auch 
viele einflussreiche Persönlichkeiten 
als Besucher seiner Gottesdienste 
und als Spender gewinnen, was das 
Überleben und den weiteren Ausbau 
der Gemeinde sicherte. 1756 gründete 
die böhmische Gemeinde in Dresden- 
Neustadt die Neidesche Stiftsschule, 
zusätzlich zu einer in der Pirnai¬ 
schen Gasse betriebenen Schule. 

Ein persönlich gutes Einvernehmen 


bestand zwischen Petermann und 
Johann Christian Schlipalius, 1746 
Katechet und Mittagsprediger an der 
Frauenkirche, 1754 Prediger an der 
Sophienkirche und 1756 Prediger an 
der Kreuzkirche in Dresden. 

Zur damaligen Zeit war der Kirchhof 
der Johanniskirche die bevorzugte 
Begräbnisstätte des Dresdner Bürger¬ 
tums. Die Begräbnisse wurden jedoch 
zumeist nicht von den Pfarrern der 
Johanniskirche durchgeführt, de¬ 
nen die Kirchenleitung Calvinismus 
unterstellte, sondern von der Stadt - 
geistlichkeit. 1752 fand hier Johann 
Christoph Knöffel, Architekt der 
Brühlschen Terrasse und des Barock¬ 
schlosses Rammenau, die letzte Ruhe, 
1753 der Orgelbauer Gottfried Silber¬ 
mann und 1762 der Zeitungspionier 
Johann Christian Crell. 

Der Siebenjährige Krieg bis 1763 
stellte die böhmische Gemeinde in 
Dresden vor große Probleme. Das 
Pfarrhaus war abgebrannt, Kirchenge¬ 
räte und Geldspenden aus Hamburg 
gingen verloren. Kollekten in Regens¬ 
burg und Lübeck, Beiträge des Ober¬ 
konsistoriums, aber auch Spenden der 
deutschen Gemeinde, bei der Peter¬ 
mann sehr angesehen war, machten 
den Wiederaufbau des Pfarrhauses 
1770 möglich. Petermann blieb bis 
zum Schluss mit den Franckeschen 
Stiftungen in Halle eng verbunden 
und sammelte z. B. Spenden für die 
Missionen in Indien und Nordame¬ 
rika. 


270 




Die aus Holz gebaute Johannis¬ 
kirche (Zeichnung Moritz Krantz, 
Deutsche Fotothek, CC BY-SA 4.0) 
musste 1784 abgerissen werden. Die 
Gottesdienste fanden danach in der 
nahen Waisenhauskirche statt. 

1784 gründete sich unter Petermanns 
Leitung eine Dresdner Partikularge¬ 
sellschaft aus mehreren „erweckten“ 
Pfarrern. Zuletzt war Petermann 
Senior des geistlichen Ministeri¬ 
ums. 1789 begann unter Leitung von 
Ratsbaumeister Christian Heinrich 
Eigenwillig der Neubau der Johan¬ 
niskirche. Ihre Weihe im Jahre 1795 
erlebte Petermann nicht mehr. 

Petermann verfasste in seiner Dresd¬ 
ner Zeit eine Reihe theologischer 
und sprachwissenschaftlicher Bücher. 
Unter seinen Werken ragen das böh¬ 
mische Gesangbuch von 1748 („Ho- 
spodina Srdcem y Rty Chwäleni“), 
eine böhmische Grammatik sowie 
ein Buch mit böhmischen Postillen 
von 1783 („Krestanske Wjry Zäklad“) 
hervor. Er gab zudem eine böhmische 


Bibel heraus. Schon 1775 publizierte 
Petermann beim Intelligenz-Comp¬ 
toir (ehemals Siegmund Ehrenfried 
Richter) die theologische Streit¬ 
schrift „Erlaubte Beleuchtung“ gegen 
bibelkritische Abhandlungen des 
Engländers Eduard Harwood, wobei 
er auch auf Antithesen des Berliner 
Oberkonsistorialrats Wilhelm Abra¬ 
ham Teller zurückgriff. 

Quellen: Christian Adolph Pescheck: „Die 
böhmischen Exulanten in Sachsen“. Hierzel, 
Leipzig 1857; Franckesche Stiftungen zu Halle 
(Saale): Datenbank zu den Einzelhandschrif¬ 
ten in den historischen Archivabteilungen; 
Digitalisierte „Bergmannsche Exulanten¬ 
sammlung“, in Zusammenarbeit der Ludwig- 
Maximilians-Universität München und des 
Hauptstaatsarchivs Dresden; Paul Flade: 

„Neue Sächsische Kirchengalerie, Ephorie 
Dresden 1“. 1906; Christian Gottlieb Jöcher, 
Johann Christoph Adelung, Heinrich Wilhelm 
Rotermund: „Allgemeines Gelehrten-Lexicon“. 
Gleditsch, 1816; Gottfried Lebrecht Richter: 
„Allgemeines biographisches Lexikon alter 
und neuer geistlicher Liederdichter“. 1804; 
Lausitzisches Magazin“. Bd. 25, Fickelscherer 
1792; Karl Gottlob Dietmann: „Die gesamte 
der ungeänderten Augsp. Confeßion zuge- 
thane Priesterschaft in dem Churfürstenthum 
Sachsen und denen einverleibten, auch einigen 
angrenzenden Landen“. Bd. 1, 1752; Website 
Johannes-Kantorei; www.apfelloge.de; www. 
genbo.de; Ursula Bach: „Auszug und Ankunft. 
Der Weg der Evangelischreformierten Beth¬ 
lehemsgemeinde durch drei Jahrhunderte“; 
Thomas Keller: „Das tolerante Brandenburg/ 
Preußen? Toleranzpolitik am Beispiel der 
böhmischen Exulanten in Brandenburg/Preu¬ 
ßen“. GRIN Verlag, 2007; Frank Metasch: „Die 
Einwanderung und Integration von Exulanten 
in Dresden während des 17. und 18. Jahrhun¬ 
derts“. Dissertation TU Dresden, 2006; www. 
uhyst.de; Lausitzisches Magazin, 15.12.1782 


271 




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Sluf ©r. Äönigl. SRajefl. in fohlen unD (Eburfi. SDurcftl. ju ©aebfen oflergn. Spedd-ConcefEon 

K6nigl. tHanöafa unö Perorbnungen, 
t>om "Ja bv 1736. 

&roßbnijl.g}?aie(lin alle bibljero eingeftblithent, unter Denen Dem 
$ol)Ien unb Sburfl. SKtlnjtmmbat d. b. 1732. ton 9 - 3 M- un6 
I)urd)l 311 ©aebfen beffen (Erläuterung d. a. 1733. Den 3 5 Kar| 
'JJafenf, t»egen2t»; ebemaia beygeftigten Ulbbriitfcn, nicht mit be* 
ncfxming beriDui griffenc germgbaitige <3olD= unb ©übermänif, 
cateii wt»S Louis d’ infonbttljeit aber Da$ fßaperift&e, ®arggtdfl. 
Ors nt nicht SBarepthifthe, SBrtrtenibergifcbe, unD aöes an-- 
I^ertt Wehrt; ede Dere neue golbene unb filberne auf föirttte» 
fle gemünzt fcptt, D. D. £re§ben am 2. @e()alt au^gemäntte Selb / in Cbcn.cbfra 
Sttirj 1736. toorinnen angemerfrt roitb, Dag unb incorporivten ganDen gor »W/ 

u c«a 

Titelblatt von Richters Zeitung (später „Dresdner Anzeiger“) aus dem Jahre 
1752. Diese Gestaltung blieb gültig bis 1760. Der Druck erfolgte in Löbau. 






Richter, Siegmund Ehrenfried 

Buchdrucker in Görlitz, Verleger in Dresden 
16.03.1711 Bautzen - 01.06.1762 Dresden 

V: Gottfried Gottlob (*21.2.1682 Bautzen, 118.10.1738 Bautzen, Buchdrucker); G: Karl Gottfried 
(*13.1.1716 Bautzen, tlö.l 1.1745 Bautzen, Buchdrucker); E: (1) 22.2.1736 Johanna Christiana 
geb. Herguth (115.3.1736, Pfarrerstochter aus Henneberg), (2) 26.2.1737 Görlitz, Friederica 
Christiana (t Ende 12/1796, Tochter des Buchdruckers Nicolaus Schill in Lauban, verschwägert 
mit dem Historiker Karl Gottlob Dietmann, 2. Ehe mit Hofrat Johann Gottfried Haymann, 
Assessor an der Kommerzien-Deputation Dresden) 


Richter stammte aus einer Bautzener 
Buchdruckerfamilie. Sein Großvater 
Andreas Richter (1639-1719) hatte 
1676 die Familientradition mit der 
Übernahme der Buchdruckerei von 
Christoph Baumann begründet. 

1707 übergab er das Geschäft seinem 
Sohn Gottfried Gottlob Richter. Dem 
folgte 1738 dessen jüngerer Sohn Karl 
Gottfried Richter. Richters Buch¬ 
druckerei ist insbesondere für eine 
Vielzahl von Drucken in sorbischer 
Sprache bekannt geworden. Siegmund 
Ehrenfried Richter, der ältere Sohn 
von Gottfried Gottlob Richter, lernte 
bis 1729 beim Vater und ging dann 
nach Altdorf, Würzburg und Augs¬ 
burg. 1734 nahm er eine Stelle in der 
Druckerei von Christoph Zipper & 
Söhnen in Görlitz an, 1736 übernahm 
er die Druckerei. Auf sein Erbrecht 
an der Familiendruckerei in Bautzen 
verzichtete er. Richter hat 66 Schrif¬ 
ten produziert, die für ihren klaren 
Druck sowie für schöne Initial- und 
Finalstöcke und Zierleisten gerühmt 
wurden. Zu seinen Autoren zählten 
der Historiker Christian Knauth, die 
Theologen Karl Gottlob Dietmann, 


David Hollaz und Christoph Hay¬ 
mann mit Schriften zur Religions¬ 
geschichte sowie Gymnasialdirektor 
Friedrich Christian Baumeister. 

1745 ergänzte er sein Geschäft um 
einen Buchhandel, indem er sich 
mit Johann Friedrich Fickelscherer 
verband. Die Görlitzer Firma Richter 
& Co. ging nach Richters Tod in den 
alleinigen Besitz Fickelscherers über, 
der das Geschäft bis 1794 fortführte 
und u. a. das „Lausitzische Magazin“ 
und die „Lausizische Monatsschrift“ 
der Oberlausitzischen Gesellschaft 
der Wissenschaften herausbrachte. 

1746 nahm Richter in Dresden eine 
Stelle als Hoffaktor an. Hoffaktoren 
wurden an Fürstenhäusern mit der 
Regelung finanzieller Angelegenhei¬ 
ten betraut. Dazu zählte inbesondere 
die Beschaffung von Geldmitteln für 
Luxusgüter - während der Regent¬ 
schaft von August III. mit seinem 
Minister Heinrich von Brühl eine 
besonders anspruchsvolle Tätigkeit. 
Am 25. Januar 1749 stellte Richter in 
Dresden ein Gesuch an August III. 
um Erteilung des Privilegs für das 


273 



Adreß-Comptoir, einer Vermittlungs¬ 
anstalt zu Produkten, Dienstleistun¬ 
gen und Informationen, und dem 
damit verbundenen Anzeigenblatt. 
Weder die Erben des wirtschaftlich 
erfolglosen Vorbesitzers Gottlob 
Christian Hilscher noch dessen 
ehemaliger Konkurrent Johann 
Christian Crell wollten die 1730 
gegründete, erste Zeitung Dresdens 
fortführen. Andererseits wuchs mit 
der zunehmenden Bevölkerung und 
wirtschaftlichen Aktivität der Bedarf 
daran. Die landesherrliche Zustim¬ 
mung beinhaltete die Übertragung 
der Hilscher‘sehen Konzession, ohne 
den Abdruck von Kirchennachrichten 
zu gestatten. Die strikte Trennung von 
Anzeigenblättern, politischen Zei¬ 
tungen und speziellen Nachrichten¬ 
zetteln wie jenen der Kirchner wurde 
eifersüchtig verteidigt. Bei Richter 
erschien das Anzeigenblatt ab dem 1. 
Juli 1749 wöchentlich. Es sollte bis zur 
Gründerzeit vorrangig ein Inseraten- 
und Amtsblatt bleiben, bis es ab 1869 
die Redakteure Eduard Ferdinand 
Springer, Hermann Thenius und 
Leonhard Lier zu einer führenden 
Zeitung heutigen Zuschnitts machten. 
Bereits Richter hatte aber das Konzept 
der Zeitung erweitert. Als Neuerung 
gab es die „Gelehrten Anzeigen“ als 
Beilage. Zudem tauchten unter „Ver¬ 
mischtes“ aktuelle Nachrichten auf. 
Richters Credo bestand darin, „Vielen 
zu nutzen, einen jeden zu vergnü¬ 
gen und niemanden zu beleidigen“. 

Er publizierte lokale und regionale 
Nachrichten und ignorierte dabei ur¬ 


sprüngliche Verbote. Damit machte er 
seinerseits Crell und dessen „Dresd¬ 
ner Merkwürdigkeiten“ Konkurrenz. 
Er druckte auch Preislisten und 
kirchliche Nachrichten neben Fami¬ 
lien-, Stellen- und Gerichtsanzeigen 
und Wohnungsangeboten. Die „Ge¬ 
lehrten Anzeigen“ richteten sich an 
Wissenschaftler, die ihr Wissen und 
ihre Gedanken auf unterhaltsame Art 
einem breiten Leserkreis nahebringen 
wollten. Neben Theologie, Jura, Me¬ 
dizin, Wirtschaft, Naturwissenschaf¬ 
ten, Landwirtschaft und Geschichte 
fand sich auch Raum für Poesie und 
Literatur. Richter selbst beteiligte sich 
mit einigen Gedichten. In der Hoch¬ 
zeit der Kleinstaaterei bildeten Artikel 
über das Münzwesen einen gewissen 
Schwerpunkt. Ein solcher Beitrag 
erregte 1752 das Missfallen des Hofes, 
der sich bei der Zensur, also dem 
Stadtrat, beschwerte. Der Autor hatte 
Sachsen zwar gegen Kritiken in einer 
Berliner Zeitung wegen der Qualität 
sächsischer Münzen verteidigt, somit 
aber publik gemacht, dass es eine 
solche Kritik gab. Richter redete sich 
damit heraus, dass er das Manuskript 
anonym erhalten habe. Den Autor 
konnte oder wollte er nicht nennen. 
Die Recherche in der Druckerei in 
Löbau nach dem Originalmanuskript 
blieb erfolglos. Richter weitete auch 
den Vertrieb aus, allerdings musste 
er die meisten Ausgabestellen, wie in 
Berlin, Breslau, Hamburg und Wien, 
wieder schließen. Neben Leipzig 
verblieben nur Görlitz und Löbau. 
Letztere waren naheliegend, weil die 


274 



Produktion der Zeitung in der Löbau- 
er Zweigstelle von Richters eigenem 
Druckhaus in Görlitz erfolgte. Mit 
seinem erweiterten Zeitungskonzept 
hatte Richter das Anzeigenblatt zum 
Mittelpunkt des geistigen Lebens in 
Dresden gemacht. Mit Beginn des 
Siebenjährigen Krieges 1756 stand 
er vor einer neuen Herausforderung. 
Wechselnde Besatzungsmächte be¬ 
dienten sich der Zeitung für ihre Ver¬ 
lautbarungen, Friedenssehnsucht und 
Kriegsberichterstattung musste Raum 
gegeben werden. Richter rief in seinen 
Gedichten göttliche Hilfe gegen die 
Schrecken des Krieges an. Durch den 
Beschuss mit Kanonen während der 
Belagerung Dresdens durch preußi¬ 
sche Truppen im Jahre 1760 wurde 
auch das Domizil von Richters Zei¬ 
tung in der Landhausstraße zerstört, 
die daraufhin auf das Areal der spä¬ 
teren Kunstakademie zog. Nachdem 
sich die Lage etwas beruhigt hatte, 
dokumentierte man den Ablauf der 
Kampfhandlungen und deren Folgen 
ausführlich. Den Hubertusburger 
Friedensschluss von 1763 hat Richter 
nicht mehr erlebt. Wenige Tage nach 
seinem Tod wandte sich die Witwe 
an den Hof mit dem Appell, ihr das 
Anzeigerprivileg zu übertragen, auch 
im Hinblick auf die wirtschaftlichen 
Folgen des anhaltenden Krieges. 

Dem Gesuch wurde am 23. Juni 1762 
stattgegeben. Damit begann eine Zeit 
heftiger Auseinandersetzungen, in die 
auch renommierte Druck- und Ver¬ 
lagshäuser wie die von Johann Gott¬ 
lob Immanuel Breitkopf und Johann 


Christoph Arnold verwickelt waren. 
Verschiedene Anwartschaften wurden 
für den Fall des Ablebens oder des 
Wegzugs der Witwe Richter zugesagt. 
Gültig blieb jene für Breitkopf, der 
den Anzeiger inzwischen druckte und 
der die Anwartschaft 1790 zusammen 
mit Buchhandlungen in Dresden, 
Görlitz und Bautzen (Drachstedt) 
an Carl Christian Richter weiterver¬ 
äußerte. Mit dem Tod von Richters 
Witwe trat die Option in Kraft, wobei 
dies Carl Christian Richter nicht 
mehr erlebte. Johann August Tode, 
ein Verwandter der Witwe Siegmund 
Ehrenfried Richters, wurde mit der 
Administration beauftragt. Aber erst 
mit dem Verkauf im Jahre 1837 durch 
Carl Christian Richters Enkelin, 
der Freiin von Schlichten, an Justus 
Friedrich Güntz für 17.000 Taler kam 
die inzwischen „Dresdner Anzeiger“ 
genannte Zeitung in ruhigere Bah¬ 
nen. Nach Güntz“ Stiftung im Jahre 
1856 ging der Anzeiger in städtischen 
Besitz über und die Erträge wurden 
fast 100 Jahre lang für die Wohlfahrt 
und die Verschönerung Dresdens 
eingesetzt. Richters großer Verdienst 
bestand darin, die Zeitung zu einem 
wirtschaftlich gesunden Unterneh¬ 
men geführt zu haben. 

Quellen: J. Braun: „Richter, Andreas“. Allgemeine 
Deutsche Biographie, Bd. 28,1889, S. 446-447; 
Herbert Zeißig: „Eine deutsche Zeitung. Zwei¬ 
hundert Jahre Dresdner Anzeiger“. Verlag der Dr. 
Güntzschen Stiftung, 1930; Gottlieb Friedrich Otto: 
„Lexikon der seit dem 15. Jahrhundert verstorbenen 
und jetztlebenden Oberlausizischen Schriftsteller 
und Künstler“. Görlitz, 1800 ff.; Christian Friedrich 
Gessner u. a.: „Der so nöthig als nützliche Buchdru¬ 
ckerkunst und Schriftgiesserey“. 1741 


275 




Ernst Rietschel, im Bild porträtiert von seinem Studienfreund Julius Thae- 
ter, war ein Bildhauer von internationalem Rang. Zusammen mit Ernst 
Hähnel gilt er heute als Begründer der bedeutenden Dresdner Bildhauer¬ 
schule. Rietschel hat maßgeblich den Übergang vom Klassizismus zum 
Realismus geprägt und wurde für sein Schaffen vielfach ausgezeichnet. So 
war er Mitglied einer Vielzahl von nationalen und internationalen Kunst¬ 
akademien. 


Rietschel, Ernst Friedrich August 

Professor, Bildhauer 

15.12.1804 Pulsnitz - 21.02.1861 Dresden 


V: Friedrich Ehregott (*8.2.1768, t21.12.1828), Beutler und Handschuhmacher, Küster an der 
St. Nicolai-Kirche Pulsnitz; M: Caroline Salome geh. Röllig (*6.9.1770 Gersdorf, fl 1.10.1834); 

G: 5, darunter Karoline Friederike (*10.10.1795), Juliane Friederike (*9.2.1800); E; 1) 12.10.1832 
Lauchhammer, Albertine geh. Trautscholdt (*1811, tll.7.1835, Tochter eines Oberhüttenmeis¬ 
ters und Buchhalters von Detlev Graf von Einsiedel), 2) 2.11.1836 Dresden, Charlotte geh. Carus 
(*1810, tl2.5.1838, Tochter von Carl Gustav Carus), 3) 2.5.1841 Jena, Marie geh. Hand (*1819, 
tl8.7.1847), 4) 30.4.1851 Dresden, Friederike geh. Oppermann (1841-1906, Schwester von An¬ 
dreas Oppermann, Advokat in Zittau, Kunstschriftsteller); K: 2 Töchter aus erster Ehe (Adelheid, 
*20.9.1833; Johanna, *,tl835), 1 Sohn aus zweiter Ehe (Wolfgang, *28.8.1837, 41874, Arzt in 
Dresden), 2 Söhne und 1 Tochter aus dritter Ehe (Georg, *10.5.1842 Dresden, 113.6.1914 Leip¬ 
zig, 1868 Pastor in Rüdigsdorf bei Borna, 1874 in Zittau, 1878 Superintendent und 1884 erster 
Direktor des Predigerseminars in Wittenberg, 1887 Pfarrer an der Matthäikirche Leipzig, 1889 
ordentlicher Professor der praktischen Theologie in Leipzig, 1890 Universitätsprediger und Di¬ 
rektor des Predigerkollegiums zu St. Pauli; Margarethe Charlotte, *8.10.1845, JT846; Hermann, 
*19.4.1847 Dresden, 1T8.2.1914 Berlin, Nestor der Heizungs- und Klimatechnik, Rektor der TH 
Berlin), 1 Tochter aus vierter Ehe (Gertrud, *4.7.1853, fl937, verh. mit Ernst Rudorff, Professor 
an der Musikhochschule Berlin, 1904 Mitbegründer des Deutschen Bundes Heimatschutz) 


Rietschel wuchs in ärmlichen Ver¬ 
hältnissen auf. Er erhielt von einem 
Pulsnitzer Lehrer unentgeltlich 
Zeichenunterricht und konnte mit 
kleineren künstlerischen Arbeiten 
zum Familieneinkommen beitragen, 
eine kaufmännische Lehre brach 
er früh ab. Johann Gottlob Seyffert 
vermittelte ihm 1820 eine Freistelle 
an der Kunstakademie in Dresden. 

In den offiziellen Matrikellisten 
taucht sein Name allerdings nicht 
auf. Rietschel wurde in Dresden 
von den Malern Johann Friedrich 
Matthäi, Ferdinand Hartmann und 
Crescentius Jakob Seydelmann sowie 
dem Kunsthistoriker Karl August 
Böttiger unterrichtet. Der sächsi¬ 
sche Kabinettsminister Detlev Graf 
von Einsiedel verpflichtete ihn 1823 


als Modelleur für seine Eisengießerei 
in Lauchhammer. Rietschel nahm 
dafür Unterricht bei Hofbildhauer 
Franz Pettrich. Er beteiligte sich er¬ 
folgreich mit Zeichnungen und ersten 
plastischen Arbeiten an Dresdner 
akademischen Kunstausstellungen. 
Gleichfalls vertreten war hier später 
sein Namensvetter und Schüler Ernst 
Wilhelm Rietschel (*11.2.1824 Gei߬ 
mannsdorf, t2.12.1860 München), 
mit dem er seitdem mehrfach ver¬ 
wechselt wurde. 

1826 ging Rietschel statt nach Lauch¬ 
hammer mit Empfehlungsschreiben 
von Einsiedel, der ihn auch finanzi¬ 
ell unterstützte, und Böttiger nach 
Berlin zu dem berühmten Bildhauer 
Christian Daniel Rauch. Als erste 


277 



selbstständige Arbeit schuf er die 
Neptun-Statue für den Marktbrunnen 
in Nordhausen. 1828 gewann Riet- 
schel den Wettbewerb für ein Reise- 
Stipendium nach Italien, konnte 
den Preis als Nichtpreuße aber nicht 
erhalten. Er wurde ihm stattdessen 

1830 von der sächsischen Regierung 
ausgezahlt. Zuvor besuchte er zusam¬ 
men mit Rauch München, wo er am 
Monument von König Maximilian I. 
Joseph mitwirkte. 

1831 kehrte Rietschel aus Italien nach 
Deutschland zurück. Er begann in 
Rauchs Atelier mit Arbeiten an der 
kolossalen Statue von König Friedrich 
August dem Gerechten für Dresden. 
Das Denkmal ging auf die Initiative 
eines Vereins um Prinz Johann, Karl 
August Böttiger, Gottlob Fried¬ 
rich Thormeyer und Johann Gott¬ 
lob von Quandt zurück, die eigentlich 
Rauch gewinnen wollten, der jedoch 
Rietschel empfahl. Als Kabinetts¬ 
minister Detlev Graf von Einsiedel 
nach den Unruhen des Jahres 1830 
sein Amt verlor, schien der Auftrag 
zunächst gefährdet. Rietschels erstes 
großes Werk konnte schließlich 1843 
im Zwingerhof eingeweiht werden. 
Für die musikalische Umrahmung 
der Festveranstaltung waren Richard 
Wagner und Felix Mendelssohn 
Bartholdy verantwortlich. Seit 2008 
steht das Denkmal auf dem Dresdner 
Schloßplatz zwischen Hofkirche und 
Brühlscher Terrasse. Richard Wagner 
erinnerte sich später an Rietschel: 

„der krankhafte bleiche Mann mit 


seiner oft weinerlich ängstlichen 
Ausdrucksweise konnte von mir 
eigentlich nur schwer als Bildhau¬ 
er begriffen werden; doch da nicht 
unähnliche Eigenschaften mich schon 
bei Schnorr nicht abgehalten hatten, 
diesen als gewaltigen Maler aufzufas¬ 
sen, so gelang mir die Befreundung 
mit Rietschel um so mehr, als ich an 
diesem keinerlei Affektation wahr¬ 
nahm und eine seelenvolle, zärtliche 
Wärme mich immer geneigter zu ihm 
hinzog. Von ihm entsinne ich mich 
auch zuerst sehr warme, ja begeis¬ 
ternde Anerkennung meines Wesens, 
namentlich auch als Dirigent gehört 
zu haben. Trotz aller Kollegialität 
unseres reichen Künstlerkreises kam 
es sonst nämlich niemals zu dem, was 
ich hier meine, und es war im Grunde 
genommen eigentlich immer, als ob 
keiner etwas von dem andern hielte.“ 

Ab 1832/33 lehrte Rietschel als außer¬ 
ordentlicher Professor der Kunstaka¬ 
demie Bossier- und Modellierkunst 
an der Technischen Bildungsanstalt 
unter Wilhelm Gotthelf Fohrmann. 
Diese hatte ihren Sitz zunächst in 
einem Pavillon auf der Brühlschen 

Das Denkmal für König Friedrich 
August den Gerechten auf dem 
Schloßplatz in Dresden ist das 
heute am häufigsten gesehene Werk 
Rietschels (Foto rechts). Es steht ne¬ 
ben der Freitreppe zur Brühlschen 
Terrasse von Gottlob Friedrich 
Thormeyer. Der Sockel des Denk¬ 
mals stammt von Gottfried Semper. 


278 




279 
















































Der Gartenpavillon auf der Brühl- 
schen Terrasse wurde von Johann 
Christoph Knöffel 1747 erbaut (im 
selben Jahr von Canaletto gemalt). 
1828 erfolgte hier die Gründung der 
Technischen Bildungsanstalt, der 
heutigen Technischen Universität. 
Nach dem Wegzug der Bildungsan¬ 
stalt gehörte der Gartenpavillon zur 
Kunstakademie, die seit 1791 in der 
umgebauten Brühlschen Bibliothek 
(im Bildhintergrund) angesiedelt 
war. Rietschel, der selbst an der 
Kunstakademie studiert hatte, besaß 
im Gartenpavillon sein Atelier. 

Terrasse gegenüber der Brühlschen 
Bibliothek, wo die Kunstakademie 
untergebracht war, zog jedoch noch 
1833 in die Rüstkammer am Jüden- 
hof. 


Ab 1834 lehrte Rietschel als Professor 
für Bildhauerkunst an der Kunstaka¬ 
demie unter Heinrich Carl Graf Vitz¬ 
thum von Eckstädt, seinem früheren 
Lehrer Ferdinand Hartmann (künstle¬ 
rische Leitung) und Theodor Winkler 
(Hell) für die Expedition, blieb aber 
zunächst zusätzlich an der Tech¬ 
nischen Bildungsanstalt tätig. Der 
Kunstakademie gehörten seinerzeit 
Karl August Böttiger und Franz 
Pettrich als Mitglieder an. Schon kurz 
nach Rietschels Amtsantritt geriet 
die Kunstakademie in eine Krise. Der 
Landtag stellte sogar ihre Existenz 
in Frage. Hartmann verteidigte sie 
schließlich erfolgreich mit dem Hin¬ 
weis auf die Kunst als Staatsaufgabe. 
Zudem unterbreitete er Vorschläge, 
wie die Arbeit effektiver zu gestalten 
sei. Ab 1836 wurden der Atelierunter¬ 
richt eingeführt, die Generaldirektion 
aufgelöst und ein Akademischer Rat, 
dem auch Rietschel angehörte, als 
Leitungsgremium berufen. In dieser 
Funktion zeichnete Rietschel mitver¬ 
antwortlich für die Weiterentwicklung 
der Kunstakademie. So wurden aus 
Düsseldorf die Maler Julius Hübner 
und Eduard Bendemann geholt, die er 
schon aus seiner Berliner Zeit kannte, 
und Julius Schnorr von Carolsfeld, 
mit dem er seit seinem Aufenthalt in 
München freundschaftlich verbunden 
war. Bekannteste Schüler in Rietschels 
Atelier für Bildhauerei waren Johan¬ 
nes Schilling (1842), Gustav Adolf 
Kietz (nach 1844), Adolf Donndorf 
(1853) und Robert Henze ( 1858 ). 


280 








Prägend für Rietschels Karriere 
war das ambivalente Verhältnis zu 
dem Architekten Gottfried Semper, 
seit 1834 Professorenkollege an der 
Kunstakademie. Mit ihm arbeitete 
Rietschel nach dem Denkmal für 
Friedrich August den Gerechten auch 
beim Hoftheater (1838-1841) und 
der Gemäldegalerie (1847-1855, nach 
Sempers Flucht aus Dresden fertigge¬ 
stellt) zusammen. Bei beiden Vorha¬ 
ben schuf Rietschel den Bildschmuck 
gemeinsam mit Ernst Hähnel. Semper 
sah in den zwei Bildhauern die ideale 
Ergänzung, um seine Anschauung 
vom Zusammenwirken der Künste 
zu realisieren. Beim Hoftheater hatte 
er Hähnel ausdrücklich empfohlen. 
Rietschel schmückte am Hoftheater 
zwei Giebel mit einer „Allegorie der 
Tragödie“ bzw. der Musik auf dem 
Rücken eines Adlers emporgetra¬ 
gen, und schuf die beiden sitzenden 
Figuren Schillers und Goethes (heute 
am Eingang der Semperoper). An der 
Ausschmückung der Gemäldegalerie 
war auch der Rietschel-Schüler Jo¬ 
hannes Schilling beteiligt. Hier hatte 
Rietschel jedoch zunächst die Calber- 
lasche Zuckersiederei von Gottlob 


Rietschel war ein Meister der 
baubezogenen Plastik. In Bautzen 
erinnert daran der Rietschelgiebel 
am Puppentheater des Deutsch¬ 
sorbischen Volkstheaters auf der Or- 
tenburg. Es handelt sich dabei um 
die Figuren des Orestgiebels („Alle¬ 
gorie der Tragödie“, Orestie-Trilogie 
von Aischylos) des 1869 abgebrann¬ 
ten Semper‘schen Hoftheaters in 
Dresden. Das Werk befand sich ab 
1905 am Bautzener Stadttheater am 
Lauengraben, fand aber nach dessen 
Abriss 1969 keine Verwendung. Die 
Figuren kamen nach Quatitz und 
Nadelwitz. Seit der Eröffnung des 
Burgtheaters im Jahre 2003 ist das 
Werk, durch Glas geschützt, am 
heutigen Standort zu sehen. Neben 
der Ausschmückung von Hoftheater 
und Gemäldegalerie von Gottfried 
Semper in Dresden schuf Rietschel 
Reliefs und Statuen für das Haupt¬ 
gebäude der Universität Leipzig 
(Augusteum), das Giebelfeld an der 
Berliner Oper, die Quadriga für das 
Braunschweiger Schloss und Plasti¬ 
ken für das Logenhaus der Dresdner 
Lreimaurer. 


281 


Friedrich Thormeyer Sempers 
Neubau-Entwurf vorgezogen. Der 
Fassadenschmuck der Gemäldegalerie 
erinnerte an bedeutende Vertreter 
der Künste. Von Rietschel stammte 
der Entwurf der Nordseite, für die 
er u. a. die Statuen des Perikies und 
Phidias, von Holbein, Dürer, Giotto 
und Goethe sowie zahlreiche Reliefs 
schuf. In den 1840er Jahren wechsel¬ 
te Gustav Adolph Kietz von Semper 
zur Bildhauerei bei Rietschel. Sem¬ 
per und Rietschel gehörten zu den 
Gründungsmitgliedern des Dresdner 
Gewerbe-Vereins und bemühten sich 
dort um die Gründung einer Gewer¬ 
beschule für junge Handwerker. 

Rietschel pflegte in Dresden gute 
Kontakte zum Hof, vor allem zum 
späteren König Johann, hatte aber 
auch vielfältige Beziehungen zu 
bedeutenden Künstlern und Literaten 
seiner Zeit. In den 1830er und 1840er 
Jahren gehörte er neben Carl Gustav 
Carus, Theodor Winkler, Johann 
Gottlob von Quandt, Karl Gutz¬ 
kow, Gottfried Semper und Richard 
Wagner zu den aktiven Mitgliedern 
in verschiedenen Vereinen, die er 
teilweise sogar mit initiiert hatte. Früh 
fand Rietschel Anschluss an die von 
Quandt und Friedrich Anton Serre 
organisierten Gesprächskreise. In der 
Dresdner Neustadt und auf dem Gut 
Maxen kam er bei Serre u. a. auch mit 
Gottlob Friedrich Thormeyer 
zusammen. Rietschels Umfeld war 
teilweise noch dem konservativen 
Spektrum zuzurechnen, zunehmend 



Rietschels Denkmal für Carl Ma¬ 
ria von Weber (1860) steht vor der 
Dresdner Gemäldegalerie und ist 
der Semperoper zugewandt. Der 
Unterbau stammt von Sempers 
Nachfolger an der Kunstakade¬ 
mie, Hermann Nicolai. Rietschels 
Bildwerke haben zum kulturellen 
Antlitz Deutschlands als Land der 
Dichter und Denker beigetragen. In 
Leipzig schuf er 1850 ein Denkmal 
für Albrecht Daniel Thaer. 1853 
stellte Rietschel die Statue für Gott¬ 
hold Ephraim Lessing in Braun¬ 
schweig und 1857 die kolossale 
Doppelstatue mit Johann Wolfgang 
von Goethe und Friedrich Schiller 
(rechts) in Weimar fertig. 


282 


widerspiegelte sich aber auch hier die 
Aufbruchstimmung des Vormärz, so 
im Kreis um Julius Mosen. Im Säch¬ 
sischen Kunstverein mit seinen etwa 
2000 Mitgliedern besaß Rietschel, der 
dem Direktorium angehörte, wesent¬ 
lichen Einfluss auf die Förderung der 
bildenden Kunst und der Künstler 
in Sachsen. Der Verein organisierte 
Ausstellungen und kaufte Kunst auf. 
Rietschel gehörte den ebenfalls eher 
unpolitischen Albina und Sächsischer 
Altertumsverein an, war aber auch 
Mitglied im Literarischen Museum 
und der Montagsgesellschaft. Erst als 
es hier im Zusammenhang mit der 
Revolution von 1848/49 für ihn zu 
politisch zuging, blieb er fern. Mit 
den befreundeten Julius Hübner und 



Eduard Bendemann, die ebenfalls 
mehreren dieser Vereine angehörten, 
wohnte er in einem Haus. Die Söh¬ 
ne der drei Künstler lernten an der 
Schule von Karl Justus Blochmann, 
einem Bruder von Heinrich August 
Blochmann, die für ihre naturwis¬ 
senschaftliche Ausbildung bekannt 
war. In seinem Haus erlebte Rietschel 
hautnah den erbitterten Streit zwi¬ 
schen Hübner und Julius Schnorr von 
Carolsfeld als Vertreter der Düssel¬ 
dorfer bzw. Münchner Malschule in 
Dresden - ihm kam wiederholt eine 
Vermittlerrolle zu. 

Im Unterschied zu Semper sah Riet¬ 
schel die revolutionäre Entwicklung 
in Deutschland eher skeptisch. Er 
gehörte wie Bendemann und Hübner 
dem Deutschen Verein an, der sich 
am 11. April 1848 gegründet hatte. Sie 
strebten grundsätzlich ein „einiges, 
freies und starkes Deutschland“ an, 
standen aber weiterhin zu einer kon¬ 
stitutionellen Monarchie in Sachsen, 
die sie auf eine breite demokratische 
Grundlage stellen wollten. Eine wirk¬ 
liche Revolution lehnte man ab. Dem 
radikaleren Vaterlandsverein trat 
Rietschel nicht bei. Als es am 3. Mai 

1849 die ersten Toten gab, verteidigte 
er zusammen mit seinem Schüler 
Kietz in der Akademischen Legion 
der Bürgerwehr das Rathaus der Stadt 
gegen „Militär und Proletariat“. 

Ein erstes wegen seiner Perfektion 
gerühmtes Werk Rietschels war die 

1850 bis 1854 im Auftrag von König 


283 




Friedrich Wilhelm IV. geschaffene Pi¬ 
eta für die Friedenskirche in Potsdam. 
Vom Protestantismus geprägt, stellte 
der Künstler nicht mehr nur eine Ver¬ 
herrlichung der Gottesmutter Maria 
mit dem in ihrem Schoße ruhen¬ 
den Leichnam Christi dar, sondern 
betonte die Verehrung des heiligen 
Leichnams selbst, indem er ihn auf 
den Boden legte und Maria neben 
ihm niederknien ließ. Danach schuf 
Rietschel mit der Statue für Gotthold 
Ephraim Lessing in Braunschweig 
ein für seine realistische Darstellung 
gerühmtes Werk. Dieser Realismus 
prägte auch das 1857 eingeweihte Mo¬ 
numentalwerk für Johann Wolfgang 
von Goethe und Friedrich Schiller 
in Weimar. Rietschel setzte sich bei 
diesem Auftrag gegen seinen früheren 
Lehrer Rauch durch, dessen Entwurf, 
die beiden Dichter in einem anti¬ 
ken Kostüm darzustellen, abgelehnt 
wurde. Das Doppel-Monument sollte 
ebenso realistisch werden wie die 
Lessing-Statue in Braunschweig und 
so fiel die Wahl auf Rietschel. Der 
war sich ob seines Entwurfs selbst 
nicht sicher und schickte Gustav 
Adolph Kietz mit den Modellen nach 
München in die Erzgießerei, weil er 
die Kritik des bayerischen Königs 
fürchtete. Am 3. September 1857, 
dem 100. Geburtstag von Großherzog 
Karl August, wurde sein Goethe- 
Schiller-Denkmal enthüllt. Rietschel 
stellte die beiden Dichter gleichrangig 
nebeneinander, ein in sich ruhender 
Goethe legt dabei als Zeichen seiner 
Freundschaft dem jüngeren, voran¬ 


strebenden Schiller die Hand auf die 
Schulter. Drei Jahre später wurde in 
Dresden das Denkmal für Carl Maria 
von Weber enthüllt. Wegen der Flucht 
von Richard Wagner als einem der 
wichtigsten Fürsprecher hatte es hier 
Verzögerungen gegeben. 

Als letztes Hauptwerk entwarf Riet¬ 
schel in Worms ein monumentales 
Reformationsdenkmal. Es erinnert 
an das Erscheinen Luthers vor dem 
Reichstag in Worms im Jahre 1521, 
um vor Kaiser Karl V. seine Thesen zu 
verteidigen. Um die Gestalt Luthers 
gruppierte Rietschel Laien- und Pries¬ 
tervertreter sowie Stätten der Refor¬ 
mation. Mit diesem Ensemble wollte 
er „eine feste Burg“ des Glaubens 
symbolisieren. Rietschel selbst schuf 
neben dem Entwurf der Gesamtan¬ 
lage auch die Lutherfigur und die 
Statue des John Wiclef, eines Wegbe¬ 
reiters der Reformation aus dem 14. 
Jahrhundert. Die anderen Bildwerke 
wurden nach Rietschels Tod von sei¬ 
nen Schülern Adolf Donndorf (Savo- 
narola, Friedrich der Weise, Reuchlin, 
Petrus Waldaus, Magdeburg), Gustav 
Adolph Kietz (Hus, Philipp der Gro߬ 
mütige, Melanchthon, Augsburg) und 
Johannes Schilling (Speyer) entwor¬ 
fen. Beteiligt war zudem der Architekt 
Hermann Nicolai, Sempers Nachfol¬ 
ger als Professor für Baukunst an der 
Kunstakademie Dresden. Rietschel 
selbst ist in Worms mit einem Porträt 
an der rechten Ecke des Reichstagsre¬ 
liefs dargestellt. 


284 




Das Luther-Denkmal vor der 
Dresdner Frauenkirche stammt vom 
Rietschel-Schüler Adolf Donndorf. 
Es lehnt sich am Vorbild des großen 
Reformationsdenkmals seines Leh¬ 
rers in Worms an. Der Kopf Luthers 
beim Dresdner Denkmal geht auf 
einen Entwurf von Rietschel selbst 
zurück. Das Wormser Luther-Denk¬ 
mal wurde häufig, teilweise nach 
abweichenden Entwürfen Rietschels, 
nachgegossen. Zu den bekanntesten 
Luther-Denkmalen nach Rietschel 
gehören neben jenem an der Frau¬ 
enkirche Monumente in Washing¬ 
ton und in Görlitz. Für die Walhalla 
schuf Rietschel eine Büste Luthers. 


Vor allem mit seinen monumentalen 
Hauptwerken hat Rietschel Identi¬ 
fikationsfiguren des Strebens nach 
deutscher Einheit verewigt. Dane¬ 
ben schuf er eine große Anzahl von 
kleineren Plastiken, so von Karl 
August Böttiger (s. Seite 65) und 
dem berühmten Mineralogen Abra¬ 
ham Gottlob Werner. Die Abgüsse 
seiner Werke wurden zunächst im 
Rietschel-Museum, um das sich nach 
seinem Tod Hermann Hettner, Julius 
Schnorr von Carolsfeld, Carl Gustav 
Carus und Ernst Hähnel maßgeblich 
bemüht hatten, im Palais im Großen 
Garten gezeigt. Das repräsentative 
Palais beherbergte seit 1841 im Unter¬ 
geschoss den Sächsischen Altertums¬ 
verein, dem auch Rietschel angehörte. 
Der Verein präsentierte hier sakrale 
Bildwerke. 1869 wurde das Rietschel- 
Museum im Obergeschoss unterge¬ 
bracht, wo es bis 1889 verblieb. Seit 
1861 hatte ein Komitee zur Gründung 
eines solchen Museums eine nahezu 



Martin Luther steht im Zentrum des 
Wormser Reformationsdenkmals 
mit einer Bibel im Arm (siehe auch 
Abb. links). Die Lutherfigur hat 
Ernst Rietschel geschaffen, der Kopf 
stammt von Adolf Donndorf. 


285 









vollständige Sammlung von Modellen 
zu Rietschels Bildwerken zusam¬ 
mengetragen. Aus Worms kamen als 
Geschenk die Modelle zum dortigen 
Reformationsdenkmal. König Johann 
stellte die Räumlichkeiten im Palais 
zur Verfügung. Das Museum stand 
unter der Leitung von Hermann Hett- 
ner. Heute befinden sich Rietschels 
Werke in der Dresdner Skulpturen¬ 
sammlung. 

Seine letzte Ruhe fand Rietschel in 
Dresden auf dem Trinitatisfriedhof. 
Das Medaillon schuf sein Schüler 
Adolf Donndorf. Die nach dem Zwei¬ 
ten Weltkrieg rekonstruierte Grabstät¬ 
te befindet sich in unmittelbarer Nähe 
zum Grab von Carl Gustav Carus, für 
das Rietschel Reliefs angefertigt hatte. 

Besonders in Rietschels Heimatstadt 
Pulsnitz wird sein Andenken in 
Ehren gehalten. An seinem Geburts¬ 
haus erinnert eine Gedächtnistafel 
an ihn. Zudem werden hier einige 
Gipsabgüsse und Dokumente aufbe¬ 
wahrt. Der Stein am Grab der Eltern 
auf dem Pulsnitzer Friedhof stammt 
von Rietschel. Seit 1890 steht auf 
dem Marktplatz ein Denkmal, von 
seinem Schüler Gustav Adolph Kietz 
geschaffen, eine Straße sowie Grund- 
und Mittelschule tragen Rietschels 
Namen. Seit 1933 gibt es in der St. 
Nicolai-Kirche eine „Ernst-Rietschel- 
Kapelle“, nur wenige Schritte vom 
Geburtshaus entfernt, mit Zeichnun¬ 
gen, Briefen, einer Kopie der Potsda¬ 
mer Pieta und weiteren Skulpturen in 


Gipsabgüssen. 1990 wurde der Ernst- 
Rietschel-Kulturring gegründet, der 
alle zwei Jahre einen von Rietschels 
Nachfahren gestifteten Kunstpreis 
für Bildhauerei vergibt, und im Jahre 
2000 öffnete in Rietschels Geburts¬ 
haus eine Galerie. 



Das Rietschel-Denkmal in Pulsnitz 
stammt von Gustav Adolph Kietz. 

Es steht auf einem Sockel aus Granit 
und wurde aus Mitteln des Landes- 
Kunstfonds und der Stadt Pulsnitz 
errichtet. In einer Sitzecke vor dem 
Ratssaal des Rathauses (im Hin¬ 
tergrund) ist Rietschel auf einem 
Bleiglasfenster abgebildet. 


286 









Das Denkmal für Ernst Rietschel 
auf der Brühlschen Terrasse wur¬ 
de von dessen Schüler Johannes 
Schilling 1876 an der Stelle seines 
ehemaligen Ateliers errichtet. Hier 
befand sich zunächst die Technische 
Bildungsanstalt, später übernahm 
die Kunstakademie den Pavillon. 
Rietschels Schüler haben mit ihren 
Bildwerken den „Balkon Europas“ 
maßgeblich geprägt. Von Schilling 
stammen an der Freitreppe vom 
Schloßplatz die Plastiken „Abend“ 
und „Nacht“ (unten) und „Morgen“ 
und „Mittag“ (oben), das Denkmal 
für Gottfried Semper in der Nähe 
des Albertinums und die vergolde¬ 
te „Saxonia“ auf einem Turm des 
Oberlandesgerichts. Schilling und 
Robert Henze schufen kunstvolle 
Figuren bzw. Reliefs für die Kunst¬ 
akademie. Von Henze stammt auch 
die Figur der Fama auf deren Spitze. 



Quellen: Richard Muther: „Rietschel, Ernst“. ADB, Bd. 28, 1889, S. 596-602; Bärbel Stephan: 
„Rietschel, Ernst Friedrich August“. NDB, Bd. 21, 2003, S. 613-614; Andreas Oppermann: „Ernst 
Rietschel“. Brockhaus, 1863; www.ernst-rietschel.com; Meyers Konversations-Lexikon, Bd. 16, 
Leipzig 1908, S. 930; Paul Schumann: „Dresden“. Berühmte Kunststätten, Bd. 46, E. A. Seemann, 
Leipzig 1909; Dirk Hempel: „Literarische Vereine in Dresden. Kulturelle Praxis und politische 
Orientierung des Bürgertums im 19. Jahrhundert“. Walter de Gruyter, 2008; Christiane Thei- 
selmann: „Das Denkmal Friedrich August I. von Sachsen von Ernst Rietschel“. Zeitschrift für 
Kunstgeschichte, Bd. 53, H. 1, 1990, S. 1-24; Max Georg Mütterlein: „Gottfried Semper und des¬ 
sen Monumentalbauten am Dresdner Theaterplatz“. Dissertation, TH Dresden, 1913; Friedrich 
von Boetticher: „Malerwerke des 19. Jahrhunderts“. Dresden, 1898; „Allgemeine Betrachtungen 
über die Pilze und chemische Beiträge zur näheren Kenntniss derselben von Dr. Julius Lehmann“. 
Blochmann und Sohn, 1855; Adressbücher der Stadt Dresden, 1833, 1834, 1837.1861; Kunstchro¬ 
nik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe, 22.10.1869, E.A. Seemann Leipzig, S. 1-2 ; Max 
Maria von Weber: „Carl Maria von Weber. Ein Lebensbild“. Ernst Keil Leipzig, 1866; Carl Fried¬ 
rich Glasenapp: „Das Leben Richard Wagners in 6 Büchern“. Band 2, Breitkopf & Härtel Leipzig, 
1905; Wilhelm Kaulen: „Freud“ und Leid im Leben deutscher Künstler: ihren mündlichen Mit¬ 
teilungen nacherzählt“. Winter Frankfurt, 1878; www.worms.de; Ekkehard Mai: „Die deutschen 
Kunstakademien im 19. Jahrhundert: Künstlerausbildung zwischen Tradition und Avantgarde“. 
Böhlau Verlag Köln Weimar, 2010; Kunstakademie Dresden - Studentenordnung 1778-2012 


287 







Quelle Bildzitat: 
Lebenslauf des Ma¬ 
lers Osmar Schindler, 
Maschinuskript ohne 
Datum, vermutlich 
verfasst von Pfarrer 
Semm (1924-1935 in 
Bischofswerda), 
digitalisiert, leicht 
bearbeitet und mit 
Anmerkungen versehen 
von Pfarrer Dr. Tobias 
Mickel Bischofswerda, 
im April 2005, http:// 
www.christusbote.de 

Schindlers letztes Werk 
war für die Sakristei der 
Christuskirche in Bi¬ 
schofswerda bestimmt. 
Das Bild ist infolge 
des frühen Todes des 
Künstlers unvollendet 
geblieben. Er stellte da¬ 
rin auch seine Mutter, 
sich selbst (links) sowie 
Frau und Sohn dar. 


Schindler war während des Studiums auch von dem bekannten Bildnisma¬ 
ler Leon Pohle geprägt worden. Sein „Bildnis eines Bildhauers“ wurde 1888 
bei einer Ausstellung von Studienarbeiten an der Dresdner Kunstakademie 
mit einer Großen Silbernen Medaille ausgezeichnet. Nach dem Studium 
verdiente sich Schindler seinen Lebensunterhalt als Porträtmaler. Bedeu¬ 
tende Persönlichkeiten wie Christian Otto Mohr (Professor am Polytech¬ 
nikum und der TH Dresden), Hermann Prell (Professor an der Kunstaka¬ 
demie) und Wilhelm von Rueger (Vorsitzender des Gesamtministeriums) 
ließen sich später von ihm porträtieren. Ein frühes Damenbildnis (1891, 
ehemals Heimatmuseum Bischofswerda) gehört wie neun weitere Bilder 
Schindlers zum Bestand der Gemäldegalerie Neue Meister Dresden. 



Schindler, Osmar Heinrich Volkmar 

Professor, Maler in Dresden 

21.12.1867* Burkhardtsdorf- 19.06.1927 Dresden-Wachwitz 

(* lt. Grabstein auf dem Friedhof Dresden-Loschwitz abweichend: 22.12.) 

V: Carl Friedrich Julius (120.6.1878 Bischofswerda, Kaufmann); M: Emilie Auguste geh. Arnold 
aus Bischofswerda (1827-27.11.1903); G: 2 Brüder (Ottomar, Oskar); E: 1906 Emma Minna geh. 
Arnold (26.5.1866-9.11.1939); K: Ernst Arnold (*1906, 11906), Heinrich Erhard (*5.4.1908, 
vermisst April 1945) 


Schindler wurde im erzgebirgischen 
Burkhardtsdorf geboren. Die Fa¬ 
milie besaß in dieser Gegend einst¬ 
mals mehrere Spinnereien. Sein 
eigentliches Zuhause fand er aber in 
Bischofswerda. Von hier stammte 
seine Mutter und nach einer kurzen 
Zwischenstation bei Mittweida zog 
die Familie 1876 hierher. Schindler 
besuchte in Bischofswerda die Volks- 



Wohnhaus in der Osmar-Schindler- 
Straße Bischofswerda. 


schule und war Kurrendaner. Sein 
Studium an der Kunstakademie Dres¬ 
den ab 1882 wäre nach dem frühen 
Tod des Vaters ohne die finanzielle 
Unterstützung durch seinen Onkel 
Carl Ernst Theodor Schindler, dessen 
eigener Sohn in Italien verstorben 
war, undenkbar gewesen. Nachdem er 
zunächst bei Oskar Rassau Bildhauer 
werden wollte, wandte sich Schind¬ 
ler bald der Malerei zu. Er lernte an 
der Kunstakademie bei Ferdinand 
Pauwels, Leon Pohle, Friedrich Preller 
d.J., also Vertretern der Weimarer 
Malschule, und Karl Gottlob Schön¬ 
herr, der vor allem für seine religiösen 
Motive bekannt war. Schönherr malte 
1889 in Bischofswerda das Altarbild. 

Ab 1890 hielt sich Schindler mehr¬ 
fach längere Zeit im Ausland auf. In 
Dresden wurde er vom einflussrei¬ 
chen Monumentalmaler Hermann 
Prell inspiriert und gefördert. 1895 
traf Schindler bei Florenz sein großes 
Vorbild Arnold Böcklin, ebenfalls ein 
ehemaliger Weimarer, mit dem er die 
Vorliebe für naturnahes Malen teilte. 
Im selben Jahr erhielt er einen weg¬ 
weisenden Auftrag für zwei allegori- 


289 




„Die erste internationale Kunstaus¬ 
stellung zu Dresden im Jahre 1897 
muß als epochemachend für Dres¬ 
den bezeichnet werden. Hier wurde 
zum ersten Male der Grundsatz 
betont und in die Tat umgesetzt, 
daß es sich nicht um einen gro¬ 
ßen Kunstmarkt, sondern um eine 
Eliteausstellung handeln dürfe, und 
daß es auch nicht bloß gelte, diese 
ausgewählten Kunstwerke auszustel- 

sche Wandgemälde („Architektur“, 
„Chemie“) für die Königlich-Techni¬ 
sche Staatslehranstalt Chemnitz. 1897 
wurden sie in Dresden im Canaletto- 
Saal an der Brühlschen Terrasse mit 
großem Erfolg gezeigt. Sie gelten seit 
dem Umbau der Chemnitzer Aula in 
einen Hörsaal in den 1950er Jahren 
als verschollen. 


len, sondern auch Ausstellungskunst 
zu zeigen, durch die Art der Ausstel¬ 
lung, durch architektonische und 
dekorative Anregungen künstlerisch 
zu wirken und anzuregen.“ (Paul 
Schumann: „Dresden“. Berühmte 
Kunststätten Bd. 46, 1909) Auf sei¬ 
nem Ausstellungsplakat, das heute 
zum Bestand des Kupferstichkabi¬ 
netts Dresden gehört, stellte Schind¬ 
ler einen „siegkündenden olympi¬ 
schen Wettstreiter“, umrahmt von 
einem Goldmosaik, dar. Mit der 
Wahl des Motivs erinnerte er an die 
in der Öffentlichkeit begeistert auf¬ 
genommenen ersten Olympischen 
Spiele der Neuzeit 1896 in Athen, 
ein Gleichnis für die Aufbruch¬ 
stimmung in Dresdens Kunstleben. 
Gleichzeitig steht Schindlers Werk 
für den Aufstieg der Plakatgestal¬ 
tung zu einer eigenständigen Kunst¬ 
richtung, als „Kunst für die Straße“. 
Die „Plakatwelle“ ging Anfang des 
19. Jahrhunderts von den damali¬ 
gen Zentren der Industrialisierung 
und Kunst, London und Paris, aus. 
Schindlers Plakat gehörte zu den 
ersten bedeutenden Arbeiten dieser 
Kunstrichtung in Dresden. 

1897 gewann Schindler den Wettbe¬ 
werb für das Plakat zur I. Internatio¬ 
nalen Kunstausstellung in Dresden, 
nachdem der ursprüngliche erste 
Preisträger disqualifiziert worden war. 
Diese Ausstellung markierte einen 
Wendepunkt in der bildenden Kunst 
Dresdens. Nach Jahren der Stagna¬ 
tion kamen von 1895 bis 1901 mit 


290 





Gotthardt Kuehl, Carl Bantzer, Otto 
Gussmann und Eugen Bracht Vertre¬ 
ter moderner Stilrichtungen an die 
Kunstakademie. Sie lösten schrittwei¬ 
se Schindlers Lehrer, als Vertreter des 
Kolorismus traditionell geprägt, im 
Leitungsgremium der Akademie, dem 
akademischen Rat, ab. Insbesondere 
Kuehl, ein ehemaliges Gründungsmit¬ 
glied der Münchner Sezession, nahm 
großen Einfluss auf die Gestaltung 
der I. Internationalen Kunstausstel¬ 
lung in Dresden, in der sich nach dem 
Vorbild der Münchner Sezessionisten 
Einflüsse von Impressionismus und 
Jugendstil widerspiegelten. Auch 
Schindler schuf in jener Zeit Gemäl¬ 
de, die diesen Stilrichtungen, teilweise 
in gemischten Formen, zuzuordnen 
sind. Aus der verbliebenen bzw. 
wieder gewachsenen Distanz zum Im¬ 
pressionismus entwickelte er später, 
wie der Bautzener Hans Unger, einen 
eigenen neorealistischen, farbintensi- 
ven Malstil. Vor allem der Dresdner 
Anzeiger, unter dem Kunstredakteur 
Paul Schumann ein Fürsprecher der 
Avantgarde, gehörte zu den Kritikern. 

Im Jahre 1900 erhielt Schindler eine 
Anstellung an der Kunstakademie, 
drei Jahre später erfolgte die Beru¬ 
fung zum Professor. Bis 1924 bildete 
er Generationen von Kunststudenten 
aus. Schindler lehrte in der Mittel¬ 
klasse (Gipssaal) und der Oberklasse 
(Aktsaal, Malsaal). Zu seinen namhaf¬ 
testen Schülern zählten George Grosz, 
Karl Hanusch, Bernhard Kretzschmar 
und Paul Wilhelm. Er entdeckte 


zudem das Talent von Hanns Georgi 
und ließ ihn während dessen Ausbil¬ 
dung am Fletcherschen Lehrersemi¬ 
nar in seinem Atelier arbeiten. Mit 
dem aufkommenden Expressionismus 
und später der Neuen Sachlichkeit 
sowie dem Aufstieg solcher Maler wie 
Otto Dix schwand jedoch Schind¬ 
lers Reputation. Als Künstler ist er, 
selbst ein tiefgläubiger Christ, durch 
Monumental- und Altarbilder in 
Kirchen hervorgetreten. Sie werden 
für ihre Harmonie in Farbe und 
Form gerühmt. Das Wandaltarbild in 
Klotzsche (1905-1907) zeigt, in Kas¬ 
einfarben direkt auf Putz gemalt, die 
Kreuzigung Christi. Viele von Schind¬ 
lers Gemälden sind volkstümlich 
gestaltet. Das Altarbild in der Luther¬ 
kirche Chemnitz (1908) zeigt Jesus 
inmitten einfacher Menschen - den 
Kirchenbesuchern im gutbürgerlichen 
Lutherviertel oblag es, das Bild zu 
deuten. Die „Emmausjünger“ (1915) 
in der Kirche Freital-Potschappel 
tragen die Kleidung von Stahlarbei¬ 
tern. Auch in Otterwisch, Jahnsbach 
und Bischofswerda finden sich noch 
heute Schindlers Kirchengemälde, das 
Altarbild der Dresdner Annenkirche 
wurde 1945 zerstört. Ein christliches 
Motiv zeigt zudem das monumentale 
Wandbild im heutigen Evangelischen 
Gymnasium Annaberg. 

Schindler ließ sich von seinen Reisen 
(„Am Gardasee“), von der Sagen¬ 
welt („Siegfried“) und der deutschen 
Geschichte („Schiller, aus Don Carlos 
vortragend“) inspirieren, nahm aber 


291 





auch zu Ereignissen der Zeitgeschich¬ 
te Stellung mit „Weltbrand 1914“. 

Das berühmteste Werk, schon 1901 
geschaffen, zeigt ein Motiv aus dem 


alltäglichen Leben. „Im Kumtlampen¬ 
schein“ widerspiegelt sich ein Stück 
Romantik nach (fast) vollbrachtem 
Tagewerk - und die tiefe Verbunden¬ 
heit zwischen Mensch und Pferd, als 
sie noch die Mühsal des Alltags teil¬ 
ten. Schindler, der selbst lange in der 
Johannstadt wohnte, malte dafür den 
Kutscher Hermann mit seinem alten 
Schimmel vom Fuhrgeschäft Jank 
in der Pfotenhauerstraße. Das Bild 
befindet sich im Besitz der Gemälde¬ 
galerie Neue Meister, eine Lithografie 
mit demselben Motiv im Kupferstich¬ 
kabinett. Viele Kopisten trugen dazu 
bei, Schindlers Hauptwerk weltweit 
bekannt zu machen. Reproduktionen 
finden sich noch heute in unzähligen 
Wohnzimmern. Das Pastell „David 
und Goliath“ gehörte, nachdem es 
bei Aufräumungsarbeiten im Schloss 
Königsbrück nach 1945 gefunden 


292 







worden war, ebenfalls zum Bestand 
der Gemäldegalerie Neue Meister, 
wurde aber 1998 an die Alteigentü¬ 
mer zurückgegeben. Trotz seiner gro¬ 
ßen Arbeitsbelastung an der Akade¬ 
mie und durch Auftragsarbeiten war 
Schindler mehrfach auf bedeutenden 
Kunstausstellungen vertreten, z. B. 
mit „Im Kumtlampenschein“ 1901 in 
Dresden (Kleine Goldene Medaille), 
„David und Goliath“ auf der Weltaus¬ 
stellung St. Louis 1904 und „Verspot¬ 
tung Christi“ mit großem Erfolg in 
Berlin 1909. Letzteres Bild, im Besitz 
der Kirche Fischerhude, wird heute 
wegen vermeintlich antijudaistischer 
Tendenzen kontrovers diskutiert. 

Auch wenn Schindler Bischofswerda 
schon in jungen Jahren verlassen hat¬ 
te, blieb er der Stadt doch verbunden. 
Hier war sein Vater begraben und 


hier lebte noch lange seine Mutter. 

Die Mutter malte er, wie sie vom 
Fenster des Wohnhauses, die Bibel 
lesend, den Blick über Bischofswerdas 
Dächer streifen ließ. Die nach ihm 
benannte Straße erinnert noch heute 
an Osmar Schindler. 

Quellen: Falk Drechsel, Zwönitztal-Kurier, 
24.2.2007; Gernot Werner: „Er schuf Gemälde, auf 
denen Ross und Reiter bekannt sind: vor 75 Jahren 
verstarb Osmar Schindler“. Dresdner Neueste 
Nachrichten, 12 (2002), 10.6., S. 7; Ortsverein 
Pillnitz e.V.: „Künstler am Dresdner Elbhang“ Teil 
1, Elbhang-Kurier-Verlag, 1999, S. 145; Heike Bie¬ 
dermann u. a.: „Osmar Schindler in der Dresdner 
Galerie“. Sandstein Verlag Dresden, 2011; Friedrich 
von Boetticher: „Malerwerke des 19. Jahrhun¬ 
derts“. Bd. 2,1898, S. 562; Adressbücher der Stadt 
Dresden, 1892, 1904,1913; Johannes Weber: „Aus 
der Geschichte meiner Heimat“. Unveröffentlichte 
Chronik von Bischofswerda, 1977, S. 100; Websites 
der Kirchen Bischofswerda, Klotzsche, Potschappel 
und Chemnitz; Paul Schumann: „Dresden“. Be¬ 
rühmte Kunststätten Bd. 46, Verlag E.A. Seemann 
Leipzig, 1909; Kataloge der Kunstausstellungen St. 
Louis, Dresden und Berlin 



Sakristeigemälde „Blindenheilung“ in Bischofswerda. Im Bild zu sehen sind 
auch Schindlers Frau und Sohn (Mutter mit Kleinkind). 


293 



Johann Gottlob Schneider war einer der bekanntesten Orgelvirtuosen seiner 
Zeit. Die Dresdner nannten ihn „Orgel-König“. 








Schneider, Johann Gottlob 


Hoforganist in Dresden 

28.10.1789 Altgersdorf - 13.04.1864 Dresden 


V: Johann Gottlob (*1.8.1753 Waltersdorf, 13.5.1840 Altgersdorf), Sohn des armen Häuslers 
und Zwillichwebers Johann Christoph Schneider, der durch sein Musiktalent weit über seinen 
Heimatort Waltersdorf hinaus bekannt war, musste in seiner Jugend am Webstuhl arbeiten, 
lernte trotzdem Klavier und Violine, 1774 Organist, 1779 zusätzlich Unterschulmeister in 
Waltersdorf, 1787 Hauptlehrer und Organist in Alt- und Neugersdorf, 1832 Civilverdienstor- 
den; M: Anna Rosina geh. Hänisch (*5.1.1762 Jonsdorf, 19.1.1832 Altgersdorf), Bleichnerin; 

G: 1 vor seiner Geburt verstorbener Halbbruder, 1 Halbschwester (18.3.1774-1808, verh. 1792 
mit Karl Gottlieb Krause aus Neusalza) aus der 1. Ehe des Vaters, Johann Christian Friedrich 
(*3.1.1786 Waltersdorf 123.11.1853 Dessau, 1798 Gymnasium Zittau, sang im Kirchenchor und 
wirkte als Chorpräfekt, 1805 humanistische Studien an der Universität Leipzig, in der Musik bei 
Johann Gottfried Schicht, unterrichtete ab 1806 Orgel und Gesang an der Ratsfreischule, 1807 
Organist der Paulinerkirche, 1807 Freimauer-Loge „Balduin zur Linde“, 1810 Musikdirektor 
der Operngesellschaft von Joseph Seconda, 1813 Organist an der Thomaskirche, 1816 Leitung 
der Singakademie, 1817 Musikdirektor am Stadttheater Leipzig, 1820 „Elementar-Handbuch 
der Harmonie und Tonsetzkunst“ bei Peters, 1822 Hofkapellmeister in Anhalt-Dessau, leitete 
zahlreiche überregionale Musikfeste, 1829 Gründung der Musikschule Dessau, komponierte 16 
Oratorien, darunter „Das Weltgericht“ in 3 Teilen für Soli, Chor und Orchester (1820), sowie 6 
Opern und 23 Sinfonien, Mitglied, Ehrendoktor bzw. Ehrenmitglied der Universitäten Halle und 
Leipzig, der Konservatorien Paris und Stockholm sowie der Oberlausitzischen Gesellschaft der 
Wissenschaften), Johann Gottlieb (*19.7.1797 Altgersdorf, f4.8.1856 Hirschberg, besuchte das 
Gymnasium Zittau, Studium in Leipzig, 1815 Musiklehrer in Bautzen, 1817 Organist in Sorau, 
1825 Organist an der Kreuzkirche in Hirschberg), 4 früh verstorbene Geschwister; E: 12.11.1812 
Julie Friederike Auguste geh. Weidisch (5.8.1789-21.6.1856), Tochter eines Zittauer Stadtrichters 


Schneider war der Sohn eines Lehrers 
und Organisten in Alt- und Neugers¬ 
dorf. Den ersten Musikunterricht 
erhielt er im Alter von fünf Jahren wie 
zuvor sein älterer Bruder Friedrich 
und später der jüngere Bruder Johann 
Gottlieb vom Vater. Neben dem Or¬ 
gelspiel lernte Schneider auch Klavier, 
übte viele Orchesterinstrumente 
(Violine, Viola, Oboe, Klarinette, 
Fagott, Horn, Trompete und Posaune) 
und war insbesondere ein talentierter 
Cellist. Im Alter von zehn Jahren trat 
er in Rumburk bei einem Konzert 
(„Die Schöpfung“ von Joseph Haydn) 


als Posaunenbläser auf. Seinen Vater 
musste er gelegentlich an der Orgel 
vertreten. 1801 kam Schneider auf 
das Gymnasium in Zittau, wo er wie 
zuvor sein Bruder Friedrich musika¬ 
lisch sehr gefördert wurde. Er sang als 
Sopran im Chor der Johanniskirche 
unter Johann Gottlieb Schönfeld, trat 
mit Soli in Konzerten in Görlitz und 
Löbau auf und wirkte als Präfekt des 
Chores. Orgelunterricht erhielt er 
von Johann Gottlieb Unger. 1810 gab 
Schneider in Zittau ein Klavierkon¬ 
zert. 


295 




Das Geburtshaus von Johann Schneider, heute Neugersdorf, Rudolf-Breit- 
scheid-Straße 4, wurde von der Familie 1788 bezogen. Das Umgebindehaus 
steht unter Denkmalschutz. Foto: Matej Batha (Wikimedia Commons, 
Lizenz CC BY-SA 3.0) 


Nach einem kurzen Studium der 
Rechte an der Universität Leipzig 
im Jahre 1810 bei Christian Gottlieb 
Haubold widmete sich Schneider 
ganz der Musik und interpretierte als 
Organist an der Paulinerkirche vor¬ 
zugsweise Johann Sebastian Bach. Die 
Stelle hatte er 1811 in der Nachfolge 
seines Bruders Friedrich erhalten. 

Im selben Jahr wurde er zudem als 
Gesanglehrer an der Ratsfreischule 
unter Karl Gottlieb Plato angestellt. 
Wichtige musikalische Anregungen 
verdankte er Thomaskantor Johann 
Gottfried Schicht. Gefördert wurde er 
aber auch vom Universitätsprofessor 
Ernst Platner. 


1812 kehrte Schneider als Organist 
an der Görlitzer Hauptkirche St. Peter 
und Paul mit ihrer Sonnenorgel in 
die Oberlausitzer Heimat zurück. 

Er studierte die Orgelbaukunde, um 
Orgeln selbst prüfen und reparieren 
zu können, lehrte Orgel, Klavier und 
Gesang und gründete einen Gesang¬ 
verein. Georg Ottomar Baumeister 
gehörte zu seinen Schülern. Ab 1816 
gab Schneider Orgelkonzerte, die ihn 
weit über die Grenzen der Oberlausitz 
hinaus führten, beispielsweise nach 
Altenburg, Dessau, Freiberg, Gotha, 
Leipzig, Liegnitz und Weimar. Man 
rühmte sein Improvisationsvermögen 
und die Interpretationen von Johann 


296 


Sebastian Bach. In Görlitz organi¬ 
sierte er Musikfeste, so 1820 mit dem 
„Weltgericht“ seines Bruders Fried¬ 
rich. Mit dem Musikdirektor seiner 
Kirche, Johann August Blüher, veran¬ 
staltete er Konzerte, in denen Schnei¬ 
der dirigierte, sang oder Klavier 
spielte. Bei einem Gastspiel in Dres¬ 
den begeisterte er Heinrich Vitzthum 
von Eckstädt, seinerzeit Direktor von 
Hofkapelle, Hoftheater und Kunstaka¬ 
demie, und Theodor Winkler (Hell) 
derart, dass man ihm die Stelle des 
Hoforganisten an der katholischen 
Hofkirche in der Nachfolge von An¬ 
ton Dreyssig (aus Leutersdorf, einem 
Nachbarort von Neugersdorf) anbot, 
die er aber nicht annahm. 

Bei einem Auftritt in der Dresdner 
Sophienkirche überzeugte Schneider 
Oberhofprediger Christoph Friedrich 
Ammon und anlässlich der Orgelprü¬ 
fung der Silbermannschen Orgel in 
der katholischen Hofkirche im Jahre 
1825 Carl Maria von Weber, die ihn 
als Hoforganisten an die evangelische 
Sophienkirche empfahlen. Auch an 
anderen Orten wurde er wiederholt 
zu Rate gezogen, um Orgelprüfungen 
vorzunehmen. So spielte er 1825 auf 
der von ihm geprüften neuen Orgel 
in Bischofswerda. Am 12. Dezember 
1825 trat Schneider die Nachfolge des 
evangelischen Hoforganisten Fried¬ 
rich George Kirsten in Dresden an. 

Er konzertierte in der Sophienkirche 
und der Kreuzkirche, wirkte als Inst¬ 
ruktor der evangelischen Kapellkna- 
ben und spielte vor König Anton dem 



Die Görlitzer Sonnenorgel von Eu- 
genio Casparini mit einem Prospekt 
von Johann Conrad Buchau wurde 
1703 fertiggestellt und seit 1827 
mehrfach umgebaut. Ihren Namen 
verdankt sie den 16 Sonnen, um die 
herum die Orgelpfeifen wie Sonnen¬ 
strahlen angeordnet sind. Foto: Za - 
iron (Wikimedia Commons, Lizenz 
CC BY-SA 3.0) 

Gütigen sowie bei privat organisierten 
Aufführungen wie von Carl Gustav 
Carus. 

Schneider war seit dem 2. November 
1815 Freimaurer in der Görlitzer Loge 
„Zur gekrönten Schlange“ und ab 
dem 9. Februar 1827 in Dresden in 
der Loge „Zum Goldenen Apfel“, in 
der er auch als Musikdirektor wirkte. 
Logenbrüder waren seinerzeit u. a. 


297 










Die Prüfung der Silbermann-Orgel 
mit Vorspiel in der katholischen 
Hofkirche von Dresden im Jah¬ 
re 1825 war von entscheidender 
Bedeutung für Schneiders Karriere. 
Später bewahrte er sie vor einer 
von Hofkapellmeister Carl Gottlieb 
Reißiger geforderten Umstimmung. 
Johann Gottlob Schneider: „So wie 
diese Orgel gebaut ist, wird keine 
mehr gebaut“. 

Karl August Böttiger, Eduard 
Gottlob von Nostitz und Jänken- 
dorf, Julius Gottlob von Nostitz 

UND JÄNKENDORF Und GOTTLOB 
Friedrich Thormeyer. 


1830 übernahm Schneider die Direk¬ 
tion der Dreyssigschen Singakade¬ 
mie, mit der er viele öffentliche Auf¬ 
tritte hatte. Als Lehrer für Orgelspiel 
war er so anerkannt, dass die Schüler 
von weit her zu ihm kamen. Theodor 
Berthold, Edmund Kretschmer und 
Gustav Adolf Merkel gehörten zu sei¬ 
nen bekanntesten Dresdner Schülern. 
Felix Mendelssohn Bartholdy war 
mehrfach bei Schneider in Dresden 
und empfahl diesen den Schülern des 
Leipziger Konservatoriums. Auch 
Robert Schumann nahm Stunden. 
Zudem bildete Schneider Schüler 
des Friedrichstädter Lehrerseminars 
zu Organisten aus. 1832 wurde die 
Jehmlich-Orgel in der Kreuzkirche 
durch Johann Schneider und Kreuz¬ 
kantor Ernst Julius Otto eingeweiht. 

Schneider veröffentlichte nur wenige 
Kompositionen. 1849 erschien bei der 
Arnoldischen Verlagsbuchhandlung 
sein mit dem Waldenburger Seminar¬ 
direktor Friedrich Wilhelm Schütze 
herausgegebenes „Evangelisches 
Kirchenpräludienbuch“ als Lehr- und 
Lernbuch für den Orgelunterricht in 
Schullehrer-Seminarien. 

1853 ging Schneider auf Initiative 
von Sigismund Ritter von Neukomm 
mit dem Kölner Männergesangverein 
nach London zu zwei sehr erfolgrei¬ 
chen Konzerten in der Exeter-Hall. 
Eine in England erhoffte Konzertrei¬ 
se durch das Land kam aber nicht 
zustande. 


298 







Die Sophienkirche, die protestanti¬ 
sche Hofkirche, war die Wirkungs¬ 
stätte Schneiders in Dresden (vor 
dem Umbau, ca. 1850). Die Orgel 
stammte von Gottfried Silbermann. 

König Johann verlieh Schneider am 4. 
März 1857 anlässlich des 50. Jahres¬ 
tags der Gründung der Dreyssigschen 
Singakademie das Ehrenkreuz des 
Verdienstordens. Nachdem er im 
Jahr zuvor nach dem Tod seiner 
Frau schon hatte seine Tätigkeit im 
Chor ruhen lassen, gab Schneider 
die Direktion 1857 endgültig auf. Zu 
seinem 50-jährigen Organistenjubi¬ 
läum am 21. August 1861 erhielt er 
das Ritterkreuz des Albrechtsordens 
und von der Universität Leipzig 
die Ehrendoktorwürde. Mehrere 
Dresdner Vereine verliehen ihm eine 
Ehrenmitgliedschaft, so der Päda¬ 
gogische Verein (schon vorher), der 


Tonkünstlerverein, die Liedertafel von 
Ernst Julius Otto und Orpheus. Die 
Organisten Dresdens und ehemalige 
Kapellknaben gründeten eine Johann 
Schneider-Stiftung, die elternlosen 
Lehrersöhnen Stipendien für eine 
Orgelausbildung gewährte. 

Johann Gottlob Schneider wurde 
auf dem Dresdner Trinitatisfriedhof 
neben seiner Frau beigesetzt. 

Quellen: Hans Michael Schletterer: „Schnei¬ 
der, Johann Gottlob“/„Schneider, Friedrich“. 

In: Allgemeine Deutsche Biographie, heraus¬ 
gegeben von der Historischen Kommission 
bei der Bayerischen Akademie der Wissen¬ 
schaften, Bd. 32 (1891), S. 129-131/110-119; 
Gustav Schilling: „Encyclopädie der ge- 
sammten musikalischen Wissenschaften: 
oder Universal-Lexicon der Tonkunst“. F. H. 
Köhler, 1838; Königlich Sächsischer Hof-, 
Civil- und Militär-Staat, 1828; www.christus- 
bote.de; Wm. A. Little: „Mendelssohn and 
the Organ“. Oxford University Press, 2010; C. 
Lenning (pseud. von Friedrich Mossdorf), 
Hermann Theodor Schietter, Moritz Alex¬ 
ander Zille, Verein Deutscher Freimaurer: 
„Allgemeines Handbuch der Freimaurerei“. 

Bd. Quaderstein-Zytomierz. Nachträge 
und Berichtigungen, F.A. Brockhaus, 1867; 
„Johann Schneider‘s Goldnes Amtsjubiläum“. 
Urania: Musik-Zeitschrift für Orgelbau, Orgel- 
und Harmoniumspiel, Nr. 1, 1862, S. 12-15; 
Neues Universal-Lexikon der Tonkunst: Für 
Künstler, Kunstfreunde und alle Gebildeten, 
Bd. 3, Schäfer, 1861; Neuer Nekrolog der 
Deutschen, Bd. 18, Ausg. 1, B.F. Voigt, 1842; 
Friedrich August Leßke: „Johann Schneider, 
der Meister im Orgelspiel“. Bunte Bilder aus 
dem Sachsenlande, Bd. 3, 1900, S. 53-66; Ber¬ 
liner musikalische Zeitung, 6.7.1833; Moritz 
Fürstenau: „Johann Schneider“. Leipziger 
allgemeine musikalische Zeitung, 13.2.1867, 

S. 56-57 


299 





Das alte Bautzener Gymnasium auf 
der Schulbastei am Kornmarkt (bis 
1868, Lithographie um 1840, oben, 
mit Porträt). 

Medaille von Hofgraveur Reinhard 
Krüger (rechts). 















Siebelis, Karl Gottfried 


Magister, Pädagoge und Philologe in Bautzen 
10.10.1769 Naumburg - 07.08.1843 Bautzen 


V: Johann Gottlieb (11772), Bäckermeister in Naumburg; M: 11772; G: 4 ältere; E: (1) 16.10.1803 
Juliana Wilhelmina geb. Behr (t Februar 1810, Tochter eines Konsistorialassessors in Gera), 

(2) bis zu seinem Tod; K: 1 Sohn aus 1. Ehe, Carl Hermann (wechselte 1819 vom Gymnasium 
Bautzen nach Gera, während des Armeedienstes diszipliniert), 1 Sohn aus 2. Ehe, Johannes 
(*15.5.1817 Bautzen, t8.10.1867 Hildburghausen, Mitglied der Lausitzer Predigergesellschaft, 
Philologe und Gymnasialprofessor in Hildburghausen), Töchter: Anna verh. Käuffer (JT833, 
Lehrerin, verheiratet mit einem ehemaligen Bautzener Conrektor, Professor am Landesgymnasi¬ 
um Grimma und Hofprediger in Dresden), Marie (verheiratet mit Pfarrer Krüger, Purschwitz) 


Siebelis verlor früh seine Eltern und 
wurde von den (Stief-)Großeltern 
Kießling aufgezogen. Der Stiefgroßva- 
ter stammte aus Löbau in der Ober¬ 
lausitz und besaß in Naumburg eine 
Strumpffabrik, verstarb aber noch 
während Siebelis“ Schulzeit, sodass 
dieser in Kost und Logis gegeben 
werden musste. Am Rathsgymnasium 
Naumburg wurde Siebelis von seinem 
Lateinlehrer Priedrich Wilhelm 
Döring gefördert, vor allem aber von 
Rektor Müller. Befreundet war er mit 
seinem Mitschüler Georg Priedrich 


Pöschmann, später Professor für Ge¬ 
schichte in Dorpat. 

Im Jahre 1788 begann Siebelis in 
Leipzig ein Studium der Theologie, 
Philosophie und Philologie, wobei 
ihm sein Erbteil und Stipendien aus 
Naumburg und Zeitz zugute kamen. 
Er freundete sich mit seinem Studi¬ 
engenossen Gottfried Hermann an. 
Zu seinen Lehrern zählten neben 
Christian Daniel Beck auch Samuel 
Priedrich Nathanei Morus, Wolfgang 
Reiz, Karl August Gottlieb Keil, Ernst 


Cor. Gottf. Siebcli», Nnmbnrjcnnii, juveni» ingcnii felici*«imi an 
mwle«tiae eximiae , j*m in eo est, ut relicta «chola patria inUni- 
veraitatem litcrarum Lijisicain iter parct. Parcntibu« rcro jam 
olim orbatu« non ita omnino inatructits esse videtur, ut hoc iter 
multorum «anc «umtnum so Ins ac ope aliorum deatitotu« felifciter 
ingrediatur atque nbaolvat. Omni aaaiduitate, iminO) quam po- 
tiu» laudaverim, diligentia atuduit omnia gentri« Uteri«, quihtu 
acta« «cholastica «tudore «ölet. Operam «uara dedit hebraicao, 
graecae, latin&e ut et teutonicae lingoae, nec non reUquia Ute¬ 
ri« , quae ornant doctum, ct in omnibui, quae aggrcditur, egre- 
gie adjuvant. Quam ob rem non poMutn non etiam atque etiam Aus dem 
coramendare hiyn« «doleicenli« pauperUtem uc integriUtem am- Abgangs- 
nibu«, quo» i« nditnru* e«t , literarum fautoribu» ac patroaia. Zeugnis. 


301 



Platner und Johann Georg Rosen¬ 
müller. Nach dem erfolgreichen 
Abschluss der Magisterarbeit riet 
ihm August Wilhelm Ernesti, sich zu 
habilitieren. Doch Siebelis ging das 
kleine ererbte Vermögen aus und er 
musste seinen Lebensunterhalt als 
Hauslehrer verdingen. Trotzdem fand 
er Aufnahme in der „Societas Philo- 
logica Lipsiensis“ seines Professors 
Beck, der auch Gerhard Heinrich 
Jacobjan Stöckhardt angehörte. 
Siebelis“ angegriffener Gesundheitszu¬ 
stand verhinderte danach Anstellun¬ 
gen als Lehrer in Halle bzw. Eisleben. 
1798 wurde Siebelis auf Vermittlung 
seines ehemaligen Naumburger 
Rektors Müller zum Conrektor an 
die Stiftsschule in Zeitz berufen. Pür 
den Schulgebrauch schuf er hier 1800 
sein bekanntes Werk „Hellenica“. Zur 
Berufswahl als Lehrer sagte Siebelis 
selbst im Rückblick auf sein Leben: 
„So wurde ich, was ich wünschte, 
praktischer Schulmann und noch 
jetzt im Greisenalter bereue ich es 
nicht, sondern danke Gott, dass er 
mich hat Schulmann werden lassen.“ 

Siebelis trat am 30. Januar 1804 am 
Gymnasium in Bautzen das Rekto¬ 
renamt in der Nachfolge von Lud¬ 
wig Gedike an. Den Tipp sich zu 
bewerben hatte ihm der befreundete 
Priedrich August Carus aus Bautzen 
gegeben, inzwischen Philosophie¬ 
professor in Leipzig. Das Bautzener 
Gymnasium entwickelte sich unter 
Leitung von Gedike und Siebelis zu 
einer der führenden deutschen Lehr¬ 


anstalten. Siebelis war sozial engagiert 
und stets bescheiden: Er förderte Kin¬ 
der aus wenig bemittelten sorbischen 
Pamilien, wie z. B. Handrij Lubjensky 
und Bjedrich Adolf Klin, und grün¬ 
dete 1810 zwei Armenschulklassen. 
Die Schrecken des napoleonischen 
Krieges 1813 erlebte Siebelis hautnah. 
Mehrfach wurden französische und 
russische Truppen im Gymnasium 
und in seiner Wohnung einquartiert. 
1814 führte Siebelis neue Lehrbücher 
nach der Grammatik von Philipp Karl 
Buttmann ein. 

Siebelis gehörte seit 1816 zu den Prei- 
maurern der Loge „Zur goldnen Mau¬ 
er“, die sich besonders sozialen Zielen 
verpflichtet fühlte. Schon 1819 war er 
in den dritten Rang und zum zwei¬ 
ten Redner unter dem Meister vom 
Stuhl Gerhard Heinrich Jacobjan 
Stöckhardt befördert worden, des¬ 
sen Söhne Robert Stöckhardt und 
Ernst Theodor Stöckhardt zu 
seinen bekanntesten Schülern zähl¬ 
ten, wie auch der spätere Philologe 
Karl Priedrich Ameis, Karl Trau¬ 
gott Kanig und Eduard Gottlob 
von Nostitz und Jänkendorf. Mit 
Stöckhardt, Gottlob Adolf Ernst 
von Nostitz und dem katholischen 
Bischof Pranz Lock gehörte Siebelis 
dem Gesellschaftsverein „Bautzner 
Societät“ an. 

Im Jahre 1817, nach der Gründung 
des Landständischen Seminars, er¬ 
hielt das Gymnasium den Status einer 
höheren Lehranstalt zum Zwecke der 


302 



Vorbildung für die Universität. Es 
herrschte jedoch akuter Lehrerman¬ 
gel. 1826 wurden von 6 Lehrern in 
4 Klassen 270 Schüler unterrichtet, 
wovon innerhalb eines Jahres 36 auf 
die Universität gingen. Ab 1827 konn¬ 
te Siebelis - nachdem das Bautzener 
Gymnasium neben kommunaler auch 
staatliche Unterstützung erhielt - 
schrittweise den Lehrkörper erwei¬ 
tern. 

Seit 1826 war Siebelis Mitglied der 
Oberlausitzischen Gesellschaft der 
Wissenschaften. Außerdem berief 
ihn die Lateinische Gesellschaft zu 
Jena zum Ehrenmitglied. Im Jahre 
1829 gründete er anlässlich seines 
25-jährigen Amtsjubiläums die 
Stiftung des „Stipendiums Siebeli- 
sianum“, das bis weit nach seinem 
Tode einem Primaner für die beste 
prosaische oder poetische Behand¬ 
lung eines gegebenen Themas in 
lateinischer Sprache gewährt wurde. 
Zum Amtsjubiläum erhielt Siebelis 
u. a. eine von Hofgraveur Reinhard 
Krüger geschaffene Medaille. Nicht 
immer wurde er aber so geehrt: Als 
es darum ging, einen Teil der Stiftung 
von Gregorius Mättig für die Grün¬ 
dung einer Bürgerschule in Bautzen 
zu verwenden, zog sich Siebelis 
breiten Unwillen zu. Er beschwerte 
sich erfolgreich beim König, dass dies 
nicht den Statuten der Mättig-Stiftung 
entspräche, die nur die Pörderung der 
hiesigen evangelischen Schule, inzwi¬ 
schen zum Gymnasium geworden, 
vorsähe. Seit jener Zeit verstimmten 


insbesondere Kritiken nicht mehr, 
dass Siebelis“ strikte Orientierung am 
klassischen Humanismus vermeint¬ 
lich zulasten der deutschen Sprache 
und praktischer Ausbildung ginge. 

Im Jahre 1835 gelang es Siebelis, das 
Gymnasium zeitgemäß umzuorgani¬ 
sieren: In diesem Rahmen wurde die 
Prima in drei Klassen aufgeteilt. Sie 
bildeten zusammen mit der ehema¬ 
ligen zweiten Klasse das eigentliche 
Gymnasium; die neuen Quinta und 
Sexta bildeten das Progymnasium. 
Katholische und protestantische 
Schüler lernten bei ihm in Eintracht 
und Siebelis versuchte, seine Schüler 
für das Sammeln sorbischer Kostbar¬ 
keiten (Volkslieder, Märchen, Sagen, 
Sprichwörter) zu begeistern. 1832 
hatte er den sorbischen Sprachunter¬ 
richt eingeführt und 1839 gestattete er 
die Gründung des Vereins „Societas 
Slavica Budissinensis“ zur Pflege der 
sorbischen Sprache und Kultur. 

Regelmäßig zu Ostern publizierte 
Siebelis seine Schulschriften, in denen 
er das Programm des Bautzener 
Gymnasiums darlegte. Hierin gab er 
wissenschaftlichen Diskussionen den 
Vorrang vor Selbstdarstellung. Sein 
ehemaliger Schüler Robert Heller 
vermerkte dazu: „Die Ehre seiner 
Schule, der sittliche Wohlstand und 
der wissenschaftliche Fortschritt 
seiner Zöglinge ging ihm über alles“. 
Siebelis zeichnete eine breite Gelehr¬ 
samkeit aus, und er war ein bedeu¬ 
tender Kritiker und Erklärer des 
Altertums. Insgesamt gehen auf ihn 


303 



54 Schriften zurück. Siebelis publi¬ 
zierte in den Schulschriften eigene 
Arbeiten zu philologischen und his¬ 
torischen Themen, aber auch Werke 
mit pädagogischem und theologi¬ 
schem Inhalt. 1811/12 ergänzte und 
vollendete Siebelis die vom Gothaer 
Professor Carl Gotthold Lenz begon¬ 
nene Bearbeitung von Bruchstücken 
verschiedener Geschichtsschreiber 
über Attika. 1813 erörterte er die 
Vorbildwirkung von Johannes von 
Müller, einem Schweizer Geschichts¬ 
schreiber und Publizisten aus dem 
Umfeld von Johann Gottfried Herder, 
auf Gymnasiasten. Große Beach¬ 
tung fand 1817 „Die Bibel, die beste 
Grundlage der Erziehung unserer 
Kinder“ anlässlich der 300-Jahr-Feier 
der Reformation. Nachdem Carl 
Ludwig Fernow, Johann Heinrich 
Meyer und Johannes Schulze bis 1820 
schon 7 Bände zu den Werken des 
bedeutenden Kunsthistorikers Johann 
Joachim Winckelmann herausgege¬ 
ben hatten, wurde Siebelis gebeten, 
für den achten Band ein umfassendes 
Register anzufertigen, wozu er mit 
Karl August Böttiger in Kontakt 
stand. Mit der „kritisch-exegetischen“ 
Ausgabe des griechischen Schriftstel¬ 
lers Pausanias in 5 Bänden von 1822 
bis 1828 schuf er sich selbst ein Denk¬ 
mal. In „Stimmen aus den Zeiten der 
alten griechischen und römischen 
Classiker“ (1832) schrieb Siebelis 
die zeitlosen Worte: „Durch das jetzt 
überall vorherrschende, wetteifernde 
Streben nach unmittelbarem Nutzen 
und Gewinn, der sich durch Zah¬ 


len berechnen läßt, und nach dem 
Reichthum, der noch größeren Vor¬ 
theil versprechende Unternehmungen 
unterstützen soll, wird die Achtung 
gegenüber des Menschen hohe Würde 
... in den Hintergrund gedrängt.“ 

Siebelis emeritierte am 6. April 1841. 
Für seine Verdienste wurde er zum 
Ritter des Königlich Sächsischen Ci- 
vilverdienstordens ernannt. Er galt als 
einer der bedeutendsten Pädagogen 
seiner Zeit, machte sich auch interna¬ 
tional einen Namen. Siebelis war ein 
Lehrer aus Passion und bekannte sich 
zur Liebe zur jungen Generation. Sein 
ehemaliger, ihn verehrender Schüler 
Ameis schilderte in einem Nachruf 
die segensreiche Wirkung auf das 
Bautzener Gymnasium, aber auch 
für die Weiterentwicklung deutscher 
Schulprogramme im Sinne des klassi¬ 
schen Humanismus, und seine Erzie¬ 
hungsprinzipien fern von autoritärem 
Diktat: Nichts war in den Augen von 
Siebelis schlimmer als „ängstliche 
und erniedrigende Aufseherei“. Er 
verteidigte stets die humanistische 
Bildung, denn sie entfremde die 
Schüler keineswegs dem christlichen 
Glauben, sondern trage im Gegenteil 
zu seiner Weckung bei. 

Quellen: Carl Friedrich Ameis: „Der Gym¬ 
nasiallehrer in seinem edlen Berufe und als 
Mensch, als Blätter der Erinnerung an Karl 
Gottfr. S.“. Henningssche Buchhandlung Go¬ 
tha, 1845; Richard Hoche: „Siebelis, Karl Gott¬ 
fried“. In: Allgemeine Deutsche Biographie, 

Bd. 34 (1892), S. 168; Wilhelm Pökel: Philolo¬ 
gisches Schriftsteller-Lexikon. A. Krüger, 1882; 
Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie. F.A. 


304 



Brockhaus Verlag Leipzig, 1847; Johann Georg Meusel: „Das Gelehrte Teutschland“. 1825; Sanct 
Johannis Freimaurer-Loge zur goldnen Mauer, Mitgliederverzeichnisse 1816, 1819, 1832, 1834, 
1842; E. F. Wüstemann, Jahrbücher für Philologie und Paedogogik. B. G. Teubner, 1829 und 1846; 
Dr. Schubart: „Zur Geschichte des Gymnasiums in Budissin“. Gedr. bei E.M. Monse, 1863; Peter 
Kunze: „Siebelis, Karl Gottfried“. In: Sächsische Biografie, Institut für Sächsische Geschichte und 
Volkskunde, bearb. von Martina Schattkowsky; Otto, G. F.: Lexikon d. OL Schriftst. u. Künstler, 
Görlitz 1800 ff; Elans Mirtschin: „Die Gesellschaft Societät zu Bautzen“. Vortrag vor dem Altstadt¬ 
verein, Bautzen, 26.10.2010 


Bibliografie (Auswahl) 

„Diatribe de Aeschyli Persis“, Leipzig, 1794 

„Elellenika seu antiquissimae Graecorum historiae res insigniores usque ad primam olympia- 
dem“, Barth Leipzig, 1803 und 1815 
„Symbolae criticae et exegeticae“, 1803 

„Übersetzung des Anfanges der Schrift des Seneca über die Wohlthaten“, Bautzen, 1806 
„Einige Worte über die beiden unteren Classen des Bautzener Gymnasiums“, Bautzen, 1807 
„Ueber Amtstreue, vorzüglich in Beziehung auf den Schulmann“, Bautzen, 1807 
„Trauergedicht an Karl Gottfried Siebelis in Bautzen bey dem Tode seiner Gattin“, Bruder 
Leipzig, Februar 1810 

„Wie müssen Jünglinge auf gelehrten Schulen studiren?“, Bautzen, 1811 
„Philochori fragmenta“, Schwickert Leipzig, 1811 

„Phanodemi, Demonis, Clitodemi atque Istri fragmenta“, Car. Gottl. Lenz et. S., 1812 
„Johannes von Müller, ein Muster für studirende Jünglinge“, Bautzen, 1813 
„Vier Schulschriften“, Dresden, 1817 

„Wie Johannes v. Müller über die griechischen und römischen Classiker und ihr Studium 
urtheilte“, Bautzen, 1817 

„Die Bibel, die beste Grundlage der Erziehung unserer Kinder“, Zittau und Leipzig 1817, 
Bautzen 1834 

„Haben denn auch die Gelehrtenschulen unsers Vaterlandes Ursache, an der frohen Feyer des 
Regierungs-Jubiläums des Königs Antheil zu nehmen?“, Monse Bautzen, 1818 
„Register zu Winckelmanrfs Werken“, Heinrich Meyer und Joh. Schulze (Hrsg.), Walthersche 
Hofbuchhandlung Dresden, 1820 

„Einige Gedanken von Luther über die alten Sprachen und Classiker, und über die Schulen 
und Städte, in welchen das Studium betrieben und befördert werden soll“, Bautzen, 1822 
„Pausanias“, 5 Bände, Leipzig, 1822-1828 
„De Strabonis patria, genere, aetate“, Bautzen, 1828 

„Disputationi de Rhiano subjuncta est brevis horum solemnium et rerum scholasticarum 
hujus anni narratio“, Bautzen, 1829 

„Stimmen aus den Zeiten der alten griechischen und römischen Classiker“, Bautzen, 1832 
„Kleines griechisches Wörterbuch in ethymologischer Ordnung“, Leipzig, 1833 
„Disputationes quinque, quibus periculum factum est. Stimmen aus den Zeiten der alten 
griechischen und römischen Classiker“, ergänzte Schrift, Leipzig, E. Kummer, 1837, 196 S. 
„Additamenta ad disputationes quinque, quibus periculum factum est ostendendi, in 
veterum Graecorum Romanon que doctrina religionis ac morum plurima esse, quae cum 
Christiana consentiant amicissime etc.“, Leipzig, 1842 
„Lebensbeschreibung“, Weller Bautzen, 1843 


305 




Bruno Steglich (Quelle: Christa Haensel, München). 








Steglich, Carl Bruno Max 

Professor, Agrarwissenschaftler in Dresden 
09.02.1857 Kleindrebnitz - 28.01.1929 Dresden 


V: Carl Christian (*14.8.1815 Kleindrebnitz, t23.12.1874 Großdrebnitz), Bauerngutsbesitzer; 

M: Johanna Auguste geb. Gottlöber (*2.8.1821 Großdrebnitz, fl5.1.1894 Bischofswerda); G: 
Auguste Alwine verh. Biebrach (*4.8.1843 Kleindrebnitz, t20.12.1885, verheiratet mit dem Lehn- 
dorfer Rittergutsbesitzer), Clara Mathilde verh. Rumpelt (*3.4.1845 Kleindrebnitz, t22.7.1915 
Bischofswerda, verheiratet mit einem Radeberger Fabrikbesitzer), 1 früh gestorbener Bruder; 

E; 24.4.1887 Leipzig, Margaretha Therese geb. Ledig (*8.2.1864 Leipzig, fll.8.1942 Trebsen); K: 
Elsa ( Else ) Caroline (*6.4.1885 Rochlitz, t6.3.1973 Kochel, verheiratet mit dem Papierfabrikbe¬ 
sitzer Johannes Max Wiede in Trebsen), Olga Loddy ( Lotte ) (*19.7.1887 Rochlitz, t22.5.1977 
Pullach, Schwiegertochter von Heinrich Gustav Haensel, Fabrikant und Ehrenbürger in Pirna), 
Carl Christian (*29.9.1894 Dresden, t6.9.1914 Harre/Belgien) 


Bruno Steglich hatte seine Wurzeln 
in einem der größten Bauerngüter 
von Kleindrebnitz und im Erbgericht 
Großdrebnitz. Seine Vorfahren sind 
als Bauern in Klein- und Großdreb¬ 
nitz über acht Generationen nach¬ 
weisbar und hatten mehrfach das Amt 
eines Gerichtsschöppen inne. Georg 




Steglichs Geburtshaus (oben) und 
sein Vater Carl Christian (links). 

Steglich (* um 1540) wurde erstmals 
1576 erwähnt als Bauerngutsbesit¬ 
zer mit 3 Ruten und 30 Schock. Carl 
Christian Steglich, Bruno Steglichs 
Vater, war Bauer und Salzfuhrmann, 
während des Maiaufstands 1849 
Hauptmann der Kommunalgarde 
in Kleindrebnitz und kaufte 1861 
das Erbgericht Großdrebnitz seiner 
Schwiegereltern. In Großdrebnitz 
übernahm er auch die Funktion des 
Gemeindevorstands. Um sich weiter¬ 
zubilden, gehörte er dem forstwirt¬ 
schaftlichen Verein Stolpen an. 


307 




Nach dem Tod des Vaters leitete die Mutter das Erbgericht Großdrebnitz 
mit einem Verwalter, bis es 1887 an die Familie Hilmes verkauft wurde. 


Bruno Steglich besuchte in Großdreb¬ 
nitz die Schule und erhielt Privat¬ 
unterricht. Von 1867 bis 1871 ging 
er in Bautzen auf die Bürgerschule 
und das Realgymnasium, von 1871 
bis 1876 besuchte er in Dresden die 
„Dreikönigschule“, eine Realschule I. 
Ordnung. Das Rüstzeug für die späte¬ 
re Laufbahn in der Agrarwissenschaft 
erwarb sich Steglich bereits in seiner 
Oberlausitzer Heimat, nachdem er 
ursprünglich Ingenieur werden woll¬ 
te. Im elterlichen Erbgericht hatte die 
Arbeitspferdezucht Tradition. Wäh¬ 
rend der Hospitanz- und Assistenzzeit 
an der Landwirtschaftsschule Bautzen 
(1877-1878) bei Eduard Heiden 
konnte er auch Erfahrungen in der 
Versuchsstation Pommritz sammeln, 


die jener seinerzeit leitete. Es ent¬ 
wickelte sich bei Steglich ein starkes 
Interesse am agrikulturchemischen 
und pflanzenphysiologischen Ver¬ 
suchswesen. Während eines Volonta- 
riats auf dem Rittergut Deutschbase¬ 
litz (1876-1877, Verwalter: Bernhard 
Müller, Eigentümer: Friedrich Theo¬ 
dor von Zezschwitz) erlernte Steglich 
die Teichwirtschaft. 1878/79 leistete 
er in Bautzen im 4. Königlichen 
Sächsischen Regiment Nr. 103 seine 
einjährige freiwillige Militärpflicht 
ab. Steglichs Ausbildung fiel dank der 
positiven Wirkungen des von Hein¬ 
rich August Blochmann mitver¬ 
fassten Gesetzes über „Ablösungen 
und Gemeinheitsteilungen“ in die 
Zeit eines großen Aufschwungs der 


308 






sächsischen Landwirtschaft. Begin¬ 
nend in Leipzig-Möckern wurde das 
landwirtschaftliche Versuchswesen in 
Deutschland aufgebaut. Dieser Ent¬ 
wicklung Rechnung trug auch eine 
Umgestaltung der wissenschaftlichen 
Ausbildung in Sachsen. 1869 erfolgte 
die Loslösung der Landwirtschaftsleh- 
re von der Forstakademie Tharandt 
und die Etablierung als eigenständige 
Fachrichtung im Sinne von Justus 
von Liebig unter Leitung von Adolph 
Biomeyer an der Universität Leipzig. 
Steglich studierte von 1879 bis 1883 
bei Biomeyer und Friedrich Anton 
Zürn. Seit dieser Zeit war er Mitglied 
der „ Akademisch - Landwirtschaftli¬ 
chen Verbindung Agronomia“, für die 
er das Wappen entworfen hatte und 
der er zeitlebens verbunden blieb. 

1882 reichte Steglich seine Disser¬ 
tation „Über den Mechanismus des 
Pferdehufes“ ein, die mit „magna cum 
laude“ bewertet wurde. Als schrift¬ 
liche Examensarbeiten verfasste er 
„Genaue Information über ein Land¬ 
gut (Rittergut Großzschocher) mit 
Entwerfung das den Verhältnissen am 
besten entsprechenden Wirtschafts¬ 
planes und Begründung desselben“ 
und „Die Bedeutung des Wassers für 
die Lebensvorgänge der Pflanzen“. Mit 
dem „Großen Examen“ in Landwirt¬ 
schaft, Botanik und Tierheilkunde 
von 1883 erwarb er die Berechtigung, 
die landwirtschaftlichen Fachdiszipli¬ 
nen als Lehrer zu vertreten. 

Ab 1883 lehrte Steglich an der land¬ 
wirtschaftlichen Schule Rochlitz, ab 


Oktober 1887 in Chemnitz. Beson¬ 
ders Rochlitz wurde zu einer wich¬ 
tigen Lebensstation. 1884 heiratete 
er Margaretha Therese geh. Ledig. 
Deren Mutter, Olga geh. Mothes, 
entstammte der Juristendynastie 
des Advokaten Dr. August Ludwig 
Mothes (15.5.1794-19.1.1856, Frei¬ 
maurer „Minerva zu den drei Pal¬ 
men“, Namensgeber einer Straße in 
Leipzig). Steglichs Schwiegervater, Dr. 
Karl Hermann Ledig (17.10.1828-26. 
9.1864), war bei Mothes zeitweise Re¬ 
ferendar und übernahm nach dessen 
Tod die Praxis. Zu den Geschwistern 
von Steglichs Schwiegermutter gehör¬ 
ten der Architekt und Kunstschrift- 
steiler Dr. Oskar Mothes (27.12.1828- 
4.10.1903) und der Rittergutspächter 
Hugo Mothes in Stötteritz, mit dem 
Druckereibesitzer und Verleger Otto 
Dürr und dem Kaynaer Pfarrer Hein¬ 
rich Trübenbach, ehemals Hauslehrer 
bei Mothes, war sie verschwägert. 
Pfarrer Trübenbach führte die Trau¬ 
ung von Steglich und Margaretha 
Therese an der Nikolaikirche Leipzig 
durch. Zu den angeheirateten Cousins 
von Steglich gehörte August Mothes, 
Jurist in Leipzig, mit dem enge Kon¬ 
takte bestanden. In Rochlitz wurden 
beide Töchter des Ehepaars Steglich 
geboren. An der landwirtschaftlichen 
Schule in Rochlitz schrieb Steglich 
1884 mit seiner „Anleitung zum Plan- 
und Situationszeichnen“ zu einem 
Thema, das zu jener Zeit an allen 
landwirtschaftlichen Lehranstalten 
gelehrt wurde. Das Buch erschien 
bei dem renommierten Landwirt - 


309 



schaftsverlag von Paul Parey in Berlin. 
Zur Landwirtschaftsschule Rochlitz 
gehörte auch eine Fischzuchtanstalt. 
In Steglichs Rochlitzer Zeit fielen die 
Untersuchungen des Sächsischen 
Fischereivereins zu den Fischereiver¬ 
hältnissen von Zschopau und Mulde, 
die in den Folgejahren auf weitere 
Gewässersysteme ausgedehnt wurden. 
Vermutlich hat diese Arbeit unter 
dem Protektorat von Prinz Georg, 
Herzog von Sachsen, einen wichtigen 
Einfluss auf Steglichs spätere Karri¬ 
ere gehabt. In seiner bekanntesten 
Publikation, „Die Fischwässer im 
Königreiche Sachsen“ (1895), fass¬ 
te er die 10-jährigen, etappenweise 
durchgeführten Untersuchungen des 
Sächsischen Fischereivereins in einer 
nahezu lückenlosen Übersicht über 
die fischereiliche Nutzung sächsischer 
Gewässer zusammen. Steglich selbst 
hatte die Untersuchungen zur Wei¬ 
ßen Elster und Pleiße sowie mit den 
Schwerpunkten geologische Beschaf¬ 
fenheit, Wasserqualität und Fließ- 
hindernisse zur Elbe durchgeführt. 
Wichtigster Mitarbeiter war Adolf 
Endler, der weitere Gewässersysteme 
untersuchte und später die Landwirt¬ 
schaftsschule in Meißen leitete. 

Steglich war 1887 in Chemnitz der 
Deutschen Landwirtschafts-Gesell¬ 
schaft (DLG) beigetreten. Zum 1. 
April 1890 erhielt er den königlichen 
Auftrag, eine landwirtschaftliche Ver¬ 
suchsstation in Dresden als Abteilung 
einer „Versuchsstation für Pflan¬ 
zenkultur“ am Botanischen Garten 


unter Oscar Drude einzurichten und 
als Vorstand zu leiten. Er war damit 
praktisch Versuchs-Kulturobergärtner 
Franz Ledien gleichgestellt. Die neue 
Versuchsstation ergänzte die seit 1862 
an der Tierärztlichen Hochschule 
Dresden bestehende Einrichtung zur 
Untersuchung des Stoffwechsels von 
Haustieren und die 1869 von Fried¬ 
rich Nobbe in Tharandt gegründete 
„Pflanzenphysiologische Versuchs¬ 
und Samenkontrollstation“ an der 
Forstakademie. Die enge Abstim¬ 
mung und Zusammenarbeit mit Tha¬ 
randt wurde durch ein gemeinsames 
Kuratorium unter Johann Friedrich 
Judeich überwacht. Während in Tha¬ 
randt mikroskopische und chemische 
Untersuchungen sowie Vegetations¬ 
versuche im Gewächshaus im Mittel¬ 
punkt standen, wurden in Dresden 
Anbauversuche im Freien durchge¬ 
führt. Dafür standen zwei Hektar zur 
Verfügung. Steglichs Hauptaufgaben 
bestanden in der Organisation und 
Durchführung von Arbeiten zur 
Verbesserung landwirtschaftlicher 
Nutzpflanzen, in der Hauptsache 
verschiedener Getreidesorten, durch 
Züchtung und zur Ertragssteigerung 
durch Düngung. Die von Steglich 
1896 initiierte und angeleitete Pir- 
naer Saatzuchtgenossenschaft erhielt 
für den „Pirnaer Roggen“ auf der 
Weltausstellung in Paris 1900 eine 
Goldmedaille. Steglich widmete sich 
mit Kursen für Landwirte zudem 
frühzeitig der Wissensvermittlung. 
1901 wurde ihm der Professorenti¬ 
tel verliehen. 1904 erfolgte die Zu- 


310 




Steglichs wichtigstes Werk (1895). 

sammenführung der Dresdner und 
Tharandter Einrichtungen in der 
„Pflanzenphysiologischen Versuchs¬ 


station zu Dresden“. Die Samenkon¬ 
trollstation ging dabei in Steglichs 
landwirtschaftlicher Abteilung auf. 
Dem gemeinsamen Kuratorium stand 
zu jener Zeit Max Neumeister vor. 
Die Dresdner Versuchsstation führte 
Samen- und Sortenprüfungen durch 
und beriet die praktischen Landwirte. 
Es galt, wissenschaftliche Grundlagen 
für die heimische Landwirtschaft und 
den Obstbau zu schaffen und dafür z. 
B. auch dendrologisch-phänologische 
Beobachtungsstationen im Erzgebir¬ 
ge zu betreiben. Auf Anregung der 
„Kaiserlichen biologischen Anstalt 
für Land- und Forstwirtschaft“ zu 
Dahlem wurde nach Vorschlag und 
Begutachtung durch den Landeskul¬ 
turrat, zufolge Ministerialverordnung 
vom 23. September 1904, im König¬ 
reich Sachsen die Organisation des 
Pflanzenschutzdienstes unter Leitung 
von Steglich gegründet. Angegliedert 



Direktoriumsgebäude des Botanischen Gartens im Bau (Foto Bruno 
Steglich, 1891, dessen spätere Dienstwohnung Stübelallee 2), Eröffnung des 
vergrößerten Botanischen Gartens am neuen Standort Ostern 1893. 


311 






waren landesweite Meldestellen. In¬ 
ternational fanden Steglichs Arbeiten 
zu Pflanzenzüchtung, Pflanzenschutz 
und Obstbau in den USA und Skan¬ 
dinavien Beachtung. Im Jahre 1904 
unternahm er mit Unterstützung der 
Julius Adolph Stöckhardt-Stiftung 
und der sächsischen Regierung eine 
Studienreise nach Skandinavien, die 
ihn auch in die bekannte Saatzucht¬ 
anstalt Svalöf (Schweden) führte. 
Besondere Verdienste erwarb sich 
Steglich um den Ausbau des Feld¬ 
versuchswesens in Sachsen durch 
Einrichtung zahlreicher, nach klima¬ 
tischer Lage und Bodenbeschaffen¬ 
heit ausgewählter Anbaustationen. 
Um 1910 arbeitete er auch mit dem 
Rittergut Schmölln des August 
Schmatz zusammen. Auf 183 Hektar 
wurden Schmöllner Gebirgsweizen, 
Gelbhafer, Hannagerste und Oberlau¬ 
sitzer Thimotheegras angebaut. Die 
Samenkörner dieses ertragreichen 
und wertvollen Futtergrases unter¬ 
schieden sich in Schwere und Größe 
vorteilhaft von den marktüblichen 
Sorten und wurden im Rahmen eines 
Samenpreiswettbewerbs der Deut¬ 
schen Landwirtschafts-Gesellschaft 
mit einem ersten Preis ausgezeichnet. 
Zahlreiche Vorträge vor der Ökono¬ 
mischen Gesellschaft im Königrei¬ 
che Sachsen dienten einer schnellen 
Verbreitung der wissenschaftlichen 
Erkenntnisse. Die Ökonomische Ge¬ 
sellschaft gewährte den praktischen 
Landwirten seinerzeit vielfältige 
Unterstützungsleistungen, neben der 
Weiterbildung auch zur Durchfüh¬ 


rung von Samen- und Sortenprüfun¬ 
gen sowie beim Verkauf. Steglich war 
in der Ökonomischen Gesellschaft 
Mitglied im Gesellschaftsausschuss 
und Obmann im Sonderausschuss 
für landwirtschaftliche Erzeugnisse 
und Hilfsstoffe. Als Vorstandsmitglied 
verfasste er 1914 eine Lestschrift zum 
150-jährigen Bestehen der Schwes- 
tergesellschaft Ökonomische Societät 
in Leipzig - sein Schwiegergroßvater 
Ludwig Mothes hatte die umstritte¬ 
ne Abtrennung der Ökonomischen 
Gesellschaft mit Sitz in Dresden 
seinerzeit als Syndikus der Leipziger 
Societät begleitet. Steglich engagierte 
sich im Landeskulturrat als Verant¬ 
wortlicher für Lischzucht und ab 1919 
für das landwirtschaftliche Versuchs¬ 
wesen, in der Deutschen Landwirt¬ 
schafts-Gesellschaft (Hochzucht¬ 
kommission für landwirtschaftliche 
Pflanzenzuchten, Kommissionen für 
Saatenanerkennung, Sortenversuche, 
Flachs-, Obst- und Weinbau), im Ver¬ 
band landwirtschaftlicher Versuchs¬ 
stationen unter Leitung von Lriedrich 
Nobbe im Ausschuss für Pflanzenpro¬ 
duktion und Pflanzenschutz sowie im 
Sächsischen Lischereiverein. Unter 
seinem langjährigen Vorsitz stand 
insbesondere der Besatz der Gewässer 
im Vordergrund. Grundlage hierfür 
war eine Verbreitung der künstlichen 
Lischzucht, v. a. von Forelle, aber auch 
Lachs, Schnäpel und Felchen. Unter 
der Leitung des Lischereivereins wur¬ 
de die Regenbogenforelle in Sachsen 
eingeführt. Besonders erfolgreich war 
die Tätigkeit des Vereins in der Teich- 


312 



Wirtschaft. Neben seinem Wirken in 
der Versuchsstation lehrte Steglich 
von 1912 bis 1921 als Professor für 
Land- und Volkswirtschaft an der 
Tierärztlichen Hochschule Dresden 
unter Wilhelm Ellenberger. Steglich 
war Mitglied in der Gesellschaft 
deutscher Naturforscher und Ärzte, in 
der Deutschen Botanischen Gesell¬ 
schaft, in der Naturwissenschaftlichen 
Gesellschaft ISIS Dresden (seit 1890), 
schriftwechselndes Mitglied bei FLO¬ 
RA - Sächsische Gesellschaft für Bo¬ 
tanik und Gartenbau (seit 1900), und 
er interessierte sich für geschichtliche 
Belange. So war er Mitglied im Verein 
für die Geschichte Dresdens und im 
Sächsischen Altertumsverein. 

Der Erste Weltkrieg unterbrach 
Steglichs berufliche Karriere. Nach 
dem frühen Kriegstod seines Soh¬ 
nes Carl Christian in den belgischen 
Ardennen - den Steglich nie vollstän¬ 
dig verwinden konnte - trat er 1914 
freiwillig als Offizier des Landsturm- 
Bataillons XII/9 in den Armeedienst 
und war bis 1918 zeitweise in Ma¬ 
zedonien, Ungarn und Frankreich 
im Einsatz. 1916 erhielt Steglich die 
Beförderung zum Hauptmann der 
Landwehr. Außerdem wurde ihm 
das Kriegsverdienstkreuz verliehen. 
Fachliche Arbeiten in Dresden sollten 
helfen, die Not der Bevölkerung zu 
lindern, so 1915 im Rahmen der 
Schädlingsbekämpfung in der Land¬ 
wirtschaft die „Anleitung zu gemein¬ 
samer Vertilgung der Feldmäuse“ im 
Auftrag des Innenministeriums. 



Steglich meldete sich mit 57 Jahren 
freiwillig zum Kriegsdienst. 

Steglichs großer Verdienst lag im 
steten Ausbau der zunächst kleinen 
Versuchsstation zu einer selbststän¬ 
digen, vom Botanischen Garten 
losgelösten „Staatlichen Landwirt¬ 
schaftlichen Versuchsanstalt“ mit den 
drei Abteilungen Pflanzenernährung 
und Bodenchemie, Pflanzenbau und 
Samenkontrolle sowie Pflanzenschutz. 
Zu seinen wichtigsten Mitarbeitern 
gehörten Walter Baunacke (Phyto¬ 
pathologie) und Hermann Pieper 
(Saatgutforschung). Nach der Neu¬ 
ordnung des landwirtschaftlichen 
Versuchswesens 1919/20 bestanden 
in Sachsen insgesamt drei Versuchs- 


313 


anstalten, neben Dresden in Pomm- 
ritz unter der Leitung von Georg 
Derlitzki und in Möckern unter 
Gustav Fingerling. Steglich führte 
die Dresdner Versuchsanstalt bis 
zu seiner Versetzung in den Ruhe¬ 
stand im November 1923 zu großem 
Ansehen für ihre Leistungen bei der 
Erforschung und Verbreitung der 
wissenschaftlichen Grundlagen der 
Landwirtschaft und des Obst- und 
Gartenbaus in Deutschland. Für seine 
Verdienste um die sächsische und 
deutsche Landwirtschaft wurden ihm 
hohe staatliche und wissenschaftliche 
Auszeichnungen zuteil. 1901 erhielt 
er das Albrechtskreuz, 1908 verlieh 
ihm König Friedrich August III. das 
Ritterkreuz erster Klasse, 1912 wurde 
er zum Regierungsrat ernannt und 
1914 verlieh ihm der König die Krone 
zum Ritterkreuz des Albrechtsordens. 
Die DLG ehrte ihn mit der „Großen 
Silbernen Eyth-Denkmünze“ (1910), 
der Landesobstbauverein (1899), 
der Landwirtschaftliche Kreisverein 
Dresden (1915) und der Deutsche 
Fischereiverein (1919) jeweils mit 
der silbernen Verdienstmedaille. Die 
Ökonomische Gesellschaft zu Dres¬ 
den und der Sächsische Fischereiver¬ 
ein ernannten Steglich zum Ehren¬ 
mitglied. 

Bemerkenswert in seinem persön¬ 
lichen Leben war die Bekanntschaft 
mit namhaften Künstlern seiner Zeit. 
Die musische Aufgeschlossenheit 
Steglichs ging bis in die Zeit im Groß- 
drebnitzer Erbgericht zurück, wo er 


Klavierunterricht erhielt und wo die 
Eltern eine Vielzahl von Nachdrucken 
berühmter Gemälde besaßen. Vom 
Hofmaler Ludwig Otto befanden 
sich eine Großdrebnitzer Ansicht 
und ein Porträt von Steglichs Sohn 
Carl Christian im Besitz der Familie 
Bruno Steglich. Ludwig Otto hatte die 
jüngste Tochter Marie des ehemaligen 
Großdrebnitzer Pfarrers Carl August 
Rüdiger - eine Freundin von Steglichs 
Schwester Clara - geheiratet und kam 
häufig ins Dorf, um hier zu malen. 
Auch im Dresdner Verein „Harmo¬ 
nie“ (Palais Hoym) bestanden vielfäl¬ 
tige gesellschaftliche Kontakte. Robert 
Sterl schuf ab 1907 insgesamt sechs 
Porträts von Mitgliedern der Familie 
Wiede von Steglichs Tochter Else. Das 
Bildnis von Else Wiede aus dem Jahre 
1925 befindet sich heute ebenso in 
der Gemäldegalerie Neue Meister wie 
die von Ludwig Otto 1918 gemalten 
Porträts von Else und ihrem Mann 
Johannes Wiede. 1912 entwarf Karl 
Schulz ein Kirchenfenster in Trebsen, 
das u. a. Steglichs Tochter und Enkel 
zeigt und durch die Glasmalanstalt 
Bruno Urban aus Dresden realisiert 
wurde. 

Nach der Pensionierung bis zu sei¬ 
nem Tod wohnte Steglich in Dresden, 
Blochmannstraße 21. Nach der Ein¬ 
segnungsfeier auf dem Trinitatisfried¬ 
hof wurde er nach Trebsen überführt. 
Hier erinnert noch heute ein 1930 
von Georg Wrba geschaffenes Grab¬ 
mal an ihn. An seinem Geburtsort 
geriet er jedoch in Vergessenheit. 


314 




Kirchenfenster in Trebsen mit 
Steglichs Tochter Else, Schwieger¬ 
sohn und Enkel. 


Lediglich in den Vorarbeiten von Ri¬ 
chard Garbe für eine Dorfchronik 
von 1938 findet sich ein Vermerk. Da¬ 
ran änderte selbst ein auszugsweiser 
Nachdruck aus Steglichs unveröffent¬ 
lichtem Manuskript „Erinnerungen 
aus meinem Leben“ in den Großdreb- 
nitzer Kirchenbriefen 1995 nichts, da 
dies nur unter dorfgeschichtlichen 
Aspekten erfolgte, ohne die Bedeu¬ 
tung des Autors zu erkennen. Die 
Wiederentdeckung geht auf Frank 
Fiedler zurück, der etwa im Jahre 
2000 bemerkte, dass jener Bruno 
Steglich aus dem Großdrebnitzer Kir¬ 
chenbrief mit dem Autor der „Fisch¬ 
wässer im Königreiche Sachsen“ 
identisch ist. 2004 erschien in den 
„Sächsischen Heimatblättern“ eine 
erste Biografie von Frank Fiedler und 
Mathias Hüsni, basierend auf dem 
Nachruf von Walter Baunacke und 
eigenen Recherchen in Großdrebnitz, 
Dresden und Trebsen. Der Wert jener 
Arbeit bemaß sich v. a. darin, dass 75 
Jahre nach dem Tode des Nestors des 



Georg Wrba schuf: Grabmal Bruno 
Steglich (1930, oben), Büste Johan¬ 
nes Wiede (1932), Halbreliefs von 
Bruno Steglich (unten) und Mar¬ 
garetha Steglich (je 1932), Grabmal 
Wiede in Trebsen (1934), Büsten für 
Johannes Wiede und Else Wiede (je 
1935). 



landwirtschaftlichen Versuchswesens 
in Dresden erstmals eine ausführliche 
Würdigung erschien. Im selben Jahr 
zitierte Theophil Gerber ihn in „Per- 


315 








sönlichkeiten aus Land- und Forst¬ 
wirtschaft, Gartenbau und Veterinär¬ 
medizin, Biographisches Lexikon“, 
Band 2, mit einem kurzen Artikel (S. 
743-744). Das Institut für Sächsische 
Geschichte und Volkskunde der TU 
Dresden beauftragte Frank Fiedler 
danach, einen Beitrag zu Steglich für 
die „Sächsische Biografie“ zu schrei¬ 
ben. Die Recherchen wurden dadurch 
erschwert, dass einerseits Steglichs 
Lebenserinnerungen nach ihrem teil¬ 
weisen Nachdruck in Großdrebnitz 
verschollen blieben, andererseits gab 
es lange keine Hinweise auf heuti¬ 
ge Nachkommen, selbst in Trebsen 
nicht. Kurz vor dem Erscheinen 2006 
des mit Uwe Fiedler gemeinsam ver¬ 
fassten Online-Artikels in der Säch¬ 
sischen Biografie konnte der Kontakt 
zur Familie hergestellt werden, was 
viele wesentliche Erkenntnisse er¬ 
möglichte. Steglichs erste Tochter Else 
war in Trebsen mit dem Papierfabrik¬ 
besitzer Johannes Wiede, einem Sohn 
des bedeutenden sächsischen Firmen¬ 
gründers Anton Wiede, verheiratet 
gewesen. Nach der Enteignung nach 
dem Zweiten Weltkrieg hatte sie noch 
einige Zeit in Halle gelebt. Gestor¬ 
ben ist sie 1973 in Kochel am See, 
also nicht in Bad Tölz, wie man in 
Trebsen nach einem zu DDR-Zeiten 
abschlägig beschiedenen Umbet¬ 
tungsantrag vermutete. Identität und 
Verbleib der zweiten Tochter, Lotte, 
waren bis vor kurzem unbekannt. Sie 
hatte einen Sohn des Chemikers und 
Fabrikanten Heinrich Gustav Haensel 
(Ehrenbürger von Pirna) geheiratet 


und war 1977 in Pullach verstorben. 
In München und Umgebung wohnen 
auch heute noch Nachkommen und 
Verwandte von Steglich. Im „Schie¬ 
bocker Landstreicher“ erschien 2010 
von Uwe Fiedler der Artikel „Zwei 
Professoren aus einem kleinen Dorf“, 
der Steglich und Max Neumeister 
gemeinsam gewidmet war. Zudem 
ist Uwe Fiedler federführend an den 
Artikeln zu Steglich in der Wikipedia 
und im Stadtwiki Dresden beteiligt. 

Quellen: Walter Baunacke: „Regierungsrat Prof. 
Dr. S. t“. Die kranke Pflanze 6/1929, H. 3, S. 37 
fl; Fr. Schäfer: „Wissenschaftlicher Führer durch 
Dresden“, v. Zahn & Jaensch, Dresden, 1907; P. 
Hillmann: „Die deutsche landwirtschaftliche 
Pflanzenzucht“. Berlin, 1910; Christa Haensel: 
Familiennachlass Wiede/Haensel/Steglich, Mün¬ 
chen, mit B. Steglich: „Erinnerungen aus meinem 
Leben“, Dresden 1927, Günter Kloss: „Georg Wrba 
(1872-1939): ein Bildhauer zwischen Historismus 
und Moderne“. Imhofl 1998, Hermann Pieper: 
Nachruf Prof. Bruno Steglich, 1929; Universi¬ 
tätsarchiv Leipzig; Kirchenarchiv Großdrebnitz, 
Kirchenarchiv Trebsen; Evangelisch-Lutherisches 
Pfarramt St. Nikolai - St. Johannis Leipzig; Säch¬ 
sisches Staatsarchiv Leipzig; Arbeitsgemeinschaft 
für mitteldeutsche Familienforschung; Stadtarchiv 
Dresden; Archiv des Rochlitzer Geschichtsver¬ 
eins; Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft 
Dresden; Friedrich W. Rach, Pressereferent DLG 
Frankfurt/M.; Dr. Klaus Schmiedel, Königstein; 
Roland Paeßler: „Ahnenlinie der „oberen“ Bauern 
Steglich in Kleindrebnitz, mit Anmerkungen zur 
Verbreitung der Familie Steglich in Kleindrebnitz 
und Großdrebnitz und einer Zuarbeit von Frank 
Fiedler“. 2004; Richard Garbe: „Vorarbeiten für 
eine Dorfchronik von Großdrebnitz“. Unsere 
Heimat, Beilage zum Sächsischen Erzähler, 
11.4./18.4.1938; Dr. Karl Steinmüller: Wiede- 
Chronik mit Stammtafel Steglich, 1939; Die 
landwirthschaftlichen Versuchsstationen, G. 
Schönfeld, 1890, S. 472-476; Dresdner Adress¬ 
bücher 1892-1929; Schöne: „Die Sächsische 
Landwirtschaft“. 1925 


316 



Bibliografie (Auswahl) 

„Über den Mechanismus des Pferdehufes unter besonderer Berücksichtigung der Hufrotationsthe¬ 
orie des Prof. Dr. Lechner in Wien“, Dissertation, Universität Leipzig, Julius Klinkhardt, 1883 
„Anleitung zum Plan- und Situationszeichnen: für Landwirte und landwirtschaftliche Lehranstal¬ 
ten“, Parey, Berlin, 1884 

„Schematische Darstellung des Zahnwechsels beim Pferd zur Altersbestimmung aus dem Gebiß: 
für Landwirthe, Offiziere, Sportsmen und Pferdebesitzer“, Voigt, Leipzig, 1885 
„Einrichtung, Ziel und Aufgaben der Versuchsstation für Pflanzenkultur zu Dresden“, Mitteilungen 
der Ökonomischen Gesellschaft im Königreiche Sachsen, 1890/91 

„Über Verbesserung und Veredelung landwirtschaftlicher Kulturgewächse durch Züchtung“, Mit¬ 
teilungen der Ökonomischen Gesellschaft im Königreiche Sachsen, 1892/1893 
„Die Fischwässer im Königreiche Sachsen: Darstellung der gesammten sächsischen Fischereiver¬ 
hältnisse“, hrsg. vom Sächsischen Fischerei-Verein, Schönfeld, Dresden, 1895, 290 S. 
„Sortenauswahl und Züchtung des Getreides“, Mitteilungen der Ökonomischen Gesellschaft im 
Königreiche Sachsen, 1895/96 

„Das Nährstoffbedürfnis der Obstbäume“, Sitzungsberichte und Abhandlungen FLORA, 1898 
„Über die Züchtung des Pirnaer Roggens und Untersuchungen auf dem Gebiete der Roggenzüch¬ 
tung im allgemeinen“, Jahrbuch der DLG, S. 198-210, 1898 

„Beschaffenheit und Gewinnung guter Braugerste“, Mitteilungen der Ökonomischen Gesellschaft 
im Königreiche Sachsen, 1898/1899 

&v. Langsdorff, „Illustrierter landwirtschaftlicher Vereinskalender“, 1899 
„Neuere Anschauungen und Erfahrungen über die Anwendung und Wirkung der künstlichen 
Düngemittel“, Mitteilungen der Ökonomischen Gesellschaft im Königreiche Sachsen, 1903 
„Einrichtung u. Tätigkeit der Saatzuchtanstalt Svalöf in Schweden und Fortschritte auf dem Gebiet 
d. Pflanzenzüchtung“ Reichenbach, Leipzig 1905, 27 S. 

„Kurze Anleitung zu Anbau und Behandlung des Flachses“, Heinrich, Dresden, 1905, 15 S. 
„Organisation des Pflanzenschutzes im Königreiche Sachsen“, Sächs. Landw. Zeitschr. 54, 

S. 581-587, 1906 

& H. Degenkolb und M. Barth, „Statik des Obstbaues“, Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft und 
Parey, Berlin, 1907, 147 S. 

„Bearbeitung von Selektions- und Zuchtverfahren für Roggen“, Jahrbuch der DLG, 1907 
„Förderung und Hebung der Rentabilität des Pflanzenbaues durch Organisation der Pflanzenzüch¬ 
tung“, Mitteilungen der Ökonomischen Gesellschaft im Königreiche Sachsen, 1908 
„Über Düngungsversuche mit Kalkstickstoff, Stickstoffkalk und Kalksalpeter“, Verhandlungen der 
Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte, F.W.C. Vogel, 1908 

„Das Auftreten der Bisamratte in Sachsen und ihre Bekämpfung“, Schriften Sächs. Fischereiver., 49, 
S. 34-44, 1919 

„Ergebnisse zwölfjähriger Düngungsversuche in der Gutswirtschaft des Herrn Richard Kirchner in 
Grünbach b. Wilsdruff“, Arbeiten aus dem Gebiet der Sächsischen Landwirtschaft, H. 6, 1920 
& Fingerling, G. Derlitzki, „Neuorganisation der landwirtschaftlichen Versuchsstationen in Sach¬ 
sen und ihre Aufgaben“, Mitteilung der Ökonomischen Gesellschaft im Freistaat Sachsen, H. 47, 
Dresden, 1921 

„80 Jahre ohne Stalldünger“, Berichte über Düngungsversuche auf dem Staatsgute Wingendorf im 
Freistaate Sachsen, Jahrbuch der DLG, S. 18-28, 1921 

„Die Bedeutung der Phosphorsäurefrage für die Intensivierung der Bodenproduktion“, Schriften 
der Ökonomischen Gesellschaft im Freistaat Sachsen, Reichenbach, Leipzig, 1922 
„Zweck und Ziele des Pflanzenschutzes und dessen Organisation im Freistaate Sachsen“, Arbeiten 
aus den Gebieten der sächs. Landwirtschaft, H. 9, S. 10-16, 1922 

& Pieper, „Vererbungs- und Züchtungsversuche mit Roggen“, Fühlings Landw. Zeitung, 71, 1922 
„Die Einwanderung, Ausbreitung und Lebensweise der Bisamratte, ihre wirtschaftlichen Gefahren 
und ihre Bekämpfung in Sachsen bis zum Jahre 1922“, Korresp.-Bl. f. Fischzüchter, 30 u. 31, S. 
66-70 und 7-11, 1925 

Mitarbeit bei B. W. Schöne, „Die Sächsische Landwirtschaft - ihre Entwicklung bis zum Jahre 
1925, sowie Einrichtungen und Tätigkeit des Landeskulturrats Sachsen zu Dresden“, Dresden, 1925 
„Erinnerungen aus meinem Leben“, unveröffentlichtes Manuskript, Dresden, 1927 


317 




Porträtbüste des Steudner-Denkmals im Görlitzer Stadtpark. 


itJraff 








Steudner, Carl Julius Theodor Hermann 

Dr. phil. h.c., Botaniker, Mediziner und Afrikaforscher 

01.09.1832 Greiffenberg (Gryföw Skjski) / Schlesien - 10.04.1863 Wau / Afrika 

V: Carl Theodor Hermann (*11.9.1806 Greiffenberg, 19.5.1832 Greiffenberg), Leinwandkauf¬ 
mann, Sohn des Kaufmanns Carl Theodor Steudner (1777-1821) und Charlotte Fredericke Hen 
riette geh. Weissig (1785-1837); M: Juliane Louise Mathilde geh. von Monsterberg (*27.9.1809 
Görlitz, 123.9.1876 Görlitz), Tochter eines Leutnants und Juliane geh. Gebauer 


Hermann Steudner stammte als 
einziges Kind von Carl Theodor 
Hermann Steudner, einem reichen 
Leinwandkaufmann, aus begüterten 
Verhältnissen. Die Steudners waren 
im schlesischen Greiffenberg seit 
Jahrhunderten ansässig und hatten 
mehrfach das Amt des Bürgermeisters 
inne. Mehrere Familienmitglieder ar¬ 
beiteten als Ärzte. Die Familie ging in 
der achten Generation vor Hermann 
Steudner zurück auf Melchior Steud¬ 
ner (1507-1585), der Greiffenberg 
zwischen 1549 und 1579 langjährig 
als Bürgermeister Vorstand. Dessen 
Sohn Johann Steudner (1544-1609) 
war Senator in Greiffenberg. Eine 
Tochter von ihm heiratete den Na¬ 
turforscher Caspar Schwenckfeld, auf 
den bedeutende Arbeiten zur Fauna, 
Flora, Geologie und Geographie 
Schlesiens zurückgehen. Melchior 
Steudner (1586-1646) in der sechsten 
Generation studierte Theologie und 
Jura, war Senator, Stadtrichter und 
von 1617 bis 1636 Bürgermeister von 
Greiffenberg. In seine Amtszeit fielen 
1620 der Baubeginn am Rathausturm 
und 1630 der Wiederaufbau der abge¬ 
brannten Kirche St. Hedwig. Dessen 


Sohn Theodor Steudner (1645-1715) 
studierte Medizin und promovierte 
1669 in Leyden. Graf Schaffgotsch 
ernannte ihn zum Leibarzt. Von 
1706 bis 1715 war er Bürgermeister 
in Greiffenberg. Theodor Steudner 
(1688-1766) in der vierten Gene¬ 
ration vor Hermann Steudner war 
ein preußischer Accise-Kontrolleur. 
Dessen Sohn Carl Friedrich Steudner 
(1728-1807) war wiederum Arzt in 
Greiffenberg, dessen Sohn Carl Theo¬ 
dor Steudner (1777-1821) Kaufmann. 
Ein Cousin des Vaters von Hermann 
Steudner, Johann Ernst Robert Steud¬ 
ner (1810-1876), war Kreisphysikus 
in Hirschberg und Meister vom Stuhl 
der dortigen Freimaurer-Loge. 

Hermann Steudners Vater verstarb 
schon vor der Geburt des Sohns. 

Jener besuchte in Greiffenberg die 
Elementarschule und höhere Bür¬ 
gerschule. Deren Rektor, Heinrich 
Gustav Moritz Laubichler, weckte die 
Begeisterung des Jungen für Botanik 
und Geologie, die sich in gemeinsa¬ 
men Exkursionen zum benachbarten 
Riesengebirge weiter festigte. 1844 
zog die Mutter mit ihrem Sohn nach 


319 



Görlitz, damit er auf eines der be¬ 
rühmtesten Gymnasien Schlesiens, 
das Augustum im ehemaligen Fran¬ 
ziskanerkloster, gehen konnte. 1846 
wechselte Steudner auf die Realschule 
Görlitz, wo er 1850 das Abitur ableg¬ 
te. 

Steudner studierte ab 1850 Natur¬ 
wissenschaften in Berlin, wobei sein 
hauptsächliches Interesse der Bota¬ 
nik galt. Eigentlich hatte er Medizin 
studieren wollen, tatsächlich belegte 
er aber neben Botanik bei Alexan¬ 
der Braun, Nathanael Pringsheim, 
Carl Jessen und Karl Koch, der sich 
seinerzeit in Berlin habilitierte, 
auch Naturgeschichte, Mineralogie, 
Geognosie, Versteinerungskunde, 
Zoologie, Chemie und vergleichende 
Physiologie bei bedeutenden Lehrern 
wie Christian Gottfried Ehrenberg 
(Begründer der Mikropaläontologie), 
Heinrich Wilhelm Dove (Begründer 
der wissenschaftlichen Meteorologie 
und Wettervorhersage) und Carl Rit¬ 
ter (Wegbereiter einer wissenschaft¬ 
lichen Geographie). 1852 begann 
Steudner ein Medizinstudium in 
Würzburg. Hier lernte er Rudolf Vir- 
chow kennen, der wegen seiner Betei¬ 
ligung an der Märzrevolution Berlin 
hatte verlassen müssen und von 1849 
bis 1856 in Würzburg lehrte. Steudner 
war mit dem späteren „deutschen 
Darwin“, Ernst Haeckel, befreundet. 
Sie besuchten Virchows Vorlesung 
zur „allgemeinen pathologischen 
Anatomie“ und dessen berühmten 
„pathologisch- anatomischen Mikros¬ 


kopierkurs“ sowie Lehrveranstaltun¬ 
gen bei Franz von Rinecker und Al¬ 
bert von Kölliker. Außerdem hörten 
sie Botanik-Vorlesungen bei August 
Schenk, unternahmen mit ihm 
botanische Exkursionen und arbei¬ 
teten an dessen Herbarium. Aus der 
Würzburger Zeit stammen Exponate 
des Flechtenherbars des Senckenberg 
Museums für Naturkunde Görlitz. Im 
Februar 1854 wurde Steudner wegen 
Trunkenheit und Widerstands gegen 
die Staatsgewalt zu einer dreimonati¬ 
gen Festungshaft verurteilt. 

Steudner kehrte im Herbst 1854 nach 
Berlin zurück. Nach Ableistung seiner 
Militärpflicht widmete er sich wis¬ 
senschaftlichen Studien. Das Erbe des 
Vaters sicherte ihm finanziellen Spiel¬ 
raum. Er schloss sich in Berlin Karl 
Koch an. Koch war am Botanischen 
Garten angestellt und Generalsekre¬ 
tär des „Vereins zur Beförderung des 
Gartenbaues im Preußischen Staate“. 
Die Verbindung von Koch und Steud¬ 
ner bestand wohl zum gegenseitigen 
Vorteil, denn Koch litt mit seiner 
vielköpfigen Familie in Berlin lange 
Not, da ihm die angestrebte Professur 
zunächst verwehrt blieb und er sich 
mit befristeten und schlecht bezahl¬ 
ten Anstellungen zufrieden geben 
musste. Seine fachübergreifenden 
Arbeiten zu Botanik und Gartenbau 
fanden wenig Anerkennung. Steudner 
arbeitete in der Berliner Zeit an einer 
umfassenden Pflanzen-Geographie. 
Dazu unternahm er Exkursionen in 
alle deutschen Gebirge, in die öster- 


320 




Nachweis der Alge „Ulothrix variabilis Kützing“ durch Steudner in 
einem Brunnen in Biesnitz am Fuß der Landeskrone. Ludwig Rabenhorst 
schrieb: „Der meist quadratische Zellenkern ist hier sehr charakteristisch.“ 
Abbildung: University of Michigan (Lizenz CC BY-NC) 


reichischen Alpen und die Lombar¬ 
dei. 1857 stellte er in einem Katalog 
des Botanischen Gartens Berlin die 
dort vorhandenen Arten von Thalia 
L. nach der - umstrittenen - Eintei¬ 
lung von Koch zusammen. Ludwig 
Rabenhorst publizierte einen Algen¬ 
nachweis Steudners aus Görlitz. Vor 
dem Gartenbauverein berichtete jener 
über Gartenbauausstellungen in der 
Oberlausitz. 1860 wurde Steudner in 
Berlin in die „Gesellschaft Naturfor¬ 
schender Freunde“ gewählt und er 
knüpfte Kontakte zur „Gesellschaft 
für Erdkunde“ um seine früheren 
Professoren Dove und Ehrenberg. 

Steudner beteiligte sich wie Hermann 
Ludwig Heinrich Fürst von Pückler 


aus Muskau an einer von Carl Ritter 
gegründeten Stiftung zur Förderung 
der Geographie. Dessen Nachfolger 
als Präsident der Gesellschaft für 
Erdkunde, Heinrich Barth, weckte in 
Steudner das Interesse am „Schwar¬ 
zen Kontinent“. Steudner meldete 
sich für die von Ernst II., Herzog von 
Sachsen-Coburg und Gotha, initiier¬ 
te Expedition in die Nilländer. Das 
Ziel der Expedition bestand in der 
Aufklärung des Schicksals des Afri¬ 
kaforschers Eduard Vogel aus Leipzig, 
der seit 1855 als verschollen galt. Es 
wurde vermutet, dass er in das für 
Europäer gesperrte Sultanat Wadai 
(heute östlicher Tschad) eingedrun¬ 
gen war. 


321 



Als Vorbereitung für die vom be¬ 
rühmten Afrikareisenden Theodor 
von Heuglin geleitete Expedition 
lernte Steudner die arabische Spra¬ 
che. Seine Dissertation zum Thema 
Pfeilwurzgewächse („Marantaceae“) 
reichte er an der Universität Jena kurz 
vor der Abreise nach Afrika ein. Die 
Promotionsurkunde „Doctoris Phi¬ 
los ophiae Honores“ ist auf den 9. Mai 
1861 datiert. Burkard Wilhelm Leist 
und Carl Nipperdey vertraten dabei 
die Universität. Während der Anfahrt 
über Wien und Triest informierte sich 
Steudner in Wien bei Theodor Kot- 
schy über die von ihm und Wilhelm 
Schimper in Ostafrika gesammelten 
Pflanzen. 

Nach der Ankunft am 4. März 1861 in 
Alexandria [1] besuchte er zunächst 
die Hafenstadt Rosette [2] im Nil¬ 
delta und erforschte die Umgebung 
Kairos [3]. Er beabsichtigte, in Kairo 
den Freimaurern beizutreten. Man 
vermutete davon Vorteile bei der Auf¬ 
nahme in Arabien. Neben Steudner 
als Botaniker und Geologe gehörten 
auch der Astronom und Meteorologe 
Gottlob Theodor Kinzelbach und als 
Präparator der spätere österreichische 
Honorarkonsul in Khartum Martin 
Hansal zur Gruppe, die ebenfalls 
Freimaurer waren bzw. wurden. Um 
ungünstigen klimatischen Verhält¬ 
nissen zur Reisezeit in Khartum, dem 
eigentlichen Ausgangspunkt der Su¬ 
che in Wadai, aus dem Weg zu gehen 
und mehr Zeit zur Akklimatisierung 
zu gewinnen, wählte man als Reise¬ 


route einen Umweg über Abessinien. 
Die Erforschung und kartografische 
Erfassung unbekannter Landstriche 
stellte aber nur ein Nebenziel der 
Expedition dar. Die Reise führte von 
Kairo nach Suez [4] und gemeinsam 
mit Mekka-Pilgern auf einem Dampf¬ 
schiff nach Dschidda [5] (heute 
Saudi-Arabien), bevor man auf einer 
Barke über das Rote Meer nach Mas- 
saua [6] (Eritrea) übersetzte, das am 
17. Juni 1861 erreicht wurde. Auf dem 
nahen Dahlak-Archipel [7] führten 
sie ornithologische und botanische 
Studien durch. Aus dem Land der 
Bogos kommend, dem nächsten Ziel, 
stieß der Ethnograph Werner Mun- 
zinger hinzu. Auf Maultieren und 
Kamelen erreichte die Gruppe über 
Keren [8] auf ihrer Reise durch das 
raue Hochland Abessiniens am 14. 
November 1861 Adua [9]. Steudner 
interessierte sich neben der Flora v. a. 
für die afrikanische Naturmedizin. In 
Adua wurden sie schon von Wilhelm 
Schimper erwartet. Auch Schimper 
empfahl der Expedition, statt direkt 
nach Khartum zu reisen, zunächst 
beim abessinischen Kaiser Tewodros 
freies Geleit zu erbitten. Der führte 
Krieg gegen abtrünnige Stämme in 
der südlich gelegenen Galla-Provinz. 
Auf der Suche nach dem Kaiser 
kamen Heuglin und Steudner zuerst 
nach Gonder [ 10 ] und über Gaffat 
bei Debra Tabor [ 11 ] am 15. März 
1862 zur Festungsstadt Magdala [12]. 
Nachdem sie den Kaiser im Kriegs¬ 
lager auf der Hochebene Edschebet 
bei den Kollo-Bergen erreicht hatten, 


322 




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Eine Gruppe mit Heuglin, Steudner und dem Jäger Schubert bestieg Ende 
September 1861 den Zad‘-Amba. Sie trafen auf Mönche, selbst Gemsjäger 
nahmen den beschwerlichen Weg kaum auf sich: „Mit Händen und Füßen 
uns anklammernd, oft durch das dicht verwachsene Gestrüpp auf dem Bau¬ 
che kriechend, bald durch schachtähnliche Felsenrisse wie Schornsteinkeh¬ 
rer senkrecht hinaufklimmend...“ (Steudner in Mitteilungen an H. Barth) 


ließ dieser sie jedoch zunächst nicht 
frei Weiterreisen. Die Gruppe wurde 
Zeuge brutaler Plünderungen. Nach 
dreiwöchigem Aufenthalt durften 
sie am 25. April 1862 zusammen 
mit dem Dessauer Botaniker und 
Zeichner Christoph Eduard Zander 
aufbrechen. Heuglin und Steudner 
hatten im Unterschied zu Munzinger 
und Kinzelbach ab Adua die geplante 
Route verlassen und nutzten die kreuz 
und quer durch das nördliche Abessi¬ 
nien führende Suche nach dem Kaiser 
zu systematischen wissenschaftlichen 
Untersuchungen. Steudner gewährte 
den Einheimischen und seinen Expe¬ 


ditionskollegen wiederholt medizini¬ 
sche Hilfe. Aber auch er selbst hatte 
mit gesundheitlichen Problemen zu 
kämpfen. Am Tanasee [13] vorbei 
kamen sie unterhalb der Einmündung 
des Rahad [14] zum Blauen Nil, über 
den sie schließlich am 6. Juli 1862 
Khartum [15] im Sudan erreichten. 
Hier erfuhren sie, dass Heuglin wegen 
seiner „Eigenmächtigkeit“ die Lei¬ 
tung der Expedition - und damit die 
finanzielle Unterstützung - entzogen 
worden war. Während eines mehrmo¬ 
natigen Zwangsaufenthalts unternah¬ 
men Heuglin und Steudner auf den 
Spuren des österreichischen Botani- 


324 


kers Theodor Kotschy zunächst eine 
dreiwöchige Reise nach Kurdufan. 

Sie erhofften sich von dem angeneh¬ 
meren Klima auch gesundheitliche 
Besserung. 

Auf Einladung der holländischen 
Hofdame und Abenteurerin Alex- 
andrine Tinne beteiligten sie sich ab 
dem 25. Januar 1863 an deren Expe¬ 
dition nach den im Südwesten Sudans 
gelegenen und bis nach Zentralafrika 
reichenden Quellgebieten des Wei¬ 
ßen Nils. Steudner war begeistert von 
der guten Ausrüstung Tinnes, die 
einen Dampfer für ein Jahr gemie¬ 
tet hatte und der Barken, 150 Trä¬ 
ger, Leibwächter und 40 Maultiere 
zur Verfügung standen. Die Reise 
führte stromaufwärts in den Bahr 
al-Ghazal (Gazellenfluss), der am 
5. Februar 1863 erreicht wurde. Die 
Gebiete entlang des Gazellenflusses 
waren sumpfig und verseucht mit 
Malaria-Mücken. Am 25. Februar 
1863 erreichte man den Rek-See [16] 
(Meschra er Rek) im Quellgebiet des 
Gazellenflusses. Viele Expeditions¬ 
mitglieder erkrankten. Heuglin und 
Steudner erhielten den Auftrag, einen 
Landweg zum angrenzenden, ge¬ 
sünderen Gebirge zu suchen. Wegen 
der nahenden Regenzeit war Eile 
geboten - man musste auch verlorene 
Zeit aufholen, weil die Damen nicht 
auf Luxus verzichten wollten und 
an Land in Sänften getragen werden 
mussten. In der Nähe des Djurflusses 
bei Waw [17] im südwestlichen Sudan 
erkrankte Steudner an „Gallenfieber“ 



Die Expeditionsgruppe von Heuglin 
(ganz rechts sitzend und Wasser¬ 
pfeife rauchend) und Steudner (im 
Bild links neben Heuglin). 

(eine Diagnose, die früher häufig im 
Zusammenhang mit Typhus gestellt 
wurde) und verstarb nach drei Tagen. 
Seine Kameraden bestatteten ihn 
unter einer Baumgruppe nahe dem 
Fluss. Mit Steudner verlor die Gruppe 
nicht nur einen wichtigen Naturfor¬ 
scher, sondern auch den Arzt. Weitere 
4 der 9 Expeditionsmitglieder star¬ 
ben in der Folgezeit. Die Expedition 
konnte deswegen nicht alle Ziele 
erreichen. Sie wurde später von Georg 
Schweinfurth vollendet. Die umfang¬ 
reichen Ergebnisse der Tinneschen 
Expedition auf botanischem Gebiet 
publizierte Theodor Kotschy 1865 
unter dem Titel „Plantae Tinneanae“. 
Die Expedition von Heuglin und 
Steudner war seinerzeit umstritten. 

Sie hatte das eigentliche Ziel, Vogel 
zu finden, verfehlt - auch Munzinger 
und Kinzelbach mussten schließlich 
dessen Tod konstatieren. Es war auch 
Steudner zu danken, dass stattdessen 
eine überaus große Zahl wichtiger 


325 



botanischer, mineralogischer und 
faunistischer Studien sowie kartogra¬ 
fische Arbeiten durchgeführt werden 
konnten. Sie hatten eigenverantwort¬ 
lich entschieden, die aussichtslose 
Suche nach Vogel abzubrechen und 
dafür den wissenschaftlichen Unter¬ 
suchungen den Vorrang zu geben. 

Die Expedition wurde v. a. von Alfred 
Brehm verteidigt. Es sei vermerkt, 
dass Steudner mit privaten Mitteln 
von 500 Talern pro Jahr die Reise erst 
mit ermöglicht hatte und auch dieser 
Beitrag nach der Routenänderung 
gesperrt wurde. 

Steudner leistete unter ungünstigen 
klimatischen Verhältnissen und von 
Krankheiten geplagt in der Kürze der 
ihm zur Verfügung stehenden Zeit 
mit seinen Expeditionskameraden 
wichtige Pionierarbeit. Er gehörte 
zu den ersten Opfern der deutschen 
Afrikaforschung des 19. Jahrhunderts. 
Die von ihm verfassten Berichte in 
der „Zeitschrift der Berliner Gesell¬ 
schaft für Erdkunde“ und der „Zeit¬ 
schrift für allgemeine Erdkunde“ 
besaßen große Bedeutung, weil viele 
der bereisten Gebiete von keinem Bo¬ 
taniker vor ihm erforscht worden wa¬ 
ren. Er schilderte auf lebendige Weise 
jedoch nicht nur die Natur, sondern 
zudem Land und Leute, sodass die 
Berichte auch einen hohen ethnologi¬ 
schen Wert besitzen. Karl Koch wurde 
von Heuglin gebeten, Steudners 
Aufzeichnungen und Sammlungen 
auszuwerten. Ein Teil der natur¬ 
historischen Sammlung ging nach 


Görlitz. Steudners Beobachtungsgabe 
sind bemerkenswerte Entdeckun¬ 
gen zu verdanken. An ihn erinnern 
die Namen vieler Pflanzenarten 
(„Steudneri“; „Steud“ ist dagegen dem 
Botaniker Ernst Gottlieb von Steudel 
zuzuordnen) sowie der Zwergwüs¬ 
tengecko („Tropiocolotes Steudneri“, 
1869 von Wilhelm Peters beschrie¬ 
ben). Karl Koch hatte schon 1862 die 
Gattung „Steudnera K. Koch“ aus der 
Familie der Aronstabgewächse nach 
Steudner benannt. Wilhelm Stricker 
erinnerte im „Archiv für pathologi¬ 
sche Anatomie und Physiologie und 
für klinische Medicin“ von Rudolf 
Virchow im „Ärztlichen Nekrolog 
1863“ an ihn. Die von Steudner 
gesammelten Pflanzen befinden sich 
heute in international bedeutenden 
Herbarien, darunter in der Sammlung 
afrikanischer Gewächse im Bota¬ 
nischen Museum Berlin-Dahlem, 
in den Kew Royal Botanic Gardens 
London, im Natural History Museum 
London, Museum national d'histoire 
naturelle Paris, Swedish Museum of 
Natural History Stockholm und South 
African National Biodiversity Institu¬ 
te, National Herbarium Pretoria. Die 
gefundenen Gesteine hatte Steudner 
an Alexander Sadebeck gesandt, 
der sie der Deutschen Geologischen 
Gesellschaft zugänglich machte. Eine 
Insektensammlung ging an das Zoo¬ 
logische Museum Berlin. 

Steudner hatte nie die Bindungen 
nach Görlitz verloren. Er war Eh¬ 
renmitglied der Naturforschenden 


326 




„Aloe steudneri“ kommt in Eritrea 
und Äthiopien im felsigen Semien- 
Gebirge in Höhen um 3000 Meter 
vor. Hermann Steudner hatte hier 
das Typusexemplar gesammelt. 

Gesellschaft, die aus seinem Nachlass 
Briefe aus Afrika an seine Mutter auf¬ 
bewahrt. Görlitz gedachte dem früh 
Verstorbenen mit einem am 15. Ok¬ 
tober 1874 unweit des Parkhäuschens 
im Stadtpark enthüllten Denkmal. Es 
entstand auf Initiative und auf Kosten 
der Mutter kurz vor ihrem eigenen 
Tod und bestand nach dem Entwurf 
des Berliner Bildhauers Eduard Au¬ 
gust Lürssen aus einem Obelisk, einer 
darauf stehenden marmornen Por¬ 
trätbüste sowie zwei seitlichen Sphin¬ 


xen. Die später angebrachte Bronze¬ 
büste fiel im Zweiten Weltkrieg dem 
Metallbedarf der Rüstungswirtschaft 
zum Opfer. Der Obelisk blieb erhalten 
und trägt noch immer seinen Namen. 
Die Reste des Denkmals stehen heute 
an der westlichen Friedhofsmauer. 

Quellen: „Zur hundertjährigen Wiederkehr des 
Geburtstages von Hermann Steudtner“. In: Martin 
Noack, Niederschlesische Heimatblätter, 1928-1939; 
Friedrich Ratzel: Allgemeine Deutsche Biographie, 
Bd. 36, S. 155-156; Löwenberger Heimatgrüße 
(Goldammer-Verlag Würzburg): Heinz Kulke, „Der 
Frühvollendete - Zum 100. Todestage Hermann 
Steudners, des aus Greiffenberg stammenden Afri¬ 
kaforschers“ (08/63), S. 3-5, „Dr. Hermann Steud¬ 
ner - der Afrikaforscher aus Greiffenberg“ (09/72), 

S. 10-11, „Die Sippe der Steudner aus Greiffenberg“ 
(03/80), S. 10-11; Karl Heinrich Emil Koch: „Nach¬ 
ruf“. Wochenschrift des Vereines zur Beförderung 
des Gartenbaues in den Königlich preussischen 
Staaten, Wiegandt 8c Hempel, Nr. 30, Berlin, 
25.7.1863, S. 1; „Personalnotizen“ Plant Systematics 
and Evolution, Springer Wien, Bd. 11, H. 3, 1861, 

S. 101-102 u. Bd. 13, H. 1, 1863, S. 335-337; Ernst 
Haeckel: „Entwicklungsgeschichte einer Jugend, 
Briefe an die Eltern 1852/1856“ (8.2., 17.2., 27.2., 
1.6.1853). Leipzig, KF. Köhler, 1921; Karl Heinrich 
Emil Koch: Wochenschrift des Vereines zur Beförde¬ 
rung des Gartenbaues in den Königlich preussischen 
Staaten, Wiegandt & Hempel, Berlin, 25.7.1862, S. 
115; Dr. Clemens Wimmer: Mitteilungen, Bücherei 
des Deutschen Gartenbaues e.V. Berlin; Sitzungs¬ 
berichte der Gesellschaft naturforschender Freunde 
zu Berlin, 1907; Annelore Rieke-Müller: „Der Blick 
über das ganze Erdenrund - Deutsche Forschungs¬ 
reisen und Forschungsreisende im 19. Jahrhundert 
bis zur Deutschen Afrika-Expedition 1860-1863“. 
Berichte zur Wissenschaftsgeschichte, Bd. 22, Heft 
2-3, S. 113-123, Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. 
KGaA, Weinheim, 1999; Dr. Schindler: „Nekrolog. 
Vorgetragen zur Hauptversammlung im October 
1863“. In: Abhandlungen der Naturforschenden 
Gesellschaft zu Görlitz, Bd. 12, S. 201-205, 1865; 
Abhandlungen der Naturforschenden Gesellschaft 
zu Görlitz, Bd. 13, S. 8,1868; Bo Beolens et al: „The 
Eponym Dictionary of Reptiles“. JHU Press, 2011; 
Würzburger Abendblatt, 23.2.1854; Steudners Rei¬ 
seberichte; Universitätsarchive Würzburg und Jena, 
Mitteilungen 29.9.2007 bzw. 24.9.2015 


327 



Der Turm der Putzkauer Kirche wurde von 1701 bis 1707 zu Johann Hein¬ 
rich Stöckhardts Amtszeit errichtet. 












Stöckhardt, Johann Heinrich 


Magister, Philologe und Pfarrer in Putzkau 
13.07.1657 Miltitz - 14.08.1711 Putzkau 

V: Johann Gerhard (‘um 1626 Dresden, 11691 Brinnis), Pfarrer in Miltitz und Brinnis; M: 
Martha geh. Schütze (*2.10.1632 Friedrichswalde), Pfarrerstochter; G: David (*3.10.1658 Miltitz, 
t jung), Esther Catharina (*19.11.1661 Miltitz, J1744, verh. mit Christian Laurentii, Pfarrer 
in Papstdorf und Wehlen, deren Tochter Esther Christiana verh. mit Pfarrer Johann Gottfried 
Metzner in Neukirch), Gottlieb (*5.4.1664 Miltitz, 11742, Pfarrer in Lauterbach, verh. mit Do¬ 
rothea geh. Metzner aus Neukirch); E: 16.10.1683 Putzkau, Margareta Elisabeth geh. Hentschel 
(*1662 Putzkau, JT709 Putzkau); K: Johann Jacob (*1684 Putzkau, fl721, ab 1711 Pfarrer in 
Putzkau), Johanna Margaretha (*1685 Putzkau, verh. mit Christian Jentsch, Archidiakonus in 
Bischofswerda), Johann Gerhard (*28.7.1686 Putzkau, JT9.4.1745 Schwarzbach, Pfarrer in Dob¬ 
ra, Thierbaum und Schwarzbach), Henriette Catharina (*1688, verh. mit Christoph Friedrich 
Faber, Pfarrer in Klix), Esther Martha (*1693, t jung), Johann Gottfried (*1697/1698 Putzkau, 
t2.10.1759 Saaleck, Pfarrer in Saaleck), Johanna Catharina (*1700, verh. mit Johann Balthasar 
Lange, Pfarrer in Reichwalde und Neschwitz) 


Der spätere Begründer des Putzkauer 
Zweiges der Gelehrtenfamilie Stöck¬ 
hardt besuchte ab 1665 die Kreuz¬ 
schule Dresden. Ab 1670 absolvierte 
er - wie später sein Bruder Gottlieb 
(Begründer des Lauterbacher Zwei¬ 
ges) - die Fürstenschule Grimma. An 
der Universität Leipzig verteidigte 
Stöckhardt 1678 seine „Dissertatio de 
blanda mulierum rhetorica, occasione 
axiomatis Richteriani publicae erudi- 
torum censurae & ventilationi exposi- 
tai“ bei Georg Schultze zur Redekunst 
der Frauen. 1679 leitete er selbst die 
Prüfungskommission Philologie zur 
Magisterarbeit von Johann Michael 
Reinhold aus Freiberg. Seine Studi¬ 
en schloss Stöckhardt 1680 mit der 
„Publica et solemnis misericordiae 
divinae promulgatio“ über die „gött¬ 
liche Barmherzigkeit“ bei Professor 
Georg Möbius ab. Am 27. September 
1683 wurde er Substitut und 1685 in 


der Nachfolge seines Schwiegervaters, 
Jakob Hentschel, Pfarrer in Putzkau. 
1687 gehörte er zur Erbengemein¬ 
schaft, die das großväterliche Haus in 
Dresden, zwischen Kreuzkirche und 
Frauenkirche gelegen, an die Familie 
Schaffhirt verkaufte. Putzkau war 
seinerzeit dem Freiherrn von Frie¬ 
sen verpflichtet. Als dessen Ehefrau 
Maria Margaretha 1689 starb, hielt 
Stöckhardt eine vielbeachtete Lei¬ 
chenpredigt. Von 1701 bis 1707 leitete 
er die Rekonstruktion der Putzkauer 
Kirche mit dem Anbau des steinernen 
Turms. An Stöckhardt erinnerte lange 
außen an der Südseite der Kirche das 
Epithaphium VIXIT, VICIT, VIVIT 
(„Jesus hat gelebt, gesiegt und lebt“). 
Drei seiner Söhne und viele weitere 
Nachfahren wurden wiederum Pfar¬ 
rer, darunter sein Urenkel Gerhard 
Heinrich Jacobjan Stöckhardt in 
Bautzen. 


Quellen: S. 412 ff. 


329 









Stöckhardt, Gerhard Heinrich Jacobjan 

Magister, Pastor, Philologe und Freimaurer 

28.03.1772 Schwepnitz b. Königsbrück - 28.10.1830 Bautzen 

V: Johann Gottrau (*4.10.1717 Putzkau, tl5.5.1791 Schwepnitz), wuchs bei seinem Stiefvater 
Jacob Barthel in Bischofswerda auf, Gymnasium Freiburg und 1731-1737 Bautzen, Universität 
Leipzig, 1741 Hospitalprediger und Mädchenlehrer in Königsbrück, 1742 Pfarrer in Schwepnitz 
mit Kosel und Grüngräbchen; M: Johanna Sophia geh. Hoffmann (*1734, t7.9.1820 Klitz- 
schen), Pfarrerstochter aus Glaubitz; G: Halbgeschwister (1. Ehe des Vaters) Esther Johanna 
Christiana (*2.12.1754 Schwepnitz, t6.12.1754 Schwepnitz), Gerhard Samuel (*28.9.1756 
Schwepnitz, tl7.6.1758), Schwester (2. Ehe des Vaters) Esther Theodora (*14.10.1763 Schwep¬ 
nitz, f 18.3.1813, verh. mit Pfarrer Carl Gottlob Meyer in Klitzschen); E: (1) 9.7.1799 Oelsnitz, 
Johanna Juliane Theophila geh. Pinder (*27.4.1772 Oelsnitz, JT6.3.1811 Bautzen, Tochter des 
Bürgermeisters Johann Christoph Pinder in Adorf), (2) 1812 Bautzen, Erdmuthe Wilhelmine 
geh. von Leonhardi (*1.4.1778 Weida, f4.3.1820 Bautzen, Tochter des holländischen Flottenka¬ 
pitäns und ehemaligen Gouverneurs von Ceylon Commodore von Leonhardi und Stieftochter 
von George Leonhard von Sperl auf Gräfendorf), (3) 29.4.1821 Pirna, Henriette geh. Wintruff 
(*1793 Weida, 1T2.10.1834 Pirna, Tochter des Advokaten Daniel Christoph Wintruff); K: (1. 

Ehe, 4 Söhne und 1 Tochter) Gerhard Julius (*20.12.1800 Glauchau, tl-6.1825 Bautzen, Mitglied 
der Lausitzer Predigergesellschaft, designierter Bürgerschullehrer und Freimaurer in Bautzen), 
Heinrich Robert (*11.8.1802 Glauchau, flO.10.1848 St. Petersburg, Professor für römisches 
Recht), Hermann Eduard (*24.10.1803 Glauchau, t24.12.1845 Lichtenstein, Gymnasium Baut¬ 
zen, Kaufmann in Glauchau, Bautzen, Waldenburg und Lichtenstein), Gustav Albin (*20.2.1805 
Bautzen, tll-2.1855, Dr. med., Gymnasium Bautzen, Lehre an der Ratsapotheke Bautzen, 
Medizinstudium in Leipzig, Assistent bei Carl Gustav Carus, Verdienste als praktischer Arzt in 
Glauchau während der Cholera-Epidemie 1848), Aurora (1807-1809 Bautzen), (2. Ehe, 4 Söhne) 
Ernst Hermann (*1812 Bautzen,t früh), NN (t früh), Hermann Constanz (*7.10.1814 Bautzen, 
t8.11.1875 Dresden, Gutsverwalter, Versicherungsinspektor in Mannheim, Wien, Pest und Dres¬ 
den), Emst Theodor (*4.1.1816 Bautzen, t27.3.1898 Bautzen, Agrarwissenschaftler) 


Gerhard Heinrich Jacobjan Stöck¬ 
hardt wurde als jüngstes von vier 
Kindern des Schwepnitzer Pfarrers 
Johann Gottrau Stöckhardt geboren. 
Sein Vater, ein Sohn des Putzkauer 
Pfarrers Johann Jacob Stöckhardt und 
Enkel von Johann Heinrich Stöck¬ 
hardt, machte ihn schon früh mit 
Latein und Griechisch vertraut und 
vermittelte ihm so die Aufgeschlos¬ 
senheit für fremde Sprachen. Gerhard 
Heinrich Jacobjan Stöckhardt lernte 
in seiner Kindheit und Jugend früh 


Not und Entbehrungen kennen. 
Brände und harte Winter betrafen die 
ganze Gemeinde. Die Pfarrersfamilie 
litt unter Erkrankungen des Vaters 
und Verlusten durch Einbruch. 

Stöckhardt besuchte ab 1787 das 
Gymnasium in Bautzen, zunächst 
unter dem als Lateiner gerühmten 
Rektor Christoph Jeremias Rost 
und 1790/91 unter Karl August 
Böttiger, einem Philologen, Alter¬ 
tumsforscher und Schriftsteller der 


331 



Aufklärung. Böttiger lehrte Stöck- 
hardt die englische Sprache. In dieser 
Zeit erwachte auch sein Interesse an 
allem Italienischen. Die Anregungen 
dazu erhielt er von Johann Gottlieb 
Cober, von 1762 bis 1792 Konrektor 
in Bautzen. Cober war als vormaliger 
Hauslehrer noch lange in Verbin¬ 
dung zum ehemaligen sächsischen 
Gesandten in Rom Johann Ludwig 
Graf von Bianconi geblieben und galt 
als ausgewiesener Philologe. Für ihn 
verfasste Stöckhardt 1797 den Nach¬ 
ruf „Canzone alla morte di Cobero“. 
Für seine schulischen Leistungen 
erhielt Stöckhardt eine Ratsmedaille. 
Mit Friedrich Wilhelm Ehrenfried 
Rost, Philosophieprofessor in Leipzig 
und Sohn des Bautzener Schulrektors, 
blieb er auch später noch in Kontakt, 
ebenso mit Karl August Böttiger. 

Kurz nach dem Tod des Vaters im 
Jahre 1791 begann Stöckhardt sein 
Studium an der Universität Leipzig. 
Durch Vermittlung des späteren 
Ministers von Burgsdorff und seines 
Professors Christian Gottlieb Seyd- 
litz erhielt er dafür ein königliches 
Stipendium. Zu seinen Lehrern 
zählten neben Seydlitz Ernst Platner, 
Karl Adolf Caesar und Karl Heinrich 
Heydenreich aus Stolpen in der Phi¬ 
losophie, Christoph Friedrich Loes- 
ner in der Philologie sowie Samuel 
Friedrich Nathanei Morus, Gottlieb 
Immanuel Dindorf, Karl August Gott- 
lieb Keil, Christian Gottlieb Kühnöl, 
Karl Christian Palmer, Johann Georg 
Rosenmüller, Gottlieb Samuel Forbi- 


ger und der aus Kamenz stammende 
Johann Friedrich Burscher in der 
Theologie. Stöckhardt schloss sich 
der „Societas Philologica Lipsiensis“ 
von Christian Daniel Beck an, wo er 
Karl Gottfried Siebelis kennen¬ 
lernte. Durch seinen Vater geprägt, 
der selbst noch in sorbischer Sprache 
gepredigt hatte, gehörte Stöckhardt 
der Lausitzer Predigergesellschaft als 
außerordentliches Mitglied an. 1793 
verteidigte er seine Magisterarbeit 
„Commentatione de poesi cum philo- 
sophia arctissime coniuncta“ bei Karl 
August Gottlieb Keil. Anschließend 
wollte sich Stöckhardt als Privatdo¬ 
zent für Philosophie, Philologie und 
Kunsttheorie habilitieren. Zudem 
predigte er an der Thomaskirche und 
der Paulinerkirche. Auch der damals 
berühmte Literaturkritiker Giralomo 
Tiraboschi war schon auf ihn auf¬ 
merksam geworden. Sie korrespon¬ 
dierten regelmäßig und Tiraboschi 
vermittelte 1793 Stöckhardts Aufnah¬ 
me in die „Societa de' Volschi“. 

1794 berief Graf Carl Heinrich von 
Schönburg auf Empfehlung Dindorfs 
Stöckhardt zum Privatlehrer der ein¬ 
zigen Tochter des Hauses, Renate Au¬ 
guste Louise Henriette (1783-1859), 
nach Vorder-Glauchau/Wechselburg. 
Stöckhardt verzichtete daraufhin auf 
die Fortsetzung seiner universitären 
Karriere. Sein Werdegang verlief 
damit ähnlich wie der eines Cousins 
seines Vaters, des fast 40 Jahre als 
Diakon in Glauchau und Pastor in 
Gesau wirkenden Gottfried Gerhard 


332 



Stöckhardt (1721-1788). Dieser war 
ebenfalls nach seinem Studium in 
Leipzig zunächst beim Grafen von 
Schönburg Hauslehrer, und er war 
gleichfalls schriftstellerisch tätig. Mit 
den Schönburgs hielt sich Gerhard 
Heinrich Jacobjan Stöckhardt oft 
in Dresden auf und er nutzte diese 
Gelegenheiten, um seine Italienisch- 
Kenntnisse zu vertiefen. Zudem 
wurde er häufig mit der Korrespon¬ 
denz des Grafen in Französisch und 
Englisch betraut. Zu Schönburgs en¬ 
gen Bekannten gehörte dessen vorma¬ 
liger Hofmeister Christian Gottfried 
Körner. Vermutlich durch Schönburg 
und Körner kam Stöckhardt erstmals 
mit der Freimaurerei in Berührung. 

In dieser Zeit erwarb er sich mit 
der Herausgabe und sachkundigen 
Kommentierung italienischer Lesebü¬ 
cher von Giovanni Boccaccio („Scelta 
delle migliori novelle di Boccaccio 
con annotazione“, 1794) und Ludovi- 
co Ariosto („Le commedie in prosa, 
1‘erbolato e le lettere di Lodovico 
Ariosto“, 1798) einen Namen als 
Philologe. 1799 wurde Stöckhardt 
zum Archidiakonus in Glauchau und 
Pastor an die Filialkirche in Gesau 
bestellt. 

Im Jahre 1804 kehrte Stöckhardt als 
Pastor Secundarius und Mittagspredi¬ 
ger an der Hauptkirche St. Petri nach 
Bautzen zurück. Pastor Primarius 
war hier Friedrich Wilhelm Janson 
Sartorius. Vertrauensvoll arbeitete 
Stöckhardt an der Simultankirche St. 
Petri mit dem katholischen Bischof 


Franz Georg Lock zusammen. Im 
Dom St. Petri wurden während des 
napoleonischen Kriegs 1813 Verletzte 
versorgt und Kriegsgefangene festge¬ 
halten. Stöckhardt half wiederholt als 
Dolmetscher. Anlässlich der Feier zu 
seiner 25-jährigen Amtseinführung 
im Jahre 1824 wurde seine „Begeis¬ 
terung für alles Heilige auf dem Weg 
durchs irdische Leben“ hervorgeho¬ 
ben. Stöckhardt erwarb sich große 
Verdienste um seine Gemeinde mit 
der Ausarbeitung des neuen Gesang¬ 
buches („Sammlung alter und neuer 
geistlicher Lieder“, 1826) und um den 
theologischen Nachwuchs mit der 
Einrichtung einer „Uebungsanstalt 
in theologischen Wissenschaften“ für 
die Mitglieder des Predigerkollegiums 
im Bautzener Bezirk (1828): „...mit 
einem zweckmässigen Plane zur Er¬ 
richtung solcher Anstalten, wodurch 
die Candidaten des Predigtamtes in 
der Oberl. zur Führung geistlicher 
Aemter zweckmässig vorbereitet wer¬ 
den können ...“. Dem Magistrat der 
Stadt Bautzen diente Stöckhardt um 
1829 als geistlicher Schulinspektor. 

Eine bedeutende Rolle in Stöckhardts 
Leben spielte die Freimaurer-Loge 
„Zur goldnen Mauer“. Sie war 1802 
auch als Bildungsstätte für das auf¬ 
strebende Bautzener Bürgertum vom 
damaligen Rektor des Gymnasiums, 
Ludwig Gedike, gegründet worden. 
Die Logenbrüder bemühten sich stets 
um das Allgemeinwohl; sie waren 
mildtätig und gründeten ein Privat¬ 
seminar zur Ausbildung von Volks- 


333 




Der Dom in Bautzen. 

Schullehrern. Unter dem Meister vom 
Stuhl August Gotthilf Taube wurde 
Stöckhardt 1805 in die Loge aufge¬ 
nommen. Schnell stieg er auf, wurde 
schon 1806 in den 3. Rang befördert 
und stand ihr nach Taubes Tod 1816 
für mehr als 13 Jahre als Meister vom 
Stuhl vor. Die große Bedeutung der 
Freimaurer für das Bautzen des 19. 
Jahrhunderts ist den Namen ihrer 


Mitglieder zu entnehmen, zu denen 
beispielsweise Karl Siegmund Borne¬ 
mann (Direktor der Bürgerschule), 
Friedrich August Adolph von Gers- 
dorf (Oberamts-Regierungs-Präsi- 
dent), Heinrich Gottlob Gräve (Histo¬ 
riker), Ernst Friedrich Hartz (späterer 
Bürgermeister), Ernst Gottlob Monse 
(Druckereibesitzer), Gottlob Heinrich 
Ohle (Medizinprofessor in Dresden), 


334 


Karl Benjamin Preusker (Bibliotheks¬ 
gründer), Karl Gottfried Siebelis, 
Friedrich August Treutier (Professor 
der Naturgeschichte in Dresden) 
sowie die späteren Professoren für 
römisches Recht bzw. Agrarwissen¬ 
schaft, Stöckhardts Söhne Heinrich 
Robert Stöckhardt und Ernst 
Theodor Stöckhardt gehörten. 
Besonders bekannt wurde die Frei¬ 
maurerloge „Zur goldnen Mauer“ 

- noch zu Taubes Zeiten - während 
der Befreiungskriege gegen Napoleon. 
Obwohl Sachsen auf der Seite Napo¬ 
leons stand, empfing man Gebhard 
Leberecht von Blücher und August 
Neidhardt von Gneisenau im Septem¬ 
ber 1813 festlich: Die beiden Führer 
der Schlesischen Armee gehörten der 
nationalen Mutterloge „Zu den drei 
Weltkugeln“ an. Blücher hielt bei die¬ 
sem, seinem zweiten Besuch in Baut¬ 
zen in einem Jahr die berühmte, von 
Vaterlandsliebe und humanitärer Ge¬ 
sinnung zeugende Rede. Zum Schluss 
trank man auf das Wohl der beiden 
(gegnerischen) Könige. Im Jahre 1820 
gründete Stöckhardt auf Veranlassung 
des Repräsentanten der Freimaurer- 
Landesloge und späteren Landesgro߬ 
meisters Gottlob Adolf Ernst von 
Nostitz und Jänkendorf zusam¬ 
men mit Bischof Lock den freimau¬ 
rernahen Ortsverein „Rath und That“, 
der sich der sozialen Fürsorge und öf¬ 
fentlichen Wohlfahrt verpflichtet sah. 
Dem Verein gehörten anfangs 25, ein 
Jahr später 126 Mitglieder an. Großes 
Ansehen erwarben sich die Bautze- 
ner Freimaurer unter Stöckhardt, als 


sie 1827 Hilfe für die Geschädigten 
des Stadtbrandes organisierten. Ab 
1827 gaben Seminardirektor Pomsel, 
Zeichenlehrer von Gehrsheim und 
Schlossapotheker Eduard Paeßler 
Handwerkslehrlingen in einer Sonn¬ 
tagsschule unentgeltlich Unterricht. 
Diese Schule wurde zur Keimzelle für 
die Bautzener Industrie- und Gewer¬ 
beschule, der Verein „Rath und That“ 
für die Kinder-Arbeitsschule und die 
Kinderbewahranstalt. 

Von den vielen Schriften, Überset¬ 
zungen sowie Gedichten Stöckhardts 
sind die 1811 erschienene „Sprachleh¬ 
re für Italienisch-Lehrer mit Lesebuch 
für Schüler“ und das ab 1801 mehr¬ 
fach aufgelegte Deutsch-Italienische 
Wörterbuch „Dizionario portatile, 
italiano - tedesco, e tedesco-italiano“ 
hervorhebenswert. Die Sprachlehre 
wurde seinerzeit gerühmt, wie gewis¬ 
senhaft der Verfasser bemüht war, 
seine Theorie mit der Anwendung 
zu verbinden. Noch 1838 schrieb 
Felix Mendelssohn Bartholdy an den 
Verlag, um ein Exemplar des Wörter¬ 
buchs zu erhalten. Seine Kenntnisse 
des Italienischen brachte Stöckhardt 
auch anlässlich von Festlichkeiten 
zur Verherrlichung der sächsischen 
Königsfamilie zur Geltung. Die von 
Friedrich August dem Gerechten in 
Auftrag gegebene Kantate „Albino 
und Tajo“ wurde anlässlich der Ver¬ 
mählung von Maria Josepha Amalia 
von Sachsen mit dem spanischen 
König Ferdinand am 29. August 1819 
im großen Königlichen Konzertsaal 


335 



aufgeführt. Die Übersetzung des alle¬ 
gorischen Stücks mit Bezug zur Elbe 
stammte von Theodor Hell, die Musik 
von Hofkapellmeister Francesco Mor- 
lacchi und den königlichen Kammer¬ 
sängern um Sassaroli und Benincasa. 
Stöckhardt schrieb zudem für die 
Jenaische allgemeine Literaturzeitung, 
die Leipziger Literaturzeitung und das 
Neue Lausitzische Magazin. 

Für seine Verdienste wurde Stöck¬ 
hardt 1826 mit der Aufnahme in 
die Oberlausitzische Gesellschaft 
der Wissenschaften geehrt. Er war 
außerdem Ehrenmitglied der Großen 
Landesloge von Sachsen sowie der 
nationalen Loge „Zu den drei Weltku¬ 
geln“. Vom 25. bis 27. Juni 1830, we¬ 
nige Monate vor seinem Tod, konnte 
Stöckhardt noch an den Feierlichkei¬ 
ten in Bautzen zum 300. Jahrestag der 
Augsburger Konfession teilnehmen. 
Am zweiten Tag predigte er: „Wie wir 
unsere Kinder zum Festhalten an der 
evangelischen Lehre ermuthigen sol¬ 
len“. Heinrich Robert Stöckhardt 
verfasste einen Lebenslauf seines 
Vaters, der im Neuen Lausitzischen 
Magazin als Nekrolog gedruckt wur¬ 
de. Hermann Arthur Lier erinnerte 
an ihn in der Allgemeinen Deutschen 
Biographie. Gerhard Heinrich Jacob- 
jan Stöckhardt ist namentlich auf der 
großen Glocke des Domes St. Petri 
verewigt. Das Stadtmuseum Bautzen 
besitzt ein von Friedrich Freiherr von 
Gersheim gemaltes Porträt. 


Quellen: Nekrolog im Neuen Lausitzischen 
Magazin, IX, S. 435-443; Lindner und Hersch 
(Bearb.): „Das Gelehrte Teutschland, oder Lexi¬ 
kon der jetzt lebenden Gelehrten Teutschlands“ 
(17. Nachtrag zur 4. Ausg.). Lemgo, Verlag der 
Meyerschen Hof-Buchhandlung, 1825; Gottlieb 
Friedrich Otto: „Lexikon der seit dem fünfze¬ 
henden Jahrhunderte verstorbenen und jetzt¬ 
lebenden Oberlausizischen Schriftsteller und 
Künstler“. Burkhart Görlitz, Bd. 3, S. 336-337, 
1803; Hermann Arthur Lier: „Gerhard Heinrich 
Jacobian Stöckhardt“. Allgemeine Deutsche 
Biographie, Bd. 36, S. 287-288; Reinhold Grün¬ 
berg (Bearb.): „Sächsisches Pfarrerbuch. Die 
Parochien und Pfarrer der Ev.-luth. Landes¬ 
kirche Sachsens (1539-1939)“. Verlagsanstalt 
Ernst Mauckisch Freiberg, 1940; Allgemeine 
Literatur-Zeitung, Nr. 66, S. 526-527, Januar- 
März 1799; Jenaische allgemeine Literatur- 
Zeitung, Nr. 42, S. 329-336, 27. Februar 1812; 
Nr. 203, S. 1620-1621, 1825; S. 214, März 1831; 
„Stammtafel der Familie Stoeckhardt, Putzkau¬ 
er und Lauterbacher Zweig, den Verwandten zu 
Lieb zusammengestellt und mit Erläuterungen 
auf Grund handschriftlicher Mittheilungen 
und sonstiger Quellen-Nachweise versehen von 
Prof. Dr. Ernst Theodor Stoeckhardt“. Wagner 
Weimar, 1883; The Church of Jesus Christ of 
Latter-day Saints; Karin Stöckhardt, Mitteilun¬ 
gen; Dr. Schubart: „Zur Geschichte des Gymna¬ 
siums in Budissin“. E.M. Monse, 1863; Martin 
Reuther: „Oberlausitzer Forschungen: Beiträge 
zur Landesgeschichte“. Koehler & Amelang, 
1961; Richard Wilhelm: „Die Glocken der Stadt 
Bautzen“. 1917; Katalog der Gemäldesamm¬ 
lung Stadtmuseum Bautzen, 1954; Leipziger 
Zeitung, 25.9.1820; Michael Wetzel: „Carl 
Heinrich III., Graf von Schönburg“ Sächsische 
Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische 
Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von 
Martina Schattkowsky; Archivverbund Bautzen, 
Stadtarchiv, 66001 Verein Rat und Tat, lfd. 

Nr.; Morgenblatt für gebildete Leser, Bd. 13, 
Cottasche Buchhandlung, 1819; „Beschreibung 
der Feierlichkeiten, welche am dritten Jubelfeste 
der Augsburger Confession den 25., 26. und 27. 
Juni 1830 im Königreich Sachsen stattgefunden 
haben: nebst einigen Jubelpredigten und Anga¬ 
be der zu diesem Feste in Sachsen erschienen 
Schriften“. J.F. Glück, 1830 


336 



Ein ernstes Wort ward unsenii Bund gesprochen, 
Verwaist steht er von seinem Oberhaupt! — 
Ein Glied der Kette ward in Ihm zerbrochen, 

Ein Bruderherz hat uns der Tod geraubt! 

Es war wie wir in einen Kreis geschlungen, 

Oer bis nach Westen hin zum Grabe reicht; 
Flat uns geliebt — gcknmpfet und gerungen — 
Geglaubet — und die Palme dort erreicht! 


Ihrem vollendeten Meister 
Gerhard Heinr. Jacobjan 
Stöckhardt. Die Brüder der 
Loge zur goldnen Mau¬ 
er, E. G. Monse Bautzen, 
1.11.1830. 


Nun sehn wir den Vollendeten im Glanze, 
Wie keiner unsre Erdennacht erhellt. 

Und schauen Ihn in Seinem Siegeskranze, 
Als den Bewohner einer hölicrn Welt! 


Was Er als Lehrer und als Mensch gewesen. 

Als Meister in der Säulen Doppelreihn, 

Das wird man tief in unseriu Innern lesen, 

End Ihm ein Denkmal unsrer Liebe scyn! 

Sie war ja stets in allen Seinen Leiden 

Das Loos, nach dem Sein Herz in Stillem rang; 
Und traun! — der Mann ist wahrlich zu beneiden. 
Deut cs wie. Ihm um diesen Preis gelang. 

Er hat vollendet Seiner Laufbahn Stufen, 

Zum ew’gcn Osten leitet Ihn der Stern, 

Wo Brüder Ihm verklärt entgegen rufen, 

Der Aar nun weilet — und das Leiden fern! 


Vermagst Du einen Tropfen Deiner Labe. 

Vollendeter! ■— so senk ihn in das Herz 
Der Deinen, die gebeugt an Deinem Grabe 
Mit Wckmuth kämpfen und gerechtem Schmerz! 

Wir haben Viel, doch Sic weit Mehr verloren! 

Still stellt ein Herz, um das die Liebe weint 
Zu Gatten- und zu Vaterglück geboren, 

War Grofscs Ihm und Schönes gleich vereint 1 

Doch auch von dort, wo Geister IIid begrüfsen. 
Schaut noch Sein Auge liebevoll zurück; 

Er lieht zu Seines Herrn und Meisters Etifsen 
Pur Seiner Lieben. Seiner Brüder Glück; 

Und segnet uns, ein Hirt, mit frommen Munde, 

Der Seine Herde treu iui Btiseu trügt, 

Bis einst auch uns die ernste, grofse Stunde 
Zur herrlichen Vereinung liebend schlägt! 


Quellen zu den Freimaurern: 

Sanct Johannis Freimaurer-Loge 
zur goldnen Mauer, Mitglieder¬ 
verzeichnisse 1805, 1806, 1808, 
1816, 1819, 1829 und Jahresbe¬ 
richt vom 24. Juni 1831; Roland 
Paeßler: „Das Auftreten Blüchers 
in der Bautzener Freimaurerloge“. 
Vortrag, Barockschloss Rammen¬ 
au, um 1989; Brief Blüchers an die 
Bautzener Freimaurer, 15.6.1814; 
Roland Baier: „Die Bautzener 
Johannis-Freimaurerloge Zur 
goldenen Mauer“. In: „Zwischen 
Wesenitz und Löbauer Wasser“, 
1997, H. 2, S. 56-61 


337 






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Der Jura-Professor Robert Stöckhardt war auch ein talentierter Musiker 
und Komponist. 







Stöckhardt, Heinrich Robert 


Professor, Jurist in St. Petersburg 

11.08.1802 Glauchau - 10.10.1848 St. Petersburg 

V: Gerhard Heinrich Jacobjan (*28.3.1772 Schwepnitz, f28.10.1830 Bautzen), Pastor Secunda- 
rius am Dom St. Petri Bautzen; M: Johanna Juliane Theophila geb. Pinder (*27.4.1772 Oelsnitz, 
116.3.1811 Bautzen); G: Gerhard Julius (*20.12.1800 Glauchau, fl.6.1825 Bautzen, designierter 
Bürgerschullehrer), Hermann Eduard (*24.10.1803 Glauchau, f24.12.1845 Lichtenstein, Kauf¬ 
mann in Glauchau, Bautzen und Lichtenstein), Gustav Albin (*20.2.1805 Bautzen, fl 1.2.1855, 
Dr. med., Verdienste während der Cholera-Epidemie in Glauchau 1848), Aurora (1807-1809 
Bautzen), 3 Halbbrüder aus der 2. Ehe des Vaters, Ernst Hermann (*1812 Bautzen), Hermann 
Constanz (*7.10.1814 Bautzen, f8.11.1875 Dresden, Gutsverwalter, Versicherungskaufmann in 
Dresden, Mannheim und Wien), Ernst Theodor (*4.1.1816 Bautzen, f27.3.1898 Bautzen, Ag¬ 
rarwissenschaftler); E: 16.5.1828 Bautzen, Emilie geb. Voigt (*17.9.1803 Naumburg, f 12.8.1871 
Kosen); K: Clara Henriette Marie (*13.10.1829 Bautzen, f6.2.1897 San Remo, Landschaftsmale¬ 
rin), Julius Reinhold (*6.4.1831 Bautzen, f29.1.1901 Berlin, studierte Theologie, Volkswirtschaft 
und Jura, vertrat als Düsseldorfer Regierungsrat das Deutsche Reich zur Weltausstellung 1873 
in Wien, 1880 Vortragender Rat im Ministerium für öffentliche Arbeiten in Berlin, Kompo¬ 
nist), Hermann (*18.3.1833 St. Petersburg, f6.3.1835), Carl Robert (*29.3.1835 St. Petersburg, 
f7./.8.12.1880 New York, Studium Gewerbeschule Chemnitz und Polytechnikum Dresden, 
Photograph und Dekorationsmaler in Gotha und den USA), Julie Emilie Louise (*26.11.1838 St. 
Petersburg, f 18.5.1895 Berlin, heiratete 1858 den Besitzer einer Kinderspielwarenfabrik Gerhard 
Söhlke aus Berlin), Woldemar Heinrich Julius (*3.2.1840 St. Petersburg, kaufmännische Lehre 
bei seinem Onkel Carl Voigt in Leipzig, Kaufmann in Mailand, Manchester und London), Fried¬ 
rich Heinrich (*14.8.1842 St. Petersburg, f4.6.1920 Berlin/Woltersdorf, Architekturprofessor), 
Ernst Friedrich Gerhard (*25.7.1845 St. Petersburg, Buchhändler und Schriftsteller in Stuttgart, 
Karlsruhe und Berchtesgaden, gab die Zeitschrift Deutsche Adelschronik heraus, verfasste Reise¬ 
berichte und kunsthistorische Beiträge, wird häufig mit Ernst Hardt verwechselt) 


Robert Stöckhardt kam als Zweijäh¬ 
riger zusammen mit den Eltern und 
seinem älteren Bruder Gerhard Julius 
nach Bautzen, wo der Vater, Ger¬ 
hard Heinrich Jacobjan Stöck¬ 
hardt, eine Anstellung als Pastor 
Secundarius und Mittagsprediger an 
der Hauptkirche St. Petri erhalten 
hatte. Nach wenigen Jahren verstarb 
die Mutter. Zu den Halbgeschwistern 
aus der zweiten Ehe des Vaters gehör¬ 
te der spätere Agrarwissenschaftler 
Ernst Theodor Stöckhardt. In 
Bautzen besuchte Stöckhardt das 


Gymnasium unter dem Rektor Karl 
Gottfried Siebelis, mit dem der 
Vater auch über die Freimaurerloge 
„Zur goldnen Mauer“ verbunden 
war. Besonders die musischen Fächer 
sowie die Sprachen begeisterten den 
Jungen. Freie Phantasien am Flügel 
zeugten von seiner hohen musi¬ 
kalischen Begabung. Während der 
Schulzeit stand Stöckhardt seinem 
Bruder Gerhard Julius so nahe, dass 
Siebelis die ihnen zuerkannte, aber 
nur einmal vorhandene Ratsprämie 
unter ihnen verloste. Zu Stöckhardts 


339 



V I R l Ü 


1LLUSTRISSIM1S ET EXCELLENTISSIMIS 

GOTTLOB ADOLPHO ERNESTO NOSTITZ 
et J AENKEN DORF 

DOMINO IN OPPACH ETC. ETC. 

VOTEXTU!I. AAX0X1AK »KCl A CONfTHKNOI? DK RETCBUCA CON* 
SlUie COMJTI COX6I8TOE1AMÜ NIAK5IUI DELEGATOlli M AD CIT* 
RAXDA» AEDKA TtlH.ICAA Ql’lM S ««MINE MX» TfRA CIVtTATt» 
(\DICt CT FACIXOROSI «EMDM CUTTTU M ART13BI IU.ENA1“ UR> 
DIM5 AAXOXICI VinT. CITIC.« »I'KVI! LVAIGMBIS DE< OEATO 
OBOIMA *T. JOAXMJ» M ELITEN Ml» KQITT1 TBAETEriO 
I. \OOVItX 3 I DEMCXATO «CU. nCLI.. 


Seine Habilitationsschrift von 1826 widmete Stöckhardt Gottlob Adolf 
Ernst von Nostitz und Jänkendorf. 


Freunden in Bautzen zählte der 
spätere Leipziger Orientalist Heinrich 
Leberecht Fleischer. 

An der Universität Leipzig studierte 
Stöckhardt ab 1820 bei seinem Vor¬ 
bild Christian Gottlieb Haubold und 
bei Johann Christian August Hein- 
roth Jura und Philosophie. 1821 trat 
er der Lausitzer Predigergesellschaft 
bei, für die er als Sekretär wirkte. 

Nach dem juristischen Baccalaureat 
1824 und seiner Habilitation am 10. 
Juni 1826 zum Privatdozenten vertei¬ 
digte Stöckhardt am 26. September 
seine Dissertation mit „Analysen zum 
Einfluss des Klimas auf Geist, Körper 
und die Entwicklung von Wissen¬ 
schaften und Künsten“. Der spätere 
Physiologe Alfred Wilhelm Volkmann 
gehörte zu seinen Freunden. Ab 1824 


hielt Stöckhardt Vorlesungen zum Na¬ 
tur- und Völkerrecht, zum Römischen 
Recht, zur Rechtsgeschichte und 
Rechtstheorie sowie zu Verbindungen 
von Recht und Philosophie und leitete 
juristisch-exegetische Übungen. Es 
entstanden erste bedeutende Schrif¬ 
ten. In „Wissenschaft des Rechtes“ 
bekannte er sich zu einem modernen 
Staat, der nach seiner Meinung die 
„... zur höchsten Einheit erhobene 
Freiheit der einzelnen menschlichen 
Individuen“ darstellt, und zu einem 
universell gültigen, von staatlichen 
und geistlichen Autoritäten unabhän¬ 
gigen Naturrecht. Auch während des 
Studiums und seines späteren Berufs¬ 
lebens blieb Stöckhardt Musik und 
Poesie gegenüber aufgeschlossen. Er 
komponierte lyrische Stücke für Pia¬ 
no und hatte Verbindungen bis nach 


340 



Dresden (Elise von der Recke, Chris¬ 
toph August Tiedge). Im Hause der 
Witwe Voigt in Naumburg lernte er 
seine spätere Frau Emilie kennen. Die 
Familie Voigt war sehr kunstsinnig. 
Stöckhardts Schwager Carl Friedrich 
Eduard Voigt gehörte zu den Förde¬ 
rern des Feipziger Gewandhaus-Or¬ 
chesters und zum Bekanntenkreis von 
Robert Schumann. 

Stöckhardt hatte schon in jungen 
Jahren viel persönliches Feid erfah¬ 
ren. Nach seiner Mutter war 1820 
auch seine erste Stiefmutter, Erdmu- 
the Wilhelmine geh. von Feonhardi, 
frühzeitig verstorben, 1825 sein 
geliebter Bruder Gerhard Julius. Als 
der Vater wegen Krankheit seinen 
baldigen Tod voraussah, holte er 
seinen nunmehr ältesten Sohn nach 
Bautzen zurück, um die Familie 
zu unterstützen. Stöckhardt erhielt 
1828 eine Anstellung als Königlicher 
Sächsischer Rechts-Consulent. Von 
1824 bis 1831 gehörte er den Bautze- 
ner Freimaurern an. Aus dieser Zeit 
stammen zwei der bedeutendsten 
wissenschaftlichen Arbeiten Stöck¬ 
hardts. Die „Tafeln zur Geschichte 
des Römischen Rechts“ begründe¬ 
ten seinen Ruhm. In der folgenden 
Analyse zum Unterschied zwischen 
Zivil- und Strafrecht („Dolus civilis“ 
und „Dolus criminalis“) konnte er 
auf diese umfangreichen historischen 
Studien zurückgreifen. Stöckhardt 
diskutierte u. a. die Resozialisierung 
von Straftätern als Ziel der Bestra¬ 
fung, deren Erfolg er bezweifelte, und 


er kritisierte standesabhängige Urtei¬ 
le. Seinen jüngeren Brüdern erteilte 
er Unterricht in Sprachen und Musik, 
mit dem Konrektor des Gymnasiums 
Friedrich Gotthelf Fritsche war er 
befreundet. Bald merkte Stöckhardt 
jedoch, dass ihn das heben in Baut¬ 
zen beruflich nicht ausfüllen konnte. 
Sein ausgezeichneter Ruf drang bis 
nach St. Petersburg. Im damaligen 
Russischen Reich wurde Römisches 
Recht gelehrt, das seinerzeit in vielen 
europäischen Staaten als maßgebliche 
Rechtsquelle galt. Stöckhardt erhielt 
1831 die Berufung als Professor an 
das Pädagogische Hauptinstitut in St. 
Petersburg, wo die zukünftigen Fehrer 
höherer Schulen studierten. Zu seiner 
Familie gehörten im Jahr des Umzugs 
zwei kleine Kinder, die in Bautzen 
geborenen Clara und Reinhold. 

Stöckhardt wurde in St. Petersburg 
zum Kaiserlichen Hofrat ernannt. 
Fürst Christoph von hieven, ein 
Ratgeber von Zar Nikolaus, unter¬ 
richtete ihn in der russischen Sprache. 
Stöckhardt arbeitete in der Gesetzge¬ 
bungskommission mit und lehrte ab 
1835 als Professor an der Kaiserlichen 
Rechtsschule. 1837 schrieb er als 
Lehrbuch für die juristischen Einlei- 
tungswissenschafiten die „Allgemeine 
juristische Fundamentallehre“. Für 
seine großen Verdienste um den Auf¬ 
bau einer modernen Juraausbildung 
und Gesetzgebung in Russland wurde 
er zum Staatsrat ernannt, in den 
russischen Adelsstand erhoben und 
mit dem Annen-, dem Wladimir- und 


341 



1842 dem Stanislaus-Orden 2. Klasse 
ausgezeichnet. Stöckhardt bemühte 
sich in St. Petersburg zudem um den 
wissenschaftlichen und kulturellen 
Austausch zwischen Russland und 
Deutschland. Beispielsweise übersetz¬ 
te er 1833 einen von Unterrichtsmi¬ 
nister Sergei Semjonowitsch Uwarow 
vor der Russischen Akademie der 
Wissenschaften gehaltenen Vortrag 
zu Johann Wolfgang von Goethe ins 
Deutsche. Im Jahre 1844 organisierte 
er einen Auftritt von Clara Schumann 
während ihrer Russlandreise. Für 
die St. Petersburger Zeitung schrieb 
Stöckhardt als Musikreferent und er 
war Korrespondent von Robert Schu¬ 
manns „Neuer Zeitschrift für Musik“. 
Schumann zählte ihn zu „seinen“ 
auswärtigen „Davidsbündlern“. Als 
seine Gönner Lieven und Uwarow 
wegen des steigenden Einflusses der 
altrussischen Partei ihre Stellungen 
verloren, blieb davon auch Stöckhardt 
nicht unberührt. Gefälligkeitsempfeh- 
lungen bei der Besetzung von Profes¬ 
suren widerstrebten ihm. Stöckhardt 
gab 1847 die Juraausbildung ab und 
vertrat bis zu seinem Tod Philologie 
und lateinische Literatur. 

Stöckhardt wurde in St. Petersburg 
beigesetzt, sein Herz aber nach 
seinem Wunsch nach Naumburg 
überführt. Die Ehefrau kehrte hierher 
mit sieben Kindern zurück. Die neun¬ 
zehnjährige Clara erteilte als ältestes 
der Geschwister den jüngeren Unter¬ 
richt. In Naumburg knüpfte sie Kon¬ 
takt zur Familie von Friedrich Nietz¬ 


sche. Nachdem sie mit Mutter und 
Geschwistern nach Weimar überge¬ 
siedelt war, ließ Clara sich zur Male¬ 
rin ausbilden. Geprägt wurde sie von 
Friedrich Preller d.Ä. (Direktor der 
Fürstlich freien Zeichenschule) sowie 
Carl Hummel und Max Schmidt von 
der Weimarer Malerschule. Clara 
malte bevorzugt Landschaften und 
Architektur in Öl und Aquarell. Mit 
ihren Werken konnte sie zum Le¬ 
bensunterhalt der Familie beitragen. 
Verschiedene Thüringen-Motive, bei¬ 
spielsweise „Ilmufer mit Goethes Gar¬ 
tenhaus“, zeigte sie von 1870 bis 1877 
auf Berliner akademischen Kunst¬ 
ausstellungen. 1871 starb Robert 
Stöckhardts Witwe, 1872 übernahm 
sein Bruder Ernst Theodor Stöck¬ 
hardt in Weimar einen leitenden 
Posten im Staatsministerium. Clara 
Stöckhardt besuchte in Weimar oft 
ihren Onkel. Die Geschwister waren 
inzwischen selbstständig. So konnte 
sie sich verstärkt ihren eigenen künst¬ 
lerischen Ambitionen widmen und 
reiste zu Studienaufenthalten nach 
Italien. Auf Dresdner akademischen 
Kunstausstellungen zeigte sie 1876 
und 1877 mehrere Aquarelle und 
Ölbilder mit Italien-Motiven. 1880 
heiratete sie den italienischen Offizier 
Gino Cantoni. 

Clara Stöckhardt hatte maßgebli¬ 
chen Anteil, dass ihren Geschwistern 
- ganz im Sinne des verstorbenen 
Vaters - die Begeisterung für alles 
Schöne vermittelt wurde. Ihr Bruder 
Reinhold blieb auch während seiner 


342 




Robert Stöckhardts Familie war nach seinem Tod mehrere Jahre in Weimar 
ansässig. Seine Tochter Clara malte hier „Ilmufer mit Goethes Gartenhaus“. 


erfolgreichen Beamtenlaufbahn der 
Musik treu, komponierte selbst und 
gehörte zum Freundeskreis von Theo¬ 
dor Fontane und Clara Schumann. Sie 
trafen sich auf Stöckhardts Annenhof 
in Hohenwiese bei Schmiedeberg im 
Riesengebirge und in Berlin. Fried¬ 
rich Heinrich Stöckhardt, wie Ernst 
Giese ein Nicolai-Schüler, war als 
Architekt für seine Brunnenentwürfe 
in Erfurt („Am Anger“, 1890), Dessau 
(von den Nazis zerstörtes Brunnen¬ 
denkmal für Moses Mendelssohn, 
1890) und Göttingen („Gänseliesel“, 
1901) bekannt. Aber auch die anderen 
Geschwister spielten Musik oder wa¬ 
ren anderweise künstlerisch talentiert. 


Quellen: Karin Stöckhardt, Mitteilungen, 
2009; Jenaische allgemeine Literatur-Zeitung 

1825, 1826, 1832, 1833, 1841; Christian Daniel 
Beck (Hrsg.); „Allgemeines Repertorium der 
neuesten in- und ausländischen Literatur“. 

1826, 1832; Karl Goedeke: „Grundriss zur Ge¬ 
schichte der deutschen Dichtung“. 1859, 1862; 
Virtuelle Fachbibliothek Osteuropa, Erik- 
Amburger-Datenbank; Nekrolog, Blätter für 
literarische Unterhaltung, Brockhaus Leipzig, 
1849, Bd. 2, S. 923f.; Herrmann A. L. Dege- 
ner: „Wer ist‘s?“ Berlin, 1908; Ernst Theodor 
Stoeckhardt: „Stammtafel der Familie Stoeck- 
hardt, Putzkauer und Lauterbacher Zweig“. 
Wagner Weimar, 1883; Carl August Jentsch: 
„Geschichte der Lausitzer Predigergesellschaft 
zu Leipzig und Verzeichniss aller ihrer Mit¬ 
glieder“. Schmaler & Pech, 1867; Historisches 
Vorlesungsverzeichnis der Universität Leipzig; 
Friedrich von Boetticher: „Malerwerke des 19. 
Jahrhunderts“. Dresden, 1898 


343 



Das vermutliche Porträt von Ernst Theodor Stöckhardt befindet sich im 
Archiv des Deutschen Museums München. Es wurde dort zunächst Julius 
Adolph Stöckhardt zugeordnet (PT_03590_01_01). Zum Zeitpunkt der Be¬ 
schaffung durch das Museum im Jahre 1928 war nur der Nachname Stöck¬ 
hardt vermerkt. Der dokumentierte Aufnahmeort Jena spricht für eine 
Abbildung von Ernst Theodor Stöckhardt. 









Stöckhardt, Ernst Theodor 


Professor, Landwirtschaftslehrer in Brösa, Chemnitz und Jena 
04.01.1816 Bautzen - 27.03.1898 Bautzen 


V: Gerhard Heinrich Jacobjan (*28.3.1772 Schwepnitz, t28.10.1830 Bautzen), Pastor Secunda- 
rius am Dom St. Petri Bautzen, Schriftsteller, Freimaurer; M: Erdmuthe Wilhelmine geb. von 
Leonhardi (*1.4.1778 Weida, 14.3.1820 Bautzen), Tochter von Commodore von Leonhardi, 
holländischer Flottenkapitän und ehemaliger Gouverneur von Ceylon, und Schwester von Carl 
August von Leonhardi, Stadtkommandant und Ehrenbürger von Leipzig; G: Ernst Hermann 
(*1812 Bautzen), Hermann Constanz (*7.10.1814 Bautzen, 18.11.1875 Dresden, Gutsverwalter in 
der Landwirtschaft, Versicherungskaufmann in Dresden, Mannheim und Wien), 4 Halbbrüder 
und 1 Halbschwester aus der 1. Ehe des Vaters, Gerhard Julius (*20.12.1800 Glauchau, 11.6.1825 
Bautzen, Mitglied der Lausitzer Predigergesellschaft, designierter Bürgerschullehrer, Freimau¬ 
rer), Heinrich Robert (*11.8.1802 Glauchau, 110.10.1848 St. Petersburg, Freimaurer, Professor 
für Römisches Recht), Hermann Eduard (*24.10.1803 Glauchau, 124.12.1845 Lichtenstein, Kauf¬ 
mann in Glauchau, Bautzen und Lichtenstein), Gustav Albin (*20.2.1805 Glauchau, 111.2.1855, 
Dr. med., Assistent bei Carl Gustav Carus, praktizierte in Glauchau, Verdienste während der 
Cholera-Epidemie 1848), Aurora (1807-1809 Bautzen); E: 22.9.1840 Coelestine geb. Mitschke 
(*24.5.1818 Purschwitz, 11894), Tochter des Pfarrers Wilhelm Mitschke; K: Gerhard Erwin 
(*14.7.1841 Purschwitz, 130.7.1842 Brösa) 


Ernst Theodor Stöckhardt entstamm¬ 
te der Putzkauer Linie einer weitver¬ 
zweigten protestantischen Theologen¬ 
familie. Die Stöckhardts haben sich 
über Generationen große Verdienste 
um das geistliche Leben, aber auch 
um Wissenschaft und Wohlfahrt in 
Sachsen und darüber hinaus erwor¬ 
ben. Die Familie geht auf den wäh¬ 
rend der Religionswirren mit seinen 
Eltern aus Flandern vertriebenen und 
nach Sachsen eingewanderten Kauf¬ 
mann Gerhard van Stoeckhardt zu¬ 
rück. Kurfürst August warb während 
seiner Regentschaft bis 1586 etwa 
20.000 Einwanderer aus den Nieder¬ 
landen an, um mit ihrer Hilfe ein leis¬ 
tungsstarkes Textilgewerbe in Sachsen 
aufzubauen. Van Stoeckhardts Enkel 
begründeten im späten 17. Jahrhun¬ 
dert als Pfarrer in der Umgebung von 


Bischofswerda die beiden Hauptlinien 
der Familie, den Putzkauer (Johann 
Heinrich Stöckhardt) und den 
Lauterbacher Zweig. Der in Putzkau 
geborene Großvater von Ernst Theo¬ 
dor, Johann Gottrau Stöckhardt, war 
zuletzt Pfarrer in Schwepnitz. Sein 
Grabmal auf dem dortigen Friedhof 
zählte Cornelius Gurlitt zu Sachsens 
Bau- und Kunstdenkmälern. 

Stöckhardt verlor schon mit vier 
Jahren die Mutter. Entscheidende 
Anregungen verdankte er seinem 
Vater. Gerhard Heinrich Jacobjan 
Stöckhardt, ab 1821 wieder verhei¬ 
ratet, war ein hochgebildeter Mann 
und seit 1804 Pfarrer am Petridom in 
Bautzen. Zur Familie gehörte u. a. der 
ältere Halbbruder Robert Stöck¬ 
hardt. Der Vater wirkte in Bautzen 


345 




Schloss Milkel. 

als Meister vom Stuhl der Freimau¬ 
rerloge „Zur goldnen Mauer“. Die 
Bautzener Freimaurer machten sich 
seinerzeit um ihre Mitbürger verdient, 
indem sie beispielsweise unentgeltlich 
naturkundlichen Unterricht erteil¬ 
ten. Es wurde auch für den Sohn zur 
Mission, einer breiten Bevölkerungs¬ 
schicht fundiertes Fachwissen zu ver¬ 
mitteln. 1838 trat er in die Bautzener 
Freimaurerloge ein. 

Stöckhardt sollte zunächst wie sein 
Vater eine theologische Berufslauf¬ 
bahn einschlagen. Er besuchte das In¬ 
stitut des Freimaurers Karl Siegmund 
Bornemann in Bautzen, ab 1826 das 
Gymnasium unter dem Rektor Karl 
Gottfried Siebelis und er erhielt 
von seinem Vater Unterricht in Italie¬ 
nisch und Französisch. In der Familie 
wurde zudem die Hausmusik gepflegt. 
Von Anfang an bestand ein sehr enges 
Verhältnis zu seinem wenig älte¬ 
ren Bruder Hermann Constanz. Sie 
durchliefen die Schulen gemeinsam 
und später unterstützte Ernst Theodor 
den Bruder durch Vermittlung beruf¬ 
licher Kontakte. Besonders interes¬ 


sierte sich Stöckhardt als Schüler für 
die Reformationsgeschichte und die 
hebräische Sprache, die Karl Friedrich 
Ameis, selbst noch ein Schüler, lehrte. 
Befreundet war er mit Johannes 
Siebelis, gute Beziehungen bestan¬ 
den aber auch zu dem etwas älteren 
Robert Heller, dessen Urteil in 
sprachlichen Dingen gefragt war. 

Krankheitsbedingt musste Stöckhardt 
1832, zwei Jahre nach dem frühen 
Tod des Vaters, das Gymnasium vor¬ 
zeitig verlassen. Unterstützung erhielt 
er vor allem von seinem Vormund 
Johann Friedrich Schulze, gleichzeitig 
Nachfolger des Vaters als Pastor am 
Petridom. Der Vater seines Schul¬ 
freundes Robert Pohlenz, ein Inspek¬ 
tor der Herrschaft Milkel im Besitz 
von Georg Graf von Einsiedel, bildete 
den Jungen in der Eandwirtschaft aus. 
Von 1834 bis 1842 arbeitete Stöck¬ 
hardt als Verwalter auf verschiedenen 
Rittergütern in der Umgebung Baut¬ 
zens, bis 1837 in Jessnitz, danach in 
Eippitsch (im Besitz der Familie von 
Damnitz) und ab 1839 in Purschwitz, 



Ortsansicht von Purschwitz um 
1840. 


346 





das sich damals im Besitz der Stadt 
Bautzen befand. In Purschwitz konnte 
er erstmals mit größerer Eigenver¬ 
antwortung agieren. 1840 heiratete 
er eine Tochter des dortigen Pfarrers 
Wilhelm Mitschke. Im nahen Bautzen 
besuchte er den Gesellschaftsverein 
„Societät“. Stöckhardt vervollkomm- 
nete im Selbststudium seine landwirt¬ 
schaftlichen Kenntnisse. Als die Stadt 
Bautzen das Rittergut Purschwitz 
aus finanziellen Gründen verkaufen 
musste, pachtete er 1842 das Ritter¬ 
gut Brösa aus dem Besitz des Grafen 
Schall-Riaucour, wobei sich Stöck¬ 
hardt zunächst vergeblich um das 
Rittergut Putzkau bemüht hatte. 

Am 18. Oktober 1847 eröffnete Stöck¬ 
hardt in Brösa ein privates landwirt¬ 
schaftliches Lehrinstitut. Er hatte 
Bildung als Voraussetzung für eine 
Steigerung der Produktion erkannt 
und wollte den angehenden Landwir¬ 
ten das theoretische wie praktische 
Rüstzeug für ihr Berufsleben vermit¬ 
teln. Als Lehrer der Naturwissen¬ 
schaften holte Stöckhardt Emil von 
Wolff nach Brösa, einer seiner Schüler 
war Friedrich von Boetticher, später 
sein Schwager und in Dresden ein 
bedeutender Kunsthistoriker. Anläss- 


Rittergut Brösa: Zur Lehranstalt ge¬ 
hörten ein Laboratorium, mineralo¬ 
gische und botanische Sammlungen 
und eine Bibliothek. Ein Kurs um¬ 
fasste zwei Wintersemester Theorie. 
Im Sommersemester konnte zusätz¬ 
lich ein Praxiskurs belegt werden. 
Das Mindestalter betrug 16 Jahre. 
Die Landwirtschaftsschule Brösa 
war die erste ihrer Art in Sach¬ 
sen, als erste Einrichtung in ganz 
Deutschland war 1818 die Acker¬ 
bauschule in Hohenheim gegründet 
worden. Die landwirtschaftliche 
Ausbildung in Sachsen begann 1830 
an der Forstakademie Tharandt 
mit einem eigenen Lehrstuhl, den 
August Gottfried Schweitzer über¬ 
nahm. Die Bedeutung der landwirt¬ 
schaftlichen Abteilung in Tharandt 
nahm stetig zu. 1847 begründete 
Julius Adolph Stöckhardt einen 
Lehrstuhl für Agrikulturchemie. 
Kleinere Ausbildungseinrichtungen 
gab es in Schullwitz und - von 
Heinrich August Blochmann 
gegründet - in Wachau. Größere 
Bedeutung erlangte die landwirt¬ 
schaftliche Abteilung an der Gewer¬ 
beschule Chemnitz ab 1850 unter 
Ernst Theodor Stöckhardt. 


347 


lieh des Maiaufstandes 1849 brachte 
jener Stöckhardt in Schwierigkeiten. 
Boetticher war zum Barrikadenbau 
nach Dresden gereist, zwar rechtzeitig 
zurückgekehrt, doch auch Stöckhardt 
wurden jetzt Sympathien für die Re¬ 
volution unterstellt. 

Stöckhardt war zuerst Sekretär und 
später Vorsitzender des 1844 gegrün¬ 
deten Klixer landwirtschaftlichen 
Vereins, der sich neben praktischen 
Fragen der Landwirtschaft auch der 
Ausbildung sowie dem Obstbau und 
der Teichwirtschaft widmete, und 
er beteiligte sich am „Land- und 
forstwirthschaftlichen Wochenblatt 
des sächsischen Markgrafthums 
Oberlausitz“. Im landwirtschaftlichen 
Kreisverein Bautzen wirkte er als 
Stellvertreter von Paul Hermann. Zu 
Stöckhardts Bekanntenkreis während 
der Brösaer Zeit zählten der Bautze- 
ner Organist Carl Eduard Hering und 
Pfarrer Karl Traugott Kanig aus 
dem benachbarten Klix. 

Stöckhardts Leistungen machten ihn 
schnell auch außerhalb der Oberlau¬ 
sitz bekannt. 1849 gehörte er einer 
Kommission zur Erörterung der 
Grundsteuerverhältnisse im Erzgebir¬ 
ge an. Dabei wurde Julius Ambrosius 
Hülße auf ihn aufmerksam, seinerzeit 
Direktor der Königlichen Gewer¬ 
beschule in Chemnitz, später des 
Polytechnikums in Dresden. Im Jahr 
darauf erhielt Stöckhardt auf Hülßes 
Empfehlung, der ihn zusammen mit 
Albert Christian Weinlig vom Innen¬ 


ministerium in Brösa besucht hatte, 
die Berufung zum Professor und zum 
Aufbau einer landwirtschaftlichen 
Abteilung an der Gewerbeschule 
in Chemnitz. Er folgte hier seinem 
Cousin Julius Adolph Stöckhardt 
(4. Grades, aus dem Lauterbacher 
Zweig), der in Chemnitz von 1838 bis 
1847 gewirkt hatte und inzwischen 
an der Forstakademie Tharandt die 
Agrikulturchemie zu hoher Blüte 
führte. Jener gehörte über viele Jahre 
zu den wichtigsten fachlichen Bezugs¬ 
personen von Ernst Theodor Stöck¬ 
hardt, mit dem auch enge familiäre 
Beziehungen gepflegt wurden. Beide 
zählten in den Folgejahren zu den 
Schrittmachern des landwirtschaftli¬ 
chen Versuchswesens in Deutschland, 
dessen Ziel in der Vermeidung von 
Hungerkrisen wie 1847/48 durch 
Steigerung der landwirtschaftlichen 
Produktion bestand. Der Brösaer 
Wolff wurde 1852 zum Gründungsdi¬ 
rektor der ersten landwirtschaftlichen 
Versuchsstation Deutschlands in 
Leipzig-Möckern bestellt, die Julius 
Adolph Stöckhardt initiiert hatte. 

Ernst Theodor Stöckhardt war ein 
Wegbereiter der Landwirtschaftsaus¬ 
bildung in der Oberlausitz und ganz 
Sachsen. In Chemnitz entstanden 
wichtige Schriften, so „Bemerkungen 
über das landwirtschaftliche Unter¬ 
richtswesen“ (1851), das „Lehrbuch 
über Drainage“ (1852) und wenig 
später das gemeinsam mit Julius 
Adolph Stöckhardt überarbeitete 
Standardbuch „Der angehende Pach- 


348 



>3$ «Tsflin MS 

im ganj«i (tohfcr hin t 0AnI P ftlllt »S'anttlfc 
fpFL-dtjricin^ frlttf fe fl6ic F fc 

jUtoFEtäff fcg itn& e i it i e A%i I i d) l>in farm, 
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Frit'iT tntCcCi nfrd ünpitnl giibl, 
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ßjftea frtnrf Dtitnri? auf *k flit0iijc6rht ütrt 

ufrgt.* 1 

Sa 1b SitifiUg. 

Stöckhardts Credo, vom Titelblatt seines Lehrbuchs über Drainage. 


ter“. Der landwirtschaftliche Kreisver¬ 
ein im Erzgebirge unter Stöckhardts 
Leitung gründete 1853 zusammen 
mit der Chemnitzer Gewerbeschule 
eine der ersten landwirtschaftlichen 
Versuchsstationen Deutschlands. Als 
deren Leiter erhielt Stöckhardt die 
Möglichkeit, die Ausbildung der Stu¬ 
denten mit praktischen Versuchen zu 
verbinden. Wie sein Vorbild Albrecht 
Daniel Thaer gab Stöckhardt einer 
praxisorientierten, wissenschaftlich 
fundierten Ausbildung den Vorrang 
gegenüber der reinen Grundlagen¬ 
vermittlung. Seiner Ausstrahlung als 
Lehrer war es zu verdanken, dass die 
Studentenschaft der landwirtschaft¬ 
lichen Abteilung bei einem Anstieg 
von 4 auf 60 Schüler auf fast ein 
Drittel der gesamten Gewerbeschule 
anwuchs. Auf Reisen nach Großbri¬ 


tannien, Belgien, Frankreich, in die 
Niederlande, Schweiz und nach Ös¬ 
terreich konnte er sich weiterbilden. 
1855 nahm er an der Weltausstellung 
in Paris teil. 

Von 1855 bis 1866 war Stöckhardt 
Herausgeber und leitender Redakteur 
der „Zeitschrift für deutsche Land- 
wirthe“ in der Nachfolge von Julius 
Adolph Stöckhardt. Beide gehörten 
dem Landeskulturrat Sachsens als 
ordentliche Mitglieder an. 1858 
gründeten die Stöckhardts u. a. mit 
Paul Hermann und Julius Leh¬ 
mann aus Weidlitz die Zeitschrift 
„Die Landwirtschaftlichen Versuchs- 
Stationen“, die sich der Verbindung 
von landwirtschaftlicher Praxis und 
naturwissenschaftlichen Grundlagen 
verschrieben hatte. 


349 



Stöckhardt wurde 1861 an die 
Universität Jena als Direktor des 
landwirtschaftlichen Lehrinstituts 
berufen. Sein Vorgänger, Friedrich 
Gottlob Schulze, hatte hier 1826 das 
erste universitäre landwirtschaftliche 
Institut in Deutschland gegründet. 
Diese Lehrtradition fortsetzen zu 
dürfen, war für Stöckhardt eine große 
Auszeichnung. In Chemnitz hinter- 
ließ er eine spürbare Lücke. Nahezu 
parallel zu seinem Wechsel nach Jena 
kam von dort Friedrich Nobbe als 
Lehrer nach Chemnitz. Er entwickelte 
sich später in Tharandt, wo ihn Julius 
Adolph Stöckhardt förderte, zu einem 
international bedeutenden Samen- 
kundler. Ernst Theodor Stöckhardt 
gründete 1862 in Jena eine landwirt¬ 
schaftliche Versuchsstation, die er bis 
1872 leitete. Gleichzeitig war er Di¬ 
rektor der Ackerbauschule Zwätzen, 
die unter seiner Leitung verstaatlicht 
wurde, Vorstand des landwirtschaft¬ 
lichen Vereins und der Wander¬ 
versammlung Thüringer Landwirte 
sowie von 1863 bis 1872 Herausgeber 
der „Landwirtschaftlichen Zeitung für 
Thüringen“. 

1862 wurde Stöckhardt in die Deut¬ 
sche Akademie der Naturforscher 
Leopoldina aufgenommen. Deren 
Sitz wechselte im selben Jahr von Jena 
nach Dresden, nachdem Carl Gustav 
Carus die Nachfolge von Dietrich 
Georg von Kieser als Präsident ange¬ 
treten hatte. Ernst Theodor und Julius 
Adolph Stöckhardt gehörten zudem 
der Gesellschaft Deutscher Natur¬ 


forscher und Ärzte an. Stöckhardt 
leistete in Jena Bahnbrechendes. Die 
mit ihm eingeführte Personalunion 
vom Direktor der Lehranstalt und 
Leiter der Versuchsstation erwies sich 
als Erfolgsmodell, denn sie verbesser¬ 
te die materiellen Möglichkeiten der 
Studentenausbildung. Der Lehrplan 
wurde stetig erweitert und umfasste 
auch naturwissenschaftliche Grund¬ 
lagen. Stöckhardt gewann solche 
bekannten Wissenschaftler wie Karl 
Snell und Ernst Abbe für die Lehre. 
Eine Zusammenarbeit gab es zudem 
mit Ernst Haeckel, für dessen Theorie 
von der Vererbbarkeit erworbener 
Eigenschaften Stöckhardt Indizien 
lieferte. Im Nachfolgestreit um die 
Leopoldina-Präsidentschaft nach Ca¬ 
rus“ Tod 1869 stellten sich die Jenaer 
hinter Wilhelm Friedrich Georg Behn 
und gegen Ludwig Reichenbach. 

Die zunächst steigenden Studenten¬ 
zahlen in Jena ebneten den Weg für 
weitere universitäre Landwirtschafts¬ 
institute, z. B. von 1869 bis 1872 in 
Leipzig, Gießen und Göttingen - die 
deutsche Agrarwissenschaft und mit 
ihr die landwirtschaftliche Produk¬ 
tion erlebten einen großen Auf¬ 
schwung. Dank Stöckhardt war die 
Landwirtschaftswissenschaft inzwi¬ 
schen eine gleichberechtigte Disziplin 
in Jena. Kriegsbedingt und mit der 
wachsenden Konkurrenz, z. B. durch 
Julius Kühn in Halle, sanken die Stu¬ 
dentenzahlen in Jena aber wieder. 


350 



1872 ernannte das Weimarer Staats¬ 
ministerium Stöckhardt zum Refe¬ 
renten und Vortragenden Rat für 
Landwirtschaft und Gewerbe und 
gleichzeitig zum Finanzkommissar 
der Universität Jena. In diesen Funkti¬ 
onen initiierte er die Gründung einer 
Gewerbekammer für das Großher¬ 
zogtum Sachsen. Ab 1872 gehörte 
Stöckhardt zudem als Gründungs¬ 
mitglied dem deutschen Landwirt¬ 
schaftsrat an. Er war maßgeblich an 
der Vorbereitung von internationalen 
und nationalen landwirtschaftlichen 
Ausstellungen beteiligt, beispiels¬ 
weise anlässlich der Weltausstellung 
in Wien 1873, bei der Stöckhardts 
Neffe Reinhold, der älteste Sohn von 
Robert Stöckhardt, die Präsenta¬ 
tion des Deutschen Reiches leitete. 
Stöckhardts Verdienste wurden mit 
der Ernennung zum Großherzoglich 
Sächsischen Geheimen Regierungsrat 
und von der Universität Jena mit dem 
Ehrendoktortitel gewürdigt. 

In Weimar wohnte die Nichte Marie 
von Boetticher, die spätere Ehefrau 
des Weimarer Oberbürgermeisters 
Karl Pabst, zeitweise bei den Stö¬ 
ckhardts. Die ebenfalls in Weimar 
wohnende Nichte Clara, eine Tochter 
von Robert Stöckhardt und Malerin, 
besuchte Onkel und Tante häufig. 

Die Lehrjahre in der Landwirtschaft 
der Oberlausitz hatten Stöckhardt 
nachhaltig geprägt. Er erkannte die 
große Bedeutung einer systemati¬ 
schen Ausbildung von Landwirten für 



Die Bautzener Freimaurerloge „Zur 
goldnen Mauer“ wurde 1802 von 
Ludwig Gedike gegründet. Von 
1816 bis zu seinem Tod 1830 leitete 
sie Stöckhardts Vater, Gerhard 
Heinrich Jacobjan Stöckhardt, 
als Meister vom Stuhl. Mitglieder 
waren auch Karl Gottfried Sie- 
belis, Gottlob Adolf Ernst von 
Nostitz und Jänkendorf und 
Robert Stöckhardt. Ernst Theo¬ 
dor Stöckhardt wurde 1838 in die 
Loge im I. Rang aufgenommen und 
stieg 1840 bzw. 1842 in den II. bzw. 
III. Rang. Von 1889 bis 1897 leitete 
er sie als Meister vom Stuhl. 

In Chemnitz besuchte Stöckhardt 
die Freimaurer-Loge „Harmonie“. 
Auch während seiner Zeit in Thürin¬ 
gen engagierte sich Stöckhardt bei 
den Freimaurern. So leitete er das 
„ Maurer kr änzchen“ der Weimarer 
Loge „Amalia“. 


351 


die Hebung des Wohlstands der Men¬ 
schen. Die Tätigkeit als Landwirt¬ 
schaftslehrer wurde zu seiner Passion. 
Die Verbindung von Ausbildung und 
Praxis war ihm wichtiger als eigener 
wissenschaftlicher Ruhm. Stöckhardt 
vergaß dabei nie seine Wurzeln. Die 
Oberlausitzische Gesellschaft der 
Wissenschaften zu Görlitz berief 
ihn 1862 zum korrespondierenden 
Mitglied. Nachdem er 1888 in den 
Ruhestand getreten war, kehrte Stö¬ 
ckhardt nach Bautzen zurück, um in 
seiner Geburtsstadt den Lebensabend 
zu verbringen. Er war weiterhin sehr 
aktiv und führte historische For¬ 
schungen zur Freimaurerei und zur 
Oberlausitzer Adelsfamilie von Dam- 
nitz durch, in einer Übersicht stellte 
er die aus der Lausitz und Schlesien 
stammenden Wissenschaftler in der 
Leopoldina zusammen. 

Ab 1889 leitete Stöckhardt die Baut- 
zener Freimaurerloge „Zur goldnen 
Mauer“ als Meister vom Stuhl. In der 
National-Mutterloge „Zu den drei 
Weltkugeln“ war er ebenso Ehren¬ 
mitglied wie bei „ Amalia“ in Weimar, 
„Carl zu den 3 Adlern“ in Erfurt, 

„Carl August zu den 3 Rosen“ in Jena, 
„Friedrich August zu den 3 Zirkeln“ 
in Zittau, „Zur gekrönten Schlange“ 
in Görlitz, „Zum goldenen Apfel“ in 
Dresden, „Apollo“ in Leipzig, „Bru¬ 
derkette zu den drei Schwanen“ in 
Zwickau, „Zur Harmonie“ in Chem¬ 
nitz, „Zu den ehernen Säulen“ in 
Dresden und „Isis“ in Lauban. 1891 
gehörte er zu den Gründungsmitglie¬ 


dern der Comenius-Gesellschaft zur 
Pflege von Wissenschaft und Volks¬ 
bildung. 

Stöckhardt wohnte in Bautzen zuletzt 
Albertstraße 8 (heutige August-Bebel- 
Straße). Er wurde in der Familien¬ 
gruft in Jena bestattet. 

Quellen: „Stammtafel der Familie Stoeck- 
hardt, Putzkauer und Lauterbacher Zweig, den 
Verwandten zu Lieb zusammengestellt und 
mit Erläuterungen auf Grund handschriftli¬ 
cher Mittheilungen und sonstiger Quellen- 
Nachweise versehen von Prof. Dr. Ernst 
Theodor Stoeckhardt“. Wagner Weimar, 1883; 
Walter Boetticher: „Ernst Theodor Stoeck¬ 
hardt“. Leopoldina, H. 34, 1898, S. 88-91; 
Theophil Gerber: „Persönlichkeiten aus Land- 
und Forstwirtschaft, Gartenbau und Veteri¬ 
närmedizin“. Bd. 2, NORA Dyck & Westerhei¬ 
de, 2004, S. 753; Neues lausitzisches Magazin, 
Bd. 40, 1863; Gustav Adolf Poenicke: „Album 
der Rittergüter und Schlösser im Königrei¬ 
che Sachsen“. Bd. 3, 1859; Stephan Luther: 

„Von der Kgl. Gewerbschule zur Technischen 
Universität“. Chemnitz, 2003; Joachim Har¬ 
tung, Andreas Wipf: „Die Ehrendoktoren der 
Friedrich-Schiller-Universität in den Berei¬ 
chen Naturwissenschaften und Medizin“, hain 
Verlag, 2004; Wieland Berg, Michael Kaasch: 
„Halle als Sitz der Leopoldina. Zufall oder 
glückliche Fügung?“ Leopoldina, H. 5, 2010, S. 
293-330; Ernst Haeckel: „Generelle Morpho¬ 
logie der Organismen“. Reimer, 1866; Karin 
Stöckhardt; Sanct Johannis Freimaurer-Loge 
zur goldnen Mauer, Mitgliederverzeichnisse 
1808, 1819, 1840/42, 1852/53; Schöne: „Die 
Sächsische Landwirtschaft“. 1925; Nekrologe 
Comenius-Gesellschaft und Freimaurer-Zei¬ 
tung; Cornelius Gurlitt: „Schwepnitz“. In: Be¬ 
schreibende Darstellung der älteren Bau- und 
Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen. 35. 
Heft: Amtshauptmannschaft Kamenz (Land). 
C. C. Meinhold, Dresden 1912; Olaf Bastian 
u. a.: „Oberlausitzer Heide- und Teichland¬ 
schaft“. Böhlau, 2005, S. 75 


352 



Ahnentafel Ernst Theodor Stöckhardt 


Emst Theodor 
Stöckhardt 

•4 1 1816 
♦ 27.3 1898 




Gerhard 

f Catharlna \ 

van Stoeckhardt 

Eurlonls 

* 1563 

* 1582? 

+ 02.09.1651 

v ♦ J 


Ernst Stöckhardt hat sich um die Erinnerung an seine Familie mit einer 
kommentierten Stammtafel verdient gemacht. 


353 






































Porträt Thormeyers, gezeichnet von Carl Christian Vogel von Vogelstein am 
25. Juni 1813 in Rom, das später mit Vogelsteins Sammlung in den Besitz 
des Kupferstichkabinetts Dresden überging. 


Thormeyer, Gottlob Friedrich 

Hofbaumeister in Dresden 

23.10.1775 Dresden - 11.02.1842 Dresden 


V: Gottlob Friedrich (1753- 7.12.1833), Schuhmachermeister und Handelsmann; M: Christiane 
Regina geb. Starcke (April 1745-20.11.1814), Tochter des Modelleurs an der Meißner Porzellan- 
Manufaktur Johann Samuel Starcke; G: Christiana Dorothea (*29.3.1774), Friedrich August 
(22.5.1777- 6.5.1831, Schuhmachermeister), Carl Gottlob (*12.11.1778), Johanna Carolina 
(*5.9.1780), Maximilian Ludwig (*3.6.1783, Schuhmacher), Juliana Eleonora (*9.11.1785); E: 
22.7.1801 Tharandt, Juliane Sophie geb. Hübler (13.5.1780-18.8.1810), Tochter des kurfürstli¬ 
chen Hofgärtners in Übigau und im Dresdner Großen Garten Johann Gottfried Hübler (1795 
Landschaftsgarten Kloster Altzella); K: Emilie (6.5.1802-27.4.1849), verheiratet mit dem Diakon 
und Katecheten an der Kreuzkirche Adam Carl Georg Wagner, Juliane Adelheid (12.6.1804- 
14.5.1817); Enkel: 3 Mädchen, 2 Jungen 


Thormeyer lernte schon als 10-Jäh- 
riger an der Dresdner Kunstakade¬ 
mie. Zunächst wurde er an der darin 
integrierten Akademie für Malerei, 
Bildhauerei und Kupferstecherei von 
den Unterlehrern Christian Gott¬ 
lieb Mietzsch und Christian Gottlob 
Fechhelm im Zeichnen unterrichtet. 
Bei ihnen kopierte er nach Origina¬ 
len von Giovanni Battista Casanova, 
Co-Direktor neben Johann Eleazar 
Zeissig. Später wechselte Thormeyer 
zur parallelen Akademie für Baukunst 
zu Friedrich August Krubsacius. Von 
1791 bis 1795 prägte ihn hier Gott¬ 
lob August Hölzer im Sinne eines 
barocken Klassizismus. Zeichnen, 
Perspektive, Risse und Säulenordnung 
unterrichtete Johann Alexander Da¬ 
vid Friedrich. Hölzer und Krubsacius 
waren maßgeblich am Wiederaufbau 
der 1792 geweihten Kreuzkirche, zu 
deren Gemeinde die Familie Thor¬ 
meyer gehörte, in einem Gemisch 
von Spätbarock und Klassizismus 
beteiligt. 


Nach dem Studium ließ sich Thor¬ 
meyer als Architekt in Dresden nie¬ 
der, bekannt wurde er aber zunächst 
durch seine Architekturzeichnungen. 
Er schuf Ansichten vom Dom Meißen 
(1794), von Leipzig und vom Schloss 
Pillnitz (1801), die von Christian 
August Günther gestochen bzw. von 
Francois Aubertin radiert wurden. 
1799 unternahm er eine Studien¬ 
wanderung durch Sachsen, Sachsen/ 
Anhalt und Thüringen. Es entstanden 
Aquarelle und Deckfarbenbilder von 
den Parks in Wörlitz, Weimar und 
Dieskau. Thormeyer beteiligte sich 
am „Ideenmagazin für Liebhaber von 
Gärten, Englischen Anlagen und für 
Besitzer von Landgütern“ des Leip¬ 
ziger Philosophieprofessors Johann 
Gottfried Grohmann, das von 1796 
bis 1806 erschien. 1808 war er mit 
11 Zeichnungen, die u. a . Christian 
Gottlob Hammer gestochen hatte, 
in dem Buch „Dresden mit seinen 
Prachtgebäuden und schönsten Um¬ 
gebungen“ vertreten. 


355 




Der Canaletto-Blick auf Dresden: 
Die berühmte Stadtansicht nach 
Bernardo Bellotto (1748) in einem 
Stich von Christian Gottlob Ham¬ 
mer nach einer Zeichnung von Gott¬ 
lob Friedrich Thormeyer (um 1818). 

1800 holte der neuberufene Ober¬ 
landbaumeister Johann Gottlob 
Hauptmann Thormeyer als Konduk¬ 
teur ins Hofbauamt, wo er zunächst 
für Vermessungs- und Zeichenarbei¬ 
ten zuständig war. Größere Bauauf¬ 
träge blieben wegen der unsicheren 
politischen und wirtschaftlichen Lage 
aus. Zu Thormeyers frühen Arbeiten 
als Architekt zählte 1800 der Um¬ 
bau des Herrenhauses vom Ritter¬ 
gut Helfenberg, für Tharandt und 
Radeberg entwarf er Badhäuser, in 
Kleindrebnitz 1811 ein Anwesen für 
den Kammergutsverwalter Johann 
Gottfried Nake und 1812 plante 
er den Umbau der Meißner Fürsten¬ 
schule St. Afra. Auf einigen Baustel¬ 
len beschäftigte Thormeyer den aus 
armen Verhältnissen stammenden 
Wilhelm Gotthelf Lohrmann, später 
Gründungsvorsteher der heutigen 
TU Dresden, als Hilfsarbeiter. Auch 


Johann Andreas Schubert, später 
Konstrukteur der „Saxonia“, vermit¬ 
telte er eine Anstellung. 

Von 1801 bis 1830 war Thormeyer 
Freimaurer, möglicherweise beein¬ 
flusst von seinem Oberlandbaumeis¬ 
ter Johann Gottlob Hauptmann. Für 
Ignaz Aurelius Fesslers „sämmtliche 
Schriften über Freymaurerey“ von 
1807 zeichnete er einen „magischen 
Teppich“. Thormeyer gehörte der 
Loge „Zum goldenen Apfel“ an, in der 
Loge „Zu den drei Schwertern und 
Asträa zur grünenden Raute“ war er 
Ehrenmitglied. Ein führendes Mit¬ 
glied der Apfelloge war Karl August 
Böttiger, Gottlob Adolf Ernst 
von Nostitz und Jänkendorf war 
Ehrenmitglied. Der befreundete Bild¬ 
hauer Franz Pettrich, ein langjähriger 
Kollege Thormeyers im Hofbauamt, 
gehörte ebenfalls der Apfelloge an. 

Sachsen war seinerzeit mit Napoleon 
verbündet. Die Dekorationen und Eh¬ 
renbauten zu dessen Besuch in Dres¬ 
den im Mai 1812 entwarf Thormeyer 
zusammen mit Oberlandbaumeister 
Johann Gottlob Hauptmann. Im 
selben Jahr erhielt er in der Nachfol¬ 
ge seines ehemaligen Lehrers Hölzer 
den Rang eines Hofbaumeisters im 
Hofbauamt. Daraufhin bildete er sich 
auf einer Reise über Süddeutschland 
und die Schweiz bis nach Italien im 
Architekturzeichnen weiter, wodurch 
er auch den Kriegswirren in Dresden 
entfloh, die schließlich in der Nieder¬ 
lage Napoleons und seiner Verbünde- 


356 





Die Freitreppe zur Brühlschen Terrasse von Thormeyer ist heute ein vielge¬ 
nutzter Aufgang zum „Balkon Europas“. Mit ihrer Hilfe wurde der ehemali¬ 
ge Brühlsche Garten der Öffentlichkeit zugänglich. Seit 1791 war hier in der 
Brühlschen Bibliothek die Kunstakademie ansässig, wo Thormeyer zu jener 
Zeit Architektur studierte. Im Gartenpavillon gegenüber wurde 1828 unter 
Thormeyers früherem Mitarbeiter Wilhelm Gotthelf Lohrmann die heuti¬ 
ge TU Dresden gegründet. Der Figurenschmuck der Treppe stammt vom 
Ernst RiETSCHEL-Schüler Johannes Schilling. 


ten in der Völkerschlacht zu Leipzig 
sowie in der Gefangenschaft des 
sächsischen Königs Friedrich August 
I. („der Gerechte“) in Preußen mün¬ 
deten. Sachsen stand danach unter 
einem russisch-preußischen „Gene¬ 
ralgouvernement der Hohen Verbün¬ 
deten Mächte“. Nach seiner Rückkehr 
nach Dresden erhielt Thormeyer 1814 
vom russischen Gouverneur Nikolai 
Grigorjewitsch Repnin-Wolkonski, 
einem Freimaurer, Aufträge für Tor¬ 
häuser am Großen Garten und für die 
Freitreppe zur Brühlschen Terrasse, 


die Repnin der Allgemeinheit zu¬ 
gänglich machen wollte. Das Ober¬ 
militärbauamt, dem Thormeyer jetzt 
angehörte, stand unter der Leitung 
von Johann August Le Coq. Repnins 
Berater war Johann Gottfried Körner, 
Meister vom Stuhl der Freimaurerloge 
„Zu den drei Schwertern“. Ebenfalls 
1814 entwarf Thormeyer die Denk¬ 
male für die Helden der Freiheits¬ 
kriege Theodor Körner in Wöbbelin 
(im Auftrag des befreundeten Vaters) 
und Jean-Victor Moreau (im Auftrag 
Repnins, zusammen mit dem Bild- 


357 



Blick auf Dresden von Thormeyers 
Moreau-Denkmal auf der Räcknitz¬ 
höhe. 

hauer Christian Gottlieb Kühn) auf 
der Dresdner Räcknitzhöhe. Wegen 
der vielen Toten während des Kriegs 
von 1813 wurde in Dresden ein neuer 
Friedhof benötigt. Thormeyer erhielt 
den Auftrag, die später Trinitatis¬ 
friedhofbenannte Begräbnisstätte am 
damaligen Stadtrand zu projektieren, 
die er schließlich - aus Kostengrün¬ 
den einfacher gestaltet - bis 1816 
fertigstellte. 



Die beiden Torhäuser am Großen 
Garten wurden 1945 bei den 
Bombenangriffen auf Dresden zer¬ 
stört und 1999 nach Thormeyers 
Entwürfen wiederaufgebaut. 


1815 veröffentlichte Thormeyer den 
„Vorschlag zu einem Denkmahle der 
Wiederkehr Sr. Majestät des Königs 
von Sachsen etc. Friedrich August 
nach Dresden am 7. Juni 1815, nebst 
zwey Abbildungen in Steindruck“. 
Pläne für ein monumentales Denkmal 
in Form eines Sandsteinobelisken 
anlässlich des 50-jährigen Thron¬ 
jubiläums im Jahre 1818 lehnte der 
Monarch selbst ab. Nach dem Tod 
des beliebten Königs gründete sich 
ein Denkmalverein um Thormeyer, 
Karl August Böttiger und Johann 
Gottlob von Quandt. Thormeyer 
gehörte später dem Komitee an, das 
Ernst Rietschel den Zuschlag für 
ein Skulpturdenkmal gab, der damit 
seinen ersten großen Auftrag erhielt. 
Rietschel realisierte den Auftrag bis 
1835 für den Zwinger, der Sockel 
stammte von Gottfried Semper. Seit 
2008 steht das von Thormeyer ma߬ 
geblich geförderte Denkmal auf dem 
Schloßplatz nahe seiner Freitreppe 
zur Brühlschen Terrasse. 

König Friedrich August I. beauftragte 
Thormeyer 1815, das zwei Jahre zuvor 
abgebrannte Bischofswerda wieder¬ 
aufzubauen. Gemeinsam mit Bürger¬ 
meister Heinrich Gottlob Süßemilch, 
jener trat 1816 der Freimaurerloge 
„Zum goldenen Apfel“ bei, plante er 
öffentliche Gebäude und zahlreiche 
Bürgerhäuser. Zu den wichtigsten 
Bauten nach seinen Entwürfen zählen 
die Christuskirche, das Rathaus, 
der „Bischofssitz“ und das Gasthaus 
„Zum Goldenen Löwen“. Auch das 


358 







Das Rathaus von Bischofswerda um 1900. Thormeyer hat das Antlitz der 
Stadt mit ihrem klassizistischen Markt nachhaltig geprägt. Laut der Disser¬ 
tation von Gero Schilde (1922) und nach einer unveröffentlichten Chronik 
von Johannes Weber (1977) würdigte die Kirchgemeinde die Verdienste 
Thormeyers 1818 mit dem Bürgerrecht. 



Hofkapellmeister Francesco Mor- 
lacchi nach einer Zeichnung von 
Gottlob Friedrich Thormeyer. In 
der historischen Literatur wird für 
Morlacchi wie für Thormeyer im 
Zusammenhang mit der Einweihung 
der damaligen Marienkirche eine 
Ehrenbürgerschaft in Bischofswerda 
zitiert, die im dortigen Stadtarchiv 
aber nicht nachgewiesen ist. Vgl.: 
„Conversations-Lexicon der neues¬ 
ten Zeit und Literatur“, M bis R, Bd. 
3, Brockhaus, 1833, S. 173; ebenso 
bei Fischer & Fuchs 1837, F. H. Köh¬ 
ler 1840 und 1841 sowie V. Bartelli 
Perugia 1860. 


359 





Zur Weihe am 30. Oktober 1818 der seit 1816 nach Thormeyers Plänen 
errichteten Marienkirche (heutige Christuskirche) in Bischofswerda er¬ 
klang Musik von Hofkapellmeister Francesco Morlacchi. Nach Thormeyers 
Entwürfen wurden auch der Taufstein und der Kronleuchter gefertigt. 


360 




1818 zu Ehren des Königs aufgestellte 
Denkmal soll nach einer unveröffent¬ 
lichten Chronik von Johannes Weber 
von ihm entworfen sein. 



Heinrich Conrad Wilhelm Calberla 
gründete neben dem Italienischen 
Dörfchen elbwärts vom Zwinger die 
erste sächsische Zuckersiederei. Der 
Bau von Thormeyer (1817/20) war 
eines der ersten Industriegebäude 
Dresdens. Von Beginn an hatte 
die Freimaurerloge „Zu den drei 
Schwertern“ einen Flügel angemie¬ 
tet, später war die Loge „Asträa zur 
grünenden Raute“ ebenfalls hier an¬ 
sässig. Thormeyer war wie Gottlob 
Adolf Ernst von Nostitz und 
Jänkendorf Ehrenmitglied der 
Loge „Asträa zur grünenden Raute“, 
mit dem Logenmitglied Friedrich 
Anton Serre war er befreundet. 

Nach Calberlas Tod 1836 wurde die 
Fabrik aufgegeben, die Freimau¬ 
rer bauten sich zusammen mit der 
Apfelloge ein eigenes Logengebäude 
und die ehemalige Zuckersiederei 
diente nach einem Umbau ab 1853 
als erstes „Hotel Bellevue“. 


Ab April 1817 wurden die Rückbau¬ 
arbeiten an der ehemaligen Dresdner 
Stadtbefestigung unter einer von 
Thormeyer geleiteten „Demolitions- 
kommission“ fortgesetzt. Die Pläne 
dafür reichten bis in das vorange¬ 
gangene Jahrhundert zurück. Erste 
Arbeiten ab 1809 unter dem 1813 
verstorbenen Johann Gottlob Haupt¬ 
mann, an denen Thormeyer als des¬ 
sen Mitarbeiter im Hofbauamt sicher 
schon beteiligt gewesen war, zielten 
darauf ab, Verkehrsbehinderungen 
als Hemmnis der wirtschaftlichen 
Entwicklung zu beseitigen. Außerdem 
sah Napoleon, auf dessen Befehl dies 
erfolgte, damals keinen Sinn mehr 
in der Dresdner Stadtfestung. Schon 
1812 wurden die Arbeiten wegen der 



Von 1822 bis 1824 wurde im Westen 
der Altstadt nach Plänen von Thor¬ 
meyer der Antonsplatz im Bie¬ 
dermeier-Stil als Handelszentrum 
angelegt. Er hieß zunächst „Demo¬ 
litionsplatz“ und wurde 1828 nach 
dem regierenden König Anton dem 
Gütigen benannt. 1846 errichtete 
hier die Polytechnische Schule, die 
heutige TU Dresden, einen Neubau 
(Zeichnung: Thormeyer, 1826). 


361 





Von 1822 bis 1824 baute Thormeyer den Turm der Annenkirche. 


veränderten militärischen Situation 
aber für fünf Jahre wieder eingestellt. 
Thormeyers Pläne reichten weit über 
eine bloße Entfestigung hinaus. Trotz 
knapper Finanzmittel und schwieri¬ 
ger Eigentumsverhältnisse konnte er 
sein gesamtheitliches Konzept für die 
Neugestaltung Dresdens weitgehend 


realisieren. Für die Integration von 
Innenstadt und Vorstädten wurden 
neue Straßen und Plätze benötigt. 
Eine Ringstraße sollte in der Altstadt 
den Pirnaischen Platz mit dem An¬ 
tonsplatz verbinden, die ebenso neu 
angelegt wurden. Von den Garten¬ 
anlagen am Zwinger, die Thormeyer 


362 










zusammen mit Hofgärtner Carl 
Adolf Terscheck gestaltete, über die 
Brühlsche Terrasse bis zu dem neuen 
Botanischen Garten entstand ein grü¬ 
ner Ring. Der sternförmig mit einem 
Kranz von Radialstraßen angelegte 
Albertplatz auf Neustädter Seite (frü¬ 
her Bautzner Platz) gehörte zu den 
schönsten Plätzen Deutschlands. Die 
nahe Antonstadt (Äußere Dresdner 
Neustadt) plante Thormeyer in einem 
Stilgemisch aus Klassizismus und 
Biedermeier. In diesen Jahren errich¬ 
tete er auch die „Calberlasche Zucker¬ 
siederei“ anstelle einer alten Elbbastei 
an der Augustusbrücke und den 
Turm der Annenkirche. Thormeyer 
unterbreitete zudem Vorschläge, wie 
die Straßen und Plätze zu bepflastern 
seien, um eine langfristige Haltbar¬ 
keit zu gewährleisten. In den 1820er 
Jahren stand Thormeyers Hofbauamt 
unter der Leitung von Johann Chris¬ 
tian Schuricht, einem Freimaurer der 
Schwerterloge. Die von 1827 bis 1829 
gebauten Torhäuser am Weißen Tor 
nahe dem Japanischen Palais anstelle 
niedergerissener Festungsanlagen 
waren Thormeyers letzte bedeutende 
Arbeiten in Dresden. Um 1829/1830 
war die Entfestigung abgeschlossen. 
Sie stellte einen Meilenstein in der 
Entwicklung Dresdens von einer 
barocken Residenzstadt zu einer 
modernen Metropole dar. Diese Zeit 
fiel aber in eine architekturhistorisch 
relativ unbedeutende Periode Dres¬ 
dens, weil es nach den Zerstörungen 
in der Schlacht von Dresden vom 26. 
und 27. August 1813 an finanziellen 



Das Leipziger Tor beim Japanischen 
Palais mit den beiden Wachhäusern 
von Gottlob Friedrich Thormeyer 
(Aquarell von Johann Carl August 
Richter, um 1830). Die vorherigen 
Torhäuser am Platz waren Teil der 
Dresdner Befestigungsanlage und 
wurden von Thormeyer durch rein 
klassizistische Bauten ersetzt. Die 
Ruine des südwestlichen Torhau¬ 
ses wurde 1969 abgebrochen, das 
nordöstliche Torhaus 2014 teilweise 
restauriert. 

Mitteln fehlte, um repräsentative 
Großaufträge zu vergeben. Trotzdem 
gelang es Thormeyer, noch unter dem 
Einfluss der französischen Revoluti¬ 
onsarchitektur, einen charakteristi¬ 
schen, geradlinigen Klassizismus zu 
entwickeln. 

Um 1830 begann die Umgestaltung 
des Theaterplatzes zwischen Resi¬ 
denzschloss/Hofkirche, Zwinger 
und dem kleinen Komödienhaus am 
Italienischen Dörfchen. Thormey¬ 
er war fast 20 Jahre maßgeblich an 
den Planungen für das Hoftheater 
beteiligt gewesen, das aber schlie߬ 
lich von Gottfried Semper realisiert 


363 




wurde. 1816 hatte Thormeyer einen 
ersten Entwurf zum Umbau des alten 
Hoftheaters von Matthäus Daniel 
Pöppelmann am Zwinger eingereicht. 
Die Umbaukosten sollten bei 1150 
Sitzplätzen 21154 Taler betragen. In 
spätere Planungen war er als Berater 
eingebunden. Es schien zunächst so, 
dass seine besser an die Zwingerum¬ 
gebung angepasste Überarbeitung der 
Entwürfe von Theodor Ottmer und 
Joseph Thürmer aus dem Jahre 1829 
realisiert werden würde. Der General¬ 
intendant des Hoftheaters, Wolf Adolf 
August von Lüttichau, unterstützte 
Thormeyers Pläne, die jedoch an der 
Finanzierung scheiterten. Da weiter¬ 
hin Handlungsbedarf bestand, auch 
weil das verfügbare Platzangebot im 
Theater die Nachfrage nicht deckte, 
wurden die Planungen 1834 wieder 
aufgenommen. Thormeyer hatte nach 
Schurichts Tod im Jahre 1832 noch 
kurz unter Anton Ludwig Blaßmann 
im Hofbauamt gearbeitet, war danach 
aber zum Oberlandbaumeister ohne 
Bezug auf das Hofbauamt berufen 
worden. Zu den Planungen des Hof¬ 
theaters zog man Otto von Wolframs¬ 
dorf vom Hofbauamt und Carl Gott¬ 
hard Langhans hinzu, zudem wurden 
Neubaupläne diskutiert. Langhans 
legte auf der Grundlage der bisheri¬ 
gen Vorschläge einen neuen Entwurf 
zum Umbau des Pöppelmannschen 
Hoftheaters vor. Er sollte die ästhe¬ 
tische Leitung, Thormeyer die öko¬ 
nomische übernehmen. 1835 erhielt 
Thormeyer den Auftrag für konkrete 
Pläne und er fertigte Stiche an. Mit 


der Thronbesteigung durch Friedrich 
August II. im Jahre 1836 änderte sich 
die Situation. Auf Empfehlung von 
Karl Friedrich Schinkel ließ man die 
Umbauplanungen zugunsten eines 
kompletten Neubaus ab 1838, des ers¬ 
ten Semperschen Hoftheaters, fallen. 
Zudem hatte Semper ein ganzheitli¬ 
ches Konzept entwickelt, bestehend 
aus Hoftheater, dem Denkmal für 
Friedrich August I. und der Ergän¬ 
zung des Zwingers mit einer Gemäl¬ 
degalerie. Der Historismus löste den 
Klassizismus ab. 1839 wurde Thor¬ 
meyer mit Ernst Rietschel in eine 
Kommission berufen, die verschiede¬ 
ne Standorte für die zuvor im Stallhof 
untergebrachte Gemäldegalerie prü¬ 
fen sollte. Den Auftrag erhielt später 
wiederum Semper; Rietschel hatte 
für eine Nutzung der von Thormeyer 
erbauten Zuckersiederei, für die von 
den Erben Calberlas nach einer neuen 
Nutzung gesucht wurde, plädiert. Der 
Dresdner Kunstverein organisierte 
hier Ausstellungen. 

Der Schwiegersohn eines sächsischen 
Hofgärtners gehörte 1828 zu den 
Begründern der „FLORA - Sächsi¬ 
sche Gesellschaft für Botanik und 
Gartenbau“. Neben Thormeyer und 
dem Initiator Ludwig Reichenbach 
zählten auch Karl August Böt- 
tiger, Oberhofprediger Christoph 
Friedrich Ammon, der Pädagoge Karl 
Justus Blochmann, Hofmarschall 
Carl Graf von Bose und Kammerherr 
Georg von Carlowitz zu den Stif¬ 
tungsmitgliedern. Exklusivität war 


364 



ein Merkmal der Vereinsgründungen 
im Dresden des frühen 19. Jahrhun¬ 
derts, und die Botanik war unter der 
Regentschaft von Friedrich August 
I. zu hohem Ansehen gelangt. Erst 
später traten der Gesellschaft mit Carl 
Adolf Terscheck und Jakob Seidel 
auch Gärtner bei. Die Publikationen 
der FLORA erschienen zunächst als 
Beilage der „Dresdner Abendzeitung“ 
von Theodor Hell. Zu den prominen¬ 
ten Mitgliedern im Laufe der Zeit 
gehörten auch Carl Gustav Carus, 
Heinrich Cotta, Oscar Drude, Max 
Neumeister und Bruno Steglich. 
Schon 1820 hatte Reichenbach im 
Zusammenwirken mit Terscheck 
und mit Thormeyers Unterstützung 
den Botanischen Garten in den alten 
Befestigungsanlagen gegründet. Thor¬ 
meyer besuchte zudem literarisch und 
künstlerisch geprägte Gesellschaften. 
So zählte er wie Carl Gustav Carus, 
Theodor Hell und Ernst Rietschel 
zu den häufigen Gästen beim Major 
und Mäzen Lriedrich Anton Serre. 
Wie Gottlob Adolf Ernst von 
Nostitz und Jänkendorf gehörte 
Thormeyer zu den ersten Mitgliedern 
der „Ökonomischen Gesellschaft im 
Königreiche Sachsen“. Sie war Fra¬ 
gen der Volkswirtschaft und dabei 
besonders der Landwirtschaft ge¬ 
widmet und stand unter der Leitung 
von Kabinettsminister Detlev von 
Einsiedel. 1827 war sie maßgeblich an 
den Vorbereitungen zur Gründung 
der Technischen Bildungsanstalt, der 
heutigen TU Dresden, beteiligt. Das 
Konzept erarbeitete Rudolf Sigismund 



Das Schweizerhaus auf der Bastei, 
von Hermann Krone 1857 foto¬ 
grafiert. Besonders Maler wie die 
Schweizer Adrian Zingg und An¬ 
ton Gratf, Lehrer an der Dresdner 
Kunstakademie zur Studienzeit 
Thormeyers und Namensgeber der 
Sächsischen Schweiz, erwarben sich 
große Verdienste um deren touris¬ 
tische Propagierung. 1826 entstand 
nach Plänen von Thormeyer das ers¬ 
te feste Gaststättengebäude auf der 
Bastei, in dem Gäste auch übernach¬ 
ten konnten. Die Bastei wurde in der 
Folgezeit zum Hauptausflugsziel der 
Sächsischen Schweiz. Das Schwei¬ 
zerhaus von Thormeyer wurde 1894 
bedeutend erweitert. 

Blochmann. 1831 übernahm Gustav 
von Flotow die Leitung der Ökono¬ 
mischen Gesellschaft, die Thormeyer 
zu ihrem Ehrenmitglied ernannte. 


365 



Grab von Gottlob Friedrich Thor¬ 
meyer auf dem Eliasfriedhof. Foto: 
Bananenfalter (Wikimedia Com¬ 
mons, Lizenz CCO 1.0 Universell) 

Manchen Neuerungen stand Thor¬ 
meyer skeptisch gegenüber. Als in der 
Dresdner Neustadt zwischen Schwar¬ 
zem und Weißem Tor die Furnierfab¬ 
rik „F. W. Schaft & Co.“ eine Dampf¬ 
kraftanlage betrieb, wurden davon 
nicht nur viele Schaulustige angelockt, 
sondern die Anwohner fühlten sich 
durch Lärm, Rauch und Erschütte¬ 
rungen so belästigt, dass sie sich mit 
Thormeyer als Wortführer dagegen 
beschwerten. Thormeyer selbst war 
wirtschaftlich erfolgreich gewesen. 
Nach seinem Tode veröffentlichte der 
Dresdner Anzeiger am 10. März 1842 
eine Auktionsanzeige, die von einem 


ansehnlichen Vermögen zeugte. 
Thormeyer hatte früh seine Ehe¬ 
frau verloren. Sie fanden mit ihren 
Töchtern in einer von Thormeyer 
entworfenen Grabstätte neben dem 
Grab seiner Eltern auf dem Dresdner 
Eliasfriedhof die letzte Ruhe. Ihre 
Enkelinnen Sophie Adelheid Wagner 
verh. Salles und Charlotte Elise Wag¬ 
ner verh. Parrot de Puyroche lebten 
als Malerinnen in Frankreich. 

In Dresden erinnern eine Straße in 
Zschertnitz und die Villa Thormey¬ 
er auf dem Gelände der ehemaligen 
Neustädter Festungswerke (Oberer 
Kreuzweg 8) an ihn. Die Villa war 
1826 von Thormeyer für den Mu¬ 
sikinstrumentenmacher Ernst Philip 
Rosenkranz errichtet worden und ist 
eines der wenigen Zeugnisse der klas¬ 
sizistischen Stilepoche in Dresden. 
Das Kupferstichkabinett bewahrt eine 
Sammlung seiner Zeichnungen auf. 

In Bischofswerda trägt eine Straße im 
Gewerbegebiet unweit des „Goldenen 
Löwen“ Thormeyers Namen. 

Quellen: Georg Kaspar Nagler: „Neues allgemeines 
Künstler-Lexicon“. Fleischmann, 1848, S. 387-388; 
„Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von 
der Antike bis zur Gegenwart“. Seemann, Bd. 33, 
1939, S. 87-88; Paul Ehmig: „Gottlob Friedrich 
Thormeyer“ Dresdner Geschichtsblätter, Nr. 1, 

1896, S. 233-240; Gustav Müller: „Nachträgli¬ 
ches über Hofbaumeister Thormeyer“ Dresdner 
Geschichtsblätter, Nr. 2,1897, S. 31-34; Ursula Pi- 
etzsch: „Er baute die bekannteste Dresdner Freitrep¬ 
pe: vor 222 Jahren wurde Hofbaumeister Gottlob 
Friedrich Thormeyer geboren“. Dresdner Amts¬ 
blatt, 43,1997, S. 6/8; Johannes Weber: „Aus der 
Geschichte meiner Heimat“. Unveröff. Chronik von 
Bischofswerda, 1977, Bd. 4, S. 22-23; Karl Wilhelm 
Mittag: „Chronik der königlich sächsischen Stadt 


366 



„Villa Thormeyer“, zwischen Albertplatz und Albertbrücke gelegen. 


Bischofswerda“. May Bischofswerda, 1861; Christi¬ 
ane Theiselmann: „Das Denkmal Friedrich August 
I. von Sachsen von Ernst Rietschel“. Zeitschrift 
für Kunstgeschichte, Bd. 53, H. 1, 1990, S. 1-24; 
Arthur Weichold: „Wilhelm Gotthelf Lohrmann 
1796-1840“. J.A. Barth, 1985; Rudolph Zaunick: 
„Gründung und Gründer der Naturwissenschaftli¬ 
chen Gesellschaft ISIS vor hundert Jahren“. Sitzungs¬ 
berichte und Abhandlungen der naturwissenschaft¬ 
lichen Gesellschaft Isis, 1934, S. 9-49; Allgemeine 
Literaturzeitung, Bd. 1, Nr. 50, 1809; Zeitung für die 
elegante Welt, Bd.12, Janke, 1812; Andrea Dietrich: 
„Zwischen Tradition und Modernität: König Johann 
von Sachsen 1801-1873“. Schriften zur sächsischen 
Geschichte und Volkskunde, Bd. 8, Leipziger 
Universitätsverlag, 2004; Klaus Jan Philipp: „Um 
1800: Architekturtheorie und Architekturkritik in 
Deutschland zwischen 1790 und 1810“. Edition Axel 
Menges, 1997; Max Georg Mütterlein: „Gottfried 
Semper und dessen Monumentalbauten am Dresd¬ 
ner Theaterplatz“ Dissertation, TH Dresden, 1913; 
Thomas Kantschew: „Die städtebauliche Entwick¬ 
lung Dresdens im 19. Jahrhundert“. FU Berlin, 1996; 
www.eliasfriedhof-dresden.de; Miriam Liese: „Die 
Eröffnung der Brühlschen Terrasse durch den russi¬ 


schen Fürst Nikolai Grigorjewitsch Repnin-Wolkon- 
ski“ 2009; Bastian Wienrich: „Die Querbebauung 
der Elbe am Beispiel der Stadt Dresden: Inwieweit 
wirkte der ästhetische Aspekt bei der Bebauung bzw. 
„Nichtbebauung“ des Dresdner Elbabschnittes“ 
GRIN Verlag, 2007; Günter Jäckel: „Dresden zur 
Goethezeit: 1760-1815“. Dausien, 1988; Dresdner 
Geschichtsverein (Hrsg.): „Dresden: die Geschichte 
der Stadt von den Anfängen bis zur Gegenwart“. 
Junius, 2002; Petra Listewnik, Michael Schäfer, Jörg 
Ludwig: „Wirtschaft und Staat in Sachsens Indus¬ 
trialisierung, 1750-1930“. Bd. 3 von Beiträge zur 
Wirtschaftsgeschichte, Leipziger Universitätsverlag, 
2003; Friedrich Adolf Peuckert: „Die ger. und vollk. 
St. Johannisloge zu den drei Schwertern und Asträa 
zur grünenden Raute im Orient Dresden 1738-1882: 
Ein Beitrag zur Geschichte der Freimaurerei in 
Dresden und Sachsen. Nach archivalischen Quellen 
bearbeitet“. Bruno Zechel, 1883; „Die Freimau¬ 
rerloge zum goldenen Apfel im Orient Dresden 
1776-1876“. Heinrich Dresden, 1876; Adressbücher 
der Stadt Dresden; Ursula Müller geh. Thormeyer, 
Mitteilungen 2015; Gero Schilde: „Gottlob Friedrich 
Thormeyer, ein spätklassizistischer Architekt Sach¬ 
sens“. Dissertation 1922 


367 





























Gottfried Unterdörfer in Milkel. Foto: Burkhard Unterdörfer, Mitte der 
1960er Jahre. 





Unterdörfer, Max Gottfried Rudolf 


Dichterförster in Uhyst/Spree 

17.03.1921 Zschornaub. Kamenz- 09.09.1992 Uhyst 

V: Otto Max (*21.9.1895 Brunndöbra, 113.8.1945 im Internierungslager Toszek/Tost, Schle¬ 
sien), Förster in Kamenz; M: Erna Linda geb. Franke (*5.2.1900 Bernsdorf, 18.5.1981 Lö- 
bau), kaufmännische Angestellte; G: Erna Johanna Erika verh. Gebier (*20.4.1924 Kamenz, 
111.3.2008 Ebersbach, kaufmännische Angestellte); E: 26.8.1950 Christa Charlotte geb. Burg¬ 
hardt (*9.12.1920 Kamenz, 113.2.2012 Thyrow), Tochter des Maschinenfabrikanten Friedrich 
Burghardt; K: Burkhard (*17.6.1951, Oberforstrat in Ludwigsfelde, Schwiegersohn eines Studien¬ 
freundes von Richard Garbe) 


Gottfried Unterdörfer wurde als 
erstes Kind einer Försterfamilie in 
Zschornau bei Kamenz geboren. 

Kurz danach zog die Familie in das 
neu erbaute Kamenzer Forsthaus am 
Rande der Stadt nahe Wiesa. Hier 
verlebte er Kindheit und Jugend. Es 
war der Vater, der in seinem Sohn 
mit gemeinsamen Pirschgängen das 
innige Verhältnis zur Natur erweck¬ 
te, und es war v. a. die Mutter, die 
den Kindern den tief verwurzelten 
christlichen Glauben vermittelte. Von 
1931 bis 1937 besuchte Unterdör¬ 
fer das Reform-Realgymnasium in 
Kamenz. Wie seine Vorfahren über 
vier Generationen entschied er sich 
für eine Laufbahn als Förster. Nach 
einer Lehre bei der Sächsischen Lan¬ 
desforstverwaltung studierte er von 
September bis Dezember 1940 an der 
Forstschule in Reichstadt. Schon in 
dieser Zeit zeigte sich, dass Unterdör¬ 
fer lieber im Wald Gedichte schrieb, 
als mit der Waffe auf Jagd zu gehen. 

Als Infanterieoffizier an der Ostfront 
lernte Unterdörfer den Krieg mit allen 


seinen Schrecken kennen und wurde 
mehrfach verwundet. Er kam am 9. 
Mai 1945 in Bayern in amerikanische 
Gefangenschaft. Nach seiner Entlas¬ 
sung wollte er im Februar 1946 nach 
Hause zurückkehren, wurde jedoch 
bereits in Erfurt durch die Rote Ar¬ 
mee erneut gefangen genommen und 
in ein Lager bei Moskau verbracht. 
Hier entstanden erste Gedichte, die 
bezeugen, wie sehr er sich nach seiner 
Lausitzer Heimat sehnte. Erst am 19. 
Dezember 1949 konnte er schließlich 
heimkehren, durch Krieg und Gefan¬ 
genschaft gesundheitlich gezeichnet. 
Mit der in Gefangenschaft geschriebe¬ 
nen „Kriegssonette“ hatte Unterdörfer 
später seinen ersten großen Erfolg 
als Dichter. Aus diesen Jahren des 
Schreckens wuchs jene tiefempfunde¬ 
ne Sehnsucht nach Frieden, die viele 
seiner späteren Werke auszeichnete. 

1950 zog Unterdörfer mit seiner Frau 
nach Uhyst/Spree, wo er eine Stelle 
als Revierförster antrat. 1955 konn¬ 
ten sie das neue Forsthaus beziehen. 
Es lag einsam zwischen Mönau und 


369 




hautnah, als allein in seinem Revier 
ca. 1/3 des Waldes verloren ging. Sein 
Engagement für den Naturschutz 
wurde zur Hoffnung für viele Gleich¬ 
gesinnte, brachte Unterdörfer in der 
DDR aber wiederholt in Konflikt mit 
dem Staat. Er unterstützte die kirchli¬ 
che Umweltarbeit, und der Kummer 
über die angerichtete Naturzerstörung 
und den Heimatverlust für viele 
Menschen kommt in mehreren seiner 
Werke zum Ausdruck. Auch wenn 
die ökonomischen und politischen 
Zwänge schier übermächtig waren, 
hatte sein stetes Bemühen manchen 
Erfolg. Mit Generationen von Uhyster 


Allee mit alten Eichen zwischen Mö- 
nau und Uhyst/Spree, nahe Unter- 
dörfers ehemaligem Forsthaus. 

Uhyst an einer Allee aus Eichen und 
Birken und wurde für viele Jahre zum 
geliebten Zuhause. Besonders die viel¬ 
gestaltige Vogelwelt der umhegenden 
Teichlandschaft hatte es ihm angetan. 
Unterdörfer zählte den bedeutenden 
Ornithologen Dr. Wolfgang Makatsch 
zu seinen engen Bekannten, ebenso 
den Botaniker Max Militzer. Häufig 
führte er Schülergruppen durchs Re¬ 
vier oder ging zu ihnen in die Schule. 
Unterdörfer sah es als seine Mission 
an, der jungen Generation die Liebe 
zur Natur nahezubringen. Er erleb¬ 
te deren Zerstörung durch den sich 
ausweitenden Braunkohlentagebau 



Bergbaufolgelandschaft Bärwalder 
See nahe Uhyst - nach weitgehen¬ 
dem Abschluss der Sanierungsar¬ 
beiten (oben, 2000) und natürliche 
Wiederbesiedelung (unten, 2005). 



370 












Schülern wurden von ihm und seinen 
Mitarbeiterinnen 500 Nistkästen auf¬ 
gehängt, mehr als 50 wilde Müllplätze 
beseitigt und hunderttausende Kie¬ 
fernsämlinge gepflanzt. In Erinnerung 
an den gemeinsamen Kampf um die 
Erhaltung der Natur stellten Freunde 
an eine alte gerettete Eiche im März 
2000 einen Stein mit dem aus seinem 
Buch „Wege und Wälder“ stammen¬ 
den Spruch: „Wanderer, deinen Augen 
Glück.“ 

Frank Fiedler ist eine Exkursion 
mit Bischofswerdaer Ferienschülern 
durch das Uhyster Forstrevier im 
Jahre 1964 mit vielen Einzelheiten in 
Erinnerung geblieben. Ohne Zögern 
war Unterdörfer der Bitte gefolgt, die 
Exkursion zu leiten. Was die Kinder 
erlebten, überstieg alle Erwartungen. 
Haubentaucher trugen ihre Jungen 
huckepack, Zwergrallen liefen auf den 
Schwimmblättern des Laichkrautes 
im Ochsenteich und Raubvögel flogen 
über das Gelände. Nachts im Zeltla¬ 
ger erklang ein Schmatzen aus dem 
Röhrichtgürtel - es waren die Karp¬ 
fen, die unter der Wasseroberfläche 
den Bewuchs an den Schilfhalmen 
ab weideten. Unterdörfer sorgte für 
weitere Höhepunkte. Er holte die 
12- bis 14-jährigen Schüler ab und 
führte sie durch sein Revier. Keiner 
hatte bis dahin etwas von Schellenten 
gehört, die in Schwarzspechthöhlen 
hoch in Altbuchen brüten und deren 
noch nicht flugfähige Jungen aus bis 
zu 15 Metern hinabspringen. Auf dem 
Heimweg „umzingelten“ die Schüler 


eine junge Ringelnatter, die aufgeregt 
auf einzelne losschoss, aber abdreh¬ 
te, weil die Schüler hoch sprangen. 
Schließlich sprang eines der Kinder 
zur Seite - und die Ringelnatter ward 
nicht mehr gesehen. Ein paar Tage 
später besuchte der Förster erneut die 
Gruppe und bot ihr eine „Kuhteich¬ 
rundfahrt“ mit einem Fischerkahn. 

Zu Unterdörfers Lebzeiten erschie¬ 
nen 10 Bücher in zum Teil mehreren 
Auflagen. Sie waren in der DDR 
häufig nur schwer zu erhalten und 
für innige Naturverbundenheit, die 
poetische Beschreibung der Oberlau¬ 
sitzer Heimat und die Liebe zu deren 
Menschen, aber auch für die Ver¬ 
mittlung christlicher Werte bekannt. 
Unterdörfer bezog sich in seinem 
Wirken auf die Bekennende Kirche 
und Dietrich Bonhoeffer. Er wollte 
stets für Andere da sein. Vielfach 
basierten seine Werke auf autobiogra¬ 
fischen Erinnerungen: die Schrecken 
des Krieges, Erlebtes und Gesehenes 
im Kreis von Familie und Kirchge¬ 
meinde. Besonders beeindruckend 
in seinem dichterischen Schaffen ist, 
mit welch feiner Beobachtungsgabe 
er selbst dem Unscheinbaren in der 
Natur Sinn und Bedeutung verleihen 
konnte. Hier wird der christliche 
Hintergrund des Dichters deutlich, 
für den auch scheinbar unbedeutende 
Tiere und Pflanzen schön sind und 
ein Lebensrecht besitzen. Unterdörfer 
ging davon aus, dass der Einzelne kei¬ 
nen Einfluss auf das „große“ Weltge¬ 
schehen nehmen kann, sondern sich 


371 



stattdessen darum bemühen muss, 
an seinem Platz das Bestmögliche zu 
tun. Das Schöne im Alltäglichen zu 
erkennen, ist dafür eine wesentliche 
Voraussetzung, wie Unterdörfer ver¬ 
mitteln wollte. Mit seinen Werken hat 
er vielen seiner Zeitgenossen wieder 
zur Heimatorientierung verholfen. 
Dazu trugen auch häufige Schriftstel¬ 
lerlesungen und Lesegottesdienste in 
Uhyst bei. Unterdörfer, der in seinen 







frühen Uhyster Jahren Pfarrer Da¬ 
niel Hoffmann kennen gelernt hatte, 
gehörte damit zu den Begründern 
einer Tradition, die auch heute noch 
im „Uhyster Lesewinter“ lebt. Es war 
zudem für ihn selbstverständlich, sich 
für die Belange der sorbischen Mit¬ 
menschen einzusetzen. Das Ehepaar 
Unterdörfer verband eine langjäh¬ 
rige Freundschaft mit der Witwe 
Jutta Baudert, Schwiegertochter des 

Dem Maler Hanns Georgi zeig¬ 
te Unterdörfer auf ausgedehnten 
Erkundungsfahrten aus seiner Sicht 
Malenswertes: eine Wasserfläche 
weiß von blühendem Hahnenfuß 
(Abb. oben), Teichrallen und Hö¬ 
ckerschwäne auf der Wasserfläche 
(Abb. Mitte), aufgeforstete Kippen 
eines Braunkohletagebau-Restlochs. 
Unterdörfer war verwundert, dass 
der Maler mit geübtem Blick noch 
ganz andere Motive entdeckte: einen 
Teichwinkel aus schwarzbraunem 
Sumpf, vom angrenzenden Un¬ 
terholz beschattet, und die Was¬ 
serfläche des Braunkohletagebau- 
Restlochs, spiegelnd in einer Vielfalt 
von Farben. Besonders beeindruckt 
hat Unterdörfer aber, wie Georgis 
Bilder alles Lichtbedürftige durch¬ 
leuchteten, so wie die Erlen in der 
Verlandungszone eines Teiches 
(Abb. unten): „Stehendes Wasser 
wird belebt durch die auf Rabatten 
hockenden, Feuchtigkeit liebenden, 
einander in die Höhe treibenden 
Bäume, durch deren Rinde man das 
rötliche Holz ahnt.“ 


372 












Gedenkstein an Gottfried Unterdörfer, auf private Initiative gesucht, ange¬ 
fertigt und aufgestellt an der Straße zwischen Mönau und Lieske. 


373 





Unterdörfer schrieb am 18. April 
1992 in sein Tagebuch: „Gang um 
den Drehnaer Oberteich mit dem 
breiten Damm, der ihn zum Sar- 
kassenteich abgrenzt. Vielstämmige 
mächtige Weiden umsäumen ihn“. 
Bereits abgestorbene Exemplare 
dienen Großvögeln, beispielsweise 
Reihern, als Ruheplatz. 

ehemaligen Bischofs der Herrnhuter 
Brüdergemeine Walther Baudert, die 
wiederholt mit zwei Schwestern im 
Forsthaus Uhyst Hausmusik darbot. 
Mit Armin Stolper, Chefdramaturg 
des Deutschen Theaters in Berlin, 
hielt Unterdörfer engen Kontakt. 
Mitglied im Schriftstellerverband der 
DDR war er nicht. Stattdessen fühlte 
er sich Künstlern verbunden, mit de¬ 


nen er die Liebe zur Oberlausitz und 
die christliche Weltanschauung teilte. 
Dies galt besonders für Gottfried 
Zawadzki, mit dem Unterdörfer seit 
der Schulzeit befreundet war. Mehr¬ 
fach schrieb er Beiträge in Büchern 
von oder über Johannes Lebek. Aber 
auch Hanns Georgi, Maler in Sebnitz, 
weilte off bei den Unterdörfers. 

Unterdörfer war Mitglied im Re¬ 
daktionskollegium „die kirche“ 
Görlitz und im Gemeindekirchenrat 



Gottfried Unterdörfer, selbst ein 
aktives Mitglied der Uhyster Kir¬ 
chengemeinde, verfasste 1992 einen 
Beitrag zur Geschichte der Kirche. 
Zu den ehemaligen Pfarrern zählten 
Georg Petermann (1738-1741) 
und Karl Traugott Kanig 
(1829-1834). 


374 













„Ich möchte einen Kranich sehen.“ Unterdörfer beschrieb sein Bemühen, 
die beeindruckenden Vögel zu beobachten. In den Jahren 2014 und 2015 
waren sie regelmäßig in der Nähe von Unterdörfers ehemaligem Forsthaus 
zu sehen, teilweise nur wenige hundert Meter entfernt. 


Uhyst. 50 Jahre nach Beginn seiner 
Arbeit im Forst trat Unterdörfer im 
Sommer 1987 in den Ruhestand. Er 
war zeitlebens ein Verfechter, die 
nachhaltige Entwicklung von Natur 
und Landschaft nicht kurzfristigen 
wirtschaftlichen Interessen zu opfern. 
Dieses Vermächtnis wird heute im 
UNESCO-Biosphärenreservat Ober¬ 
lausitzer Heide- und Teichlandschaft 
bewahrt, welches sich in unmittel¬ 
barer Nachbarschaft zu Unterdörfers 
früherem Revier befindet. 

In seinem Nachlasswerk „Ich möch¬ 
te einen Kranich sehen“, mit einem 
Titelbild von Zawadzki, wird der 
Reichtum innerer Werte besonders 
deutlich. Das Tagebuch seiner letzten 
Monate enthält viele Begebenheiten 
aus dem Alltag, erzählt mit Humor 
und Weisheit. Dazwischen reflektiert 


Unterdörfer Episoden aus seinem Le¬ 
ben, Kindheitserlebnisse, Geschehnis¬ 
se in der Familie und die Arbeiten an 
einem Dorfbuch für Uhyst. Er beglei¬ 
tete die neue Zeit durchaus kritisch, 
warnte aber schon damals vor einer 
Verklärung der DDR-Vergangenheit 
und erinnerte an deren Militarismus. 
Der letzte Eintrag, einen Tag vor sei¬ 
nem Tod, ist charakteristisch für sein 
Weltbild: Er versprach den Hornissen 
in seinem Garten, sie zu beschützen. 
Entsprechend seinem Wunsch wurde 
Unterdörfer in Thyrow/Brandenburg 
beigesetzt, wo 15 Jahre zuvor schon 
sein literarisches Vorbild Heinrich 
Alexander Stoll zur letzten Ruhe 
gebettet worden war. 

Quellen: Heinz Pacholke: „Biographie 
Gottfried Unterdörfer“. Internetpublikation 
und Begleittext zu einem Lichtbildervor- 


375 



Das Ehepaar Unterdörfer hatte ein besonderes Verhältnis zu der östlich des 
Forsthauses einsam im Wald gelegenen Neuteichgruppe (Foto: 2012). Sie 
nutzten Badegelegenheit und Kahnfahrtmöglichkeiten im Kahn der Teich¬ 
wirtschaft auch mit Sohn, Enkel oder Gästen. Hier fand Unterdörfer die 
Ruhe zum Ausspannen oder zur Beobachtung bemerkenswerter Vogelarten 
wie Rohrweihe, Rohrdommel, Kranich und Seeadler, aber auch Freude an 
seltenen Pflanzenarten des Teichufers. Sein „Tagebuch“ weist für annähernd 
ein Dreiviertel des Jahres 1992 mit 20 Einträgen auf den Neuteich hin. 
Darunter befindet sich der Hinweis, dass dort die Anregung erfolgte für die 
Erzählung „Die Nacht am See“ aus „Dem Holzhaus gegenüber“ (1963). 

trag im Gottfried-Unterdörfer-Museum; Monika Jeschke, Stadtarchiv Kamenz, Mitteilungen 
2008; Hans-Dietrich Haemmerlein: „Er war in Natur und Kirchengemeinde beheimatet, Zum 
Gedenken an Gottfried Unterdörfer“, die kirche Görlitz, Nr. 43, 25.10.1992, S. 6; Jutta Baudert, 
Mitteilungen, 2009; Burkhard Unterdörfer, Mitteilungen, 2011; Hans Reichelt; „Regenzeit und 
Reiherruf“, die kirche Görlitz, Nr. 29 u. 42, 1984; Hans-Dietrich Haemmerlein: „Natur und Men¬ 
schen gaben dem dichtenden Forstmann Themen“. Sächsische Zeitung Niesky, 22.9.1992, S. 12; 
Elsa Niemann: „Innige Naturverbundenheit und Liebe zu den Menschen“. Sächsische Zeitung 
Sebnitz, 17./18.10.1992; Rulo Melchert: „Die Freuden wachsen im Gartengeviert“. Sächsische 
Zeitung Sebnitz, 5.9.2001; Tagesspiegel: „99 Zeilen Schwerk, Von Goethes Zeitungsverzicht zum 
Trostbuch eines Lausitzer Försters“. 09.02.2002; Armin Stolper: „Der gute Mensch von Uhyst: Zu 
Gottfried Unterdörfers 10. Todestag am 9. September 2002“. In: Oberlausitzer Kulturschau, Bd. 

8, 2002, H. 9, S. 20-21 


376 



Bibliografie 

„Du lebst vom Du“. Gedichte, Union Verlag Berlin, 1959 und 1962 
„Dem Holzhaus gegenüber“. Erzählungen, Union Verlag Berlin, 1960 und 
1963 

„Ich will den Bogen setzen“. Gedichte, Union Verlag Berlin, 1964 

„Von Abend zu Abend“. Neun Liebesgeschichten, Union Verlag Berlin, 1965 

und 1967 

„Nicht die Bäume allein“. Erzählungen und Skizzen, Union Verlag Berlin, 
1968 und 1971 

„Regenzeit und Reiherruf“. Erzählungen und Betrachtungen, Evangelische 
Verlagsanstalt Berlin, 1971 

„Wildtaubenruf“. Erzählungen und Gedichte, Union Verlag Berlin, 1973 
und 1976 

„Jahresringe“. Geschichten unter Bäumen, Union Verlag Berlin, 1981 
„Weltreise in das lange Holz“. Ausgewählte Prosa, Union Verlag Berlin, 1984 
„Wege und Wälder“. Kleine Prosa, Union Verlag Berlin, 1986 
„Ich möchte einen Kranich sehen“. Erzählungen, Gedichte und ein Tage¬ 
buch, hrsg. vom Uhyster Heimatverein e. V., Lusatia Verlag Dr. Stübner & 
Co. KG Bautzen, 2001 

„Als die Sümpfe blühten“. Erzählungen, Lusatia Verlag Dr. Stübner & Co. 
KG Bautzen, 2010 

weitere Mitwirkungen, Auszüge bzw. Manuskripte (Auswahl): 

„Kleines Wasserrad und andere ernsthafte Geschichten“. Mit anderen Auto¬ 
ren, Evangelische Verlagsanstalt Berlin, 1963 und 1964 
Dorfklub Uhyst (Hrsg.): „Uhyst und Umgebung“. September 1965 
„Begegnungen mit Hanns Georgi“. In: Begleitheft zur Ausstellung zum 80. 
Geburtstag von Hanns Georgi, Gemälde, Aquarelle, Illustrationen, S. 4-6, 
Veranstalter: Rat der Stadt Sebnitz, August 1981 

„Der Teich“. Mit Holzschnitten von Johannes Lebek, 120 Exemplare Privat¬ 
druck, Druck und Einband von R. Walter Göttingen, 1983 
„Häuser der Kindheit“. Original Holzschnitte von Johannes Lebek, als Pri¬ 
vatdruck herausgegeben von Hubert Wegner, Druckerei Küster Hannover, 
1984 

„Förstertagebuch“ Manuskript, 1985 

„Ein Lebensweg in Bildern“. In: Johannes Lebeck: „Der Holzschneider Jo¬ 
hannes Lebeck. Leben und Werk“. Rudolf-Schneider Verlag München, 1988 
Johannes Lebek: „Holzschnittfibel“. Mit einem Beitrag von Gottfried Unter¬ 
dörfer, Verlag der Kunst Dresden, 1991 

Gemeindeverwaltung Uhyst (Hrsg.): „Uhyst an der Spree“. 1992 
Gottfried Zawadzki: „Malerei - Grafik - Kirchenraum - Glasbild“. Mit 
einem Vorwort von Gottfried Unterdörfer, Lausitzer Druck- und Verlagsge¬ 
sellschaft Bautzen, 1993 


377 




Es ist überliefert, dass Hermann Vetter (Porträt um 1908) in seiner Jugend 
an seinen Geburtsort zurückgekommen sein soll, um auf der Herbrig-Orgel 
zu spielen. Pfarrer in Großdrebnitz bis 1875 war Carl Julius Marloth. 


TE 1 “' 


Vetter, Friedrich Hermann 


Professor am Dresdner Konservatorium 
09.07.1859 Großdrebnitz - 21.05.1928 Dresden 

V: Friedrich August , Bauerngutsbesitzer (1880-1895, Nr. 83) und Gemeinderatsmitglied in 
Lauterbach; M: Wilhelmine Pauline geh. Winkler (*10.2.1837 Bühlau, t in Lauterbach), 7.7.1861 
verehel. Vetter; E: 22.7.1884 Dresden, Rosa Wanda geb. Böhme (16.2.1864-25.7.1898), Toch¬ 
ter des Lokalrichters und Gutsbesitzers Carl Friedrich Böhme; K: Eleonore Vera Wanda Edith 
(*5.9.1889 Dresden, Mitbesitzerin der Erbbegräbnisstätte Böhme, Mittelweg 184, Dresden St. 
Pauli; verh. mit Rechtsanwalt Dr. jur. Woldemar Erwin Schreier/Dezember 1945 letztes Begräb¬ 
nis Familiengrabstätte; Nachbesitzerin des Hauses Elisenstraße 75/77 ihres Vaters; t nach 1945) 


Vetter wurde in Großdrebnitz gebo¬ 
ren (vermutlich im Schulhaus) und 
getauft, wo sich seine damals noch 
ledige Mutter zeitweilig aufhielt. 
Aufgewachsen ist er in Lauterbach. 
Sein Vater gab ihm den ersten Musik¬ 
unterricht. 

Um 1880 bezog Vetter das Dresdner 
Konservatorium. Er blieb mit dieser 
Musikschule über 40 Jahre verbun¬ 
den und war ein wichtiger Akteur in 
einer Phase des Wandels der Dresd¬ 
ner Musikausbildung. Das Konser¬ 
vatorium, Vorläufer der heutigen 
Musikhochschule, war 1856 vom 
Kammermusiker Friedrich Tröstler 
gegründet und 1859 an Friedrich 
Pudor verkauft worden. Unter dessen 
Leitung erhielt die Einrichtung 1881, 
also etwa zur Zeit von Vetters Studi¬ 
enbeginn, das Prädikat „Königliches 
Konservatorium“. Der König war 
oberster Protektor, viele Lehrkräfte 
gehörten der sächsischen Hofkapelle 
an. Damit hob sich das Konservato¬ 
rium nicht nur größenmäßig unter 
den damals ausschließlich privaten 


Musikschulen Dresdens hervor, z. B. 
den Zillmannschen Musikschulen 
und der Gesangs- und Opernschule 
von Auguste Götze, bei denen sei¬ 
nerzeit Johannes Pache tätig war, 
der Musikschule für Damen von 
Bernhard Rollfuß, einem Schüler 
von Woldemar Heller, sowie der 
von Friedrich Wieck gegründeten 
Akademie für Klavierspiel. Vetter 
lernte am Konservatorium bei Eugen 
Krantz, Theodor Kirchner, Wilhelm 
Rischbieter und Hofkapellmeister 
Franz Wüllner. Insgesamt waren hier 
mehr als 70 Lehrer beschäftigt. Ab 
1883 unterrichtete Vetter am Kon¬ 
servatorium selbst Klavier. Friedrich 
Pudor wurde als Direktor seinerzeit 
zunächst durch Franz Wüllner als 
künstlerischem Leiter unterstützt. Um 
1885 führte man einen akademischen 
Rat ein, dem u. a. Hofkapellmeister 
Adolf Hagen, Theodor Kirchner, und 
das Mitglied der Dresdner Hofka¬ 
pelle Eduard Rappoldi angehörten. 
Der Unterricht erfolgte in den drei 
Abteilungen für (1) umfassende prak¬ 
tische und theoretische Ausbildung 


379 



einschließlich Kompositionslehre für 
Dirigenten, Instrumentalsten, Sänger 
und Musiklehrer, (2) Ausbildung in 
Einzelfächern sowie (3) Elementar¬ 
unterricht für einzelne Instrumente 
oder Gesang. Der Sitz des Konserva¬ 
toriums befand sich langjährig in der 
Landhausstraße 6 bzw. 11. 1887 über¬ 
nahm Heinrich Pudor die Leitung 
von seinem Vater. Weil Pudor mit 
seinem Konzept, ausschließlich auf 
deutsche Musik zu setzen, auf heftige 
Kritik stieß, verkaufte er das Kon¬ 
servatorium 1890 an Eugen Krantz. 
Nach dessen Tod führten die Söhne 
Johannes Krantz und Curt Krantz das 
Konservatorium bis zur Verstaatli¬ 
chung 1937 weiter. Sie entwickelten 
das Profil einer Hochschule der Ton¬ 
kunst mit verbundener Theaterschule 
und staatlichem Musiklehrerseminar. 
Das Konservatorium trug den Bei¬ 
namen „Hochschule für Musik und 
Theater“. Zudem wurden Kirchenmu¬ 
siker ausgebildet und es bestand eine 
Volksmusikschule. 

Vetter machte sich als Autor und He¬ 
rausgeber von Musikdrucken einen 
Namen. Seine „Technischen Studien“ 
von 1899 wurden von Eugen d'Albert 
ausdrücklich für den Klavierunter¬ 
richt empfohlen. Sie bestanden aus 
vier Heften. Zwei hatte Vetter bereits 
1894 veröffentlicht: „Uebungen mit 
fortrückender und stillstehender 
Hand in kontrapunktischer Zwei- 
stimmigkeit“ und „Der Fingerwechsel 
bei unterbrochner, sowie ununter- 
brochner Tonwiederholung und im 



Das Palais Hoym, Landhausstraße 
11, war schon vor der Gründung 
des Konservatoriums ein kulturelles 
Zentrum. Der Dresdner Gesell¬ 
schaftsverein Harmonie hatte hier 
seinen Sitz. Robert Schumann gab 
Konzerte, Gottfried Semper, Ernst 
Rietschel und später Bruno 
Steglich gingen hier ein und aus. 

Doppelgriffspiel“. Weitere der zumeist 
bei Friedrich Hofmeister in Leipzig 
erschienenen Vortrags- und Studien¬ 
werke Vetters für Klavier waren: „Die 
ersten Musikstückchen für Anfänger 
im Klavierspiel“ (1897, neun melo¬ 
dische, instruktive und progressive 


380 




Vortragsstücke), „24 melodische 
Klavier-Etüden für gleichmässig 
fortschreitende Ausbildung beider 
Hände, sowie des Vortrags“ (1900, 
drei Hefte für die drei Stufen des 
Elementar-Unterrichts) und „Das Stu¬ 
dium der Tonleitern, Arpeggien und 
Doppelgriffstonleitern für Klavier zu 
2 Händen“ (1905). Daneben gab Vet¬ 
ter Musikdrucke bekannter Klavier¬ 
virtuosen wie Johann Baptist Cramer 
(„66 ausgewählte Klavier-Etüden“), 
Franz Liszt („12 Etüden op. 1“), Vic¬ 
tor Alphonse Duvernoy („Vorschule 
der Geläufigkeit für Pianoforte. 20 
Etudes-Exercices sans Octaves“) und 
Friedrich Burgmüller („12 brillante 
und melodische Etüden“) heraus. 

Das Konservatorium berief Vetter 
1907 zum Professor und Direktori- 
umsmitglied. Dem Direktorium ge¬ 
hörten seinerzeit auch die Professoren 
Karl Heinrich Döring und Felix Drae- 
seke, die Kammermusiker Maximi¬ 
lian Gabler und Albert Wolfermann 
sowie Konzertmeister Henri Petri an. 
Klavierunterricht erteilte neben Vetter 
die bekannte Konzertpianistin Laura 
Rappoldi-Kahrer. Das Konservatori¬ 
um arbeitete stark gewinnorientiert; 
der „Kunstwart“ von Ferdinand Ave- 
narius hatte schon 1904 hinterfragt, 
dass eine solche Schule als könig¬ 
liche Einrichtung auftreten durfte 
und für Freistellen auch finanzielle 
Unterstützung erhielt. Mehr als 100 
Lehrkräfte unterrichteten Anfang des 
20. Jahrhunderts am Konservatorium 
etwa 1300 Schülerinnen und Schüler 


von Grund- bis Hochschulklassen 
in Musiktheorie, an Tasten-, Streich- 
und Blasinstrumenten sowie in den 
Fächern Gesang und Bühne. Allge¬ 
mein Musikinteressierte konnten sich 
als Hörer einschreiben. 1908 erschien 
bei Hofmeister in Leipzig Vetters 
bekanntestes Werk, „Zur Technik des 
Klavierspiels“. Weil die Ausbildung an 
den vielen konkurrierenden privaten 
Musikschulen häufig mangelhaft war, 
gehörte Vetter als Vorstandsmitglied 
des Musikpädagogischen Vereins zu 
den Initiatoren einer Prüfungsord¬ 
nung für Musikschullehrer, die 1913 
in Kraft trat. Der Erste Weltkrieg und 
seine Folgen prägten einen großen 
Teil seiner Direktoriumszeit. 1922 
unterrichtete er kurz vor seiner Pen¬ 
sionierung die spätere New Yorker 
Pianistin Irma Wolpe-Rademacher. 

Quellen: E. W. Fritzsch: „Musikalisches Wochen¬ 
blatt“. 1897, 1899; Hermann Abert, Rudolf Gerber: 
„Illustriertes Musiklexikon“. J. Engelhorns nachf., 
1927; Rudolf Maria Breithaupt: „Die natürliche 
Klaviertechnik“ 1927; Hofmeisters Handbuch der 
Musikliteratur, 1934; Emil Breslaur, Anna Morsch: 
„Der Klavierlehrer“. Peiser Verlag, 1895; S. Freitag: 
„Richard Kaden (1856-1923)“; lexm.uni-hamburg. 
de; Asher (Hrsg.): „Das Unterrichtswesen im 
Deutschen Reich aus Anlass der Weltausstel¬ 
lung in St. Louis unter Mitwirkung zahlreicher 
Fachmänner“. Berlin 1904; Horst Gersdorf: 

„Kultur im 770jährigen Bischofswerda“. Zwischen 
Wesenitz und Löbauer Wasser, 1997, H. 2, S. 

8-21; Stadtarchiv Bischofswerda, Auszug aus dem 
Taufbuch Großdrebnitz (korrigierte und ergänzte 
Angaben von Christfried Marschner, Ortschronist 
von Großdrebnitz, 26.10.2007); M. Hesse: „Das 
Neue Musiklexikon“. Nach: Arthur Eaglefield Hüll, 
Alfred Einstein: „Dictionary of Modern Music and 
Musicians“, 1926; Der Kunstwart: Rundschau über 
alle Gebiete des Schönen, Bd. 17/2, 1904; Dresdner 
Adressbücher; Friedhofsverwaltung St. Pauli Dres¬ 
den; Bert Wawrzinek, Lauterbach, 2016 


381 




Kardinal Albrecht von Brandenburg, Erzbischof von Magdeburg und 
Mainz, hält eine Messe in der Stiftskirche Halle ab (Albrecht Dürer, 1523) 
Einer der anwesenden Geistlichen war sicher Georg Winckler. 





















Winckler, Georg 

Bacc. jur., Prediger, Märtyrer der Reformation 

* um 1490/1495 in Bischofswerda oder Goldbach - 23.04.1527 im Spessart bei 
Aschaffenburg 

V: Bürger in Bischofswerda; E: um 1526 mit einer Adligen 


Wincklers Geburtsdatum ist in der 
Literatur unbekannt. Von der Imma¬ 
trikulation im Sommersemester 1509 
an der Universität Leipzig kann aber 
abgeleitet werden, dass er Anfang 
der 1490er Jahre geboren wurde. 
Sowohl die Immatrikulation als auch 
die Bischofswerdaer Chronik von 
1713 von Christian Heckei und die 
nachfolgende von Karl Wilhelm 
Mittag verweisen auf eine Herkunft 
aus Bischofswerda, jedoch nicht die 
vorherige Chronik von Michael Pusch 
von 1659. Einige historische Quellen 
geben Goldbach als Geburtsort an. 
Ohne tatsächlichen biografischen 
Bezug bei Georg Winckler ist die 
Zitierung dieses kleinen Dorfes kaum 
vorstellbar. Möglicherweise ist dieser 
Widerspruch dadurch zu erklären, 
dass im Mittelalter der Umzug vom 
Dorf in die Stadt kein einfacher Orts¬ 
wechsel war. Auch wenn die Erbun¬ 
tertänigkeit in Sachsen weniger ausge¬ 
prägt war, bestanden auf dem Dorf 
feudale Abhängigkeiten. 1559 gab 
es unter den 29 Goldbacher Grund¬ 
besitzern einen Hans Winckler (mit 
identischer Schreibweise). Eventuell 
entstammte Georg Wincklers Vater 
einem parallelen Familienzweig. Dies 
könnte erklären, wenn er seinen Sohn 


in Goldbach hätte taufen lassen, weil 
es seinerzeit in Bischofswerda keine 
Stadtkirche gab. Der hier ansässige 
Erzpriester, der dem Archidiakonat 
Bautzen unterstand, war mit seinen 
Kaplanen für die drei Kapellen der 
Stadt zuständig und beaufsichtigte 
weitere Kirchen in der Umgebung. 
Vor diesem Hintergrund wäre aber 
auch verständlich, wenn eine mögli¬ 
che Geburt von Georg Winckler noch 
in Goldbach vor einem Umzug in die 
Stadt in der Überlieferung verloren 
gegangen wäre. Bischofswerda ge¬ 
hörte zu jener Zeit nicht nur geistlich 
zum Bistum Meißen, sondern wie im 
gesamten Bereich des Hochstifts übte 
der Bischof zudem die weltliche Herr¬ 
schaft aus. Bischof Johann VI. von 
Saalhausen bemühte sich seit seiner 
Amtseinführung 1488 um wirtschaft¬ 
liche Fortschritte auch in der Provinz. 
Das Markttreiben in Bischofswerda 
belebte sich und die Innung der 
Leinenweber wurde 1491 anerkannt. 
In der Stadt Bischofswerda wuchs der 
Wohlstand, was sicher Einwohner 
aus den umhegenden Dörfern anzog. 
Die Stadt wurde in jener Zeit aber 
auch zum Schauplatz von Konflikten 
zwischen dem Bischof und dem säch¬ 
sischen Herzog Georg dem Bärtigen, 


383 




Bischofswerda um 1623 mit der 1497 unter Bischof Johann VI. geweihten 
Marienkirche. Die vorherige, vermutlich 1076 von Benno von Meißen ge¬ 
stiftete Kirche war 1469 abgebrannt (Blick von Osten nach Westen). 


der eine Schutzherrschaft über das 
bischöfliche Gebiet beanspruchte. 

Als ein ehemaliger Gefolgsmann von 
Herzog Georgs Vater 1504 Bischofs¬ 
werda überfiel und eine größere Zahl 
der Einwohner in monatelange Gei¬ 
ßelhaft nahm, der Bischof ihm aber 
die erbetene Unterstützung versagte, 
ließ Herzog Georg die Stadt besetzen 
und gab sie erst 1507 zurück. 

Wincklers Eltern waren vermutlich 
wohlhabend, denn die finanziellen 
Belastungen eines langen Studiums 
konnten sich im ausgehenden Mit¬ 
telalter nur wenige leisten und lange 
Studienzeiten waren wegen der mehr¬ 
stufigen Graduierungsprozedur, aber 
auch wegen der Reisebelastungen 
nachhause nicht ungewöhnlich. Der 
Sohn wurde als Georgius Winckeler 
im Sommersemester 1509 an der 
Universität Leipzig unter dem Rektor 
Thilo von Trotha immatrikuliert. Es 
ist unbekannt, ob Winckler häufig 
nach Bischofswerda zurückkehrte 


oder für seinen Lebensunterhalt 
bezahlte Stellungen annehmen 
musste. Nach Prager Vorbild galt in 
Leipzig eine 4-Nationen-Verfassung. 
Sowohl die Studenten als auch die 
Lehrkräfte kamen aus Meißen (dem 
heutigen Sachsen zzgl. Thüringen und 
Südbrandenburg), Bayern, Sachsen 
(einschließlich Norddeutschland, 
Baltikum) und Polen (einschließlich 
Böhmen), wobei die Grenzen dazwi¬ 
schen und nach außen relativ flexibel 
gehandhabt wurden. Die Leitungs¬ 
gremien waren paritätisch besetzt. 
Daraus resultierte schon damals ein 
internationaler Charakter der Uni¬ 
versität in der Messestadt. Im Som¬ 
mersemester 1509 wurden insgesamt 
353 Studenten neu immatrikuliert, 
darunter 110 aus Meißen. Etwa 10% 
der ungefähr 8000 Einwohner Leip¬ 
zigs waren seinerzeit Studenten. Den 
Kern der mittelalterlichen Universität 
Leipzig bildete die Artistische (Phi¬ 
losophische) Pakultät, wo im Sinne 
eines Gymnasiums die Grundlagen 


384 











für das Studium an einer der drei 
höheren Fakultäten (Theologie, Jura, 
Medizin) gelegt wurden. Man unter¬ 
richtete beispielsweise Metaphysik, 
Poesie, Grammatik und mathemati¬ 
sche Grundlagen. Seit der Gründung 
einer konkurrierenden Universität in 
Wittenberg (1502) im Zusammen¬ 
hang mit der Landesteilung durch die 
Wettiner bemühte sich Herzog Georg 
der Bärtige um zeitgemäße Reformen 
in Leipzig. Die Hauptvorlesungen an 
der Artistischen Fakultät waren da¬ 
nach kostenlos. Im Sommersemester 
1509 stand diese Fakultät unter der 
Leitung des Dekans Arnold Wöste- 
feld. Voraussetzung für eine Gra¬ 
duierung an einer der drei höheren 
Fakultäten war im Allgemeinen ein 
artistischer Magistergrad, wobei jener 
aber nicht den selben Stellenwert wie 
der Magister (Promotion) an einer 
der drei höheren Fakultäten besaß. 
Den Übergang von der Artistenfakul¬ 
tät auf eine der drei höheren schaff¬ 
te nur eine kleine Elite. Die große 
Mehrzahl der Studenten verblieb an 
der Artistischen Fakultät, ohne je eine 
Graduierung zu erlangen. Studenten, 
die es sich leisten konnten, wechselten 
für ihr Jura- oder Theologiestudium 
häufig die Universität. Der Wert der 
mittelalterlichen Graduierungen lag 
weniger auf wissenschaftlichem Ge¬ 
biet, es ging vielmehr darum, neues 
Lehrpersonal für die Universität zu 
rekrutieren. Die Magisteruniversität 
des Mittelalters war mehr auf Weiter¬ 
gabe des vorhandenen Wissens als auf 
neue Erkenntnisse ausgelegt. 


Zu Wincklers Kommilitonen ge¬ 
hörte der 1497 in Leipzig geborene 
Christoph Kruschwitz, genannt 
Türk. Nach dem Baccalaureat an der 
Artistischen Fakultät 1516 ging er 
zum Jura-Studium nach Italien. 1521 
wurde er an die Juristische Fakultät 
in Leipzig berufen. Winckler erlangte 
seinen Abschluss als bacc. jur. 1522 an 
der Juristischen Fakultät bei Ludwig 
Fachs auf dem Gebiet des kanoni¬ 
schen Rechts. 

Wincklers Studienzeit wurde theo¬ 
logisch durch die beginnende Re¬ 
formation von Martin Luther im 
nahen Wittenberg geprägt. Jener 
brandmarkte 1517 mit seinen 95 
Thesen den Ablasshandel, mit dessen 
Hilfe Albrecht von Brandenburg, 
als Erzbischof von Magdeburg ein 
Vorgesetzter Luthers, finanziellen 
Verpflichtungen gegenüber dem 
Papst im Zusammenhang mit der 
Berufung in seine Ämter nachkam. 
Der Berliner Kurfürstensohn Alb- 
recht, 1513 mit 23 Jahren Erzbischof 
von Magdeburg und Administrator 
von Halberstadt geworden, seit 1514 
Erzbischof und Kurfürst von Mainz, 
residierte ab 1514 in Halle auf der 
Moritzburg. 1518 wurde er Kardinal. 
Diese Ämterhäufung war aber nicht 
nur Ausdruck seines persönlichen 
Ehrgeizes, sondern auch von Interes¬ 
senskonflikten zwischen dem Mainzer 
Domkapitel und dem Kurfürstenhaus 
Brandenburg einerseits und dem 
Kurfürstentum Sachsen-Wittenberg. 
Vor allem die Zugehörigkeit von 


385 




Leipziger Disputation von 1519 (von Julius Hübner) mit Johannes Eck 
(links) und Martin Luther (rechts), in der Mitte sitzend Herzog Barnim von 
Pommern als Ehrenrektor und Herzog der Bärtige von Sachsen. 


Erfurt war strittig. Im Unterschied zu 
Wittenberg, wo zwar der Erzbischof 
von Magdeburg ebenfalls oberster 
Geistlicher war, weltlicher Landesherr 
aber Kurfürst Friedrich der Weise, 
unterstand Halle dem Erzbischof von 
Magdeburg auch als Landesherrn. 
Trotz des persönlichen Angriffs gegen 
ihn hielt Albrecht lange an einer 
toleranten Haltung gegenüber der 
Reformation fest. Viele der erzbi¬ 
schöflichen Räte sympathisierten mit 
Luther. Albrechts abwartende Haltung 
auf dem Wormser Reichstag von 1521 
rettete möglicherweise Luthers Leben. 

Die Universität Leipzig wurde 1519 
zum Schauplatz einer der berühm¬ 
testen theologischen Auseinander¬ 
setzungen, der „Leipziger Disputa¬ 
tion“. Auf Anregung von Georg dem 


Bärtigen stellte sich Martin Luther 
seinen Gegnern zum Streitgespräch. 
Die Leipziger Universität, im Herr¬ 
schaftsbereich des reformationskriti¬ 
schen Georgs gelegen, stand dabei auf 
der Seite von Luthers Gegnern. Jener 
war von 200 bewaffneten Studenten 
aus Wittenberg begleitet worden, 
die nicht nur ihn schützen wollten, 
sondern ihrerseits dessen Gegner 
bedrohten. Bewaffnete Kräfte ver¬ 
suchten, gewaltsame Auseinanderset¬ 
zungen zwischen den Studenten aus 
Leipzig und Wittenberg zu verhin¬ 
dern. Da auch Studierende die mehr¬ 
tägige Disputation besuchen durften, 
ist stark anzunehmen, dass Winckler 
Augenzeuge des Streitgesprächs wur¬ 
de. Im selben Jahr musste die Uni¬ 
versität wegen der Pest zeitweise von 
Leipzig nach Meißen verlegt werden. 


386 




Nach dem Studium in Leipzig trat 
Winckler als Kanoniker und Kaplan 
in die Dienste von Erzbischof Alb- 
recht, vermutlich von Beginn an in 
Halle. Albrecht hatte hier 1520 ein 
neues Collegiatstift eingerichtet. Er 
war den Werten von Humanismus 
und Bildung aufgeschlossen und 
übergab dem „Neuen Stift des hei¬ 
ligen Moritz und der Seligen Maria 
Magdalena zum Schweißtuch des 
Herrn“ die Verantwortung für die 


Wissenschaft im Erzstift Magdeburg, 
es war sogar die Gründung einer 
Universität geplant. Um 1523 ging 
Albrecht zunehmend auf Distanz zur 
Reformation. Als Bollwerk gegen ihr 
rasches Ausbreiten baute er in Halle 
eine Stiftskirche, den heutigen Dom. 
Albrecht benötigte zudem für seine 
riesige Reliquiensammlung, die zuvor 
in der Sankt-Maria Magdalenenkapel- 
le auf der Moritzburg untergebracht 
war, einen geeigneten Aufbewah- 



Halle, im 16. Jahrhundert mit Moritzburg und Dom abgebildet, war kir¬ 
chenpolitisch von großer Bedeutung für die Reformation. Hier residierte 
mit dem Erzbischof von Magdeburg und Mainz, Kardinal Albrecht, der 
nach dem Papst ranghöchste kirchliche Würdenträger im „Heiligen Rö¬ 
mischen Reich Deutscher Nation“ und gleichzeitig einer der wichtigsten 
Gegner Luthers. Halle war aber dank des Reichtums aus dem Salzhandel 
auch ein Ort mit großer bürgerlicher Tradition. Erst Streitigkeiten zwi¬ 
schen den Handwerkerinnungen und den Pfännern (Salzsiedern) hatten 
dafür gesorgt, dass 1478 die Stadt nach 200-jähriger Selbstständigkeit in 
erzbischöflichen Besitz gelangte. Erzbischof von Magdeburg war seit 1476 
mit Ernst von Sachsen ein Wettiner. Ernst ließ in Halle mit der Moritzburg 
eine neue Residenz errichten. Nach Ernsts Tod 1513 übernahm Albrecht 
von Brandenburg das Erzbistum. 


387 









Der Dom zu Halle. Der prachtlie¬ 
bende Erzbischof Albrecht ließ eine 
einfache Dominikanerkirche zu 
seiner Stiftskirche umbauen. Die 
Innenausstattung schufen Albrecht 
Dürer, Matthias Grünewald und 
Lukas Cranach d. Ä. 

rungsort, um sie den Prozessionen 
der Wallfahrer zu präsentieren. Dass 
für den Bau der Stiftskirche Einnah¬ 
men aus dem Ablasshandel fließen 
sollten, veranlasste Martin Luther 
1521 zu der Schmähung „Wider 
den Abgott zu Halle“. Zu den erzbi¬ 
schöflichen Räten gehörte ab 1522 
Wincklers ehemaliger Studienkollege 
Christoph Kruschwitz. 1523 sorgte 
ein Hofkaplan Albrechts für Aufse¬ 


hen. Nicolaus Demuth, auch Propst 
im Kloster Neuwerk, verließ am 14. 
April sein Amt, um zu heiraten und 
sich der Reformation anzuschließen. 
Im selben Jahr wirkte Thomas Münt¬ 
zer für einige Monate in Glaucha bei 
Halle. 1524 wurde der konservative 
Kruschwitz Kanzler des Erzbistums 
Magdeburg. 

Albrecht berief mit seinem Hofkap¬ 
lan Winckler einen engen Vertrauten 
zum Pfarrer an die am 23. August 
1523 geweihte Stiftskirche in Halle. 
Der rhetorisch begabte Prediger zog 
zu seinen Gottesdiensten die Besu¬ 
cher in Scharen an und sich damit 
den Neid der Pfarrer der anderen 
Hallenser Kirchen zu, die weitgehend 
leer blieben. Aber auch Winckler 
öffnete sich ab 1524 der Reformati¬ 
on, zunächst vorsichtig, ohne Luther 
in seinen Predigten namentlich zu 
erwähnen. Auch vermied er Kritik 
am Papst. Winckler besuchte Luthers 
Gottesdienste in Wittenberg, zuletzt 
am 20. März 1527. 

Winckler entwickelte sich im katho¬ 
lisch-konservativ geprägten Klerus 
Halles zum wichtigsten Vertreter der 
lutherischen Lehre. Der immer noch 
gemäßigte Albrecht ließ ihn gewäh¬ 
ren, auch aus Dankbarkeit für seine 
erfolgreiche Diplomatie während 
des Bauernaufstandes, für den es in 
Halles Bürgerschaft große Sympa¬ 
thien gab. Winckler trug mit seinen 
Predigten wesentlich zur Beruhigung 
der Lage bei. Albrecht konnte direkt 


388 







mit Hallenser Bürgern verhandeln. So 
kam es in Halle zu keinem Aufstand 
wie in anderen Städten. Albrecht trat 
nach der Niederschlagung der Bauern 
1525 in Frankenhausen dem antilu¬ 
therischen Dessauer Bund bei und 
vertrat zunehmend radikalere Positi¬ 
onen gegen die Reformation. Als sich 
Winckler immer offener zu Luther 
bekannte, wurde er zunächst für drei 
Monate suspendiert, ohne dass er sich 
umstimmen ließ. 

Beschwerden von Konrad Hoffmann, 
Kanonikus am Neuen Stift, aber auch 
aus dem Kloster Neuwerk veranlass- 
ten Albrecht, Winckler, der inzwi¬ 
schen mit ungeweihtem Wasser tauf¬ 
te, die Messen abgeschafft hatte und 
das Abendmahl nach protestantischer 
Sitte in beiderlei Form (Brot und 
Wein) reichte, 1527 in seine Residenz 
Aschaffenburg zu zitieren, wo sich der 
Erzbischof wegen der Reformations¬ 
unruhen aufhielt. Es schien zunächst 
so, als habe Winckler den Erzbischof 
besänftigen können. Die Heimreise 
verzögerte sich auf Betreiben des 
Mainzer Domkapitels. So musste 
Winckler ohne seinen Diener, den 
man bereits zurückgeschickt hatte, 
dafür aber auf einem „Narrenpferd“ 
und in Begleitung eines unbekannten 
Reiters heimkehren. Zwei Meilen von 
Aschaffenburg entfernt wurde Winck¬ 
ler im Spessart von einem vermumm¬ 
ten Reiter angeschossen und dann 
erstochen. Es kam der Verdacht auf, 
dass Konrad Hoffmann zumindest 
Anstifter, vielleicht sogar eigenhändig 



Um seine Macht zu zeigen, stattete 
Albrecht seine Stiftskirche prunk¬ 
voll aus. Die Kanzel wurde 1526 
geschaffen, also noch zu Lebzeiten 
Wincklers. Sie ist in Sandstein 
gemeißelt und mit viel Blattgold 
verziert. Das Schriftband an der 
Kanzel galt vermutlich dem abtrün¬ 
nigen Winckler: „Das ganze Wort 
Gottes ist feurig, ein Schild denen, 
die darauf hoffen; füge nichts seinen 
Worten hinzu, damit du nicht des 
Irrtums überführt und als Lügner 
erfunden werdest.“ Foto: Barbara 
Wetzel (www.kirchbau.de, Lizenz 
CC BY 3.0) 

der Mörder gewesen sei. Der Mord an 
dem beliebten Prediger rief in Halle 
große Empörung hervor. Historisch 
bedeutsam war Wincklers Ermordung 
vor allem wegen seines engen Verhält¬ 
nisses zu Albrecht und der kirchen- 
politischen Rolle Halles als Residenz 
des mächtigen Erzbischofs. Martin 


389 



Luther, obwohl von kursächsischer 
Seite zur Zurückhaltung gedrängt, 
richtete am 17. September 1527 ein 
Trostschreiben an die Christen zu 
Halle, in welchem er über den Mord 
berichtete. Luther gab Erzbischof Al- 
brecht zwar keine direkte Schuld, wies 
jedoch daraufhin, dass Winckler auf 
dessen Befehl hin erschienen sei, und 
forderte Albrecht auf, den Mörder zu 
bestrafen. Damit schrieb Luther dem 
Erzbischof indirekt eine Mitverant¬ 
wortung zu, die Philipp Melanchthon 
dagegen ausschloss. Gegner der Re¬ 
formation wie der sächsische Herzog 
Georg der Bärtige erwiderten Luthers 
Schrift heftig. Am 26. April 1528 
erneuerte Luther seine „Trostschrift 
an die Christen zu Halle“, die er zur 
Standhaftigkeit aufrief. 

Vehement gegen Luthers Trostschrift 
trat auch Johannes Cochläus auf. 
Während des Bauernkriegs war er 
zeitweise nach Mainz, dann nach 
Köln geflohen. Seit 1526 war er 
Kanonikus auf dem St. Victorsberg 
bei Mainz. Cochläus verteidigte die 
Mainzer Domherren und lenkte statt - 
dessen den Verdacht auf die adlige 
Verwandtschaft von Wincklers Frau. 
1529 berief Herzog Georg der Bärti¬ 
ge Cochläus als Privatsekretär nach 
Dresden. 

Von Winckler ist heute überliefert, 
dass er christliche Lieder gesam¬ 
melt und auch selbst verfasst habe. 
Michael Vehe, nach Wincklers Tod 
vom Erzbischof als Propst nach Halle 



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(teil ju Aallf rbcr'Ür 
(fjfcrctrn \lrcö prt- 
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vom Qacr.nncuc. 


mmm 


Martin Luther: „Tröstung an die 
Christen zu Halle über Herrn Geor¬ 
gen, ihres Predigers, Tod“. 1527: 

„Ich habe mir längst vorgenommen, 
meine Lieben Herrn und Freunde, 
eurer Liebe zu schreiben eine Ver¬ 
mahnung und Trost wider den Un¬ 
fall, so euch der Satan zugefügt hat 
durch den Mord, welchen er began¬ 
gen hat an dem guten und frommen 
Mann, Magister Georgen, und euch 
also eures treuen Predigers und Got¬ 
tes Wort beraubet. Es hat mich aber 
allezeit verhindert, sonderlich mei¬ 
ne Schwachheit; und wiewohl ich 
noch nicht recht heraus bin, kann 
ich doch nicht länger verziehen. 

Und wenn wir uns gleich in diesem 
Fall nicht trösten wollten, so wäre es 
doch unbillig, solchen schändlichen, 
verräterischen Mord...“ 


390 










geholt, um die Stiftskirche wieder 
im katholischen Sinne zu führen, 
wird teilweise unterstellt, dass sein 
historisch bedeutsames, katholisches 
Liedbuch „Ein New Gesangbuechlin 
Geystlicher Lieder vor alle gutthe 
Christen nach ordenung Christli¬ 
cher kirchen“ (1537) auf Wincklers 
Sammlung zurückgehen solle. Quelle 
hierfür ist Johann Christoph Oleari- 
us, ein Historiker des evangelischen 
Liedschatzes, mit seiner „Hymnologia 
Passionalis“ (1707). Olearius wies 
dem Lied „Da Jesus an dem Kreutze 
stunde“ aus Vehes Sammlung eine 
Autorenschaft Wincklers zu, dem 
demnach auch „Die Propheten seind 
erfüllet“, „Zu Tisch dieses Lämmleins 
so rein“, „Lobsinget mit Freuden alle 
Rechtgläubigen“, „Vater im Himmel, 
wir Deine Kinder bitten durch Christ 
das ewige Kind“ zuzuordnen wären. 
Bei Vehe ist tatsächlich die Mitar¬ 
beit eines G.W. vermerkt, was heute 
aber eher auf Georg Witzei bezogen 
wird unter Hinweis auf dessen „Odae 
christianae: Etliche christliche Gesen- 
ge, gebete vnd Reymen, für die Gots- 
förchtigen Läyen“ (1541). Witzei hatte 
sich seinerzeit wieder von Luther 
abgewandt. Andererseits publizierte 
Vehe deutschsprachige Liedtexte, wie 
es Martin Luther propagierte. Olea¬ 
rius interpretierte das missverständ¬ 
liche Zitat eines Liedautors G.W. bei 
Vehe mit persönlichem Neid, aber 
auch mit politischer Vorsicht wegen 
der Missliebigkeit des lutherischen 
Predigers Winckler im katholisch 
beherrschten Halle jener Tage. 


Quellen: Adolf Brecher: „Winckler, Georg“. 
Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 43, 1898, 

S. 365; Karl Wilhelm Mittag: „Chronik der 
königlich sächs. Stadt Bischofswerda“. May Bi¬ 
schofswerda, 1861; Michael Pusch: „Episcopoli. 
Graphia Historica. Das ist: Wahrhafftige Histori¬ 
sche Beschreibung der Churf. Sächsischen Stadt 
Bischoffswerda“. Wolfgang Seyffert Dreßden, 
1659; Michael Pusch, Christian Heckei: „Histo¬ 
rische Beschreibung der Stadt BischofFswerda. 
vormahls durch Michael Puschen; continuirt/ 
vermehret/ und an vielen Orten/ wo man nötig 
befunden/ geändert und verbessert nebst einem 
Anhang von der Bischoffswerdischen Diöces / 
durch Chriatian Heckei. Harpetern Dreßden, 
1713; Georg Pilk. „Die Amtsdörfer bei Bischofs¬ 
werda im Jahre 1559“. Unsere Heimat, 9.6.1925; 
Matrikel- und Promotionsverzeichnis Univer¬ 
sität Leipzig; Adolf Laube, Ulman Weiss: „Flug¬ 
schriften gegen die Reformation (1525-1530)“. 
Akademie Verlag, 2000, S. 525; Johann George 
Kirchner: „Historische Nachricht von dem Mär¬ 
tyrertode der ersten Lutherischen Blutzeugen 
Jesu Christi“. Waisenhaus Halle, 1755; „Martin 
Luthers Kritische Gesamtausgabe“. Böhlau, 1933; 
Nicole Kuropka: „Philipp Melanchthon - Wis¬ 
senschaft und Gesellschaft“. Spätmittelalter und 
Reformation, Bd. 21, Mohr Siebeck, 2002; Otto 
Michaelis: „Protestantisches Martyrerbuch“. J.F. 
Steinkopf, 1932; Norbert Böhnke: „Renaissance 
Halle“. 2001; Armin Stein: „Die Stadt Halle a. 
d. Saale“. Eugen Strien Halle, 1901; Hallisches 
patriotsches Wochenblatt, Bd. 2, in Commission 
der Buchhandlung des Waisenhauses, 1841; 
Enno Bünz, Franz Fuchs. „Der Humanismus 
an der Universität Leipzig“. Otto Harrassowitz 
Verlag, 2009; Johann Christian Gueinz: „Memo¬ 
ria Georgii Winckleri, veritatis divinae contra 
offucias Romanae curiae apud Hallenses saeculo 
post Christum natum XVI testis integerrimi, re- 
novata interprete M. Io. Christ. Gueinzio“. Halle 
1729; Werner Freitag: „Mitteldeutsche Lebens¬ 
bilder: Menschen im späten Mittelalter“. Böhlau 
2002; Gottfried Lebrecht Richter: „Allgemeines 
biographisches Lexikon alter und neuer geistli¬ 
cher Liederdichter“. Martini 1804; Paul Redelin: 
„Cardinal Albrecht von Brandenburg und das 
Neue Stift zu Halle. 1520-1541“. F. Kirchheim, 
1900; „Vehe, Michael“ und „Witzei, Georg“ in 
der Allgemeinen Deutschen Biographie 


391 




Johann Eleazar Zeissig (Stich von Christian Friedrich Stölzel). 

























































Zeissig, Johann Eleazar (Schenau) 

Professor, Maler, künstlerischer Leiter der Kunstakademie Dresden 
07.11.1737 Großschönau - 23.08.1806 Dresden 

V: Elias (Damastweber); M: Anna Elisabeth geb. Paul; G: 10, wobei Zeissig während seiner Kind¬ 
heit der einzige Sohn neben fünf Schwestern war 


Zeissig wuchs in einfachen Verhält¬ 
nissen auf. Sein Vater förderte trotz¬ 
dem das frühzeitig erwachte künst¬ 
lerische Interesse des Sohns, den er 
aber zunächst die Damastweberei ler¬ 
nen ließ. Um 1749 durfte Zeissig nach 
Dresden gehen. Von Adam Manyoki, 
seit 1731 sächsischer Hofmaler, er¬ 
hoffte man sich eine Förderung. Doch 
dem greisen Manyoki fehlten dafür 
die Mittel und so empfahl er Zeissig 
an den Rechtsanwalt Dr. Rauffuß am 
Neumarkt. Hier konnte der Junge 
seinen Lebensunterhalt als Schrei¬ 
ber verdienen. Schließlich durfte er 
bei Johann Christian Beßler, einem 
Schüler von Anton Raphael Mengs, 
an der Malerakademie Zeichenunter¬ 
richt nehmen. Sie stand vormals unter 
der Leitung von Louis de Silvestre, 
nach dessen Rückkehr nach Paris 
1748 unter der seines Sohns Charles- 
Francois de Silvestre und später unter 
jener seines Neffen Charles Hutin. 

Von Charles-Francois de Silvestre 
und Hutin wurde Zeissig im Stil der 
französischen Malerei geprägt. 

Nach dem Ausbruch des Sieben¬ 
jährigen Kriegs im Jahre 1756 ging 
Zeissig mit Charles-Francois de 
Silvestre nach Paris, wo dessen Vater 


inzwischen als Rektor die Academie 
Royale leitete. Zeissig setzte in Paris 
seine Studien bei Louis und Charles- 
Francois de Silvestre fort. Er legte 
seinen Familiennamen ab, weil ihn 
die Franzosen nicht richtig ausspre¬ 
chen konnten, und nannte sich nach 
seinem Geburtsort Schenau. Zeissig 
war mit dem Kupferstecher Johann 
Georg Wille befreundet und wur¬ 
de von Jean-Simeon Chardin und 
Jean-Baptiste Greuze beeinflusst. Der 
sächsische Gesandte in Paris, Gene¬ 
ral Fontenay, war sein Freund und 
Gönner. Die Kronprinzessin Maria 
Josepha (Madame la Dauphine), eine 
Tochter des sächsischen Kurfürsten 
und polnischen Königs August III., 
beauftragte ihn mit Kopien nach 
Christian Wilhelm Ernst Dietrich 
und dessen Nachahmung der heiligen 
Nacht von Corregio. Den Kontakt 
hatte Marie Maximilienne de Silvest¬ 
re vermittelt, eine Zeichnerin und 
älteste Tochter von Louis de Silvestre, 
die Vorleserin und eine Vertraute der 
Kronprinzessin war. Nicolas-Charles 
Silvestre, ein Bruder von Louis de Sil¬ 
vestre und königlicher Zeichenmeis¬ 
ter in Paris, unterstützte ihn ebenfalls. 
Zeissig schuf Porträt- und Genre¬ 
bilder, im Louvre und in Versailles 


393 




Louis, Dauphin de France, Biblio- 
theque Nationale de France. 


durfte er kopieren. 1765 hatte er sich 
als Genremaler durchgesetzt, Stiche 
nach seinen Bildern waren gesucht. 

In Sevres erlernte Zeissig zudem die 
Porzellanmalerei. In einigen Quel¬ 
len werden ihm mit Johann Daniel 
Heimlich gezeichnete Arbeiten (*1740 
Straßburg) als Pseudonym zugerech¬ 
net. Zeissig blieb in der Gunst des 
Hofes bis zum Ableben des Kronprin¬ 
zen und dessen Frau (1765/67). 


Nachdem 1764 unter der Gene¬ 
raldirektion von Christian Ludwig 
von Hagedorn in der Nachfolge 
der ehemaligen Malerakademie die 
Kunstakademie als reguläre, integrier¬ 


te Lehreinrichtung gegründet worden 
war, bestehend aus einer Akademie 
für Malerei, Kupferstecherei und Bild¬ 
hauerei und einer Akademie für Bau¬ 
kunst in Dresden sowie einer Aka¬ 
demie für Zeichnerei, Malerei und 
Architektur in Leipzig, suchte man 
in ganz Europa nach renommierten 
Lehrern. Mit ihnen sollte nach dem 
Siebenjährigen Krieg der Ruf Dres¬ 
dens als Kunstmetropole aufpoliert 
werden. Als sich Zeissigs Zeit in Paris 
dem Ende neigte, nahm er Kontakt 
mit der Dresdner Kunstakademie 


Für seine Genremalereien, die sen¬ 
timentale Verklärung von Alltags¬ 
szenen, erhielt Zeissig die größte 
Anerkennung. Drucke nach dem 
Gemälde „Die bittende Mutter“ 

(„La mere qui intercede“) von 1767 
befinden sich in vielen Museen (z. B. 
im British Museum). 


394 



auf. 1767 sandte er zwei allegorische 
Zeichnungen nach Dresden: „Die 
Erziehung oder Minderjährigkeit des 
Durchlauchtigsten Fürsten“ und „Die 
Frohlockung oder Aufmunterung 
der Musen“. Sein Aufnahmestück für 
die Kunstakademie, bereits 1768 von 
Zeissig angekündigt, „Priamus bittet 
Achill um die Feiche Hektors“, galt 
einem historischen Thema. Es wurde 
von der Kritik sehr negativ beurteilt 
und den offiziellen Gutachtern wurde 
unterstellt, dass Zeissigs Aufnahme 
sowieso schon beschlossene Sache 
gewesen wäre. 

Die ersten Pläne zur Gründung einer 
Kunstakademie in Dresden gingen 
auf August III. zurück. Standen da¬ 
mals auf Vorschlag von Carl Hein¬ 
rich von Heinecken noch Fouis de 
Silvestre und die Maler der Hofkirche 
Stefano Torelli und Anton Raphael 
Mengs (der mehr als Italiener galt) als 
Gründungsdirektoren zur Diskussion, 
entschied man sich später, unter dem 
Prinzregenten Xaver und der Witwe 
von Kurfürst Friedrich Christian, Ma¬ 
ria Antonia Walpurgis, bewusst dafür, 
die Kunstakademie mit Christian 
Fudwig von Hagedorn unter die Fei- 
tung eines Deutschen zu stellen. Der 
Professorenschaft gehörten sieben 
deutsche, fünf italienische und zwei 
französische Fehrer an, darunter die 
Maler Charles Hutin, der als einziger 
aus dem ehemaligen Fehrkörper der 
Malerakademie verblieben war und 
die künstlerische Feitung inne hatte, 
Bernardo Bellotto (Canaletto) und 



Die kurfürstliche Familie im Jahre 
1772 (Gemäldegalerie Alte Meister): 
Karl von Sachsen (Bruder), Marie 
Amalie von Pfalz-Zweibrücken 
(Ehefrau), Kurfürst Friedrich Au¬ 
gust der Gerechte, Maria Antonia 
Walpurgis (Mutter), Maria Anna 
von Sachsen (Schwester), Maria 
Amalia von Sachsen (Schwester), 
Maximilian von Sachsen (Bruder), 
Anton der Gütige (Bruder und 
Nachfolger als sächsischer König), 
Prinz Xaver (Onkel und vormaliger 
Prinzregent). 

Giovanni Battista Casanova sowie der 
Architekt Friedrich August Krubsaci- 
us und der Bildhauer Johann Gott¬ 
fried Knöffler. 1766 holte Hagedorn 
noch den Bildnismaler Anton Graff 
und den Fandschaftsmaler Adrian 
Zingg aus der Schweiz, die sich später 
als Propagierer der Sächsischen 
Schweiz einen Namen machten. 1768, 
im Jahre der Thronbesteigung Fried¬ 
rich August des Gerechten, wurde 


395 




In seiner allegorischen Darstellung 
auf Gotthold Ephraim Lessing 
nimmt Zeissig Bezug auf dessen 
Streit mit Christian Adolph 
Klotz. Germanien hängt Lessings 
Porträt am Tempel der Unsterblich¬ 
keit auf, wo sich auch die Bilder von 
Shakespeare, Sophokles und Moliere 
befinden. Die Tragödie lehnt sich 
auf die Urne ihres Lieblings und 
blickt auf Lessings Antlitz. Die Muse 
des Lustspiels verdeckt ihr Gesicht 
und die Leder entsinkt ihrer Hand. 
Der sitzende Genius der Antike im 
Vordergrund hat Klotz 1 Buch über 
die Münzen verächtlich hinter sich 
geworfen und vergleicht Lessings 
Schrift über Laokoon mit einer 
kleinen Ligur. Daneben enthüllt die 
Label ihren Schleier, auf den einige 
von Lessings Labein gewebt wurden. 


Zeissig auf Empfehlung von Johann 
Georg Wille, auswärtiges Mitglied der 
Dresdner Kunstakademie, ebenfalls 
zum Mitglied gewählt. Die Kunst¬ 
akademie bezog im gleichen Jahr das 
Fürstenberg'sche Haus gegenüber der 
Hofkirche. Christian Wilhelm Ernst 
Dietrich, den Zeissig in Paris kopiert 
hatte, und Adam Friedrich Oeser, 
Direktor des Leipziger Zweigs der 
Kunstakademie, lehrten hier. Ende 
1769 kam Zeissig selbst nach Dres¬ 
den, ein Jahr später stellte er erstmals 
vier Gemälde aus. Sie zeigten im 
Auftrag von Maria Antonia Walpurgis 
eine Epoche ihrer Genesung. Schon 
um 1771 entdeckte Zeissig das Talent 
des damals 12-jährigen Christian 
Leberecht Vogel (später berühmt für 
seine Kinderbildnisse), der daraufhin 
ein Stipendium erhielt. 

Die Porzellan-Manufaktur Meißen 
stand wegen der Folgen des Sieben¬ 
jährigen Kriegs und stärkerer inter¬ 
nationaler Konkurrenz seinerzeit 
vor großen Herausforderungen. Mit 
der Gründung der Kunstakademie 
Dresden wurde 1764 in Meißen eine 
Zeichenschule eingerichtet, um die 
Ausbildung zu verbessern, und unter 
eine gemeinsame Generaldirektion 
mit der Kunstakademie von Hage¬ 
dorn gestellt. Das Direktorium der 
Manufaktur um Freiherrn Maximili¬ 
an Robert von Fletscher bemühte sich 
zudem um eine neue künstlerische 
Ausrichtung. Aus Paris wurde 1764 
Michael Victor Acier geholt und dem 
berühmten Modellmeister des Barock 


396 



Das Kunstgespräch (1777, seit 1948 Gemäldegalerie Alte Meister, Leinwand 
80 x 63,5): Der Mäzen Thomas Freiherr von Fritsch (rechts) im Gespräch 
mit Christian Ludwig von Hagedorn (links), im Hintergrund v.l.n.r. Adrian 
Zingg, Johann Eleazar Zeissig und Anton Graff. Die neue Kunstakademie 
musste sich der öffentlichen Diskussion stellen und über Kunst aufklären. 


397 




Spendenaufruf der Dresdner Frei¬ 
maurer als Beilage zum Dresdner 
Anzeiger. 

und Rokoko Johann Joachim Kaend- 
ler zur Seite gestellt. Die Leitung der 
Zeichenschule übernahm Christian 
Wilhelm Ernst Dietrich, der auch die 
künstlerische Oberaufsicht über alle 
Modelleure und Maler der Manu¬ 
faktur ausübte. 1773 wurde Zeissig 
dessen Nachfolger. Wie Acier sollte 
er den „guten Geschmack“ aus Paris 
einführen, dabei die Maler in Per¬ 
spektive und Zeichnung anleiten 
und die Modelleure beraten. 1774 
übernahm Camillo Graf Marcolini, 
ein Vertrauter des Kurfürsten, die 
Leitung der Porzellan-Manufaktur. 
Nach Kaendlers Tod 1775 war Acier 
alleiniger Modellmeister in Meißen. 
Gemeinsam mit Zeissig, den er schon 
seit ihrer gemeinsamen Studienzeit in 


Paris kannte, verhalf er mit Unterstüt¬ 
zung von Marcolini in Meißen dem 
Klassizismus französischer Prägung 
zum Durchbruch. In der farblichen 
Gestaltung übernahm man das „Bleu 
du roi“ aus Sevres. Vielfach lieferte 
Zeissig die zeichnerischen Vorlagen 
zu Aciers Plastiken, so bei „Die gute 
Mutter“ oder den „Devisenkindern“. 

Schon während seiner frühen Dresd¬ 
ner Jahre stand Zeissig den Freimau¬ 
rern nahe, ohne selbst beizutreten. In 
den Hungerjahren von 1771 bis 1773, 
aufgrund von Missernten, Hochwas¬ 
ser und Inflation, erwarben sich die 
Freimaurer große Verdienste um die 
Dresdner Bevölkerung. Für zunächst 
30 verarmte Kinder gründete die 
Loge „Zu den drei Schwertern“ das 
Freimaurer-Institut. Finanziert wurde 
es teilweise aus dem Verkauf eines 
Drucks nach Zeissigs Gemälde „Der 
Weise“, von Christian Friedrich Stöl- 
zel gestochen. Es stellt den Stifter des 
Freimaurer-Ordens dar, wie er auf ein 
Bild mit den Wohltaten der Freimau¬ 
rer gegen die Armut zeigt. Mithilfe 
einer Beilage zum Dresdner Anzeiger, 
mit einem von Adrian Zingg gesto¬ 
chenen Werk Zeissigs als Titelblatt, 
sammelte man Spenden. Johann 
Ludwig Giesel schuf nach Zeissigs 
Zeichnung für die Loge „Zu den drei 
Schwertern“ ein Wandgemälde. 

1774 wurde Zeissig unter dem Di¬ 
rektor der Malereiakademie Charles 
Hutin zum Honorar-Professor für 
Genre- und Porträtmalerei ernannt. 


398 




Nach dem Tod Hutins übernahm er 
ab 1777 als ordentlicher Professor die 
künstlerische Leitung der Akademie 
für Malerei, Bildhauerei und Kupfer¬ 
stecherei alternierend mit Giovanni 
Battista Casanova, einem Bruder des 
Giacomo Casanova. Canaletto blieb 
in jenen Jahren auswärtiges Akade¬ 
miemitglied, Graff und Zingg lehrten 
weiterhin, neu geholt wurde der Ma¬ 
ler Crescentius Jakob Seydelmann. 

Zu Zeissigs bekanntesten Schülern an 
der Kunstakademie gehörten Chris¬ 
tian August Lindner, der hier später 
selbst lehrte, die Dresdner Brüder 
Carl und August Friedrich, Johann 
Daniel Dusler und Johann Gottlob 
Klingner ebenfalls aus Dresden, 
Ludwig August Sack aus Görlitz, Jo¬ 
hann August Lingke aus Zittau sowie 
die wie Zeissig aus Großschönau 
stammenden Gottlieb Schiffner und 
Gotthelf Weber. 

Der Bautzener Schriftsteller August 
Gottlieb Meissner, der ihm 1781 
seinen „Alcibiades“ widmete, gehörte 
zu Zeissigs Bewunderern. Das Ver¬ 
hältnis zu Casanova war dagegen von 
Beginn an gespannt und verschlech¬ 
terte sich weiter mit der erneuten 
Hinwendung Zeissigs zur Histori¬ 
enmalerei, der Domäne Casanovas. 
So war es kein Zufall, dass jener im 
Unterschied zu Christian Ludwig von 
Hagedorn, Adrian Zingg und An¬ 
ton Graff in Zeissigs Gemälde „Das 
Kunstgespräch“ fehlte. 



* 


Eine Zuordnung von Porzellanen 
aus Meißen zu Zeissigs Schaffens¬ 
zeit ist mittels des von 1774 bis 1815 
gültigen Signets möglich. 

1780 übernahm Marcolini in Hage¬ 
dorns Nachfolge auch die Generaldi¬ 
rektion der Kunstakademie. Dessen 
ungeachtet förderte er weiterhin 
besonders die Porzellan-Manufaktur 
in Meißen. Seit Johann Joachim Win- 
ckelmann war es Mode, die Antiken 
in Porzellan nachzuahmen. Auch 
in Meißen wurden auf Marcolinis 
Anweisung solche Porzellanfiguren 
hergestellt, wofür er die Modelleu¬ 
re die von Anton Raphael Mengs 


399 



Tisch auf den Frieden von Teschen 
im Louvre Paris: Kaiserin Maria 
Theresia und Friedrich August 
der Gerechte schenkten den Tisch 
Louis-Auguste de Breteuil für seine 
Vermittlung zwischen Preußen und 
Österreich während des Bayerischen 
Erbfolgekrieges 1779. Der Tisch 
wurde von Johann Christian Neuber 
geschaffen und von Zeissig mit fünf 
Medaillons aus Meißner Porzellan 
versehen. Foto: Tangopaso (Wiki- 
media Commons, Public Domain). 

gesammelten Gipsabgüsse studieren 
ließ. Die Eigenständigkeit der Ma¬ 
ler der Manufaktur blieb unter der 
Oberaufsicht Zeissigs gering. Dessen 
ehemaliger Schüler Heinrich Gotthelf 
Schaufuß erhielt eine Anstellung als 
Figurenmaler und Zeichenmeister. 
Auch nachdem Acier 1780 Meißen 
verlassen hatte, entstanden in Zusam¬ 
menarbeit mit Zeissig und den ver¬ 
bliebenen Modelleuren bedeutende 
Arbeiten. 1782 fertigte Johann Gott¬ 
lob Matthäi nach Zeichnungen von 
Zeissig und einem ersten Entwurf von 
Acier die Modelle der teils in Biskuit, 
teils in glasiertem Porzellan ausge¬ 
führten Figuren für den Prunkkamin 


im Grünen Gewölbe zu Dresden. 
Beteiligt waren Johann Carl Schön¬ 
heit und Christian Gottfried Jüchzer 
sowie der Juwelier Johann Christian 
Neuber. Zu Zeissigs Mitarbeitern bzw. 
Schülern in Meißen gehörten auch 
Carl Gotthelf Starcke sen./jun. aus der 
Familie der Ehefrau von Gottlob 
Friedrich Thormeyer. 

1786 kam es zum „Dresdner Ge¬ 
mäldekrieg“ zwischen Zeissig und 
Casanova, der vor allem durch deren 
Anhänger ausgetragen wurde. Anlass 
war ein euphorisches Lob für Zeissigs 



„Auferstehung Christi“ in der 
Kirche Großschönau. Foto: Jwaller 
(Wikimedia Commons, Lizenz CC 
BY-SA 3.0, Ausschnittsvergröße¬ 
rung) 


400 








„Kreuzigung Christi“ in der Kreuz¬ 
kirche Dresden, 1788-1792 gemalt, 
1897 verbrannt. 

Gemälde „Auferstehung Christi“, das 
auf einer Dresdner Kunstausstellung 
bei Casanovas Anhängern ein äußerst 
negatives Echo fand. 1794 behandelte 
Karl Friedrich Kretschmann dieses 
Werk, das sich inzwischen im Besitz 
der Großschönauer Kirche befand, 
ausführlich in der „Lausitzer Mo- 
nathsschrift“. Er nahm Zeissig darin 
gegen Casanovas Kritik in Schutz. Zu 
Zeissigs bekanntesten Werken zählte 
zudem das Altarblatt der Kreuzkirche, 


das er auf eigene Kosten malte, weil 
der ursprünglich beauftragte August 
Christoph Kirsch, ein Schüler Casa¬ 
novas, 1787 verstorben war. 

1791 bezog die Kunstakademie die 
umgebaute ehemalige Brühlsche Bib¬ 
liothek auf der Brühlschen Terrasse. 
Nach dem Ableben von Casanova im 
Jahre 1795 führte Zeissig die Aka¬ 
demie der Malerei, Bildhauerei und 
Kupferstecherei gemeinsam mit Cres- 
centius Jakob Seydelmann. Die Stelle 
in Meißen gab er auf. In den ihm 

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Irret), spilbbnuerep unb Supferfleebereg ju Brtf» 
ben »ecbfeKwelfe ein Jngr nrnb aitbere. 

Slnfon ©ruf, gjrofeffbr in <portrait3raogler. 

In der Literatur ist vielfach zitiert, 
dass Zeissig nach dem Ableben 
von Casanova die alleinige künst¬ 
lerische Leitung der Dresdner 
Kunstakademie inne gehabt hat. 
Dem widersprechen die jährlichen 
Darstellungen in den historischen 
Adressbüchern, z. B. im Jahre 1800. 


401 




„Zwei Frauen und drei Männer beim 
Kartenspiel“, Metropolitan Museum 
of Art New York, Open Access for 
Scholarly Content (OASC). 

verbleibenden Jahren holte Zeissig zu¬ 
sammen mit Camillo Graf Marcolini 
weitere namhafte Künstler nach Dres¬ 
den, so 1799 den Porträtmaler Joseph 
Grassi. 1803 erhielt Adrian Zingg die 
lange verwehrt gebliebene Professur. 
Dominierten am Beginn von Zeissigs 
akademischer Laufbahn in Dresden 
noch Historienmalerei und Klassizis¬ 
mus, so begann unter seiner Leitung 
eine Erneuerung. Insbesondere Zingg 
wurde zu einem Wegbereiter der Ro¬ 
mantik, die später unter Caspar David 
Friedrich in Dresden zum Durch¬ 
bruch gelangte. 

Als Zeissig starb, attestierte die zeit¬ 
genössische Kritik, dass er sich um 


die Kunstakademie und die jungen 
Maler große Verdienste erworben 
habe. Seine eigenen jüngeren Arbei¬ 
ten wurden dagegen kritisiert (Dresd¬ 
ner Abendzeitung, 30.8.1806). Das 
Lexikon von Georg Kaspar Nagler 
schrieb: „Schenau hatte zwar Phan¬ 
tasie und Geschick zur Komposition, 
seine Zeichnung ist aber nicht selten 
unrichtig, seinen Figuren fehlt es an 
wahrem Leben und Ausdruck, und 
die Färbung ist bunt, selbst in den 
Schatten noch glühend. Er scheint 
hierin den Rubens missverstanden 
zu haben.“ Zeissig wurde auf dem 
Dresdner Johannisfriedhof beigesetzt, 
1854 aber wegen dessen Einebnung 
nach Großschönau umgebettet. Eine 
Vielzahl von seinen Werken befindet 
sich heute im Besitz von Oberlausit¬ 
zer Museen, so in Bautzen („Mädchen 
mit Tauben“, „Unterzeichnung des 
Ehevertrages“), in Görlitz („Ehepaar 
in der Laube“, „Familienszene“), in 
Zittau („Bildnis eines jungen Man¬ 
nes“, „Christus am Ölberg“) und eine 
größere Anzahl Bilder im Deutschen 
Damast- und Frottiermuseum Gro߬ 
schönau. Zeissigs Werke finden sich 
aber auch im Metropolitan Museum 
of Art New York und der National 
Gallery of Art Washington. Die Staat¬ 
lichen Kunstsammlungen Dresden 
besitzen neben den Ölgemälden „Die 
kurfürstliche Familie“, „Das Kunstge¬ 
spräch“ und „Bildnis des sächsischen 
Kurfürsten und Königs Friedrich 
August des Gerechten“ vor allem 
mehrere Porzellane „mit dem grünen 
Band“ nach Zeissigs Entwürfen. 


402 








Unterzeichnung des Ehevertrages (1802). Katalog der Gemäldesammlung 
Stadtmuseum Bautzen (1954), von Dr. Eva Schmidt: „Seine Familienbild¬ 
nisse gehören durch ihren malerischen Reiz und die unkonventionelle 
Auffassung zu seinen besten Leistungen.“ Inventarnummer 3630 

Quellen: Hyacinth Holland: „Schenau, Johann Vogt: „Von Kunstworten und -werten“. Bd. 
Eleaz Zeißig genannt“. Allgemeine Deutsche 32 von Wolfenbütteier Studien zur Aufklä- 
Biographie, Bd. 31, 1890, S. 36-37; Gottlob rung, Walter de Gruyter, 2010; SKD Online 

Friedrich Otto: „Lexikon der seit dem 15. Collection; Taschenbuch der Freimaurer, Bd. 

Jahrhundert verstorbenen und jetztlebenden 6, 1803; Willy Doenges: „Meissner Porzellan: 
Oberlausitzischen Schriftsteller und Künst- seine Geschichte und künstlerische Entwick¬ 
ler“. Görlitz, 1800-1803; Paul Schumann: lung“. W. Jess Dresden, 1921; Heinrich Keller: 

„Dresden“. Seemann Leipzig, 1909; „Professor „Nachrichten von allen in Dresden lebenden 
Johann Eleazar Zeissig, genannt Schenau“ Künstlern“. 1788; Pauline Gräfin von Spee: 

(www.kirche-grossschoenau.de); Kai Wen- „Die Klassizistische Porzellanplastik der 

zel: „Zeissig, Johann Eleazar, gen. Schenau Meissener Manufaktur von 1764 bis 1815“. 

(Schönau)“. Sächsische Biografie, hrsg. vom Dissertation, Bonn 2004; Neue Bibliothek der 
Institut für Sächsische Geschichte und Volks- schönen Wissenschaften und freyen Künste, 
künde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky; Bd. 27,1, 1782; gw.geneanet.org; Barbara 
Adressbücher der Stadt Dresden; Staatliche Marx, Christoph Oliver Mayer: „Akademie 
Kunstsammlungen Dresden: „Gemäldegalerie und/oder Autonomie: akademische Diskurse 
Dresden Alte Meister“. 20. Aufl., 1978; Margrit vom 16. bis 18. Jahrhundert“. Peter Lang, 2009 


403 




Frank Fiedler, 1944 gezeichnet von seinem Vater. 


Autobiografische Retrospektive von Frank Fiedler 

Lehrer a. D., Heimatforscher 
*29.11.1930 Dresden 

V: Friedrich Kurt Fiedler (*8.3.1894 Eichbusch, fl 1.11.1950 Dresden), Grafiker, Meisterschüler 
von Josef Goller; M: Nannv Louise geh. Schuchardt (9.11.1897-9.4.1948); G: Sonja (1922-2012), 
Gert (1935-1984); E: Brunhilde geh. Gnauck (*4.4.1935, Urenkelin des ehemaligen Kleindrebnit- 
zer Gemeindevorstands Ernst Gnauck); K: Uwe (*24.9.1958, Dr.-Ing.) 


Meine Kindheit verbrachte ich in 
einem künstlerisch geprägten Umfeld 
in Dresden-Blasewitz. Unser Wohn¬ 
haus, die Heinrich-Schütz-Straße 2, 
spielte einstmals in der deutschen 
Kulturgeschichte als Dürerbundhaus 
eine bedeutende Rolle. 1910 hatte 
es Heinrich Tscharmann für Fer¬ 
dinand Avenarius, noch unter der 
Adresse Bahnhofstraße 24, für diese 
große, deutschlandweite Organisati¬ 
on des Bildungsbürgertums erbaut. 

Es beherbergte neben den Dienst¬ 


räumen des Dürerbundes auch die 
lokale Redaktion der Zeitschrift „Der 
Kunstwart“. Mein Vater, Kurt Fiedler, 
war seinerzeit ein bekannter Grafiker. 
Er arbeitete u. a. für solche führenden 
Verlage wie Teubner, Steinkopff und 
Güntz und zählte Villeroy & Boch, 
den Zirkus Sarrasani und das Dresd¬ 
ner Planetarium zu seinen Kunden. 

Unsere Familie teilte sich eine Etage 
der großen Villa an der Elbe mit dem 
Schwager Edmund Schuchardt, einem 



405 




bekannten Architekten und späteren 
Dozenten an der Hochschule für Bil¬ 
dende Künste, und dessen jüdischer 
Ehefrau Fanny. Ich wurde dadurch 
schon frühzeitig mit den politischen 
Konflikten der Nazizeit konfrontiert. 
Weil mein Onkel lieber ins Arbeitsla¬ 
ger ging, als sich scheiden zu lassen, 
und mein 1945 an der TH Dresden 
beschäftigter Vater Ausweisdokumen¬ 
te fälschte, überlebte meine Tante als 
eine der wenigen jüdischen deutschen 
Mitbürger den Holocaust in Dres¬ 
den. Zu den Hausbewohnern jener 
Zeit zählte auch Götz Heidelberg, 
später maßgeblicher Erfinder der 
Transrapid-Technik. Hauseigentümer 
waren Avenarius Stiefsohn Wolf¬ 
gang Schumann und dessen Ehefrau 
Eva. Sie lebten während der Nazizeit 
zeitweise im Exil; Eva Schumann 
wurde in der DDR zur Ehrenbürgerin 
von Freital ernannt. Unser Wohnhaus 
fiel den Bombenangriffen des 13./14. 
Februar 1945 zum Opfer. Wir hatten 
jedoch Glück im Unglück, überlebten 
vollzählig und fanden Aufnahme in 
Eichbusch, der Heimat meines Vaters. 

Mein lebenslanges Interesse an gewäs- 
serkundlichen Themen geht auf jene 
Kindheitstage in Blasewitz zurück. 
Meinem Vater und dem im Haus 
wohnenden Oberlehrer i. R. Minkert 
verdankte ich vielfältige Anregungen, 
mich mit der Natur, z. B. der Fauna 
der nahen Elbe, zu beschäftigen. Der 
Garten des Blasewitzer Wohnhauses 
war ganz im Sinne der vom Dürer¬ 
bund propagierten Naturverbunden¬ 


heit gestaltet. So befand sich beidsei¬ 
tig alter Baumbestand der natürlichen 
Hartholzaue mit vorwiegend ein¬ 
heimischen Baumarten (Spitzahorn, 
Ulme, Hainbuche, Esche). Diese 
naturnahe Gartengestaltung wurde 
später zum Vorbild, um im eigenen 
Garten Lebensräume für Wildbienen 
(regelmäßige Bruten), Bergmolche 
(regelmäßig anwesend), Haselmäuse 
(zeitweise anwesend), verschiedene 
Vogelarten (z. B. die regelmäßigen 
Bruten der Tannenmeise im Laub- 
holzbestand) und seit einigen Jahren 
besonders erfolgreich für die Wald¬ 
eidechse zu schaffen. 

Nachdem ich frühzeitig die Mutter 
verloren hatte, verließ ich das Gymna¬ 
sium und bewarb mich um eine Aus¬ 
bildung zum Neulehrer. Um meine 
Chancen trotz des jugendlichen Alters 
zu erhöhen, trat ich auch der SED bei. 
Dabei spielte zudem eine Rolle, dass 
in der Familie zunächst eine durchaus 
positive Einstellung zum Sozialismus 
bestand. Mein Vater, ein ehemali¬ 
ges SPD-Mitglied und zeitweilig als 
Französisch-Dolmetscher in einem 
Kriegsgefangenenlager eingesetzt, 
hatte mir eindringlich von den 
Verbrechen der Nazis berichtet. Es 
war meinem Vater zu jener Zeit noch 
nicht möglich, in der zunehmenden 
„Kaltstellung“ als künstlerischer 
Mitarbeiter der SED-Landesleitung 
zugunsten eines Gegenspielers aus 
der ehemaligen KPD das kommende 
System zu durchschauen. 


406 



Unmittelbar nach dem Krieg hatte 
ich begonnen, mich für Fossilien zu 
interessieren. Aus dieser Zeit stamm¬ 
ten ca. 10 Fundstücke aus der Kreide 
des Rathsteinbruches bei Freital, 
darunter eine große Austernschale 
und ein Stein mit mehreren Seeigel¬ 
stacheln. Für die Examensarbeit von 
1957 entstand eine Sammlung von 
Samen tertiärer Laubgehölze vom 
Hasenberg bei Wiesa. Zusammen 
mit ca. 8 großen Stücken aus dem 
Karbon von Zwickau-Oelsnitz, einem 
Geschenk des dortigen Steigers Kurt 
Beier, der Examensarbeit und ei¬ 
ner Sammlung wertvoller Literatur 
(darunter Bestimmungsbücher: „Die 
Laubgehölze der Braunkohlezeit“, ein 
Buch der Urania-Reihe zu den Fossili¬ 
en der Schreibkreide von Rügen und 
ein antiquarisches Bestimmungsbuch 
zu versteinerten Mollusken) habe ich 
diese Fundstücke Anfang der 1990er 
Jahre dem Museum der Westlausitz 
Kamenz (z. Hd. Ursula Rathner) als 
Geschenk übergeben. 



Nach dem erfolgreichen Abschluss 
des Neulehrerlehrgangs in Dresden 
erhielt ich meine erste Anstellung als 


Lehrer für Biologie und Sport in Stei- 
nigtwolmsdorf (1950). In Großdreb¬ 
nitz (ab 1952) lernte ich meine spätere 
Frau kennen. In dieser Zeit legte ich 
auch das Staatsexamen im Fernstu¬ 
dium ab. Es folgten Anstellungen an 
verschiedenen Schulen Bischofswer¬ 
das (ab 1961) und zeitweise in Burkau 
(1969-1973). Aus gesundheitlichen 
Gründen (wegen zwei Hüftoperati- 
onen) schied ich 1991 vorzeitig aus 
dem Schuldienst aus. 

Außerhalb des Schulunterrichts leitete 
ich verschiedene Schüler-Arbeits¬ 
gemeinschaften zu Biologie, Natur¬ 
schutz und Landeskultur. Weniger 
erfreulich entwickelten sich die poli¬ 
tischen Umstände. Als Klassenlehrer 
versuchte ich, insbesondere christlich 
gebundene Schüler, die sich aus Glau¬ 
bensgründen dem System nicht völlig 
unterordnen wollten (z. B. Teilnahme 
an der Jugendweihe), vor Schikanen 
zu bewahren. Als Sportlehrer kam ich 
von 1971 bis 1973 sowie von 1978 bis 
1986 als Rettungsschwimmer Stufe 
I zum Einsatz. Auch nach meinem 
Ruhestand war ich gerne behilflich, 
wenn sich Schüler im Rahmen ihrer 
Belegarbeiten mit Fragen zu natur¬ 
kundlichen Themen an mich wand¬ 
ten. 

Seit meiner Kindheit war ich sport¬ 
lich vielseitig aktiv. Um dem in der 
Familie politisch verpönten Dienst in 
der HJ zu entgehen, schloss ich mich 
1943 in Dresden einer Leistungsklasse 
Rudern an. In Großdrebnitz betrieb 


407 





ich von 1953 bis 1961 Leichtathle¬ 
tik und war v. a. im Speerwurf im 
Raum Ostsachsen relativ erfolgreich. 
Zwischen 1957 und 1967 spielte ich 
in Bischofswerda aktiv Handball, 
von 1972 bis 1986 stellte ich mich als 
ehrenamtlicher Übungsleiter dem 
Bischofswerdaer Handballnachwuchs 
zur Verfügung. 

Nach dem Umzug in die Oberlausitz 
hatte sich bei mir eine innige Ver¬ 
bundenheit zur hiesigen Heide- und 
Teichlandschaft entwickelt. Sowohl 
Gerhard Creutz (schon seit dessen 
Dresdner Zeit), mit dem ich zur 
Thematik Fischotter zusammenge¬ 
arbeitet habe, als auch Gottfried 
Unterdörfer zählte ich zu meinen 
Bekannten. Meine biologischen 
Arbeiten beziehen sich schwerpunkt¬ 
mäßig - direkt oder indirekt - auf die 
Gewässerfauna. Beobachtungen in 
der Natur und historische Recherchen 
werden ergänzt durch Erfahrungen, 
die ich als Angler, Aquarianer und 
langjähriger UTP-Lehrer („Unter¬ 
richtstag in der Produktion“) in der 
landwirtschaftlichen Variante sowie 
als nebenberufliche Aushilfskraft in 
der Binnenfischerei von Kleindrebnitz 
sammeln konnte. In den Jahren 1972 
und 1984 beteiligte ich mich an der 
„Aktion Fischotter“ der Martin-Lu¬ 
ther-Universität Halle unter Feder¬ 
führung von Professor Michael Stub¬ 
be. Bis 1989 war ich als langjähriges 
Mitglied im Kreisvorstand Bischofs¬ 
werda des Deutschen Anglerverban¬ 
des zuständig für Kultur und Bildung. 


Auch wenn das besondere Interesse 
der Gewässerfauna gilt, entstanden 
zudem Publikationen zu Beobachtun¬ 
gen auf anderen Gebieten der heimi¬ 
schen Fauna, v. a. der Ornithologie, 
sowie botanische Nachweise. 1994 
verlieh mir der Landkreis Bischofs¬ 
werda anlässlich dessen Vereinigung 
mit dem Landkreis Bautzen eine 
Silberne Gedenkmünze für Verdiens¬ 
te um den Naturschutz. Viele meiner 
Arbeiten wurden in Bibliografien der 
Sächsischen Landes- und Universi¬ 
tätsbibliothek Dresden, des Muse¬ 
ums für Tierkunde Dresden und der 
Senckenbergischen Naturforschenden 
Gesellschaft Görlitz übernommen. 
Besonders die Arbeiten zum Fisch¬ 
otter fanden auch außerhalb Sach¬ 
sens Beachtung, wie verschiedene 
Anfragen aus dem In- und Ausland 
sowie die Bitte um Unterstützung bei 
Arbeiten zu einer Promotion an der 
Universität Nürnberg-Erlangen (Lia- 
na Geidezis) zeigen. 

Die heimatgeschichtlichen Arbei¬ 
ten sind vorwiegend historischen 
Persönlichkeiten aus dem Raum 
Bischofswerda gewidmet, vor allem 
aus dem heutigen Ortsteil Großdreb¬ 
nitz, wohin ich auch nach meinem 
beruflichen Weggang noch lange 
enge familiäre und freundschaftliche 
Bindungen besaß. Es gelang mir mit 
einer Arbeit aus dem Jahre 1990, die 
Verdienste des bereits in Vergessen¬ 
heit geratenen Kirchschullehrers und 
Heimatforschers Bruno Barthel 
wieder in das Bewusstsein des Dorfes 


408 




Viele meiner heimatgeschichtlichen Arbeiten zu Großdrebnitz betrafen die 
hiesigen Pfarrer (Richard Garbe, Carl Julius Marloth) bzw. Kirch- 
schullehrer (Bruno Barthel, Willy Sorber). Der langjährige Pfarrer von 
Großdrebnitz Sebastian Führer gewährte mir dafür stete Hilfe. 


409 





zu rücken. Als Beitrag zu einer aus¬ 
gewogenen Erinnerung an verdienst¬ 
volle Großdrebnitzer Persönlichkei¬ 
ten entstanden in den Folgejahren 
Arbeiten für die Sächsische Biografie 
zu dem Agrarwissenschaftler Bruno 
Steglich und dem Pfarrer Richard 
Garbe. Viele weitere Arbeiten zur 
Heimatkunde von Bischofswerda und 
Umgebung betrafen Biografien von 
verdienstvollen Natur- und Heimat¬ 
forschern wie Wilhelm Winkler, Ernst 
Emil Wustmann, Johannes Weber, 
August Leppelt und Hans-Werner 
Otto, aber auch solche Themen wie 
die Stieleichen des Lutherparks mit 
ihren in der Stadtgeschichte Bi¬ 
schofswerdas teilweise ignorierten 
Beziehungen zur früheren teichwirt - 
schaftlichen Nutzung sowie die Gar¬ 
tenanlage „Am Hunger“. Umfassend 
wurde die historische Entwicklung 
von Nutzung und Fauna dieses außer¬ 
gewöhnlichen Gartenareals im Süden 
der Stadt dargestellt. Im Rahmen 
einer neu aufgelegten heimatkund¬ 
lichen Schriftenreihe habe ich mich 
zudem bemüht, dass der Stadtchro¬ 
nist des 20. Jahrhunderts Johannes 
Weber und der Heimatforscher 


Roland Paeßler angemessene Berück¬ 
sichtigung fanden. Die Sichtung und 
Sicherung des Nachlasses meines 
Vaters, Kurt Fiedler, gehört aktuell 
zu meinen wichtigsten Aufgaben. 

So habe ich dem Museum in Niesky 
Werbegrafiken für die Fa. Christoph 
& Unmack übergeben. Über seine Ar¬ 
beiten für den Waaren-Einkaufsverein 
Görlitz wurde im Stadtwiki Dresden 
berichtet. Die Spur meiner Vorfah¬ 
ren konnte ich bis in die Oberlausitz 
zurückverfolgen. Mein Ururgroßvater 
Karl Traugott Johne war Zimmer¬ 
mann und stammte aus Rammenau, 
ein anderer Zweig reicht demnach bis 
zur Familie Klippel aus Sohland. 



Erholung finden meine Frau und ich 
in unserem Garten „Am Hunger“. 


Bibliografie 

„Die Fische des Kreises Bischofswerda“, Bischofswerdaer Land 4, S. 36-42, 1986* 

„Beobachtungen des Baumfalken“, Der Falke, Heft 8, S. 272-273,1986 

„Der Fischotter, Lutra lutra L., im Kreis Bischofswerda“, Bischofswerdaer Land 5, S. 41-48, 

1987 

„Bemerkenswerte Gehölze in Bischofswerda, Die Stieleichen des Lutherparkes“, Bischofswer¬ 
daer Land 6, S. 78-82, 1988 (seitens Herausgeber vertauschte Werte in Tabelle) 

„Erfahrungen mit Otocinclus spec.“, Aquarien Terrarien, Heft 6, S. 194-197, 1988 
„Der Sperber im Neubaugebiet Bischofswerda-Süd“, Der Falke, Heft 4, S. 123-124, 1989 
„Ehregott Bruno Barthel: Lehrer, Kantor und Heimatforscher“, Bischofswerdaer Land 8, S. 
97-98,1990 

*durch Hrsg, verschuldete, sinnentstellende Vertauschung von Passagen zu Gründling u. Döbel 


410 



„Wasserqualität im Aquarium - Erfahrungen mit mehreren Arten tropischer Zierfische“, 
Aquarien Terrarien, Heft 2, S. 65-66, 1990 

„Zum Rückgang des Fischotters in Sachsen in den Jahren 1884-1919 - Berichte in den 
Schriften des Sächsischen Fischerei-Vereins“, Abh. Ber. Naturkundemus. Görlitz, Bd. 64, Nr. 
10, 1990 

„Beobachtungen an Querungen von Otterwechseln mit Verkehrswegen im Landkreis Bi¬ 
schofswerda“, Veröffentlichungen Museum der Westlausitz 16, Kamenz, S. 60-66, 1992 
„Zum Vorkommen des Fischotters im Landkreis Bischofswerda“, Ber. Naturforsch. Gesell¬ 
schaft Oberlausitz, Görlitz, H. 2, S. 35-39, 1993 

„Zur Fischotterbekämpfung in Sachsen bis zum Jahr 1920“, Sächsische Heimatblätter 5, S. 
304-308, 1993 

& O. Zinke: „Beobachtungen zu Biologie und Verhalten des Fischotters, Lutra lutra L“, Veröf¬ 
fentlichungen Museum der Westlausitz 17, Kamenz, S. 66-77, 1993 

„Abriß der historischen Verbreitung bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts“, Freistaat Sachsen, 
Landesamt für Umwelt und Geologie, Artenschutzprogramm Fischotter, S. 7-9, 1996 
„Historische Teichwirtschaft im Raum Bischofswerda“, Zwischen Wesenitz und Löbauer 
Wasser 3, S. 41-49, 1998 

„Zeugnisse früherer wirtschaftlicher Tätigkeit am Laufe des Weickersdorfer Wassers“, Zwi¬ 
schen Wesenitz und Löbauer Wasser 4, S. 3-7, 1999 

„Das Jahr 1900 in den Gemeinden Groß- und Kleindrebnitz“, Zwischen Wesenitz und Lö¬ 
bauer Wasser 5, S. 52-58, 2000 

& H.-W. Otto: „Der Hunger im Süden der Stadt Bischofswerda, einst und jetzt“. Zwischen 
Wesenitz und Löbauer Wasser 6, S. 69-80, 2001 

„Zu den Veränderungen der Fischfauna in der ehemaligen Äschenregion der Wesenitz 
(1591-1989)“, Sächsische Heimatblätter 2, Klaus Gumnior Chemnitz, S. 127-133, 2003 
& M. Hüsni: „Regierungsrat Prof. Dr. Bruno Steglich (1857-1929) - ein bedeutender Wissen¬ 
schaftler Sachsens“, Sächsische Heimatblätter 2, Klaus Gumnior Chemnitz, S. 176-180, 2004 
& H.-W. Otto: „Ernst Emil Wustmann (1864-1923). Ein Bischofswerdaer Lehrer erforschte 
die „niedere“ Tier- und Pflanzenwelt von Bischofswerda“, Veröffentlichungen Museum der 
Westlausitz 25, Kamenz, S. 41-50, 2004 

„Zu Biologie und Verhalten ausgewählter Fischarten in den Steinbruch-Restgewässern des 
Klosterberggebietes bei Demitz-Thumitz“, NABU Landesverband Sachsen e.V.: Jahresschrift 
für Feldherpetologie und Ichthyofaunistik in Sachsen, H. 8, S. 100-111, 2006 
„Johannes Weber zum 100. Geburtstag - Ein bedeutender Chronist Bischofswerdas“, Schie¬ 
bocker Landstreicher, Nr. 1, S. 9-10, Burkau 2006 

„Erinnerungen an die historische Verbreitung des Wolfes in der Umgebung von Bischofswer¬ 
da“, Schiebocker Landstreicher, Nr. 1, S. 44-48, Burkau 2006 

„August Leppelt - Ein Wegbereiter naturkundlicher Heimatforschung nach dem 2. Welt¬ 
krieg“, Schiebocker Landstreicher, Nr. 2, S. 43-46, Burkau 2007 

„Seltenes altes Ackergerät aus dem ehemaligen Erbrichtergut Belmsdorf“, Schiebocker Land¬ 
streicher, Nr. 2, S. 55-56, Burkau 2007 

„Zum 75. Geburtstag von Hans-Werner Otto“, Schiebocker Landstreicher, Nr. 3, S. 17-20, 
Burkau 2008 

„Naturerlebnisse auf den Spuren des Dichterförsters Gottfried Unterdörfer“, Schiebocker 
Landstreicher, Nr. 3, S. 73-78, Burkau 2008 (seitens Hrsg. Fehler in Überschrift, Bild, Tabelle) 
& U. Fiedler: „Zwischen Dürerbund und Kulturbund - Aus dem Leben des Dresdner 
Grafikers Kurt Fiedler“, Sächsische Heimatblätter, Jg. 55, 1/09, Klaus Gumnior Chemnitz, S. 
10-18, 2009 

„Zum Salzfuhrwesen in Großdrebnitz in den Lebenserinnerungen von Prof. B. Steglich“, 
Schiebocker Landstreicher, Nr. 4, S. 55-56, Burkau 2009 

„Erfahrungen mit der Waldeidechse (Zootoca vivipara (JACQUIN, 1787)) in einem Garten¬ 
gelände im Süden der Stadt Bischofswerda“, NABU Landesverband Sachsen e.V.: Jahresschrift 
für Feldherpetologie und Ichthyofaunistik in Sachsen, H. 11, S. 11-17, Leipzig 2009 
„Beobachtungen zum Verhalten der Waldeidechsen (Zootoca vivipara (JACQUIN, 1787)) 
in einem Gartengelände und Maßnahmen zu ihrem Schutz“, NABU Landesverband Sachsen 
e.V.: Jahresschrift für Feldherpetologie und Ichthyofaunistik in Sachsen H. 14, S. 24-29, 
Leipzig 2012 


411 



Weitere Quellen 

(sofern nicht in den Artikeln aufgeführt) 


Barthel, Bruno 

Kurt Barthel: „Erlebtes und Gesammeltes von 
Ehregott Bruno Barthel“. Unveröffentlichter 
Privatdruck, Hattersheim, April 1998; 
Gemeinde-Buch Großdrebnitz (28.2.1839- 
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(Kleinröhrsdorf, seit ca. 1983), Prof. Dr. Franz 
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412 



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Manuskript, 1989; Roland Paeßler: „Her¬ 
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Manuskript, 26.3.2001; Bruno Barthel: 
Tagebuch „Erlebtes und Gesammeltes“; Bruno 
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Hesse, Walther 

Wolfgang Hesse: „Walther and Angelina 
Hesse - Early Contributors to Bacteriology“. 


ASM News, 58: 425-428, 1992; Marie-Agnes 
Möbius, Mitteilungen; Peter G. Hesse: „Wal¬ 
ther Hesse“. Neue Deutsche Biographie, Bd. 9, 
Duncker & Humblodt Berlin, S. 22-23; Uni- 
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Textbook; Adressbücher der Stadt Dresden, 
1904, 1931, 1936; Hubertus Averbeck: „Von 
der Kaltwasserkur bis zur physikalischen The¬ 
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„Die Vorfahren der Geschwister Paul, Elisa¬ 
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dem Forschungsstande vom 1. Mai 1939“. In 
Auszügen neu herausgegeben und mit einer 
Einleitung und Ergänzungen versehen von 
Bernhard Pabst, 2. Aufl. Berlin 2008; „Putz¬ 
kau feiert den 300 Jahre alten Kirchturm“. 
Sächsische Zeitung, Bischofswerda und 
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„Die Matrikel der Kreuzschule: Gymnasium 
zum Heiligen Kreuz in Dresden“. Teile 1-3, 

Bd. 17 von Genealogie und Landesgeschichte, 
Verlag Degener, 1967; Bernd John: „Aus der 
Geschichte der Putzkauer Kirche“. In: Wer- 
begemeinschaft Bischofswerda e.V. (Hrsg.), 
Bischofswerda 2009, Blatt März; Pfarrer i.R. 
Friedrich August Lange: „Unser Putzkau“. In: 
Heimatstimmen, 1927; Thomas Schaffhirt, 
Potsdam, Mitteilungen 2011; Ernst Theodor 
Stoeckhardt; „Stammtafel der Familie Stoeck- 
hardt, Putzkauer und Lauterbacher Zweig“. 
Wagner Weimar, 1883 


413 



Abbildungsverzeichnis 


Foto Uwe Fiedler 


Grafik Uwe Fiedler 
Bildarchiv Frank Fiedler 


Kurt Fiedler 

200 Jahre Dresdner Anzeiger 

Academy architecture and architectural review 

Adressbücher der Stadt Dresden 

Archiv für die sächsische Geschichte 

Bibliotheque Nationale de France 

Bildarchiv Forstwirtschaft Tharandt, TU 

Dresden 

Bilder aus dem Sachsenlande 
Christusbote Bischofswerda 
Deichmüller: Isis, 1917 
Deutsche Bauzeitung 
Deutsche Fotothek 
Deutsches Museum München 
Dresdner Salonblatt 
Erika Garbe (t) 

Gemäldekatalog Bautzen 

Gurlitt: Kunstdenkmäler 

Christa Haensel 

Flaifa Historical Society 

Flarvard University Library 

Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel 

History of Medicine 

Gabriele Hollborn 

Informationsdienst Wissenschaft 

Jenaer Literaturzeitung 

Gunter Kretzschmar 

Löwenberger Heimatgrüße 

Mennacher: Adolf Lier und sein Werk 


Seiten 

19, 33, 42, 46, 51, 57, 66 o, 69-70, 76, 90, 
lOOu-104, 106, 116, 120-121, 127, 151, 163, 
166, 170, 173, 176, 178, 186, 189-190, 224r, 
226, 236, 239, 242, 250, 262, 265, 269, 279, 
281-282, 2851, 286-287, 289, 293, 298, 328, 
334, 346 o, 357, 358u, 360, 362, 367, 370 l,ru, 
372-376, 399, 407,409 

114-115, 323, 353; Montage, Vorlagen PD: 22, 
300 

16, 21, 66u, 92, 98 o, 107-113, 123ru, 153, 
194-195,198, 209, 228, 233, 237, 264, 283, 
285r, 292 o, 308, 311 o, 315 l,ro, 324, 343, 
346u-347, 354, 358 o, 359, 361, 363, 370 ro, 
384, 387, 396, 405, 410, 419, 421, 423 
2,404 

202, 272 
10 

401r 
132 
394 o 
232 

294 

288 

150 

122 

60, 63, 146, 180, 192, 200, 225r, 230, 235, 271 

134, 344 

78, 206, 378 

84 

403 

2241,401 1 

15r, 210, 300-301, 311u, 313, 315ru 

27, 37, 40 ru 

23, 28-29 

248, 256 

164, 167 

174 

158 

168 

72 

318 

196 


414 



John Moser 

Metropolitan Museum of Art New York 
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg 
Niederrheinische Musik-Zeitung 
Dr. Rudolf Otto (t) 

Roland Paeßler (+) 

Österreichische Nationalbibliothek Wien 
Sachsens Kirchen-Galerie f. 

Sächsischer Erzähler 
Wilfried Schmid 

Schriften des Verbandes landwirtschaftlicher 

Versuchs-Stationen 

Stadtgeschichtliches Museum Leipzig 

Stadtarchiv Bischofswerda 

Staatliche Museen zu Berlin 

Karin Stöckhardt 

Universitätsbibliothek Trier 

University of Michigan 

Burkhard Unterdörfer 

www.kirchbau.de 

Wikimedia Commons, Flickr (cc-Lizenz) 

Wikimedia Commons/ Wikipedia/ Wikisour- 
ce (gemeinfrei) 


Gemeinfrei aus öffentlichen Quellen (books. 
google.com, archive.org, hathitrust.org) 

zeno.org 


24, 26, 34, 36, 40 o 

402 

154 

149 

128 

93, 222, 337, 351,418 
88, 266 
177,211,251 
260 
325 
208 

138 

218,221 

8 

338 

425 

321 

368 

389 

11-12 o, 31, 41, 53, 87, 100 o, 118, 124, 126, 
231, 296-297, 366, 400r, 407 
12u, 15 1, 20, 39, 48, 54, 56, 62, 96, 98u, 100 o, 
119, 130-131,156, 169, 182, 193, 199, 214, 225 
1, 240, 252, 255, 258-259, 276, 290, 292u, 327, 
330, 356, 380, 384, 386, 392, 394-395, 397, 

400 1,426 

14, 30, 35, 47, 58, 61, 65, 67, 99, 149, 216, 227, 
301, 340, 349, 361, 363, 365, 382, 384, 386, 

390, 398, 401 1 

81, 94, 105, 123 lo, 148, 217, 244, 253, 280, 

299, 365, 382, 388 


Kurzbiografien von Heimatforschern aus Bischofs¬ 
werda und Umgebung 


Gnauck, Max Otto 

* 19.06.1858 in Weickersdorf 
t 03.06.1904 in Leisnig 

Gnauck wurde als zweites von zehn 
Kindern eines Bauerngutsbesitzers 
geboren. Seine Vorfahren bis ein¬ 
schließlich des Großvaters waren über 
vier Generationen Salzfuhrleute in 


Weickersdorf. Über seine Großmutter 
Christiane Caroline Beyer bestand 
ein Ahnenverbund mit der Familie 
von Friedrich Bayer, des Gründers 
der Bayer AG (Wechsel der Namens¬ 
schreibweise 30.8.1849). Gnauck 
besuchte die Volksschule Goldbach, 
die Bürgerschule Bischofswerda, von 


415 



1872 bis 1873 das Annenrealgym- 
nasium in Dresden und bis 1879 das 
Kreuzgymnasium unter Friedrich 
Hultsch. Nach Ableistung der Militär¬ 
pflicht studierte er Geschichte, Geo¬ 
graphie und alte Sprachen von 1881 
bis 1882 in Tübingen und danach in 
Leipzig. 1887 wurde er als Probeleh¬ 
rer am Wettiner Gymnasium in Dres¬ 
den unter dem Rektor Otto Meitzer 
angestellt, wo er bis 1891 Geschichte 
und Geographie unterrichtete. Nach 
einer kurzen Tätigkeit als Vikar an 
der Realschule Plauen ging er 1892 
als Lehrer an die Realschule Leisnig. 
Gnauck war Vorstandsmitglied im 
Geschichts- und Altertumsverein 
Leisnig, dessen Archiv aus seinem 
Nachlass eine wertvolle Sammlung 
alter Landkarten, Chroniken, Porträts 
und Städtebilder als „Gnaucksamm- 
lung“ übernahm. Sein bekanntestes 
Werk war „Odorich von Pordenone, 
ein Orientreisender des 14. Jahrhun¬ 
derts“ (1895). Mit der Königlichen 
Bibliothek in Dresden (vgl. Hermann 
Arthur Lier) stand er langjährig in 
brieflichem Kontakt. 

Leppelt, August 

* 29.10.1919 in Heinzendorf (Hyncice) 
t 26.09.1988 in Bischofswerda 

Leppelts Kindheit war überschattet 
von wirtschaftlichen Schwierigkeiten 
wegen der mehrjährigen Arbeits¬ 
losigkeit des Vaters als Folge der 
Weltwirtschaftskrise und dessen 
frühzeitigem Tod. Der Sohn besuchte 
an seinem Heimatort fünf Jahre die 


Volksschule und danach drei Jahre 
im benachbarten Braunau (Broumov) 
die Bürgerschule. Erst 1936 erhielt er 
eine Lehrstelle in einer Kunstlederfa¬ 
brik, zwei Jahre später erlebte er den 
Einmarsch der Soldaten Hitlers. 1939 
wurde Leppelt selbst eingezogen. 

Im Sommer 1945 kam er aus ameri¬ 
kanischer Kriegsgefangenschaft frei. 
Er hielt sich kurze Zeit in Sohland auf 
und besuchte 1946 in Bautzen einen 
Neulehrerlehrgang. Arbeitsorte waren 
ab 1946 die Lutherschule Bautzen, 
ab 1948 die Grundschule Bischofs¬ 
werda und ab 1949 die Grundschule 
Schmölln. Ab 1949 leitete er eine Ar¬ 
beitsgemeinschaft der Jungen Natur¬ 
forscher, die über einen Zeitraum von 
mehr als 30 Jahren Bestand hatte. Im¬ 
mer neue Teilnehmer pflanzten und 
pflegten Wald- und Obstbäume. Die 
Pappeln am Sportplatz und die Obst¬ 
anlage am Mühlteich in Schmölln 
erinnern daran. Leppelt, der selbst die 
Schmetterlingsfauna erforschte, leitete 
zudem junge Imker oder allgemein 
an Insekten interessierte an. Jährlich 
führte er mit wenigen eingearbei¬ 
teten Helfern gemeinsam für die 
Schulen Schmölln, Rothnaußlitz und 
Demitz-Thumitz in den Sommerferi¬ 
en naturkundliche Spezialistenlager 
durch, meist in Commerau bei Klix. 
Zeitweise nahmen daran auch Schü¬ 
ler und Lehrer aus anderen Schulen 
teil, beispielsweise Frank Fiedler aus 
Bischofswerda. 1958 wurde Leppelt 
als pädagogischer Mitarbeiter an die 
Station Junger Naturforscher und 


416 



Techniker in Bischofswerda versetzt, 
am 1. Januar 1962 übernahm er die 
Leitung der Station. 1970 kehrte er an 
die Schmöllner Schule zurück. 

Nach Ausbildung und Prüfung bei 
Gerhard Creutz in Neschwitz 
begann Leppelt 1960 mit der Vogel¬ 
beringung. Seine Beringungsliste 
weist 262 Einträge auf, darunter 
Gebirgsstelze, Drosselrohrsänger, 
Gartengrasmücke, Gartenrotschwanz, 
Heckenbraunelle, Sumpfmeise, 
Teichrohrsänger, Trauerfliegen- 
schnäpper und ein Kuckuck. In seiner 
Wirkungszeit hatte der Niedergang 
der Fischotterpopulation in fast ganz 
Europa ein bedrohliches Ausmaß 
erreicht. In der DDR stand die Art 
unmittelbar vor dem Aussterben. Im 
Jahr 1969 erhielt Leppelt Kenntnis 
vom Verkehrstod eines Otters bei 
Großharthau. Er erreichte, dass das 
davon gefertigte Standpräparat an das 
Museum in Schmölln kam. Es handel¬ 
te sich um den ersten nachgewiesenen 
Verlust eines Otters in der Umgebung 
von Bischofswerda nach rund 50 
Jahren. Dieser Totfund erregte auch 
dank Gerhard Creutz in der Fach¬ 
welt beträchtliche Aufmerksamkeit 
(irrtümliche Datierung 1971). Einige 
Jahre später konnte Leppelt selbst den 
Fund eines solchen Verkehrsopfers 
sichern. Am 7. August 1985 wurde ein 
männlicher Otter von 106 cm Länge 
und einem Gewicht von 9 kg östlich 
der Ortsverbindungsstraße Bischofs¬ 
werda-Schmölln gefunden. Systemati¬ 
sche Spurensuche durch Frank Fiedler 


brachte den Beweis, dass dort der 
Wechsel von Ottern zwischen dem 
Horkaer Teich (Bischofswerda) und 
dem Silberwasser (Kynitzsch) verlief. 
Dabei handelt es sich um einen der 
seltenen bekannten Landwechsel, 
die große Gewässersysteme über die 
Wasserscheide verbinden: Wesenitz 
(Horkaer Teich) und Schwarze Elster 
(Silberwasser). Im Jahr 1979 erlitt 
Leppelt während des Schulunterrichts 
einen Infarkt und musste invalidisiert 
werden. Soweit es ihm gesundheitlich 
möglich war, unterstützte er trotzdem 
auch weiterhin Schüler-Arbeitsge¬ 
meinschaften. 

Literatur 

Frank Fiedler: „August Leppelt - Ein 
Wegbereiter naturkundlicher Heimat¬ 
forschung nach dem 2. Weltkrieg“. M. 
Hüsni, A. Mikus (Hrsg.), Schiebocker 
Landstreicher, H. 2, Burkau 2007, S. 
43-46 

Paeßler, Roland 

* 28.02.1928 in Belmsdorf 
t 23.01.2016 in Bühlau 

Paeßler stammte aus dem Erbrichter¬ 
und Freigut Belmsdorf. Nach 1945 
war er als Landwirtschaftslehrer und 
selbstständiger Landwirt tätig. Zwi¬ 
schenzeitlich floh er in die Bundesre¬ 
publik. Nach einem Fernstudium an 
der Universität Leipzig von 1959 bis 
1964 bei Kurt Rauhe leitete Paeßler 
genossenschaftliche Landwirtschafts¬ 
betriebe. Von 1970 bis 1990 vertrat 
er die Demokratische Bauernpartei 


417 




Erbrichtergut Belmsdorf. 

Deutschlands als Kreistagsabge¬ 
ordneter. Paeßler war Mitglied der 
Kreisfachgruppe Heimatgeschichte 
/ Ortschronik Bischofswerda und 
1981 Gründungsvorsitzender der 
Gesellschaft für Heimatgeschichte des 
Kreises Bischofswerda. Bei der Erar¬ 
beitung der Sächsischen Verfassung 
von 1992 war sein Rat gefragt. Paeßler 
schuf wichtige heimatkundliche 
Arbeiten zur Geschichte der Ritter¬ 
güter, zur deutschen Ostsiedlung, 
zur sächsischen Schafzucht und zu 
den Freimaurern, mehrere Ortschro¬ 
niken und Beiträge zur Sächsischen 
Biografie, beispielsweise zu Johann 
Gottfried Nake, sowie Ahnenta¬ 
feln, z. B. zu den Familien Steglich 
und Gnauck und zum Ahnenverbund 
lokaler Erbrichterfamilien mit dem 
Philosophen Johann Gottlieb Fichte 
und der Großindustriellenfamilie 
Bayer. Paeßler erhielt für besondere 
Verdienste um den Landkreis Bautzen 
das Ehrenzeichen in Silber. 

Literatur 

Ina Riedel, Frank Fiedler: „Auf den 


Spuren unserer Vorfahren. Der 
Heimatforscher Roland Paeßler feiert 
am 28. Februar seinen 75. Geburts¬ 
tag“. Wochenkurier, Bischofswerda, 
26.02.2003, S. 1 

Frank Fiedler: „Seltenes altes Acker¬ 
gerät aus dem ehemaligen Erbrichter¬ 
gut Belmsdorf“. M. Hüsni, A. Mikus 
(Hrsg.), Schiebocker Landstreicher, 

H. 2, Burkau 2007, S. 55-56 
Roland Paeßler: „Die Erbrichter in 
der Umgebung von Bischofswerda“. 
Mathias Hüsni (Hrsg.), Schiebocker 
Landstreicher, H. 3, Burkau 2008, S. 
8-16, zusammengestellt und bearbei¬ 
tet von Dr. Uwe Fiedler 
Roland Paeßler: „Der Salzhandel und 
das Salzfuhrwesen im ehemals Stol- 
pener Gebiet“. Mathias Hüsni (Hrsg.), 
Schiebocker Landstreicher, H. 4, 
Burkau 2009, S. 52-55 

Familie 

Roland Paeßler war ein Nachfahre 
von Johann Gottfried Nake in der 
5. Generation; 1. Generation: dessen 
Tochter Auguste Wilhelmine Nake, 
verheiratet mit Ernst Traugott von 
Zenker (Rittergutsbesitzer auf Stei- 
nigtwolmsdorf und Ringenhain); 2. 
Generation: Alwine Constanze von 
Zenker, verheiratet mit Carl Bern¬ 
hard Paeßler (Sohn des Bautzener 
Schlossapothekers Eduard Paeßler, 
Verwalter des Familienguts Schmölln, 
Gutsbesitzer in Belmsdorf, Bezirks- 
Friedensrichter, 24 Jahre Mitglied des 
sächsischen Landtags, Mitglied der 
Oberlausitzischen Gesellschaft der 
Wissenschaften, Auszeichnung mit 


418 





dem Albrechtsorden 1. Klasse); 3. 
Generation: Carl Paeßler (Freigutsbe¬ 
sitzer in Belmsdorf); 4. Generation: 
Carl Ernst Paeßler (Gutsbesitzer in 
Belms dorf) 

Sorber, Willy 

* 07.09.1884 in Hohnstein 
t 1954 in Großdrebnitz 

Sorber besuchte das Königliche 
Lehrerseminar in Pirna. Nach einer 
Anstellung als Hilfslehrer wurde er 
1910 Lehrerin Gaußig, 1921 wechsel¬ 
te er nach Neukirch. Die Erfahrungen 
der Inflation prägten ihn nachhaltig. 
In Großdrebnitz engagierte er sich 
ab Oktober 1923 als Schulleiter und 
Kantor für soziale und kulturelle 
Belange. Unter seiner Leitung erhielt 
die Schule eine moderne Wasserver¬ 
sorgung und er leitete den Männer¬ 
chor, später den gemischten Chor, 


mit dem er auch Operetten aufführte. 
Mit Schulkindern wurden Singspiele 
aufgeführt. Sorber war zwar Mitglied 
der NSDAP, ging jedoch zum Regime 
zunehmend auf Distanz. Deshalb 
wurde er 1937 zunächst für ein halbes 
Jahr suspendiert. Schon während 
seiner Zeit als Direktor hatte Sorber 
sich an der Großdrebnitzer Ortsge¬ 
schichtsschreibung beteiligt. Aller¬ 
dings konnte er bei den Nazis nicht 
publizieren. Erste Vorarbeiten für eine 
neue Dorfchronik veröffentlichte der 
mit Sorber verbundene und ebenfalls 
nazikritische Pfarrer Richard Garbe 
1938. Ein Jahr später erhielt Bürger¬ 
meister Otto Heinrich den Auftrag, 
eine Dorfchronik im nationalsozialis¬ 
tischen Sinne nach der Anleitung des 
„Dorfbuches“ anfertigen zu lassen. Er 
führte dieses Vorhaben jedoch nicht 
aus. Heinrich hatte die Verbindungen 
zu den in Ungnade gefallenen Sorber 



Willy Sorber (links) mit Großdrebnitzer Schülern 1927 auf dem Valtenberg. 
Vierte Schülerin von links in der hinteren Reihe ist Luise Gnauck, eine En¬ 
kelin von Ernst Gnauck. 


419 





und Garbe nicht abreißen lassen. 

Es ist zu vermuten, dass der 1939 
im „Sächsischen Erzähler“ anonym 
erschienene Beitrag „Das Drebnitzer 
Schulhaus erzählt“ auf Sorber zurück¬ 
geht. 

Auf Sorbers Strafversetzung nach 
Sacka folgte eine Verkettung tragi¬ 
scher Ereignisse. Erst verlor er seine 
Frau. Als sich von einer Gruppe 
Schüler mehrere Kinder unerlaubt 
entfernten, kam zu einem tödlichen 
Unfall. Ohne dass Sorber unmittelba¬ 
re Schuld trug, war er jedoch verant¬ 
wortlich, ein willkommener Anlass 
für weitere Maßregelungen. Schlie߬ 
lich brannte auch noch die Schule in 
den letzten Kriegstagen aus und er 
verlor sein Hab und Gut. Großdreb¬ 
nitz erinnerte sich seiner und holte 
ihn nach dem Zweiten Weltkrieg 
zurück. Er erhielt auf Vermittlung 
von Pfarrer Richard Garbe eine 
Wohnung in einem Nebengebäude 
der Schule und eine Anstellung als 
Kantor. Hier begann Sorber, an einer 
Chronik des Dorfes zu schreiben. 
Zudem unterstützte er den späteren 
Bischofswerdaer Stadtchronisten 
Johannes Weber, der zu jener Zeit 
als Lehrer in Großdrebnitz das Dorf 
fotografisch dokumentierte. Zur 
Motivation der damaligen Arbeiten 
von Sorber und Garbe verwies Otto 
Heinrich später darauf, dass Bruno 
Barthel die Bauerngüter als Träger 
des dörflichen Lebens nicht behandelt 
hatte. Genau dies wurde zum Haupt¬ 
gegenstand der Arbeiten von Sorber. 


Es entstand eine umfangreiche Über¬ 
sicht über die Geschichte der Erbhöfe 
des Dorfes. Heinrich schrieb seine 
Chronik schließlich erst nach dem 
Tod Sorbers und bedauerte, dass die¬ 
ser sein Werk nicht mehr hatte vollen¬ 
den können, da er dafür viel besser 
geeignet gewesen wäre als Heinrich 
selbst. Sorbers Arbeiten sind durch 
ein Missgeschick in der Familie bis 
auf eine Notizensammlung verloren 
gegangen. Der Wert seines heimatge¬ 
schichtlichen Schaffens misst sich so 
v. a. im Einfluss, den er auf Garbe und 
Heinrich hatte, und schließlich in der 
Wertschätzung des kulturellen Erbes 
von Groß- und Kleindrebnitz. 

Familie 

Sorbers jüngste Tochter, Lieselot¬ 
te Grützner verw. Lenzmann, war 
Mitbesitzerin der Fa. Lenzmann 
im Kleindrebnitzer Vorwerk (siehe 
Johann Gottfried Nake). Unge¬ 
klärt ist, ob ein verwandtschaftlicher 
Zusammenhang bestand zu Oscar 
Sorber, Mitarbeiter der Heilanstalt 
Sonnenstein in Pirna, Mitglied der 
Oberlausitzischen Gesellschaft der 
Wissenschaften und Autor der Bücher 
„Geschichte der Stadt Schandau“ 
(1876) und „Sagenklänge aus dem 
Sachsenlande“ (1894). 

Steudtner, Karl Hermann 

* 23.01.1855 in Neugersdorf 
t 13.12.1940 in Bischofswerda 

Steudtner ging in Leutersdorf und 
in Zittau zur Schule. In Zittau prägte 


420 



Oskar Friedrich nachhaltig das Inter¬ 
esse des Jungen für die Naturwissen¬ 
schaften. Steudtner wohnte zu jener 
Zeit im Hause Karl Gottlob Morawek, 
bei dem der Heimatforscher Johann 
Gottlieb Korschelt, der Bibliothekar 
Carl Anton Tobias, Gymnasialdi¬ 
rektor Heinrich Julius Kümmel und 
der Heimatforscher Alfred Mosch¬ 
kau ein- und ausgingen. Morawek 
weckte nicht nur sein Interesse an 
historischen Fragen, als Landschafts¬ 
gärtner konnte er dem Jungen auch 
viel botanisches Wissen vermitteln. 
Auf Ratschlag eines Lehrers vertiefte 
Steudtner ab 1872 seine botanischen 


Kenntnisse bei dem Naturforscher 
Michael Rostock, seinerzeit Volks¬ 
schullehrer in Dretschen. Mit Rostock 
verband ihn später eine langjährige 
Freundschaft. Nach seiner Lehrer¬ 
ausbildung in Bautzen bekleidete 
Steudtner Dienststellen in Sohland 
(ab 1876) und an der Bürgerschule 
Bischofswerda (ab 1878). In Bischofs¬ 
werda gab er auch Unterricht an der 
Fortbildungsschule. Steudtner lehrte 
Religion, Deutsch, Rechnen, Geo¬ 
graphie, Naturgeschichte und Schön¬ 
schreiben, an der Fortbildungsschule 
auch Zeichnen, wofür er sich 1882 bei 
Adolf Clauson-Kaas weiterbildete. 



Die Schule an der Kirchstraße (im Bild mit dem heutigen Goethepark) ist 
eng mit dem Wirken der ehemaligen Bischofswerdaer Lehrer Hermann 
Steudtner, Johannes Weber, Friedrich Wilhelm Winkler und Frank Fiedler 
verbunden. Max Otto Gnauck, August Leppelt, Roland Paeßler und Johan¬ 
nes Weber gingen hier zu Schule. 


421 


Besonders in Bischofswerda erwarb 
sich Steudtner einen guten Namen 
als Natur- und Heimatforscher. Seine 
detaillierten Aufzeichnungen besitzen 
große Bedeutung für das Erkennen 
von Veränderungen in der Flora und 
Fauna der Oberlausitz. Von Steudt- 
ners Belegen im Oberlausitzherbar 
des Senckenberg Museums für Natur¬ 
kunde Görlitz betreffen etwa die Hälf¬ 
te das Stadtgebiet von Bischofswerda 
und die unmittelbar benachbarten 
Dörfer. Das regelmäßige Sammel¬ 
gebiet reichte aber bis Bautzen mit 
Schwerpunkten am Valtenberg, im 
Wesenitztal, in Gaußig und Göda. Er 
bearbeitete vorrangig Gefäßpflanzen 
und Pilze. 

Neben den pflanzenkundlichen 
Dokumentationen sind auch die 
Arbeiten zur Fisch- und Vogelfauna 
hervorzuheben. In Beiträgen zur 
Fischfauna der Wesenitz beschrieb 
Steudtner deren Verarmung infolge 
der Industrialisierung. Er stellte 15 
Arten fest. Die Arbeiten zur Karpfen- 
teichwirtschaft in Bischofswerda sind 
wertvolle Fiteratur zur ehemaligen 
Bedeutung dieses Wirtschaftszweigs. 
Hervorzuheben sind seine prakti¬ 
schen Hinweise für Karpfenteich- 
wirte. Eine Folge von Beiträgen im 
Jahre 1921 wies Steudtner als soliden 
Kenner und aufmerksamen Beobach¬ 
ter der heimischen Vogelwelt aus. Er 
nannte 102 Arten mit ausführlicher 
Beschreibung des Vorkommens, 
wodurch das Ausmaß der heutigen 
Verarmung der Vogelfauna erkennbar 


wird (z. B. Feldlerche „massenhaft“, 
Nachtschwalbe „regelmäßig“, Wachtel 
„häufig“). Bemerkenswert ist seine 
Beschreibung des seinerzeit gemein¬ 
samen Auftretens von Nebel- und 
Rabenkrähe in und um Bischofswer¬ 
da. Es wird aber auch deutlich, dass 
die Greifvögel an Individuen- sowie 
Artenzahl seither gewonnen haben. 

Steudtner war Mitbegründer des 
örtlichen Fehrervereins, in dessen 
Vorstand er ab 1883 für 24 Jahre mit¬ 
arbeitete, des Bischofswerdaer Obst¬ 
bauvereins und eines Naturheilvereins 
sowie Mitglied des Fandesobstbau¬ 
vereins. Am 10. Juli 1895 gründete 
der Großdrebnitzer Kirchschullehrer 
Bruno Barthel den Bezirksverein 
Bischofswerda des Deutschen Fehrer¬ 
vereins für Naturkunde, den Steudt¬ 
ner viele Jahre leitete. Anlässlich des 
25-jährigen Gründungsjubiläums 
hielt er als Vorsitzender einen vielbe¬ 
achteten Vortrag zu Bakterien. 1899 
gründete Steudtner den Naturwis¬ 
senschaftlichen Verein. Er verfasste 
wichtige Beiträge zur Stadtgeschichte 
von Bischofswerda, darunter eine 
unvollendete Fortschreibung der 
Stadtchronik, und erwarb sich beson¬ 
dere Verdienste um die Bewahrung 
des Andenkens an den Heimatfor¬ 
scher Ernst Emil Wustmann und an 
den Komponisten Johannes Pache, 
dessen Vater, Emil Pache, sein Eeh- 
rerkollege in Bischofswerda gewesen 
war. Als jahrzehntelanges Mitglied 
im Bischofswerdaer Promenadenaus¬ 
schuss beteiligte sich Steudtner an der 


422 



Gestaltung des heutigen Goetheparks 
unter Leitung des Dresdner Gar¬ 
tenkünstlers Max Bertram. Ein Teil 
seines Nachlasses befindet sich im 
Stadtarchiv Bischofswerda. 

Literatur 

Frank Fiedler: „Historische Teichwirt¬ 
schaft im Raum Bischofswerda“. Zwi¬ 
schen Wesenitz und Löbauer Wasser 
3, 1998, S. 41-49 

Frank Fiedler: „Zu den Veränderun¬ 
gen der Fischfauna in der ehemaligen 
Äschenregion der Wesenitz (1591— 
1989)“. Sächsische Heimatblätter 2, 
Verlag Klaus Gumnior Chemnitz, 
2003, S. 127-133 

Weber, Johannes 

* 11.11.1905 in Dresden 
t 02.02.1982 in Bischofswerda 

Weber war der Sohn eines Bahn¬ 
angestellten. Die Familie kam in 
seinem sechsten Lebensjahr nach 
Bischofswerda, als der Vater hierher 
versetzt wurde. Der Sohn besuchte 
die Volksschule und anschließend das 
Lehrerseminar. Nach einer elfjährigen 
Tätigkeit an der Dorfschule in Rackel 
bei Bautzen kehrte er als Lehrer an 
die Schule in Bischofswerda zurück. 
Weitere Stationen seines Berufslebens 
waren Großdrebnitz und bis zum 
Erreichen des Rentenalters 1970 die 
Sonderschule Bischofswerda. Beson¬ 
dere Beachtung in seinem heimat- 
geschichtlichen Schaffen verdient 
die maschinengeschriebene Chronik 
„Aus der Geschichte meiner Heimat“ 



An der Schule in Großdrebnitz 
(links von der Kirche) lehrten Bru¬ 
no Barthel, Willy Sorber, Johan¬ 
nes Weber und Frank Fiedler. 

mit dem Schwerpunkt Bischofswerda. 
Ab 1970 verfasste Johannes Weber auf 
der Grundlage seiner reichhaltigen 
Materialsammlung das vierbändi¬ 
ge Werk in dreifacher Ausführung. 
Umfang und Gehalt der Arbeit stellen 
ihn in eine Reihe mit den bekannten 
Chronisten der Stadt Bischofswerda, 
wie beispielsweise Karl Wilhelm 
Mittag. Neben lokalhistorischen 
Themen schrieb Weber auch Beiträge 
zur Regionalgeschichte (z. B. „Die 
Oberlausitzer Grenzurkunde von 
1241“, „Zur 4. Deutschen Kunstaus¬ 
stellung in Dresden“, „Die Schifffahrt 
auf der Elbe“). Er war Redaktions¬ 
mitglied und regelmäßiger Autor 
der von 1956 bis 1962 erschienenen 
heimatgeschichtlichen Monatsschrift 
„Der Spiegel - das kulturelle Leben 
im Kreis Bischofswerda“. Weber war 
vielseitig interessiert und begabt. Er 
erstellte umfangreiche Fotodokumen¬ 
tationen als Diareihen, beispielsweise 
zu Bischofswerda mit einer speziellen 


423 


Reihe zum Napoleonstein, Gei߬ 
mannsdorf, Rammenau, Großdreb¬ 
nitz und zum Klosterberg, schrieb 
Gedichte, löste gern mathematische 
Probleme, spielte Klavier und kom¬ 
ponierte zur eigenen Freude. Auf 
Initiative von Frank Fiedler wurden 
mehrere seiner Arbeiten im „Schiebo¬ 
cker Landstreicher“ gedruckt. 

Literatur 

Frank Fiedler: „Johannes Weber zum 
100. Geburtstag - Ein bedeutender 
Chronist Bischofswerdas“. M. Hüsni, 
A. Mikus (Hrsg.), Schiebocker Land¬ 
streicher, H. 1, Burkau 2006, S. 9-10 

Winkler, Friedrich Wilhelm 

* 24.01.1863 in Jahnshorn 
t 21.03.1918 in Bischofswerda 

Winkler war der Sohn eines einfachen 
Bauern. Er gehörte neben Bruno 
Barthel und Hermann Steudtner 
zu jenen Lehrern im Bischofswerdaer 
Land, die sich um 1900 um die hei- 
mat- und naturkundliche Forschung 
besonders verdient gemacht haben. 
Seine bekanntesten Arbeiten sind in 
dem Lesebuch „Unsere Heimat - die 
Lausitz“ zu finden. „Ein Schreckens¬ 
tag für Bischofswerda“, der sich auf 
das Wüten einer kroatischen Heer¬ 
schar am 7. Oktober 1631 bezieht, 
wurde am 576. Oktober 1991 in der 
Sächsischen Zeitung nachgedruckt. 
Weitere Schriften betrafen den 
Stadtbrand von 1813, die „Lage und 
Gründung der Stadt Bischofswerda“, 
die Botanik und eine Beschreibung 


betrieblicher Arbeitsgänge in der 
Tuchfabrik Großmann-Herrmann. 

In vielen Arbeiten thematisierte er 
das Leiden der einfachen Menschen 
im Krieg. Beispielsweise beschrieb er 
die Carlowitz’sche Fehde im Zusam¬ 
menhang mit dem Testament des 
Bischofs Nicolaus II. von Meißen, in 
dessen Folge das Amt Stolpen 1559 in 
den Besitz des Kurfürsten August von 
Sachsen gelangte und das damit die 
Reformation übernahm. Darüber hin¬ 
aus sind mehrere Arbeiten Winklers 
im „Gebirgsfreund“ in Zittau erschie¬ 
nen. In Bischofswerda arbeitete er im 
Naturwissenschaftlichen Verein und 
im hiesigen Bezirksverein des Deut¬ 
schen Lehrervereins für Naturkunde 
mit. Winklers Heimatverständnis 
wird deutlich in dem Zitat: „Doch 
ob reich oder arm an Schönheit oder 
Fruchtbarkeit deine Heimat sei, habe 
sie heb und halte sie wert. Sie ist ein 
Heiligtum mit dem großen Zeltdach 
des Himmels darüber und das Stück¬ 
chen Erde, das deine Eltern und dich 
trägt und ernährt.“ 

Literatur 

Frank Fiedler: „Unvergessen - dank 
seiner Beiträge in einem heimatkund¬ 
lichen Lesebuch. Dem Bischofswer- 
daer Oberlehrer Wilhelm Wink¬ 
ler zum Gedenken“. Sächsische 
Zeitung, Ausgabe Bischofswerda, 
9710.01.1993, S. 11 
Uwe Fiedler: „Winkler, Friedrich, 
Wilhelm“. Mathias Hüsni (Hrsg.), 
Schiebocker Landstreicher, H. 3, Bur¬ 
kau 2008, S. 145-146 


424 



Die Oberlausitzer Familie Baumeister 


Pädagogen, Theologen, Juristen, Mediziner und Militärs in Görlitz, Bautzen, 
Bischofswerda, Breslau, Glogau, Barby, Bunzlau, Dresden, Herrnhut, Hirsch¬ 
berg, Kleinwelka, Niesky, Reibersdorf, Taubenheim, Uhyst und Zittau 


(1) Die Oberlausitzer Familie Bau¬ 
meister wurde durch den am 17. Juli 
1709 in Körner im Fürstentum Gotha 
als Sohn eines Pfarrers geborenen 
Friedrich Christian Baumeister 
begründet. Er besuchte von 1722 bis 
1727 das Gymnasium in Gotha. Seine 
Studien der Philologie, Philosophie 
und Theologie in Jena sowie ab 1729 
in Wittenberg schloss er 1730 mit ei¬ 



ner Magisterarbeit in der Philosophie 
ab. Anschließend lehrte er in Witten¬ 
berg Philosophie sowie Latein und 
Hebräisch. 1734 wurde er hier zum 
Adjunkt der philosophischen Fakultät 
berufen. 1736 heiratete er eine Toch¬ 
ter des Wittenberger Theologiepro¬ 
fessors Haserung. Sie hatten 10 Söhne 
(5 früh verstorben) und eine Tochter 
(Johanne Friederike Wilhelmine, 
20.8.1744-2.8.1803, verh. mit Gottlieb 
Jeremias Behrnauer, Amtssekretär). 

1736 übernahm Friedrich Chris¬ 
tian Baumeister das Rektorenamt 
des Gymnasiums in Görlitz („Au- 
gustum“). Er wirkte hier fast 50 Jahre. 
1738 war er Mitbegründer der Bei- 
träger-Bibliothek. Zu seinen Schülern 
gehörten Christian Adolph Klotz 
sowie Vorfahren von Ernst Giese. 
Mit seinen philosophischen Schriften 
hat er sich um die Verbreitung der 
Ideen der Aufklärung, insbesondere 
von Christian Wolff, große Verdienste 
erworben. Viele der Werke wurden 
bei Siegmund Ehrenfried Richter 
gedruckt. 1758 logierte Friedrich der 
Große nach der Schlacht von Hoch- 
kirch im Gartenhaus Baumeisters in 
der Heilig-Grab-Straße 20 (27.-30.10., 
16./17.11.). Er starb am 8. Oktober 
1785 in Görlitz. 


425 






































Bischofswerda im 18. Jahrhundert: Vor der Kirche (A) befand sich die 
Superintendentur (N). Hier wirkten der Vater von Christian Adolph 
Klotz und Gottlob Ernst Ottomar Baumeister. 


(2.1) Christian Friedrich Baumeister 

(12.6.1737-30.9.1798) besuchte das 
Görlitzer Gymnasium seines Vaters. 
Das Studium seit 1756 an der Uni¬ 
versität Leipzig schloss er 1760 als 
Dr. med. mit der Arbeit „de therapia 
perjucunda“ bei Anton Wilhelm Plaz 
ab. 1772 wurde er Landesphysikus 
für Görlitz, Zittau und Lauban. Er 
redigierte medizinische Beiträge für 
die Lausizische Monatsschrift und 
war Mitglied der Oberlausitzischen 
Gesellschaft der Wissenschaften. 

Seit 1770 war er verheiratet mit der 
Arzttochter Christiane Friederike 
geb. Geißler. Sie hatten fünf Kin¬ 
der: Ottomar (12.2.1771-8.8.1773), 
Christiane Friederike (* 29.1.1774, 
verh. mit Hanns Salomo Friedrich 
Lingke, Oberamtsadvokat in Gör¬ 
litz), Friedrich Ottomar (* 29.7.1776, 


Standartenjunker im kursächsischen 
Kürassierregiment, von Kaiser Franz 
II. 1792 in den Adelsstand erhoben), 
Karl Friedrich (* 26.4.1778), Ernst 
Friedrich (* 26.8.1785). 

(2.2) Gottlob Ernst Ottomar Bau¬ 
meister (* 12.1.1739 Görlitz, t 
11.5.1797 Bischofswerda) besuchte 
das Görlitzer Gymnasium seines 
Vaters und studierte ab 1758 Theo¬ 
logie und Philologie an der Univer¬ 
sität Leipzig, u. a. bei Johann August 
Ernesti. 1762 wurde er Hofmeister in 
Eisleben, 1767/1768 kam er als Sekre¬ 
tär von Superintendent Johann Georg 
Klotz nach Bischofswerda. 1769 wur¬ 
de er hier Diakon, 1777 Archidiakon, 
1788 Pfarrer und Superintendent. Er 
war verheiratet mit Rahel Christiane 
geb. Hofmann. 


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(2.3) Karl August Baumeister (* 

21.8.1741 Görlitz, t 8.8.1818 Herrn¬ 
hut) besuchte das Görlitzer Gymna¬ 
sium seines Vaters und studierte ab 
1761 in Wittenberg und ab 1763 in 
Leipzig Theologie. Ab 1764 war er 
Hauslehrer in Königsberg bei einer 
mit der Brüdergemeine verbundenen 
Familie. 1769 kam er nach Görlitz 
zurück, wo er am Gymnasium unter¬ 
richtete. 1774 wurde er Hilfsprediger 
in Taubenheim, 1779 Schlossprediger 
und Lehrer sowie 1782 Inspektor im 
Seminar der Brüdergemeine in Barby, 
1789 Prediger in Niesky und 1792 
Prediger in der Brüdergemeine Klein- 
welka. Seit 1779 war er mit Johanne 
Elisabeth geb. Claviere (* 13.2.1744 
Genf, f 9.11.1801 Kleinwelka) ver¬ 
heiratet. Sie hatten drei Töchter. 1797 
wurde er zum Direktor des Pädago¬ 
giums in Uhyst berufen. 1801 ging 
er als Prediger nach Herrnhut, 1814 
wurde er dort Bischof. 

(2.4) Samuel Gottfried Baumeister 

(* 12.9.1750 Görlitz) besuchte das 
Görlitzer Gymnasium seines Vaters 
und studierte ab 1770 in Leipzig 
Jura. Ab 1774 war er Amtsassessor 
in Reibersdorf. 1777 promovierte er 
in Erfurt zum Doktor beider Rechte 
(weltlich und kanonisch, Doctor iuris 
utriusque). Ebenfalls 1777 wurde er 
zum Amtsdirektor in Reibersdorf er¬ 
nannt. 1796 legte er sein Amt nieder 
und praktizierte in Zittau. 

(3.2.1) Friedrich Wilhelm Ottomar 
Baumeister (* 1774 Bischofswerda, 


t 24.01.1828 Glogau) besuchte das 
Gymnasium Görlitz. 1794 promovier¬ 
te er an der Universität Leipzig bei 
Christian Gottlob Biener. Im April 
1796 wurde er als Advokat in Görlitz 
zugelassen und im Dezember dessel¬ 
ben Jahres als Aktuar am kurfürstli¬ 
chen Amt in Görlitz angestellt. Am 
25. März 1799 heiratete er in Bautzen 
Antonie Juliane geb. Petschke (t nach 
1802), eine Tochter des Oberamts¬ 
kanzlers Karl Ehrenreich Petschke. 

In zweiter Ehe war er mit Charlotte 
Gottliebe geb. Petschke (t 1849) 
verheiratet. Seit 1804 war er Mitglied 
der Oberlausitzischen Gesellschaft 
der Wissenschaften. 1807 diente er als 
Amt-Vize-Sekretarius unter Amts¬ 
hauptmann Ernst August Rudolph 
von Kyaw. 1808/1810 war er Sekretär 
der OLGdW, 1813 Sekretär im Amt 
Görlitz. 1815 kam Görlitz von Sach¬ 
sen zu Preußen. Bei seinem Wechsel 
1817 als Oberlandesgerichtsrat nach 
Glogau schenkte er dem Görlitzer 
Gymnasium 2000 in der Oberlausitz 
gesammelte und nach Linnes System 
geordnete Pflanzen sowie 300 Mine¬ 
ralien. Seinem Sohn Georg Ottomar, 
später ein bekannter Klaviervirtuose, 
erteilte er den ersten Musikunterricht. 
Jener folgte ihm wie ein weiterer Sohn 
an das Oberlandesgericht Glogau. 

(3.2.2) Ernst Ferdinand Baumeis¬ 
ter (* 5.4.1779 Bischofswerda, t 
28.6.1849 Dresden) besuchte die 
Gymnasien Görlitz und Bautzen 
und studierte Jura an der Universität 
Leipzig, wo er als Sekretär der Lau- 


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sitzer Predigergesellschaft wirkte. Ab 
1801 war er Advokat, 1802 Aktuar am 
Stadtgericht und 1808 Stadtschreiber 
in Görlitz, wo er auch der Freimau¬ 
rer-Loge „Zur gekrönten Schlange“ 
angehörte, 1810 Sekretär am Ober¬ 
amt der Oberlausitz in Bautzen, 1812 
Vize-Kanzler und 1821 Oberamtsre¬ 
gierungsrat in Bautzen. 1818 nahm 
er an der Weihe der von Gottlob 
Friedrich Thormeyer errichteten 
Kirche in Bischofswerda teil. 1830 
wurde er zum Hof- und Justizrat in 
Dresden und 1831 zum Geheimen 
Justizrat am sächsischen Justizmi¬ 
nisterium unter Julius Traugott von 
Könneritz ernannt. 1838 erhielt er 
den sächsischen Civilverdienstorden. 
Er war seit 1804 verheiratet mit einer 
Tochter von Stadtrichter Christian 
Matthäus Friedrich Giese, einer Tante 
von Ernst Giese. Ihre Tochter Marie 
heiratete Major von Gößnitz. 

(4.2.1.1) Georg Ottomar Baumeister 

(* 27.10.1800 Görlitz, f nach 1872 
Breslau) besuchte unter Carl Gottlieb 
Anton das Gymnasium Görlitz. In 
Görlitz erhielt er von seinem Vater 
auch den ersten Musikunterricht. 
Johann Gottlob Schneider un¬ 
terrichtete ihn ebenfalls. 1815 kam 
Görlitz von Sachsen zu Preußen. 
Während des Jura-Studiums in Bres¬ 
lau ab 1818 freundete er sich mit Carl 
Schnabel an und beteiligte sich an 
dessen Winterkonzerten. 1821 wurde 
er in Berlin Mitglied der Singaka¬ 
demie von Carl Friedrich Zelter. Er 
publizierte eigene Kompositionen bei 


C. G. Förster in Breslau. 1826 erhielt 
er eine Anstellung als Oberlandesge¬ 
richtsassessor in Glogau, 1829 wurde 
er Direktor des Land- und Stadtge¬ 
richts Hirschberg, 1832 Oberlan¬ 
desgerichtsrat in Breslau und 1846 
Mitglied des Oberzensurgerichts. 
Zusammen mit Christian Friedrich 
Koch gab er das „Schlesische Archiv 
für die praktische Rechtswissenschaft“ 
heraus. 1872 trat er als Wirklicher 
Geheimer Oberjustizrat in Breslau in 
den Ruhestand. Sein Sohn Ottomar 
studierte an der Landwirtschaftlichen 
Akademie Proskau. 

(4.2.1.2) Gustav Maximilian Bau¬ 
meister (* 17.1.1802 Görlitz, f nach 
1852) besuchte unter Carl Gottlieb 
Anton das Gymnasium Görlitz, 
war Oberlandesgerichtsreferendar 
in Glogau, 1827 Stadtgerichtsasses¬ 
sor in Bunzlau, 1830 Assessor und 
Aktuar am Inquisitoriat Görlitz und 
damit zuständig für Görlitz, Lauban, 
Rothenburg, 1834 (bis 1840) Mitglied 
der Oberlausitzischen Gesellschaft 
der Wissenschaften (Abteilungen 
Rechtswissenschaften, Geschichte), 
1835 Kriminalrichter, 1836 Inquisito- 
riatsdirektor, 1837 Land- und Stadt¬ 
gerichtsrat in Görlitz, 1840 Kriminal¬ 
richter am Inquisitoriat Breslau. 

(4.2.1.3) Paul Friedrich Hugo Fer¬ 
dinand von Baumeister (* 4.7.1821 
Glogau, t 24.7.1887 Bad Reinerz) war 
Major und wurde nach dem Krieg 
1870/1871 in den erblichen preußi¬ 
schen Adelsstand erhoben. 


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